Über das Buch:
Der ehemalige Militärarzt Ben Garrison ist nicht gerade begeistert, als er von seinem geliebten Großvater den Leuchtturm von Hope Harbor erbt. Er will das baufällige Gebäude so schnell wie möglich loswerden, um sich anschließend in eine angesehene Arztpraxis in Ohio einzukaufen. Als tatsächlich ein Investor Interesse zeigt und dessen Abrisspläne bekannt werden, geht die Bevölkerung allerdings auf die Barrikaden.

Unter der Regie von Marci Weber, der engagierten Redakteurin des Hope Harbor Herald, soll ein alternatives Finanzkonzept erstellt werden. Wird es ihr gelingen, den sympathischen Erben Ben umzustimmen und das Wahrzeichen der Stadt zu erhalten?

Über die Autorin:
Irene Hannon studierte Psychologie und Journalistik. Sie kündigte ihren Job bei einem Weltunternehmen, um sich dem Schreiben zu widmen. In ihrer Freizeit spielt sie in Gemeindemusicals mit und unternimmt Reisen. Die Bestsellerautorin lebt mit ihrem Mann in Missouri.

Kapitel 7

Wo kam dieser verlockende Geruch nach Essen her?

Rachel nahm die Tüte mit ihren Lebensmitteleinkäufen vom Rücksitz und schnupperte noch einmal.

Es roch nach italienischen Gewürzen.

Aber nicht nach Pizza. Davon hatte sie die Nase voll. Die bestellte Greg sich immer, während sie an der Arbeit war, damit er beim Essen nicht mit ihr am Tisch sitzen musste.

Er hatte zwar nie zugegeben, dass dies der Grund für seinen plötzlichen Appetit auf Pizza war, aber warum sonst bestellte er Pizza, während sie fort war? Vielleicht bedeutete dieser Geruch auch nichts anderes als eine Fortsetzung dieses Musters. Möglicherweise hatte er einen anderen Lieferdienst gefunden, der mehr als nur Pizza auf der Speisekarte stehen hatte.

Sie nahm die zweite Tüte aus dem Auto und machte die Autotür zu, indem sie sich mit ihrem Körper dagegenstemmte. Wenn er sich etwas zu essen bestellt hatte, würde sie wieder allein am Tisch sitzen, während er vor dem Fernseher saß oder sich mit Videospielen die Zeit vertrieb.

Wenigstens bräuchte sie heute Abend nicht zu kochen, wenn er ihr wie üblich eine Portion in den Kühlschrank gestellt hatte.

Sie stelle eine Tüte neben der Haustür ab, schloss auf und schob die Tür zur Küche mit der Schulter auf.

Im nächsten Moment blieb sie abrupt stehen.

Ihre Kinnlade fiel nach unten.

Der Tisch war für zwei Personen gedeckt. Mehr oder weniger. Ein Messer und eine Gabel lagen auf jeder Seite auf einer Papierserviette und in der Mitte stand eine Dose mit Parmesan. Nichts Edles, aber ein guter Versuch.

Ihr Blick wanderte weiter.

Auf dem Herd standen zwei Töpfe, aus denen es dampfte: In einem war kochendes Wasser und im anderen etwas, das wie Spaghettisoße aussah. Diese Soße hatte Greg nach dem Rezept seiner Mutter früher manchmal gekocht, als sie noch nicht verheiratet gewesen waren, und auch einige Male am Anfang ihrer Ehe.

Auf der Arbeitsplatte lag neben einer großen Schüssel ein Beutel Salat.

Er hatte gekocht, während sie in Coos Bay einkaufen war.

Aber was in aller Welt hatte ihn dazu veranlasst?

Als habe er ihre stumme Frage gehört, kam Greg aus dem Wohnzimmer in die Küche. »Hast du Hunger?« Er ging zum Herd, ohne ihr in die Augen zu schauen.

»Ähm … ja.«

Er rührte die Soße um, dann kam er auf sie zu und nahm ihr eine Tasche ab. Er stellte sie auf die Arbeitsplatte, machte die Besteckschublade auf und kramte darin.

Wie angewurzelt blieb sie stehen und betrachtete seine angespannte Haltung. »Greg?«

»Ja?« Er holte eine Schere heraus und schnitt den Salatbeutel auf. Seine Stimme klang rau.

»Warum kochst du?«

»Ich hatte Appetit auf Mamas Spaghettisoße. Wenn du nicht magst, brauchst du sie nicht zu essen.«

»Nein. Ich esse sie gern. Mir schmeckt die Soße deiner Mutter.«

Sie trat an die Arbeitsplatte und stellte die andere Tasche ab, warf aber immer wieder einen argwöhnischen Blick auf ihren Mann, während sie die Einkäufe wegräumte.

Er kochte nicht nur das Abendessen. Er hatte sich auch gekämmt und rasiert.

Etwas war hier passiert.

Aber was?

Wenn sie ihn dazu brachte zu reden, würde sie das vielleicht herausfinden, aber meistens war das ein schwieriges bis unmögliches Unterfangen.

»Meine Chefin hat mich letzte Woche gebeten, dir für deine Idee wegen der Anzeige von Lous Laden für Anglerzubehör zu danken. Er hat angebissen und wir haben ihn jetzt am Haken. Entschuldige dieses Bild.«

Sie wappnete sich gegen eine abweisende Antwort.

Aber es kam keine.

»Gut.« Er bückte sich und holte das Salatsieb aus dem Schrank, schaute sie aber immer noch nicht an.

Das war immerhin ein Anfang. Aber Antworten, die nur aus einem Wort bestanden, würden ihr nicht verraten, warum er heute kochte. Sie musste ihm Fragen stellen, die ihn ins Erzählen brachten.

»Erinnerst du dich noch an die schrägen Anekdoten, die Lou immer zum Besten gegeben hat? Aus der Zeit, als du als Kind in seinen Laden kamst?« Ein lahmer Versuch, aber etwas Besseres fiel ihr auf die Schnelle nicht ein.

Mehrere Sekunden des Schweigens vergingen und ihr sank der Mut.

Er würde ihr keine Antwort …

»Dass die Mayflower in Plymouth Rock gelandet ist, weil ihnen das Bier ausgegangen war. Ich war ein Kind, das anfing, hier und da ein paar Schlucke Alkohol zu trinken. Deshalb ist diese Geschichte bei mir hängen geblieben.«

Sie erstarrte.

Er hatte ihr nicht nur geantwortet, sondern ihr sogar eine winzige Kleinigkeit von sich selbst erzählt.

Bleib ruhig, Rachel. Halte das Gespräch in Gang.

»Bist du sicher, dass er dich damit nicht nur auf den Arm genommen hat?«

Er erstarrte. Und sie atmete scharf ein.

Wie konnte sie nur so dumm sein?

Bei jeder Bemerkung über Arme oder Beine zog er sich immer sofort wieder in sein Schneckenhaus zurück.

So viel zu …

»Ja.« Er begann wieder zu rühren. »Ich habe es später nachgeprüft. Er wusste, was er sagte. Im Laufe der Jahre behaupteten immer wieder Leute, er würde seine Geschichten nur erfinden, aber er konnte seine Erzählungen immer belegen.«

Rachel atmete langsam aus.

Danke, Gott!

»Ich weiß nicht, was für eine lustige Geschichte er in der ersten Anzeige zum Besten geben wird, aber der Gegenstand, für den er Werbung macht, ist ein Futterkasten für Kupferbürzelamazilien.«

»Der dürfte sich gut verkaufen. Ich habe am Sonntag oben beim Leuchtturm viele von diesen Vögeln zwischen den Blumen herumfliegen sehen.«

Sie bemühte sich, ihre Reaktion auf diese Aussage zu verbergen.

Dann war er wohl mit dem Auto zum Leuchtturm gefahren – wieder einmal –, während sie zu Fuß zum Gottesdienst gegangen war.

Dort oben beim Leuchtturm war es zwar sehr schön, aber die Vorstellung, dass ihr deprimierter Mann an den Steilklippen saß, weckte in ihr keine angenehmen Gefühle.

Aber heute Abend wollte sie nicht wieder versuchen, ihm seine einsamen Ausflüge auszureden. Damit würde sie ihn nur wütend machen und er würde sich wieder zurückziehen.

»Vom Leuchtturm aus hat man eine unbeschreibliche Sicht.« Sie bemühte sich um einen freundlichen Tonfall, während sie sich daranmachte, den Salat zu waschen. »Aber leider ist er vielleicht bald nicht mehr da.«

Er kippte die gekochten Nudeln aus dem Topf in das Sieb, dann drehte er sich zu ihr herum und schaute sie mit gerunzelter Stirn an. »Wie meinst du das?«

Sie berichtete, was Marci ihr gestern nach ihrem Gespräch mit dem Bürgermeister am Taco-Stand und später mit Ben beim Leuchtturm erzählt hatte.

Greg zog die Stirn noch mehr in Falten, während er Soße über die Nudeln gab und sie den Salat auf den Tisch stellte. »Das ist eine Schweinerei. Jeder in der Stadt liebt den Leuchtturm von Hope Harbor.«

»Das hat Marci auch gesagt. Sie hat vor, einige Leute zusammenzutrommeln, um gemeinsam Ideen zu sammeln, wie man den Leuchtturm retten kann.«

»Wann?«

»Gestern Nachmittag hat sie schon einige Anrufe getätigt, während ich im Redaktionsbüro war.« Rachel füllte zwei Gläser mit Wasser und stellte sie auf den Tisch. Das aufflackernde Interesse in Gregs Augen entging ihr nicht. »Möchtest du zu dem Treffen gehen?«

Er stellte die Teller mit den Spaghetti auf den Tisch. »Ich wüsste nicht, was ich dazu beisteuern könnte.«

»Du bist sehr kreativ. Du warst der Kopf hinter der erfolgreichen Fundraising-Aktion deiner Einheit in Fort Hood für einen wohltätigen Zweck. Und du hattest eine sehr kreative Idee für Lous Anzeige.«

»In diesen Dingen ist deine Chefin ein absoluter Profi.«

»Nein, sie hat Journalismus und PR studiert, nicht Marketing. Sie sucht noch Unterstützung.«

»Aber ich habe keine Marketingausbildung.« Er machte den Deckel der Parmesandose auf, behielt aber den Behälter in der Hand, statt sich Käse auf die Nudeln zu streuen.

»Aber du hast total kreative Ideen. Und du kennst diese Stadt viel besser als Marci.«

Er streute sich Parmesan auf seine Spaghetti und reichte die Dose an sie weiter. »Ich muss erst darüber nachdenken. Wir sollten jetzt lieber essen, bevor die Spaghetti kalt werden.«

Rachel beugte den Kopf, sprach ein kurzes Tischgebet und wickelte die Spaghetti um ihre Gabel.

»Ich habe im Supermarkt Teig für Schokokekse gekauft.« Ein impulsiver Kauf, der sich ausnahmsweise auszahlen könnte. »Ich könnte nach dem Essen welche backen. Falls du eine Nachspeise willst.«

»Ja. Das wäre nicht schlecht.« Sie schwiegen einige Augenblicke. Als er wieder sprach, war sein Tonfall ein wenig zu beiläufig. »Daniel hätte sie bestimmt gern gegessen, wenn er länger geblieben wäre. Er liebt Schokokekse.«

Sie hielt inne. »Dein Bruder war hier?«

Eine leichte Röte zog über Gregs Wangen, während er weiterkaute. »Ja. Gestern. Er hat nur kurz Hallo gesagt.«

Dafür war Daniel extra den weiten Weg aus Florence gekommen?

Sehr unwahrscheinlich.

Daniel gehörte zu den zielstrebigsten Männern, denen sie je begegnet war. Neben ihrem Mann. Wenn er die lange, kurvenreiche Fahrt auf sich genommen hatte, hatte er ein Ziel verfolgt.

Ein Ziel, das mit seinem jüngeren Bruder zu tun hatte, das war klar.

Egal was er gesagt hatte, offenbar hatte er das richtige Knöpfchen gedrückt.

Aber so gern sie auch wüsste, worüber die beiden gesprochen hatten, eine andere Frage beschäftigte sie viel mehr, während sie weiteraßen und so intensiv wie schon lange nicht mehr miteinander sprachen.

War der heutige Abend der Anfang einer dauerhaften Kurskorrektur? Oder nichts weiter als ein kurzes Aufflackern, das sich am nächsten Morgen schon wieder gelegt hatte?

* * *

Als das Klingeln der Glocke durchs Haus hallte, gähnte Ben, trank einen Schluck Kaffee und tapste barfuß zur Haustür.

Er brauchte eine große Dosis Koffein, um richtig wach zu werden, nachdem er sich in den letzten zwei Nächten schlaflos hin und her gewälzt hatte. Diese unruhigen Nächte verdankte er Marci und seiner unerfreulichen Begegnung mit ihr am Leuchtturm.

Es war sehr irritierend, dass er sich von einer Frau so aus der Ruhe bringen ließ.

Noch ärgerlicher war: Er fand die Herausgeberin des Herald trotz ihrer übertriebenen Gefühle und ihres Hangs, ihre Nase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken, attraktiv.

Und es half auch nicht gerade, dass sie mit dem, was sie behauptete, den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.

Das Problem war: So sehr er sich auch den Kopf zermarterte, es fiel ihm einfach keine Lösung ein, wie er den Leuchtturm von Hope Harbor erhalten konnte.

Er strich sich mit der Hand über sein Haar, das er noch nicht gekämmt hatte, und öffnete die Haustür.

Sein Nachbar stand vor ihm. Der Nachbar, den er seit der unerfreulichen Begegnung vor einer Woche nicht mehr gesehen hatte.

Na toll!

Wenn der Mann an diesem Mittwochmorgen genauso schlecht gelaunt war wie letzte Woche, konnte Ben diesen Tag gleich ganz abschreiben.

Dabei war es noch nicht einmal neun Uhr.

»Guten Morgen.« Er brachte ein steifes Lächeln zustande und verkrampfte die Finger um seine Kaffeetasse.

»Morgen.« Der Mann räusperte sich. »Ich, ähm, wollte mich bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie den Rosenstock meiner Frau eingepflanzt haben. Und ich will mich für mein schlechtes Benehmen entschuldigen.«

Ein paar Sekunden verstrichen, während Ben die Worte des Mannes auf sich wirken ließ.

Vielleicht war sein Nachbar doch kein so ungehobelter Rüpel, wie er gedacht hatte.

Die Anspannung in seinen Schultern ließ spürbar nach.

»Keine Sorge. Jeder hat einmal einen schlechten Tag.«

»Oder einen schlechten Monat. In meinem Fall acht Monate. Ich habe im Mittleren Osten mein Bein verloren und es ist mir sehr schwergefallen, mich damit abzufinden.«

Ah.

Das erklärte den steifen Gang.

Und die gereizte Haltung.

Nach den vielen zerschmetterten Gliedmaßen, die er gesehen hatte, nach den ganzen verzweifelten »Retten Sie mein Bein/meinen Arm/meinen Fuß/meine Hand«-Bitten, die er von Soldaten gehört hatte, wusste Ben, obwohl er noch beide Beine hatte, wie vernichtend ein solcher Verlust für einen jungen Menschen war.

»Es tut mir leid, das zu hören. Ich bin selbst erst von meinem letzten Einsatz in einem Militärlazarett in Übersee zurückgekommen.«

»Sie sind Arzt?«

»Ja. Orthopädischer Chirurg.«

Ein Muskel an Gregs Kinn zuckte. »Sie haben dort drüben viele Gliedmaßen amputiert?«

»Einige. Aber ich habe so viele wie möglich gerettet. Das haben wir alle.«

»Das habe ich gehört. Aber in Landstuhl hat man gesagt, dass meines nicht zu retten sei. Haben Sie dort auch gearbeitet?«

»Ungefähr ein Jahr.« Er hatte in dem Militärlazarett der US-Armee in Deutschland mehr traumatische Fälle gesehen, als die meisten Ärzte in ihrem ganzen Leben zu Gesicht bekamen. »Sind Sie auf eine Landmine getreten?«

»Ja. Nach nur sechs Wochen.« Er schnaubte verächtlich. »Die ganze Ausbildung war vergeblich. Ich hatte in der kurzen Zeit, die ich drüben war, keine Chance, irgendetwas Brauchbares zu tun.« Er warf einen Blick auf Bens Tasse. »Außer mich an den starken Kaffee zu gewöhnen, den man dort trinkt.«

Bei diesem plötzlichen Themenwechsel schaute Ben den Mann fragend an.

Wartete er auf eine Einladung?

Möglicherweise.

Vielleicht wollte er mit jemandem, dem Kriegsverletzungen nicht fremd waren, über seine Erlebnisse sprechen.

»So ging es mir auch. Ich koche nur noch sehr starken Kaffee. Möchten Sie eine Tasse?« Er hob seine Tasse und deutete ins Innere des Hauses.

»Danke. Da sage ich nicht Nein.«

Ben trat zur Seite und ließ ihn vorbeigehen. »Geradeaus bis ganz nach hinten in die Küche.«

Er folgte ihm, während sein Nachbar leicht humpelnd in den hinteren Teil des Hauses ging. Nach acht Monaten war es möglich, dass er immer noch eine vorübergehende Prothese trug. Je nach dem Ausmaß anderer Verletzungen durch die Landmine konnte sich seine Genesung verzögert haben. Hoffentlich nahm er die empfohlene Physiotherapie ernst.

Aus ihrer früheren Begegnung schloss Ben jedoch, dass dieser Mann mit Wut und Depressionen kämpfte.

Vermutlich auch mit Eheproblemen, wie seine Bemerkungen über seine Frau erahnen ließen.

Konnte er zu diesem Mann, der offensichtlich ein mitfühlendes, offenes Ohr brauchte, eine Beziehung aufbauen?

Einen Versuch war es wert.

Wenn er schon nicht den Leuchtturm der Stadt rettete, konnte er vielleicht wenigstens einem Bewohner von Hope Harbor helfen.

»Setzen Sie sich.« Ben deutete zum Tisch und entfernte einen weiteren Karton mit Stoffen, den er aus dem Keller hochgeschleppt hatte. Er war nur froh, dass die Nähgruppe der Kirche bereit war, ihm diese Sachen abzunehmen. »Das Räumen des Hauses dauert länger als gedacht. Ich hatte keine Ahnung, dass meine Großeltern so viel gesammelt haben. Milch oder Zucker?«

»Ich trinke ihn schwarz.«

Er schenkte dem Mann eine Tasse ein und setzte sich zu ihm an den Tisch. »Ich würde Ihnen ja gern einen Donut oder eine Zimtschnecke anbieten, aber bei mir gibt es zum Frühstück nur Cornflakes.«

»Das war bei mir auch nicht anders, als ich noch Junggeselle war.« Greg zog einen Mundwinkel nach oben. »Und oft auch zum Mittagessen und Abendessen.«

»Das kenne ich.«

»Aber jetzt hat sich das geändert. Meine Frau hat Omelettes gemacht, bevor sie zur Arbeit ging. Bei ihren Kochkünsten haben Cornflakes und Armeeessen keine Chance.«

»Sie Glückspilz.«

»Ja.« Sein Lächeln verblasste. »Ich bin in unserer Beziehung definitiv der Glückspilz. Sie hatte keine Ahnung, was auf sie zukommen würde, als wir vor anderthalb Jahren geheiratet haben.«

Sie sind erst so kurz verheiratet?

»Es muss schwer sein, in einer jungen Ehe vor eine so große Herausforderung gestellt zu werden.«

»Das hatten wir definitiv nicht geplant.« Er starrte in seine Kaffeetasse.

»Stammen Sie beide aus Hope Harbor?« Ein soziales Netz, das sie unterstützte, wäre hilfreich. Aber da er nie andere Leute ins Nachbarhaus kommen sah, vermutete er, dass sie nicht viele Kontakte hatten.

»Ich bin hier aufgewachsen. Rachel kommt aus Texas.«

»Sie haben also Familie in der Stadt?«

»Nicht mehr. Meine Eltern leben nicht mehr und mein Bruder wohnt in Florence. Ich habe hier schon einige Freunde … aber bis jetzt war ich nicht in der Stimmung, unter Leute zu gehen.«

Das bedeutete, dass die beiden versuchten, sich aus eigener Kraft durchzukämpfen. Keine gute Idee.

»Wie gewöhnt sich Ihre Frau hier ein?«

»Ganz gut, glaube ich.« Er trank einen langsamen Schluck von seinem Kaffee. »Aber es ist nicht das Leben, das wir erwartet haben. Nach meinem Militärdienst wollte sie ihr Studium abschließen und ich wollte zur Berufsfeuerwehr gehen. Aber Sie kennen bestimmt den Spruch: Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, dann erzähle ihm von deinen Plänen.« Eine spürbare Bitterkeit schwang in seinen Worten mit.

Seit ihrer Begegnung letzte Woche im Garten hatte sein Nachbar seine Wut vielleicht ein wenig gezügelt, aber unterschwellig war sie immer noch da.

Ben überlegte, wie er am besten vorging.

Was sollte er dem Mann sagen? Dass es besser war, ein Bein zu verlieren als sein Leben? Dass er froh sein konnte, eine Frau zu haben, die ihn so unterstützte? Plattitüden oder Kalendersprüche würden ihn nicht aus seiner negativen Stimmung herausholen.

Ben drehte die Kaffeetasse in seiner Hand.

Es war wirklich schade, dass er während seines Medizinstudiums nicht auch einige Psychologieseminare belegt hatte.

So wie die Dinge standen, war es sinnvoller, Mitgefühl für die Situation dieses Mannes zu zeigen, um ihn zum Reden zu motivieren, statt ihm mit Küchenpsychologie zu kommen.

»Im Leben kommt es oft anders, als man denkt.«

»Ja.« Greg stellte seine Tasse auf den Tisch und schaute ihn aufmerksam an. »Ich habe gehört, dass Sie selbst auch eine unangenehme Überraschung erlebt haben, als Sie in die Stadt kamen. Einen Leuchtturm zu erben, muss ein Schock gewesen sein.«

Ben war überrascht, wollte sich das aber nicht anmerken lassen. Diese Bemerkung war aus heiterem Himmel gekommen.

Er wusste ja, wie gern in dieser Kleinstadt getratscht wurde. Also brauchte er sich auch nicht wundern, dass sein Nachbar schon von dem Leuchtturm gehört hatte. Aber warum sprach er dieses Thema an?

»Das ist sehr milde ausgedrückt.« Er trank einen langsamen Schluck aus seiner Tasse und überlegte, wie er vorgehen sollte. »Mein Großvater und ich standen uns sehr nahe. Deshalb kann ich immer noch nicht begreifen, warum er mir nie erzählt hat, dass er den Turm gekauft hat.«

»Vielleicht hat er befürchtet, Sie würden von dem Kauf nicht so viel halten.«

»Das hätte er richtig vermutet.«

»Ja. Aber ihm war der Leuchtturm sehr wichtig. Ich habe ihn nicht gut gekannt, aber nachdem Rachel und ich nebenan eingezogen waren, kam er hin und wieder mit einer Tüte Donuts oder Zimtschnecken von Sweet Dreams vorbei und wir haben uns ein wenig unterhalten.«

Das klang ganz nach Skip. Er hatte immer ein Auge und Ohr für die Bedürfnisse seiner Mitmenschen gehabt, er war immer bereit gewesen, einem einsamen Menschen zu helfen.

Oder einen Leuchtturm zu retten.

»In meinem Großvater steckte ein Hauch von Don Quichotte.«

»Es gibt vermutlich noch Schlimmeres. Meine Frau hat mir gestern Abend erzählt, dass Sie vorhaben, das Grundstück an jemanden zu verkaufen, der die Absicht hat, den Leuchtturm abzureißen.«

Oh-oh.

Wenn ihn seine Ohren nicht trogen, schwang in dieser Bemerkung eine gewisse Kritik mit.

Dankte ihm dieser Mann seine Gastfreundschaft damit, dass er ihn nun auch noch zur Schnecke machen wollte? Woher wussten er und seine Frau überhaupt von dieser neuen Entwicklung? Die Gerüchteküche in Hope Harbor funktionierte zwar blendend, aber man musste schon unter die Leute gehen, um Informationen zu bekommen.

»Woher wissen Sie das denn?«

»Rachels Chefin hat es ihr gestern erzählt.«

Das klang logisch. Seine Frau verließ regelmäßig das Haus und kehrte immer zur gleichen Zeit zurück, was vermuten ließ, dass sie berufstätig war.

»In dieser Stadt ist es nicht leicht, etwas für sich zu behalten, was?«

Gregs Mundwinkel zuckten wieder. »Willkommen in einer typischen Kleinstadt! Rachel ist nicht neugierig, aber wenn man in einer Zeitungsredaktion arbeitet, hört man einiges.«

Zeitungsredaktion?

Gregs Frau arbeitete für Marci?

Kein Wunder, dass dieser Mann und seine Frau auf dem Laufenden waren, was in dieser Stadt passierte!

»Ich nehme an, Sie sprechen vom Herald?«

»Der Herald ist die einzige Zeitung, die wir haben. Ich habe gehört, dass Sie Marci Weber schon kennengelernt haben?«

»M-hm.«

»Sie kann ziemlich explosiv sein.«

Gut beobachtet.

»Kennen Sie sie gut?« Werde nicht zu persönlich, Garrison.

»Nein, aber Rachel hat mir erzählt, wie leidenschaftlich sie sein kann, wenn ihr etwas wirklich am Herzen liegt. Wie zum Beispiel der Leuchtturm.«

Hatte Marci Gregs Frau von ihrer explosiven Begegnung mit Ben am Montag beim Leuchtturm erzählt? Oder war diese Bemerkung eher allgemein?

Eine rote Warnleuchte ging vor seinem geistigen Auge an.

Es wäre vielleicht besser, dieses Thema vorsichtig zu umschiffen und sich auf einem anderen Weg zu nähern.

»Was macht Ihre Frau beim Herald?«

»Alles, was gerade anfällt. Sie ist erst seit zwei Monaten dort.«

»Gefällt ihr die Arbeit?«

»Ja. Ihr fehlen noch zwei Semester zu ihrem Abschluss in Journalismus. Diese Arbeit liegt also ganz auf ihrer Linie. Eine großartige Chefin zu haben, ist natürlich auch sehr hilfreich.«

Die explosive Marci war eine großartige Chefin?

»Daraus schließe ich, dass die Herausgeberin des Herald gegenüber Ihrer Frau nicht so explosiv ist?«

»Nein. Rachel ist ein sehr umgänglicher Mensch. Das muss sie auch sein, wenn sie es mit mir aushält.« Er zuckte schuldbewusst die Achseln. »Stimmt es denn, dass der Käufer den Leuchtturm abreißen will?«

»Ich nehme es an.«

»Mist.«

»Das finde ich auch. Aber ich habe keinen anderen Kaufinteressenten und ich kann es mir nicht leisten, dieses Angebot abzulehnen. Ich möchte hier alles abschließen, bevor ich in vier oder fünf Wochen wieder weg bin.«

Der Mann fuhr mit dem Finger über seinen Tassenrand. »Könnten Sie sich vorstellen, mit einer endgültigen Zusage an diesen Käufer diese vier bis fünf Wochen zu warten? Vielleicht besteht ja die Chance, dass die Stadt den Leuchtturm kauft.«

Dieser Mann hatte genauso verrückte Ideen wie Marci.

»Ja, aber wie ich der Chefin Ihrer Frau schon gesagt habe: Ich halte das für unrealistisch.«

»Ich gebe zu, dass es sehr schwer sein dürfte, aber Marci stellt eine Art Ideenschmiede zusammen, die eine Lösung erarbeiten soll. Vielleicht kommt ihnen ja der rettende Gedanke.«

Eine Ideenschmiede unter Marcis Leitung. Warum überraschte ihn das nicht?

»Ich weiß nicht, wie mein Kaufinteressent darauf reagieren wird, wenn ich meine Entscheidung so lange hinauszögere.«

»Wären Sie bereit, ihn zu fragen? Mehr als Nein sagen kann er ja nicht.«

Das stimmte natürlich.

Falls auch nur die kleinste Möglichkeit bestand, den Leuchtturm zu retten, den Skip so geliebt hatte, könnte er den Interessenten wenigstens fragen.

»Klar. Einverstanden. Das kann ich machen. Ich sage meinem Immobilienmakler, dass er mit ihm sprechen soll. Aber ich bin neugierig: Warum interessieren Sie sich denn so für den Leuchtturm?«

»Als Kind habe ich dort oft mit meinen Freunden gespielt.« Seine Miene wurde weicher und seine Mundwinkel verzogen sich ein wenig. »Zu meinen glücklichsten Erinnerungen gehören die Stunden, die ich dort in der Fantasiewelt verbracht habe. Wir haben den Turm vor Piraten verteidigt und Schiffe in Not gerettet oder so getan, als wäre er eine belagerte Burg. Wenn ich dort oben bin, geht es mir immer besser.«

Anscheinend hatte jeder in der Stadt eine Schwäche für Skips Verrücktheit.

»Ich rufe meinen Makler noch heute Morgen an und gebe Ihnen Bescheid, wie der Kaufinteressent reagiert.«

»Das ist super.« Greg trank seinen Kaffee leer und erhob sich. »Danke für den Kaffee und Ihre Zeit. Ich will Sie nicht noch länger von dem hier abhalten.« Er deutete zu den staubigen Kartons aus dem Keller, die sich an einer Küchenwand stapelten.

»Glauben Sie mir, ich habe es nicht eilig, wieder im Keller abzutauchen.«

Er folgte seinem Nachbarn zur Tür, wo der Mann ihm die Hand gab, sich noch einmal für sein grobes Verhalten letzte Woche entschuldigte und ihm für den Kaffee dankte.

Aber während Greg zur Straße ging und Ben die Tür hinter ihm schloss, hatte er das Gefühl, dass ihn nicht nur der Wunsch, sich zu entschuldigen, zu ihm geführt hatte, sondern auch die Sorge um den Leuchtturm von Hope Harbor. Wenn er ehrlich war, würde er selbst auch gern eine andere Lösung finden.

Wenn Marci am Montag bereit gewesen wäre, vernünftig über die Situation zu sprechen, wären sie sich vielleicht sogar einig geworden.

Aber nein!

Sie hatte mit den Händen gefuchtelt und einen Unsinn von Wundern erzählt und ihm vorgeworfen, er würde Skips Vermächtnis verraten.

Während er in die Küche ging, verzog er schuldbewusst das Gesicht.

Er selbst war auch nicht unbedingt die Freundlichkeit in Person gewesen. Aber angesichts eines solchen Bombardements von Argumenten wäre wahrscheinlich auch jeder andere in die Defensive gegangen. Ihm war keine andere Wahl geblieben. Sonst hätte es leicht passieren können, dass er sie auch angeschrien hätte.

Aber er war ein Mann, der mit sich reden ließ. Gregs Idee führte zwar vielleicht zu nichts, aber er würde seinerseits den Kaufinteressenten bitten, ihm vier Wochen Bedenkzeit zu geben. Falls der anonyme Mann mit dem vielen Geld einwilligte, bekamen Marci und ihre Ideenschmiede Gelegenheit, eine brauchbare Alternative zu finden.

Das war das Mindeste, was er für Skip tun konnte.

Marci wird sich darüber freuen.

Er atmete tief aus und stellte seine Tasse mit mehr Wucht, als nötig gewesen wäre, auf den Tisch.

Na und?

Es interessierte ihn nicht die Bohne, ob sie sich freute oder nicht.

Lügner, Lügner!

Diesen Einwand seines Gewissens ignorierte er und tauchte wieder in Skips Keller ab, in dem anscheinend für jeden Karton, den er die Treppe heraufschleppte, zwei neue auftauchten.

Bei diesem Tempo würde es mindestens drei Wochen dauern, bis er das Haus leer geräumt hatte.

In dieser Zeit wollte er einen weiten Bogen um die explosive, rothaarige Zeitungsredakteurin machen. Jetzt, da er und Greg in Kontakt standen, würde er alle Informationen zum Leuchtturm über Greg an Rachel weitergeben und auf diese Weise würden sie dann auch Rachels Chefin erreichen.

Das war der perfekte Plan.

Denn auch wenn sein Leben ohne Marcis funkelnde, jadegrüne Augen und ihre sprühende Energie, die jedem Feuerwerk Konkurrenz machte, langweiliger war, war sein Herz auf diese Weise viel, viel sicherer.

Kapitel 8

Rachel warf einen Blick auf ihre Armbanduhr.

Noch zehn Minuten, dann war ihr Arbeitstag zu Ende. Danach brauchte sie noch eine halbe Stunde, bis sie wieder zu Hause war. Unterwegs musste sie noch einen kurzen Abstecher in den örtlichen Lebensmittelladen machen, um den Orangensaft zu kaufen, den sie gestern bei ihrem Großeinkauf in Coos Bay vergessen hatte.

Ihre Nerven waren angespannt.

Was würde sie heute Abend zu Hause erwarten?

Wäre Greg wieder so umgänglich und kommunikativ wie gestern Abend? Oder hatte er wieder auf sein eigensinniges Schweigen der letzten Monate umgeschaltet? Wie sollte sie damit umgehen, wenn er wieder in dieses Verhaltensmuster schlüpfte?

Ihr Magen zog sich zusammen. Vielleicht hätte sie ihm nicht dieses Ultimatum setzen sollen, das für sie beide schwerwiegende Konsequenzen haben würde. Aber hätte das, was Daniel zu seinem Bruder gesagt hatte, so eine große Wirkung gehabt, wenn sie Greg nicht klargemacht hätte, dass sie auf Dauer nicht so weitermachen würde?

Sie schloss das Dokument auf dem Bildschirm und massierte sich die Schläfen. Sie wusste einfach nicht, was sie tun sollte.

Eine Eheberatung konnte helfen, ihre Ehe wieder in Ordnung zu bringen. Aber kurz bevor Greg aus dem Militärdienst ausgeschieden war, hatte er ihr unmissverständlich klargemacht, dass er von »Psychogerede«, wie er es nannte, die Nase voll hatte. Und wenn sie allein hinginge, würde das ihre Probleme nicht lösen.

Ihr Handy vibrierte. Sie holte es heraus und warf dabei einen vorsichtigen Blick auf Marci, die stirnrunzelnd auf ihren Laptopbildschirm schaute und wie wild tippte. Offenbar arbeitete sie am Leitartikel für die Ausgabe der nächsten Woche. Darin ging es um die geplante Änderung der Bauordnung für Gewerbegebiete, die das Problem mit dem untragbaren Apartmentkomplex Sea Haven am Stadtrand lösen würde.

Ein kurzes, leises Telefongespräch würde Marci nicht aus ihrem Schreibfluss bringen.

Rachel schaute auf dem Display, wer der Anrufer war. Ihr stockte der Atem.

Oh-oh.

Greg hatte sie noch an der Arbeit angerufen. Alle Telefongespräche gingen von ihr aus.

Während ihr Puls höher schlug, hielt sie sich das Handy ans Ohr und drehte sich von Marci weg. »Hallo. Was gibt’s?«

»Entschuldige, dass ich dich an der Arbeit störe, aber ich habe Informationen, die du vielleicht deiner Chefin weitergeben könntest.«

Während sie ihm zuhörte, wie er seinen Besuch bei ihrem Nachbarn heute Morgen schilderte, zog sie die Brauen hoch.

Sie schuldete ihrem Schwager Daniel definitiv einen Anruf und musste sich bei ihm bedanken. Egal was er am Montag gesagt hatte, es zeigte Wirkung. Gemeinsame Spaghetti gestern Abend, deutliche Spuren im Gästezimmer, dass Greg seine Physiotherapie machte, und jetzt ein spontaner Besuch bei ihrem Nachbarn.

Ihre bedrückte Stimmung verschwand genauso wie der launische Nebel über Hope Harbor.

»… um vier Wochen hinausschieben.«

Oh.

Sie hatte Greg nicht mehr richtig zugehört.

»Entschuldige. Könntest du die letzten zwei Sätze noch einmal wiederholen?«

»Ich habe gesagt, dass Ben bei dem Kaufinteressenten nachgefragt hat. Der ist einverstanden, ihm vier Wochen Bedenkzeit zu geben. Das gibt deiner Chefin und ihrer Ideenschmiede ein wenig mehr Spielraum.«

Rachel betrachtete das Poster, das ihr gegenüber an der Wand hing.

»Greife nach den Sternen! Es lohnt sich immer, selbst wenn du nur eine Sternschnuppe fängst!«

Diese Worte waren schön. Und sie fassten Marcis Lebenseinstellung zusammen. Aber bei Rachel hatte dieser Spruch noch nie besondere Gefühle ausgelöst.

Bis heute.

Vielleicht sollte sie tatsächlich nach den Sternen greifen. Mit Greg. Ihn motivieren, auf dem aufzubauen, was Daniel bei seinem Besuch und sie mit ihrem Ultimatum angestoßen hatten. Vielleicht gelang es ihnen ja, an alte Zeiten anzuknüpfen und an ihrer Beziehung zu arbeiten. Einen Versuch war es auf jeden Fall wert.

»Ich richte es ihr aus. Danke, dass du ihn darum gebeten hast.« Sie legte ihre Finger noch fester um das Handy und senkte ihre Stimme noch mehr. »Übrigens lädt Marci für morgen Abend alle Stadtbewohner zu einer offenen Gesprächsrunde zum Thema Leuchtturm ein. Sie hat eine E-Mail an die Empfänger des Herald verschickt und ich habe für sie Flyer in der Stadt ausgelegt. Danach will sie ihre Ideenschmiede zusammenstellen. Hast du nicht Lust hinzugehen?«

Bitte, Herr, schenke es doch, dass dieses Projekt sein Interesse weckt, damit er etwas anderes zu tun hat, als den ganzen Tag im dunklen Haus oder oben auf den Klippen zu sitzen und allem, was er verloren hat, nachzutrauern.

Als er schwieg, wurde es ihr wieder schwer ums Herz.

Bestimmt würde er ihren Vorschlag ablehnen.

Ohne ihm dazu Gelegenheit zu geben, sprach sie schnell weiter: »Das Treffen findet im Saal der Grace-Christian-Gemeinde statt. Ich glaube, Marci rechnet mit vielen Leuten. Du könntest dich in die hintere Reihe setzen und nur zuhören. Wenn du willst. Du brauchst dich ja nicht an dem Gespräch zu beteiligen.«

»Ich war seit Monaten nicht mehr in einer Kirche, Rachel.«

»Ich spreche vom Gemeindesaal, nicht von der Kirche. Und Pastor Baker ist sehr locker. Ich weiß nicht, ob er zu dem Treffen kommt, aber falls doch, brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Er freut sich über jeden, der da ist. Er wird dir kein schlechtes Gewissen machen, weil du nicht mit mir zum Gottesdienst kommst.«

»Ich kenne ihn. Er ist nach Hope Harbor gekommen, als ich dreizehn war.« Er schwieg einen Moment. »Hast du mit ihm über … unsere Situation gesprochen?«

Als seine Stimme härter wurde, hob sie das Kinn. »Nein. Das ist eine Sache zwischen dir und mir. Und Gott.«

»Du wolltest, dass wir zur Eheberatung gehen.«

»Ich finde immer noch, dass uns das helfen würde, aber ich erzähle keinem von unserer Situation, ohne vorher mit dir zu sprechen.«

»Okay.« Er atmete hörbar aus. »Ich überlege es mir, ob ich morgen Abend hingehe. Kommst du bald nach Hause?«

»Wenn ich Marci von deinem Anruf erzählt habe, fahre ich nur noch kurz einkaufen und komme dann nach Hause.«

»Ich schiebe ein Hähnchen in den Ofen. Um halb sechs ist es fertig.«

Er kochte schon wieder? Der Mann, dessen gesamtes kulinarisches Repertoire sich auf die Spaghettisoße seiner Mutter und Grillsteaks beschränkte?

»Ich … ähm … wusste nicht, dass du Hähnchen braten kannst.«

»Das konnte ich auch nicht. Bis vor drei Stunden. Ich habe im Internet ein Rezept für Bierdosenhähnchen gefunden, das interessant klang. Für den Fall, dass es ungenießbar ist, habe ich die Nummer des Pizzalieferdienstes da.«

Bierdosenhähnchen. Nun, vielleicht würde es doch darauf hinauslaufen, dass sie sich eine Pizza bringen ließen. Aber immerhin bemühte er sich.

»Es könnte eine Überraschung werden.« Sie bemühte sich um einen optimistischen Tonfall.

»Das fürchte ich auch. Bis bald.«

Die Verbindung wurde beendet. Aber in Rachel war ein neues Leben entfacht. In den letzten zwei Tagen war der alte Greg zurückgekehrt. Und jetzt hatte er sogar seinen Humor wiederentdeckt.

Vielleicht … nur vielleicht würde ihre neue Heimatstadt ihrem Namen doch noch gerecht werden und sich als Hafen der Hoffnung entpuppen.

* * *

War es möglich, dass sich die Ehe ihrer Assistentin zum Guten veränderte?

Ohne ihr Tippen zu unterbrechen, warf Marci verstohlene Blicke auf Rachel.

Die junge Frau saß immer noch an ihrem Schreibtisch und hatte ihr Handy in der Hand. Aber bisher hatte sie nach einem Gespräch mit ihrem Mann oft Tränen in den Augen gehabt.

Heute hingegen sah sie richtig glücklich aus. Und sie strahlte etwas spürbar Positives aus.

War es Hoffnung?

Rachel drehte sich auf ihrem Stuhl herum und schaute sie an. Ihre Bewegung war so schnell, dass Marci den Blick nicht rechtzeitig abwenden konnte. Sie hörte auf zu tippen. »Ist alles in Ordnung?«

»Ja. Alles ist gut. Ich habe eine Nachricht, über die du dich bestimmt freuen wirst.«

Als Marci erfuhr, dass Greg mit seinem Nachbarn – keinem anderen als Ben Garrison! – einen Aufschub des Leuchtturmverkaufs vereinbart hatte, fiel ihr die Kinnlade herunter.

Der Mann, der ihr am Montag noch die kalte Schulter gezeigt hatte. Da hatte sie ihn gebeten, das Richtige zu tun – nun ja, wenn sie ehrlich war, hatte sie ihn dazu zwingen wollen –, es sich dann aber doch anders überlegt.

»Dein Mann muss sehr überzeugend argumentiert haben.«

»Das kann er. Wenn er will, kann Greg ruhig, rational und diplomatisch sein.«

Ja, diese Eigenschaften waren bestimmt hilfreicher, als sofort in die Luft zu gehen und zu explodieren. Es war immer besser, sich zuerst zu beruhigen, statt sich kopfüber in eine möglicherweise ungute Diskussion zu stürzen.

Daran musste sie noch arbeiten.

Aber im Moment konzentrierte sie sich lieber auf die vierwöchige Gnadenfrist, in der sie eine Lösung für den Leuchtturm finden musste.

Halleluja!

»Das ist großartig, Rachel! Wenn ich morgen Abend erzähle, dass Ben für Ideen, den Leuchtturm zu retten, empfänglich ist und den Kaufvertrag erst in einem Monat unterschreibt, wird jeder begeistert sein. Kommt Greg morgen auch?«

»Ich werde versuchen, ihn dazu zu überreden, aber er glaubt nicht, dass er viel einbringen könnte.«

»Das ist doch Unsinn! Er ist in dieser Stadt aufgewachsen, er liebt den Leuchtturm und ich weiß, dass er ein kreativer Kopf ist. Er hatte die Idee, mit der wir Lou von einer regelmäßigen Werbeanzeige überzeugen konnten. Ich habe bei diesem Mann zwei Jahre lang absolut nichts erreicht. Bitte sag ihm, dass ich ihm dankbar wäre, wenn er kommen würde.«

»Das mache ich, aber ich kann nichts versprechen.« Rachel stand auf. »Brauchst du mich heute noch?«

»Nein. Fahr nach Hause und genieße den Abend.«

»Weißt du was? Ich denke, das werde ich.« Grinsend schob sie sich ihre Handtasche über die Schulter und ging beschwingt hinaus.

Als Rachel die Redaktion verließ, sank Marci auf ihren Stuhl zurück, drehte sich zum Fenster herum und schaute ihrer Assistentin nach.

Das Leben konnte wirklich sonderbare Wendungen nehmen.

Sie war vielleicht nicht glücklich darüber, wie ihre letzte Begegnung mit Ben gelaufen war, aber wenn ihr Gespräch friedlicher verlaufen wäre – und sie womöglich sogar einen Kompromiss gefunden hätten –, hätte sich Greg vielleicht weiterhin zu Hause vergraben und würde sich nicht so engagieren.

Sie wusste zwar nicht, was der Grund für diese hoffnungsvolle Entwicklung war, aber wenn er morgen Abend zu dem Treffen kam, würde sie ihn erst wieder gehen lassen, wenn sie von ihm die Zusage hatte, dass er bei der Ideenschmiede mitmachte. An einem solchen Projekt mitzuarbeiten, würde ihm eine neue Perspektive geben. Und das konnte sich wiederum positiv auf seine Ehe auswirken.

Sie trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch und beobachtete, wie zwei Seemöwen über Rachel kreisten, als sie über die Straße zu ihrem Auto ging.

In den ganzen letzten Wochen waren ihre Bemühungen, ein mitfühlendes Ohr für ihre Assistentin zu haben, ohne Erfolg geblieben. Aber dank eines abrissgefährdeten Leuchtturms veränderte sich vielleicht ihr Leben und das ihres Mannes in eine positive Richtung.

War das die Gelegenheit, von der Charley gesprochen hatte, auch wenn sie in einer Form kam, die sie nie erwartet hätte?

Gut möglich.

Sie wusste nur, dass sie es jedenfalls versuchen würde. Um des Leuchtturms von Hope Harbor willen, um Neds Traum willen und um eines jungen Ehepaars willen, das dringend einen Neuanfang brauchte.

* * *

»Dr. Garrison? Ich führe Sie in Dr. Allens Büro.«

Ben schloss seine E-Mail, steckte sein Handy ein und erhob sich von dem Stuhl in dem geschmackvoll eingerichteten Wartezimmer des Orthopäden in Coos Bay.

Wenigstens hatte ihn der Mann nicht stundenlang warten lassen.

Das sprach eindeutig für ihn.

Mehr als die Pünktlichkeit des Arztes interessierte ihn jedoch seine fachliche Kompetenz.

Ben folgte der Arzthelferin durch den Flur in das Sprechzimmer der Praxis, die Allen zusammen mit einem anderen Orthopäden betrieb. Der Raum war makellos sauber und die Geräte, die Ben durch ein paar Türen sah, waren auf dem neuesten Stand. Auch das Personal machte einen professionellen und guten Eindruck.

Das alles entsprach den Online-Recherchen, die er eingeholt hatte.

Wenn er mit seinen Beobachtungen nicht völlig falschlag, hatte Jonathan Allen bei Skips Behandlung nichts falsch gemacht.

Aber Ben brauchte Gewissheit.

»Dr. Allen kommt zu Ihnen, sobald er mit seinem Patienten fertig ist, Dr. Garrison.« An der Bürotür blieb die Frau stehen. »Machen Sie es sich bequem. Möchten Sie einen Kaffee?«

»Nein, danke.« Er trat in das Zimmer, nahm auf einem gepolsterten Stuhl vor dem Schreibtisch Platz und ließ seinen Blick interessiert durch den Raum schweifen.

Die Urkunden an den Wänden waren beeindruckend, darunter auch eine von der Johns Hopkins School for Medicine, die für ein erstklassiges orthopädisches Programm stand. Er entdeckte auch eine Reihe von Auszeichnungen verschiedener landesweiter Zeitschriften und Organisationen. Die gerahmten Briefe, in denen Allen für seine Dienste im Komitee der amerikanischen Akademie für Orthopädie und in der Leitung des Amerikanischen Fachblatts für Orthopädie gedankt wurde, waren beeindruckend.

Allen konnte erstklassige berufliche Referenzen vorweisen.

Die persönlichen Gegenstände im Büro waren ebenfalls sehr vielsagend. Ein Foto von einem Ehepaar Mitte vierzig mit drei lächelnden Kindern im Alter von ungefähr acht bis etwa fünfzehn ließ auf ein glückliches Familienleben schließen.

Zwei Bücherregale mit zahlreichen medizinischen Titeln sowie Büchern über Segeln verrieten sein Hobby. In der Mitte auf seinem Schreibtisch stand eine kleine, schiefe Schachtel aus zusammengeklebten Holzstückchen – vielleicht von seiner jüngsten Tochter gebastelt? –, die mit Lollys gefüllt war, was erahnen ließ, dass der Mann gern Süßes aß.

Von der Liebe zu Süßigkeiten war jedoch nichts zu sehen, als der Arzt einige Momente später das Büro betrat und ihm die Hand reichte. Er war schlank und sportlich, die silbernen Fäden an seinen Schläfen und die kleinen Falten in seinen Augenwinkeln waren der einzige Hinweis, dass er nicht mehr ganz jung war.

»Bleiben Sie doch bitte sitzen«, lud er Ben ein, als er sich erheben wollte. Nachdem er eine Mappe von seinem Schreibtisch genommen hatte, setzte sich der Orthopäde neben ihn, statt auf der anderen Seite des großen Mahagonischreibtisches Platz zu nehmen. Damit stellte er sich mit Ben auf eine Stufe und begegnete ihm als Kollege.

Eine freundliche Geste.

»Danke, dass Sie Zeit für mich haben.« Ben setzte sich auf seinen Stuhl zurück. »Wie ich Ihrer Sekretärin schon am Telefon erklärt habe, bin ich auch Orthopäde. Frisch aus der Armee. Da mir mein Großvater nichts von seinen Knieproblemen erzählt hat, würde ich gern erfahren, was er hatte.«

Mitgefühl trat in die Augen des Mannes. »Natürlich. An Ihrer Stelle würde ich das auch wissen wollen. Außerdem möchte ich Ihnen mein herzliches Beileid aussprechen. Ned war ein ganz besonderer Mensch.«

»Danke. Er wird sehr vermisst.« Ben deutete auf die Patientenmappe in den Händen seines Kollegen. »Sie haben bestimmt viel zu tun und ich will Sie nicht lange aufhalten. Aber wenn Sie mich kurz über seine Behandlung und die Probleme, die sich ergaben, informieren könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar.«

»Sehr gern.« Allen schlug die Patientenmappe auf und wiederholte im Wesentlichen den Bericht, den ihm Eric Nash in seiner Anwaltskanzlei gegeben hatte. Er ergänzte einige Details, einschließlich MRT-Scans und verschiedene andere Untersuchungsergebnisse.

Als er den Fall dargelegt und Bens Fragen beantwortet hatte, war dieser zufrieden. Die Vorgehensweise und die Gründlichkeit waren über jede Kritik erhaben. Bei Knieprothesen konnten Infektionen auftreten und Allen hatte auf die Komplikationen genauso reagiert, wie er selbst es auch getan hätte.

»Ich habe versucht, eine Arthrodese zu vermeiden, weil Ihr Großvater ein kräftiger Mann war und ich wusste, dass eine Versteifung des Oberschenkelknochens mit dem Schienbein seine Bewegungen stark eingeschränkt hätte.« Der Orthopäde schüttelte traurig den Kopf. »Aber wir konnten die Infektion nicht unter Kontrolle bekommen. Und diese Entscheidung war besser als die Alternative.«

kein

Ganz im Gegenteil.

Die Herausgeberin des Hope Harbor Herald war die letzte Frau auf der Erde, die ihn interessieren sollte.

Falls er sich verliebte, wollte er eine Frau mit einem ausgeglichenen, ruhigen Temperament, die erst nachdachte, bevor sie sprach, und die ruhig und sachlich argumentieren konnte, statt sofort angriffslustig zu werden, andere zu beleidigen und ihnen Vorwürfe zu machen.

Eine Frau, die das absolute Gegenteil von Marci Weber war.

Er setzte sich hinters Steuer, ließ den Motor an und fuhr in Richtung Hope Harbor.

Abgesehen von ihrem unberechenbaren Temperament hatte sie auch einige sehr gute Eigenschaften. Sie hatte tiefe Gefühle und scheute sich nicht, sich für Menschen – und Dinge –, die sie liebte, einzusetzen. Ihre Tränen auf der Suzy Q waren bewundernswert, ebenso ihr Versuch, sich für den Abend zu entschuldigen, an dem sie seinetwegen die Polizei gerufen hatte, oder ihre Bemühungen, ein Wahrzeichen der Stadt zu retten.

Zugegeben, sie war eine attraktive, hübsche Frau. Ihre funkelnden grünen Augen, ihre schlanke Figur und ihr feuriges Haar würde er nicht so schnell vergessen können, selbst dann nicht, wenn er Hope Harbor längst verlassen hatte.

Aber von unberechenbaren Frauen hatte er für immer die Nase voll. Unbeherrschte Gefühle waren für ihn ein Grund, einen weiten Bogen um solche Frauen zu machen.

An der roten Ampel blieb er stehen und beugte sich vor, um einen anderen Radiosender zu suchen. Mitten in seiner Bewegung hielt er inne und schaute mit zusammengekniffenen Augen über die Straße.

War das Marci? War die Frau, die gerade aus einer Boutique kam, die Redakteurin aus Hope Harbor?

Sie blieb stehen und drehte sich um, als habe jemand ihren Namen gerufen.

Bens Blick wanderte in die Richtung, in die sie schaute.

Charley kam auf die Frau zu.

Sein Verdacht bestätigte sich also.

Es war Marci.

Seltsam, dass sie auftauchte, während er an sie dachte.

Er schaute zu, wie sie sich mit Charley unterhielt, bis ihn ein ungeduldiges Hupen darauf aufmerksam machte, dass die Ampel inzwischen auf Grün geschaltet hatte. Er musste wohl oder übel losfahren.

Da Marcis Haar in der Sonne leuchtete, war es nicht schwer, die beiden noch eine ganze Weile im Rückspiegel zu beobachten.

Schließlich verschwanden sie aus seinem Blickfeld.

Zu einem anderen Zeitpunkt hätte er sich vielleicht nicht dagegen gewehrt, sich in die Bewohnerin einer Kleinstadt zu verlieben und seine beruflichen Pläne zu ändern, wie Jonathan Allen es getan hatte. Für die Frau, die er liebte.

Aber selbst wenn er der Frau, die perfekt zu ihm passen würde, begegnen sollte, passte in seinem Fall das Timing einfach nicht. Aufgrund seiner letzten komplizierten Beziehung brauchte er für eine Weile Abstand von den Frauen.

Er würde sich also weiterhin auf Columbus konzentrieren. Und wenn der Tag kam, an dem er Hope Harbor verließ, würde er hoffentlich alles, was mit Leuchttürmen, Vermächtnissen und der hübschen Marci Weber zusammenhing, vergessen können.