Die Autorin

Sontje Beermann – Foto © privat

Sontje Beermann ist Personalleiterin und lebt mit ihrer Familie im Herzen des Ruhrgebiets. Das Schreiben ist seit Teenagerzeiten ihre größte Leidenschaft. Ihre facettenreichen, romantischen Geschichten würzt sie am liebsten mit Humor, Musik und ab und zu einer Prise aufregendem Prickeln. Die Autorin schreibt und veröffentlicht seit 2016 erfolgreich Romane, die ans Herz und unter die Haut gehen, weil sie an die großen Gefühle und Chancen im Leben glaubt.

Das Buch

Eine malerische Insel, die Weite der Nordsee und eine neue Liebe

Runa ist zufrieden mit ihrem Leben in Hamburg und ihrer eigenen Kanzlei. Doch als ihre Mutter ins Krankenhaus eingeliefert wird, muss sie in der elterlichen Pension Haus Dünenblick auf Helgoland einspringen. Die Lage vor Ort ist ernster als gedacht und sie braucht dringend einen Plan zur Rettung der Pension. Dabei kommen ihr die sympathischen Annäherungsversuche ihres Gastes Felix gar nicht gelegen, obwohl sie sich zu dem Autor hingezogen fühlt.

Paula plant, sich auf Helgoland eine Zukunft aufzubauen. Sie mietet sich bei Runa ein, um sich ein Hotel anzusehen, das zum Verkauf steht. Sie möchte ihren Eltern zeigen, dass sie auf eigenen Beinen steht und nicht auf das Familienunternehmen angewiesen ist. Doch im Zuge ihrer Recherchen entdeckt sie, dass einigen Hotelinhabern auf der Insel übel mitgespielt wird, unter anderem auch Runas Familie. Die beiden Frauen müssen sich zusammentun, um den Ruf der alteingesessenen Familien auf der Insel zu retten.

Sontje Beermann

Die kleine Pension Dünenblick

Ein Küstenroman

Forever by Ullstein
forever.ullstein.de

Originalausgabe bei Forever
Forever ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
Januar 2020 (1)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2020
Umschlaggestaltung:
zero-media.net, München
Titelabbildung: © FinePic®
Autorenfoto: © privat
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ISBN 978-3-95818-505-0

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Kapitel 1

Runa


»Moin, Runa, mien Deern. Dr. Uhlemann am Apparat, Paracelsus-Klinik Helgoland.«

Ein kalter Schauder lief ihren Rücken hinauf, und sie umklammerte den Telefonhörer eine Spur fester. Eine Flut von Horrorszenarien zog an ihrem geistigen Auge vorbei und hinterließ einen trockenen Hals. Sie rollte die Zehen in ihren Pumps ein. Ihre Mutter war zurzeit allein zu Hause, dieser Anruf konnte nur eines bedeuten.

Runa Eggers räusperte sich und rief sich zur Ordnung. »Guten Tag, Dr. Uhlemann! Was ist passiert? Wie schlimm ist es?«

»Keine Angst«, wiegelte der Arzt ab, »deiner Mutter geht es so weit gut. Sie ist vor zwei Stunden gestürzt und wurde mit einem gebrochenen Oberschenkelhals eingeliefert. Wir haben die Erstversorgung übernommen und sie stabilisiert, aber zur Operation wird sie gleich von der Luftrettung ins WKK Heide überführt.«

»Um Himmels willen«, murmelte sie und griff sich an den Hals. Die Finger fanden die lange Perlenkette, die sie nur im Büro trug, und verhakten sich darin.

»Wirklich, Runa, du musst dir keine Sorgen machen. Wir geben dem SAR sämtliche Unterlagen und Befunde für die Kollegen im Westküstenklinikum mit. Sie wird gleich morgen früh operiert.«

»Und dann?«

»Das besprich bitte mit den Kollegen vor Ort.«

»Gut, vielen Dank!«

»Keine Ursache. Schau doch mal wieder auf einen Schnack vorbei, wenn du auf der Insel bist. Alles Gute!«

»Mach ich, danke«, murmelte sie, obwohl er bereits aufgelegt hatte.

Runa legte ebenfalls den Hörer auf und schluckte. Das hatte ihr gerade noch gefehlt! Ihre Mutter fiel die nächste Zeit aus, ihr Vater würde erst in zwei Wochen aus der Reha zurückkehren. Haus Dünenblick war somit führerlos.

Zwei Sekunden lang starrte sie auf den Bildschirm, dann stand sie von ihrem Schreibtisch auf, verließ ihr Büro und eilte zum Waschraum, den sie sich mit ihrer Partnerin und den Angestellten teilte. Sie spritzte sich zwei Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht, presste das Handtuch darauf und schloss die Augen.

Ihr Kopf kam wieder in Gang, die ersten Rädchen griffen ineinander.

Sie ließ das Handtuch sinken, hängte es auf und musterte sich im Spiegel. Eine Strähne ihres mittelblonden Haares hatte sich aus dem Nackendutt gelöst, und sie steckte sie zurück an ihren Platz. Ihre Hände zupften den Kragen ihrer Bluse zurecht, glätteten den dunklen Rock und blieben auf dem Rand des Waschbeckens liegen. Es half nichts, sie musste einiges neu organisieren.

Runa atmete tief durch und verließ den Waschraum auf direktem Weg zu ihrer Büroleitung. »Sandra, ist Suse schon vom Prüfungstermin bei Hansen zurück?«

»Nein, sie meinte, sie komme nicht vor vier wieder rein.«

Runa schürzte die Lippen. »Okay, dann muss ich sie später anrufen. Ich muss ins Krankenhaus.«

Sandra Kröger riss die Augen auf. »Ist etwas passiert? Mit Stefan?«

Sie winkte ab und schüttelte den Kopf. »Nein, meine Mutter. Oberschenkelhalsbruch. Sie wird gerade von der Luftrettung Helgoland nach Heide überführt.«

»Ach du Schande! Kann ich irgendwie behilflich sein?«

»Ich befürchte, wir müssen die nächsten Tage einiges umorganisieren, aber ich melde mich später dazu.« Runa ging zurück in ihr Büro und ließ sich in den Chefsessel fallen. Nach einem Seufzer räumte sie die Unterlagen des Mandanten zusammen, bei dem eine ihrer Angestellten letzte Woche den Jahresabschluss durchgeführt hatte, schloss alle Dokumente und fuhr den Computer runter. Der Laptop wanderte mit einigen Papieren in ihre Arbeitstasche, dann ließ sie noch einmal den Blick über den penibel aufgeräumten Schreibtisch wandern und schlüpfte in ihren Trenchcoat. Wenn ihr Bauchgefühl sie nicht trog, würde sie frühestens in zwei Wochen zurückkehren.

Sie eilte durch die Automatiktüren und erreichte den zentralen Besucherempfang, nannte ihren Namen und fragte nach ihrer Mutter.

Die Dame dahinter konsultierte ihren Computer und hob den Kopf. »Ihre Mutter befindet sich noch in der Aufnahme. Sie können gerne schon auf die Station hochgehen, ich gebe den Kollegen Bescheid.«

Runa ließ sich den Weg erklären, bedankte sich und fuhr mit dem Aufzug hinauf. Gegen die Wand der Kabine gelehnt gestattete sie sich einen Augenblick der Schwäche und atmete mehrmals tief durch. Sie wusste, sie musste es tun, trotzdem rumorte dieses ungute Gefühl in ihrem Bauch.

Die Stationsleitung bat sie, im Wartebereich Platz zu nehmen, bis ihre Mutter in ihr Zimmer gebracht wurde. »Dr. Bennsen holt Sie dann ab«, ergänzte sie und schenkte Runa ein beruhigendes Lächeln.

»Gut, vielen Dank!« Sie rückte den Schulterriemen ihrer Handtasche zurecht und marschierte in das Wartezimmer hinüber. Glücklicherweise war sie allein mit dem Fernseher, auf dessen Bildschirm ein Nachrichtensender lief. Die innere Unruhe zwang sie zum Fenster, ans Sitzen konnte sie nicht einmal denken. Also lehnte sie die Stirn gegen das Glas und sah hinaus auf die Stadt und den schmalen Streifen blaugraue Nordsee am Horizont. Eine gefühlte Ewigkeit lang.

»Frau Eggers?«

Runa wandte sich zu der weiblichen Stimme um und blinzelte. »Ja?«

»Guten Tag, ich bin Dr. Bennsen.« Die groß gewachsene Brünette in OP-Kleidung und weißem Kittel trat mit ausgestreckter Hand auf sie zu.

»Runa Eggers.« Sie erwiderte den Händedruck. »Wie geht es meiner Mutter?«

»So weit gut, wir bereiten sie für die OP vor.«

»Jetzt schon?« Sie riss die Augen auf.

»Ja, wir wollen keine Zeit verlieren und Ihrer Mutter unnötige Schmerzen ersparen.«

»Ich hatte mit morgen früh gerechnet und muss noch mit ihr sprechen.«

»Das ist kein Problem, deswegen bin ich hier. Kommen Sie!« Dr. Bennsen wies zur Tür und eilte voran. Auf dem Weg überhäufte sie Runa mit medizinischen Fachausdrücken und detailreichen Informationen zur anstehenden Operation. Sie verstand nur, dass es ein Standardeingriff war und sie nicht mit Komplikationen rechneten. »Ihre Mutter hat eine gute Konstitution und wird sich schnell erholen.«

»Muss sie danach zur Reha?«

»Ja. Nach der OP bleibt sie noch eine gute Woche hier, danach steht die schnellstmögliche Mobilisierung an erster Stelle.«

»Was genau bedeutet das?«

»Dass sie von hier aus direkt zur Reha-Maßnahme transportiert wird.«

»Und wohin?«

»In die ENDO-Klinik Hamburg–Altona, ich habe bereits einen Platz anfragen lassen.« Die Ärztin öffnete eine Zimmertür und ließ Runa den Vortritt. »Sie haben zehn Minuten, dann holen wir Ihre Mutter ab.«

»Vielen Dank!« Runa lief zum Bett und ließ sich auf die Bettkante sinken. Ihre Mutter wirkte klein und blass in dem OP-Hemd und zwischen der Krankenhausbettwäsche.

»Ach, Runa, mein Kind«, sagte Petra Eggers seufzend und setzte ein gezwungenes Lächeln auf. »Es tut mir so leid.«

Runa ergriff ihre Hand und drückte sie. »Schon gut, Mama, du kannst doch nichts dafür. Was ist denn genau passiert?«

Petra schloss kurz die Augen. »Ich wollte die Apartments im ersten Stock vorbereiten, Freitag und Samstag kommen die nächsten Gäste. Und da habe ich wohl die oberste Stufe verpasst.« Sie zuckte die Schultern. »Ich kann froh sein, dass Marie gerade nach Hause kam und mein Geschrei gehört hat.«

Runa dachte an die Nachbarstochter im Teenageralter, ein schüchternes Mädchen mit Brille, und schließlich an Haus Dünenblick. »Mama, wir müssen den Gästen absagen, solange du hier bist. Oder zumindest bis Papa aus der Reha zurückkommt.«

»Aber wie stellst du dir das vor?« Petra wurde eine Spur blasser. »Es geht um unseren Lebensunterhalt, wir können keinem einzigen Gast absagen. Sie werden seit letztem Jahr ohnehin immer weniger.«

Runa runzelte die Stirn. »Davon habt ihr mir gar nichts gesagt.«

»Wir wollten dich nicht beunruhigen.«

»Und nun? Wie soll es weitergehen?«

»Ruf Silke an, sie wird sich bestimmt vorübergehend um die Pension kümmern.«

Sie stöhnte und schloss für einen Augenblick die Augen. Maries Mutter arbeitete in Teilzeit bei der Inselverwaltung und hatte auch so genug zu tun. »Mama, das schafft Silke nicht neben Job und Familie. Das kannst du ihr nicht zumuten.«

»Dann bleibt nur noch eine Person, die uns helfen kann.« Ihre Mutter starrte sie an.

»Unsere Steuerkanzlei ist bestens ausgelastet, ich habe nicht mal Zeit für einen freien Tag.«

»Runa, das ist ein Notfall! Du wirst sicherlich mit deiner Partnerin etwas arrangieren und einen Teil der Arbeit übers Internet erledigen können, oder? Heutzutage ist doch so vieles möglich.«

Ihr Magen krampfte sich zusammen, während sie den Blick ihrer Mutter erwiderte und schwieg.

»Muss ich dich etwa um Hilfe anbetteln?« Petras Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Ungläubigkeit und Frust. »Du bist unser einziges Kind!«

Verdammt, wenn es doch nicht ausgerechnet Helgoland wäre! Runa sackte in sich zusammen und seufzte. »Nein, natürlich musst du nicht betteln. Ich fahre gleich morgen früh mit dem Halunder Jet, die Fahrkarte habe ich bereits online gekauft.«

»Warum machst du dann so ein Gewese?«

»Weil ich nur nach dem Rechten schauen wollte. Aber wie es aussieht, werde ich wohl dort festsitzen, bis Papa wieder da ist.«

Petras Züge wurden weich, sie griff nach der Hand ihrer Tochter. »Genieß die Zeit in deiner Heimat, du warst schon ewig nicht mehr länger als zwei Tage da.«

Runa dachte an die Häuser aus den Siebzigern, die engen Gassen ohne Autoverkehr, die Abgeschiedenheit. Da war es wieder, dieses mulmige Gefühl.

»Ich werde es versuchen«, stieß sie hervor und nahm ihre Handtasche auf den Schoß, kramte ihren altmodischen Organizer heraus. »Aber jetzt brauche ich noch ein paar Informationen.«


Punkt neun Uhr legte der Halunder Jet von den Landungsbrücken ab und fuhr die Elbe hinauf. Der nagelneue Katamaran der Helgoline konnte täglich knappe siebenhundert Passagiere nach Helgoland und zurück befördern und bot ihnen dabei jeden erdenklichen Komfort. Das alte Modell war eine Alternative zum Ausbooten zwischen Hauptinsel und Düne gewesen, doch die Zeit der Börteboote war längst vorbei. Die Seebäderschiffe legten inzwischen alle im Südhafen an, genauso wie der Halunder Jet.

Sobald sie auf ihrem Platz angekommen war, hatte Runa den Laptop vor sich auf dem schmalen Tisch aufgebaut und das E-Mail-Programm gestartet. Die zwei Stunden bis Cuxhaven wollte sie ihren Internetempfang noch ausnutzen und alles Nötige in die Wege leiten. Sie verfasste E-Mails an einige ihrer Angestellten und delegierte so viele Aufgaben wie möglich. Ihre Partnerin und Freundin Suse bat sie, einige Kundentermine zu übernehmen, und versprach, sie am Abend anzurufen.

Dazu hatte ihr gestern die Zeit gefehlt. Während ihre Mutter im OP lag, war sie nach Hause gedüst, hatte einen Koffer für zwei Wochen gepackt und ihre Nachbarin über ihre Abwesenheit informiert, damit sie sich um ihre wenigen Pflanzen kümmerte. Außerdem hatte sie Silke, der Nachbarin von Haus Dünenblick, eine Nachricht geschickt, wann sie am nächsten Tag ankam.

Am späten Abend hatte sie im WKK Heide angerufen, um mit ihrer Mutter die letzten Details zu klären und mit der Ärztin zu sprechen. Die Operation war gut verlaufen, und Petra Eggers saß bereits wieder aufrecht im Bett, ein spätes Abendessen vor sich auf dem hochgeklappten Tischchen des Nachtschranks. Trotzdem würde sie erst in gut zwei Monaten nach Hause zurückkehren.

Danach war Runa nur noch erschöpft ins Bett gefallen.

Auch ihrem Freund Stefan versprach sie ein Telefonat am Abend. Sie waren seit über einem Jahr zusammen, und trotzdem konnte sie sich noch immer nicht an diese Bezeichnung gewöhnen. Das sagte man in ihrem Alter doch gar nicht mehr, oder?

Gut, dann eben Partner. Aber auch das fühlte sich falsch an, schließlich wohnten sie nicht zusammen und trafen sich nur am Wochenende. Er war Teilhaber einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und unter der Woche fast immer unterwegs. Selbst wenn er in seinem Hamburger Büro saß, war er genauso eingespannt wie sie.

Als sie in Cuxhaven ablegten, fuhr sie den Laptop runter, verstaute ihn in der Tasche und lehnte sich zurück. Ein Kellner blieb neben ihr stehen, fragte nach ihren Wünschen, und sie bestellte sich Kaffee und Orangensaft.

Ihr Blick schweifte zum Fenster hinaus, auf die Nordsee und den noch diesigen Himmel, doch die Sonne kämpfte sich bereits hindurch. Die Dünung war minimal und im Katamaran nicht zu spüren. Erst recht nicht, als er die Geschwindigkeit erhöhte und die Überfahrt zu Deutschlands einziger Hochseeinsel in Angriff nahm. Zu dem Ort, an dem sie geboren worden und aufgewachsen war. Und den sie nach der zehnten Klasse gar nicht schnell genug hatte verlassen können.

Nach dem Kaffee lehnte Runa sich zurück, schloss die Augen und döste, bis die Durchsage die Ankunft in Helgoland ankündigte. Sie setzte sich auf, rieb sich das Gesicht und trank ihren Orangensaft aus. Kaum begann das eigentliche Anlegemanöver, sprangen die Mitreisenden auf, zogen sich an und begaben sich mit ihrem Gepäck zum jeweiligen Ausgang. Sie schmunzelte nur darüber und blieb so lange wie möglich sitzen. Das war der Einfluss ihrer Kindheit und Jugend auf Helgoland, sie ließ sich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen. Niemals.

Auf dem Kai erwartete sie strahlender Sonnenschein, und viele der mit ihr angereisten Touristen öffneten ihre Jacken wieder oder zogen sie sogar aus. Auch das entlockte ihr ein Schmunzeln. Dieser Bereich des Hafens war geschützter, aber um die nächste Ecke konnte es wieder anders aussehen. Wind gab es hier immer, mehr oder weniger.

Die kurze Wartezeit nutzte sie, um die Seeluft tief einzuatmen. Der Wind stand günstig und trieb den Geruch des Schiffsdiesels von ihr weg, sodass sie das Meersalz förmlich auf der Zunge schmecken konnte. Wenn sie die Augen schloss und dem Rauschen der Wellen lauschte, die von außen gegen die Hafenschutzmauern schlugen, konnte sie sogar die Urlaubsatmosphäre spüren.

Runa nahm den Trolley mit der linken Hand und marschierte Richtung Ortsmitte im Unterland. Der Passagierstrom bog am Wasser- und Schifffahrtsamt um die Ecke, und schon wehte ihnen eine steife Brise entgegen. Um sie herum zogen die Urlauber die Reißverschlüsse wieder bis zum Kinn hoch.

Die Fischkutter am Westkai zur Rechten, führte der Weg durch das Hafengewerbegebiet und vorbei an den Hummerbuden, die noch nicht alle geöffnet waren. Die Sommersaison begann erst am ersten April, und die Seebäderschiffe würden aufgrund des Winterfahrplans erst etwas später eintreffen. Der Andrang der Tagestouristen komprimierte sich somit auf wenige Stunden am Nachmittag. Ein paar Möwen kreisten und kreischten über ihnen und bei dem Anblick musste Runa grinsen. Die Seevögel wussten genau, wann sie den Urlaubern ein Fischbrötchen aus der Hand reißen konnten.

Vor dem Fahrstuhl zum Oberland hatte sich bereits eine kurze Schlange von Urlaubern und ihren Koffern gebildet, doch nicht einmal fünf Minuten später betrat auch sie die Kabine. Runa bezahlte das geringe Beförderungsentgelt bei einem älteren Mann, der ihr vage bekannt vorkam und sie kurz aus zusammengekniffenen Augen musterte. Vermutlich einer der einheimischen Rentner, die die Tätigkeit als Fahrstuhlführer im Ehrenamt oder auf Minijobbasis ausübten.

Oben angekommen, wandte sie sich nach rechts und umrundete die Siedlung bis zum Norderfalm, um sich die Pension ihrer Eltern von der Küstenseite aus anzusehen. Ihr Vater hielt das Haus in Schuss, trotzdem konnten weder Farbe noch neue Dachziegel über den vergilbten Charme des Nachkriegshauses hinwegtäuschen. Im Erdgeschoss waren von hier aus rechts der Frühstücksraum und links die Wohnung ihrer Eltern zu sehen. Im ersten Stock und unter dem Dach befanden sich die insgesamt fünf Apartments, Einzimmerwohnungen mit Küchenzeile und Duschbad, zum Teil mit französischem Balkon. Auch an der Giebelseite des Hauses, die zum Wasser zeigte, gab es ganz oben einen solchen schmalen Austritt. Vor dem bodentiefen Fenster ihres ehemaligen Kinderzimmers, das den einzigen Einzelraum darstellte.

Ihr Blick schweifte ab, glitt über das dunkelblaue Meer und hinüber zur Düne, der Nebeninsel, die bis 1721 mit der Hauptinsel verbunden war. Schließlich seufzte Runa und straffte die Schultern, sie konnte es nicht länger hinauszögern.

Paula

»Und jetzt ein Hit-Dreier aus den Neunzigern, hier bei Radio Cuxhaven, eurem Lokalradio.« Der Ansage folgte der Senderjingle, dann setzten Klaviertöne mit Echo ein, Elektrosound. Paula lächelte. »Children« von Robert Miles war einer ihrer Lieblingstitel gewesen, damals in der fünften Klasse.

Sie hockte sich auf die Fersen und überflog den Inhalt ihres Koffers, bis auf ihre Toilettenartikel für morgen früh war alles drin. Perfekt.

Sie sprang auf, griff nach der Flasche Wasser auf dem Tisch und trat damit ans Fenster. Das Haus stand in dritter Reihe hinter dem Cuxhavener Seedeich, trotzdem konnte sie am Horizont einen Streifen Nordsee ausmachen. Irgendwo dort hinten lag Schleswig-Holstein, Friedrichskoog, aber sie stellte sich vor, dort läge ihr morgiges Ziel. Helgoland.

Die Insel, in die sie sich bereits als Teenager verliebt hatte, als sie mit Onkel, Tante und Cousine Melanie in den Urlaub gefahren war. Heute gewährte Melanie ihr Unterschlupf in ihrem Gästezimmer.

Von damals kannte sie auch das Objekt, das sie auf Helgoland auf Herz und Nieren prüfen wollte. Ein Vier-Sterne-Hotel, das die Besitzer aus Altersgründen und wegen fehlender Ambitionen der Kinder verkaufen wollten. Der Preis war in Ordnung, soweit sie es von außen beurteilen konnte.

Wenn alles klappte, wie sie es sich vorstellte, würde sie sich damit eine eigene Zukunft aufbauen können. Fernab ihrer Eltern und des Familienhotels hinter dem Cuxhavener Strand, das ihr Bruder, der älter als sie war, in wenigen Jahren übernehmen sollte. Dahingehend hatte sie nie eine Chance gehabt, egal wie hervorragend sie Ausbildung und Studium abgeschlossen oder Karriere gemacht hatte. Deshalb wohnte sie auch bei ihrer Cousine, ihre Familie würde noch früh genug von ihren Zukunftsplänen erfahren.

Sie verließ ihr Zimmer und ging zu Melanies Raum hinüber, klopfte an.

»Ja?«

Paula steckte den Kopf durch die Tür und grinste. »Lust auf ein Glas Wein zum Abschied?«

»Klar!« Die kurvige Blondine sprang von ihrem Bett und folgte ihrer Cousine in die Küche.

Paula hatte bereits zwei Gläser auf den Tisch gestellt und entkorkte gerade eine Flasche sizilianischen Rotwein. Melanie nahm noch eine Packung Grissini aus dem Schrank und legte sie geöffnet auf den Tisch, dann ließ sie sich auf ihren Stammplatz fallen.

»Du wirst mir echt fehlen.«

»Sind doch nur zwei Wochen.« Paula setzte sich ebenfalls und schenkte ein.

»Und wenn es all das ist, was du dir erhoffst? Dann bist du schneller weg, als ich gucken kann.«

Sie hoben ihre Gläser und stießen miteinander an.

»Helgoland ist aber viel näher dran als mein letzter Job«, wandte Paula ein. »Du kannst mich ganz oft besuchen kommen.«

Melanie trank einen Schluck und schüttelte den Kopf. »Weißt du, was ich nicht verstehe? Warum deine Eltern nicht würdigen, was du bisher erreicht hast. Rom, San Francisco, London, die besten Hotels. Und sie ziehen nicht einmal in Erwägung, dir einen Job in der Geschäftsführung anzubieten. Stattdessen stoßen sie dich noch ein Stückchen weiter weg.«

Paula biss die Zähne zusammen, ihr Magen verkrampfte sich. »Lass uns nicht darüber reden, ja? Ich freue mich jetzt erst mal auf Helgoland und das Inselkind. Und in zwei Wochen weiß ich, ob ich mir das richtige Projekt für meine Zukunft ausgesucht habe.«

»Ich drücke dir sämtliche Daumen, dass es das ist. Und dass du mal so richtig zeigen kannst, was du draufhast.« Melanie grinste.

»Darauf trinke ich!« Sie erwiderte das Grinsen und stieß mit ihrem Glas gegen Melanies.

Runa

»Runa? Gott sei Dank bist du da!«

Sie blickte über die Schulter, den Schlüssel im Türschloss der Pension, und brauchte einen Moment, um die Nachbarin zu erkennen. Dabei hatte sie nur ihre Frisur und Haarfarbe geändert.

»Hallo, Silke!« Runa ließ die Hand sinken und drehte sich um.

Silke zog die Fleecejacke enger um sich, kam über die schmale Gasse gelaufen und blieb dicht vor ihr stehen. »Wie geht es Petra? Ist es schlimm? Wie lange fällt sie aus?«

Runa versuchte ein Lächeln und steckte die Hände in die Manteltaschen. »So weit gut, die OP ist ohne Probleme über die Bühne gegangen, und in einer Woche fährt sie direkt zur Reha.«

Silke stieß den angehaltenen Atem aus und sackte in sich zusammen. »Ich bin so froh, dass es nichts Schlimmeres ist!« Dann musterte sie Runas Gesicht. »Aber das heißt dann wohl, dass sie so schnell nicht zurückkommt, oder?«

Runa nickte. »Es wird zwei Monate dauern.«

»Und was passiert in der Zwischenzeit mit eurer Pension? Gerald wird erst in zwei Wochen wiederkommen.«

»Das bleibt an mir hängen.« Sie zuckte die Schultern.

Silke hob die Augenbrauen. »Kannst du das denn so einfach? Du hast doch sicherlich viel zu tun mit deinem Steuerbüro.«

»Ich muss es wohl einrichten, es gibt ja sonst niemanden.«

Die Nachbarin streckte die Hand nach ihr aus und drückte ihre Schulter. »Wenn du Hilfe brauchst, komm rüber. Ich werde dich unterstützen, wo ich nur kann, ja?«

»Dank dir, Silke, das weiß ich sehr zu schätzen.«

»Braucht Petra irgendetwas? Was ist mit Kleidung?«

»Ich komme gerade von der Post, ich habe ihr einen Koffer geschickt.«

»Gut, gut …«, murmelte Silke, und ihr Blick verlor sich für einen Moment. Dann sah sie Runa wieder an. »Nun denn, du weißt ja, wo du mich findest.«

»Ja danke.«

Sie nickten sich noch einmal zu, und Silke eilte hinüber und verschwand in ihrem schmalen Reihenhaus.

Runa betrat das Haus ihrer Eltern und verharrte für einen Moment im Eingangsbereich der Pension. Es war viel zu still, sie konnte das Blut in ihren Ohren rauschen hören.

In ihrem Kopf reihten sich zu bewältigende Aufgaben aneinander: Reservierungen checken, Zimmer kontrollieren, Frühstücksraum und Küche überprüfen, Einkaufsliste schreiben, einkaufen.

Sie hängte ihre Jacke an die Garderobe, betrat den Frühstücksraum auf der linken Seite und schaute sich um. Passend zur Anzahl der Unterkünfte gab es sechs quadratische Tische mit jeweils zwei bis vier Stühlen, die ihre Mutter maritim dekoriert hatte. An den grauweißen Wänden hingen immer noch die alten Naturfotos der Insel, auf den Fensterbänken standen angestaubte Grünpflanzen, und von den Rails darüber hingen altmodische, halblange Gardinen mit Gelbstich.

Ein Seufzen stieg in ihrer Kehle auf, und sie ließ es heraus. Hier hatte sich mindestens zehn Jahre nichts verändert, kein Wunder, dass die Reservierungen zurückgingen.

Runa trottete in den nach drei Seiten offenen Küchenbereich hinüber, der die Verbindung zur Privatwohnung darstellte, und warf durch den breiten Durchgang zum Flur automatisch einen Blick zur Haustür. Dann öffnete sie die Tür auf der anderen Seite des Raums und betrat das Reich ihrer Eltern.

Das vorderste Zimmer ähnelte inzwischen einem Hauswirtschaftsraum, und der Sekretär ihrer Mutter versank beinahe zwischen den Schränken und Haushaltsgeräten. Runa klappte ihn auf und fand den schlichten Organizer, der als Reservierungsbuch fungierte, obenauf. Sie blätterte zum heutigen Datum, dann darüber hinweg. Hinter Zimmer Zwei stand für morgen die Ankunft von einer Paula Hansen, für übermorgen die Anreise eines Felix Ferle, Zimmer Drei. Direkt unter ihrem ehemaligen Kinderzimmer und mit der besten Aussicht auf die Düne.

Sie zog den Stuhl hervor, ließ sich darauf nieder und griff nach Stift und Zettel. Sie brachte die Punkte, die ihr bereits durch den Kopf schwirrten, in eine chronologische Reihenfolge und ergänzte »Zimmer putzen«, »Wäsche aufziehen/waschen« und »Inventar kontrollieren«. Dann starrte sie auf die Liste und seufzte. Wie deprimierend! Gerade einmal ein paar Stunden zurück auf der Insel, und sie wusste wieder, warum sie vor über fünfzehn Jahren fortgegangen war. Dieses Leben war noch immer nichts für sie.

Runa nahm einen weiteren Zettel und begab sich damit in die Küche, prüfte die Inhalte des Kühlschranks, der Schränke und der Vorratskammer. Da Haus Dünenblick nur Frühstück anbot, musste sie lediglich ein paar frische Zutaten besorgen und ein paar zusätzliche Lebensmittel für ihren privaten Bedarf.

Zurück im Büro, setzte sie sich wieder vor den Sekretär, warf einen Blick auf die Uhr und griff dann zum Mobiltelefon des Festnetzanschlusses, um ihre Kanzleipartnerin anzurufen.

»Hey, Suse, ich bin’s. Runa.«

»Mensch, Runa, endlich! Was ist denn los? Sandra konnte mir nur wenig mehr sagen, als dass deine Mutter im Krankenhaus liegt.«

Runa seufzte und brachte ihre Partnerin auf den Stand der Dinge. »Ich werde wenigstens die zwei Wochen hierbleiben müssen, bis mein Vater wieder da ist. WLAN ist vorhanden, ich kann also einiges von hier aus erledigen, aber ihr müsst meine Termine übernehmen, delegieren oder verschieben.«

»Das kriegen wir schon hin, mach dir keine Sorgen. Familie geht vor.«

»Ich werde heute Abend eine Prioritätenliste anfertigen und rüberschicken. Ich muss sehen, wie ich die Pension zwischendurch organisiert bekomme. Hier ist eine Menge zu tun.«

»Gut, dann lass uns morgen Abend telefonieren. Bis dahin habe ich mir die Liste angesehen und vielleicht schon ein paar Ideen. Schreib auf jeden Fall dazu, was du selbst übernehmen musst oder willst.«

»Okay.« Runa strich sich ein paar lose Haare zurück.

»Hast du schon mit Stefan gesprochen?« Suse klang, als ob sie genau wüsste, welche Antwort sie erhalten würde.

»Nein, habe ich nicht. Mir haben sowohl Zeit als auch Ruhe dafür gefehlt.«

»Vielleicht kann er dich unterstützen.« Runa hörte einen Anflug von Zweifel in der Stimme ihrer Freundin.

»Ich glaube nicht, dass er das tun wird.«

»Oh, Runa …« Suse seufzte und holte tief Luft.

»Spar’s dir, okay?«, meinte Runa leise. »Ich muss erst einmal einkaufen gehen, die Läden schließen gleich. Und später rufe ich ihn an.«

»Gut, dann warte ich auf deine Liste, und wir hören uns morgen Abend.«

»Alles klar, bis morgen!«

Runa drückte auf den Knopf mit dem roten Hörer, starrte einen Moment das Display an und legte das Telefon beiseite. Sie griff nach dem Einkaufszettel, stand auf und zuckte zusammen. Ihre Hände fuhren zu ihrem Unterleib, sie krümmte sich und stöhnte. Mit geschlossenen Augen atmete sie in den Schmerz und versuchte, ihn zu lindern. Es gelang ihr nur ansatzweise.

Als sie wieder aufrecht stehen konnte, griff sie zu ihrer Handtasche, suchte nach einer Schmerztablette und spülte sie mit viel Wasser aus dem Küchenhahn hinunter.

Wenn ihre Ärztin sich morgen nicht meldete, würde sie am Montag wegen der Untersuchungsergebnisse nachhaken.


Die Lebensmittel waren verstaut, die Taschen ebenfalls.

Runa richtete sich auf und strich sich ein paar verschwitzte Haare aus dem Gesicht. Sie sah auf die Uhr. Gleich halb sieben. Sie würde Stefan auf der Fahrt zum Tennis erwischen.

Sie zupfte die Bluse zurecht, richtete ihr Haar und griff nach dem Handy.

Nach dreimaligem Freizeichen nahm ihr Freund den Anruf an. »Hallo, Schatz!«

»Hallo, Stefan!« Sie lauschte in die hohle Verzerrung der Autofreisprechanlage.

»Ich bin auf dem Weg zum Tennis«, teilte er ihr unnötigerweise mit, »aber gut, dass du anrufst. Deine Nachricht heute Morgen klang etwas seltsam, und wir haben unsere Pläne für dieses Wochenende noch gar nicht besprochen. Bleiben wir bei dir oder bei mir?«

»Stefan, ich bin nicht in Hamburg.«

»Nicht? Hast du einen Kundentermin? Aber Samstag bist du doch wieder da, oder?«

»Nein. Ich bin auf Helgoland.«

»Was?« Seine Stimme röhrte, sie zuckte zusammen.

»Du hast schon richtig gehört.«

»Aber was tust du da? Du hast mir gar nicht gesagt, dass du übers Wochenende zu deinen Eltern willst.«

Runa schlenderte in den Frühstücksraum hinüber und stellte sich vor das Fenster. »Das war auch nicht geplant. Meine Mutter liegt im Krankenhaus, in Heide.« Sie schob die freie Hand unter die andere Achsel und starrte zur Düne hinüber. Der Himmel war klar, und das kleine Eiland lag bereits im langen Schatten der Hauptinsel.

»In Heide! Was ist passiert?«

»Sie hat sich den Oberschenkelhals gebrochen. Nach dem stationären Aufenthalt geht es direkt zur Reha.«

»Und du bleibst bis Sonntag bei deinem Vater? Grüß ihn herzlich von mir!«

»Stefan, mein Vater ist noch zwei Wochen zur Reha. Wegen seines neuen Knies.«

»Oh, dann hilft Silke aus, und du schaust nur nach dem Rechten, ja?«

»Nein, ich schaue nicht nur nach dem Rechten. Ich bleibe, bis mein Vater wieder da ist.« Sie schloss die Augen und wappnete sich.

»Was?«, brüllte Stefan. Im Hintergrund ertönte ein Hupen, auf das er mit weiterer Verärgerung reagierte. »Du nimmst mich auf den Arm!«

»Nein, Stefan, du hast richtig verstanden.«

»Ich glaube das nicht!« Stefans Stöhnen war kaum zu hören.

Sie schwieg und wartete, doch mit dem, was dann kam, hätte sie niemals gerechnet.

»Du glaubst also, dass du mit deiner Ausbildung diesen … Pensionsjob übernehmen musst, ja?« Er klang kalt und spuckte die Worte regelrecht aus.

Runa biss die Zähne zusammen, atmete tief durch. Es ging ihr gewaltig gegen den Strich, wie er ihre Familie abwertete. »Es geht hier weder um meine Ausbildung noch um den Pensionsjob an sich. Es geht darum, dass ich den Lebensunterhalt meiner Eltern sichere, indem ich sie zwei oder drei Wochen vertrete.«

»Und dafür setzt du deinen eigenen Lebensunterhalt aufs Spiel? Ich verstehe dich nicht.« Ein höhnisches Lachen schallte durch die Verbindung.

Sie straffte die Schultern, richtete sich auf. »Danke, dass du dich um das Wohl meiner Kanzlei sorgst, aber das steht nicht einmal ansatzweise auf dem Spiel.«

Ein paar Sekunden lang blieb es still. »Nun, dann ist es ja gut«, meinte er schließlich. »Hör zu, ich stehe jetzt vor der Tennishalle und muss rein. Wir telefonieren morgen, ja?«

»Sicher. Viel Spaß!«

»Danke! Bis dann!«

Runa ließ die Hand sinken und starrte auf das Display ihres Handys. Es war nicht das Gespräch gewesen, das sie sich erhofft hatte, aber diesen Verlauf hatte sie beinahe erwartet. Sie schluckte, ihre Kehle schnürte sich zusammen. Sie musste hier raus.

Sie schob sich das Smartphone in die Gesäßtasche, nahm Schlüssel und Jacke und verließ das Haus. Den Reißverschluss bis zum Kinn hochgezogen vergrub sie die Hände in den Jackentaschen und stapfte zwischen den Häusern hindurch Richtung Klippe. Vorbei an Friedhof und Kirche und neben dem Leuchtturm auf der Abkürzung zum östlichen Klippenrandweg.

Dort betrat sie die kleine Plattform auf einer hinausragenden Klippenspitze und blieb endlich stehen. Ihr Blick ging aufs Meer, Richtung Lange Anna, und zum Horizont, hinter dem die letzten Sonnenstrahlen rot-orange in den Himmel tasteten. Sie atmete tief durch, zittrig. Die Weite ließ wieder dieses seltsame Gefühl in ihr aufsteigen, doch bevor es sie übermannen konnte, wandte sie sich ab und trat zurück auf den Weg. Die Augen fest auf den Boden vor sich geheftet marschierte sie Richtung Hafen.

Wie kam Stefan nur dazu, zu behaupten, dass es unter ihrer Würde war, Haus Dünenblick ein paar Wochen lang zu führen? Ja, sie hatte nicht darum gebeten. Und ja, sie war nicht gerne hier. Natürlich war sie überqualifiziert, aber das stand überhaupt nicht zur Debatte. Es ging nur darum, die Existenz ihrer Eltern aufrechtzuerhalten. Nicht mehr und nicht weniger.

Aber das schien Stefan nicht mit seinem Statussymbol-Denken vereinbaren zu können. Seine Eltern gehörten zum Hamburger Geldadel, und dementsprechend kannte er das einfache Leben nicht. Bei seinen Eltern hatte sie dieses Denken bereits hautnah erlebt, aber bei Stefan noch nicht. Sie hatte gehofft, dass ihre Erziehung in dieser Hinsicht nicht gefruchtet hatte, aber offenbar war dem nicht so.

Hinter dem Sendemast erklomm Runa die Anhöhe, lief zum Aussichtspunkt oberhalb der Südtreppe hinunter und verweilte einen Moment. Ihr Blick glitt über den Hafen, das Unterland und zur Düne, doch in Gedanken war sie in Hamburg. Ihre Beziehung war noch nie besonders emotional gewesen, weder in die eine noch in die andere Richtung. Sie war … vernünftig. Erwachsen. Rational.

Aber nicht das, was sie wirklich wollte.

Sie hatte die Stimme ihres Herzens unterdrückt und sich eingeredet, sie müsse mit dem zufrieden sein, was sie hatte. Nun war es in den letzten Monaten zwischen ihnen immer wieder zu Reibereien gekommen, und sie gestand sich ein, dass sie öfter mal ihre Arbeit vorschob, wenn sie keine Lust hatte, Stefan zu sehen. Das war etwas, das er nie infrage stellen würde. Weil für ihn der Job an erster Stelle stand.

Nicht sie.

Sie schloss die Augen, atmete tief durch und fasste einen Entschluss.

Ein Gespräch war dringend erforderlich. Sobald sie zurück in Hamburg war.