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Stephan Mathys

Vor dem Fenster

edition 8

Stephan Mathys

Vor dem Fenster

Geschichten

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Verlag und Autor danken image image image
für den finanziellen Beitrag an dieses Buch.

Der Autor dankt Kultur Kanton Bern und Kultur Stadt Bern für den Werkbeitrag.

Besuchen Sie uns im Internet: Informationen zu unseren Büchern und AutorInnen sowie Rezensionen und Veranstaltungshinweise finden Sie unter www.edition8.ch

Die edition 8 wird im Rahmen des Förderkonzepts zur Verlagsförderung in der Schweiz vom Bundesamt für Kultur mit einem Förderbeitrag für die Jahre 2016–2018 unterstützt.

September 2018, 1. Auflage, © bei edition 8. Alle Rechte, einschliesslich der Rechte der öffentlichen Lesung, vorbehalten. Lektorat: Jeannine Horni, Korrektorat: Brigitte Walz-Richter, Typografie & Umschlag: Heinz Scheidegger, Umschlagillustration: Raoul Ris, ›Der Morgen‹ (2013)

www.dachsart.ch; e-Book: mbassador GmbH, Basel

Verlagsadresse: edition 8, Quellenstrasse 25, CH-8005 Zürich, Telefon +41/(0)44 271 80 22, info@edition8.ch

ISBN 978-3-85990-349-4

»So ist das bei mir,

immer schaue ich entweder hinein

oder schaue hinaus,

eine kühle Fensterscheibe zwischen mir

und der ersehnten Welt.«

John Banville, Die blaue Gitarre

Szene

»Es irritiert mich, wenn du gähnst und gleichzeitig weitersprichst.«

»So, es irritiert dich.«

»Ja, weil … es ist offensichtlich, dass du dich mit mir langweilst.«

»Hm …« Sie rutscht auf ihrem Sitz hin und her wie eine Katze, die sich einen gemütlichen Schlafplatz einrichtet, dreht den Kopf zu ihm hin, nur kurz, aber lange genug, dass ich das Profil ihres Gesichtes erkennen kann: die fein geschnittene Nase, die hochstehenden Wangenknochen, die Strähnen, die sich aus dem Wirbel des Haarknotens gelöst haben.

Wie so oft in letzter Zeit, interpretiere er ihr Verhalten völlig falsch, sagt sie nun mit ruhiger Stimme. Sie gähne bloss wegen Sauerstoffmangels. Dass sie gähnen und gleichzeitig sprechen würde, merke sie gar nicht. Aber die Tatsache, dass es ihn irritiere, beweise seine kleingeistige Haltung ihr gegenüber.

»So, meinst du«, mault er, wendet sich von ihr weg und schaut nach draussen.

Ich schätze ihn auf Ende zwanzig. Sein dichtes, kurz geschnittenes Haar glänzt in sattem Kastanienbraun. Die straffe Haut seines Halses pocht, als schlüge jemand im Inneren dagegen wie auf das Fell einer Trommel.

Er sagt, man könne nicht wissen, ob man sich wirklich bewege oder ob die Kulisse der Stadt an einem vorbeigeschoben würde. Und, nach einer kurzen Pause: »Die Leere da draussen … ich weiss nicht … sie stimmt mich irgendwie traurig.«

Er dreht den Kopf wieder zu ihr hin. Sie sagt, er solle nicht ablenken, das sei typisch für ihn, für alle Männer, sie müssten jetzt am Thema dranbleiben.

»Ja, schon … aber diese Spiegelungen!«

»Was ist damit?«

»Die Bilder in der Scheibe … siehst du? Das bin ich … und das bist du …«

»Ja, schön. Ich sehe uns.«

Das Tram verlangsamt seine Fahrt und bleibt stehen. Weiter vorn steigt ein älteres Paar ein, Sekunden später ertönt das Warnsignal, die Türflügel schlagen gegeneinander, ein Zittern geht durch die Wagenkomposition. Das Tram setzt sich wieder in Bewegung, fährt in die Linkskurve ein.

Er fragt: »Wo sind wir stehen geblieben?«

»Beim Gähnen.« Sie gähnt künstlich, mit weit aufgerissenem Mund. »Und bei deiner Kleingeistigkeit, die mir langsam den Atem raubt!«

»Aha! Ich bin also schuld an deinem Sauerstoffmangel!«

»Nein, so habe ich es nicht gemeint.«

»Doch, die Botschaft ist angekommen! Und ich bewundere deine Eleganz, mit der du den Spiess umdrehst: Am Schluss geht es um das grosse Ganze, und ich bin der Übeltäter!«

»Du hast von der Langeweile gesprochen! Ich habe bloss gegähnt, nichts weiter. Wenn einer es versteht, Kleinigkeiten aufzublähen, dann du und nicht ich!«

»Das Gähnen ist ein Symptom«, sagt er etwas leiser – und ich beuge mich in meinem Sitz weiter nach vorn, um kein Wort zu verpassen –, »ein Symptom wie die langen Fernsehnächte … die stummen Abendessen … der routinierte Beischlaf.«

Sie atmet deutlich hörbar aus, holt wieder Luft, aber es scheinen ihr die Worte zu fehlen. Und er türmt sich auf, dreht seinen Oberkörper drohend zu ihr hin und sagt, es müsse sich etwas ändern, und zwar schnell.

»Nur zu!«, sagt sie in erstaunlich leichtem Ton. »Es liegt an dir, du hast es in der Hand.«

»So, habe ich?« Er streckt ihr seine leeren Handflächen entgegen. »Wo denn genau?«

»Ja, das musst du selber herausfinden! Und es ist mir lieber, wenn du jetzt nicht zynisch wirst!«

Wir fahren am Käfigturm vorbei, der Gong ertönt, aus den Lautsprechern schnarrt es »Bärenplatz«. Die beleuchteten Wintergärten der Restaurants an der Front sind beinahe menschenleer, das Bundeshaus wirkt wie eine riesige Theaterkulisse, an der Ecke jongliert einer mit brennenden Fackeln. Das Tram ruckelt und bleibt stehen.

»Es liegt nicht bloss an mir!«, sagt er.

»Dir ist langweilig, nicht mir. Ich brauche nichts zu ändern.«

»Dann ist ja gut.«

»Eben nicht.«

»Du hast schon lange nicht mehr gegähnt!«

»Hör doch auf!«, sagt sie scharf. »Du gehst mir auf die Nerven!«

»Wir können uns ja trennen.«

»Ach, einfach so?«

»Ja, ich will nicht, dass du leidest, dass dich meine Beschränktheit bremst oder ärgert. Ich packe noch heute meine Sachen und übernachte bei einem Freund.«

»Sag das noch mal!«, sagt sie. »Das hat mich nicht überzeugt, ganz und gar nicht.«

»Nein, du bist dran.«

Sie schlägt sich mit beiden Händen auf die Oberschenkel, ihre Stimme zittert. Schon wieder sehe er nur die Flucht als Lösung, schon wieder verweigere er das Gespräch – und im Übrigen, fährt sie in gänzlich anderem Ton fort, hätten sie eine Seite übersprungen, es fehlten noch die Vorwürfe wegen der Alltagsdinge, wegen des Abwaschs, Einkaufens, Bodenputzens und so, ob er sich erinnere?

»Stimmt!« Er greift sich an die Stirn. »Es ist immer die gleiche Stelle, die ich vermassle.«

Das Tram fährt unter dem gläsernen Baldachin ein. »Bern, Bahnhof. Weiterfahrt nach Bümpliz. Umsteigemöglichkeit in alle Richtungen.«

»Komm!«, sagt sie, »ich will nicht nach Hause gehen, wir fahren eine letzte Schlaufe und üben die Szene noch mal.«

Ich höre nicht, was er erwidert. Ich steige aus, drehe mich um, sehe, wie sie die Köpfe zusammenstecken und in einem Ringheft blättern. Eine Frau schnauzt mich an, ob ich unbedingt vor der Tür stehen bleiben müsse. Ich entschuldige mich, gehe ein paar Schritte weiter, schaue zurück: Das Tram fährt langsam los, die beiden lachen und gestikulieren. Jetzt stellt sich ein grosser Mann ins Bild, kurz sehe ich noch die roten Rücklichter des Trams, dann schiebt sich ein Bus vor die Sicht – die Türen öffnen sich, ich steige ein.

 

Hades

Ich sehe Norbert noch vor mir, mal gebeugt und hager, dann wieder als junger Mann mit wehenden Haaren. Ab und zu glaube ich seine Schritte, ein Seufzen oder einen tiefen Atemzug zu vernehmen. Gleichzeitig weiss ich, dass es Unsinn ist. In einem Haus wie diesem gibt es viele Geräusche: Das Eichenparkett knarrt, eine Krähe hackt auf dem Dach eine Nuss auf, im Nebenzimmer läuft eine Klaviersonate im Radio – alles ist harmlos und hat nichts mit meinem Mann zu tun.

Wir hätten verreisen wollen, die Koffer waren gepackt. Wir freuten uns, waren aufgeregt wie früher, wie zu unseren besten Zeiten. Ich erinnere mich genau, wie Norbert dastand, unter der Tür, eingerahmt wie ein Porträt, eine zitternde Skulptur mit matten Gesichtszügen und einer dunklen Schweissperle auf der Stirn. Ich wartete, hielt ihn fest, drückte meine Sorgen weg. Als der Anfall vorbei war, sagte er mit leiser Stimme, man vergesse am Schluss immer das Wichtigste. Er lächelte mir zu, versuchte, mir zuzulächeln. Er wollte den Kamm holen gehen. Denn alles musste seine Ordnung haben: die Haare, die Bücher, die Kleider, die Menschen, die Gedanken. »Siehst du, jeder Ton hat seinen Klang, seine Bedeutung, seinen Platz.« Manchmal sagte er es freundlich zu mir, manchmal vorwurfsvoll, weil ich die Dinge herumliegen liess, meine Gedanken seltsame Kreise drehten, die Kinder zu wild waren.

Er wollte also den Kamm einpacken gehen. Bald würde unser Sohn Florian kommen, um uns abzuholen. Norbert ging zum Badezimmer. Ich überlegte, ihn zu begleiten, dafür zu sorgen, dass nichts passierte. Aber ich tat es nicht. Ich blieb stehen, als hätte ich seine Erstarrung übernommen. Ich schaute, wie er durch den Flur ging, mit langsamen Schritten, tastend, leise, mein alter Mann. An der Schwelle musste er ins Stolpern geraten sein, er taumelte und fiel, schlug mit dem Kopf gegen die Badewanne. Ich hörte etwas, eilte hin, kniete neben ihm nieder, griff an seine Schulter. »Norbert!«

Er gab keine Antwort mehr.

Wann hatte es angefangen? Auf einmal waren ihm die Läufe über die Klaviertasten nicht mehr gelungen. Wo früher die Hände geflogen waren, als hätte er vier davon, gerieten nun die Finger ins Stolpern. Er hatte an einen Gichtschub gedacht und auf Besserung gehofft. Aber bald vernachlässigte er das Klavierspielen immer mehr: Das Tageswerk minus die Zeit fürs Musikmachen – er sagte, so könne er wenigstens länger im Bett bleiben. Manchmal staubte er noch die Tasten ab, spielte da einen Ton, dort einen anderen, hörte zu, wie die Klänge durch die Luft flogen, verfolgte sie mit den Ohren wie ein Insekt.

Ich schaute. Er hörte. Meine Schmerzen gingen vorbei. Seine verklangen allmählich. Ich sah es unseren Kindern an, wenn etwas nicht in Ordnung war. Er hörte es in ihren Stimmen. Mein Glück war weich und bunt. Seines folgte einer inneren Melodie.

Die Töne wurden immer weniger. Das Haus veränderte sich, schien sich abzukühlen, verlor an Farbe, an Leichtigkeit.

Ich erinnere mich an einen Sonntagsspaziergang, ein strahlender Tag in einem launischen Frühling. Nach dem späten Frühstück gingen wir nach draussen. Ich blieb bei einem blühenden Fliederstrauch stehen, um den Duft einzuatmen. Mein Mann wartete nicht auf mich. Er rief, als ich ihn für seine Unrast tadelte, er lasse die Hände nicht auf den Tasten liegen, nur weil ihm ein Akkord besonders gut gefalle. Ich lachte, er blickte ernst zu mir hin, ich winkte, bat um Geduld: »Ach, Norbert, du.« Ich brach ein Zweiglein mit einer prächtigen blauvioletten Blüte vom Strauch. Als ich ihm nacheilte, um ihn daran schnuppern zu lassen, erkannte ich, wie krumm und steif sein Oberkörper geworden war. Ich sagte nichts und hoffte, mich getäuscht zu haben, nahm mir aber vor, künftig genauer hinzuschauen, griff nach seiner Hand, plauderte meine Sorgen fort. »Siehst du, da vorn? Die Singdrossel? Sie schlägt Schneckenhäuschen an Steinen kaputt, um die armen Dinger darin zu essen. Hast du das gewusst?« Wir hörten ihren Liedern zu. Norbert lächelte, drückte meine Hand fester und sagte: »Böse Singdrossel!«

Am Fluss lauschten wir dem Wasser, sahen hoch am Himmel die Schwalben kreisen, beobachteten Kinder, die mit ihren Rädern um die Wette fuhren. Zu Hause stellte ich die Fliederblüte in eine Vase, sie schien mir das Kostbarste und Schönste auf der Welt zu sein. Aber mein Mann verwarf die Hände, er beklagte sich, es würde ihm übel von diesem Gestank.

In jener Nacht waren wir im Traum ganz winzig, Norbert und ich. Unsere Kinder Florian und Elena hoben uns wie Käfer vom Boden hoch, schauten uns an, kniffen die Augen zusammen, redeten über Dinge, die ich nicht verstehen konnte.

Dann hatte seine rechte Hand von einem Tag auf den anderen zu zittern begonnen. Er half mir im Garten, langsam, mit vielen Pausen, ohne mich anzublicken, wenn ich ihm ein Werkzeug reichte. Die Kaffeetasse hob er in jenen Momenten zum Mund, wenn er meinte, ich würde nicht hinschauen. Oder er machte einen Witz daraus. »Meine Hand flattert wie der Flügel einer Krähe. Wirst sehen, bald lerne ich noch zu fliegen.«

Er kaufte sich eine Schere für Linkshänder, weil es einen jung halte, wenn man die ungewohnte Hand trainiere. Ich liess ihn gewähren. Ich schaute weg. Ich lachte über seine Scherze. Ich tat so, als würde ich das Klavierspiel nicht vermissen. Ich drängte ihn nicht. Wir lebten weiter unser Leben, besuchten Elena und Florian, unternahmen Ausflüge, feierten die kleinen Momente des Alltags – fast so, wie wir es immer getan hatten.

Aber seine Laune begann sich zu verdüstern. Er hatte die alten Filme mit Gary Grant, Liz Taylor und Richard Burton, mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann geliebt. »Judy Garland oder Audrey Hepburn, das ist hier die Frage!« Er sagte das oft, wenn er mich necken wollte. Er hätte am liebsten beide geheiratet, aber ich sei ihm auch recht gewesen. Wir schauten uns ›Leoparden küsst man nicht‹ an, er lachte kein einziges Mal, starrte auf den Bildschirm wie auf eine kahle Wand.

Ich lud Florian und seine Freundin zu uns ein. Ich hatte einen Kuchen gebacken, wir sassen im Garten, tranken Tee. Wir waren glücklich zu sehen, dass sich unser Sohn von seinem Autounfall erholt hatte, bei dem sein bester Freund gestorben war. Wir lachten viel, erzählten Geschichten aus Florians Kindheit. Als sie gegangen waren, sagte Norbert bloss, diese Miriam sei zu klug für eine Coiffeuse.

Elena und André kamen mit der kleinen Adriana zu Besuch. Norbert setzte sich mit unserem Grosskind ans Klavier, er spielte ihm etwas vor, liess es selber auf die Tasten drücken. Später am Abend umarmte ich meinen Mann, gab ihm einen Kuss. Er sagte, er sei müde, müsse sich hinlegen, der Tag habe ihn furchtbar angestrengt.

Irgendwann liess ich davon ab, ihn aufheitern oder ablenken zu wollen. Er hatte immer mürrischer reagiert, wischte mich weg, wurde laut, benahm sich so, als wäre ich für seinen Zustand verantwortlich. Er habe schliesslich das Klavier, seine Bücher, die Schallplattensammlung, den Fernseher, die Gedanken im Kopf – ich solle endlich aufhören, ihn mit meinen Geschichten zu belästigen.

Wo tut es dir weh? Reiss dich zusammen. Geh etwas früher zu Bett. Schalte den Fernseher aus. Lass die böse Welt draussen. Alter Mann, mein müder alter Mann. Was ist nur los mit dir?

Die Sätze sind noch da, führen ihr Eigenleben, geistern durch das Haus, reissen mich manchmal aus dem Schlaf. Ich versuche mir zu verzeihen, nicht immer geduldig gewesen zu sein. Marie, sage ich zu mir, wenn ich wach im Bett liege, Marie, es ist gut, wie es ist. Alles ist gut. Du hast getan, was du tun konntest. Und ihr habt ein langes, schönes gemeinsames Leben gehabt.

Endlich vereinbarte er einen Arzttermin. Seine Muskeln hatten sich immer mehr verspannt, und die Gelenke schmerzten so sehr, dass er nach längerem Sitzen kaum noch aufstehen konnte. Die Diagnose bestätigte meine Befürchtung. Norbert versuchte zu beschwichtigen, Parkinson sei keine tödliche Krankheit, man müsse bloss ein wenig vorsichtiger sein und brav die Medikamente einnehmen. Wir hielten uns schlimmere Schicksale vor Augen: Freunde, die an Krebs erkrankt oder bei einem Unfall schwer verletzt worden waren, andere, die wenige Jahre vor der Pensionierung die Stelle verloren hatten. Die Diagnose, das Wissen um die Gründe für seinen Zustand, die Medikamente, alles zusammen half uns, besser mit der Krankheit umzugehen. Er setzte sich sogar wieder ab und zu ans Klavier: ›Somewhere over the Rainbow‹ – ich hatte ihn lange nicht mehr singen gehört. Das Lied ist immer noch in der Luft. Wenn es ganz still wird im Haus, glaube ich, es leise zu vernehmen, wie das Rauschen des Windes in den Bäumen.

Dann hatten plötzlich die körperlichen Erstarrungen angefangen. Ich glaubte zuerst, er wolle sich über mich lustig machen, ein neues Symptom vortäuschen, welches seltsamer war als die tatsächlichen, um mich damit vom Ernst der Lage abzulenken. Wir schüttelten beide den Kopf, als uns der Hausarzt das Fachwort dafür nannte: Freezing.

»Marie, ich bin zum Pausenzeichen zwischen den Tönen geworden!«, sagte mein Mann auf dem Heimweg, und es wollte uns beiden nicht gelingen, etwas Schönes daran zu finden.

Wir wussten aus den Beschreibungen der Krankheit in der Broschüre, dass die Schritte mit der Zeit immer kleiner würden. Tatsächlich setzte er am Schluss die Füsse auf, als müsste er die Widerstandskraft des Bodens erst prüfen. Ich schaute hilflos zu, wie er sich bewegte, wie er sich vor meinen Augen zu verändern begann. Das Zittern fuhr manchmal durch seinen ganzen Körper, der immer gebeugter wurde, aufgerüttelt durch Stromstösse, Funksignale seines Kopfes, welche die Muskeln nicht mehr entschlüsseln konnten. Unsere langen Spaziergänge mussten wir bleiben lassen. An guten Tagen gingen wir noch eine Weile den Fluss entlang. Norbert liebte es, auf das Wasser zu schauen, einer flatternden Ente beim Abflug zuzuhören, zu sehen, wie der Fluss von den Pfeilern einer Brücke geteilt wird. Das Auf und Ab eines festgebundenen Pontonierbootes vermochte seine Nerven zu beruhigen und seine Seele für eine kurze Dauer zu besänftigen. »Das ist mein Styx«, sagte er einmal, »und da drüben ist der Hades. Vergiss nicht, eine Münze unter meine Zunge zu legen, wenn ich gestorben bin. Du weisst, sonst setzt mich der Fährmann nicht über.«

Uns beiden gefiel die Vorstellung, dass man als Toter auf Reisen geht. Wir waren oft mit dem Auto unterwegs gewesen, hatten uns ein Hotel nahe der Küste gesucht, am Fusse eines Berges oder mitten in einer Grossstadt. Als wir jünger waren, hatten wir uns nicht davor gescheut, auch mal die Nacht im Auto zu verbringen oder mit den Kindern auf Zeltplätzen zu übernachten. Wir planten die Routen nicht im Voraus, nur ungefähr, und gingen der Nase nach, folgten der Lust, dem warmen Wind, den ziehenden Wolken.

Es war seine Idee gewesen, nochmals auf eine Reise zu gehen. Florian hatte angeboten, uns mit dem Auto nach Genua zu fahren. Dort wollten wir auf ein Kreuzfahrtschiff steigen. Der Bordarzt wurde informiert, wir waren zuversichtlich, mein Mann tapfer, etwas leichter, fast beschwingt. Wir sprachen nie darüber, dass es unsere letzte gemeinsame Reise sein würde: Barcelona, Málaga, Tanger, Lissabon, Brest, Dover, Amsterdam – die Namen der Städte leuchteten wie Sterne in unsere Dunkelheit hinein. Abende lang erzählten wir uns Erinnerungen an vergangene Reisen, zogen Alben aus dem Büchergestell, wühlten in den Kartons mit den ungeordneten Fotos, begannen die Bilder endlich zu sortieren und einzukleben. Norbert erzählte Geschichten von der Schweizerschule in Barcelona, die ich alle schon kannte, aber ich liess ihn reden, ermunterte ihn, stellte Fragen. Wir spielten unsere allererste Begegnung nach: eine Einladung bei gemeinsamen Freunden, sein Gesicht war noch gebräunt von der Zeit in Spanien, er hatte mir auf den ersten Blick gefallen.

Einmal griff ich zum Telefon und rief Elena an. Ich fragte sie, wie das genau gewesen sei, damals auf dem Campingplatz in Portbou, als sie verschwunden war und erst spät wieder zu unserem Zelt zurückkehrte. Sie lachte, sie könne sich nur vage erinnern, aber sie wisse noch, dass es ihr Spass gemacht habe, den Eltern einen Schrecken einzujagen. Norbert hörte über den Lautsprecher zu. Er rief, Erinnerungen seien wie launische Katzen. Ob bei uns alles gut sei, fragte Elena, und ihre Stimme klang auf einmal besorgt. Ich sagte, wir würden wieder aufbrechen, mit dem Schiff zwar, wie es sich für alte Leute gehöre, aber immerhin.

Am Vorabend unserer Abreise packten wir die Koffer. Mein Mann sass auf der Bettkante, nickte, wenn er mit meiner Wahl einverstanden war, oder hob abwehrend die Hand, wenn er ein Kleidungsstück nicht mitnehmen mochte.

Am anderen Morgen frühstückte ich alleine. Er sagte, er wolle noch ein wenig die Weichheit der Matratze geniessen. Die Pritsche – er gebrauchte tatsächlich dieses Wort – die Pritsche in der Kajüte würde bestimmt hart wie ein Brett sein.

Als Florian anrief und fragte, ob wir für die grosse Reise bereit seien, in einer knappen Stunde würde er vor dem Haus auf uns warten, stand mein Mann im Badezimmer und seufzte, bestimmt kämmte er sich gerade die schütteren Haare. Ich beendete das Telefongespräch und rief, nun gehe es bald los. Norbert murmelte etwas Unverständliches. Ich hörte, wie er aus dem Badezimmer trat, seinen Rollkoffer ergriff und ihn durch den Flur zog. Er tauchte im Türrahmen zu unserem Wohnzimmer auf, öffnete noch den Mund, um etwas zu sagen – da erfasste ihn die Lähmung, als hätte sich Dornröschen gerade in den Daumen gestochen. Ich sah zu, wie ein dunkler Schweisstropfen die Lücke zwischen seinen Augenbrauen fand, über seinen linken Nasenflügel hinabrann und versiegte, kurz bevor er die Oberlippe hätte erreichen können.

Nachdem ihn die Erstarrung wieder freigegeben hatte, schloss und öffnete er wie eine Kinderpuppe ein paarmal hintereinander die Augen. Gebeugt stand er da, versuchte sein Gesicht zu einem Lächeln zu bewegen, was ihm nicht gelingen wollte. Ich umarmte ihn und sagte, dass ich mich darauf freuen würde, mit ihm an der Reling zu stehen, den schaukelnden Horizont zu beobachten und auf das Auftauchen der Hafenstädte zu warten.

»Aber der Wind!«, sagte er mit leiser Stimme, und diesmal deuteten seine Mundwinkel ein Lächeln an. »Der Wind wird uns zerzausen. Ich muss den Kamm einpacken. Man vergisst im letzten Moment immer das Wichtigste!«

Ich strich ihm über die Wange und sagte, er gefalle mir zerzaust genauso gut wie sonst, aber was sein müsse, müsse sein. Er zwinkerte mir zu. Wie ein Junge, dachte ich noch, wie ein kleiner Junge. Dann drehte er sich schwerfällig um, ging mit vorsichtigen Schritten durch den Flur und verschwand im Badezimmer.

 

Spiegelbild

»Das ist schon wieder verkehrt!«

Meine Schwester tanzt um mich herum, ihre Haare fliegen. Ich weiss genau, wovon sie spricht, und ich spüre etwas in mir drin, das ich nicht benennen kann: Mir ist heiss, in meinem Hals sitzt ein Tier, und es kribbelt in der Hand, die vorhin noch mit Schreiben beschäftigt gewesen ist.

Mama wird vom Lachen meiner Schwester ins Zimmer gelockt. Sie zieht ihren Taschenspiegel hervor und hält ihn über das Papier. Beide blicken sie jetzt in den Spiegel hinein und lesen, was ich geschrieben habe: »Spiele rückwärts!«

Mama verstrubbelt mir die Haare und fragt, was ich damit meine. Ich presse die Lippen zusammen. Schliesslich sage ich, es sei für Papa, ich wolle, dass er rückwärts Cello spiele. Mama lächelt. Ich streiche mir die Haare wieder zurecht. Ich mag es nicht, wenn sie in alle Richtungen abstehen. Ich sollte Mama bitten, das Verstrubbeln endlich bleiben zu lassen. Ich bin ja kein kleines Kind mehr, kann schreiben, rechnen, lesen und all das. Wenn ich lese, wird die Welt um mich herum in eine dicke Wolke gepackt: Ich höre nichts mehr, sehe nichts mehr, bin ganz allein woanders, ohne meine Schwester, die mich manchmal nervt und dann wieder ganz lieb ist.

Es stimmt, was sie sagen: Ich nehme Bücher zuerst falsch in die Hand, blättere von hinten nach vorn, von links nach rechts. Ich lese die letzte Seite von ›Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer‹ und lande erst am Schluss beim Anfang, wo Tom von seiner Tante gesucht und schliesslich in der Speisekammer gefunden wird. Ich lese so, wie ich schreibe und vielleicht auch denke: verkehrt.

»Mit unserem Sohn stimmt etwas nicht!«, höre ich Mama sagen. Ich schaue durch den Spalt der angelehnten Tür, erblicke den Rücken von Papa, der die Mama fast ganz verdeckt. Er sagt: »Richtig verkehrt ist irgendwie auch richtig.« Nun sehe ich sein Spiegelbild in der dunklen Küchenscheibe und merke, dass er mich ebenfalls erblickt hat.

Papa spielt Cello im Sinfonieorchester. Er möchte, dass ich Geige spiele, aber das geht nicht. Ich habe versucht, das Instrument in die Hände zu nehmen und mit dem Bogen über die Saiten zu streichen – die Töne taten mir in den Ohren weh und meine Finger verkrampften sich. »Wir warten noch ein Weilchen! «, hat Papa gesagt und die Geige in den Kasten zurückgelegt.

Ich zeige Papa den Zettel.

»Aha!«, macht er. »Und weshalb sollte ich rückwärts spielen?«

Ich zucke mit den Schultern. Eine Fliege landet auf seiner Stirn, aber er scheint es nicht zu bemerken. Ich schaue zu, wie sie sich ihre Flügel putzt. »Was guckst du mich so komisch an?«, fragt Papa. Die Fliege ist weg. Ich sage, unter dem Mikroskop sehe der Flügel einer Fliege wie ein Kirchenfenster aus, nicht so bunt, aber trotzdem schön. »Aha!«, macht er wieder. »So ist das.« Er sagt es freundlich, er lächelt, und mir wird ganz wohl dabei. Er dreht meinen Zettel in den Händen. »Morgen spielen wir Mahler. Mal schauen, was ich für dich tun kann!«

Meine Schwester stellt sich im Foyer des Konzerthauses vor einen Spiegel. Mama spuckt in beide Hände und streicht meine Haare glatt. Die Fliege am Hals ist mir zu eng. Die Schwester schaut zu mir herab, als sei ich ein Frosch tief unten im Brunnen. Ich sehe im Spiegel die Menschen, die meine Schwester beobachten. Ich weiss nicht, ob sie weiss, von wie vielen Augen-paaren sie angeschaut wird. Mama spricht mit einem Mann mit grauen Haaren und lacht so laut, dass die Gespräche in der Nähe für eine Sekunde verstummen. Die Glocke klingelt, wie in der Schule. Mama zückt Spiegel und Lippenstift, malt die Lippen rot und küsst den Mann zum Abschied auf die Wange. Ich sehe im Spiegel, wie er sich mir zuwendet, und ich muss achtgeben, dass ich ihm meine schöne Hand entgegenstrecke. Wieder schrillt die Glocke. Ich ziehe eine Grimasse, weil sie so laut ist. Ich frage Mama, weshalb die Fliege an meinem Hals Fliege heisse, sie sehe doch überhaupt nicht aus wie eine Fliege. Sie tippt mit dem Finger gegen meine Wange. »Diese Haare hier heissen bei den erwachsenen Männern Kotelett. Und? Sehen die etwa aus wie ein Kotelett? Schau dich mal um. Was meinst du?«

Es verwirrt mich, wenn sie meine Frage mit einer Frage beantwortet, die meine Frage nur noch grösser macht. Ich halte mir den ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand nahe vors Gesicht, schliesse ganz schnell abwechselnd die Augen und freue mich, wie der Zeigefinger hin und her hüpft. Mama stupst mich an. Wir steigen die Treppen hoch. Ich zähle die Stufen und sage oben zu meiner Schwester, es seien ganz genau fünfundzwanzig. Sie gibt einen Ton von sich, ohne die Lippen zu öffnen. Ich glaube, er kommt aus ihrer Nase, vielleicht auch aus den Ohren. Mich ekelt es ein wenig davor.

Wir setzen uns wie immer in die dritte Reihe. Das Orchester kommt auf die Bühne. Papa setzt sich auf einen Stuhl, der ganz vorne am Rand steht. Ich habe Angst, dass er herunterfallen könnte. Er zwinkert in unsere Richtung, um mir zu zeigen, dass alles gut ist. Heute wird er die ganze Sinfonie rückwärts spielen, mit der letzten Note beginnen und mit der ersten aufhören. Er hat es mir versprochen.

Mama flüstert mir zu, der Komponist heisse Gustav Mahler, und die Musik sei wie ein Spaziergang durch einen dunklen Wald voller Tiere. Sie zeigt mir ein Foto im Programmheft. Ich frage sie, weshalb der Mann Mahler heisse, wenn er doch Musik mache und nicht Bilder male. Mama gibt keine Antwort. Ich sehe, dass sie ihren Mund verzieht, so als möchten die Lippen gerne sprechen, aber sie erlaubt es ihnen nicht.

Ich blättere durch das Programmheft. Mir gefallen Abenteuer mit Indianern und Cowboys, oder solche mit Jungs, die einen Verbrecher jagen. Die Geschichte mit Tom und Huckleberry kenne ich fast auswendig, so oft habe ich sie schon gelesen.

Der Dirigent erscheint und das Publikum klatscht. Der alte Mann verbeugt sich vor uns, die Haare fallen ihm dabei ins Gesicht. Ich denke, wenn er eine Perücke trägt, rutscht sie ihm jetzt gleich vom Kopf. Papa hat mir Bilder von Musikern gezeigt, die komische Perücken tragen, obwohl sie selber auch Haare haben. Der Dirigent kommt so schnell aus der Verbeugung hoch, dass es alles wieder an den richtigen Ort zurückweht. Das gefällt mir. Ich hoffe, dass er sich noch einmal verbeugt, aber das tut er nicht. Er trägt einen Frack. Das Wort hat mir Papa beigebracht. Dieses Wort braucht man auch, wenn ein Schiff gesunken ist. Ich frage mich, wer sich alle diese Wörter überhaupt ausgedacht hat.

Der Dirigent hebt die Arme, die Geigen fliegen an die Hälse, die Flöten an die Lippen. Mein Vater lässt den Bogen über den Saiten schweben. Alle schauen zum Dirigenten hin, aber nicht in seine Augen, sondern zum Stöckchen in seiner rechten Hand. An dieser Stelle muss ich immer ein wenig lachen. Unsere Nachbarin hat einen Hund, der schaut genau gleich auf das Stöckchen, bevor sie es wegschmeisst, der Hund davonjagt und es wieder zurückbringt. Ich habe Papa einmal gefragt: »Was passiert, wenn der Dirigent sein Stöckchen fortwirft wie unsere Nachbarin?« Er hat gesagt, das wäre schlimm, weil dann würden alle Musiker einfach das spielen, was ihnen gerade so in den Sinn käme.

Beim Wenden der Notenblätter sehe ich, dass Papa sein Versprechen gebrochen hat. Er blättert die Seite mit dem Bogen von rechts nach links, und nicht so, wie ich es möchte: von links nach rechts. Er muss es vergessen haben. Oder er hat den Diri-genten gefragt, ob er rückwärts spielen dürfe, und der hat es ihm nicht erlaubt. Es gibt nur noch eine Hoffnung: Wenn dem Dirigenten das Stöckchen aus der Hand fällt, dann darf Papa machen, was er will.

Ich stupse Mama an und tippe gegen ihre Handtasche. Sie macht ein Zeichen mit der Nase, sie bewegt sie nach oben, sodass sie Falten bekommt. Das bedeutet, sie will mir den Taschenspiegel nicht geben. Ich lasse ganz viel Luft aus dem Mund entweichen, meine Lippen beginnen zu tanzen und machen dabei ein lustiges Geräusch.

Auf einmal merke ich, dass ich der Musik gar nicht mehr zuhöre, was etwas komisch ist, weil die Ohren ja keine Deckel haben. Papa hat einmal gemeckert, als wir zu laut waren und er ein Mittagsschläfchen halten wollte. Ich habe ihm gesagt, er solle nicht nur die Augen, sondern auch die Ohren schliessen. Er hat zuerst gelacht und mich dann ganz ernst angeschaut, wie ein Doktor, der herausfinden muss, wie die Krankheit seines Patienten heisst.

Ich versuche die Töne zu hören, die mein Papa spielt. Ich sehe genau, wie der Bogen über die Saiten streicht, wie er sich mit dem Oberkörper nach vorn und nach hinten und wieder nach vorn bewegt, aber ich höre seine Töne nicht. Nicht so wie zu Hause, wenn er übt, und ich ihm zuschaue: Dann kann ich die Töne sehen und gleichzeitig auch hören. Ich glaube, es macht gar keinen Unterschied, ob er spielt oder nicht, die Musik würde genau gleich klingen. Jetzt tut mir Papa ein wenig leid. Er hat so lange geübt, und niemand hört seine Töne.

Ich stupse Mama wieder mit dem Ellenbogen an. Sie öffnet die Handtasche und streckt mir den runden Spiegel entgegen. Ich stelle ihn auf das Foto des Komponisten im Programmheft. Der Mann sieht gequält aus, vielleicht sitzt ihm die Fliege auch zu eng. Oder er hat sich gerade überlegt, weshalb er Mahler heisst und nicht Musiker oder Notenschlüssel oder so. Ich halte das Spiegelchen in die Höhe. Der Herr mit den grauen Haaren ist direkt hinter uns. Ich sehe den roten Abdruck von Mamas Lippen auf seiner Wange. Ich drehe das Spiegelchen ein wenig: Nun sehe ich meine Schwester. Sie hat ihre Hände gefaltet wie beim Gebet in der Kirche. Vielleicht fürchtet sie sich so alleine im dunklen Wald. Jetzt strecke ich den Spiegel noch höher über den Kopf als vorhin und fuchtle damit herum wie der Diri-gent mit seinem Stöckchen. Die Gesichter fliegen durch die Luft, was mich zum Lachen bringt. Mutter zischt mich leise an und steckt den Spiegel in die Tasche zurück. Fast alles, was mir Freude macht, ist verboten. Sogar das Lesen unter der Decke mit der Taschenlampe. Mama und Papa haben Angst, dass ich keine Luft mehr bekomme und ersticke. Ich habe einmal leere WC-Rollen zusammengeklebt und als Lüftungsrohr benutzt, aber Mama hat gesagt, das Lesen unter der Decke bleibe trotzdem verboten. Sie hat es ins Rohr hineingesprochen, wie auf den alten Schiffen, da reden sie auch über Rohre miteinander. Das fand ich lustig. Ich habe ins Rohr gesagt, ich wolle nur noch das Kapitel fertig lesen, und das hat sie mir erlaubt.

Papa umarmt sein Cello, wie er manchmal Mama umarmt, wenn die beiden glauben, von uns nicht gesehen zu werden. Mir gefällt die Musik nicht, es ist zu laut. Vielleicht will der Herr Mahler, dass es einem nicht gefällt. Papa hat mal gesagt, das gibt’s tatsächlich, Musik, die niemandem gefallen soll. Das habe ich überhaupt nicht verstanden, aber ich habe genickt, damit es so aussieht, als würde ich nachdenken. Ich will nicht, dass Papa meint, sein Sohn verstehe nicht, was er ihm erklärt. Am Schluss der Konzerte sage ich immer, dass er schön gespielt habe, auch wenn ich nur sehe, dass er spielt, aber seine Töne gar nie richtig höre.

Ich muss an Tom Sawyer denken, wie er einen Kopfstand macht vor Beckys Garten. Wie er die ganze Welt verkehrt sieht. Und wie ihm das Mädchen ein Gänseblümchen über den Zaun zuwirft und ihn anlächelt. Becky mit ihren langen blonden Haaren, die sie immer zu zwei Zöpfen geflochten hat. Sie ist eine Prinzessin, wie meine grosse Schwester. Ich habe einmal zu ihr gesagt: »Schade, dass Papa kein König ist, sonst wärst du nämlich eine richtige Prinzessin!« Sie hat gesagt, wenn sie einen Prinzen heirate, werde sie automatisch zu einer Prinzessin, aber sie wolle gar keinen Prinzen heiraten, sondern einen Musiker, wie Papa einer sei. Mama ist Lehrerin, und ich bin mir schon jetzt sicher, dass ich keine Lehrerin heiraten möchte. Auch wenn ich nicht genau weiss, weshalb.

Nach dem Konzert warten wir, bis Papa mit seinem Cello nach draussen kommt. Es hat geregnet, am Himmel ziehen Wolken vorbei, die so schwer sind wie Elefanten. Das hat Mama einmal behauptet: Wolken seien gar nicht leicht wie Watte, sondern schwer wie Elefanten. Ich habe sie gefragt, woher sie das wisse, und sie hat geantwortet, sie habe es in einem Buch gelesen. Ich habe mir vorgestellt, wie jemand die Wolken auf eine Waage legt, und dabei habe ich gemerkt, dass etwas nicht stimmen kann.

Ich ziehe die Fliege aus und versuche in einer Wasserlache zu erkennen, ob meine Haare noch am richtigen Ort sind. Die Leute gehen an uns vorbei, viele schauen zum Himmel hinauf. Ich weiss nicht, ob sie wissen, wie man Wolken wiegt, aber ich will sie nicht danach fragen. Ich wippe auf den Füssen hin und her, freue mich über die schmatzenden Geräusche. Mama boxt mich gegen die Schulter und sagt, ich solle aufhören. Der Mann mit den grauen Haaren bleibt bei ihr stehen, sie reden über das Konzert, sie haben es beide toll gefunden. Er zwinkert mir zu und fragt, ob es mir auch gefallen habe. Ich schüttle den Kopf und flattere mit den Händen in der Luft herum. Mama erzählt dem Mann, ich hätte gewünscht, dass mein Papa alles rückwärts spiele. Er lacht auf, schaut zu mir hin und sagt: »Du bist aber ein schräger Vogel!« Ich weiss nicht, was ein schräger Vogel genau ist, ich habe noch nie einen gesehen, aber es ist mir klar, dass es nichts Gutes sein kann.

Ich zupfe an der Bluse meiner Schwester und zeige ihr, wie sich unsere Mama und der Mann mit den grauen Haaren in einer Wasserlache spiegeln. Sie nimmt mich bei der Hand, und wir laufen mit stampfenden Schritten durch die Pfützen. Mama schimpft uns aus, wegen unseren nassen Hosen und den schmutzigen Schuhen. Jetzt kommt Papa mit seinem Cello nach draussen und macht ein Gesicht, als möchte er auch am liebsten in eine Wasserpfütze springen.

 

Mappamondo

Im selben Moment, als er in seiner Kaffeetasse rührt, zweimal rechts herum, einmal links herum, den Blick über die Tische und Köpfe schweifen lässt, das Löffelchen kurz in den Mund steckt und an seinen Platz zurücklegt, schreibt ein junger Lette an der Küste von Jūrmala die letzten Buchstaben seiner Liebesworte in den Sand. Ebenfalls in diesem Augenblick verletzt sich im rumänischen Turda ein Mann beim Zwiebelschneiden am Zeigefinger der linken Hand, während in River Falls, einer kleinen Stadt in Wisconsin, eine noch minderjährige Frau das Haus ihrer Eltern verlässt, um sich mit ein paar Dollar nach New York durchzuschlagen.

Er schiebt die Kaffeetasse ein wenig zur Seite, blättert durch die Abendzeitung, liest die Schlagzeilen, schaut sich die bunten Bilder an, bleibt da und dort kurz hängen, studiert sein Horoskop. Als er die Zeitung weglegt und wieder nach der Tasse greift, beginnt ein Tankstellenbesitzer in Caserta, einem Ort in der italienischen Provinz Campania, sein Radio, in dem eben noch Glenn Millers ›Chattanooga Choo Choo‹ zu hören gewesen ist, mit dem Hammer in kleinste Stücke zu zerschlagen, derweilen einige Kilometer vor der mongolischen Stadt Tschoibalsan ein Knabe in das eiskalte Wasser des Cherlens stürzt und im Dorf Himeshima auf der japanischen Insel gleichen Namens eine verwitwete Frau aus einem Albtraum aufschrickt, in dem ihr Mann, eine grüne Krähe und ein verfaulter Kürbis vorgekommen sind.

Als sein Mobiltelefon piepst und er die Nachricht seiner Frau liest, er solle bitte auf dem Nachhauseweg ein Brot kaufen, ein dunkles und nicht zu grosses, beginnt in einem kleinen Dorf nahe der chilenischen Stadt Quellón ein Mädchen seine Katze zu suchen, und weit davon entfernt, im Armenviertel der senegalesischen Stadt Saint-Louis, findet ein Junge hinter einer umgekippten Mülltonne einen verängstigten Hund und nimmt ihn mit zu sich nach Hause.

Er hebt die Kaffeetasse an, trinkt einen Schluck, setzt sie auf das Tellerchen zurück, schaut durch die grossen Scheiben der Schiebetüren den Autos und Radfahrern auf der Länggasse zu. Er schüttet nochmals ein wenig Zucker in den Kaffee und beobachtet, wie sich vier Männer im Pensionsalter in der Ecke an einen Tisch setzen, wie sie den Jassteppich ausbreiten, wie einer die Karten verteilt, ein anderer die Hand mit vier ausgestreckten Fingern in die Höhe reckt.

Er schaut auf die Uhr, bald muss er aufbrechen. Genau jetzt reicht die dunkelhaarige Lettin dem jungen Mann an ihrer Seite ein Taschentuch und sagt mit Blick auf das Meer, dass sie einen anderen liebe. Der Tankstellenbesitzer erklärt seinem Kollegen, die Melodie von Glenn Miller habe böse Erinnerungen in ihm geweckt. Und die junge Frau aus Wisconsin wird von ihrer Mutter schimpfend zurück nach Hause gebracht.

Er trinkt einen weiteren Schluck, bewegt den Kopf ein wenig hin und her, um die pochenden Schmerzen hinter der Stirn zu vertreiben, die Folgen eines mühsamen Arbeitstages. Er wickelt das Schokolädchen aus dem lilafarbenen, knisternden Papier, auf dem das Matterhorn abgebildet ist, legt sich die Süssigkeit auf die Zunge, bewegt sie in der Mundhöhle leicht auf und ab, um den Schmelzprozess etwas zu beschleunigen, während der Kellner vier grosse Biere an den Tisch mit den jassenden Männern bringt, der Knabe gerade noch von seinem Bruder aus dem Wasser des Cherlens gezogen wird und der verängstigte Hund im Armenviertel von Saint-Louis wieder davonjagt und durch die Gassen streift.

Er legt das Geld auf den Tisch, steht auf, winkt dem Kellner, tritt auf den Gehsteig hinaus, überquert die Länggassstrasse und kauft in der Bäckerei ein Pfund dunkles Brot. Als er der Verkäuferin das abgezählte Geld reicht, streichelt die Witwe auf der japanischen Insel eine vergilbte Fotografie ihres Mannes und schlummert mit einem müden Lächeln wieder ein.

Er geht mit leichten Schritten durch den Lerchenweg und weicht einer Kinderschar aus, die ihm plaudernd und lachend entgegenkommt. In der Freiestrasse rollt ein Pappbecher über den Gehsteig, er kickt ihn zur Seite. Erst jetzt nimmt er wieder die Süsse der Schokolade auf seiner Zunge wahr, und weiter hinten den bitteren Nachgeschmack des Kaffees. Er steckt den Schlüssel in das Schloss der Haustür, fischt die Zeitung und ein paar Umschläge aus dem Briefkasten und tritt in den dunklen Flur, steigt die vier Stufen hoch und geht die Post durch, überfliegt die Titelseite der Zeitung, öffnet die Wohnungstür, ruft »Hallo« ins Leere hinaus und wartet auf das Echo seiner Frau. »Hallo!«, kommt es sofort zurück. »Die Kinder sind im Garten, hast du das Brot mitgebracht?«

»Ja, klar.«

Er schaltet das Radio ein und schaut nach draussen. Der Junge und das Mädchen spielen mit einem Ball. Ihre hellen Stimmen dringen durch die geschlossenen Fenster gedämpft ins Innere der Wohnung. Er legt das Brot auf den Tisch, nimmt sich ein Glas vom Abtropfgestell, füllt es unter dem Wasserhahn randvoll, lehnt gegen die Küchenkombination und trinkt das Glas in kleinen Schlucken leer.

Im Radio wird über den Krieg in Syrien gesprochen.

Seine Frau kommt aus dem Badezimmer, gibt ihm einen Kuss auf die Wange. »Wie war die Arbeit?«

Er presst die Lippen zusammen und wiegt den Kopf. Von draussen ist ein Kreischen zu hören, die Kinder streiten sich um den Ball, beide zerren daran, als wollten sie ihn in zwei Hälften reissen. Die Frau rollt mit den Augen und sagt, so gehe es bereits den ganzen Nachmittag. Er stellt das Glas auf die Anrichte, gibt seiner Frau einen Kuss, schaut sie von ganz nahe an. »Du schielst«, sagt er und streicht ihr übers Haar.

»Muss ich, sonst sehe ich dich nicht.« Sie stösst ihn entschieden, aber nicht unfreundlich weg. »Wo warst du so lange?«

»Ich habe einen Kaffee getrunken, im Mappamondo.«

»Aha.«

»Jetzt bin ich hier.«

»Du, gestern Abend im Tram … auf dem Heimweg von der Chorprobe …«

»Was war da?«

»Ein junges Pärchen hat sich gestritten … so richtig gestritten. Aber sie haben bloss geübt … für ein Theaterstück!«

Das Mädchen kommt weinend in die Küche. Die Mutter umarmt ihre Tochter und fragt, was sie kochen solle, sie dürfe es ganz alleine entscheiden. Der Junge ist im Garten geblieben und versucht immer wieder, mit dem Fuss den Ball möglichst lange in der Luft zu halten. Der Vater geht zu ihm nach draussen.

Die Kleine schaut zu ihrer Mutter hoch. »Am liebsten Pizza … hm … oder nein … Fischstäbchen mit viel Spinat … weil ich Spinat mag, und der da« – sie zeigt auf ihren Bruder – »der da überhaupt nicht.«

»Dann vielleicht lieber Pizza«, sagt die Mutter. »Hilfst du mit?« Das Mädchen schüttelt den Kopf, es habe Schulaufgaben zu erledigen. Schnell steht es auf und verschwindet in seinem Zimmer. Die Mutter nimmt den Teig aus dem Kühlschrank, rollt ihn auf dem Blech aus, schaut dabei zu, wie ihr Mann mit dem Sohn spricht und wie sie dann gemeinsam üben, mit dem Ball zu jonglieren.

Als sie die Büchse mit den Tomaten öffnet, hört sie, dass das Waffenembargo gegen Syrien aufgehoben werden müsse, weil die Rebellen dringend Unterstützung bräuchten. Sie tippt sich durch die Sender, bleibt bei einer Jazzballade hängen und stellt das Radio etwas lauter.

Das Mädchen taucht wieder auf. Es sei schon fertig mit den Hausaufgaben, es wolle nun die Pizza belegen. Es setzt sich an den Tisch. Im nächsten Moment stürmt der Junge in die Küche, er habe es endlich zehnmal hintereinander geschafft, den Ball nicht auf den Boden fallen zu lassen. Das Mädchen streckt die Zunge heraus, die Mutter ruft: »Toll!« und drückt ihm eine Peperoni in die Hände. »Bitte waschen und in Streifen schneiden!«

Der Mann sagt, es sehe nach Gewitter aus, aber hier drinnen scheine ja die Sonne, ob er sich am Werk beteiligen dürfe? Seine Frau sagt, er solle den Tisch decken, zu viele Köche aufs Mal halte sie nicht aus. Er macht andeutungsweise einen Knicks, der Junge grinst und müht sich weiter mit der Peperoni ab.

Der Mann stellt das Radio leiser und nimmt vier Teller aus dem Schrank, stellt vier Gläser, vier Messer und vier Gabeln auf den Stapel. Seine Frau gibt ihm mit dem Kopf ein Zeichen, zu den Kindern zu schauen, die konzentriert an der Arbeit sind. Der Mann sagt, sie habe vorhin etwas erzählen wollen, über das junge Paar im Tram.

Sie schaut noch immer ihren Kindern beim Gemüseschneiden zu. »Oh, ja, ich … ich habe mich gefragt … wo die Grenze ist zwischen dem richtigen Leben … und dem Mitmachen in einem Stück, das vorgegeben ist. Verstehst du, was ich meine?«

Er lächelt und beugt sich zu ihr hin, um ihr leise etwas zu sagen – ein Glas rutscht vom Stapel, er versucht es mit dem Fuss vor dem harten Aufprall zu bewahren, dabei geraten die Teller vollends in Schieflage, das Besteck fliegt klirrend durch die Luft, das Glas springt von seinem Schuh auf den Boden und zerbricht mit einem lauten Knall.

»Nun gut!«, ruft sie. »Das ist auch eine Antwort!«

»Ja, nicht wahr?« Der Mann stellt die Teller auf die Anrichte. Der Junge hält sich die Hand vor den Mund, um das Lachen zu unterdrücken. Das Mädchen schaut nur kurz auf und lässt den Kopf wieder sinken.

»Keine Bewegung jetzt!«, befiehlt die Mutter. »Sonst verletzt ihr euch an den Füssen!« Der Mann nimmt Schaufel und Kehrbesen, geht in die Hocke und beginnt, die Scherben zusammenzuwischen.

Wenige Momente später fallen erste Hagelkörner in die Blumenbeete, schlagen kleine Mulden in den Sandkasten und prallen mit einem Plopp von der Plache ab, welche die Gartenmöbel bedeckt, während das Mädchen im kleinen Dorf nahe der chilenischen Stadt Quellón noch immer verzweifelt seine Katze sucht und sich in den Adern des Zwiebeln schneidenden Mannes unbemerkt eine tödliche Blutvergiftung anbahnt.

Der Junge rennt zum Fenster. »Es hagelt!«, ruft er begeistert. »Und der Himmel ist ganz schwarz!«

Das Mädchen stellt sich neben ihn hin, links der Kinder schliesst sich die Mutter an, rechts der Vater: So stehen sie in einer Reihe und schauen durch das Fenster nach draussen.

 

Dinosaurier

»Die Spatzen und Amseln und so, das waren mal riesige Monster!«

Felix streckt seinen Plastiksaurier direkt vor mein Gesicht und fliegt mit ihm eine Runde durchs Zimmer.

»Dinosaurier werden zu kleinen Spatzen. Geht das wirklich?«, frage ich ihn.

»Früher haben Pferde die Kutschen gezogen. Weil es noch keine Motoren gab. Kapiert?«

Ich nicke und denke: Was hat das mit den Spatzen zu tun?

Felix redet schon wieder: »Heute fahren alle Auto. Bei den Tieren ist es genau gleich. Die Dinosaurier sind tot. Aber die Vögel leben noch. Das nennt man Evolution.«

»Aha, so ist das! Kapiert!«, gebe ich zurück.

Meine Lehrerin sagt immer, wir sollten Schneemänner nicht mit Eisbären verwechseln. Aber Felix redet über Kutschen, wenn er eigentlich Dinosaurier meint. Im Kopf drin sehe ich einen Saurier, der Auto fährt. Ich muss grinsen.

Felix knurrt mich an. »Das verstehst du nicht. Weil du noch zu klein bist.« Er streckt sein Plastikmonster wieder vor meine Nase und brüllt laut dazu.

Ich sage: »Deine Dinosaurier sind mir egal!«

»Du bist doof! Dinosaurier sind super, weil es sie nicht mehr gibt!«

Ich verstehe nicht, was er damit meint. Und ich habe überhaupt keine Lust, darüber nachzudenken. Ich höre Papa nach Hause kommen. Er stellt den Cellokoffer in den Flur und zieht sich die Jacke aus. Dann geht er in die Küche und setzt sich auf einen Stuhl. Ich kenne jedes Geräusch und sehe sofort das passende Bild dazu. Ich höre ihn über das Wetter schimpfen. Das überrascht mich. Sonst schimpft er über die Leute, die über das Wetter schimpfen. Ich muss ihm sagen, dass er über sich selber schimpfen muss, weil er jetzt auch einer ist, der über das Wetter schimpft. Ich freue mich darauf, wie ich ihm beim Nachdenken zuschauen kann, wie er die Augen klein macht und dann vielleicht sagt: »Na, das hast du schön beobachtet!«

Felix spielt immer noch Krieg. Er lässt den Saurier durch die Luft fliegen und abstürzen. Und dann kickt er gegen meinen Ball, den ich fast nie brauche. Auf dem Pausenplatz schauen wir manchmal den anderen beim Fussballspielen zu. Felix ist zwei Klassen über mir. Ich glaube nicht, dass er viele Freunde hat. Er würde bestimmt gerne mitspielen, aber sie lassen ihn nicht. Vielleicht denkt er dasselbe über mich. Ich weiss es nicht, und es ist mir zu blöd, ihn zu fragen.

Felix sagt: »Komm, jetzt zeichnen wir Dinosaurier!«

Ich habe keine Lust, Monster zu malen, die ausgestorben sind. Trotzdem stehe ich auf, hole Papier und Filzstifte von meinem Pult.

Mama streckt den Kopf ins Zimmer. Sie sagt: »Wenn die Herren Durst haben, können sie gerne in der Küche einen Sirup trinken.« Sie meint es lustig, aber wir lachen beide nicht, und ich sage: »Wir haben keine Zeit, wir müssen etwas zeichnen.«

Es regnet wie aus Eimern. Die Wassertropfen schlagen gegen die Fensterscheiben. Mir gefällt dieses Geräusch. In der Wiese vor dem Haus hat sich ein kleiner See gebildet. Ich bin froh über das schlechte Wetter, sonst hätte uns Mama schon längst nach draussen geschickt. Aber ich mag nicht auf Bäume klettern oder Ameisen zertreten, wirklich nicht. Schon gar nicht mit Felix. Ich weiss, dass er bei seiner Mutter wohnt. Sein Vater ist Pilot in Alaska. Felix behauptet, er fliege Fische nach Amerika, die später bei McDonalds und so gegessen werden.

Ich rufe: »Hey, Felix, dein Papa ist ein Flugsaurier!«

Er zeichnet einen Monsterkopf mit riesigen Zähnen. Sein Papa sei in Amerika berühmt, wegen der Kunststücke. Manchmal fliege er die ganze Zeit auf dem Rücken. Erst kurz vor dem Landen drehe er das Flugzeug wieder richtig herum. »Das getraut sich sonst niemand!«, ruft Felix. »Nur mein Vater!«

Er macht mit dem Filzstift in der Hand eine grosse Kreis-bewegung. Wie meine Schwester und ich am 1. August mit den bengalischen Zündhölzern. »Solche Loopings! Kapierst du?«