Der Autor

Corina Bomann – Foto © Nadja Klier

CORINA BOMANN
Corina Bomann ist eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen.
Immer wieder begeistert sie ihre Leserinnen mit großen dramatischen Romanen und Heldinnen, die etwas Besonderes erreichen. Ihre Romane werden in zahlreiche Sprachen übersetzt und sind internationale Bestseller. Sie wohnt in Berlin.

Das Buch

New York, 1932. Sophia hatte nicht erwartet, je wieder glücklich zu sein.
Nachdem sie in Paris ihr Kind verloren hatte, war sie verzweifelt. Doch in New York blüht sie auf: Ein Angebot von der charismatischen Kosmetik-Unternehmerin Elizabeth Arden bietet ihr eine unerwartete Chance. Unversehens gerät Sophia damit mitten in den »Puderkrieg«, der zwischen Elizabeth Arden und Helena Rubinstein tobt. Plötzlich stehen ihre Liebe, ihre Zukunft und ihr Glück auf dem Spiel.

Corina Bomann

Die Farben der Schönheit – Sophias Träume

Roman

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:
www.ullstein-buchverlage.de

© 2020 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
Autorinnenfoto: © Nadja Klier
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de, München
unter Verwendung eines Bildes von
arcangel images / © Miguel Sobreira
E-Book-Konvertierung powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-8437-2234-6

Emojis werden bereitgestellt von openmoji.org unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.

Auf einigen Lesegeräten erzeugt das Öffnen dieses E-Books in der aktuellen Formatversion EPUB3 einen Warnhinweis, der auf ein nicht unterstütztes Dateiformat hinweist und vor Darstellungs- und Systemfehlern warnt. Das Öffnen dieses E-Books stellt demgegenüber auf sämtlichen Lesegeräten keine Gefahr dar und ist unbedenklich. Bitte ignorieren Sie etwaige Warnhinweise und wenden sich bei Fragen vertrauensvoll an unseren Verlag! Wir wünschen viel Lesevergnügen.

Hinweis zu Urheberrechten
Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

1. Kapitel

1929

Schwer und bleigrau hing der Januarhimmel über dem Meer. Nur am Horizont tauchte hier und da ein schwacher rosafarbener Schein zwischen den Wolken auf. Eisiger Wind strich über mein Gesicht und kroch unter meinen Mantel.

Ich hätte warm und gemütlich in meiner Kabine sitzen können, doch die Enge dort erdrückte mich, und mir stand auch nicht der Sinn danach, mich im Salon zu vergnügen, wo sich um diese Zeit bereits die Passagiere drängten. Alles, was ich wollte, war endlich ankommen und meine Nachforschungen beginnen.

Seit beinahe einer Woche waren wir nun auf See. Beim gestrigen Abendessen hieß es, dass wir in zwei Tagen Dover erreichen würden. Von dort aus würde mich eine Fähre nach Calais bringen, bevor die Reise mit dem Zug nach Paris weiterging.

Es beeindruckte mich noch immer, dass Madame Rubinstein diesen Weg mehrere Male im Jahr hinter sich brachte. Wie hielt sie das nur aus? Ich erinnerte mich gut daran, wie ich mit ihr das erste Mal über den Ozean gefahren war. Damals hatte sie, die erfolgreiche Kosmetikunternehmerin, mir die Chance auf die Erfüllung meines Lebenstraumes gegeben: Kosmetik herzustellen und Frauen damit zu Schönheit und Selbstbewusstsein zu verhelfen. Sie hatte mich aus Paris mitgenommen, damit ich als Chemikerin in ihrer Fabrik arbeitete. Zum ersten Mal nach all der traurigen Zeit hatte ich Hoffnung geschöpft.

Seit ich vor wenigen Wochen entlassen worden war, hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Hatte sie ihre Ehe retten können? Immerhin hatte sie, um wieder mit Mr Titus, ihrem Ehemann, zusammen sein zu können, ihre amerikanischen Anteile der Rubinstein Inc. verkauft. Ich wünschte, ich würde etwas darüber erfahren, doch an Bord eines Schiffes kamen Nachrichten unregelmäßig an. Tageszeitungen gab es nur, wenn ein Hafen angelaufen wurde. Wir befanden uns mitten auf dem Ozean, im Reich der Ahnungslosigkeit.

Meine Hand wanderte zu meiner Manteltasche. Stets trug ich den Brief bei mir, der in Schreibmaschinenschrift behauptete, dass mein Sohn noch leben würde. Durfte ich mir Hoffnung erlauben?

Meine Gedanken kreisten um die Tage im Krankenhaus nach seiner Geburt. Die Nachricht von seinem Tod, die anschließende Depression. War da etwas gewesen, auf das ich hätte achten sollen? Hatte ich Zeichen übersehen? In meiner Erinnerung klaffte ein finsteres Loch. Egal, wie sehr ich mich anstrengte, es gab nichts, was ich tun konnte, um die Dunkelheit zu erhellen.

»Ein grandioser Anblick, nicht wahr?«, fragte eine Stimme. Ich zog meine Hand aus der Tasche und blickte mich um. Der Mann, der unbemerkt hinter mir aufgetaucht war, hatte hochstehende Wangenknochen und einen stechenden Blick. Seine Augen waren dunkel wie Kohlen, die hohe Stirn ließ ihn intellektuell wirken. Auf seiner Nase saß eine Nickelbrille mit runden Gläsern.

Er war die Sorte Mann, die mich früher sicher nicht bemerkt hätte. Sein Lächeln zeigte mir deutlich, welche Absicht hinter seinen Worten stand.

»Ja, das ist es«, antwortete ich kühl. »Aber wenn Sie erlauben, genieße ich ihn lieber allein.«

Mein Freund Darren hatte mich gerade erst verlassen, die Erinnerung an den letzten gemeinsamen Abend brannte immer noch schmerzhaft in meiner Seele. Mein Herz war noch nicht wieder bereit für Annäherungsversuche.

Der Mann lachte ein wenig gekränkt auf und drehte unsicher den goldenen Ring an seinem Finger herum. Ein Ehering. Diese Geste ließ mich erschaudern. Sie schleuderte mich weit in meiner Erinnerung zurück. Auch Georg, mein Liebhaber, war verheiratet gewesen. Er hatte mir vorgegaukelt, sich von seiner Frau trennen zu wollen. Letztlich hatte er es nicht getan und mich, als ich schwanger war, sitzen gelassen.

»Sie sind mir aufgefallen«, sagte er. »Eine Frau wie Sie …«

»So?«, fragte ich ein wenig angriffslustig. »Was bedeutet das? Eine Frau wie ich?« Ich atmete tief durch. Er war ein Fremder, den ich wahrscheinlich nie wiedersah. Ich durfte an ihm nicht meinen Zorn auf Georg auslassen.

»Jung, hübsch … und, wie es scheint, mit einem starken Willen gesegnet.«

Worte wie diese hatten mich damals verleitet zu glauben, dass Georg es ernst mit mir meinte. Er, der mein Dozent an der Universität war, hatte mich benutzt und geschwängert. Ich würde denselben Fehler nicht noch einmal machen.

»Sie sind jeden Tag zur selben Zeit hier«, fuhr der Fremde fort. Offenbar hatte er nicht vor, so leicht aufzugeben. »Und auch im Speisesaal bin ich Ihnen einige Male über den Weg gelaufen, aber Sie haben wohl nie Notiz von mir genommen.«

Das hatte ich in der Tat nicht. Warum hätte ich es tun sollen? Ich war mit den Gedanken meist bei meinem Sohn. Das half mir, Darrens Ablehnung zu vergessen. Und ich war auch nicht der Typ Frau, der sich nach einer verlorenen Liebschaft gleich eine neue suchte.

Der Fremde räusperte sich, als er spürte, dass er damit nicht weiterkam. Beinahe tat er mir leid. Doch meine Unnachgiebigkeit war mein Schutzpanzer, der mich davor bewahrte, zu verzweifeln. Auch wenn ich ihn attraktiv fand, war ich nicht bereit, mich auf ihn einzulassen. Er war verheiratet. Ich würde mein Glück nicht auf dem Unglück anderer aufbauen und mich damit erneut selbst in die Tiefe stürzen.

»Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade viel durchdenken muss«, erwiderte ich.

»Und es gibt niemanden, mit dem Sie Ihre Gedanken teilen können? Oder wollen?«

Ich blickte den Fremden an. Ich mochte ihm vielleicht aufgefallen sein, doch er mir nicht. Sein Gesicht war wie das anderer Männer gewesen: Schatten, die ich mir nicht mehr näher angesehen hatte, seit die Beziehung zu Darren zerbrochen war.

»Diese Menschen gibt es, ja«, antwortete ich. »Aber sie sind nicht hier auf dem Ozean. Und es gibt Gedanken, die man nicht ohne Weiteres teilt. Nicht mal mit seinen Freunden.«

»Und mit einem Fremden?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ein Fremder würde es nicht verstehen.«

Mit Kate, der Haushälterin meines Vermieters, hatte ich einige Gedanken geteilt, am Küchentisch, als wir darüber sprachen, ob ich der Behauptung des Briefes nachgehen sollte. Doch Darren gegenüber hatte ich mein Kind und die Narbe, die seit der Geburt meinen Körper verunstaltete, verschwiegen und damit alles kaputt gemacht.

Ein Fremder würde mich sicher verurteilen für das, was geschehen war. Für meine Leichtgläubigkeit, meine Naivität. Am Tod meines Kindes trug ich keine Schuld, wenngleich ich es mir dennoch nicht verzeihen konnte. Falls mein Sohn überhaupt gestorben war.

Der Mann setzte wieder sein leicht gekränktes Lächeln auf. »Nun, vielleicht überlegen Sie es sich irgendwann einmal. Ich habe immer ein offenes Ohr für interessante Geschichten. Auch wenn ich Sie nicht kenne, glaube ich, dass in Ihnen etwas ruht, das erzählt werden sollte.« Er machte eine kurze Pause, dann fügte er hinzu: »Wenn Sie es sich überlegen sollten, fragen Sie nach James Joyce. Wir werden ja noch ein paar Tage miteinander verbringen, nicht wahr?«

Damit wandte er sich um und ging auf die andere Seite des Schiffes.

Ich schaute ihm nach. Möglicherweise war er ein Schriftsteller, den vielleicht auch Mr Titus kannte. Doch es war besser, nichts zu sagen und ihn ziehen zu lassen. Er würde mir nicht helfen können bei dem, was ich mir vorgenommen hatte.


Als es mir zu dunkel und zu kalt an Deck wurde, zog ich mich in meine Kabine zurück. Ich machte Licht, schälte mich aus meinem Mantel und wickelte mich in die raue Wolldecke, die sonst mein Bett bedeckte. Dann setzte ich mich an den kleinen Schreibtisch.

Mein Notizbuch war angefüllt mit Stichpunkten, Dingen, an die ich mich aus meiner Zeit in Paris erinnerte. Ich war auf der Suche nach Anhaltspunkten gewesen, und akribisch, als hätte ich eine Hausarbeit für meinen Dozenten erstellen müssen, hatte ich meine Erinnerungen sortiert und kategorisiert.

Da gab es Eindrücke von Orten, an denen ich gewesen war. Vor allem das Krankenhaus hatte ich genau beschrieben. Ich hatte die Straßen skizziert, die Praxis der Hebamme Marie Guerin, die ich aufgesucht hatte, um mich untersuchen zu lassen. Sie hatte meinen Namen nicht wissen wollen, aber von Adoption geredet. Da war die Pension von Madame Roussel gewesen, in der ich meine ersten Schritte in Richtung Amerika gemacht hatte. Einige Orte stufte ich als harmlos ein, andere als verdächtig. Das Krankenhaus und die Praxis von Marie Guerin waren von mir eingekreist worden.

Anschließend hatte ich die Personen aufgelistet. Flüchtige Bekanntschaften wie die Frau, die mich in das Taxi zum Krankenhaus gesetzt hatte, oder Monsieur Jouelle, der Liebhaber meiner Freundin Henny, dessen Verachtung mich völlig schuldlos getroffen hatte. Das Krankenhauspersonal: Dr. Marais, Schwester Sybille, Aline DuBois, die Hebamme, sowie Schwestern, deren Namen ich mir nicht gemerkt hatte, deren Gesichter ich jedoch wiedererkennen würde, wenn ich sie sah.

Natürlich bestand auch die Möglichkeit, dass eine Fremde im Krankenhaus erschienen war und mein Kind gestohlen hatte. Dass die Klinik, weil ihr das peinlich gewesen war, mir Louis’ Tod vorgegaukelt hatte. Aber mein Gefühl sagte mir, dass es anders gelaufen war.

Als mir die Augen schmerzten, legte ich mich aufs Bett. An die Bewegungen des Schiffes hatte ich mich mittlerweile gewöhnt. In der ersten Zeit war es schwierig gewesen, besonders weil die See oftmals sehr unruhig war. Eine leichte Übelkeit war mein ständiger Begleiter gewesen, anders als damals, als ich zum ersten Mal den Ozean überquert hatte. Wahrscheinlich hatte mich Madames Präsenz zu sehr abgelenkt.

Ich wünschte, sie wäre hier gewesen, um mich von den erneut in mir aufsteigenden Erinnerungen an meine Eltern abzulenken. In der kleinen, schwankenden Kabine krochen sie aus den dunklen Winkeln meines Verstandes und erfüllten mich mit derselben Wut und Enttäuschung, die ich damals schon gefühlt hatte. Schon so lange hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihnen. Nicht einmal dann, als ich ihnen vom Tod meines Kindes berichtete, hatten sie sich gemeldet.

Es wäre ein Leichtes, von Paris aus mit dem Zug nach Berlin zu fahren und nach ihnen zu sehen. Kurz überlegte ich ernsthaft, das zu tun, aber dann pfiff ich mich zurück. Es war sinnlos, verschwendete Zeit. Ich würde mich ganz auf die Suche nach Louis konzentrieren.

2. Kapitel

Paris schien sich nicht verändert zu haben. Das Gewimmel auf den Straßen war nicht mit dem in New York zu vergleichen, doch es fühlte sich vertraut an. Auch wenn Winter herrschte, wirkten die Häuser immer noch strahlend und elegant. Die Farben waren größtenteils verschwunden, aber ich wusste, dass sie zurückkehren würden, sobald die Sonne wieder höher stand und der Frühling einkehrte. Die Blumenbeete in den Vorgärten würden ebenso wie die Balkone neu bepflanzt werden, und aus den offen stehenden Fenstern würden bunte Gardinen wehen.

Bei all dem Vertrauten, das ich während der Taxifahrt entdeckte, fiel mir auf, wie sehr ich mich selbst verändert hatte, seit ich an der Seite von Madame Rubinstein an Bord des Fährschiffes nach Dover gegangen war.

In abgetragenen und viel zu weiten Kleidern war ich in die neue Welt aufgebrochen. Aus der Studentin aus gutem Hause war eine Mittellose geworden, die nur dank der Hilfe ihrer Freundin in Paris überleben konnte.

Nur knapp zwei Jahre später war zumindest äußerlich von dem schicksalsgebeutelten Mädchen nichts geblieben. Die Sachen, die ich trug, fielen nicht mehr durch ihre Schäbigkeit auf. Ich war zu einer Frau geworden, die man wahrnahm. Die Narben darunter sah niemand und würde, wenn es nach mir ging, auch niemand mehr zu sehen bekommen.

Während ich die Menschen betrachtete, an denen der Wagen vorbeifuhr, breitete sich ein Gefühl von Vorfreude in meiner Brust aus. Ich würde Henny wiedersehen, meine Freundin, meine Retterin nach der Katastrophe mit Georg! Sie hatte mich bei sich aufgenommen, als mich mein Vater verstoßen hatte. Mit ihr war ich nach Paris gegangen. Sie hatte eine wunderbare Karriere gemacht und es mir ermöglicht, durchzuhalten.

Neben all der Ungewissheit, die in mir tobte, war das ein Lichtblick, der mein Herz mit Wärme erfüllte. Wie mochte es ihr ergangen sein? Unsere Korrespondenz war weniger geworden, aber das bedeutete wohl nur, dass sie viel zu tun hatte und von ihrem Verlobten gänzlich eingenommen wurde.

Als die Gegend schäbiger wurde, wurde mir klar, dass wir uns der Rue du Cardinal Lemoine näherten. Die Straße wies noch mehr Schäden auf als früher, einige Pflastersteine waren herausgebrochen und an den Rändern aufgestapelt worden. Obwohl der Chauffeur sich bemühte, die Schlaglöcher zu umfahren, wurde ich kräftig durchgeschüttelt.

Ich hätte ein Hotel nehmen können, doch ich wollte bei Menschen sein, die ich kannte. Henny wohnte hier schon seit einer Weile nicht mehr, aber Genevieve und Madame Roussel. Auch auf sie freute ich mich.

Einige Minuten später machte das Taxi vor der Pension halt. Die Fassade sah noch immer wie damals aus, abgesehen von ein paar neuen Rissen, die unterhalb der Fenster hinzugekommen waren. Madame Roussel schien eine Renovierung noch nicht für notwendig zu halten.

Ich bezahlte und nahm mein Gepäck in Empfang. Während der Wagen davonfuhr, schritt ich in den Innenhof und blickte mich um. Von irgendwo über mir ertönte Musik. Wahrscheinlich hatte einer der Gäste in den besseren Zimmern ein Grammophon mitgebracht. Ein wenig erinnerte mich das an den Herrn Kommerzienrat im Haus meiner Eltern. Doch ich drängte den Gedanken rasch beiseite und umfasste den Griff meines Koffers. Die Haustür war, wie meistens, offen, obwohl Madame Roussel stets allen Gästen erklärte, dass sie sie zum Schutz vor Dieben verschlossen halten sollten.

Ich trat ein und ließ meinen Blick über die Treppe wandern, die ich so oft hinauf- und hinabgestiegen war. Dann vernahm ich das Klappen einer Tür.

Madame Roussels Schritte erkannte ich sofort.

Als sie mich sah, stockte sie überrascht.

»Du meine Güte, du bist schon hier?«, fragte sie.

Ich hatte in meinem Telegramm nur eine vage Ankunftszeit angegeben. Man konnte nie wissen, wie das Wetter auf See war, und wir hatten Winter, und es traten jetzt häufiger Stürme auf.

»Ja, die See war ruhiger, als ich es erwartet hatte«, sagte ich und reichte ihr die Hand. Madame Roussel ignorierte sie und umarmte mich. Der Duft von Rosenseife strömte in meine Nase.

»Schön, dass du wieder da bist, Mädchen! Und sieh, wie du dich rausgemacht hast! Amerika hat dir Glück gebracht, wie?«

Das hatte es. Doch dieses Glück fühlte sich ungewiss an. Alle Wege vor mir lagen im Nebel, und es war an mir, den richtigen zu finden. Meinen Sohn zu finden.

»Haben Sie vielleicht noch das alte Zimmer frei, in dem Henny und ich gewohnt haben?«, fragte ich.

»Da oben ziehst du mir nicht wieder ein!«, sagte sie. »Komm mit! Ich habe etwas Besseres.«

Wenig später führte sie mich zu den »nobleren« Quartieren im Gebäude nebenan. Das Grammophon war mittlerweile verstummt.

»Wohnt Genevieve noch hier?«, fragte ich, als wir die Treppe hinaufstiegen.

»Hin und wieder lässt sie sich blicken, ja«, antwortete Madame Roussel. »Aber ihre Profession hat sie wohl aufgegeben. Seit Monaten taucht nur ein und derselbe Mann bei ihr auf.«

Hatte meine damalige Zimmernachbarin Genevieve ihr Glück gefunden? Ich wünschte es ihr und brannte darauf, mich endlich wieder mit ihr zu unterhalten. Sie hatte mir damals, als ich neu in Paris war, sehr geholfen und mir auch beigestanden, nachdem mein Kind gestorben war. Sie hatte mir die Ärztin empfohlen, die mich davor bewahrt hatte, von der Dunkelheit meines Herzens verschlungen zu werden.

»Hier«, sagte Madame Roussel und deutete auf die Tür vor uns. Sie war wie alle anderen in diesem Aufgang rotbraun angestrichen und mit einer kleinen Nummer versehen. Wir standen vor der Neun.

Die Hauswirtin zog ihr Schlüsselbund aus der Tasche und schloss auf. Das Zimmer war überraschend geräumig. Anstelle eines schlichten Metallbettes wie in unserem alten Zimmer gab es ein Himmelbett. Einige Pflanzen standen auf dem Fensterbrett, und es war genügend Platz für einen Schreibtisch und einen Kleiderschrank vorhanden.

»Für gewöhnlich nehme ich fünf Franc pro Woche für dieses Zimmer. Du bekommst es für drei«, erklärte sie und eilte zu den Fenstern, um sie zu öffnen. »Natürlich bist du auch hier nicht sicher vor den Ausdünstungen des Latrinenwagens, aber die Fenster schließen besser. Und du kriegst mehr Luft.«

»Danke, Madame Roussel, das ist sehr freundlich von Ihnen.« Ich blickte mich um. Der Raum brauchte den Vergleich mit meinem Zimmer in New York nicht zu scheuen. Und es war ein Palast gegenüber der engen Kammer, die ich zusammen mit Henny bewohnt hatte.

»An die Regeln erinnerst du dich sicher noch?«

»Natürlich«, gab ich zurück. Doch wahrscheinlich würde ich wie alle anderen vergessen, die Tür zum Innenhof abzuschließen.

»Die Frauen in der Nachbarschaft haben übrigens gefragt, wann du mal wieder Creme machst. Ich habe ihnen erzählt, dass du in Amerika bist, bei dieser Helena Rubinstein, und dass sie die Cremes hier im Kaufhaus bekommen, aber sie fragen trotzdem immer wieder.«

»Ich mache momentan keine Cremes«, sagte ich.

»Nein, was dann? Parfüm?«

»Ich arbeite nicht mehr für Madame Rubinstein. Sie … sie hatte Eheprobleme und verkaufte ihre amerikanische Firma. Viele haben ihre Arbeit verloren, auch ich.«

Madame Roussel blickte mich entgeistert an. »Und was hast du jetzt vor?«

»Das weiß ich noch nicht. Erst einmal bin ich hier, weil ich das hier erhalten habe.« Ich zeigte ihr den Brief des anonymen Absenders.

»Sie kennen mich nicht, und wahrscheinlich werden wir uns nie treffen«, las sie laut vor. »Ich will Ihnen nur eines sagen: Ihr Sohn lebt. Ich weiß nicht, wohin man ihn gebracht hat, aber er hat gelebt und geatmet, als ich ihn das letzte Mal sah. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.«

Erschrocken schlug sie die Hand vor den Mund. »Das hatte es also zu bedeuten!« Sie überlegte kurz, dann fragte sie: »Glaubst du wirklich, dass da etwas dran ist? Dass dein Kind noch lebt?«

»Ich weiß es nicht«, sagte ich. »Aber ich muss herausfinden, woher dieser Brief stammt. Ich muss wissen, ob damals in dem Hospital etwas geschehen ist, was mir verheimlicht wurde.«

Madame Roussel nickte. »Es wird schwierig werden, denn wenn jemand einen Fehler gemacht hat, wird er es nicht zugeben. Aber ich wünsche dir viel Glück dabei.«

»Danke, das weiß ich zu schätzen.« Ich lächelte Madame Roussel zu, die mich einen Moment lang nachdenklich ansah.

»Wenn du die Küche brauchst, sag mir einfach Bescheid, ja?«, sagte sie dann und wandte sich um.

»Natürlich, Madame Roussel«, gab ich zurück und schloss die Tür. Ich würde mich kurz ausruhen und dann Henny einen Besuch abstatten.

3. Kapitel

Eine gute Stunde später stand ich vor der Adresse, die Henny auf ihren Briefen als Absender angegeben hatte. Das elegante Mietshaus war im Jugendstil gehalten, mit reizenden kleinen Balkons, die im Sommer durch bunte Blumenkästen verschönert wurden. An einem von ihnen waren Tannenzweige befestigt, wahrscheinlich Reste der Weihnachtsdekoration, obwohl Weihnachten nun schon mehr als einen Monat zurücklag.

Man sah nicht nur dem Haus an, dass hier wohlhabende Pariser lebten. Die Umgebung wirkte gepflegt, und obwohl es Winter war, waren die Vorgärten sehr ordentlich. Die Blütenpracht im Frühjahr musste einfach überwältigend sein.

Henny schien es tatsächlich geschafft zu haben. Sie war nun keine kleine Tänzerin mehr, die in schäbigen Absteigen oder Hinterhofzimmern leben musste. Sie war eine gemachte Frau, jedenfalls solange Monsieur Jouelle in sie vernarrt war.

Ich persönlich mochte den Assistenten des Geschäftsführers des Folies Bergère nicht. Er hatte mich schon von Anfang an wie Dreck behandelt und Henny in den Ohren gelegen, dass ich sie nur ausnutzen würde. Schmarotzerin hatte er mich genannt und versucht, meine Freundin von mir wegzutreiben. Henny hatte es nicht zugelassen. Zu gern hätte ich sein Gesicht gesehen, als sie ihm erzählte, dass ich in Amerika ein neues, erfolgreiches Leben begonnen hatte.

Die Aussicht, ihm zu begegnen, machte mich dennoch nervös.

Um diese Uhrzeit würde Hennys Verlobter normalerweise im Theater sein, dennoch scheute ich mich ein wenig davor, die Klingel zu betätigen.

Schließlich erklomm ich trotzdem die Treppe zur Eingangstür und suchte die Namensleiste ab. Jouelle fand ich in der Mitte. Ich atmete tief durch und drückte den Klingelknopf.

Mit pochendem Herzen wartete ich auf Antwort. Ich blickte nach oben, konnte aber nicht sagen, hinter welchem Fenster Henny wohnte.

Ein Knacken ertönte. »Hallo, wer ist da?«, fragte eine Stimme auf Französisch. In den vergangenen zwei Jahren hatte Henny sehr dazugelernt, den Akzent hörte man aber immer noch heraus.

»Henny?«, fragte ich erleichtert.

Die Stimme am anderen Ende verstummte. Hatte ich mich geirrt?

»Ich bin’s, Sophia«, antwortete ich. »Ich bin hier, in Paris!«

Henny schwieg. Hatte ich mich vielleicht vertan? Dass Henny nichts sagte, verwirrte mich.

Im nächsten Augenblick ertönte der Summer an der Tür, und das Schloss sprang auf.

Etwas unsicher trat ich ein. Das Treppenhaus erinnerte mich stark an mein früheres Zuhause, auch wenn es etwas enger war.

Die Bastmatten auf den Treppenstufen dämpften meine Schritte, sodass das Pochen meines Herzens beinahe das einzige Geräusch war, das ich wahrnahm.

Henny erwartete mich an der Tür des Appartements im zweiten Stock. Sie trug einen schwarzen Morgenmantel mit eingewirkten dunkelroten Rosen. Ihre Frisur war zerzaust, und ihr Gesicht wirkte verschlafen.

»Sophia, du meine Güte, was machst du denn hier?«, fragte sie. Sie schien tatsächlich erst wach geworden zu sein, denn ihre Stimme klang noch ein wenig schleppend.

»Ich … ich hatte dir geschrieben. Ist der Brief nicht angekommen?«

Meine Arme fühlten sich merkwürdig taub an. Vor mir stand meine Freundin. Ich hatte allen Grund, ihr in die Arme zu fallen. Aber Henny hatte sich verändert. Früher hatte sie nicht so abwesend gewirkt. Nicht mal dann, wenn ich sie tatsächlich aus dem Schlaf geschreckt hatte.

»Ja … ja, natürlich!«, sagte Henny, und auf einmal ging ein Ruck durch ihren Körper, und das altbekannte Lächeln flammte auf ihrem Gesicht auf. Sie kam zu mir geflogen und legte ihre Arme um mich.

Ich atmete tief durch, die Anspannung verließ mich augenblicklich. Möglicherweise hatte sie tatsächlich nicht mit mir gerechnet. Vielleicht hatte sie auch gedacht, ich würde später eintreffen, sie später besuchen.

Trotzdem wurde ich den Verdacht nicht los, dass Monsieur Jouelle einen Einfluss darauf hatte, ob sie ihre Post las.

»Wie geht es dir?«, fragte Henny, während sie mit ihren Händen über meine Wangen strich. Ich drückte sie erneut an mich. Es fühlte sich so gut an, sie zu sehen!

»Komm doch herein!«, sagte sie und zog mich am Arm in den Flur ihrer Wohnung. Ein süßlicher Geruch schwebte in der Luft. Sie erklärte: »Räucherstäbchen. Das ist der neueste Schrei hier in Paris. Den Frauen kann es nicht exotisch genug sein. Das ist doch bei euch sicher auch so, nicht?«

»Nein, bis jetzt noch nicht«, gab ich zurück. »Aber die Mode kommt sehr langsam über den Ozean. Viele Frauen tragen noch immer die alten Frisuren. Einschließlich mir.« Ich fuhr über den Knoten in meinem Nacken. Mir einen modischen Bubikopf schneiden zu lassen, hatte ich bislang noch nicht über mich gebracht.

»Du hängst ja so sehr an deinen Haaren, von daher wundert es mich nicht«, meinte Henny, und je länger ich sie ansah, desto mehr wurde mir klar, dass sie sich nicht verändert hatte – jedenfalls nicht mir gegenüber.

»Wo ist dein Verlobter?«, fragte ich.

Henny zuckte mit den Schultern. »Im Theater. Ich bin am Vormittag meist allein. Aber komm doch erst einmal richtig an!«, fügte sie hinzu. »Kann ich dir einen Kaffee anbieten? Oder Tee? Maurice liebt Tee.«

»Was auch immer für dich bequem ist.«

»Dann Kaffee«, sagte sie. »Nimm doch einfach im Wohnzimmer Platz. Ich ziehe mir nur schnell was über und gehe dann in die Küche.«

Ich tat wie geheißen, während Henny hinter einer der Türen verschwand. Das Wohnzimmer wirkte wie ein exotischer Salon. Es gab eine Sitzgruppe aus Leder und große Topfpflanzen. Die Tapete war dunkelrot und wurde von rosafarbenen Rosen und zarten Blätterranken bedeckt. Der feine Duft von Zigarrenrauch hing in der Luft. Wahrscheinlich hielt er sich auch in den schweren Samtvorhängen.

In hohen Bücherregalen reihten sich ledergebundene und goldverzierte Bände. Ein Globus neben einem der Fenster enthielt möglicherweise eine Bar. Als ich mit meinen Eltern bei einem von Vaters Geschäftsfreunden zu Besuch gewesen war, hatte ich etwas Derartiges gesehen. Man konnte die Oberseite des Globus herunterklappen, und zum Vorschein kamen verschiedene Flaschen.

Ich trat an das Fenster, das einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt und den Jardin du Luxembourg bot.

Der gesamte Raum atmete den Geist von Monsieur Jouelle. Nur Henny spürte ich hier nirgends.

Wäre es allein Hennys Wohnung gewesen, wäre ich herumgelaufen und hätte mich ein wenig näher umgeschaut. Doch der Gedanke, dass Monsieur Jouelle zurückkehren und mich hier sehen könnte, machte mich beklommen. Natürlich würde Henny ihm davon erzählt haben, dass ich in Amerika arbeitete. Aber ich hatte immer noch sein wutentbranntes Gesicht vor mir, als er mir ans Herz legte, aus Hennys Leben zu verschwinden.

Ein Klappern in der Küche holte mich aus meiner Betrachtung fort. Ich folgte dem Geräusch, bis ich in einer geräumigen Küche stand. Monsieur Jouelle hatte offenbar die gesamte Etage des Hauses gemietet.

Die Küche war lichtdurchflutet und wunderschön eingerichtet. Die Möblierung war hell gehalten, passend dazu schmückten Delfter Fliesen die Wände. Der blank geschrubbte Tisch erschien viel zu groß für eine Wohnung wie diese.

»Die Haushälterin kommt erst gegen Abend wieder«, erklärte Henny, während sie Kaffeepulver in eine Kanne gab. »Aber damals in Berlin hatten wir ja auch kein Dienstmädchen, nicht wahr?«

»Nein, das hatten wir nicht«, bestätigte ich.

Mir fiel auf, dass Henny ein wenig unwohl wirkte. War es möglich, dass sie mit dieser Wohnung nicht ganz glücklich war? All die Jahre, seit sie das Heim ihrer Eltern verlassen hatte, hatte sie allein und in engen Zimmern gelebt. Sie war nun schon eine ganze Weile bei Jouelle, aber sie schien sich noch nicht so recht daran gewöhnt zu haben, den Haushalt nicht ausschließlich selbst versorgen zu müssen.

»Setz dich doch, der Kaffee ist bald fertig«, sagte sie und stellte den Kessel auf den Herd, dem eine wohlige Wärme entströmte.

»Wie geht es dir hier?«, fragte ich und nahm auf der langen Bank am Tisch Platz.

»Gut«, antwortete sie mit einem Schulterzucken. »Und was ist mit dir? Du hast in deinem Telegramm nur geschrieben, dass du nach Paris kommen wirst. Gibt es einen bestimmten Grund? Wirst du vielleicht einen Salon hier übernehmen? Die Mädchen im Theater reden ständig davon, dass neue Schönheitssalons eröffnen.«

»Nein, ich eröffne keinen Salon«, sagte ich. »Und ich arbeite auch nicht mehr für Madame Rubinstein. Ich bin hier, um meinen Sohn zu suchen.« Ich erzählte ihr von dem Brief, und Henny schaute mich erschrocken an.

Hatte sie meinen Brief dazu nicht bekommen? Hatte Jouelle ihn vielleicht zurückgehalten?

Am liebsten hätte ich sie direkt gefragt, doch ich wusste, dass dieses Thema schnell zum Streit führen konnte. Außerdem schien er sie wirklich gut zu behandeln. Dass er mich nicht mochte, war eine Angelegenheit zwischen ihm und mir.

Das Pfeifen des Kessels hallte durch den Raum. Henny erhob sich und goss den Kaffee auf. Dann brachte sie die Kanne zum Tisch und schenkte uns ein.

»Es ist schön, mal wieder Deutsch zu sprechen«, sagte sie ganz unvermittelt. »Mir hat das in den vergangenen Jahren sehr gefehlt. Manchmal habe ich schon mit mir selbst geredet, um es wieder zu hören. Hin und wieder hatte ich Angst, dass ich es verlernen würde.«

Ich griff nach ihrer Hand und spürte, dass ihre Haut eiskalt war. Ihre Finger zitterten ein wenig.

»Was ist mit dir?«, fragte ich.

»Nichts«, antwortete sie. »Ich bin einfach nur manchmal ein bisschen nervös. Der Arzt meint, dass es von der Konkurrenz unter den Tänzerinnen im Folies käme. Es kratzt meine Nerven an.«

»Haben sie sich denn immer noch nicht an dich gewöhnt?« Sorge stieg in mir auf.

»Doch, das haben sie«, antwortete Henny. »Aber es ist etwas anderes, ein Neuling zu sein oder die Verlobte von Maurice.« Sie hielt kurz inne, dann strahlte sie mich an. »Aber das braucht uns nicht die Laune zu verderben, nicht wahr? Du wirst doch zu unserer Hochzeit kommen?«

»Natürlich«, antwortete ich, mit einem Kloß im Hals. Würde Jouelle es gefallen, wenn ich die Brautjungfer war? Wenn ich überhaupt erschien?

»Das ist schön!«, sagte sie fröhlich, aber auf eine Weise, die so gekünstelt schien, dass sie nicht zu Henny passte.

»Wäre auch dein Verlobter damit einverstanden?«, fragte ich skeptisch.

»Warum denn nicht? Ich habe ihm viel von dir erzählt. Er freut sich, dass es dir in Amerika gut geht.«

»Habt ihr schon einen Termin festgelegt?«, fragte ich, denn wenn es um Jouelle ging, fühlte ich mich, als würde ich mich auf dünnem Eis bewegen.

»Bis jetzt nicht, aber wir werden es tun.« Sie nickte, als müsste sie sich selbst versichern, dass es passieren würde. »Wir werden. Und dann wirst du die Erste sein, die es erfährt.«

»Du weißt, dass der Brief eine ganze Weile braucht, bis er mich erreicht, nicht wahr?«

Sie lächelte und entgegnete: »Ich werde niemandem davon erzählen, bis er bei dir ist!«

Ich wusste, dass sie dieses Versprechen nicht halten konnte. Die Mädchen würden es herausbekommen, vielleicht durch Jouelle. Doch das war in Ordnung. Henny hatte ihr neues Leben, und ich hatte meines, wie auch immer es in Zukunft aussehen würde.

Wieder schwiegen wir eine Weile, und ich konnte förmlich sehen, dass die Gedanken hinter Hennys Stirn herumwirbelten. Gleichzeitig bemerkte ich, dass sie ihre Lippen zusammenpresste, um ja keinen von ihnen entwischen zu lassen.

»Und wo willst du nun mit deiner Suche beginnen?«, fragte sie, ein wenig zu schrill und zu gezwungen. Es war, als wollte sie höflich sein. Das war wieder etwas, das ich von ihr nicht kannte.

»Im Krankenhaus. Ich werde versuchen, mit den Schwestern zu sprechen, vielleicht auch mit dem Arzt.«

»Wenn einer von denen dahintersteckt, werden sie dir kaum die Wahrheit sagen.«

»Aber irgendwo muss ich beginnen!«

Henny nickte, sagte darauf aber nichts. Warum fühlte sich die ganze Situation plötzlich so seltsam an? Früher hatten wir über alles reden können, jetzt kam ich mir wie ein Störkörper vor.

»Oh, wie die Zeit vergeht«, rief Henny plötzlich aus. »Ich will nicht unhöflich sein, aber ich fürchte, du musst gehen«, sagte sie nach einem Blick auf die Uhr. »Maurice wird bald zurück sein.«

Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Wir hatten doch gerade erst ein paar Minuten zusammengesessen? Der Kaffee in meiner Tasse war noch nicht einmal kalt. »Ist er denn nicht bis zum Abend im Theater?«

»Er kommt zwischendurch immer heim, um mich zu sehen.«

Ich verstand. Auch nach diesen zwei Jahren würde er mich hier nicht dulden. Selbst dann nicht, wenn ich eine gemachte Frau wäre.

Ich nickte und senkte den Kopf. »In Ordnung.« Ich versuchte, mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

Die alte Henny hätte mich an der Hand genommen, und wir wären gemeinsam durch irgendeinen Park spaziert, wie damals in Berlin.

Ich erhob mich. »Danke für den Kaffee.«

Sie griff nach meiner Hand. »Ich hoffe, du findest, was du suchst.«

»Danke.« Einen Moment lang sahen wir uns an, dann schloss ich sie in meine Arme. Sorge loderte in mir. War sie nur deshalb so seltsam, weil mein Besuch ihr unangenehm war, oder verbarg sie etwas vor mir? »Sobald ich etwas in Erfahrung gebracht habe, melde ich mich bei dir.«

»Ja, tu das.« Sie lächelte und schaute dann über meine Schulter, als fürchtete sie, dass Jouelle jeden Augenblick hinter mir auftauchen würde.

Sie begleitete mich zur Tür. »Pass auf dich auf«, sagte ich zu ihr und strich ihr ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. »Und wenn du etwas auf dem Herzen hast, sag Bescheid. Ich wohne bei Madame Roussel.«

»Mach es auch gut«, entgegnete sie knapp. »Bis bald.«

Mit diesen Worten löste sie sich von mir und schloss die Tür.

Ihr Verhalten verwirrte mich dermaßen, dass ich mich nicht von der Stelle rühren konnte. Was war das eben? Warum hatte sie es so eilig gehabt, mich loszuwerden, und wieso war der Abschied nicht herzlicher ausgefallen? Ich dachte an früher zurück, doch selbst wenn wir uns einmal gestritten hatten, war sie nie so merkwürdig kühl gewesen.

Unten ging die Haustür. Ich zuckte zusammen. War es wirklich Jouelle? Einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken, eine Treppe höher zu steigen und mich dort zu verstecken, doch dann entschied ich mich dagegen. Wenn Jouelle kam, sollte er wissen, dass ich Henny besucht hatte.

Langsam stieg ich die Stufen hinunter. Tatsächlich erschien ein Mann vor mir, doch es war nicht Jouelle. Der ältere Herr mit dem grauen Schnurrbart grüßte höflich und schritt an mir vorbei.

Erleichtert legte ich die restlichen Stufen zurück. Wieder auf der Straße, atmete ich tief durch. Ich fühlte mich angespannt und ängstlich. Was, wenn es Henny nicht gut ging? Lag es wirklich an der räumlichen und zeitlichen Entfernung, dass wir uns irgendwie fremd geworden waren?

Die Gedanken rasten in mir. Henny hätte es mir doch gesagt, wenn sie Hilfe bräuchte, oder etwa nicht? Hatte Jouelle sie wirklich in einen anderen Menschen verwandelt?


In der Nacht lag ich wach und starrte an die Decke. Ein wenig erwartete ich, den Latrinenwagen zu hören. Doch ich wusste, dass es noch zu früh war.

Meine Füße schmerzten, aber mein Kopf arbeitete weiterhin. Er zeigte mir Bilder aus der Vergangenheit. Er zeigte mir Henny, wie ich sie früher gesehen hatte und vor ein paar Stunden. Und ich spürte deutlich, wie das Gewicht der Sorge auf mich niedersank. Mein Kind konnte irgendwo dort draußen sein. Henny hatte sich verändert. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, wenn ich nach Amerika zurückkehrte.

Aber ich sagte mir, wenn ich erst mal Klarheit über das Schicksal meines Sohnes hatte, würde ich meinen Weg kennen. Schon wie damals, als ich vor dem Schaufenster mit den Kinderkleidern stand, brannte in mir der Wille, es zu schaffen. Und das würde ich, sobald ich ihn entweder in meine Arme schließen konnte oder seine Seele im Himmel wusste.