Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

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Alle Personen und Begebenheiten sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Vorgängen verdanken sich ausschließlich der geschichtlichen Erfahrung.

Ulrike Gramann

1. Auflage April 2014

© 2014 Marta Press Verlag Jana Reich, Hamburg, Germany

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unter Verwendung einer © Collage von Else Gold, www.elsegold.de

Grafik & Satz: Marta Press Verlag Jana Reich

Printed in Germany.

ISBN 978-3-944442-05-1

Books on Demand

Das Verlagsprogramm von MARTA PRESS (gegr. 2012) umfasst

  1. – in der Reihe »Substanz« Master- und Diplomarbeiten sowie Dissertationen zu Frauen-/Männer-/Geschlechterforschung, Gender und Queer Studies, Geschichte, Kultur- und Literaturwissenschaften, Wissenschaftsgeschichte;
  2. – Sachbücher zu queer-/feministischer Gesellschaftskritik;
  3. – Literatur zu/über (Sub)Kulturen, Kunst & Fashion;
  4. – Fachliteratur sowie künstlerische Auseinandersetzungen zu psychischer, physischer und sexualisierter Gewalt und deren Traumatisierungsfolgen;
  5. – Literatur zu Holocaust/ Shoah/ Nationalsozialismus/ Emigration;
  6. – belletristische, biografischer und Sachliteratur zu psychischen Erkrankungen;
  7. – biografische Literatur (Reihe »Nahaufnahmen«);
  8. – belletristische Literatur (Reihe »Bellevue«)

Der Verlag ist interessiert an Manuskripten

von neuen oder erfahrenen AutorInnen.

Desweiteren fördert MARTA PRESS Vertreter/innen

von ART BRUT / OUTSIDER ART.

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Erregungen

1

Diesen Sommer verbrachte ich im Kornapfelbaum. Licht stach in die im Winter ausgelichtete Krone, die Haut verbrannte selbst im Halbschatten. Zu viele Nachmittage, an denen ich das Buch an die besten Schauerplätze mitgenommen hatte, auf den Dachboden und hinter den Friedhof, wo der Blick zu grauen Triften ging, hatten Grimms Märchen den Rücken gebrochen. Die Finger umklammerten die an den Rändern mürben Buchseiten, Schweißtropfen glitten von den Achseln unter das Hemd. Ich atmete den Geruch des Sandbodens und atmete vereinzelte Vogelschreie und atmete das Kreischen der Sägen in der Leitermacherei. Die Kinder im Märchen wollten Äpfel aus der Truhe mit dem verschlossenen Deckel. Ich langte nach einem Kornapfel und schwankte rückwärts und schob den Hintern raus und fing mich auf dem rauen Ast und schürfte mir die Beine auf und balancierte das Buch und biss in den Apfel. Wie die Kerne, noch weiß, in ihren fingernagelhellen Kammern lagen! Ich kannte keinen Machandelbaum und konnte kein Platt. Die Grimmbrüder erzählten von der Mutter, die den Jungen geschlachtet, und dem Vater, der ihn gegessen hatte. Die Mutter berechnete, dass die Schwester des Kleinen den Hergang nicht begreifen und also glauben würde, sie hätte ihm mit bloßer Hand den Kopf abgeschlagen. Schwankende Identifikationen, bis ich fand: nicht das Mädchen sein, sondern Kywitt „wat vör’n schöön Vagel bün ik“. Kywitt sang nach Plan, flog drei Stationen durchs Dorf, sang, bis der Goldschmied ihm eine Kette schenkte, der Schuster rote Schuhe und zwanzig Müllerburschen einen Mühlstein. Kywitt nahm Stein, Schuhe, Kette, flog zurück zum Machandel. Die Stunde schlug, Kywitt schöner Vogel warf den Mühlstein, erschlug die Mutter, „do wöör ehr so licht un so frölich“, dem Mädchen nämlich und mir. Alles wird gut. So ein Vogel war das.

Der Kornapfel fällt und bleibt unterm Baum, hinter der Werkstatt steht das Fahrrad, ich klemme das Buch auf den Gepäckträger, in schwebender Aufregung fort zur Helsigquelle, ein guter Schauerplatz, ich werde wieder lesen, im Vorwissen der herrlichen Wiederherstellung der Welt. Das Rad fliegt, rutscht über Wurzeln, ich könnte Kopf voran über den Lenker schießen, beim Bremsen, ich bremse nicht, die Kiefern gehen über in Gestrüpp, an der Quelle schwarze Erlen.

Die Helsigquelle war besetzt, jetzt, im Sommer. Alle waren im Freibad, nur ich hatte mir ein Stück vom großen Zehnagel gerissen, als ich ungeschickt vom Beckenrand sprang, ich hier, alle im Bad, nicht ganz, hier war auch Brigitte, Brigitte mit dunkelblonden Haaren, die auf Ohrhöhe steif abstanden, mit viereckigen Fingerkuppen und Nägeln, unter denen Schwarzes klebte, weil sie nachmittags in der Gärtnerei half.

„Ich habe einen Ohrring verloren“, sagte Brigitte, „als ich gestern mit Dieter Meißner hier war.“

„Peter, meinst du.“

„Peter ist ein Kind“, Brigittes Blick auf Grimm, „du liest ja selber noch Märchen.“

Dieter Meißner ging nicht mehr an Orte, wo Kinder spielten. „Was habt ihr denn gemacht?“

„Was schon.“

„Zeig den andern.“

Sie drehte den Kopf, der Ohrring hatte einen Stein, „Aquamarin“, sagte sie. Ich nahm, wie Brigitte, einen Ast, wir wühlten im Mulm unter der Bank.

„Bist du sicher, dass du ihn hier verloren hast?“

Sie hatte es erst zu Hause gemerkt, im Wald war es zu dunkel gewesen, es war auch jetzt dämmrig, blaues Blinken, wir griffen gleichzeitig danach, ich nahm den Ohrring, reichte ihn weiter. Brigitte hielt ihn unter das Stück Rohr, aus dem das Quellwasser kam und fädelte ihn dann in das freie Ohr. Ich setzte mich, zog die Beine hoch und sah zu.

„Was du für zerkratzte Beine hast“, sagte Brigitte, „hast du überhaupt schon einmal geküsst?“

Ich bearbeitete manchmal meinen Handrücken mit der Zunge, um zu spüren, wie es sich beim Küssen anfühlte, flach und fleischig, wofür nahm man beim Küssen die Zunge?

Ich schüttelte den Kopf. Sie sagte: „Ich zeige es dir“. Sie war neben mir, ihr Mund öffnete sich, ihre Zunge öffnete meinen Mund und wickelte sich um meine Zunge, ich wickelte in Gegenrichtung. Brigitte lehnte sich an mein aufgestütztes Bein. Der Kuss radikalisierte sich eine Handbreit unter dem Nabel, unteninnen, elektrische Energie zog langsam von unteninnen gegen das Brustbein, bis ich ganz satt davon war, Ströme stiegen ins Gehirn und verschmorten ihre Bahn, langsam langsam. Ich ließ das Bein sinken, Brigitte rutschte in meine Richtung, sie hatte eine federnde Vorderseite, wir stießen mit den Zähnen aneinander, es tat weh.

Brigitte sagte: „Du kannst es schon.“

Warum das denn?, dachte ich.

2

„Bedecke deinen Himmel, Zeus.“ Ein Theaterwissenschaftler musste Goethe ja ernstnehmen.

Ich war im Frühsommer nach Weimar gefahren, um alles Geld, das ich in den Winterferien verdient hatte, für Schuhe auszugeben. Sie waren rostorange und hatten hohe Absätze, es waren genau die richtigen Schuhe, nicht ich würde sie, sie würden mich tragen, aus dem Dorf hinaus, sehr bald, praktisch sofort nach dem Abitur. Vorher würde ich eine letzte Ohrfeige empfangen, wahrscheinlich morgen, ich würde heute nicht nach Hause fahren, sondern morgen früh oder Mittag oder sogar übermorgen, was alles einen Tag verschieben würde. Ich stand vor dem Schuhgeschäft, wählte einen Passanten und dachte: Sprich mich an! Beim zweiten funktionierte es, er gefiel mir sogar besser als der erste. Er fragte nicht zuerst, ob ich mit ihm Kaffee trinken wollte, er fragte, ob ich ihm die Schuhe zeigen würde, was mir normal vorkam angesichts dieser Schuhe. Ich war Herrin der Lage. Ich stellte den Karton auf eine Bank und vertauschte eine Sandale mit einem Schuh, er wollte auch den anderen sehen, er schlug vor, ich sollte sie anbehalten. Aber dieser Schritt war jetzt nicht dran. Im Schlosscafé dann hing ein Ausstellungsplakat, darauf Sibylle von Cleve als Braut, er erklärte das, bevor er Kaffee und Rotwein bestellte. Sie war vierzehn. Ich würde mehr Bilder anschauen, später, aber immerhin, ich hatte etwas gelesen. Er hatte ein Notizbuch mit eingerissenem Umschlag in der Jackentasche, als er einen Moment darin blätterte, sah ich seine ausgeschriebene Handschrift. Ja, ich hatte Zeit, und nein, mich erwartete niemand. (Vielleicht fragte er noch, ob ich volljährig war. Ich war volljährig, er fragte nicht.) An der Wohnungstür stand der Name, Michael Denzler.

„Dem Knaben gleich, der Disteln köpft“, in Thüringen wurde ja laufend Goethe zitiert, ich konnte das auswendig, Michael Denzler nicht, oder er tat als ob nicht. Er wusste, wie man ein Buch mit der Hand auf Hüfthöhe geöffnet hielt und in dieser Pose las. Er schlug mit der freien Hand die Disteln in der Luft ab und zog im gleichen Schwung eine Hüfte an seine, meine. Im Zimmer standen zwei Betten, einfach so hingestellt, ein doppeltes, ein einzelnes, meine Aufmerksamkeit setzte aus, seine nicht. Aber ich wollte ja sowieso in das Bett, das einzelne, es hatte einladender ausgesehen, wer weiß, mit wem er im anderen lag, sonst. Der Film bekam wieder Bild, als Michael Denzler schon meine Beine nach hinten klappte, auf die Schultern, meine, seine, und die Hand, seine, glitt über die glatte, einen Spalt breit geöffnete Tür zu meinem Unteninnen. Ich war noch jedes Mal überrascht, dass jemand das wollte, die Überraschung stand mir bis an den Hals. Als wir fickten, sah ich herum, sah ich die karierte Gardine rechts vom Bett, ich löste meine Hand von seinem Rücken und erreichte die Gardine und hob sie ab.

Das Fenster stand offen, Wärme fauchte herein, jenseits das Nachbarhaus, zwei Meter entfernt der Zufall, ein Fenster in der Brandmauer, im Fenster erschien das Gesicht einer Frau und blieb stehen und sah mich an, ich sagte: „Komm!“

Michael Denzler fragte: „Jetzt schon?“

Und ich verstand jetzt, dass Kommen nicht bedeutete, näher zu kommen, und mein Körper reagierte auf etwas von vorhin, auf ihn oder sein Bild, wie er Goethe zitierte, oder auf seinen Blick, denn er hob sich von mir ab und schaute in die körperliche Tiefe unserer Verbindung, wo seine Lust entstand und davon anwuchs, dass er sie ansah, die Verbindung. Es überraschte mich, aber begeisterte mich nicht, ich hatte auf mehr Hitze gehofft und warf meine Phantasie nun auf Gesicht und Auge der Frau gegenüber und löste mich von mir und sah, was sie sehen musste, seinen Rücken, Beine, Füße, die in die Matratze gestemmt waren, seinen gesenkten Kopf, sein Stieren auf die Mitte. Seitlich unter seinem Rumpf sah sie, sah ich jetzt eine meiner Brüste, oberhalb seiner Schulter mein Hals und Gesicht, Blick auf! seitlich oben. Sie kniff ein Auge zusammen, das war das Zeichen, ich ließ die Gardine los, die sank, der Stoff bauschte sich in vollkommenem Bogen. Innen war alles rund und pulsierte.

Michael Denzler fragte: „Ist dir klar, dass da drüben ein Fenster ist?“

„Ja“, sagte ich, „und darin ist nicht Goethe“.

3

In diesem Frühling blieb der Regen aus.

Das kannte ich doch. In diesem Frühling blieb der Regen aus.

Die Melodie kannte ich. „In diesem Sommer blieb der Honig aus.“ Es war kein Frühling mehr, mich weckte nicht die Amsel, mich weckten die Spatzen. Jemand hatte gesagt, Sperlinge wären bedroht. In meiner Straße nicht. Das sachte Grau meines Zimmers wurde heller, Schlaf löste sich in Halbschlaf, löste sich auf. In diesem Frühling, das hieß Sommer, das war von Ingeborg Bachmann, hieß: blieb der Honig aus. Ich war krank gewesen, die Morgen hatten bitter geschmeckt auf der Zunge, heute schmeckte ich wieder Honig, wenn ich Honig dachte, heute dachte ich wieder. Mein Geschlecht war wieder ein Sperling, „unser volksthümlicher vogel, der gegenüber menschlicher siedelung die gröszte anhänglichkeit zeigt“, ich liebte die Sperlinge und das Wörterbuch der Brüder Grimm, das ich jederzeit auf den Bildschirm rief. Ich schwankte nicht mehr, als ich aufstand, ich zog die Jalousie hoch und sah durchs offne Fenster, ich ließ die Jalousie wieder runter, gleich würde ich duschen, das Bett abziehen, Kaffee kochen, es fiel mir ein, dass Sonnabend war, der fade Krankheitsgeruch war verschwunden, ich zog das T-Shirt über den Kopf, nahm die Wasserflasche, die vor dem Bett stand und trank in großen Schlucken, ich fühlte das Wasser rinnen, stellte die Flasche wieder hin, drehte mich und riss das Tuch vom Spiegel, sah meinem Bauch beim Atmen zu. Begehren brauchte kein Ziel, als meine Füße die Wände hoch gingen, quer lag ich, mit dem Rücken auf dem Bett, wär eine andre Hand gewesen, sie hätte meine Brust gefasst, die rechte, doch so ging es auch, ich schob die Linke unterm Hintern durch, legte die Rechte über das Geschlecht, fand mich in der Mitte, zog ein Bein an die Brust, so ging es jederzeit. Nach meinem 30. Geburtstag waren die Muskeln jedes Jahr fester geworden, fließender die Bilder, springender der Atem.

Gleich drauf stand ich auf, nahm das Laken um und ging, Jalousie und Fenster nun richtig zu öffnen. Ein Spatz aus meinem Bauch flog aufs Dach gegenüber.

Orbis pictus

Noch einmal: erzählen.

Wie ich auf dem Bahnhof in H. ankam.

Wie die halbvolle Reisetasche gegen meine Waden schlug.

Wie die Schalterhalle verschlossen war, in der ich einmal meinen letzten Zehnmarkschein verlor, und ein Mann in der Schlange hob ihn auf und behauptete vor allen Leuten, es wäre sein Geld.

Wie die Kastanienblätter auf die Straße wehten, sie vermischten sich mit dem allgegenwärtigen Sand, es gab Sandboden hier, es war Sonnabendmittag, kein Mensch auf der Straße.

Wie ich die gewesene Zahnarztvilla fand, ein Hotel jetzt mit Kirschbaummöbeln und gemusterten Sesseln. Sie behandelten mich wie jeden; ich hatte das thüringische Singen verloren, und meine Adresse war eine Großstadt im Westen.

Und wie ich die Hauptstraße hinunterging. Und das Eingangstor zum Werk war geschlossen, das früher immer offen gestanden hatte, und schon am zweiten Tag hatte der Pförtner damals abgewinkt, wenn wir Schülerinnen unsere Ausweise zeigten, als wir Arbeit spielten, Leistungslohn, Schmutzzulage; nach dem Ende der Ferien verglichen wir die Beträge, und ich wies drei grindüberzogene Narben auf dem Arm vor, weil ich an einem Brennofen gearbeitet hatte.

Und wie ich jetzt auf dem Hof der Bärenschenke stand, und zu beinahe allen Gesichtern fiel mir beinahe zu schnell der Name ein.

Es war im vorletzten Jahr des alten Jahrtausends, und kurz zuvor hatte ein Fremder zu mir gesagt, ich müsste wohl ein bewegtes Leben geführt haben.

Im ersten Erschrecken des Wiedersehens, im Hin und Her der verlegenen Begrüßung kamen alle Namen zurück. Die anderen hatten sich getroffen, manche oft in diesen zwanzig Jahren, nur ich war erst jetzt gekommen. Nur für dieses eine Mal wollte ich auf einem Klassentreffen gewesen sein. Bei dem letzten großen Treffen war ich nicht gekommen, weil eine Staatsgrenze zwischen ihnen und mir gelegen hatte, die jetzt annulliert war. Irgendwie hatten sie meine Adresse herausbekommen trotz all der Umzüge. Meine Eltern waren geschieden, verzogen, hatten Brücken abgebrochen, und das war mein Erbe, denn auch ich war groß im Abbrechen, Verlassen und Verlassenwerden.

Es war noch warm, Jacketts standen offen, Seidenschals wehten, wir waren erwachsen, und einer war rasch in die Waldsiedlung gefahren, unseren Lehrer abzuholen, der nun auf uns zukam, weiße Haare. Das etwas flache Gesicht schwebte über einem Körper, der noch breit und kräftig war, nur seine Gewandtheit verloren hatte. Ich war überrascht, wie schüchtern er wirkte, als er mir die Hand gab und meinen Namen sagte, Andrea, ich glaube, er freute sich wirklich. Wenn ich im Vorbereitungsraum geholfen hatte, die Chemikalien zu ordnen, stand er manchmal lange am offenen Giftschrank und nahm Fläschchen zur Hand, deren Etiketten mit seiner schwer lesbaren Schrift beschriftet waren. Er schrieb anders, als Lehrer gewöhnlich schrieben, und ich wusste nicht, warum er die Namen der Chemikalien wieder und wieder las, etwas betrübte ihn. Nun dachte ich, ich würde wohl nicht mehr erfahren, was es gewesen ist. Damals hatte ich ihm einfach nur zugesehen, und jetzt schien es mir zudringlich, danach zu fragen, ihn überhaupt erst darauf aufmerksam zu machen.

Manche Erlebnisse hat man besser hinter sich als vor sich. Deshalb war ich hergekommen: um abzuschließen, abzurechnen, um zu demonstrieren, dass es mir gut ging. Wer wollte das nicht. Ich hatte mich zurückhalten wollen, und jetzt bemerkte ich, dass meine Stiefel zu solide waren für den Anlass, mein ganzer Auftritt zu sportlich. Und als es zu Tisch ging, fügte sich die Sitzordnung in den alten Konstellationen, und damit stellte sich das bekannte, angenehme Gefühl ein, dass ich vor ihnen alles verbergen könnte. Ich zog eine Zigarette aus der Packung, danke danke, ich hatte selbst Feuer. Regina, die gewesene Klassenbeste, schaute hoch. Ihr Lippenstift war eine Spur zu dunkel rot. Regina hatte die Unschärferelation begriffen und jede Formel, aber sie war keine Streberin gewesen, sie wollte eine Fußballmannschaft Jugend A verführen, sie wollte zwei Söhne und die dann Eros und Sexus nennen. Und dann sagte das Kindergesicht links von mir, heute Chef einer Naturheilklinik, er sagte, dass er sie schließlich doch überflügelt habe, sicher nicht in den Wissenschaften, aber fünf Kinder, nicht bloß vier wie sie. Nein, sagte Regina, auch in den Wissenschaften nicht. Er zeigte Fotos. Ich sah, dass neben ihm eine Frau saß, die aussah wie die Frau auf den Fotos. Regina hatte keine Fotos dabei, oder sie holte sie nicht raus. Es fiel niemandem auf. Von ihm wusste ich auch den Spitznamen, Dettel, aber es redete ihn niemand an, schon gar nicht so, als er Prospekte seiner Klinik zeigte. Ich dachte, wie wohl die Kinder von Regina hießen, aber in dem Moment nahm Brigitte das Wort, die beim Abitur die Rede gehalten hatte. Später habe ich es vergessen. Und warum soll ich nach den Namen von Kindern fragen, die ich nie kennenlernen werde. Herzlich willkommen also, besonders die Weitgereisten. Jetzt würden wir erst einmal essen, ein Gläschen Sekt wäre der richtige Apéritif. Die trockenen und halbtrockenen Gläser wurden gezählt, und als sie auf dem Tisch standen, ergriff der gewesene FDJ-Sekretär das Wort, der, sagte er, unter uns gesagt, die Wende ganz gut überstanden hatte, als Bauingenieur, kein Wunder, Ruinen schaffen ohne Waffen, das war ja deren Losung gewesen, damals. Aber jetzt wurde endlich gebaut, hier, nicht immer nur in Berlin. Also prosit, und später, wenn wir warm geworden waren miteinander, würden wir uns das alles erzählen, denn wir waren jetzt gestandene Männer, hah!, er sagte nicht „Männer und Frauen“, und was wir in den vergangenen Jahren alles getrieben hatten! Dabei zuckten mindestens drei, und auf ihren Gesichtern bildete sich eine gläserne Schicht aus Abwehr. Ich fasste mir ins Gesicht, nichts. Achtzehn Jahre hatte ich hier gelebt; und alles, was danach kam, war leichter gewesen als das. Hier war ich, diesmal, weil ich mein Gesicht im Griff hatte, aber nicht meine Geschichte. Ich nahm eine neue Zigarette. Regina fixierte die schöne rote Schachtel. Die Kellnerin kam, ich hatte keinen Hunger, nicht um diese Zeit, aber hier war sogar die Zeit anders. Vor dreißig Jahren folgte sie dem täglichen und jahreszeitlichen Rhythmus der Tiere und der Pflanzen, von dem der Rhythmus familiärer Mahlzeiten geblieben war. Dem Gedächtnis aufhelfen. Ich erinnerte mich nur an den Schnaps, den man nach dem guten thüringischen Essen trinken sollte.

Neben Regina saß Traxler. Sie hatten ihn Transistor genannt. Er war Vorgesetzter in einer Firma, die ihm schon zu großen Teilen gehört hatte, ehe die meisten der alten Mitarbeiter entlassen waren. Er war auf dem Sprung, aber für seine alten Mitschüler hatte er natürlich Zeit. Vielleicht würde er bei seiner Mutter übernachten, aber er würde sich bestimmt vor dem Sonntagmittagessen verabschieden. Er lächelte, wenn ihn jemand Transistor nannte, elektronische Bauteile, mehr hatten wir ihm nicht zugetraut. Aber das war es natürlich jetzt. Er schnitt Fragen nach einer Ehe ab. Mich fragten sie gar nicht erst. Dabei hatten sie mich am längsten nicht gesehen. Traxler trank das zweite Bier. Ich rauchte die dritte Zigarette. Das Kindergesicht zog die Brauen hoch, als das Essen kam und ich sie nicht sofort ausdrückte. Traxler lachte. Ich drehte mich nach links und fragte das Kindergesicht, ob denn bei ihnen, unten an der ehemaligen Staatsgrenze, viele Menschen sich in einer Naturheilklinik behandeln ließen. Nicht doch, natürlich nicht, wie kam ich auf die Idee. Wenn sie auf die Bewohner des Städtchens, angewiesen wären, das wäre schlimm. Die Patienten kamen von drüben, wo alles schon ausgereizt, angeschmuddelt, übertrieben und abgegessen war. Denn hier war alles neu und versprach Heilung. Und er könnte alle heilen, auch uns. Regina antwortete, sie sei fit gottseidank. Aber man wusste nie, sagte das Kindergesicht, man wusste nie, und tatsächlich spürte ich gleich eine Verspanntheit im Nacken. Wenn auch, er sah sich um, vielleicht nicht alle das Geld dazu hatten, sich in seine Klinik zu legen. Nein, das habe ich jetzt erfunden, das hat er nicht gesagt. Er lächelte dem gewesenen FDJ-Sekretär über zwei Tische weg zu.