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Das Buch

Die Männer der Familie von Braun schrieben Geschichte: Christina von Brauns Vater war Diplomat, ihr Großvater Magnus von Braun der erste Reichspressechef, ihr Onkel der Raketenpionier Wernher von Braun. Wo aber blieben die Frauen? In den Tagebüchern und Briefen erkundet die Autorin die Lebensgeschichten ihrer Vorfahrinnen: Großmutter Hildegard Margis, Frauenrechtlerin und Unternehmerin der ersten Stunde, wird 1944 von der Gestapo wegen ihrer Kontakte zum Widerstand verhaftet. Wenig später stirbt sie im Gefängnis. Hilde, ihre Tochter, verschlägt es während des Krieges in den Vatikan, wo sie sich in eine tragische Affäre verstrickt und daran beinahe zerbricht.

In einem neuen Nachwort beschreibt Christina von Braun, wie patriarchalische Denkstrukturen noch heute wirken und welche Kraft es braucht, sich aus ihnen zu lösen.

Die Autorin

Christina von Braun, geboren 1944 in Rom, drehte etwa 50 Filmdokumentationen und verfasste zahlreiche Bücher und Aufsätze zu kulturgeschichtlichen Themen. 1994 wurde sie Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin, 1996 Gründerin und langjährige Leiterin des ersten Studiengangs Gender Studies in Deutschland, 2012 Gründungsleiterin und später Senior Research Fellow des Selma Stern Zentrums für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. 2013 erhielt Christina von Braun den Sigmund-Freud-Kulturpreis.

Christina von Braun

Stille Post

Eine andere Familiengeschichte

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Propyläen

Propyläen wurde 1919 durch die Verlegerfamilie Ullstein als Verlag für hochwertige Editionen gegründet. Der Verlagsname geht zurück auf den monumentalen Torbau zum heiligen Bezirk der Athener Akropolis aus dem 5. Jh. v. Chr. Heute steht der Propyläen-Verlag für anspruchsvolle und fundierte Bücher aus Geschichte, Zeitgeschichte, Politik und Kultur.

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ISBN 978-3-8437-2308-4

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2007
Überarbeitete und ergänzte Neuauflage 2020
Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München
Umschlagmotiv: © privat
E-Book: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

Alle Rechte vorbehalten

INHALT

Über das Buch und die Autorin

Titelseite

Impressum

PROLOG

TEIL I

Posen um 1900: Die Familie von Hildegard Margis

Berlin um 1910: Paul Margis

Pauls Tod

Berlin nach 1918: Hildegard Margis

Hildegard Margis auf dem Weg zum Erfolg

Selbst ist die Frau

Die Hausfrauenbewegung

Die Familie von Braun

Magnus und Emmy von Braun

Berlin nach 1933: Hildegard und Hans Margis

Berlin 1930er-Jahre: Sigis

Berlin 1930er-Jahre: Hans

Berlin 1930er-Jahre: Hilde

Hilde: Die Liebe in Zeiten politischer Krisen

Hilde und Sigis

Kriegsausbruch: Hans wird interniert

Berlin 1940: Hildegard Margis und Magnus von Braun

Hilde und Sigis in Afrika

Hans in Australien

Hans kommt frei

Rom 1943/44: Hilde und Sigis

Verhaftung und Tod von Hildegard Margis

Kriegsende: Hans bleibt in Australien

TEIL II

Rom 1944: Hildes vatikanisches Tagebuch

Einzug in den Vatikan

»Feinddiplomaten« und »Achsenfamilien«

Deutsche Enklave im Vatikan

Weihnachten 1944 im Vatikan

Frühjahr 1945 im Vatikan

Emmys schlesisches Tagebuch

Mai 1945: Kriegsende in Schlesien

Mai 1945: Kriegsende im Vatikan

Emmys Tagebuch: Rückkehr vom ersten Treck

Schlesien 1945: Die Russen kommen

Nachrichtensperre

Hildes Tagebuch: Sommer 1945 im Vatikan

Schwanger im Vatikan

Emmys Tagebuch: Der zweite Treck

Sommer 1945 in Schlesien: vogelfrei

Hildes Tagebuch: Herbst 1945 im Vatikan

Wernher und Magnus: Internierung in den USA

Emmys Tagebuch: Was wird aus Schlesien?

Winter 1945 in Schlesien

Winter 1945 im Vatikan

Emmys Tagebuch: Nachricht von den Söhnen

Kontaktversuche nach Schlesien

Öffentliches Konsistorium in St. Peter

Schlesien wird »polnisches Land«

Frühjahr 1946 im Vatikan: Nachricht vom Schicksal der Mutter

Frühjahr 1946 in Schlesien: Der Kalte Krieg kündigt sich an

Wem gehört Schlesien?

Frühsommer 1946 im Vatikan: Die deutsche Kolonie löst sich auf

Sommer 1946 in Schlesien: Beginn der Aussiedlung

Sommer 1946 im Vatikan: Auswanderungsgedanken

Abschied von Schlesien, Ankunft im Westen

Frühjahr 1947: Emmy und Magnus verlassen Deutschland

Sigis zurück in Deutschland

Hildes zweites vatikanisches Tagebuch

Sigis bei den Nürnberger Prozessen

Hilde allein im Vatikan

Die Liebe im Zeichen des Zölibats

Sigis zwischen Rom und Deutschland

Die Trennung von Hilde und Sigis

»Und das Leben beginnt neu«

EPILOG

EDITORISCHE NOTIZ UND DANK

DIE PERSONEN

BILDTEIL

BILDNACHWEIS

Feedback an den Verlag

Empfehlungen

PROLOG

Von meinem Bett aus, im Dunkeln, sehen die beiden kleinen Lichter an meinem Laptop so aus wie die Lichter vom Bergdorf, die ich durch das Fenster sehen kann. Das Dorf liegt ungefähr sieben Kilometer entfernt, Luftlinie. Aber wir befinden uns in den Cevennen, und für die Strecke von dort zu uns braucht der Elektriker mindestens vierzig Minuten. Er muss über Serpentinen von seinem Berg herunterfahren, dem vertrockneten Flussbett in einem gewundenen Tal folgen, um auf der anderen Seite, an unserem Berg, über Serpentinen wieder hinaufzufahren. Es muss schon wirklich etwas geschehen, damit er den Weg zurücklegt. Dass der Boiler durch Blitzschlag durchgebrannt ist zum Beispiel. Allerdings kommt er nicht ungern. Es gibt auf dem Berg hinter unserem Haus eine heilige Quelle, die auf einem der alten Pilgerwege nach Santiago de Compostela liegt. Manchmal, bei anhaltender Trockenheit, machen sich die Leute aus der Umgebung auf den Weg und vollziehen dort geheimnisvolle Rituale. Damit es wieder regnet, müssen sie dreimal um den Brunnen gehen und dabei Gebete sprechen. Unser Elektriker ist frommer Christ – keine Reparatur ohne ein wenig Mission, das ist im Preis inbegriffen. Aber wenn es um das Wasser geht, dann hält er sich doch gerne an die Bräuche der Alten. Vor der Dürre hat er Respekt – und vor den gewaltigen Gewittern in der Gegend. Gehen Sie mal über die Friedhöfe, so sagt er, und schauen Sie sich die Grabsteine an. Bei jedem zweiten steht: foudroyé! Vom Blitz erschlagen! Vielleicht ist er deshalb Elektriker geworden. Diese gewaltigen Entladungen von Strom. Dagegen muss man doch etwas tun, das will gebändigt und in ordentliche Leitungen verlegt werden.

Morgen will ich anfangen zu schreiben. Mein Laptop ist ausgepackt. Ich will über diese gewaltigen Entladungen von Strom und Wut erzählen, die gelegentlich von meiner Mutter ausgingen. Als Kinder hatten wir alle einen Höllenrespekt vor diesen Ausbrüchen. Und ich will von meiner Großmutter erzählen, die ich nicht mehr gekannt habe. Sie starb drei Monate, nachdem ich geboren wurde – in Berlin, im Gefängnis.

Diese Großmutter, Hildegard Margis, war der Anlass für dieses Buch. Es war nicht einfach, Genaueres über sie zu erfahren: Ihr Haus wurde zerbombt, ihre Möbel, Akten und Erinnerungsstücke kamen nach ihrem Tod zu meinen väterlichen Großeltern nach Schlesien und wurden dort später geplündert. Den Schmuck, die Akten, die sie in einem Safe der Dresdner Bank deponiert hatte, nahmen russische Soldaten mit. Meine Mutter, die wie ihre Mutter Hildegard hieß, besaß so gut wie nichts von ihr. Es kann aber auch sein, dass sie nichts aufbewahrt hat. Sie wollte ihre Mutter, glaube ich, gerne vergessen. Dennoch hat sie sie ihr Leben lang nicht losgelassen. Das muss ich schon als Kind gespürt haben. Mein Onkel Hans, der Bruder meiner Mutter, war der einzige Sohn meiner Großmutter und landete später in Australien. Die wenigen Unterlagen, die er über seine Mutter besaß, wurden vernichtet, als seine Farm in Flammen aufging. Eines der großen Buschfeuer, die immer mal wieder in Australien wüten. Es ist fast ein Wunder, dass ich überhaupt etwas über meine Großmutter herausfinden konnte. In den Berliner Archiven – Landesarchiv, Verlagsarchive, Siemensarchiv – fand ich schließlich ein paar konkrete Hinweise. Ich bin jedoch zu der Erkenntnis gekommen, dass sich die Erinnerungen an manche Menschen auch in Form von Schweigen oder als Rätsel festschreiben können.

Je mehr ich mich mit dem Leben meiner Großmutter beschäftigte, desto mehr interessierte mich auch das »Vorleben« der anderen Familienmitglieder. Ich begann, mich auch in die Tagebücher meiner Mutter zu vertiefen, die sie von 1944 bis 1949 – während ihrer Jahre im Vatikan – führte. Bis auf die letzten drei Jahre war mein Vater dabei, dann musste er sie mit ihren drei kleinen Kindern zurücklassen. Eine junge, attraktive Frau umgeben von Männern in langen schwarzen Soutanen! Die Tagebücher erzählen nicht nur von roten Kardinalshüten, prunkvollen Messen, sondern auch von einer hochheiligen Verwaltung, die sich Sorgen macht, wenn die Frauen im Hochsommer keine Strümpfe tragen. Die Vatikanischen Gärten, der Campo Santo Teutonico: begehrte touristische Orte. Für uns Kinder ein Spielplatz. Die Kinder, das waren meine ältere Schwester Carola, mein jüngerer Bruder Christoph, ich selbst sowie einige japanische und finnische Kinder, die Kinder der »Achsendiplomaten«. So nennt sie Hilde in ihren Tagebüchern. Ich war fünf, als wir dieses Paradies verließen, um nach Deutschland zu ziehen, in dieses Nachkriegsdeutschland, in dem wir ständig krank wurden. »Heimat« – das war ein Begriff, den ich mit der Sonne in den Vatikanischen Gärten verband, nicht mit diesem kalten, düsteren und zerbombten Deutschland. Irgendwie hat mich dieses Gefühl nie verlassen.

Bei meinem Umzug nach Berlin (die Bücher mussten neu eingeordnet werden, einige finde ich immer noch nicht) entdeckte ich, dass sich auch das Tagebuch meiner anderen Großmutter, Emmy von Braun, in meinem Besitz befindet. Wie es zu mir kam, weiß ich nicht mehr. Es muss mit dieser Materialsammlung zu tun gehabt haben, die ich seit Jahren betrieb, ohne es selbst zu merken. Als wir das Haus meiner Eltern auflösten, schoben mir die Geschwister alles zu, was mit den »inoffiziellen« Erinnerungen der Familie zu tun hat. Die »offiziellen« Erinnerungen – etwa der Stammbaum, den mein Großvater Magnus von Braun recherchiert und meine Großmutter in ein prächtiges Aquarell übertragen hatte – landeten bei meinem Bruder, dem Stammhalter. Aber die Tagebücher, diese zumeist eher verschwiegenen Erbschaften, die kamen zu mir. In diesem Tagebuch der Emmy von Braun tat sich noch einmal eine völlig andere Welt auf: Es enthält die Beschreibung – Tag für Tag – vom Ende des Krieges und von der Vertreibung meiner Großeltern von ihrem Gut in Niederschlesien. Warum hat Emmy von Braun diese Ereignisse, aber nicht die Jahre davor festgehalten? Ich konnte daraus nur schließen, dass das eigentliche »historische Ereignis« für sie nicht der Nationalsozialismus, sondern die Aussiedlung war. In den Memoiren meines Großvaters gibt es ein Kapitel mit der Überschrift »Nacht über Deutschland«, womit nicht etwa der Nationalsozialismus oder der Zweite Weltkrieg gemeint waren, sondern die Vertreibung. Der Untertitel des Kapitels lautet »Der Russeneinbruch«. Die zwölf Jahre zwischen 1933 und 1945 finden in diesen Erinnerungen schlicht nicht statt.

In den Tagebüchern, Memoiren und Briefen wird deutlich, wie unterschiedlich in ein und derselben Familie »die Geschichte« erlebt werden kann. Gemeinsam ist den Mitgliedern meiner Familie nur, dass jedes dieser Leben von »der Geschichte« aus der Bahn geworfen und auf neue Wege gelenkt wurde. Als ich Anfang 2002 im Flugzeug nach Melbourne saß, um meinen Onkel Hans und seine Kinder zu besuchen, wurde mir plötzlich klar, dass meine nächsten Cousins und Cousinen alle entweder in Australien oder in den USA leben. Ich habe Geschwister in Deutschland, aber die Geschwister meiner Eltern sind ausgewandert, und deren Kinder wurden als Staatsbürger Australiens oder der USA geboren. Die Brüder meiner Eltern – es gibt keine Schwestern – sind durchweg aus Gründen, die mit dem Nationalsozialismus zusammenhingen, ausgewandert: Hans, der Bruder meiner Mutter, hatte 1936 dem nationalsozialistischen Deutschland den Rücken gekehrt und war nach London gegangen. Die Brüder meines Vaters, Wernher und Magnus, hatten das Dritte Reich so erfolgreich unterstützt, dass die USA auf die Zusammenarbeit mit ihnen nicht verzichten wollten.

Über meinen Onkel Wernher, den Raketenforscher, werde ich nur am Rande berichten. Meine Großmutter Hildegard Margis kannte ihn, hat sich – laut Aussage ihrer Haushälterin – gelegentlich mit ihm gestritten. Ich nehme an, über die Aussichten dieses Krieges. Über Wernher ist schon viel geschrieben worden, und ich könnte das Geschriebene höchstens um den Bericht meiner Begegnungen mit ihm, als Kind und als junge Frau, ergänzen. Ich habe ihn Mitte der 1950er-Jahre kennengelernt und danach noch oft erlebt – in Deutschland und in den USA. Meine Geschwister und ich haben ihn bewundert. Wir waren als Kinder stolz darauf, einen so berühmten Onkel zu haben. Außerdem hatte er ein großes Charisma und war warmherzig im Umgang mit Menschen. Ich fand beides in den Briefen, die er 1946 an seine Eltern schrieb, wieder. Erst als ich erwachsen war, begann ich mir darüber Gedanken zu machen, dass Wernher während der NS-Zeit nicht den Weltraum erobert, sondern ein Transportmittel für Waffen entwickelt hatte, die in London und anderen Städten Europas große Zerstörungen anrichteten. Dass KZ-Häftlinge, von denen viele dabei starben, zur Produktion dieser Waffen eingesetzt wurden. Der Historiker Mike Neufeld arbeitet seit vielen Jahren an einer umfangreichen Biografie über Wernher und über seine Verantwortung als Wissenschaftler. Von Neufelds Biografie, zu der ich einige Vorarbeiten kenne1, sind differenzierte Ergebnisse zu erwarten, mit denen ich nicht konkurrieren kann. Es ist auch nicht das Thema meines Buches. Ich erzähle hier nicht die Geschichte der Wissenschaft, sondern die privaten Geschichten von Menschen. Und ich habe mir, wenn nicht ausschließlich, so doch vor allem das Leben der Frauen meiner Familie vorgenommen.

Dass ich in der Nachfolge einer schwer zu ertragenden deutschen Geschichte stehe, war mir allerdings schon früh bewusst geworden. Mit neun Jahren kam ich in England in die Schule: Da wurde »die Geschichte« ganz anders unterrichtet als in Deutschland. Meine engste Schulfreundin in London hieß Linda. Wir waren unzertrennlich – allerdings kam sie nie zu mir nach Hause, so oft ich sie auch einlud. Als ich sie einmal fragte, warum, sagte sie, sie sei Jüdin, und ihre Eltern hätten ihr verboten, den Fuß in ein deutsches Haus zu setzen. Als ich an diesem Abend nach Hause kam, war ich in »der Geschichte« angekommen. Trotzdem hat es noch viele Jahre gedauert, bevor ich nach der Rolle von Wernher fragte. Naiv hatte ich geglaubt, sie auseinanderhalten zu können: die Familiengeschichte und die deutsche Geschichte.

Die wenigen Quellen, über die ich verfüge, unterscheiden sich auf fast klischeehafte Weise nach geschlechtlichen Mustern. Die Männer haben Memoiren hinterlassen: publizierte im Fall von Magnus von Braun, unvollendete und unpublizierte im Fall meines Vaters und meines Onkels Hans. Die Frauen haben Tagebücher geführt. Memoiren, aus dem Rückblick verfasst, verführen dazu, die eigene Geschichte mit »der Geschichte« in Einklang zu bringen. Sie treten in jedem Sinne des Wortes die Herrschaft über die Vergangenheit an. Tagebücher hingegen sind aus dem »Jetzt« geschrieben, die Verfasser und Verfasserinnen wissen nicht, wie der weitere Verlauf »der Geschichte« sein wird. Sie können die Ereignisse, die sie erleben, noch nicht historisch einordnen. Deshalb sind die Tagebücher der Frauen meiner Familie gut geeignet für das, was ich vorhabe: Ich möchte mich gerne in ihre Zeit versetzen. Ich möchte etwas von dem aufspüren, was nicht in die offizielle Geschichtsschreibung eingeflossen ist. Es gab immer schon eine spezifisch »weibliche« Art von Nachrichtenkette, die aus Familiengeheimnissen oder dem Unsagbaren bestand. Vermutlich deshalb, weil den Frauen die offiziellen Kanäle der Geschichte so lange versperrt blieben. Auf diese Weise wurde der Untergrund, die parallele Nachrichtenvermittlung, zu einer weiblichen Spezialität. Frauen haben es auf diesem Gebiet zu Meisterleistungen gebracht. Freilich blieben die Botschaften, die man ihnen anvertraute, oft verschlüsselt. Die Tagebücher meiner Verwandten hören ein oder spätestens drei Jahre nach Kriegsende auf. Von diesem Zeitpunkt an bewegt sich das Leben in neuen, »geordneten« Bahnen, und »die Geschichte« verzichtet auf das Hinterlegen ihrer Botschaften in der »Stillen Post«.

Meine Mutter sprach wenig über meine Großmutter – und wenn, dann oft in negativen Worten. Nur einmal, als wir – die fünf Kinder – eine lange Autostrecke mit ihr zu fahren hatten, sagte sie plötzlich: »Ihr wisst viel über die Familie eures Vaters. Jetzt werde ich euch von meiner Familie erzählen.« Ich war damals zehn oder zwölf Jahre alt, und das, was sie erzählte, schien alles so abstrakt und weit weg von uns. Die Menschen, von denen sie uns erzählte, sagten uns nichts. Ihre Mutter, unsere Großmutter, das war eine fremde Gestalt. Hans war nur ein vergilbtes Foto auf dem Toilettentisch meiner Mutter. So blieb von diesem Bericht nicht viel hängen. Ich musste es später mühsam herausfinden. Aber ich weiß heute, dass meine Mutter auch einiges verschwiegen hat. Das zeigte sich, als ich Hans 1996 begegnete. Trotz seiner achtzig Jahre hatte er ein exzellentes Gedächtnis und offenbar nicht das geringste Bedürfnis, irgendetwas zu verdrängen. Hans lieferte mir wichtige Informationen über meine Großmutter und meine Mutter, die diese uns vorenthalten hatte. Seine Lebensgeschichte kennenzulernen, deren Weichen von meiner Großmutter gestellt worden waren, half mir, mehr über das Leben der Familie in dieser Zeit zu verstehen. Seine Erzählungen halfen mir aber auch, die Depressionen meiner Mutter als einen Teil der »Stillen Post« zu begreifen: als Botschaften, die keine »klare Sprache« gefunden haben.

Es gibt nicht nur die »verschwiegenen Botschaften«, die in Familien weitergegeben werden: Familiengeheimnisse, die oft in verwandelter Form in der nächsten Generation wieder auftauchen. Es gibt auch eine andere Form von Hinterlassenschaft, die man als unerledigte Aufträge, unabgeschlossene Dossiers bezeichnen könnte. Der »Stillen Post« ist die Wahrheit egal. Sie gibt weiter, was der Empfänger hören will. Sie verwandelt ihre Nachrichten. Und dennoch, erstaunlich genug, bin ich immer mehr zu der Erkenntnis gelangt, dass die Gesellschaft einen Gutteil ihrer Erinnerungen dieser »Stillen Post« anvertraut, vielleicht sogar die wichtigsten: all das, was verschwiegen wird, aber nicht verloren gehen darf.

Warum kommen bestimmte, deutlich ausgesprochene Botschaften nie an, während andere, geflüsterte, unverständliche umso vernehmlicher geworden sind? Um zu begreifen, wie diese Art von Nachrichtenkette funktioniert, habe ich mir die »unerledigten Dossiers« angeschaut, die vor vielen Jahrzehnten von verschiedenen Mitgliedern meiner Familie auf den Weg gegeben wurden. Ich versuche sie mit dem zu vergleichen, was ich in mir selber wiederfinde: das Graben im Selbst als Mittel, etwas über die zu erfahren, die dort ihre Spuren hinterlassen haben. Und was für Spuren! Im Gegensatz zur Generation meiner Großeltern und meiner Eltern hat meine Generation fast nur den Frieden gekannt. Auch dann, wenn es einschneidende historische Ereignisse gab – das Ende des Kalten Kriegs, den Fall der Mauer im Jahr 1989 –, ging von ihnen keine existenzielle Gefährdung aus. Manchmal habe ich den Eindruck, als gäbe es in meiner Generation eine Art von Neid auf die existenziellen Erfahrungen, die diese Generationen haben machen müssen. Sie wiederum hätten viel darum gegeben, wenn ihnen dieser Albtraum erspart geblieben wäre.

Diesem Buch sind einige Fotos der Menschen beigefügt, an deren Geschichte ich zu erinnern versuche. Dennoch ist es nicht ihre Geschichte. Es ist meine Geschichte, und sie erzählt davon, wie die »Stille Post«, die sie aufgegeben haben, bei mir angekommen ist. Ich werde nie genau wissen, was am anderen Ende ins Ohr geflüstert wurde; ich kann nur das wiedergeben, was bei mir angekommen ist. Auf dem Cover dieses Buches ist der Ausschnitt eines Fotos zu sehen, das meine Mutter und mich unter einem Frauenporträt zeigt. Das ganze Foto ist – um Groucho Marx zu paraphrasieren – »the phoniest picture I ever saw«, eine Inszenierung: Es entstand 1963 in New York. Ich war achtzehn, kam von einem Internat in Deutschland und hatte gerade das Abitur hinter mir. Der Fotograf fand, dass wir so altmodische Gesichter hätten, und arrangierte dieses Bild von Mutter und Tochter – dahinter die (fiktive) Urahnin mit einem ebenso altmodischen Gesicht. Er muss an eine Art von weiblicher Generationenkette gedacht haben. Auch meine »Stille Post« geht der weiblichen Generationenkette nach – nur auf andere Art als auf diesem Foto: An die Stelle des Gemäldes gehört eigentlich meine Großmutter, Hildegard Margis, deren Botschaften ich im Laufe meines Lebens immer deutlicher in mir (und in meiner Arbeit) zu spüren begann. Diese Großmutter, das glaube ich heute, wo ich etwa das Alter erreicht habe, in dem sie starb, hat mein Leben in Bahnen gelenkt, die ihm nicht notwendigerweise vorgegeben waren.

Im Gegensatz zu vielen anderen Familien haben in meiner Familie fast alle Mitglieder der Generation meiner Großeltern und meiner Eltern ihre »Geschichten« selber zu Ende führen können. Sie sind hochbetagt gestorben. Das Leben der Hildegard Margis hingegen wurde abgebrochen, bevor sie Bilanz ziehen konnte. So kommt es mir gelegentlich vor, als hätten wir, vor allem meine ältere Schwester und ich, die bei ihrem Tod schon geboren waren, ihre abgebrochene Geschichte zu Ende zu führen. Vor vielen Jahren wurde mir plötzlich klar (ich habe kürzlich Notizen dazu gefunden), dass meine Mutter mir diese Erbschaft kurzerhand übertragen hat. Sie selbst konnte damit nicht umgehen. Ich habe mich lange gegen dieses »Geschenk« gewehrt – das ging bis zur Nahrungsverweigerung. Du warst immer die Schwierige, sagte mir vor einigen Jahren meine ältere Schwester. Es ist wahr, sie war fröhlicher und machte sich und den anderen das Leben leichter. Ich habe nachträglich begriffen, dass ein Gutteil der Konflikte, die ich mit meiner Mutter ausgetragen habe, mit dieser Weigerung zu tun hatte, das mir zugedachte Paket der »Stillen Post« anzunehmen. Irgendwann – als ich mich der Aufgabe gewachsen fühlte – habe ich mich nicht mehr gewehrt. Doch das habe ich erst rückblickend begriffen. In diesem Buch möchte ich versuchen, den Dialog mit meiner Großmutter aufzunehmen und die mir zugedachte Erbschaft endlich zu akzeptieren.

Anmerkung zum Kapitel

1. Michael J. Neufeld, The Rocket and the Reich. Peenemünde and the Coming of the Ballistic Missile Era, Cambridge, Mass. 1995. Ders., »Wernher von Braun, the SS, and Concentration Camp Labor: Questions of Moral, Political, and Criminal Responsibility«, in: German Studies Review 25/1 (2002), S. 5778.

TEIL I

GROSSELTERN UND ELTERN