Die Autorin

AGNES MORGENTHALER ist Literaturwissenschaftlerin und arbeitet als Verlagsredakteurin in München. Sie hat einige Jahre in der Schweiz gelebt und seitdem spielt das Alpenland für sie eine besondere Rolle. Als sie während einer Reise nach Zürich die berühmten Schweizer Rösti aß, entstand die Idee zu dieser Familiengeschichte nach einer wahren Begebenheit.

Das Buch

Wenn Edda die Augen schloss, verschwand nach und nach ihre Umgebung. Sie sah sich in einem eleganten schwarzen Kleid durch eine Drehtür schreiten. Der Saal war mit edlem Holz getäfelt, und die Kornleuchter sorgten für ein helles, aber stimmungsvolles Licht. In diesem Schein saßen die Gäste an ihren Tischen und unterhielten sich angeregt. Gläser klirrten, und Besteck klapperte. Und wenn einer der Bediensteten mit dem Servierwagen vorfuhr und am Tisch feierlich die silberne Cloche lupfte, ertönte ein entzücktes »Ahhh!« und »Ohhh!«.

Agnes Morgenthaler

Die Patronin. Eine Frau greift nach den Sternen

Roman

Ullstein

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ISBN 978-3-8437-2239-1

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Prolog

1924

»Schnell, schnell«, rief eines der Serviermädchen aufgeregt der Wirtin zu. »Die ersten Gäste kommen!«

War das wirklich zu glauben? Edda konnte ihr Glück kaum fassen und wirbelte hin und her. Nun durfte auf keinen Fall etwas schiefgehen … Sie wollte mit ihrem neuen Lokal den besten Eindruck aller Zeiten hinterlassen. Fehlte noch etwas? Glänzte und blitzte alles? Hatten sie auch wirklich an alle Feinheiten gedacht? Natürlich hatten sie das. Hin und wieder lief Otto an ihr vorbei, dann legte er Edda kurz einen Arm um die Schulter oder tätschelte ihre Hand.

»Alles wird gut«, schien er damit zu sagen, »alles wird schöner, als wir es uns jemals ausgemalt haben.«

Diese kleine Geste bedeutete viel für Edda. Er war der Mann an ihrer Seite, mit dem sie gemeinsam voller Elan auf die Eröffnung hingearbeitet hatte und dem dieses Lokal nun zusammen mit ihr gehörte. Sie hatten schwierige Zeiten gehabt, aber an einem Tag wie heute mochte sie daran nicht denken. Feiern wollte sie und ihren Erfolg in vollen Zügen genießen …

Das Juwel füllte sich, erstaunte Gesichter ließen ihre Blicke durch den Raum wandern, und ein sanftes Gemurmel erfüllte das Lokal. Edda kniff sich in den Arm.

Das Glück, das in diesem Moment von den Fußspitzen bis zum Scheitel zog, war unglaublich. Es prickelte und bitzelte.

Das ist der schönste Tag aller Zeiten, dachte Edda und ließ ihren Blick durch das Lokal schweifen. Gläser klirrten beim Zuprosten, Korken knallten. Sie roch die Rösti und die würzigen Soßen, den schweren Wein und den fruchtigen Sekt. Darunter mischten sich die süßlichen Parfüms der Gäste, und ja, auch der Schweiß ihrer Angestellten, die an Edda vorbeieilten und emsig bemüht waren, dass jeder Gast so schnell wie möglich seine Getränke bekam und dass keine Bestellung im großen Eröffnungstrubel unterging.

»Wir haben keine Servierwägen mehr«, raunte ihr auf einmal Lina zu. Ihre liebe Freundin, die sie schon so lange kannte und die nun auch im Juwel als Serviermädchen den Betrieb aufrechterhielt. »Alle Gäste sind ungefähr zur gleichen Zeit gekommen, und nun essen sie natürlich auch gleichzeitig! Das haben wir nicht bedacht.«

»Mir fällt sicher eine Lösung ein!«

Edda eilte mit beherzten Schritten in die Küche und sah sich hektisch um. Womit konnten sie sich behelfen? Da fiel ihr Blick auf die alten Silbertabletts, die sie noch hatte putzen wollen. Und sie wusste: Auch sie musste Kompromisse machen. Im Eifer des Gefechts würden die Gäste darauf nicht achten, hoffte sie. Lina war ihr gefolgt und griff gleich nach den Tabletts.

»Hervorragende Idee, Frau Wirtin!«, entfuhr es ihr.

Edda lachte. »Hör mal, nicht so förmlich! Für dich bin und bleibe ich natürlich Edda.«

»Und für die anderen?«, fragte Josefine, die zusammen mit Lina und den anderen beiden Serviermädchen Sophie und Helena an diesem Abend dafür sorgen wollte, dass alle Gäste rundum glücklich waren und schön satt wurden.

»Auch für euch will ich keine unnahbare Vorgesetzte sein. Wo kommen wir denn da hin. Sagt alle einfach Edda zu mir. Ich will schließlich wie eine Mutter für euch sein. Ihr könnt immer zu mir kommen, wenn euch der Schuh irgendwo drückt.«

»Wunderbar!«, rief Josefine. »So machen wir das. Aber jetzt muss ich zu den Gästen … Wir sehen uns später … und stoßen an … auf dieses Juwel hier und natürlich auf dich!«

Edda schmunzelte. Sie verließ die Küche wieder, stellte sich an den Tresen und ließ ihren Blick erneut umherwandern. An diesem Anblick konnte sie sich gar nicht sattsehen!

Aber wo steckte eigentlich der Wirt gerade? Zuletzt hatte sie ihn beim Händeschütteln gesehen, denn er hatte zahlreiche wichtige Persönlichkeiten der Stadt eingeladen. Er kannte sie aus der Zeit im Gasthof Linde und wollte sie etwas umgarnen, damit sie auch im neuen Lokal zu treuen Stammgästen werden würden.

Auf einmal stand er hinter ihr, in der einen Hand eine Flasche Champagner, in der anderen zwei Gläser.

»Ich erkenne dieses Lokal kaum wieder«, wunderte er sich. »Durch den Umbau strahlt es in neuem Glanz. Ist es nicht magisch, diesen Ort auf einmal mit Gästen zu sehen?«

»Es ist schöner, als ich es mir jemals erträumt hätte!«

»Lass uns anstoßen«, sagte er und schenkte ihnen ein.

»Wirklich?«, hakte Edda überrascht nach. »Hast du nicht immer betont, dass es ein unnötiger Luxus sei, solch teure Getränke zu sich zu nehmen?«

Otto grinste. »Ich habe von meiner Frau schon ein paar wichtige Lektionen gelernt. Und eine davon ist: Du musst dich für die Entbehrungen auch belohnen!«

Dann reichte er ihr ein Glas und prostete ihr zu. Dabei sah er sie so stolz an, dass sie sich wieder daran erinnerte, warum sie zusammengekommen waren. Sie hatten die gleichen Träume. Und den gleichen aberwitzigen Ehrgeiz, diesen Zielen alles andere unterzuordnen.

»Auf uns!«, sagte er.

»Und auf das Juwel!«, ergänzte Edda.

Dann sahen sie sich schweigend um und genossen den Anblick der glücklichen Menschen an ihren festlich gedeckten Tischen. Dass sie hier und heute hier stand – das war ein kleines Wunder.

»Hast du mal nach draußen geschaut?«, fragte Otto.

Edda sah ihn überrascht an.

»Warum sollte ich?«

»Tu’s einfach …«

Sie ging zu den edlen neuen Vorhängen, die sanft hin und her schwangen, und warf einen Blick auf die Rämistraße.

»Oh!«, entfuhr es ihr. Vor der Tür standen Gäste, die keinen Platz mehr gefunden hatten. Trotz der Kälte machten sie keine Anstalten zu verschwinden. Im Gegenteil: Sie rauchten und lachten, als hätte alles so seine Richtigkeit. Als wäre es ganz normal, darauf zu warten, dass die ersten Gäste ihre Mahlzeiten beendet hatten und Platz frei machten für die nächste Runde.

Edda schloss die Augen und lächelte. Die Musik wurde immer leiser, die Gespräche der Gäste zogen an ihr vorbei. War sie jemals so glücklich gewesen? Hatte sie jemals so sicher gewusst, dass jede ihrer Entscheidungen richtig gewesen war, weil sie sonst nicht hier stehen würde? Im Nachhinein ergab alles seinen Sinn. Auch die härtesten Zeiten waren notwendig gewesen. Sie waren die Abhärtung, die sie weiter getrieben hatte. Und es hatte sich gelohnt, niemals aufzugeben. Niemand hatte zunächst an sie geglaubt: nur sie selbst. Und später auch Otto und Lina. Niemand hatte ihr zugetraut, so eine Perle wie dieses Lokal ihr Eigen zu nennen. Natürlich hatte auch sie gezweifelt, natürlich hatte auch sie ans Aufgeben gedacht. Aber tief innen … da hatte sie immer gewusst, dass es sich lohnte zu kämpfen. Dass sie eines Tages die Belohnung für die harte Arbeit ernten würde. Dass auch ihr Sohn Oskar eines Tages verstehen würde, warum sie in seiner Kindheit so wenig Zeit für ihn gehabt hatte, und dass sie auch für seine Zukunft so viel gearbeitet hatte. Sie lehnte sich an den Tresen und wollte sich gerade aus alter Gewohnheit fortträumen … Aber das war ja Quatsch! Sie brauchte ihr altes Ritual gar nicht mehr. Denn was sie sich vorstellte und was sie erlebte, das stimmte endlich überein. Das Leben war ein Fest. Nein – das Leben war ein Juwel!

Große Liebe

1914

Edda versuchte, sich einen Bierfleck von der weißen Bluse zu wischen. Konnten die Gäste nicht besser aufpassen? Es reichte doch schon, dass sich ständig irgendein zudringlicher Mann beim Aufgeben der Bestellung viel zu eng an sie schmiegte. Ihr Unterrock kratzte, die Füße schmerzten, und außerdem lag ein ganz abscheulicher Geruch in der Luft, den sie nicht recht zuordnen konnte. Irgendwo musste etwas Verdorbenes liegen, nur wo? Den Boden unter den Tischen hatte sie schon abgesucht, aber sie konnte den Übeltäter bisher nicht finden.

»Muss ich dir Beine machen, Edda?«

Die unwirsche Stimme von Urs riss sie jäh aus ihren Gedanken. Er stand in der Hierarchie der Bediensteten über ihr und hatte ein besonderes Auge darauf, dass im Gasthof Röschen alles wie am Schnürchen lief und niemand einen Grund zur Klage hatte. Er war mit Alice Ender verlobt, der Tochter der Wirtin. Darauf bildete er sich mächtig viel ein. Edda konnte nur den Kopf schütteln, wenn sie ihn aus dem Augenwinkel beobachtete. Ständig strich er sich die Haare glatt, ständig überprüfte er im Spiegel an der Wand sein Lächeln. Nichts an ihm schien echt zu sein, jede Bewegung wirkte endlose Male einstudiert, um den besten Eindruck zu hinterlassen. Hinzu kam noch, dass Urs unendlich faul war. Statt selbst einen Finger zu rühren, nutzte er seinen Status oft dazu, eine Zigarette nach der anderen zu rauchen, die er von den Stammgästen geschenkt bekam. Er sonnte sich darin, dass seine wichtigste Aufgabe darin bestand, das restliche Personal zu beaufsichtigen. Für ihn hieß das in erster Linie: Edda und die anderen herumzuscheuchen und sie zur Eile anzuhalten, wenn sie sich auch nur für einen kurzen Moment die schweren Beine ausruhen wollten. Edda hatte keine Wahl, als ihm zu gehorchen. Lina hatte ihr von Lokalen erzählt, wo man außer etwas Essen und einem Bett in einer Kammer gar nichts bekam und vollkommen von der Großzügigkeit der Gäste beim Bezahlen abhängig war. Ganz so schlecht hatten sie es im Röschen nicht. Edda bekam drei Franken im Monat als Entgelt gezahlt, davon konnte sie selbstverständlich nicht leben. Daher war es umso wichtiger für sie, dass ein ordentliches Trinkgeld hinzukam. Es hieß also: lächeln, lächeln, lächeln. Immer freundlich sein, auch wenn sich ein Gast danebenbenahm. Immer weitermachen, auch wenn Urs einen länger arbeiten ließ, als es ausgemacht war. Siebzehn Stunden am Tag waren die Regel, und das sieben Tage die Woche. Es war ihr zwar versprochen worden, dass sie auch einmal frei hatte – aber davon träumte Edda noch immer. Urs stellte es ausgesprochen geschickt an, und kurz vor dem Ferientag war bisher immer jemand krank geworden, oder das Lokal war so voll, dass jede Arbeitskraft gebraucht wurde.

»Du musst deine Mußestunden verschieben, du wirst gebraucht«, sagte er dann und lachte laut, als hätte er einen lustigen Schwank erzählt.

Edda war zwar enttäuscht, aber so war es eben … Zum Erholen war sie nicht in die große Stadt gekommen, erinnerte sie sich in solchen Momenten und zupfte sich die Frisur zurecht. Wer Großes vorhatte, musste die harten Zeiten mit aufrechtem Rücken durchstehen – das sagte sie sich immer wieder, wenn sie drohte, den Mut zu verlieren. Und immerhin musste sie nicht hungern! Sie bekam zwar keine üppigen Gerichte aufgetischt, sondern nur kleine Portionen, aber das reichte ihr. Oft waren es Reste, die übrig blieben. Doch für Edda war es dennoch etwas Besonderes, denn im Röschen sah es zumindest etwas abwechslungsreicher auf den Tellern aus. Zu Hause bei ihrem Vater hatte es fast immer Kartoffeln gegeben, dazu etwas Gemüse, am Sonntag ein winziges Stück Fleisch. Die Stelle war ein erster wichtiger Schritt, fand Edda. Stück für Stück wollte sie sich ihrem großen Traum nähern und alles aufsaugen, was sie noch nicht kannte. Es gab noch so viel zu lernen! Alice war zwar keine besonders zuvorkommende Person und schimpfte wie ein Rohrspatz, wenn ihr etwas nicht passte, aber sie war eine vorzügliche Köchin, das musste man ihr lassen. Sie hatte mit viel Liebe die Speisekarte für den Gasthof zusammengestellt und bereitete die Gerichte zusammen mit dem Kochgehilfen Beat zu. Die Rangfolge war klar: Alice hatte ein Auge auf jeden Teller, der die Küche verließ. Beat befolgte jeden ihrer Befehle, leistete den Großteil der Arbeit und stand ihr zur Seite, wenn sie Hilfe brauchte. Er tat das alles, ohne jemals schlechte Laune zu bekommen. Im Gegenteil: Er schien immer ein Lächeln auf den Lippen zu haben, summte Lieder vor sich hin, und Edda musste sich zwingen, ihn nicht zu lange zu beobachten. Sein ganzer Körper sprühte vor Energie, und die dunklen Locken wippten bei jedem Schritt.

»Aufgewacht, aber schnell!«, riss sie die herrische Stimme von Alice aus den Gedanken. »Ja, ist das denn die Möglichkeit? Bezahlen wir dich nun schon für das Schlafen?«

Edda strich sich die Schürze glatt und eilte herbei. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Beat ihr verschwörerisch zuzwinkerte. Seine dunklen Augen gefielen ihr außerordentlich gut. Wie gerne hätte sie einfach eine Weile in seiner Nähe gestanden, sich in den Arm nehmen und fünfe gerade sein lassen … Er hatte so eine ungeheuer beruhigende Ausstrahlung und vermittelte ihr das Gefühl, dass er sie vor allen Übeltätern dieser Welt beschützen konnte.

»Wir schaffen das schon«, schien er zu sagen. »Lass dich nicht allzu sehr ärgern.«

Sein Blick gab Edda neue Energie. Sie fühlte sich nicht mehr ganz so alleine und lächelte still vor sich hin. Ja, Beat war auf ihrer Seite, das durfte sie nicht vergessen. An die Arbeit, sagte sie sich, es kommen bessere Zeiten. Da stand auch schon die andere Serviertochter Lina hinter ihr, mit der sie die Teller mit den duftenden Mahlzeiten und die Getränke zu den Gästen brachte.

»Nicht schon wieder fallen lassen!«, ermahnte Urs sie, obwohl weder Lina noch ihr jemals auch nur ein einziges Glas zu Bruch gegangen war. Aber Widerspruch war natürlich zwecklos, denn im Zweifelsfall hatte immer er recht. Alice und Urs kommandierten Edda und Lina herum, wie es ihnen gefiel. Die Mädchen konnten ihre Arbeit noch so gut erledigen, ein Wort des Lobs hatten sie von den beiden noch nie gehört.

Doch es war nicht alles schlecht. Alices Mutter war ganz anders als ihre Tochter. Frau Ender hatte eine weiche Stimme, war geduldig und stets guter Dinge. Von Anfang an hatte sie Edda das Gefühl gegeben, im Röschen zur Familie zu gehören. Noch nie hatte sie ihre Stimme erhoben, und statt zu schimpfen, lobte sie ihre Angestellten, sooft sie konnte. Wenn die Wirtin wie an diesem Tag frei hatte, benahm Urs sich allerdings besonders unwirsch und frech.

Als die Gäste zu später Stunde alle gegangen waren, blieb Urs ganz nahe neben ihr stehen. Edda rückte ein Stück zur Seite, aber er folgte ihr gleich wieder. Er trug ein fleckiges Hemd, auf dem das Tagwerk seine Spuren hinterlassen hatte. Edda meinte Bierflecken und Tomatensoßenspritzer darauf zu erkennen, außerdem hatte er sich die dreckigen Hände zu oft an der ausgebeulten Hose abgewischt. Seine Nase lief schon seit Tagen, und er wischte sich den Rotz mit dem Handrücken ab. Genau diese Hand legte er nun auf Eddas Schulter und hielt sie für einen Moment fest.

»Wo sind wir denn immer mit unseren Gedanken?«, fragte er. »Ich habe dich beobachtet, Schätzchen. Ständig starrst du die Wände an und lächelst selig. Denkst du mal wieder, du bist etwas Besseres und gehörst nicht hierher? Glaubst am Ende noch, dass dich ein Traumprinz erwartet und mit einem Ross hier abholt?«

Urs lachte grunzend und schlug sich auf die Schenkel, als würde er sich selbst applaudieren. Gab es irgendwo einen widerwärtigeren Kerl? Aber eines Tages würde sie … Ja, was eigentlich? Sie wusste gar nicht, wie sie es ihm genau heimzahlen konnte. Doch bereits der Gedanke an eine Zukunft, in der sie nicht mehr alles mit sich machen lassen musste, war ungeheuer beruhigend. Die Anstellung in dem Gasthof war nur eine kurze Etappe, die sie überstehen musste, um einen Schritt weiterzukommen. Als Tochter eines einfachen Schuhmachers lag ihr die Welt nun mal nicht zu Füßen, sie musste sich langsam nach oben arbeiten. Eines Tages war so jemand wie Urs eine kleine Schmeißfliege, die durch den Raum schwirrte, und sie würde ihn nicht einmal bemerken, so beschäftigt würde sie sein.

»Ich muss noch den Raum ausfegen«, stellte Edda fest. »Und die Tische abwaschen, damit sie morgen wieder so schön weiß sind, wie es Alice am liebsten mag.«

Ohne weiter auf ihn zu achten, wandte sie sich ab und ging einen Besen holen. Während Lina die Küche reinigte, musste Edda sich noch den Boden im Gastraum vornehmen, der immer besonders dreckig war. Sie begann an der Fensterseite zu kehren und arbeitete sich nach und nach an den Tischen vorbei, bis sie an der Küche ankam. Dabei versuchte sie, sich auf keinen Fall zu tief nach unten zu beugen, denn sie vermutete, dass sich hinter ihrem Rücken bohrende Blicke auf sie richteten. Schneller, Edda, schneller, trieb sie sich selbst an. Sie wollte zurück in ihr Zimmerchen, das sie bei einer älteren Witwe für wenig Geld gemietet hatte. In ihren Träumen hatte sich Edda das Leben in der Großstadt anders vorgestellt, aber es half ja nichts. Sie knetete ihre müden Hände. Für diesen Tag hatte sie es fast geschafft!

Beim Putzen dachte Edda zurück an die Tage in Winterthur. An den kleinen Laden des Vaters mit der angeschlossenen Werkstatt, in der es nach Leder und Politur roch, an die zwei kleinen Zimmer und die Küche im Stock darüber, wo sie auf engstem Raum gelebt hatten. Ihre Mutter war früh gestorben, und mit jedem Jahr wurde die Erinnerung an sie blasser. Von ihren Besitztümern hatte Edda sich eine Schürze gesichert, die sie unter der Matratze versteckte. Sie schnupperte an dem Stoff, wenn sie nicht schlafen konnte. Ein Hauch Veilchenduft war geblieben, oder bildete sie sich das nur ein? Eines Tages würde sie darin die Gäste in ihrem wundervollen Lokal bedienen, sagte sie sich schon damals und träumte sich fort. Raus aus dem Städtchen, das sie nicht mochte, da sie an jeder Ecke von einer Erinnerung an die Mutter eingeholt wurde. Raus aus der Wohnung, die sie verabscheute, weil sie zu eng und dunkel war.

»Du bist meine Stütze«, hatte der Vater oft zu Edda gesagt. »Ohne dich würde ich das alles nicht schaffen.«

Als die Mutter gestorben war, hatte er über Nacht graue Haare bekommen, erzählte er. Doch schon ein Jahr darauf hatte er Ottilie geheiratet. Warum nur? Edda hatte es nie verstanden. Die Stiefmutter hatte ein eckiges Gesicht und lächelte wenig. Sicher, ihre schulterlangen blonden Locken machten etwas her, und der Vater konnte seinen Blick nicht von ihren vollen Lippen abwenden, wenn er mit ihr sprach. Doch sobald Ottilie mit den zwei Kindern alleine war, zeigte sie eine andere Seite: Sie scheuchte die Kleinen hin und her, ließ sie die Arbeit machen und mäkelte an ihnen herum. Als Ernst auf die Welt kam, wurde es noch schlimmer. Edda musste den Kleinen in den Schlaf wiegen und ihm Brei füttern. Wenn er schrie, war sie schuld daran, und wenn er nicht still sitzen wollte, musste sie mit ihm spielen. Die Stiefmutter hatte ein Tag-Gesicht, das streng und unnachgiebig war, und ein viel liebevolleres Abend-Gesicht, das sie anknipsen konnte wie eine Lampe, wenn Eddas Vater aus der Werkstatt nach oben kam und sich auf eine warme Suppe freute. So vergingen die Jahre ohne viel Abwechslung, aber auch an Ottilie ging die materielle Not nicht spurlos vorüber. Sie wurde immer wortkarger, und nach zwei Jahren reichte es ihr. Einen Tag vor Eddas 16. Geburtstag verschwand sie ohne Erklärung, sie ging zum Einkaufen aus dem Haus und kam nicht zurück. War ihr irgendwo im Ort ein vielversprechender Mann begegnet, der ihr einen Neuanfang versprochen hatte? Eddas Vater hörte sich eine Weile um, ob jemand etwas von Ottilie gehört hatte oder ob Gerüchte durch den Ort zogen, aber er fand nichts heraus. Also versank er in eine tiefe Schwermut und überließ es Edda, sich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern.

Sie versuchten, den Kopf, so gut es ging, über Wasser zu halten. Nach und nach gewöhnten sie sich an die neue Situation, und manchmal sagte ihre Schwester Erika aus Versehen Mutti zu Edda. Wenn das Abendessen fertig war, ging Edda nach unten in die Werkstatt, um den Vater zu holen. Er klopfte sich die staubigen Hände an der Latzhose ab, wenn er sie sah, auf seiner Stirn perlte der Schweiß. Vor ihm auf der Werkbank lagen die Schuhe, die im Laufe des Tages abgegeben worden waren. Daneben die Fußeinlagen, die er noch fertigstellen musste.

Ich biete Ihnen: meisterhafte Ausführung aller Schuhreparaturen nach neuestem Verfahren und Schnellbesohlung. Anfertigung von Maß- und orthopädischen Schuhen nach Abdruck oder Gipsbild.

So stand es auf dem vergilbten Plakat, das er bei der Geschäftseröffnung ins Schaufenster gehängt und seitdem nicht mehr abgenommen hatte.

Mein Grundsatz ist: fachmännische Bedienung, angemessene Preise, einwandfreie Lieferung. Ich bitte Sie um Ihr geschätztes Vertrauen in meine Arbeit und versichere Ihnen, Sie in jeder Hinsicht zufriedenzustellen.

Mittlerweile kannte ihn jeder im Ort. Aber das Schild war geblieben, als würde er Tag für Tag auf Neuankömmlinge von außerhalb warten, denen er seine Dienste noch erklären musste. Irgendein reicher Herr, der ihm für eine Maßanfertigung so viele Franken auf den Tisch legen würde, dass er der ganzen Familie neue Kleidung kaufen und sie einmal zum Essen ausführen konnte.

Edda strich über ein Paar Stiefel, das fast fertig war.

»Wie schön sie geworden sind.«

»Für dich mache ich auch ein Paar«, versprach er ihr. »Das bekommst du, wenn du ausziehst.« Sein Blick ruhte kurz auf ihr, er sah auf einen Schlag ganz nachdenklich aus.

»Was hast du?«, wunderte sich Edda.

»Nichts, nichts. Ich habe mir nur vorgestellt, wie du in einigen Jahren aussehen wirst.«

»Und?«

»Du wirst es weit bringen.«

»Aber nicht in Winterthur.«

»Alleine kannst du nicht fortgehen. Da brauchst du einen Mann.«

»Wer sagt das?«

Der Vater schüttelte den Kopf. »Mein kleiner Dickkopf …«

»Noch ein Jahr, dann bin ich 18. Ich brauche von dir nur das Geld für die Fahrt nach Züri.«

»Hast du dir das auch gut überlegt?«

»Sicher. Die ersten zwei Jahre werde ich als Haushaltshilfe arbeiten. Und sobald ich 20 bin und das Mindestalter für die Arbeit in der Gastwirtschaft erreicht habe, werde ich endlich in einem Lokal anfangen.«

»Du könntest doch auch ein Geschäft eröffnen so wie ich. Warum wirst du nicht Schneiderin, und dann räumen wir dir eine Ecke in meinem Laden frei und du kannst hier deine eigenen Kunden bedienen?«

»Das ist nichts für mich«, entfuhr es Edda so laut und bestimmt, dass der Vater zusammenzuckte. Sie war selbst überrascht, dass die Gefühle so aus ihr herausplatzten.

»Aber warum denn nur? Was ist so schlecht daran?«

»Für dich ist es gut. Aber ich bin eben anders.«

Der Vater war immer noch nicht überzeugt und sah sie missmutig an. »Wie kannst du das wissen, wo du es doch nie probiert hast?«, hakte er nach.

»Warte … ich versuche es dir zu erklären.«

Edda ließ sich auf einen Stuhl sinken und überlegte. Wie sollte sie dem Vater ihren großen Traum beschreiben, sodass er es wirklich verstand und sie mit gutem Gewissen ziehen lassen konnte? Was war das genau, das sie mit einer ungeheuren Wucht fortzog?

»Ich denke, dass jeder eine besondere Begabung hat. Dass es etwas gibt, was einen so begeistert, dass man harte Zeiten besser übersteht, weil man sich an dem Ziel festhalten kann. Das ist doch bei dir auch so, oder?«

Der Vater nickte. »Natürlich. Als deine Mutter gestorben ist, hat es mich immer über Wasser gehalten, dass ich den Laden habe. Wenn ich eine Maßanfertigung herstelle, bin ich auf eine seltsame Art und Weise zufrieden. Für die meisten ist es wahrscheinlich nur ein Gegenstand, den man eben braucht, aber ich könnte Ewigkeiten mit Überlegungen verbringen, wie die Schuhe noch bequemer werden und was ich bei der Herstellung verbessern kann, damit sie noch länger halten und perfekt zum Besitzer passen.«

»Siehst du? Genau das meine ich.«

»Und dieses Gefühl wirst du nur in einem Lokal haben?«, hakte der Vater nach. »Bist du ganz sicher? In unserer Familie sind wir alle Handwerker. In die große Stadt ist niemand gegangen.«

»Das ist mir bewusst«, gab Edda zu. »Es ist einfach so, dass ich mir nichts Schöneres vorstellen kann, als andere Menschen mit gutem Essen glücklich zu machen. Ich kann nicht genau erklären, woher der Wunsch kommt. Aber immer, wenn ich in Gedanken in diese Welt eintauche, fühle ich mich gleich viel besser.«

Der Vater schien sie so langsam etwas besser zu verstehen. Sein mürrischer Gesichtsausdruck war verschwunden, und bei ihren letzten Worten hatte er sogar gelächelt. »Du bist mir schon so eine Träumerin!«, erklärte er. »Aber leicht wird das nicht. Das weißt du?«

»Ich muss es einfach versuchen. Alles andere könnte ich mir niemals verzeihen! Und außerdem: Wenn man sich etwas ganz fest wünscht und alles dafür gibt, dann schafft man es auch. Das habe ich von dir gelernt!«

Da musste der Vater schmunzeln. »Nun gut, dann wünsche ich dir alles Gute. Ich kann dir deinen Traum nicht ausreden, das merke ich schon. Dann probier das alles aus. Aber gib immer gut auf dich acht – und nicht vergessen: In schweren Zeiten kannst du jederzeit zurück zu uns kommen.«

»Danke, Vater. Du wirst schon sehen. Ich werde einmal ein Lokal haben, und dann kannst du in deinen besten Schuhen zum Essen kommen, und ich reserviere dir den schönsten Tisch in der Mitte des Saals.«

Er sah sie skeptisch an, aber Edda war nicht zu beirren. Sie strahlte übers ganze Gesicht und malte dem Vater aus, wie die Mistkratzerli schmecken würden, die sie ihm mit Knoblauch und Rosmarin gewürzt auf feinem Porzellan servieren würde.

»Versuch dein Glück, Mädchen. Aber ich glaube nach wie vor: Dafür sind wir nicht gemacht. Wir sind nun mal keine feinen Leute.«


Das laute Lachen von Urs riss Edda aus den Gedanken an ihren Vater. Dafür bist du nicht gemacht – der Satz von damals hätte auch von Urs kommen können.

»Wie lange brauchst du noch?«, rief er ihr zu. »Ich will nach Hause!«

Na schön, dachte Edda. Dann reicht es eben. Sie dachte wehmütig daran, wie lange sie den Vater nicht gesehen hatte, und zog sich den Mantel über. Er hatte mehrere Löcher, die sie notdürftig gestopft hatte, und war zu dünn für die kalten Tage. Aber was sollte sie machen? Der Frühling kommt sicher schneller als erwartet, versuchte sie sich zu beruhigen. Zäh war sie schon immer gewesen, also schob sie sich so schnell wie möglich an Urs vorbei und lief mit schnellen Schritten davon. Die Straßen waren wie leer gefegt, und auch wenn ihr die Füße schmerzten, trieb sie sich zur Eile an. In ihren ersten Wochen in der großen Stadt hatte ihr dieser Weg ziemlich Angst gemacht, da hatte sie sich noch alle paar Schritte umgedreht und überprüft, ob ihr womöglich jemand folgte. In Winterthur war alles anders gewesen, da ging sie nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr aus dem Haus, und überhaupt kannte sie dort jeden einzelnen Einwohner und wusste genau, vor wem sie sich in Acht nehmen musste. Doch je länger sie ihr Heimatdorf hinter sich gelassen hatte, desto weniger wurde auch ihr Misstrauen. Um diese Zeit war es so still, dass Edda das leise Rauschen der Limmat hören konnte. Sie lief über den Unteren Mühlesteg, und obwohl sie müde war, blieb sie kurz stehen. Der Fluss rauschte, und sie rieb sich die kalten Hände. Von dieser Stelle war die Frauenbadeanstalt zu sehen, und sie seufzte. Würde sie eines Tages Zeit zum Schwimmen haben? Und an einem freien Tag mit einer Freundin durch die Stadt flanieren und es sich gut gehen lassen? Die Arbeitstage waren lang, und jeder einzelne Knochen schien zu schmerzen, wenn sie sich abends auf die dünne Matratze bettete. Auf, auf, trieb Edda sich selbst an. Es ging noch ein ganzes Stück unweit der Gleise durch die dunklen Straßen. Edda hatte sich angewöhnt, dabei die Hausnummern aufzusagen, an denen sie vorbeikam. Es war ein einfaches Spiel, aber so war sie abgelenkt, und die Zeit verging schneller. Auch die Kälte spürte sie weniger, zumindest bildete sie sich das ein. Ihre Gedanken wanderten zu Beat, und sofort schlich sich ein Lächeln in ihr Gesicht.

Beat mit den schwarzen Locken.

Der stets gut gelaunte Kochgehilfe aus dem Gasthof Röschen.

Der immer zwinkerte, wenn sich ihre Blicke zufällig trafen.

Der immer italienische Lieder vor sich hin summte.

Der auf sie achtgab, wenn Urs sich danebenbenahm.

Und diese ungeheure Ruhe ausstrahlte.

Er gefiel ihr seit ihrem ersten Arbeitstag. Niemand konnte die Zwiebeln so schnell zerkleinern wie er, das Messer ratterte über das Brett, und kurz darauf lagen winzige Würfel darauf. Auch sonst schien ihm alles leichtzufallen. Mit Alice und Urs verstand er sich gut, gemeinsam verfeinerten sie alle paar Monate die Speisekarte und dachten sich neue Köstlichkeiten aus. In kürzester Zeit hatte er so viel gelernt, dass er nicht mehr den ganzen Tag Gemüse schneiden und das Fleisch vorbereiten musste, sondern auch ein paar eigene Gerichte kochen durfte. Selbst ein einfaches Omelette schmeckte bei ihm so unvergleichlich, dass die Leute es kaum glauben konnten. Bevor eine Mahlzeit die Küche verließ, würzte Beat sie mit einem ganz ernsthaften Gesichtsausdruck, als würde sich in diesen wenigen Sekunden entscheiden, ob es dem Gast schmeckte. 23 Jahre war er alt, und niemand wusste genau, woher er kam. Aus Zürich war er nicht, so viel stand fest. Er schien italienische Vorfahren zu haben. Doch sein Schwyzerdütsch war makellos, und er kannte mehr Rezepte aus der Region als die erfahrensten Köche. Lange hatte eine junge Frau immer nach Dienstschluss auf Beat gewartet, hatte sich bei ihm eingehakt und war mit ihm in der Nacht verschwunden. War das seine Verlobte? Doch in letzter Zeit war sie nicht mehr aufgetaucht, und Edda witterte ihre Chance. Nachts träumte sie von ihm, und tagsüber schwärmte sie heimlich für ihn. Sie fragte sich, wie sie ihm näherkommen könnte, ohne dass die anderen etwas davon mitbekamen? Wenn sie nicht aufpasste, wartete bald die nächste Frau nach Dienstschluss auf ihn – und das musste sie unbedingt verhindern.


Am nächsten Tag schienen die Sterne gut für sie zu stehen. Es begann damit, dass Urs krank war. Dann mussten Frau Ender und Alice auch noch früher als sonst gehen. Sie baten Beat, Edda und Lina darum, sich ausnahmsweise alleine um die Gaststube zu kümmern. Die drei hatten mehr zu tun als sonst, aber die Freiheit beflügelte sie. Als nur noch ein Tisch besetzt war, schickte Beat die schwächer als sonst wirkende Lina nach Hause.

»Du bist ganz blass«, sagte er zu ihr. »Leg dich lieber hin, und hol dir eine Mütze Schlaf.«

Lina nahm dankend an und verabschiedete sich von den beiden. Hatte das etwas zu bedeuten, dass er Lina vor ihr nach Hause gehen ließ? Nur die Ruhe, beruhigte Edda sich selbst, denn ihr Herz klopfte lauter als sonst. Noch nie hatte sie das Ende der Arbeit so sehnlich erwartet wie an diesem Tag. Auch Beat klatschte erfreut in die Hände, als die Letzten gegangen waren.

»Nun haben wir es geschafft!«, verkündete er.

»Ich müsste noch Staub wischen«, wandte Edda ein.

Doch Beat drückte ihr ihren Mantel in die Hand und hielt die schwere Holztür auf, damit sie nach draußen schlüpfen konnte.

»Du musst nur eins: das Tagwerk ruhen lassen«, sagte er schmunzelnd, als sie auf der schummrig beleuchteten Straße standen.

»Das stimmt!«, antwortete sie. Seine Unbekümmertheit war ansteckend: Wie lange hatte sie darauf gewartet, sich einfach treiben zu lassen? Sie hatte sich das immer so vorgestellt, als ob sie sich dann ganz mächtig fühlen würde: Wenn die blauen Trambahnen am Platz Central ruhten und das emsige Treiben erstarrt war, wenn niemand mehr über das Gedeckte Brüggli lief, das den Unteren Mühlesteg mit dem Bahnhofsquai verband. Sie könnte dann stehen bleiben und darauf warten, von ihrem Begleiter geküsst zu werden, oder weiter durch die Gassen flanieren, bis sie ein noch schöneres und lauschigeres Plätzchen finden würden. Oder etwa nicht?

Es gab nur einen Haken, Edda stand Beat nach wie vor gegenüber, ohne dass sie auch nur einen Schritt gegangen wären. Denn obwohl sie so lange auf diesen Moment gewartet hatte, fiel ihr nichts Schlaues ein, das sie zu ihm hätte sagen können. Sie hätte Lina fragen müssen, wie sie bei ihren Bekanntschaften vorging.

»Du musst nur deinen roten Kussmund spitzen – und schon möchte die halbe Stadt dich heiraten!«, hatte Edda letztens bewundernd zu der Freundin gesagt, mit der sie nun schon mehrere Monate Seite an Seite im Röschen arbeitete und die ihr ans Herz gewachsen war.

»Ach, das ist eine Frage der Übung«, hatte Lina abgewunken. »Wenn du erst einmal länger in der Stadt bist und einige Verabredungen hattest, wickelst du die Männer genauso wie ich um die Finger.«

Doch Edda ging es nur um den Kochgehilfen. Beat hatte sich eine Zigarette angezündet und musterte sie belustigt.

»Warum schmunzelst du?«, fragte sie verwundert.

»Einen Franken für deine Gedanken.«

Edda streckte ihm eine offene Handfläche hin, und er lachte.

»So, so«, neckte er sie. »Darum verbringst du also Zeit mit mir … du willst einzig und alleine dein Entgelt verbessern.«

»Selbstverständlich«, antwortete Edda keck. »Hattest du etwa anderes im Sinn?«

Sie strahlten sich an. Endlich war das Eis zwischen ihnen gebrochen, und die Unsicherheit war verflogen!

»Und nun?«, fragte sie.

»Ehrlich gesagt habe ich den ganzen Tag nur überlegt, wie ich etwas Zeit mit dir allein verbringen kann. Weiter bin ich nicht gekommen …«

Edda war ganz gerührt, dass nicht nur sie Gefühle für ihn hegte, sondern dass auch sie einen Platz in seinen Gedanken hatte.

»Ich wollte einmal durch deine schönen kastanienbraunen Haare fahren«, sagte er.

Sie kam ein Stück näher, und er strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Dabei fasste er sie so vorsichtig an, als wäre sie aus Porzellan. Eddas Herz hüpfte wie wild hin und her. Gleich würde es ihr aus der Brust springen! Sie nahm seine Hand, und dann sahen sie sich einfach nur eine Weile in die Augen.

»Brennst du mit mir durch?«, fragte Beat plötzlich.

»Wohin denn?«

»Hmmm … ans Ende der Welt? Oder zumindest in meine winzige Wohnung, die den Namen Wohnung eigentlich nicht verdient hat? Man sollte sie nur noch Speisekammer nennen.«

Edda lachte.

»Ist das ein Ja?«

Sie nickte, denn eine höhere Macht schien ihren Körper zu leiten. Zu Widerspruch war sie nicht mehr in der Lage, so sehr zog er sie in seinen Bann.

Beat nahm ihre Hand und zog sie einfach hinter sich her. Sie wunderte sich, wie bestimmt er seine Füße auf den Weg setzte und mit welcher Selbstverständlichkeit er von Gasse zu Gasse lief. Es ging mal nach links, mal nach rechts. Schließlich erreichten sie ein schmales Haus mit kleinen Fenstern. Unten war eine Butter-Käse-Handlung, und er wohnte weiter oben, im dritten Stock. In dieser Ecke der Stadt war Edda nie zuvor gewesen. Schnell steckte er seinen Schlüssel ins Schloss und schob sie vor sich in den Hausflur, wo er sie zum ersten Mal küsste. Etwas hektisch und noch mit Schweißtropfen auf der Stirn, aber das störte Edda kein bisschen.

»Warum hast du dir ausgerechnet mich ausgesucht?«, fragte Edda ihn, als sich ihre Lippen kurz voneinander lösten. Er konnte doch sicher jede haben und war nicht auf eine einfache Servierdame angewiesen.

Er lachte. »Lass uns hochgehen«, war seine einzige Antwort.

»Aber …« Edda wusste selbst nicht genau, welchen Einwand sie vorbringen wollte. Sollte sie ihm wirklich einfach folgen? Den Kopf ausschalten? Was in aller Welt würde Lina an ihrer Stelle tun? Mitgehen und nicht zu viel grübeln, vermutete Edda. Während sie noch hin und her überlegte, hatte Beat sie schon zur Treppe gezogen. Oben angekommen, zeigte er ihr das kleine Zimmer. Es war düster und nur spärlich eingerichtet. Da stand nichts außer einem Bett, einem kleinen Tisch und einem Stuhl.

»Schau dich mal im Spiegel an!«, sagte er. »Du bist die Schönste der ganzen Stadt.«

Wo sollte der stehen? Edda sah sich um, aber sie fand nichts. Beat stellte sich vor die leere Wand, von der die Tapete abblätterte. Er grinste schelmisch und tat so, als ob er dort sein Spiegelbild sehen konnte. Dann zog er Edda zu sich.

»Diese Augen!«, sagte er bewundernd. »Diese dunklen Locken! Und dieser samtrote Mund!«

Eine Sekunde später küsste er sie nochmals und nochmals und nochmals. Mittlerweile war er nicht mehr so ungestüm, ließ sich mehr Zeit, und mit einer Hand streichelte er ihr über den Rücken.

»Das geht etwas schnell«, raunte Edda, und als er sich an ihren Blusenknöpfen zu schaffen machte, versuchte sie ihn aufzuhalten. »Ich muss nach Hause, Beat.«

Doch seine Reaktion fiel ganz anders aus, als sie es erwartet hatte.

»Heirate mich!«, sagte er und zog sie noch enger zu sich.

Edda stockte der Atem. Hatte er das wirklich gesagt? Und konnte sie ihm glauben, oder war das nur eine Masche, um ihr Stelldichein zu verlängern? Sie versuchte, mehr Widerstand zu leisten, aber es gelang ihr einfach nicht. Ihre Gedanken schienen Karussell zu fahren, und sie hatte zu lange von so einem Moment mit Beat geträumt, als dass sie nun einfach gehen konnte. Es ging alles ziemlich schnell, das stimmte. Aber musste sich die ganz, ganz große Liebe nicht so anfühlen?

»Für die Vernunft ist morgen wieder Zeit«, beruhigte sie sich selbst und gab nach. Beat löschte das Licht, und kurz darauf trug sie keine Kleidung mehr.


Erst am nächsten Morgen, als Edda zur Arbeit lief, kamen ihre Zweifel zurück. Sie war hin- und hergerissen: Sie konnte es kaum erwarten, Beat wiederzusehen, aber immer wieder sah sie Resi vor sich. Eine 30-jährige Frau, die in Winterthur mit ihren vier Töchtern etwas abseits von allen gelebt hatte. Die Dorfbewohner sprachen nur das Nötigste mit ihr, als ob sie eine ansteckende Krankheit hätte. Lange Zeit hatte Edda nicht verstanden, warum sie so behandelt wurde. Sie sah nett aus, was hatte sie den anderen bloß getan? Erst als sie älter war, erklärte ihr Vater, dass Resi keinen Ring trüge wie alle anderen Dorfbewohner in ihrem Alter und dass sie ihr Herz an zu viele Männer verschenkt hätte.

»Niemals darfst du dich so verhalten!«, bläute er ihr ein. »Hörst du? Niemals.«

Damals fand sie das einleuchtend. Erst das Versprechen, dann die Kinder. Was konnte da schon schiefgehen?

Doch als Serviertochter war das leichter gesagt als getan. Kein feiner Herr wartete nach getaner Arbeit auf sie und wollte um ihre Hand anhalten. Für die meisten Gäste war sie keine Gleichgesinnte, die nahmen sie kaum wahr. Niemand hatte Augen für sie, niemand hatte Interesse an Versprechungen und Ringen. Wer schlaue Reden schwang und mit der Moral kam, sollte sich das einfach mal vorstellen: mit schmerzendem Rücken, Schwielen an den Händen und Blasen an den Füßen den ganzen Tag im Gastraum zu stehen. Und dann schmiegte sich jemand an einen und ließ die Welt für einen Moment stillstehen. Vergessen waren die löchrigen Strümpfe und die kratzige Bluse. Vergessen waren ihre wortkarge Vermieterin Bettina und der schreckliche Urs. In den Armen eines Mannes, egal wie er hieß und woher er kam und wie er roch, war die Welt für eine Weile in Ordnung. Ja, diese Leute, die ihren Apfelstrudel schon zum Frühstück aßen, konnten sich das natürlich nicht vorstellen! Was verstanden diese reichen Leute schon vom Leben! Die saßen vermutlich auf einem der Hügel, von denen man den schönsten Blick auf die Stadt hatte, in ihrer Villa, und während sie an ihrem teuren Tee nippten, konnten sie gut reden und die Nase rümpfen. Auch der Vater konnte das nicht verstehen. Er war der Meinung, dass man als Frau nicht zu viele kostbare Jahre verstreichen lassen und lieber früher als später einen Mann ehelichen sollte. Es ging ihm da wohl eher darum, abgesichert zu sein, als um die großen Gefühle.

Edda stampfte bei jedem Schritt fester auf als sonst, auch wenn das mit den ohnehin dünnen Sohlen etwas riskant war. Diese Sache mit der Liebe hatte sie sich anders vorgestellt. Und dann waren da noch die Gepflogenheiten im Städtchen. So vieles lief anders als im Dorf, und es galt unzählige aufdringliche Gäste abzuwehren, die ein Bier zu viel gehabt hatten. Edda ließ sich allerdings von niemandem auch nur den Zipfel ihrer Schürze heben und war bald als harter Knochen bekannt. Sie traute keinem Kompliment mehr, keinem Versprechen. Alles kam ihr ganz verlogen und schal vor. Und nun? Mit Beat fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit alles ganz anders an. Bei seinem Anblick wurden ihre Beine weich wie Butter, und sie dachte nicht mehr an ihre Vorsätze. Es ging einfach nicht. Mit Beat konnte es etwas werden, fand sie. Nein, musste es. Er war der Richtige.


Am nächsten Abend wartete Beat wieder nach der Arbeit am Straßenrand auf sie. Und am übernächsten auch. Edda nahm sich tagsüber fest vor, ihn wegzuschicken. Aber wenn er dann vor ihr stand und sie lange ansah, war es um sie geschehen.

»Wir heiraten so bald wie möglich«, versicherte Beat ihr. »Und vorher vergnügen wir uns ein wenig. Was könnte daran verboten sein?«

So wie er es sagte, klang es gut. Sie traute ihm. Er war ein guter Mensch, das konnte sie selbst aus vielen Metern Entfernung sehen. Sein Herz hatte er am rechten Fleck, und gleichzeitig war er so wie sie am Boden geblieben.

»Wir brauchen nur uns!«, stellte Beat fest, und Edda schmiegte sich eng an ihn. Wenn er an ihrer Seite war, dann konnte ihr nichts mehr geschehen. Auf einmal sah er sie ganz verschmitzt an. Dann zog er einen Ring hervor, den er aus Stanniolpapier gebastelt hatte. Er schob in ihr feierlich auf den Finger, als wäre es der kostbarste Diamant der Welt.

»Nicht mehr lange«, sagte er stolz. »Dann sind wir Mann und Frau!«