Sophus Ruge

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2022
goodpress@okpublishing.info
EAN 4064066112073

Inhaltsverzeichnis


Verzeichniß der Illustrationen und Karten.
Erstes Buch. Die Anfänge der Forschung.
Erstes Capitel. Die Morgenseite der alten Welt.
Zweites Capitel. Die Abendseite der alten Welt.
Zweites Buch. Die Vorhalle der großen Zeit.
Erstes Capitel. Die Morgenseite der alten Welt.
Zweites Capitel. Die Abendseite der alten Welt.
Drittes Buch. Die Seewege nach Indien.
Erstes Capitel. Die Bahn der Portugiesen nach Südosten.
Zweites Capitel. Die Bahn der Spanier nach Westen und die Entdeckung der neuen Welt.
Drittes Capitel. Die südwestliche Bahn nach Indien und die erste Erdumsegelung Magalhães’.
Viertes Capitel. Die Versuche, einen nordwestlichen Weg nach Indien zu finden.
Fünftes Capitel. Die Nordostpassage.

Verzeichniß der Illustrationen und Karten.

Inhaltsverzeichnis
Abbildungen im Text.
Seite 15: Facsimile von der angelsächsischen Handschrift König Alfreds d. Gr. von Ohthere’s Reise; 9. Jahrh. In der Cottonian Bibliothek des British Museum zu London. (Bosworth, Joseph, A Description of Europe, and the Voyages of Ohthere and Wulfstan, written in Anglo-Saxon by King Alfred the Great.)
49: Facsimile der drei ersten Zeilen des uigurisch geschriebenen Briefes von Argunchan an Philipp d. Schönen; 1289. Im Archive von Paris. (The Book of Marco Polo the Venetian, concerning the Kingdoms and Marvels of the East. Newly translated and edited by Henry Yule.)
53: Marco Polo. Nach einem Gemälde in der Gallerie Badia in Rom. (Ebd.)
65: Goldenes Geleitstäfelchen mongolischer Fürsten.
74: Hand eines reichen Annamiten. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
83: Prinz Heinrich der Seefahrer. Miniature in der 1448–1453 entstandenen Handschrift „Chronica do descobrimento e conquista de Guiné etc.“ In der Nationalbibliothek zu Paris. (Major, H., The Life of Prince Henry of Portugal.)
97: Die Land- und Wasserkugel der Erde.
99: Facsimile einer alten Abbildung des Jakobstabes und seiner Anwendung. (Cosmographia, siue Descriptio vniuersi Orbis, Petri Apiani et Gemmae Frisii, Mathematicorum insignium, iam demùm integritati suae restituta. Antuerpiae, 1584.)
105: Martin Behaim. (Ghillany, Geschichte des Seefahrers Ritter Martin Behaim.)
106: Astrolabium des Joh. Regiomontanus vom Jahre 1468. (Ebd.)
111: Vasco da Gama. Nach einem Gemälde im Besitze des Grafen von Lavradio. (Stanley, Henry, The three voyages of Vasco da Gama and his Viceroyalty. From the Lendas da India of Gaspar Correa. Hakluyt. Soc.)
135: Vasco da Gama. Aus dem Manuscript von Pedro Baretto de Resenda. In der Sloane Bibliothek des British Museum, London. (The Commentaries of the great Afonso Dalboquerque, second Viceroy of India. Translated from the Portuguese edition of 1774, with notes and an introduction, by Walter de Gray Birch. Hakluyt. Soc.)
142: Alfons von Albuquerque. Nach dem Manuscript des Pedro Baretto de Resenda. In der Sloane Bibliothek des British Museum, London. (Ebd.)
154: Ostindisches Fahrzeug des 16. Jahrhunderts mit Rohrsegeln und am Stern aufgehängtem hölzernem Anker. (Linschoten, Itinerarium ofte Schipvaert naer Oost ofte Portugaels Indiën. Amsterdam 1614.)
155: Ostindischer Schnellsegler des 16. Jahrhunderts, Fusta. (Ebd.)
188: Facsimile des Namenszuges von Vasco da Gama (und zwei Zeugen) in dem Dokument, in welchem er König Johann III. huldigte, als derselbe ihn zum Vicekönig von Indien ernannt hatte. — Im Archiv von Lissabon. (Stanley, Henry, The three voyages of Vasco da Gama and his Viceroyalty. From the Lendas da India of Gaspar Correa.)
189: Wappen von Vasco da Gama. (Ebd.)
191: Pero Mascarenhas in Ketten. (Lendas da India por Gaspar Correa publicadas de ordem da classe de sciencias moraes, politicas e bellas lettras da academia real das sciencias de Lisboa. Livro terceiro que conta dos feitos de Pero Mascarenhas, e Lopo Vaz de Sampayo, e Nuna da Cunha.)
197: Portrait von Nuno da Cunha. (Ebd.)
234: Angebliches Portrait von Christoph Columbus; Madrid, Marine-Ministerium. (Photographische Originalaufnahme.)
235: Angebliches Portrait von Christoph Columbus; Madrid, National-Bibliothek. (Boletín de la Sociedad geográfica de Madrid. T. VI.)
240: Der im Bau begriffene Rumpf eines großen Seeschiffes vom Ende des 15. Jahrh. (Bernhardus de Breydenbach, Peregrinationes in montem Syon ad venerandum Christi sepulcrum in Jerusalem. Mainz, 1486.)
241: Seeschiff vom Ende des 15. Jahrh., halb vor dem Winde segelnd. (Ebd.)
245: Christoph Columbus’ Rüstung; Madrid, Waffen-Museum im königl. Palais. (Photographische Originalaufnahme.)
247: Titelholzschnitt einer zu Florenz im Jahre 1493 gedruckten italienischen Flugschrift, darstellend die Landung des Columbus. (Getreue Nachbildung des Originals im British Museum zu London.)
262: Facsimile der ersten Flugschrift, welche die Kunde von der Entdeckung Amerika’s brachte. (Getreue Nachbildung des Originals im British Museum zu London.)
263/4: Titel, Anfangsseite und Schluß des ersten deutschen Flugblattes, welches die Entdeckung Amerika’s meldete. (Getreue Nachbildung des Originals in der Staatsbibliothek zu München.)
312: Haus zu Valladolid, in dem Christoph Columbus gestorben. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
317: Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Christoph Columbus, datirt Granada, 6. Februar 1502. (Tre Lettere di Cristoforo Colombo ed Amerigo Vespucci, riprodotte in Fotolitografia.)
333: Titelblatt der deutschen Uebersetzung des Briefes, welchen Amerigo Vespucci über seine dritte Reise an Pier Francesco de Medici schrieb. (Getreue Nachbildung des Originals in der königl. Bibliothek zu Dresden.)
334: Rückseite des Titelblattes und Anfang desselben Briefes. (Ebd.)
337: Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Amerigo Vespucci an den Cardinal Arzobispo de Toledo (Ximénez de Cisneros); datirt Sevilla, 9. December 1508. (Tre Lettere di Cristoforo Colombo ed Amerigo Vespucci riprodotte in Fotolitografia.)
339: Facsimile der Stelle, in welcher zum erstenmale der Name „Amerika“ vorgeschlagen wird. (Cosmographiae Introductio des Hylacomylus von 1507.)
357: Tempelruine zu Uxmal. (Gailhabaud, Jules, Monuments anciens et modernes. IV.)
360: Medaillenbildniß von Ferdinand Cortes; Originalgröße. (Nach dem Original im königl. Münz-Cabinet zu Berlin.)
405: Rüstung von Ferdinand Cortes; im Waffenmuseum zu Madrid. (Photographische Originalaufnahme.)
427: Conti am Titicacasee: als Specimen der merkwürdigen Thorbauten. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
429: Altperuanisches Gobelingewebe aus dem Todtenfelde von Ancon. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)
430: Sculptur am Inkathor bei Cuzco. (Photographische Originalaufnahme.)
431: Sculptur am Inkathor bei Cuzco. (Photographische Originalaufnahme.)
433: Durchschnitt eines altperuanischen Grabes mit Mumien. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)
443: Das Haus Atahuallpa’s bei Cajamarca, in welchem der Inka von Pizarro gefangen gehalten wurde. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
462: Facsimile des Namenszuges von Magalhães. Von einem Briefe, datirt 24. October 1518, im indischen Archiv zu Sevilla. (The first voyage round the world by Magellan. Translated from the accounts of Pigafetta and other contemporary writers by Lord Stanley of Alderley.)
463: Fernão de Magalhães. Verkleinertes Facsimile des Kupferstiches, 1788, von Ferd. Selma. (Coleccion de los viages y descubrimientos que hicieron por mar los Españoles desde fines del Siglo XV., coordinada é illustrada por Martin Fernandez de Navarrete. Tomo IV.)
467: Rumpf eines großen Seeschiffes um 1500; im Wappen des Johann Segker. Verkleinertes Facsimile eines Holzschnittes aus Albrecht Dürers Schule. (Kunsthalle zu Hamburg.)
Vollbilder.
Seite 70: Chinesisches Papiergeld aus der Ming-Dynastie (1368–1645). Original in Paris. Getreue Nachbildung in ¼ der natürlichen Größe. (The Book of Marco Polo the Venetian, concerning the kingdoms and Marvels of the East. Newly translated and edited by Henry Yule.)
356: Eine Seite aus der Mayahandschrift der königl. Bibliothek zu Dresden. Originalgröße. (Die Mayahandschrift der kgl. öffentlichen Bibliothek zu Dresden. 74 Tafeln in Chromolichtdruck.)
420: Ansicht des großen Colorado-Cañons. (Powell, J. W., Exploration of the Colorado River of the West 1869–1872.)
425: Das Inkathor bei Cuzco. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
426: Die Ruinen des Inkaschlosses am Titicacasee. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
434: Altperuanische Mumien aus dem Todtenfelde von Ancon. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)
440: Krieger aus der Inkazeit: altperuanische Malerei auf dem unter Nr. 23 auf dem Doppelvollbilde „altperuanische Geräthschaften“ abgebildeten Kruge. (Ebd.)
446: Sacsahuaman: ein Theil der Ruinen der alten Inkafestung bei Cuzco. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
Doppelvollbilder.
Seite 359: Sculpturen von Copán, Trachten der alten Mittel-Amerikaner darstellend. (Meye und Schmidt, die Steinbildwerke von Copán und Quirigua.)
432: Altperuanische Geräthschaften aus dem Todtenfelde von Ancon. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)
Karten im Text.
Seite 25: Karte von Afrika in einem Portulano von 1351. In der Laurentinischen Bibliothek zu Florenz. (Major, H., The Life of Prince Henry of Portugal.)
27: Karte zu den Reisen von Nicolo und Antonio Zeno, 1558. (Nach H. Kiepert.)
249: Die Entdeckungen des Columbus auf seiner ersten Reise. Ein Theil von Westindien; nach der englischen Admiralitätskarte Nr. 761 gezeichnet von C. Riemer.
318: Die Insel Guanahani nach der Karte Diego Ribero’s von 1529.
347: Karte zu Balboa’s Entdeckung der Südsee. (Nach dem Entwurfe von Professor Dr. Sophus Ruge.)
363: Karte zu Cortes’ Eroberung von Mexiko. (Ebs.)
390: Karte zu den Feldzügen Alvarado’s nach Guatemala und des Cortes nach Honduras. (Ebs.)
417: Karte zu Coronado’s Expedition nach Cibola und Quivira. (Ebs.)
437: Karte zur Entdeckung von Peru durch Pizarro. (Ebs.)
461: Südamerika mit einer südlichen Meerenge auf dem von Joh. Schöner 1515 entworfenen Globus. (Ebs.)
Karten-Beilagen.
Seite 12: Weltkarte in der 1513 zu Straßburg gedruckten Ausgabe des Ptolemäus. Verkleinertes Facsimile.
37: Kartenskizze der Mongolenstaaten im XIII. Jahrhundert. Gezeichnet von Dr. Henry Lange.
78: Catalanische Erdkarte; für König Karl V. von Frankreich 1375 in Mallorca gezeichnet. Paris, Nationalbibliothek. Facsimile in ⅓ der Originalgröße. (Jomard, Monumens de la Géographie.)
80: Fra Mauro’s Weltkarte von 1459; Venedig. 110 der Originalgröße. (Nach H. Kiepert.)
118: Die Westküste von Vorder-Indien und die von den Portugiesen berührten Handelsstädte. (Nach dem Entwurfe von Professor Dr. Sophus Ruge.)
230: Die Oceanische Seite des Behaim’schen Globus vom Jahre 1492. (Ghillany, Geschichte des Seefahrers Ritter Martin Behaim.)
324: Aelteste Karte von Amerika; westlichster Theil der im Jahre 1500 von Juan de la Cosa gezeichneten Erdkarte. Facsimile in ⅓ der Höhe des Originals im Marine-Museum zu Madrid. (Jomard, Monumens de la Géographie.)
438: Seekarte von Diego Ribero, 1529. (Nach dem Original in der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar.)
534: Facsimile der Molukken-Karte im Atlas des Diego Homen vom Jahre 1568. Originalgröße. (Dresden, königliche Bibliothek.)

Erstes Buch.
Die Anfänge der Forschung.

Inhaltsverzeichnis

Erstes Capitel.
Die Morgenseite der alten Welt.

Inhaltsverzeichnis

In der Geschichte der geographischen Entdeckungen zeichnen sich gewisse Epochen ab, in denen die Betheiligung an den Arbeiten, die Erdenräume dem Blicke der Forschung zu enthüllen oder wenigstens mit fernen weniger bekannten Ländern in lebhafteren Verkehr zu treten, eine außergewöhnlich starke ist, in denen, durch energischen Vorgang einzelner ausgezeichneter Persönlichkeiten, nicht blos einzelne Stände und Berufsklassen mit hineingezogen werden in das Interesse für Reisen und Entdeckungsfahrten, sondern wo die Antheilnahme bis in die Masse des Volkes hinabdringt und ein Volk das andere benachbarte allmählich mit hineinzieht in eine allgemeine großartige Bewegung. Die Erweiterung des räumlichen Horizonts zieht unabweisbar auch die Erweiterung des geistigen Gesichtsfeldes nach sich und drückt dem Volk, welches ihn errungen hat, den Stempel geistiger Reife auf. Die Machtsphäre gewinnt ein größeres Gebiet und damit wächst auch die politische Bedeutung. Kein Wunder, daß darum zu Zeiten mehrere Völker neben einander auf dem Ringplatze erscheinen und in regem Wettbewerb nach gleichen Zielen einander die Palme streitig machen.

Aber auf die hochgehenden Fluten folgen Zeiten der Ebbe, der Erschlaffung, Zeiten des Stillstandes, in denen, oft Jahrhunderte andauernd, die Erregung der Gemüther nachläßt, das Feuer der Begeisterung erlischt und die nach außen treibende Kraft sich von den Grenzen zurückzieht. Der Horizont verdunkelt sich wieder, die Schleier rücken eng und enger um die Mitte zusammen. Solche Zeiten der Stagnationen machen sich auch in der allgemeinen Geschichte fühlbar. Es sei dabei an die den Kreuzzügen vorangehenden Jahrhunderte erinnert. Auf die sich über beinahe 1000 Jahre ausdehnende Erschlaffung und Apathie folgt aber etwa vom 13. bis 17. Jahrhundert die Epoche der höchsten Anstrengung auf diesem Felde, folgt eine durch alle Völker Europas gehende tiefe Bewegung, welche nur der noch weiter, tiefer gehenden religiösen Erregung und Erhebung allmählich wich. Diese Zeit ist es aber, welche, als das Zeitalter der großen Entdeckungen bezeichnet, auch in der Darstellung allgemeiner Geschichte Beachtung fordert.

Um die Ziele der Unternehmungen jenes großen Zeitraums verstehen zu lernen, müssen wir, zur Einleitung, weiter in die Vergangenheit zurückgreifen.

Man sollte meinen, daß, wenn es sich um die Erweiterung der Kenntnisse von der Erdoberfläche handelt, man von dem Mittelpunkte, dem Schauplatz der Kulturvölker Europas, nach allen Richtungen der Windrose radial über die bisherige Grenze der bekannten Welt hinaus ins Unbekannte, Unerforschte schreiten werde oder schreiten könne. Doch dem ist nicht so.

Die Gliederung und Gestaltung der wichtigsten Ländergebiete der alten Welt haben dabei einen bestimmenden Einfluß geübt, namentlich die Erstreckung des Mittelmeeres und des zusammenhängenden Hochlandes von Asien, deren Längsaxen sich beide in ost-westlicher Richtung hinziehen. An den Rändern und in den Ländern am Mittelmeer, wie auf dem westlichen Hochlande und an den südlichen Abhängen des östlichen Hochlandes von Asien in der weitgedehnten Zone von den Säulen des Herkules bis zu den Gestaden Chinas hatten sich einzelne Völker zu frühzeitiger Kultur erhoben. Die westliche Hälfte, nennen wir sie die europäische, hatte auf dem geräumigen Marktplatze des Mittelmeeres einen gemeinsamen Sammelpunkt gefunden, während die östliche, die asiatische Hälfte, vorwiegend auf den offenen indischen Ocean hingewiesen, eines solchen günstigen Vereinigungsplatzes entbehrte und im Streben nach gegenseitigem Verkehr größere Schwierigkeiten zu überwinden hatte. Eine Annäherung beider Gebiete boten der persische, und noch mehr der arabische Golf oder das rothe Meer. Südlich des ganzen Gürtels lagen im Westen die starken Schranken der großen afrikanischen Wüste, deren menschenfeindliche Oede den Satz verkündigte, daß die heiße Zone überhaupt unbewohnbar sei, während im Osten das unbezwungene indische Weltmeer, dem das Gegengestade fehlte, von wagehalsigem Vordringen abhielt.

In gleicher Weise lagerte sich über dem Nordsaum des Gürtels ein kalter, unwirthlich rauher Erdstrich, der sich gegen Norden in dem geheimnißvollen „Lande der Dunkelheit“ verlor.

Daher richteten sich von jeher die Blicke mehr nach Osten und Westen, als nach Norden und Süden. Die Gegensätze zwischen Osten und Westen sind zuerst am Mittelmeer schon in ältester Zeit schärfer ins Auge gefaßt und lassen sich auf die Fahrten seetüchtiger Phönizier zurückführen. Die Unterscheidung der Erdtheile Asien und Europa, wie sie zuerst an den gegenüberliegenden Küsten des schön gegliederten ägäischen Meeres haftete, besagt ursprünglich im Kern des Wortes açu (Asien) ereb (Europa) wohl nichts anderes als Morgen und Abend, das Land im Morgen und das Land im Abend. Und diese Bezeichnungen wiederholen sich in verschiedenen Sprachen, so lautet bei den Griechen der Gegensatz: Anatolien (noch jetzt ist Kleinasien als Anadoli bekannt) und Hesperien, im Lateinischen mit erweitertem Begriff Orient und Occident, im Italienischen Levante (worunter man vorzugsweise die asiatischen Küsten des Mittelmeeres verstand und versteht) und Ponente (eine Gegenüberstellung, wie sie in kleinem Maßstabe an der Riviera von Genua noch gültig ist), und endlich im Deutschen: Morgenland und Abendland, Bezeichnungen, welche die beiden fraglichen Erdtheile so ziemlich decken. Ein solcher Reichthum der Benennungen hat sich naturgemäß für Norden und Süden, für die mitternächtliche und mittägige Seite nicht gebildet. Die Reisen und Entdeckungszüge nehmen thatsächlich vorwiegend auch die Richtung gegen Morgen und gegen Abend und wir sind daher wohlberechtigt, auch unsere Darstellung der Geschichte der Entdeckung in diesem Sinne zu gruppiren.

Wir stellen die Morgenseite voran. Daß diese Seite gegen Sonnenaufgang noch mehr Bedeutung hatte als die Abendseite, daß der Blick voll Verlangen, hier den Schleier zu lüften, sich mehr der Sonne zuwandte, lag in den natürlichen Verhältnissen, in der unermeßlichen Ausdehnung der Länder und in dem Reichthum an kostbaren Produkten begründet, die aus unbekannter Ferne selbst bis zu den Häfen des Mittelmeeres gelangten. Die alten Staaten und Länder Vorderasiens bis nach Persien hin, standen mit den classischen Völkern des Alterthums in directer Verbindung; aber noch weiter hinaus lagen weite herrliche Länder, die in den Schleier des Geheimnißvollen gehüllt, von der erregten Phantasie zu wahren Wunderländern umgewandelt wurden, und unter denen immer der Name Indien vorklang. Wir dürfen nicht vergessen, daß im Alterthum Indien eigentlich das einzige bekannte Tropenland war, das unter dem Hauche des feuchten Monsun von wunderbarem Segen triefte. Indien war von jeher ein sehr weiter Begriff. Indien war das äußerste Land. So weit wir sichere Kunde haben, sagt Herodot (III. 98), sind die Menschen, die zunächst gegen Morgen und Sonnenaufgang in Asien wohnen, die Indier.

Diesen äußersten Enden der Welt sind die kostbarsten Produkte eigen. (III. 106). Dieselbe Ansicht wiederholt Strabo (p. 685): Indien ist das erste und größte Land im Osten. Ktesias hielt Indien für ebenso groß als das ganze übrige Asien, Onesikritos für den dritten Theil der bewohnten Erde. (Strabo, p. 689).

Indien war und blieb ein sehr weiter Begriff, ohne bestimmte Grenzen, so daß Strabo auch die langlebenden Serer mit einrechnen konnte. Zwar scheidet Ptolemäus dieselben wieder aus und weist ihnen jenseit des Himalaya einen nach Norden und Osten ins dunkle Land sich verlierenden Wohnsitz an; doch beginnt bei diesem großen Geographen schon eine Gliederung Indiens in die beiden Theile: Indien diesseit und Indien jenseit des Ganges, welche etwa unserm Vorder- und Hinter-Indien entsprechen mögen. Doch dabei blieb es nicht. Der Begriff Indien dehnte sich im Mittelalter immer mehr und umfaßte schließlich fast alle Gestade am südlichen Meere von Habesch bis nach China. Ja es wurde sogar an die Stelle von Asien geschoben, wenn z. B. Alcuin die ganze Welt in Europa, Afrika und Indien theilt. Für die beiden asiatischen Halbinseln wählte man die Bezeichnung: Groß- und Klein-Indien. Da man sich aber schon frühzeitig der Ansicht zuneigte, Abessinien zu Indien zu rechnen, wie auch bereits Procop von Cäsarea den Nil in Indien entspringen läßt, so entstand denn für jenes afrikanische Alpenland die verwirrende Benennung „das dritte Indien“ oder gar „Mittel-Indien“.

Jordanus identificirte das dritte mit der Sansibar-Küste, Benjamin von Tudela nennt Aden am Ausgange des rothen Meeres als eine Stadt in Mittel-Indien und Marco Polo erklärt Habesch für das Hauptland davon, so daß also dieses dritte Indien asiatische und afrikanische Landschaften umfassen sollte, während endlich der 1562 in Venedig gedruckte Ptolemäus die indische Inselwelt als India tercera vorführt. Nach Odorich von Pordenone liegt die persische Küste bei Ormuz in India, quae est infra terram, und wird Südchina (Manzi) Ober-Indien genannt. Auf der andern Seite bezeichnete Nicolo Conti die Chinesen als „innere Indier“.

Drei Indien erscheinen schon auf einer Karte vom Jahre 1118. Und so ging es fort bis ins 16. Jahrhundert (vgl. das beigegebene Weltbild aus dem Straßburger Ptolemäus, 1513). Kein Wunder, daß auch der beste Kartograph in solcher Verwirrung noch strauchelte, daß Mercator auf seinem ersten Globus von 1543 neben den beiden von Ptolemäus bereits angedeuteten Halbinseln Indiens noch eine weitere Halbinsel nach den Aufnahmen der portugiesischen Entdecker eintrug, so daß wir also auch hier noch mit der Monströsität von drei indischen Halbinseln beschenkt werden.

Aus diesem weiten Indien kamen seit den gemeinschaftlichen Handelsfahrten Salomos und Hirams nach Ophir, welches wir jedenfalls auf der Westküste Vorder-Indiens zu suchen haben, die kostbaren Produkte über das rothe Meer zu den Ländern am mittelländischen Meere. Griechen und Römer bezogen von dort Wohlgerüche und Gewürze, namentlich Pfeffer; ferner Perlen und Edelsteine, Elfenbein und Ebenholz. Der prächtige Pfau, den die Griechen zum Liebling der stolzen Hera erhoben, den die Soldaten Alexanders wild antrafen in indischem Waldgebiete, war nebst den buntfarbigen Papageien schon zu Salomos Zeit im Westen bekannt geworden. Feine baumwollene Gewänder und Zucker kamen aus demselben Gebiete. Den Umsatz in diesen Luxusartikeln gibt bereits Plinius auf etwa 16 Millionen Mark jährlich an.

Aber aus noch weiter entlegenen Ländern kamen kostbare Stoffe unter dem Namen serischer Gewänder nach dem Westen, ohne daß man anfangs das Heimatland gekannt hätte. Daß, wenn auch durch Zwischenhandel, die Seidenstoffe (denn nur diese werden unter serischen Kleidern verstanden) aus China kamen, beweist der Name. Das chinesische Wort für Seide ist sz’ oder sse mit dem in r verkürzten Suffix örr, also sser der Seidenstoff.[1] Nun ist merkwürdig, daß wenn auch am Ende des Alterthums die Kenntniß der griechisch-ägyptischen Kaufleute sich bis zu den chinesischen Strömen erstreckte, und auf dem Wasserwege der Name Thinai oder Sinai bekannt wurde, man dieses Land doch von dem der Serer unterschied; denn die Kunde von diesem letzteren Volke war zu Lande durch Mittelasien nach Westen gedrungen. Geographisch setzte man die große Stadt Sera und das Land der Serer, Serica, stets nördlicher an, als das Land Thinai oder Sinai. Diese Doppelgängernatur wiederholt sich noch einmal im 16. Jahrhundert, als die Portugiesen von ihren Seefahrten den Namen Tschina (China) mit heimbrachten, während schon durch venetianische Kaufleute im 13. Jahrhundert das Reich Kathay (China) bekannt geworden war. Daß beide Benennungen auf das nämliche Land wiesen, erkannten zwar schon im Beginn des 17. Jahrhunderts katholische Glaubensboten, allein man nahm die Thatsache nur zögernd an.[2]

Doch wenden wir uns noch einmal zurück, um die allmähliche Erweiterung der Kenntnisse von Süd- und Ostasien kurz zu skizziren.

Vor Alexander dem Großen war kein Grieche nach Indien gelangt. Herodot, welcher zuerst die Baumwolle nennt, berichtete nur nach Hörensagen. Erst die Zeitgenossen des makedonischen Königs schildern uns als Augenzeugen das Land. Megasthenes gab die erste klare Vorstellung von der Gestalt und Begrenzung Indiens. Die Halbinselform tritt klar hervor. Onesikritos kennt schon die wichtige Insel Taprobane (Ceylon). Beide berichten, daß im südlichen Indien das Gestirn des großen Bären allmählich unter dem Horizonte verschwinde, und daß der Schatten nach Süden falle. Verhängnißvoll war es für die kartographische Darstellung, daß der berühmte Eratosthenes, durch falsche Anwendung von Distanzentfernungen veranlaßt, die Gestalt Vorder-Indiens derart verzerrte, daß die Halbinselfigur fast gänzlich verwischt wurde. Und als seiner Autorität mehrere Jahrhunderte danach auch Ptolemäus folgte, blieb diese irrige Auffassung maßgebend bis ins 16. Jahrhundert. Außerdem verschuldete Eratosthenes auch, daß der Abstand von Alexandrien bis zur Indus-Mündung um mehr als 200 deutsche Meilen zu groß angenommen wurde und daß im weiteren Verlaufe später die äußersten bekannten Küsten Asiens viel zu weit nach Osten verlegt wurden: eine Verzerrung, die im späteren Mittelalter, als man die Reiserouten Marco Polos bis nach China kartographisch niederzulegen suchte, sich dermaßen ins Ungeheure steigerte, daß der Ostrand Asiens bis nahe vor die Küste von Californien und Cipango (Japan) in Mexiko hineinreichte. So nach der Darstellung auf dem Globus Martin Behaim’s 1492.

Den Haupthandel nach dem Osten trieben die griechischen Kaufleute Aegytens schon seit der Ptolomäerzeit. Ihnen verdanken wir im 1. und 2. Jahrhundert die Kenntniß der Insel Java und die erste directe Berührung mit China. Der äußerste Punkt, den der griechische Kauffahrer Alexandros im 1. Jahrhundert n. Chr. erreichte, war das vielbesprochene Cattigara, ein Handelshafen, der wahrscheinlich nicht fern von der Mündung des Jangtsekjang lag[3]. Das war die äußerste Grenze des Wissens im Alterthum und blieb’s, wenigstens bei den Europäern, auch bis zum Ende des Mittelalters, bis zum Ausgange des 13. Jahrhunderts.

Der Name China oder Tschina, mit dem besonders der südliche Theil des Landes belegt wurde, ist uralt und höchst wahrscheinlich durch malaische Seefahrer den westlichen Schiffern mitgetheilt. Wir werden in dieser Annahme noch bestärkt durch die Wahrnehmung, daß uns auch jetzt noch die meisten Küstenlandschaften des südöstlichen Asien in malaischer Form geläufig sind, wie Birma, Pegu, Siam, Cambodja, Kotschi (Cochinchina), Maluka, Burnei (Borneo) u. a.

Ceylon bildete den Sammelplatz der Handelsschiffe, dort trafen chinesische Händler mit Persern, Arabern und selbst Byzantinern zusammen, welche letztere auf äthiopischen Schiffen Indien erreichten. Zur Zeit der Herrschaft der Ptolomäer in Aegypten war der Canal vollendet worden, welcher den Nil mit dem rothen Meere verband. Auch der Kaiser Hadrian hat im 15. Jahre seiner Regierung für die Wiederherstellung dieses wichtigen Wasserweges gesorgt, und der Hafen Klysma am rothen Meere trat an die Stelle der alten Emporien von Myos-Hormos und Berenike. Mindestens bis ins 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung war der Canal in brauchbarem Zustande, denn noch um 590 n. Chr. berichtet Gregor von Tours davon, und erst nach der Mitte des 8. Jahrhunderts wurde er, bereits versandet, zugeschüttet. Von Klysma gingen griechische Schiffe direct nach Indien, und auf ihnen besuchte der griechische Hafenbeamte jährlich das Heimatland der Gewürze. Justinian versuchte sogar, wenn auch vergebens, den Seidenhandel statt über Persien durchs rothe Meer nach Klysma zu ziehen. So erhielt sich die Beziehung zum fernen Morgenland bis zum 7. Jahrhundert, wenn auch die geographischen Kenntnisse keine Bereicherung erfuhren. Die Gründung des Islam und die Herrschaft der Araber in Aegypten änderte die Sachlage wesentlich, denn der unmittelbare Verkehr der Byzantiner und damit des Abendlandes mit Indien mußte seit jener Zeit eingestellt werden.

Es blieb sonach nur der schwierige Landweg übrig. Die Handelsrouten vom Mittelmeer nach Indien und China haben naturgemäß mit viel größeren Schwierigkeiten zu kämpfen als der Seeverkehr. Nicht allein die bedeutende räumliche Entfernung der Länder und die durch den langwierigen Transport der Waaren gesteigerten Kosten schränkten die Handelsbewegung ein. Es wurden zwar bei der Unwegsamkeit der Hochgebirge, die zu übersteigen waren, bei der Wüstennatur weitgedehnter Landstriche, die zu überwinden war, verschiedene Wege eingeschlagen, bequemere Paßübergänge gesucht. Allein es spielten hier auch die politischen Ereignisse in Innerasien eine hervorragende Rolle, indem sie die Wegelinien entweder verschoben oder den Durchgang zu Kriegszeiten gänzlich sperrten. Trotzdem hat das kostbarste Produkt Chinas, die Seide, immer wieder ihren Weg nach dem Abendlande gefunden, seitdem ihre Vorzüge dort erkannt und geschätzt worden waren. Der Seide verdanken wir die frühesten Aufhellungen des asiatischen Hochlandskernes.

Nachdem schon mehrere Jahrhunderte vor Christo die Seide in Syrien bekannt gewesen war, ohne daß wir den Weg nachzuweisen vermöchten, wie sie dahin gelangte, drangen chinesische Heere siegreich ins Tarimbecken ein. Ihnen folgte im Jahre 114 v. Chr. die erste chinesische Handelskarawane, überstieg die Pässe des Pamirplateaus und gelangte bis zu den turanischen Handelsstädten. Nachfolgende große Handelszüge überschwemmten die Märkte am Amu und Syr Darja derart mit Seidenzeugen, daß diese in ihrer Werthschätzung bedeutend sanken. Aber sie gelangten in Folge dessen weiter und weiter nach Westen, wo die Nachfrage nach den kostbaren Gewändern immer lebhafter wurde. Auf zwei Straßen zog man durch die Steppen und Sandwüsten des Tarimbecken, entweder nördlich vom Steppenflusse Tarim an dem Fuße des Himmelsgebirges, des Tienschan, entlang, eine Straße, die in unseren Tagen die belebtere und fast allein betretene ist, oder südlich vom Lopnor und dem Tarim hin, zur linken die Gehänge des sagenreichen Kwenlun, auf einem Wege, den noch Marco Polo im 13. Jahrhunderte verfolgte, und den der kühnste russische Reisende Prschewalsky erst vor wenig Jahren wieder erreicht hat. Der Terekdawanpaß, nordwestlich von Kaschgar, galt als der bequemste Uebergang über die westliche Umwallung des Tarimbeckens.

Zur selben Zeit, als am Ende des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung das römische Reich seine weiteste Ausdehnung nach Osten gewann, drang ein chinesischer Feldherr im Jahre 95 bis ans kaspische Meer vor. Beide Staaten rückten fast bis zur Grenzberührung gegen einander; aber zu weiterer politischer Beziehung gedieh diese Annäherung nicht, weil kaum ein Menschenalter später die Chinesen aus ganz Turan zurückweichen mußten.[4] Der Name der seideproducirenden Serer wurde zwar bei Griechen und Römern immer geläufiger, aber die Heimat des Volkes selbst lernte man nicht kennen, und dachte sie sich anfänglich viel weiter im Westen, etwa in Turan oder im Tarimbecken. Schon damals waren die persisch redenden Tädjik die Zwischenträger des Seidenhandels bis ins römische Reich. Ueber den Verlauf der Seidenstraße besitzen wir nur einen einzigen, aus einem ausführlichen Bericht gemachten dürftigen Auszug, und wenn wir hinzufügen, daß jener Bericht von den Handelsagenten eines makedonischen Großhändlers Maës Titianus herrührt, und von dem berühmten Geographen Marinus von Tyros aus zweiter Hand empfangen und aufgezeichnet ist und daß Ptolemäus in seinen kurzen Excerpten wieder auf Marinus fußt, welcher ohnehin den von jenem Agenten gemachten Angaben über ihre weiten Reisen keinen rechten Glauben schenkte, weil er meinte, alle Kaufleute renommirten mit der Größe ihre Expeditionen und setzten für die Entfernung der einzelnen Stationen zu große Ziffern an — so kann man aus alledem wohl erkennen, wie schwierig es jetzt ist, den Reiseweg ins Land der Seide zu fixiren.

Glücklicherweise können wir Ausgang und Endziel dieses Itinerars mit ziemlicher Sicherheit bestimmen. Die Agenten des Maës brachen von Baktra auf und nennen als Endpunkt Sera metropolis, die Hauptstadt des Serervolkes, worunter höchst wahrscheinlich nur die damalige Hauptstadt Chinas, Tschan-ngan-fu, jetzt Si-ngan-su, gemeint sein kann. Unerwiesen bleibt indeß, ob sie diese Stadt wirklich erreichten. Sie zogen durch das Reich der Issedonen, östlich vom Pamirplateau in Ost-Turkestan gelegen, auf der Südseite des Tarim gegen Osten nach der chinesischen Sandstadt Scha-tschou, wo die fremden Kaufleute vermuthlich ihren Bedarf an Seidenwaaren einhandelten.

In der Mitte des 2. Jahrhunderts verloren die Chinesen ihre Machtstellung im Gebiet des Tarim und damit die Handelskarawanen ihren Schutz; nur die persischen Kaufleute verstanden es, den Seidenhandel in der Hand zu behalten. Die chinesischen Annalen haben uns zwar die Nachricht erhalten, daß der römische Kaiser Markus Aurelius Antoninus (An-tun bei den Chinesen genannt) eine Gesandtschaft nach China geschickt habe, aus deren Mittheilung wohl auch Pausanias die bisherige irrige Vorstellung über die Gewinnung der Seide berichtigen konnte; allein eine klarere Auffassung der ostasiatischen Länder erfolgte dadurch nicht, denn Pausanias selbst nennt Seria eine Insel im erythräischen Meere. In den Zeiten der Völkerwanderung galt dem Historiker Ammianus Marcellinus Serica als eine persische Provinz, denn die Seide kam ja durch Vermittlung der Perser. Und als unter Justinian die Seidenzucht selbst in Europa eingebürgert wurde, verlor die continentale Seidenstraße allmählich vollends ihre Bedeutung und hüllten sich die centralen Landschaften Asiens mehr und mehr in Dunkel. Auch die nur kurze Zeit dauernden freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Türkenfürsten am Balchaschsee und dem Kaiser Justinian waren in geographischer Hinsicht von geringem Belang, denn schon im 7. Jahrhundert wurden die Türken von den wieder vordringenden Chinesen unterworfen. China erscheint in dieser Zeit bei den Byzantinern unter dem Namen Taugas.

Eine völlige Umgestaltung der Verhältnisse führten nach der Gründung des Islam die Araber herbei. Wie sie sich bisher an dem asiatischen Landhandel nur im beschränkten Maße betheiligt hatten, so waren sie im 7. Jahrhundert auch zur See über Indien noch nicht hinausgekommen und lernten die Sundainseln mit ihren Produkten erst später kennen. In raschem Siegeszuge fiel ihnen ganz Westasien zu, und so schob sich ihr Weltreich seit dem Beginn des 8. Jahrhunderts zwischen China und das Abendland ein. Seitdem der Herrschersitz der Chalifen an den Tigris verlegt war, wurden die Pilgerkarawanen auch die Träger des Landhandels. Basra erhob sich als neuer Stapelplatz, in den die Waaren des Ostens einströmten. Mokadassi bezeichnet sehr charakteristisch den persischen Meerbusen als das chinesische Meer. Ueber die Handelsplätze auf der Halbinsel Malaka gelangten arabische Seefahrer schon im 8. Jahrhundert nach China. Während sie sonst mit ihren aus Kokosplanken ohne Eisennägel zusammengefügten Schiffen sich nicht von den Küsten zu entfernen gewagt hatten, entlehnten sie von den Chinesen manche nautische Verbesserung, bauten festere Schiffe und steuerten, auf den Compaß vertrauend, über das hohe Meer in geradem Cours auf ihr Ziel hin. Von den Vorhäfen Bagdads aus, zuerst von Siraf, sodann von der Insel Kisch und in den letzten Jahrhunderten von Ormuz aus, machten sie den Chinesen im Handel so bedeutende Concurrenz, daß diese immer mehr zurückwichen. Aus dem Berichte des Kaufmanns Soleiman in der Mitte des 9. Jahrhunderts lernen wir den Seeweg bis Chanfu (Hang-tschou-fu) in China kennen. Die gewöhnliche Route nahm von dem Hafen Siraf in Farsistan (etwa unter 70° ö. v. Ferro) ihren Anfang, berührte jenseits der Ormuzstraße Maskat, erreichte in grader Fahrt nach der Malabarküste den Hafenplatz Kollam (Quilon), etwa 9° N., und steuerte von hier um Ceylon herum direct nach Malaka und weiter nach China. Wenig Jahre später gab Abul Kasim Ibn Kordadbeh, der Postmeister des Chalifen Motamid, dieselbe Handelslinie bereits nach Stationen und Entfernungen an, ein Zeichen, daß dieser Weg stark frequentirt wurde. Jenseit Chinas hört die Kenntniß auf, nur die Berge von Korea (Sila) steigen noch in unsicheren Umrissen empor.

Aber wie die Chinesen aus dem Westen, wurden die Araber noch im 9. Jahrhundert aus dem Osten, aus China wieder verdrängt und zogen sich nach der Halbinsel Malaka zurück, wo sich als Hauptstapelplatz für die Gewürze, Kampfer, feine Hölzer und Zinn von den Sundainseln der Ort Kalah erhob. Von hier aus drangen die arabischen Schiffe bis Java und weiter sogar bis zur Heimat der Gewürze, bis zu den Molukken vor. Die Beziehungen zu China blieben aber nicht für die Dauer unterbrochen; im 10. Jahrhundert besuchte einer der bedeutendsten arabischen Reisenden, Masudi von Ceylon aus wieder die chinesischen Häfen. China schildert er als ein entzückendes Land mit üppiger Vegetation und von unzähligen Canälen durchschnitten. Aber Palmen trifft man dort nicht. Die Einwohner dieses Reiches übertreffen alle andern Geschöpfe Gottes an Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit. — Daß der Seeverkehr fortdauerte, läßt sich auch daraus schließen, daß um 1137 ein reicher Kaufmann aus dem persischen Hafen Siraf das Heiligthum in Mekka mit prächtigen Seidenstoffen schmücken ließ,[5] und daß noch im 13. Jahrhundert Ibn Batuta, der größte arabische Reisende, nach China gelangte.

Der innerasiatische Handel wurde nicht gestört, weil die Araber bei ihren Siegeszügen mit den Chinesen nicht in Kriege verwickelt wurden. Als etwa ums Jahr Tausend n. Chr. die ersten Türkenstämme sich zum Islam bekehrten und selbständige Sultanate gründeten, welche erobernd auch in Indien eindrangen, schoben sie sich zwischen die arabische und chinesische Macht als Mittelglied ein.

Alle diese Verhältnisse wickelten sich aber im Oriente ab, ohne directen Einfluß fürs Abendland zu gewinnen, ohne dem Westen unmittelbaren Vortheil zu gewähren. Die lange Zeit erlahmt gewesenen Beziehungen nahmen aber durch die Kreuzzüge einen unerwarteten Aufschwung. Indem die Christen die syrischen Küsten besetzten und die italienischen Handelsstädte aus den Erfolgen der Kreuzheere möglichsten Gewinn zogen, wurde der Waarenzug nach den Ostländern ungemein belebt, wenn auch ein persönliches Eindringen der Kaufleute in das Innere der islamitischen Länder nicht statt hatte. Um dies zu ermöglichen, bedurfte es eines ganz neuen, nicht durch religiösen Fanatismus aufgeregten Factors, der vom Hochlandskerne Asiens her dem Westen zu friedlichem Verkehre willig die Hand reichte. Das waren die Mongolen, deren Einfluß aber am Anfange einer neuen Epoche steht und zu eng mit der folgenden Zeit verbunden ist, so daß wir sie erst im zweiten Buche eingehender behandeln können.

Von dem arabischen Wissen bezüglich der Erdkunde kam dem Abendlande wenig oder gar nichts zu gute; die Kenntnisse von der östlichen Welt blieben unsicher, bis neue christliche Berichterstatter als Augenzeugen wieder von jenen Gebieten erzählen konnten.

Ebenso wenig erfuhr man in Europa von den Fortschritten, welche die Araber an der Ostküste Afrikas, südlich vom „dritten Indien“ machten. Während Ptolemäus in alter Zeit, sicher durch arabische Vermittelung, seine Kunde von den Nilseen und den sogenannten Mondbergen erhalten hatte, verlor man, seit Alexandrien in die Hand des Islam gefallen war, die Beziehungen zum Ostrande des Afrika-Continents, wo arabische Händler bis zum Goldlande Sofala gelangten, aber die Südspitze Afrikas nicht erreichten, weil das produktenarme Land die Gewinnlust nicht reizen konnte. Kostbare Erzeugnisse lockten allein in so entlegene Regionen und trugen allein zu ihrem Bekanntwerden bei.

Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig.

G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin.

Aus der Ausgabe des Ptolemaeus, Strassburg 1513.


GRÖSSERE BILDANSICHT

Zweites Capitel.
Die Abendseite der alten Welt.

Inhaltsverzeichnis

Wir haben gesehen, wie weit hinaus die Morgenseite der Erde aufgesucht wurde. Man gelangte zur See und zu Lande durch unermeßliche Räume bis zum Ostrande der Landveste; aber in der weiten Entfernung vom Kulturgestade des Mittelmeerbeckens verschwammen die scharfen Contouren immer mehr. Seide und Gewürze waren die Lockmittel langwieriger, beschwerlicher Reisen.

Die Abendseite bot ein beschränkteres Feld, da vom Ausgange des Mittelmeeres die Ufersäume sich bald sowohl rechts als links bei der Ausfahrt in den Ocean in nördlicher und südlicher Richtung weiter erstreckten. Die afrikanische Westseite bot mit ihrer zunehmenden Oede nur sehr geringen Anlaß, an dem schmachtenden, menschenleeren Strande weiter vorzudringen. Wichtiger wurde frühzeitig die oceanische Seite Europas durch das geschätzte Zinn und den räthselhaften Bernstein. Die Aufhellung der Küsten unseres Continents ist diesen Handelswaaren zu danken.

Die kühnen phönizischen Seefahrer monopolisirten anfänglich die Weststraße. Von den spanischen Silbergruben drangen sie durch die Säulen des Herkules ins Weltmeer. Nur beiläufig gedenken wir der von Herodot, aber nicht ohne eignen Vorbehalt, mitgetheilten Entdeckungsreise, welche im Auftrage Nechos um 600 vor Chr. von phönizischen Schiffern rings um Afrika ausgeführt wurde. Wenn diese große nautische That wirklich geschehen ist, hat sie doch keinerlei nachhaltige Resultate erzielt oder in irgend einer Weise das erdkundliche Wissen befördert; denn sie ist spurlos vorübergegangen. Wichtiger jedoch war die Fahrt des Flottenführers Hanno, der von Carthago, in einer nicht sicher zu bestimmenden Zeit, mit einem Geschwader von 60 Schiffen und angeblich 30,000 Colonisten durch die Meerenge segelte, um an der atlantischen Seite Afrikas Colonien anzulegen und nach Vollendung dieser Aufgabe einen Entdeckungszug gegen Süden zu unternehmen. Unzweifelhaft gelangte Hanno an der Mündung großer Ströme (Senegal und Gambia) vorüber bis dahin, wo sich über dem tropischen, von echten Negern bewohnten Flachlande bedeutende Berggipfel erhoben, deren einen er als den Götterwagen bezeichnete. Der Bericht über diese sehr merkwürdige Reise hat sich in griechischer Uebersetzung erhalten, leider die einzige größere nach Süden gerichtete Unternehmung der Carthager, von welcher wir Kunde erhalten. Das punische Monopol in diesen oceanischen Räumen wurde erst mit dem Fall Carthagos gebrochen; zwar drang auch Euthymenes, ein Landsmann des Pytheas, bis zum Senegal (Chremetes) vor, aber die Römer haben, wenn auch Polybios in Begleitung Scipios die mauretanischen Küsten besuchte, doch den Wüstensaum der Sahara nicht überschritten und blieben weit hinter den Erfolgen Hannos zurück. Daß auch die Canarischen Inseln von den Phöniziern aufgefunden sind, läßt sich aus ihrem ursprünglichen Namen, die Inseln des Malkart oder Makar beweisen, ein Name, der bei den Griechen ursprünglich in der Form Μακάρων νῆσοι auftritt, woraus zunächst μακάριαι νῆσοι und lat. Insulae fortunatae wurde, so daß dieselben dann als die glückseligen Inseln gepriesen wurden. Die Gewinnung des Seepurpur (Purpurschnecke) machte diese Inseln den tyrischen Färbern besonders werth.[6]

Wichtiger und häufiger besucht wurde die Nordseite des oceanischen Weges jenseit der gaditanischen Meerenge. Auch nach dieser Richtung waren die Phönizier zuerst vorgedrungen, auch hier ist uns die Ueberlieferung einer großen Fahrt, vielleicht mit der von Plinius erwähnten Expedition des Himilco identisch, überliefert, die in mehrfachen Ueberarbeitungen und Uebersetzungen uns in der Küstenbeschreibung des spätlateinischen Avienus aus dem 4. Jahrh. n. Chr. erhalten ist. Wir lernen daraus die iberischen und gallischen Küsten bis zu den Zinninseln kennen.[7] Da bereits, und sicher nur aus punischen Quellen, Herodot die Fundstätte des Zinn erwähnt, ohne ihre Lage zu kennen, denn er zweifelt an der Existenz von Zinninseln (III. 115), so muß jene Fahrt schon längere Zeit vor Herodot gemacht sein. Der Vater der Geschichte nennt aber zu gleicher Zeit auch den Bernstein, was uns als Beweis gelten kann, daß zu seiner Zeit die Phönizier auch in die Nordsee eingedrungen waren. Britannien und Germanien, die Heimatsstätten von Zinn und Bernstein, waren für ihn die äußersten Länder. Darüber hinaus ist auch die Schifffahrt weder der Phönizier noch der Griechen gedrungen, und wie das äußerste Land im Osten nach seinem wichtigsten Erzeugniß das Seidenland hieß, so gab’s im äußersten Nordwesten Zinninseln und Bernsteinküsten. Der Zinnhandel scheint sich in älterer Zeit auf der Insel Wight concentrirt zu haben. Die granitenen Scilly-Inseln sind nur aus Unkenntniß der Berichterstatter zu der Ehre gekommen, als die Cassiteriden, d. h. Zinninseln angesehen zu werden. Einen sehr bedeutenden Fortschritt in der Erkenntniß führt die Reise des Pytheas[8] von Massilia herbei, welche in das letzte Drittel des 4. Jahrhunderts v. Chr. zu setzen ist.

Pytheas reiste als Kaufmann und Gelehrter; es war eine Entdeckungsreise von hervorragender Bedeutung, welche zu derselben Zeit, als Alexander der Große bis Indien vordrang, den Griechen die ersten zuverlässigen Nachrichten über den äußersten Nordwesten der Erde brachten. Pytheas hat Großbritannien und Irland umsegelt und gelangte nordwärts bis zu den Hebriden, der später so oft genannten und in der Sage vielfach vorkommenden ultima Thule. Die Ursachen der Ebbe und Flut und den Zusammenhang der Gezeiten mit der Stellung des Mondes hat er zuerst erkannt. Er allein hat im hohen Norden astronomische Breitenbestimmungen ausgeführt. Das Ziel, das er sich im Norden setzte, den Polarkreis, hat er zwar nicht erreicht; aber trotzdem hat er zu der Lösung des Problems, die Größe der Erde zu bestimmen, beigetragen. Seine astronomischen Leistungen wurden von den Fachgenossen Eratosthenes und Hipparch in vollem Maße gewürdigt, aber von Strabo und Plinius, welche die meisten, aber leider entstellte Nachrichten von ihm übermittelt haben, nicht verstanden. Pytheas berührt auch die Bernsteinküste an dem deutschen Nordseestrande, aber die Ostsee war zu seiner Zeit noch völlig unbekannt. Kein Grieche hatte eine Ahnung von der Existenz des baltischen Meeres. Erst mit dem Vordringen der Römer nach Deutschland erhalten wir Kunde von jenem größeren Binnenmeere, und durch Plinius, der zuerst die Fundstätte des samländischen Bernsteins nennt, wird auch ein Theil des Gegengestades, der großen scandinavischen Halbinsel, als Insel unter dem Namen Scandinavia (= Insel Skåne) bekannt. Ihren continentalen Zusammenhang im Norden lernte das Alterthum nicht kennen; weder Ptolemäus, noch Procopius von Cäsarea wissen es, selbst noch der im 6. Jahrh. n. Chr. lebende gothische Historiker Jordanus spricht von der Insel Scandza. Und doch hatte Procopius durch sorgfältige Erkundigungen bei den aus dem Norden stammenden Herulern erfahren, daß in jener großen Insel Scandinavia, die er für Thule hielt, im höchsten Norden 40 Tage lang die Sonne im Sommer nicht untergehe und ebenso lange im Winter nicht zum Vorschein komme; auch kannte er die auf Schneeschuhen fahrenden Schrittfinnen. Seine Ermittlungen reichten also weit über das Nordende des bottnischen Meeres und über den Polarkreis hinaus; aber der Landzusammenhang mit dem nördlichen Europa blieb im Dunkeln und wurde erst durch die Fahrten der Normannen aufgeklärt.

Facsimile von der angelsächsischen Handschrift König Alfred d. Gr. von Ohtheres Reise. 9. Jahrh. (Cottonian Bibliothek des British Museum zu London)[9]

Das Nordende Europas umsegelte im 9. Jahrhundert zuerst ein normannischer Edelmann Ohthere[10]