
Ind Deutsche übertragen von
BERND SAMBALE


Die deutsche Ausgabe von DOCTOR WHO: GEFANGENER DER DALEKS
wird herausgegeben von Cross Cult /Andreas Mergenthaler,
Übersetzung: Bernd Sambale; Lektorat: Jana Karsch; Korrektorat: Peter Schild;
verantwortlicher Redakteur: Markus Rohde; Satz: Rowan Rüster;
Printausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohořelice.
Printed in the EU.
Titel der Originalausgabe: DOCTOR WHO – PRISONER OF THE DALEKS
German translation copyright © 2019 by Amigo Grafik GbR.
Original English language edition copyright
© die jeweiligen Autoren und BBC Worldwide Limited, 2019
Doctor Who is a BBC Wales production for BBC One.
Executive producers: Steven Moffat and Brian Minchin
BBC, DOCTOR WHO (word marks, logos and devices) and TARDIS are trade marks of the British Broadcasting Corporation and are used under licence. Doctor Who logo © BBC 1996.
Licensed by BBC Worldwide Limited
All rights reserved
First published in 2009, THE MONSTER COLLECTION edition published in 2014 by BBC Books, an imprint of Ebury Publishing.
A Random House Group Company.
Printausgabe: ISBN 978-3-96658-016-8 • Digitale Ausgabe: ISBN 978-3-96658-017-5
April 2020
WWW.CROSS-CULT.DE
VORWORT
PROLOG
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
EPILOG
DANKSAGUNGEN
Es war großartig für mich, Gefangener der Daleks zu schreiben. In gewisser Hinsicht ist mir dieses Doctor Who-Buch von allen am leichtesten gefallen.
Das hat mich überrascht, denn damit hatte ich anfangs wirklich nicht gerechnet. Als ich darum gebeten wurde, dieses Projekt zu übernehmen, erschien es mir wie eine verdammt große Verantwortung. Daleks! Und David Tennant als Doktor! Auf sich allein gestellt, ohne Begleiter, ohne Bezug zum Zeitkrieg oder zur laufenden Serie … Oh, dabei könnte so viel schiefgehen. Ich fühlte mich geschmeichelt – sogar geehrt –, weil es nach langer, langer Zeit das erste Originalbuch in voller Länge sein würde, in dem die Daleks im Vordergrund standen. Aber mir wurde damit auch etwas Großes anvertraut. Ich musste es richtig hinbekommen.
Ein paar Worte zum Hintergrund: Mein Buch sollte in einer Reihe von Originalromanen erscheinen, die die berühmtesten Monster aus Doctor Who in Szene setzen würden und im Jahr der »TV-Specials« herausgebracht werden sollten – dem krönenden Abschlussjahr des sagenhaft beliebten zehnten Doktors.
Es gibt natürlich noch andere Monster. Doch dieses Buch sollte sich um die Daleks drehen, die ewigen Erzfeinde des Doktors, die wichtigsten Monster aus Doctor Who, die neben dem Doktor und der TARDIS wirklich jeder kennt.
Ich rechnete damit, vor Angst gelähmt zu sein. Würde ich mir eine Geschichte ausdenken können, die gut genug war? Eine Mordsstory, die den Daleks und dem Doktor auch in Textform gerecht würde? Eine, die sowohl neue Fans der Show als auch alte zufriedenstellen würde, Gelegenheitsleser genauso wie treue Liebhaber der Bücher? Das kam mir, gelinde gesagt, schwierig vor.
So schwierig war es am Ende allerdings doch nicht: Meine Story, die ich schon hatte schreiben wollen, als … na ja, als Jon Pertwee noch der Doktor war, strömte geradezu aus mir heraus. Sie schrieb sich praktisch von selbst und füllte sich mit Figuren, an die ich bisher noch nie gedacht hatte, die ich aber bereits kannte.
Und die Daleks – nun, es war die reine Freude, über sie zu schreiben! Sie haben keinerlei gute Seite. Sie sind unerbittlich und gnadenlos. Daleks eben. Jeder weiß, wie die drauf sind.
Ich habe Jon Pertwee erwähnt (okay, niemand erwähnt Jon Pertwee einfach nur – man spricht den Namen voller Verehrung aus). Er war der erste Doktor, dessen Abenteuer ich mir als schmächtiges, leicht zu beeindruckendes Kind angeschaut habe. Selbst heute – mittlerweile bin ich ein schmächtiger, leicht zu beeindruckender Erwachsener – überdauern noch immer einige seiner Episoden in meinem Unterbewusstsein. Eine davon war Planet der Daleks (das war 1973, falls sich noch jemand erinnert oder falls es wen interessiert). Atemlos vor Angst und Vorahnung sah ich dem Doktor (in unseren Köpfen hieß er damals einfach »Doctor Who«) dabei zu, wie er gefangen genommen und auf dem bemerkenswert ungastlichen Planeten Spiridon in den Tiefen einer Dalek-Basis eingesperrt wurde. Ich konnte mir keine größere Gefahr vorstellen, in der der Doktor hätte schweben können. Gefangen! Von den Daleks! Er war todgeweiht! (Ich hab ja gesagt, ich war damals leicht zu beeindrucken.)
Und dann waren da noch die anderen Details der Geschichte: Jener Effekt, den Temperaturen unter dem Gefrierpunkt auf Dalek-Maschinen hatten; all die beherzten Männer und Frauen, die dem Doktor halfen – oder sich ihm in den Weg stellten; die unglaublich tapfere Begleiterin. All diese Dinge hatten sich mir tief eingebrannt und ich wusste, ich würde sie mit meiner eigenen Geschichte über die Daleks ehren müssen. Ich schuldete es dem achtjährigen Kind, das ich einmal gewesen war.
Die Verhörszene aus Tag der Daleks hinterließ ebenfalls Spuren in meiner jungen Psyche. (Das war 1972 – damals war ich sogar noch leichter zu beeindrucken.) Wieder einmal war der Doktor auf Gedeih und Verderb seinen Erzfeinden ausgeliefert: auf einen Tisch geschnallt und der Skrupellosigkeit seiner Peiniger ausgesetzt. Und niemand ist so skrupellos wie die Daleks.
Oh ja, ich musste unbedingt eine Verhörszene mit einbringen.
Über die Jahre hat sich mein Bild von der perfekten Dalek-Story erweitert: Ich wollte ins Innere eines Daleks vordringen, sowohl wortwörtlich als auch im übertragenen Sinn. Nichts erzeugt ein größeres Schaudern vor dem Abscheulichen, als in ein Dalek-Gehäuse zu schauen und die fürchterliche Kreatur zu erblicken, die darin lebt. Es erinnert einen auf köstliche Weise daran, wie man einst unter feuchten Steinen nach dem suchte, was darunter leben mochte. Aber ich wollte den Dalek nicht nur sehen – wir alle wissen mittlerweile, wie der Mutant im Inneren aussieht –, ich wollte ihn kennenlernen. Ich wollte, dass der Doktor sich hinsetzt und mit ihm in seiner wahren Gestalt spricht, unter vier Augen, ungestört.
Seltsamerweise kommt es nie zu einer Unterhaltung zwischen den Daleks und dem Doktor. Hin und wieder spricht oder streitet er mit Davros, doch niemals mit einem Dalek. Sie schreien ihn an und versuchen, ihn zu töten, er trotzt ihnen und besiegt sie – doch nie nehmen sie sich die Zeit für einen Plausch. Natürlich liegt das zum großen Teil daran, dass Konversation im gewöhnlichen Sinne nicht gerade die Stärke der Daleks ist. Für mein Buch brauchte ich jedoch einen Dalek, der es in dieser Hinsicht mit dem letzten Time Lord aufnehmen konnte – jemand außergewöhnlichen, einen eigenständigen Charakter. Es sollten nicht jene kläglichen, sterbenden Reste sein, die man aus ihrer Panzerung gerissen hatte, sondern der Obermotz – ein Dalek, den sogar andere Daleks fürchteten.
Und ich hatte auch schon eine passende Figur im Sinn: einen berüchtigten Dalek-Inquisitor, der gerufen wird, um den gefangenen Doktor zu verhören. Brillant musste er sein, bösartig und ganz und gar der Alpha-Dalek. Doch wie sollte ich ihn nennen? Er brauchte einen Namen, aber ein Dalek hat eigentlich keinen (außer er gehört dem exklusiven und bis dato noch nicht gegründeten Kult von Skaro an). Es konnte kein beliebiger Name sein – er musste etwas bedeuten. In meinen Notizen bezog ich mich auf diesen Dalek lange mit »Dalek X«, in der Hoffnung, dass mir später noch ein passender Name einfallen würde. Ich musste eine ganze Weile über meinen handgeschriebenen Aufzeichnungen grübeln, bis mir endlich aufging, dass der perfekte, ja, der naheliegende Name mich vom Papier aus anstarrte.
Sie werden diesem Dalek im Buch begegnen und ich hoffe, Sie werden Gefallen an ihm finden.
Hoffentlich mögen Sie auch die anderen Figuren: den rauen, harten Space Major Jon Bowman (der ursprünglich Archer hieß, bis ich herausfand, dass es im Weltraum schon einen anderen Captain mit diesem Namen gab …), seine Mannschaft von Außenseitern und Nichtsnutzen und die liebreizende, lebhafte Stella. Sie übernimmt die Rolle der »Gast«-Assistentin des Doktors, die Vertretung für seine gewöhnliche Begleiterin, solange er allein auf Reisen war. Der Doktor mochte sie. Ich mochte sie. Ich hoffe, Sie mögen sie ebenfalls. Sie werden ja sehen, wie sie sich macht, wenn Sie das Buch lesen.
Ich bin außerordentlich dankbar dafür, dass ich dieses Buch schreiben durfte, und ich hoffe, ich bin dem Doktor und den Daleks am Ende gerecht geworden.
Trevor Baxendale
Oktober 2013
Für Martine, Luke und Konnie – auf ewig.
Es war eine vergessene Welt.
Der Planet am äußersten Rand des erforschten Raums schien nicht mehr als ein Klumpen Erde zu sein, der zwischen den Sternen dahintrieb. Von der Oberfläche dieser Welt aus war die nächste Sonne nur als ferner blau glühender Punkt am Horizont zu erkennen. Hier herrschte ewige Dämmerung.
Einst war der Planet von Menschen bewohnt gewesen, die fest entschlossen gewesen waren, in die dunklen, unbekannten Regionen des Universums vorzudringen. Er hatte ihnen als nützlicher Stützpunkt zwischen den alten Welten und den fernen, unerforschten Sternen jenseits davon gedient.
Die staubige Landschaft war übersät mit den Hinterlassenschaften von Menschen, die es nicht hatten erwarten können, von hier zu verschwinden: Gebäude aus Fertigbauteilen, die nun leer standen, verrostete Ausrüstung und allerlei Plastikteile, die längst spröde geworden waren. Die Computer befanden sich im Ruhezustand, hatten während des langen Ausgeschaltetseins jeglichen Sinn verloren.
Doch selbst ein ferner und vergessener Ort kann von Bedeutung sein – und sei es nur für diejenigen, die ihn besuchen.
Normalerweise gab es hier weder Wind noch Sturm, sodass kein Lüftchen je den Staub aufwirbelte, der sich hier über Äonen hinweg gesammelt hatte, doch an einer freien Stelle in der Mitte der verlassenen Zentralanlage kam plötzlich eine Brise auf. Die kümmerlichen Grashalme, die sich durch die Risse im Pflasterstein gekämpft hatten, bebten und bogen sich zurück. Ein plötzlicher, wilder Lärm hallte von den Wänden wider und steigerte sich zu einem Crescendo aus Keuchen und Ächzen, während ein hoher blauer Kasten aus dem Nichts auftauchte.
Die Türen der TARDIS flogen auf und der Doktor sprang heraus. Und er war mehr als nur ein bisschen genervt.
»So, jetzt reicht’s aber!«, schrie er. »Ich hab genug. Was ist nur in dich gefahren?«
Die TARDIS gab keine Antwort.
Der Doktor rammte die Hände in seine Taschen und schob die Unterlippe vor. »Schon seit wir die Erde verlassen haben, verhältst du dich komisch. Was ist los? Bisschen Kies in die Dimensionsstabilisatoren gekriegt? Zerbrochenes Zahnrad im Relativzeitfilter?«
Noch immer keine Antwort.
Der Doktor seufzte. »Du kostest mich ein Vermögen mit deinen Reparaturen. Wie soll ich eine klassische TARDIS fliegen, die jedes Mal beim Landen auf eine andere Zeitspur springt?«
Allmählich schien der Doktor sich seiner Umgebung bewusst zu werden, als hätte sich die Stille auf einmal höflich geräuspert.
Er drehte sich im Kreis. Seine Sportschuhe waren bereits staubbedeckt. Er ließ seinen Blick über die leeren Gebäude und die maroden Maschinen schweifen und schniefte. »Also, wo sind wir nun?«, fragte er sich laut. »Und bringt’s eigentlich was, wenn ich mit mir selbst rede?«
Er warf der TARDIS einen finsteren Blick zu, dann schloss er die Tür und verriegelte sie. »Du kannst mich ja nicht mal mehr irgendwo hinbringen, wo’s interessant ist«, murrte er. Dann entspannte er sich ein wenig und lächelte. Er tätschelte die Polizei-Notrufzelle liebevoll. »Wem will ich denn hier was vormachen? Irgendwas Interessantes gibt’s doch immer …«
Er ging den Pfad zwischen zwei Fertighäusern hindurch und rief: »Hallo! Ist irgendjemand zu Hause?«
Es kam keine Antwort.
»Hallo!«, rief er wieder. Das Echo seiner eigenen Stimme schien ihn zu verspotten. Über sich, jenseits eines feinen grauen Dunstschleiers, sah er nur den Weltraum und einen fernen Neutronenstern.
»Brrr«, murmelte er und wünschte sich, er hätte seinen Mantel angezogen, bevor er die TARDIS verlassen hatte. Er stapfte weiter, bis er ein rostzerfressenes Stahlpodest fand, auf dem ein alter, verkratzter Monitor stand. Er drückte ein paar Knöpfe auf der Tastatur, doch nichts geschah. Also schlug er einmal mit der flachen Hand drauf, aber der Computer reagierte immer noch nicht.
Mit dem Schallschraubenzieher holte er das alte Ding jedoch innerhalb von Sekunden aus dem Ruhemodus. Nach kurzer Zeit sprang der Bildschirm endlich an und warf sein kühles Licht aufs Gesicht des Doktors. Es erschien ein Schriftzug:
WILLKOMMEN AUF DER LODESTAR-STATION 479
»Recht herzlichen Dank«, entgegnete der Doktor. »Ich freu mich, hier zu sein. Nicht.«
Er setzte seine Brille auf und begann, durch die Daten zu scrollen.
»Na, das ist doch interessant«, sagte er, lächelte und nickte. »Kein Wunder, dass dieser Ort verlassen ist. Hier war seit … tja, Ewigkeiten keiner mehr. In diesem Teil des Weltraums gibt’s wohl keinen Bedarf mehr für eine Tankstation? Und du armer, kleiner Computer sitzt immer noch hier, vergessen und allein.«
Er benutzte seinen Schallschraubenzieher, um etwas tiefer in die Datenbanken des Computers vorzudringen. »Verflixt, was ist denn hier drinnen los? Jemand hat deine unabhängigen Subroutinen wohl ein bisschen durcheinandergebracht, was?«
Mit gerunzelter Stirn schaute sich der Doktor nach dem nächstgelegenen Eingang um. »Ich sollte mal lieber prüfen, ob deine zentrale Festplatte mit dem Betriebssystem unbeschädigt ist«, murmelte er. »Wäre gar nicht schön, wenn an so einem Ort plötzlich alles verrückt spielt. Sonst hättest du ruckzuck die Abteilung für Gesundheit und Sicherheit der Schattenproklamation am Hals.«
Die Tür zu öffnen, war mit dem Schraubenzieher kein Problem. Im Inneren war es kalt und der Geruch von Metall und Öl hing in der Luft. Das Ganze erinnerte ihn an alte, vergessene Raffinerien auf der Erde, Orte der Zweckmäßigkeit, voller harter Ecken und Kanten. Er fand eine Treppe und stieg die Stufen hinab. Das Metallgerüst klapperte unter seinen Turnschuhen.
Er holte eine dünne Taschenlampe hervor und schaltete sie ein. Ihr Lichtstrahl fiel auf Wände, die von Nieten und alten Stromkabeln übersät waren. Hier unten war es noch kälter und in den Schatten hingen dicke Spinnweben. Der Doktor wischte einige beiseite und überraschte dabei eine Handvoll arachnider Lebewesen, die erschrocken das Weite suchten – auf ihren dünnen Beinchen krabbelten sie die Decke entlang in die Dunkelheit. Von den größeren Netzen ließ der Doktor die Finger: Er hatte in seinem Leben schon genug Spinnen auf dem falschen Fuß erwischt und wusste, wann man sich lieber von ihnen fernhielt.
Weiter unten gelangte er in einen schmucklosen Korridor mit kleinen Computerterminals an den Wänden und einem Betonboden voller Trümmer und Dreck. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe schweifte umher, bis er auf ein Schild fiel, auf dem stand:
COMPUTERDATENKERN
UNBEFUGTER ZUTRITT VERBOTEN
Die Zugangstür war verschlossen, aber es dauerte nicht lange, sie zu knacken – der Schallschraubenzieher erwies sich als die einzige Befugnis, die er hier brauchte.
»Seltsam«, sagte der Doktor laut. Seine Stimme klang dumpf in dem beengten Raum, in den er hineinblickte. Im Gegensatz zum Gang schien es hier drinnen keine Computerterminals zu geben und ganz sicher auch keine Spur von einem Datenkern.
Etwas auf dem Boden erregte seine Aufmerksamkeit, glatt und weiß, halb verborgen unter einem Haufen Lumpen, der wie alte Wäsche aussah. Das Licht der Taschenlampe schimmerte auf blanken Knochen und der Doktor erkannte den Umriss eines menschlichen Körpers, der zusammengekauert an der gegenüberliegenden Wand lehnte. Es war ein vollständiges Skelett, das von den letzten Überresten getrockneter Haut zusammengehalten wurde. Es trug einen verwitterten Overall, dessen Beine in rissigen Plastikstiefeln steckten.
Der Doktor kniete sich hin und untersuchte den Leichnam, hatte jedoch keine Möglichkeit, ihn zu identifizieren. »Was hast du hier wohl gemacht?«, fragte er mit grimmiger Stimme. »Wohl das Gleiche wie ich: Hast die Nase in Sachen gesteckt, die dich nichts angehen …«
Hinter ihm schlug mit einem lauten Knall die Tür zu.
Der Doktor sprang auf und versuchte, sie zu öffnen, aber sie war verriegelt. Er versuchte es noch einmal mit dem Schallschraubenzieher, doch das brachte rein gar nichts. »Ein Riegelschloss – und auch noch verrostet. Ist wohl nicht mein Glückstag, hm?«
Er trat von der Tür zurück und durchsuchte die Zelle – denn genau das war dieser Raum plötzlich geworden – nach irgendeinem anderen Ausweg. Natürlich gab es keinen. Er war hier drinnen gefangen und abgesehen von der ausgemergelten Leiche auf dem Boden war er allein. Es gab keinen Weg hinaus und niemand wusste oder scherte sich darum, dass er hier war.
»Super gemacht, Doktor«, beglückwünschte er sich. »Nun kannst du nichts weiter tun, als hier rumzusitzen und zu warten. Irgendjemand muss schließlich die Tür programmiert haben, sich auf diese Weise zu schließen. Irgendwann müssen sie ja kommen und nachschauen, ob ihnen was in die Falle gegangen ist.«
Er warf dem Skelett einen bekümmerten Blick zu. »Kann nicht mehr lange dauern …«
»Sei nicht so ein Baby«, sagte Stella.
Scrum versuchte, seinen Arm wegzuziehen, aber Stella hatte ihn fest im Griff. »Au! Ich bin kein Baby! Au! Au! Au!«
Sie tupfte das Antiseptikum auf die Wunde und lächelte ihn strahlend an. »Da – schon vorbei.«
Scrum zog seine Hand langsam und beinahe ungläubig zurück. Der Schnitt auf seinem Unterarm sah wund, aber sauber aus. »Kannst du sonst nichts machen?«
»Amputieren?«, schlug Stella schelmisch vor.
»Nein, im Ernst. Es tut weh, weißt du …«
Stella verdrehte die Augen. » Wie wär’s mit einer Kryo-La-dung?«
»Was macht die?«
»Senkt deine Körpertemperatur in etwa einer halben Sekunde auf den absoluten Nullpunkt. Gefriert dich im wahrsten Sinne an Ort und Stelle. Wir bringen dich dann auf einen Planeten mit ordentlichen Krankenhäusern, wo sie dich auftauen und behandeln können.« Sie lächelte. »Guck nicht so besorgt, Scrum. War nur ein Witz. Ich würde doch keine Kryo-Ladung für einen Riesenochsen wie dich verschwenden. Die sind nur für Notfälle.«
»Na gut, ich geb mich geschlagen.«
»Hier.« Stella warf ihm einen in Plastik verpackten Verband an den Kopf. »Das letzte Verbandspäckchen, nur für dich, mein Großer.«
»Mach dich nicht über mich lustig«, brummte Scrum. »Ich bin nicht für den Kampf ausgebildet. Ich mag so was nicht einmal. Ich bin Computertechniker und kein Soldat.«
Sie saßen im winzigen medizinischen Abteil des Schiffs – es war zu klein, um es als Lazarett zu bezeichnen, gerade groß genug für eine schmale Liege, einige Computer, Vorräte und einen Drehstuhl für Stella. Sie wirbelte damit herum und griff nach ihrer Wasserflasche. »Du hast Glück, dass du deinen Arm nicht verloren hast«, sagte sie und nahm einen Schluck. »Ein paar Zentimeter weiter rauf oder runter und du müsstest von jetzt an einhändig programmieren.«
Scrum starrte missmutig auf seinen Arm hinab und riss dann das Verbandspäckchen mit den Zähnen auf. Er wirkte noch stärker in sich zusammengesunken als sonst. Er war klein und etwas übergewichtig, hatte traurige Augen und strähniges, zu früh ergrautes Haar, das er zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden trug. Die Spitzen waren grün gefärbt – das Überbleibsel eines lange zurückliegenden Versuchs, für Frauen »interessanter« auszusehen.
Stella stellte ihr Wasser ab. »Was ist los? Komm schon, du kannst mir alles sagen.«
»Wir wären um ein Haar draufgegangen«, sagte er leise und schaute zu ihr auf. »Es war nicht mal ’ne richtige Mission, nur eine blöde Banditenfalle, und wir wären beinahe alle gestorben. Meinetwegen.«
»Vergiss das Ganze. Du lebst, wir alle leben und nur darauf kommt es an. Ich hab ja gesagt, wir hatten Glück. Wir haben immer Glück.«
Er seufzte. »Irgendwann wird uns das Glück ausgehen.«
»Dann machen wir uns neues Glück. Komm, wir gehen was essen.« Sie führte ihn durch den engen Korridor in Richtung Kantine.
Scrum folgte ihr und drückte den Verband auf die verwundete Stelle. »Bowman glaubt nicht an Glück. Er wird das anders sehen.«
»Überlass Bowman einfach mir«, empfahl Stella.
Ein hochgewachsener, dunkelhaariger, muskulöser Mann im Kampfanzug hing in der Kantine an einem der Rohre, die die Decke entlangliefen, und machte Klimmzüge. Das Rohr bog sich und knirschte unter seinem Gewicht. Er grinste breit, als er Stella und Scrum sah.
»Hey! Wie läuft’s, Freunde? Wie geht’s unserem Kriegsversehrten?«
»Ich werd’s überleben«, sagte Scrum und rang sich ein Lächeln ab. »Allem Anschein nach.«
Stella ließ sich auf einen Stuhl sinken und band sich das schwarze Haar mit einem Gummiband zu einem unordentlichen Knoten hoch. »Uns gehen die Vorräte aus, Cutting Edge. Ich muss jetzt schon alte Desinfektionstücher wiederverwenden, weil ich nicht mal Bactoray habe. Wir werden bald irgendwo einen Zwischenstopp einlegen und aufstocken müssen.«
Cutting Edge ließ sich leichtfüßig auf den Boden fallen. »Mann, das wird nicht leicht. Wir sind tief im Weltraum und kurz vor der Grenze.«
»Dann muss ich mich damit wohl an den Captain wenden.«
Cutting Edge wischte sich mit einem Handtuch den Hals ab und grinste. »Lieber du als ich, Babe.«
Sie hielt vor der Tür zu Bowmans Kabine inne. Die Mannschaft suchte den Captain nicht oft auf. Stella atmete tief durch und öffnete die Tür. »Ich störe nur ungern …«
Jon Bowman winkte ab. Der Mann war in jeder Hinsicht groß: hochgewachsen, breitschultrig und durch jahrzehntelange Kampfeinsätze gestählt. Sein Gesicht wirkte, als wäre es aus einem massiven Granitbrocken herausgemeißelt worden. Seine tief liegenden Augen funkelten unter seiner vorstehenden Stirn, seine Nase war eindeutig schon einmal gebrochen gewesen und er besaß schmale, gerade Lippen. Sein dunkles, mittlerweile von grauen Strähnen durchzogenes Haar hatte er ungekämmt mit einem blutroten Tuch zurückgebunden.
»Das Schiff ist beschädigt«, sagte er ohne Umschweife. Seine Stimme war ein tiefes, maskulines Grollen. Er musste nie laut werden, um sich Gehör zu verschaffen, außerdem redete er niemals um den heißen Brei herum. »Piraten haben ein Loch in einen unserer Hecktanks geschossen. Wir müssen für eine Reparatur Halt machen.«
Stella atmete erleichtert auf. Mit dem, was sie Scrum über ihr Glück erzählt hatte, hatte sie wohl den Nagel auf den Kopf getroffen. »Irgendwelche Ideen, welcher Ort am besten wäre?«, fragte sie.
Bowman lehnte sich auf seinem Stuhl nach vorn. Sein kleiner Schreibtisch war mit alten Ausrüstungsteilen, Waffen, Monitoren und Karten übersät. Es gab ein kleines 3-D-Holobild von einem jungen Paar: Die beiden grinsten in die Kamera und hatten den Arm um einen schlaksigen, dunkelhaarigen Teenager mit gebrochener Nase gelegt. Auch er lächelte. Stella gefiel die Vorstellung, dass dies der junge Jon Bowman war, vor einer Ewigkeit, mit seinen Eltern. Aber hatte er jemals gelächelt? Stella hatte sich noch nie getraut, danach zu fragen.
Bowman tippte auf einen der Kartenschirme auf seinem Schreibtisch. Das Holobild schob er zur Seite, um sich mehr Platz zu verschaffen. »Wir sind im Kappa-Galanga-Sektor. Hier am Rand des erdnahen Weltraums gibt es nichts – außer Piraten. Wir sind zwanzig Lichtjahre vom nächsten bewohnbaren Sternensystem entfernt – und vierzig von allem, was man auch nur annähernd zivilisiert nennen könnte. So oder so haben wir nicht genug Treibstoff übrig, um irgendwas davon zu erreichen.«
Stella starrte finster die Karten an. »Wohin also …?«
Bowman zeigte mit einem dicken Finger auf einen einsamen Lichtpunkt auf der Karte. »Dieser Planet da ist unsere einzige Option: klein, vergessen und auf neueren Karten nicht mal verzeichnet, aber in Reichweite. Er war früher ein Grenzstützpunkt, daher finden wir dort wahrscheinlich, was wir brauchen.«
»Direkt an der Grenze …«, murmelte Stella besorgt.
Bowman hob den Blick. Seine Augen waren so kalt wie Stahl. »Ich hab nicht gesagt, es sei nicht riskant.«
»Du hast allerdings gesagt, es sei unsere einzige Option.«
»Das hab ich.«
Stella sah genauer hin und las den Namen, mit dem der winzige Planet versehen war. »Hurala. Klingt nett.«
»Wird’s aber nicht sein.«
Die Wayfarer war ein umgebautes Patrouillenschiff; zwanzig Jahre, bevor Bowman es in die Finger bekommen hatte, war es knapp der Verschrottung entgangen. Es war öfter überholt worden, als die Mannschaft ahnte – und gewiss öfter, als die Einträge im Logbuch behaupteten. Das Interieur des Schiffs war über die Jahre immer wieder den Bedürfnissen der verschiedenen Mannschaften angepasst worden, aber es wirkte nach wie vor beengt und klaustrophobisch. Als die Wayfarer zum Landeanflug auf Hurala ansetzte, konnte Stella es kaum noch erwarten, endlich wieder an die frische Luft zu kommen. Sie fühlte sich allmählich wie ein eingesperrtes Tier. Über die Schulter von Cutting Edge hinweg, der im Pilotensitz saß, blickte sie auf die zerklüftete, braune Oberfläche des Planeten hinab, die unter ihnen vorbeiraste.
»Ein Raumhafen«, sagte Scrum und tippte auf eines der Displays am Schaltpult. »Zwanzig Kilometer nordwestlich.«
Cutting Edge ließ das Schiff auf einer der kleinen Landeflächen am Rand der Anlage aufsetzen. Die Gebäude waren kaum mehr als rostige Klötze und von anderen Schiffen fehlte jede Spur.
»Das hier ist eigentlich eine alte Auftankstation«, erklärte Scrum. »Die waren voll automatisiert. Wenn noch was Treibstoff übrig ist, können wir volltanken und uns wieder auf den Weg machen.«
»Okay«, sagte Bowman. Seine Stimme drang als leises Grollen aus dem hinteren Teil des Cockpits. »Bringen wir’s hinter uns. Ich muss euch nicht daran erinnern, dass wir uns am Rand des Menschenterritoriums befinden. Hier ist nichts und niemand, aber ich will wirklich nicht lange auf diesem Dreckklumpen rumhängen und unnötig riskieren, Aufmerksamkeit zu erregen. Eine Stunde Landgang, dann verschwinden wir.«
Sie verließen nacheinander das Schiff, streckten sich und gähnten. Scrum hielt einen tragbaren Scanner in der Hand. »Wollen mal sehen, ob sich mit diesem Ding das nächstgelegene astronische Tankterminal finden lässt.«
»Oh, Mann«, sagte Cutting Edge. »Wie gut es sich anfühlt, einfach mal zu gehen.« Er steuerte zielsicher auf den Rand der Landefläche zu. »Ob wir hier wohl irgendwo was zu essen finden?«
»Hängt davon ab, ob die was zurückgelassen haben, als sie diesen Ort aufgegeben haben«, meinte Scrum, voll auf seinen Scanner konzentriert. »Und ob sie’s in einem Stasisfeld gelassen haben. Wahrscheinlich sind die alle abgeschaltet, darum müffelt’s hier so.«
»Quatsch«, sagte Cutting Edge. »Ich geh nachgucken. Kommste mit, Kumpel?«
Scrum nickte, den Blick noch immer aufs Display seines Scanners geheftet, und folgte ihm.
Stella schaute ihnen lächelnd hinterher. Sie waren ein ungewöhnliches Duo: so verschieden wie Tag und Nacht, aber die besten Kameraden. Stella fragte sich, wie es wohl war, einen guten Freund zu haben: Jemanden, auf den man sich verlassen konnte, Geheimnisse mit ihm teilen, vielleicht sogar das Leben mit ihm verbringen. Auf der Wayfarer waren zwar alle irgendwie ihre Freunde, gleichzeitig aber auch ihre Kollegen. Insgeheim sehnte sie sich nach mehr, nach einem besseren Leben. Nur wusste sie nicht, wo sie danach suchen sollte.
»Grübeln führt zu nichts«, knurrte Bowman.
»Es liegt an diesem Ort«, sagte Stella. »So still und vergessen. Hier stinkt’s nach Tod.«
»Du hast ja ’ne Laune.«
Sie seufzte. »Vielleicht brauch ich eine Pause.«
»Bist du sicher, dass es nur das ist?«, fragte Bowman. »Ich weiß, du bist nur kurzfristig mit uns unterwegs. Wenn du weg willst, dann geh.«
»Captain, hast du etwa doch so was wie ein Herz?«
»Wer, ich? Ach was.«
Jemand näherte sich Bowman, bewegte sich lautlos über den Betonboden wie ein Panther. Koral war groß, lohfarben wie eine Löwin und hatte eindringliche helle Augen. Sie trug Kleidung aus geschmeidigem Wildleder und feste Stiefel. Sie war humanoid, wirkte jedoch oft eher wie ein Tier: kraftvoll, raubtierhaft, mit einem Hauch von Unnahbarkeit. Stella war sich immer noch nicht sicher, in welcher Beziehung Koral genau zu Bowman stand, aber sie schien so was wie seine persönliche Leibwache zu sein.
Sie flüsterte Bowman etwas zu. Während sie sprach, konnte Stella ihre scharfen, weißen Reißzähne aufblitzen sehen.
»Schon gut«, sagte Bowman mit gesenkter Stimme. Wenn er mit Koral sprach, redete er immer leiser als sonst. »Wir bleiben nicht lange.«
Koral nickte, entfernte sich und schenkte Stella und der übrigen Umgebung so wenig Beachtung wie eine Katze.
»Was hat sie?«, fragte Stella.
»Sie will wissen, warum alle so nervös sind«, sagte Bowman. »Sie sagt, sie könne den Schweiß riechen.«
»Das liegt wohl an unserer Lebensweise.«
»Einmal das – und dann wäre da noch die Tatsache, dass dieser Ort so … falsch ist.«
»Falsch?«
Bowman nickte. »Er ist leer. Verlassen. Die Leiche einer Welt. Wie du gesagt hast: Es stinkt hier nach Tod.«
Stella erschauderte. Dann hörten sie beide einen Schrei: Cutting Edge rief aus einiger Entfernung nach ihnen. »Hey! Leute, kommt mal rüber. Das müsst ihr euch ansehen!«
Sie fanden Cutting Edge an einer kleinen Kreuzung zwischen zwei alten Fertighäusern. Scrum stand neben ihm und war damit beschäftigt, Messungen mit seinem Scanner vorzunehmen. Er bewegte das Gerät hin und her, um besseren Empfang zu bekommen. Koral strich umher und hielt Ausschau nach Anzeichen von Gefahr.
Cutting Edge war sichtlich aufgeregt. »Na? Was denkt ihr?«
Er deutete mit einer theatralischen Geste auf den hohen blauen Kasten, der vor ihm stand. Die Seiten waren vertäfelt und oben in die doppelflüglige Tür waren kleine Fenster aus Mattglas eingesetzt worden. Darüber prangte ein Schild mit der Aufschrift:
POLIZEI-NOTRUFZELLE
»Was ist das?«, fragte Stella unbeeindruckt. Das Ding war eigenartig, aber nicht gerade spektakulär.
»Ich nehme an, es ist eine Polizei-Notrufzelle«, sagte Scrum trocken.
»Polizei?«, wiederholte Cutting Edge. »Was zum Teufel heißt ›Polizei‹?«
»Altmodisches Wort für Gesetzesvollzug«, erklärte Bowman.
»Und was macht das hier?«, fragte Cutting Edge. »Hier draußen gibt’s nämlich ganz klar kein Gesetz.«
»Vielleicht steht’s schon seit Jahren da«, gab Stella zu bedenken.
»Und das Licht haben sie angelassen?« Cutting Edge legte eine Hand auf die Seite des Objekts. »Hey, es summt!«
Stella ging einmal um den Kasten herum. Sie zog am Griff der Tür, aber sie war verschlossen.
»Na ja, komisches Ding«, sagte Bowman, »aber deswegen sind wir nicht hier. Scrum, hast du schon was gefunden, das wir verwenden können? In irgendeinem der Tanks muss doch noch Treibstoff sein.«
»Na klar«, bestätigte Scrum. »Aber ich messe hier noch was anderes. Der Scanner zeigt an, dass das automatisierte Computersystem noch läuft. Nachtanken dürfte also kein Problem sein. Aber die Computer verwenden einen seltsamen Signalcode, den ich nicht so recht identifizieren kann.«
»Spielt das eine Rolle?«
»Ähm, nein, nicht unbedingt. Aber das ist nicht alles: Ich empfange noch ein anderes, ebenso ungewöhnliches Signal. Es kommt von tief unter der Erde, beinahe direkt unter uns …«
Bowman legte die Stirn in Falten. »Was für ein Signal?«
»So eine Art Nachhall. Ein Klopfen oder ein Pochen, aber nicht mechanisch. Wir können es nicht hören, aber wenn ich die Vibrationen isoliere und das Audiosignal verstärke …«
Scrum stellte an den Reglern seines Scanners herum und plötzlich waren sie von weißem Rauschen umgeben. Daneben erklang ein seltsames, rhythmisches Klopfen von Metall auf Metall, eine Abfolge, die sich fortlaufend wiederholte:
Tock. Tock. Tock. Tock-tock-tock. Tock. Tock. Tock.
»Unglaublich«, flüsterte Scrum, nachdem sie sich die Sequenz ein paar Mal angehört hatten. »Das kann doch nicht …«
»Was?«, fragte Bowman.
Scrum schien von Ehrfurcht ergriffen zu sein. »Nun, das Ganze scheint ziemlich unmöglich, aber …«
»Spuck’s aus, Kumpel«, sagte Cutting Edge.
Scrum leckte sich die Lippen. »Vor Tausenden von Jahren, damals auf der Erde, lange bevor es die Raumfahrt gab, erfand ein Mann namens Morse einen Code. Er bestand aus kurzen und langen Tönen – Punkten und Strichen –, die für die Buchstaben des Alphabets standen. Drei Punkte und drei Striche, gefolgt von weiteren drei Punkten, ergibt SOS.«
»Es ist ein Hilferuf«, sagte Stella.
Sie begaben sich sofort auf die Suche nach dem Ursprung des Signals. Koral blieb zurück und hielt am Eingang Wache, während die anderen über klappernde Metalltreppen einige Etagen nach unten ins Innere des Raumhafens hinabstiegen.
»Der ganze Komplex dehnt sich unterirdisch extrem weit aus«, erklärte Scrum, während sie weiter in die Eingeweide der verlassenen Anlage vordrangen. »Die Treibstoffsilos müssen riesig gewesen sein.«
»Damals hatten sie die auch bitter nötig«, sagte Bowman.
Schließlich erreichten sie einen Korridor, der von Türen und einer Reihe von Computerterminals gesäumt war. Scrum folgte dem SOS-Signal bis vor eine massiv aussehende Tür, die mit Warnschildern gekennzeichnet war.
»Pscht«, zischte Bowman. »Hört mal.«
Jetzt konnten sie alle das Pochen hören, das durch die Metalltür drang – schwach, aber unverkennbar.
»Wie lange die hier wohl schon festhängen?«, fragte Stella.
»Moment«, sagte Cutting Edge. Er trat einen Schritt zurück und nahm seine Waffe von der Schulter. Jeder von ihnen war bewaffnet, doch nur Cutting Edge hatte ein Sturmgewehr dabei.
»Glaubst du wirklich, das ist nötig?«, fragte Stella.
»Weiß ich doch nicht! Wir haben keine Ahnung, was hinter dieser Tür lauert. Aber das hier ist Piratenterritorium.«
»Du denkst, da ist ein Pirat drin?«
»Oder Schlimmeres. Vielleicht ein Mutant. Oder ein Pestopfer. Was auch immer es ist: Es könnte sein, dass die ›Polizei‹ es dort aus gutem Grund eingeschlossen hat.«
»Und es kennt den Morsecode?«, fragte Stella zweifelnd.
Das Pochen hatte trotz ihrer Diskussion die ganze Zeit über nicht aufgehört.
»Könnte ein Trick sein.« Cutting Edge entsicherte seine Waffe und zielte auf die Tür. »Wir müssen einfach vorsichtig sein, mehr sag ich ja nicht.«
Bowman zog seinen eigenen Blaster. »Wir werden’s nur auf eine Art rausfinden. Mach die Tür auf, Scrum.«
Scrum drückte auf der kleinen Schalttafel neben der Tür herum.
»Da ist wieder das andere komische Signal«, sagte er und zog die Stirn kraus. »Als ob der Computer auf einem anderen System läuft, als ursprünglich beabsichtigt war. Die Tür ist verriegelt. Aber ich müsste das eigentlich umgehen können … aha!«
Die Schalttafel piepste und irgendwo in der Tür zogen sich schwere Metallbolzen langsam aus der Wand zurück.
Alle traten ein Stück von der aufgleitenden Tür weg, um genug Platz zum Feuern zu haben.
In der winzigen Zelle, die dahinter zum Vorschein kam, an der gegenüberliegenden Wand, saß ein Mann in einem braunen Nadelstreifenanzug. Er hielt einen Teelöffel in der Hand. Er schaute zu den Leuten auf, die um die Tür herumstanden, und obwohl sie ihre Waffen direkt auf ihn gerichtet hielten, breitete sich sofort ein Grinsen auf seinem Gesicht aus.
»Hallo!«, sagte er fröhlich.
»Wer zum Teufel sind Sie?« Bowmans Stimme klang wie das ferne Donnergrollen eines heraufziehenden Sturms, doch das schien den Mann in der Zelle kein bisschen zu beunruhigen.
»Ich bin der Doktor!«, erklärte er und stand auf. Er war bemerkenswert groß und dünn, hatte eine Igelfrisur und einen unruhigen Blick.
Es klickte laut, als Bowman seinen Blaster entsicherte. Die Mündung zielte direkt auf die Stirn des Doktors. »Was machen Sie hier drin?«
Der Doktor blickte sich in der kargen Zelle um, fast wie ein Kind, das in der Speisekammer beim Stibitzen erwischt worden war. »Nichts!«, sagte er. »Nun, nicht absolut nichts. Ich habe auf meinem Allerwertesten gesessen und SOS geklopft und gewartet, dass jemand hier auftaucht. Aber davon abgesehen nichts.«
»Wie lange sind Sie schon hier?«, fragte Stella.
»Oh, lange. Wirklich schon eine Ewigkeit. Na ja, fünf Tage, vierzehn Stunden und siebenundzwanzig Minuten, aber wer will so pingelig sein?«
Stella blickte sich ziemlich verwirrt in der Zelle um. »Fünf Tage …?«
»Ja, ich hab mordsmäßigen Hunger. Sie haben nicht zufällig was zu essen dabei? Und eine Tasse Tee wäre jetzt genau das Richtige.« Er strahlte und zwinkerte ihr zu.
»Halten Sie die Klappe!«, befahl Bowman. »Cutting Edge – durchsuch ihn.«
Cutting Edge hängte sich sein Gewehr um, ging entschlossen auf den Doktor zu, schob seine Arme beiseite und filzte ihn mit geübter Gründlichkeit. Stella entging nicht, dass der Anzug des Fremden ziemlich eng saß: Es wäre schwierig gewesen, irgendwelche tollen Waffen darunter zu verstecken. Tatsächlich schien er nichts bei sich zu haben als seinen Teelöffel, eine Taschenlampe, eine altmodische, dick umrandete Brille, eine Brieftasche und ein seltsames zylindrisches Gerät mit einem blauen Licht am Ende.
»Was ist das?«, fragte Bowman und hielt das Ding hoch.
»Ein Schallschraubenzieher.«
»Hm.« Bowman warf ihm den Schraubenzieher wieder zu und der Doktor steckte ihn zusammen mit den anderen Sachen in seine Taschen zurück. Die Brieftasche bekam er jedoch nicht zurück.
Pirat