Die Autorin

Corina Bomann – Foto © Nadja Klier

Corina Bomann ist eine der erfolgreichsten deutschen Bestsellerautorinnen. Immer wieder begeistert sie ihre Leserinnen mit großen dramatischen Romanen und Heldinnen, die etwas Besonderes erreichen. Sie wohnt in einem gemütlichen Haus in Mecklenburg-Vorpommern. Es ist der perfekte Ort zum Schreiben.
Besuchen Sie die Autorin unter www.corina-bomann-buecher.de

Das Buch

Berlin, 1926. Aufgewühlt verlässt Sophia ihr Elternhaus. Ihr Vater will sie nie wiedersehen, ihre Mutter ist in Tränen aufgelöst. Erst als sie vor ihrem Geliebten steht, begreift Sophia, dass sie das gemeinsame Kind alleine aufziehen muss. Noch dazu als Unverheiratete. Verzweifelt reist sie zu einer Freundin nach Paris, wo sich ihr eine unerhörte Möglichkeit bietet. Die große Helena Rubinstein ist von Sophias Ausstrahlung und von einer ihrer selbstgemachten Cremes begeistert. Und sie bietet ihr an, in ihrem Schönheits-Imperium zu arbeiten. Sophia reist nach New York, voller Hoffnung auf ein neues Glück.

Corina Bomann

Die Farben der Schönheit – Sophias Hoffnung

Roman

Ullstein

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© 2020 Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
Autorinnenfoto: © Nadja Klier
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ISBN 978-3-8437-2235-3

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1. Kapitel

1926

Das Scheinwerferlicht vorbeifahrender Autos streifte mich, als ich das Haus verließ. Sofort drang die klamme Märzkühle unter meine Kleider. Schon den ganzen Tag über war die graue Wolkendecke nicht aufgebrochen. Nun begann es auch noch zu nieseln.

Obwohl es noch nicht mal fünf war, flackerten nach und nach die Straßenlampen auf. Geschäftsleute in Wollmänteln drängten an Frauen mit Regenpelerinen vorbei, Arbeiter mit Schiebermützen stapften mit hochgeschlagenen Jackenkragen nach Hause. Hin und wieder hockte eine Gestalt in abgerissenem Soldatenmantel an einer Hauswand und bettelte um Geld oder Arbeit.

Mit meinem blaugrünen Mantel und dem passenden Topfhut auf dem Kopf war ich nur eine Gestalt von vielen, die zur U‑Bahn-Station Kaiserplatz eilten.

Fröstelnd schob ich die Hände in die Manteltaschen. Mein Herz pochte laut, und trotz der Kälte klebte mir der Schweiß das Unterhemd an Rücken und Bauch. Noch immer meinte ich die fremden Hände an meinem Körper zu spüren. Niemand wusste, dass sich meine größte Befürchtung soeben bestätigt hatte.

Meine Gedanken wanderten zu Georg. Würde er kommen?

Es war riskant, außerhalb des Labors mit ihm in Kontakt zu treten. Da er mein Dozent an der Chemiefakultät war, mussten wir vorsichtig sein. Zu lange und zu häufige Konsultationen in der Universität konnten Argwohn erwecken. Unsere Korrespondenz beschränkte sich auf kleine Zettel, die von Hand zu Hand weitergereicht wurden oder über bestimmte Bücher in der Bibliothek, von denen er sicher war, dass sie niemand ausleihen würde.

Fast immer war er derjenige gewesen, der Kontakt zu mir aufnahm, wenn wir uns außerplanmäßig treffen wollten. Doch an diesem Morgen drückte ich ihm nach der Vorlesung einen Zettel in die Hand. Er blickte mich erschrocken an, aber ich musste ihn unbedingt sprechen.

Ich tauchte in das schummrige Halbdunkel der U‑Bahn-Station ein. Die Treppenstufen waren von Schmutz und Nässe glitschig. Der typische Geruch nach Öl und Zement strömte in meine Nase. Ich mochte es sehr, mit der U‑Bahn zu fahren, den morgendlichen Weg zur Friedrich-Wilhelms-Universität legte ich meist damit zurück.

Am Bahnsteig drängten sich die Leute, dazwischen pa­trouillierte ein Schaffner auf und ab. Ein lautes Rattern kündigte die Ankunft des Zuges an. Einige Passagiere machten einen Schritt nach hinten, während andere unbeirrt stehen blieben, die Hälse reckten oder sich eine Zigarette anzündeten.

Der Zug hielt, die Waggontüren wurden geöffnet, und Aussteigende mischten sich mit Hinzuströmenden. Ich suchte mir einen Platz neben der Tür, während andere den hinteren Sitzbänken zustrebten. Als die U‑Bahn anfuhr, versuchte ich, den Blicken der Mitreisenden auszuweichen, und starrte in die Schwärze vor den Fenstern.

Zwei Stationen weiter verließ ich den Zug wieder, erklomm die Treppe und folgte dem Gehsteig eine Weile, bis schließlich das Café Helene vor mir auftauchte. Nach dem Krieg hatte es die Frau eines Hauptmanns eröffnet, der von der Front nicht heimgekehrt war. Seine Pensionskasse zahlte gut, und sie schien nicht allzu traurig über dieses Schicksal zu sein. Wenn sie im Haus war, begrüßte sie fröhlich die Gäste.

Warme, nach Kaffee duftende Luft umfing mich. Augenblicklich beschlug meine Brille. Ich nahm sie ab und wischte den feinen Wasserfilm von den Gläsern. Als ich sie wieder aufsetzte, ließ ich meinen Blick über die Gäste schweifen. Die meisten Tische waren leer. Ein älteres Paar saß ganz hinten neben den Fenstern. Ein etwas derangiert aussehender junger Mann kramte mit nervösen Bewegungen in seiner Jackentasche. Erleichtert stellte ich fest, dass ich niemanden kannte.

Georg und ich würden ungestört reden können.

Ich wählte eine Sitzecke an der Wand. Hier wurde man nur gesehen, wenn man etwas tiefer in das Café hineinging. Ich zog mir den Hut vom Kopf, richtete nervös den Knoten in meinem Nacken und schälte mich aus dem Mantel. Dann blickte ich auf meine Armbanduhr. Vater hatte sie mir zu meinem zwanzigsten Geburtstag im vergangenen August geschenkt. Er war so unheimlich stolz auf mich, besonders jetzt, wo mein Chemiestudium so gut voranschritt. Er träumte davon, dass ich in naher Zukunft sein Drogeriegeschäft übernehmen würde. Ich hatte das Studium eher mit dem Gedanken begonnen, eines Tages selbst Kosmetik herzustellen.

Die Zeiger rückten auf fünf Uhr.

Für gewöhnlich war Georg sehr pünktlich, doch mir war klar, dass es viele Gründe gab, die ihn aufhalten konnten: eine Nachricht seiner Frau, von der er getrennt lebte, seit sie die Scheidung eingereicht hatte, eine Erkrankung seines Sohnes, ein unverhofftes Treffen mit Kollegen oder ein abendliches Gespräch mit dem Dekan.

»Na, was kann ich denn für Sie tun, Frollein?«, riss mich eine Frauenstimme aus meinen Gedanken.

Hilde, die Schwester der Inhaberin, betätigte sich heute als Kellnerin. Sie trug stets einen kleinen Notizblock und einen Bleistift bei sich, doch ich hatte noch nie erlebt, dass sie etwas aufgeschrieben hätte.

»Einen Kaffee bitte. Und ein Glas Wasser«, antwortete ich. Hunger hatte ich nicht, und eigentlich war ich so aufgeregt, dass ich auch keinen Kaffee nötig gehabt hätte. Doch ich wusste, dass Hilde es nicht gern sah, wenn man hier nur die Zeit vertrödelte.

»Keinen Streuselkuchen?«, hakte sie nach, aber allein der Gedanke an etwas Essbares schnürte mir die Kehle zu.

»Heute nicht, danke«, entgegnete ich.

Hilde musterte mich kurz, dann sagte sie: »Sie sind doch schon so ein dürres Ding, das könnten Sie sich doch leisten!«

Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Ein anderes Mal.«

Hilde nickte und wandte sich um.

Ich lehnte mich zurück und schloss kurz die Augen. Mir kam wieder in den Sinn, wie groß meine Angst war, als ich Vater von meinem Ansinnen, ein Studium zu beginnen, erzählen wollte. Er war gemeinhin sehr streng und pflichtbewusst, und ich befürchtete, dass er ablehnen würde. Doch wider Erwarten freute er sich.

»Eines Tages wirst du die Chefin des Krohn-Drogerie-Imperiums sein!«, rief er und zog mich, was nur sehr selten geschah, in seine Arme.

Vielleicht machte ich mich auch hierbei nur verrückt …

Die Türglocke des Cafés erklang. Ich zuckte zusammen und öffnete die Augen wieder. Mein Puls beschleunigte sich, als ein Mann in braunem Tweedmantel eintrat. Als er den Hut vom Kopf zog, erblickte ich jedoch das Gesicht eines Fremden. Er setzte sich an einen Tisch neben einem der Fenster. Ich atmete auf. Unser Gespräch war nicht zu vermeiden, aber ich war froh, noch ein paar Augenblicke für mich zu haben.


Zu Beginn des vergangenen Semesters hatte sich Dr. Georg Wallner uns in der Vorlesung vorgestellt, als Ersatz für einen alten Professor, der in den Ruhestand gegangen war. Er war für einen Dozenten noch recht jung, wenngleich er achtzehn Jahre älter war als ich. Er unterrichtete und arbeitete gleichzeitig an seiner Habilitation. Das hatte mich sehr beeindruckt.

Als wäre es gestern gewesen, erinnerte ich mich, dass sein Blick über die Bankreihen des Hörsaals gewandert war und bei mir einen Moment länger als bei den anderen verweilt hatte. In meinem Jahrgang hatten sich nur sehr wenige Mädchen eingeschrieben, obwohl die Zahl der Studentinnen an der Universität von Jahr zu Jahr zunahm. Der Grund dafür war, dass es hier so viele weibliche Lehrkräfte gab wie sonst nirgends.

Mein Anblick schien Georg Wallner zu überraschen. Ich wurde rot und senkte beschämt meinen Blick. Eine Erklärung dafür, warum mein Herz auf einmal wie wild pochte, hatte ich nicht.

Ich beeilte mich, mir Notizen zu machen, doch immer wieder wanderte mein Blick zu ihm. Er war ganz anders als die anderen Professoren, die meist alt genug waren, um meine Großväter zu sein. Gefühle übermannten mich, die ich bis dahin noch nicht gekannt hatte. Ich gehörte nicht zu den Mädchen, die von jungen Männern umschwärmt wurden. Meine Nickelbrille schien mich unsichtbar zu machen. Mein Vater behauptete immer, dass sie mich klug aussehen ließ, aber wer wollte schon eine kluge Frau, wenn er eine schöne haben konnte?

Über die Wochen trafen sich Georgs und meine Blicke immer wieder. Ich wagte kaum, mich zu Wort zu melden, denn ich fürchtete, dass alles, was ich sagte, in seinen Ohren dumm und einfältig klingen würde.

Dann kam der Tag, an dem er mich zu einer Konsultation bat. Es war kurz vor den Semesterprüfungen, und ich hatte im Seminar einen meiner männlichen Kommilitonen ausgestochen, indem ich die Versuchsreihe schneller beenden konnte.

»Sie haben ein sehr großes Talent für die Chemie«, sagte er, während er sich lässig an seinen Schreibtisch lehnte. »Haben Sie vor, nach Ihrem Studium wissenschaftlich zu arbeiten?«

»Nein«, platzte es aus mir heraus.

Dr. Wallner zog die Augenbrauen hoch. »So? Das ist erstaunlich, wo man hier doch den Eindruck gewinnt, dass jeder Studierende gern dem Lehrkörper beitreten würde.«

»Ich … ich möchte …« Meine Stimme hörte sich auf einmal ganz rau an, so als würde ich Halsschmerzen bekommen. »Ich möchte eher herstellen. Drogeriebedarf.« Es klang alles so ungelenk, doch er lächelte.

»Sie wollen in einer Chemiefabrik arbeiten? Glauben Sie wirklich, dass sich eine Frau wie Sie bei Hoechst und Konsorten betätigen sollte?«

»Kosmetik«, korrigierte ich ihn. »Ich würde gern Kosmetik herstellen. Mein Vater hat einen Drogerieladen. Wenn ich die Dinge dort kennen und herstellen möchte, muss ich doch wissen, wie sie beschaffen sind, nicht wahr?«

Das schien er nicht von mir zu erwarten.

»Nun, Sie denken praktisch. Das ist nicht unbedingt verkehrt. Aber Sie sollten eine Karriere an der Universität nicht von vornherein ausschließen.« Er machte eine kurze Pause und musterte mich auf eine Weise, die meinen ganzen Körper prickeln ließ. »Wie wäre es, wenn Sie mir assistierten? Sie wissen ja, ich arbeite gerade an meiner Habilitation, da könnte ich einen hellen Kopf an meiner Seite gebrauchen. Hätten Sie dazu nicht Lust?«

Ich zögerte, obwohl mein Verstand laut »Ja!« rief. Aber ich wusste auch, was mein Vater dazu sagen würde. Dass er mich warnen würde, mich nicht ausnutzen zu lassen. Heinrich Krohn sah in allem erst einmal eine Bedrohung.

Doch Dr. Wallner entfachte Gefühle in mir, die ich so noch nie gespürt hatte. Wenn ich nachts in meinem Bett lag, dachte ich an ihn. Manchmal fantasierte ich mir zufällige Treffen zusammen, heimliche Berührungen, und manchmal waren es auch Dinge, die mir die Schamröte ins Gesicht trieben. Meine Freundin Henny, die in einer Revue als Nackttänzerin arbeitete, würde darüber lachen.

Dann wiederum sagte ich mir, dass es verboten war. Es war allgemein bekannt, dass er eine Ehefrau hatte. Gewiss war sein Interesse lediglich beruflicher Natur. Meine Gefühle musste ich zurückhalten.

»Was müsste ich denn da tun?«, fragte ich schließlich. »Und wann?«

»Wir treffen uns einmal die Woche, sagen wir am Donnerstag, da ist mein Tag an der Universität kurz. Sie arbeiten mir zu, recherchieren für mich und unterstützen mich bei meinen Versuchsreihen. Natürlich nur, wenn es Sie nicht von Ihren eigenen Studien ablenkt.«

Mein Herz flatterte wie ein Schmetterling. Wie gern hätte ich ihm gesagt, dass er mich jederzeit ablenken dürfte. Aber diese Worte blieben in meinem Kopf und ließen meine Wangen glühen.

»Das kriege ich schon hin«, hörte ich mich sagen.

Ein Lächeln flammte auf Dr. Wallners Gesicht auf. »Also werden Sie meine Assistentin?«

»Ja … sehr gern.« Ich lächelte zurück und senkte dann verlegen den Blick.

Als ich zum ersten Mal sein Labor betrat, war ich fasziniert von der schlichten Einrichtung und der Ausrüstung, die wesentlich moderner war als das, was uns in der Universität zur Verfügung stand. Georg forschte auf dem Gebiet der Thermochemie und erzählte mir von den legendären Chemikern van ’t Hoff und Walther Nernst, außerdem war er befreundet mit Otto Hahn, der als zweiter Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Dahlem arbeitete.

Ich hatte das Gefühl, erst in seinem Labor richtig atmen zu können, und obwohl ich später etwas ganz anderes tun wollte, beflügelte mich die Arbeit mit ihm und für ihn.

Eines Tages, ich kann nicht mehr sagen, wann genau, änderte sich die Stimmung im Labor. Gingen wir zunächst sehr professionell miteinander um, wurden unsere Gespräche immer vertrauter.

So erzählte er mir von den Schwierigkeiten, die es mit seiner Ehefrau gab. Ich errötete angesichts dieser Offenbarung, denn mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass er unglücklich sein könnte. Als er eines Tages davon berichtete, dass seine Frau die Scheidung eingereicht habe, weinte ich mit ihm.

Kurz darauf begann er, mir Komplimente für den Karamellton meiner Haare zu machen, der mir bis dahin selbst noch nie aufgefallen war. Er lobte meine goldbraunen Augen, die ich von meiner Großmutter, die ich nie kennengelernt hatte, geerbt hatte. Er gab mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, obwohl ich mich selbst nicht als das sah.

Und es verwirrte mich, dass er meine Schwärmerei für ihn erkannte und darauf reagierte. Eines Abends, beim Abschied, zog er mich an sich und küsste mich. Ich wusste, dass ich hätte empört sein sollen, aber ich war es nicht. Wie von selbst schmiegte sich mein Körper an ihn.

Doch wir waren nicht unvernünftig. Die Zärtlichkeiten, die wir austauschten, waren harmlos. Es gefiel ihm, dass ich ihn tröstete, nachdem es wieder Ärger mit seiner Frau gegeben hatte.

Dann, als er wieder einmal traurig und mitgenommen im Labor erschienen war, fragte er: »Was denkst du? Könntest du dir vorstellen, meine Frau zu werden? Wenn das alles vorbei ist?«

Ich konnte, denn inzwischen brannte mein Herz vollkommen für ihn.

Nur wenige Minuten später fanden wir uns auf dem Sofa wieder, auf dem er manchmal schlief, wenn er im Labor übernachtete.

Er versprach, vorsichtig zu sein und nichts zu tun, was ich nicht wollte. Doch ich wollte ihn. Und wenn es nur das eine Mal war, ehe er die Scheidung hinter sich gebracht hatte und endlich zu mir stehen konnte.

Ich genoss seine Berührungen und Küsse, seine Worte, mit denen er mir erklärte, welche Leidenschaft er für mich empfand. Der Reiz des Verbotenen kitzelte mich, und so ließ ich zu, dass er mich aus meinen Kleidern schälte. Als er in mich eindrang, war ich trotz des kurzen Schmerzes im Himmel. Er liebte mich so rücksichtsvoll, dass ich es gar nicht abwarten konnte, mehr zu bekommen. Als ich nach Hause ging, peinlich darauf bedacht, dass er keine Spuren hinterließ, träumte ich zum ersten Mal in meinem Leben von Hochzeit.

Das war Mitte Dezember des vergangenen Jahres. Seitdem hatten wir nicht mehr miteinander geschlafen, denn es gab andere Wege, uns Befriedigung zu verschaffen. Er sprach immer seltener von seiner Frau, was ich als gutes Zeichen deutete, dass die Scheidung bald vollzogen sein würde. Doch dann wurde alles anders.


»Ihr Kaffee!« Hilda stellte das Gedeck und das Wasserglas vor mir ab. »Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie es sich mit dem Streuselkuchen überlegen. Der bleibt nicht immer frisch.«

Wahrscheinlich war er auch jetzt schon nicht mehr frisch, denn der Bäcker zog die Bleche bereits in aller Frühe aus dem Ofen. Mittlerweile war es Viertel nach fünf, der Kuchen hatte also bereits mehr als einen halben Tag hinter sich.

»Danke«, sagte ich nur und beobachtete, wie sie sich dem neuen Gast zuwandte, der die Nase sogleich in die Zeitung gesteckt hatte.

Die Türglocke ertönte erneut, und jemand trat sich geräuschvoll den Schmutz auf der Fußmatte ab. Dabei gab er ein leichtes Schnaufen von sich. Als ich den Kopf zur Seite wandte, erkannte ich Georg. Er trug einen beigefarbenen Trenchcoat, und ich fragte mich, wie ich ihn nur mit dem anderen Mann hatte verwechseln können. Georg besaß eine gewisse Aura, die sofort jeden Raum erfüllte, den er betrat. Ich spürte ihn schon, wenn er am Ende eines Ganges auftauchte, den ich gerade beschritten hatte. Mein Herz klopfte so laut, dass ich kaum noch etwas anderes hören konnte.

Nachdem er seinen Schirm ausgeschüttelt und in den dafür vorgesehenen Ständer gestellt hatte, blickte er sich suchend um. Meine Hand wollte schon hochzucken, um ihm zu winken, aber natürlich entdeckte er mich sofort und kam auf mich zu.

»Entschuldige, dass ich mich verspätet habe«, sagte er und umarmte mich kurz. Obwohl uns hier niemand kannte, hielt er unseren Kontakt in der Öffentlichkeit immer sehr unverbindlich. Die Leidenschaft hob er sich für später auf.

»Was ist mit dir?«, fragte er, denn er spürte, dass ich zitterte. »Du bist so blass, ist irgendwas passiert?«

Wie gern hätte ich ihm jetzt geantwortet, dass ich einfach nur Sehnsucht nach ihm hatte …

»Setz dich bitte«, sagte ich und legte meine Hände um die Kaffeetasse.

»Du klingst so ernst.« Zwischen seinen Augenbrauen erschien eine Sorgenfalte. »Ist deinen Eltern etwas zugestoßen?«

»Nein, es ist etwas anderes …« Ich hielt inne und sah ihm ins Gesicht, als wollte ich mir jede noch so vertraute Einzelheit erneut einprägen: seine dunkelblaue Augen, der immer etwas wirre dichte braune Haarschopf, die leicht gebogene Nase, der sinnliche Mund, den stets ein feiner Bartschatten umgab.

»Ich war bei Dr. Sahler.« Ich erkannte sofort, dass der Name ihm nichts sagte. Bevor ich ihre Nummer im Telefonbuch gefunden hatte, wäre es mir genauso ergangen.

»Und wer ist das? Ein Kollege?«, fragte er ein wenig begriffsstutzig.

Ich schüttelte den Kopf. »Eine Gynäkologin.« Obwohl sie mich sehr vorsichtig untersucht hatte, dachte ich mit Schaudern an ihre tastenden Finger.

Ich versuchte mich zu sammeln, blickte zu dem Fremden hinüber, der immer noch hinter seiner Zeitung steckte, und fragte mich, wie gut seine Ohren waren.

Dann beugte ich mich vor und flüsterte: »Ich bin schwanger.«

Georg starrte mich ungläubig an. »Das ist nicht möglich. Wir haben doch nur einmal …«

»Offenbar war dieses eine Mal ausreichend«, antwortete ich und senkte dann meine Stimme wieder. »Sie hat mich gründlich untersucht. Und meine … Periode … ist schon seit zwei Monaten überfällig …«

Georg hob die Hand und wischte sich übers Gesicht. »Und warum bist du nicht eher zu ihr gegangen?«

Ich blickte ihn verdutzt an. Was hätte das geändert? Außerdem bezweifelte ich, dass sie zu dem Zeitpunkt schon eine Schwangerschaft hätte feststellen können.

»Ich dachte … Wir waren doch vorsichtig. Und manchmal kommt es bei mir … unregelmäßig.«

Mein Gesicht glühte. Normalerweise redete ich über solche Dinge nicht, nicht einmal mit meiner Mutter. Aber Georg wusste mehr über meinen Körper als sie. Sie mochte mich geboren haben, doch er hatte mich die Leidenschaft gelehrt.

Ich versuchte erneut, seine Gedanken von seinem Gesicht abzulesen. Sein Blick war glasig, in sich gekehrt. Wahrscheinlich bemühte er sich, seine Optionen wissenschaftlich abzuwägen.

»Ich könnte dir die Adresse eines Arztes geben, der sich dieses … Problems annimmt«, sagte er.

Ich legte den Kopf schief, dann dämmerte mir, worauf er hinauswollte.

»Du willst, dass ich zu einem Engelmacher gehe?« Alarmiert blickte ich zur Seite. Der Fremde hatte die Zeitung heruntergenommen. Konnte er doch hören, worüber wir sprachen? »Aber du … ich meine, du lebst doch in Scheidung, wir könnten …«

Georg schnaufte. »Es ist kompliziert.«

»Wie bitte?« Ich konnte nicht glauben, was ich soeben gehört hatte.

»Brunhilde hat die Scheidung zurückgezogen. Sie hat Angst vor einem Skandal …« Er blickte mich an. »Deshalb habe ich danach nicht mehr mit dir …« Sein Kopf rötete sich. Ich versuchte zu begreifen, was er mir sagen wollte.

Eine ganze Weile war ich nicht imstande, etwas zu sagen. Ich fühlte mich, als würde ich auf einem Drahtseil stehen und jeden Augenblick fallen.

»Warst du denn mit ihrem Ansinnen, sich scheiden zu lassen, einverstanden?«, brachte ich schließlich hervor.

»Ja, ich … das heißt … ich hätte keine andere Wahl gehabt, nicht wahr? Wir haben uns auseinandergelebt, aber … ich habe einen Sohn. Ich muss an ihn denken. Und jetzt, wo die Dinge zwischen mir und Brunhilde wieder besser werden …«

Auf einmal wurde mir kalt. Mein Herz fühlte sich an, als würde es langsam von einer Eisschicht überzogen. Noch immer suchte mein Verstand nach einer Möglichkeit zu verstehen, was er da sagte. Nach einer Möglichkeit zu begreifen, was die jetzige Situation für mich bedeutete.

Er musste an seinen Sohn denken. »Und was ist mit meinem Kind?«, sprach ich den nächsten Gedanken laut aus. »Willst du daran nicht denken?«

Allmählich wurde mir klar, dass das Café der schlechteste Ort war, um mit ihm zu reden.

»Wenn du es deiner Frau sagen würdest … Sie würde auf der Scheidung beharren.«

»Und wie stünde ich dann da?«, gab er unwirsch zurück. »Wie ein Ehebrecher. Meine Karriere wäre vorbei. Ich wäre ruiniert!«

Und was war mit mir?

Ich blickte in seine Augen und erkannte ihn nicht wieder. Das konnte unmöglich der Mann sein, der mir vor Monaten noch sein Leid über seine lieblose Ehe geklagt hatte.

Die nächste Erkenntnis traf mich wie ein Schlag.

Wie hatte ich nur so dumm sein können? Warum hatte ich nicht darauf bestanden, meine Jungfräulichkeit erst an ihn zu verlieren, wenn der Ring an meinem Finger steckte? So wirkte es, als hätte ich mich in eine Ehe gedrängt. Eine Ehe, von der Georg behauptet hatte, sie wäre am Ende, obwohl das anscheinend nicht der Fall war. Er hatte mich benutzt. Er hatte mich ausgenutzt.

Zorn wallte in mir auf, aber er war nicht stark genug, um die anderen Empfindungen zu überdecken. Angst tobte in mir. Verzweiflung. Übelkeit. Was würden meine Eltern sagen?

Ich wurde im August einundzwanzig, aber bis dahin war es noch ein halbes Jahr. Ein halbes Jahr, in dem mein Vater das Sagen hatte.

Heinrich Krohn hatte viel für mich getan, doch es gab kaum etwas, das ich mehr fürchtete als seinen Zorn und seine Reaktion auf meine Schwangerschaft und die Tatsache, dass der Kindsvater mich nicht heiraten würde.

Georg fuhr sich nervös mit der Hand durchs Haar. »Es tut mir leid, aber ich denke, uns bleibt unter diesen Umständen nur eine Lösung …«

»Das Kind verschwinden zu lassen?« Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Tränen stiegen in meine Augen. Ich hatte gewusst, dass es schwierig werden würde, aber dieses Kind zu töten hatte ich noch nicht eine Sekunde lang in Betracht gezogen.

»Siehst du einen anderen Weg?«

Ich schüttelte den Kopf. »Mein Vater wird mich rauswerfen, wenn er es erfährt«, sagte ich leise. »Ich … ich brauche jemanden, der mich unterstützt, bis ich meine Geschäfte selbst regeln kann. Und …« Ich pausierte. Nie hatte ich etwas von ihm verlangt. Er war derjenige, der mir versprochen hatte, dass wir zusammenleben und -arbeiten könnten, wenn alles vorbei war. Doch mit dem Kind, das ich in mir trug, änderte sich alles. »Ich will weiterstudieren können.«

Ich wusste, dass es vermessen klang.

»Deine Lösung heißt also Geld? Als Lohn dafür, dass du mir keinen Skandal machst?«

»Habe ich dir etwa gedroht?«, fragte ich und schüttelte den Kopf. Nein, das war wirklich nicht mehr der Mann, dem ich mich hingegeben hatte. »Alles, worum ich dich bitte, ist Hilfe! Sonst werde ich auf der Straße sitzen!« Es fiel mir schwer, meine Stimme zu zügeln. Am liebsten hätte ich ihn angeschrien. »Schlimmstenfalls sorgt mein Vater dafür, dass mir das Kind weggenommen wird!«

»Das wäre doch nicht das Schlechteste.« Sein Blick wurde kalt. Ich sah ihn wie versteinert an.

In dem Augenblick tauchte Hilde auf. »Was kann ich für den Herrn tun?«, fragte sie, Zettelblock und Bleistift in der Hand.

»Nichts, danke«, sagte Georg unwirsch. »Ich wollte ohnehin gleich wieder gehen.«

Hilde betrachtete ihn zweifelnd, und fast schon rechnete ich mit einer Bemerkung, doch dann drehte sie sich schnaufend um und zog von dannen.

Ich ließ die Arme sinken. Die Angst in meinem Magen hatte sich in einen dicken Klumpen verwandelt, der sich wie ein Stein anfühlte, der mich unter Wasser zog.

»Du wirst mir also nicht helfen?«, fragte ich verzweifelt. »Und das, obwohl du mich vor einigen Wochen noch gefragt hast, ob ich dich heiraten würde, wenn die Scheidung vorbei ist?«

Natürlich konnte ich ihn zwingen. Ich konnte die ganze Sache zu einem Skandal anwachsen lassen, doch was würde das Ergebnis sein? Ich würde mein Gesicht verlieren, und wahrscheinlich würde er leugnen, der Vater zu sein. Und meine Familie würde ebenfalls in Misskredit geraten. Möglicherweise brachte es meinen Vater an den Rand des Ruins.

Ich wusste, dass ich nicht die Kraft für so einen Kampf hatte.

»Ich werde darüber nachdenken«, sagte Georg einsilbig und erhob sich dann. »Sag niemandem etwas davon. Und erwähne die Schwangerschaft auch vor deinen Eltern nicht. Verstehst du? Sonst kannst du alles vergessen. Ich melde mich.«

Damit erhob er sich und ging.

Mit leerem Blick starrte ich ihm hinterher. Der Klumpen in meiner Brust wurde größer, er schien sich vollzusaugen wie ein Schwamm. Was hatte ich nur getan? Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und mit »Nein« antworten auf Georgs Frage, ob ich ihm assistieren wollte. Doch die Chance hatte ich vertan. Ich hatte alles verspielt.

Während mir Tränen der Scham und der Reue in die Augen schossen, sprang ich auf, warf ein paar Münzen auf den Tisch und floh aus dem Café. Doch vor mir selbst konnte ich nicht weglaufen.