Jakob Christoph Heer

Ferien an der Adria: Bilder aus Süd-Österreich

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2022
goodpress@okpublishing.info
EAN 4064066113254

Inhaltsverzeichnis


Vorwort zur dritten Auflage
Inhaltsübersicht
Im Friaul.
Österreichisch Nizza.
Aquileja.
Die Lagune von Grado.
Im Frühling von Miramare.
Triest.
Die Küste von Istrien.
Im Kriegshafen von Österreich-Ungarn.
Der Karst und die Grotte von Adelsberg.

von

J. C. Heer

4.–8. Tausend


Frauenfeld und Leipzig 1918
Verlag von Huber & Co.


Den Einband zeichnete Otto Baumberger, Zürich

Druck von Huber & Co. in Frauenfeld


Vorwort zur dritten Auflage

Inhaltsverzeichnis

1887–1917. Dreißig Jahre sind es her, seit ich als junger Mann die »Ferien an der Adria«, mein erstes Buch schrieb. Dem Werklein war ein stiller Lebenslauf beschieden; denn die Landschaften, von denen es handelt, lagen nicht an den großen Straßen der Welt, etwa Triest ausgenommen. Zwanzig Jahre waren notwendig, daß sich die erste Auflage erledigte, und als ich 1907 die zweite zeichnete, war ich überzeugt, daß es zugleich die letzte sein und das Werklein der Jugend in den Schoß milder Vergessenheit fallen würde. Das wäre der natürliche Verlauf eines Buchschicksals gewesen, das nie auf große Wirksamkeit angelegt war.

Nun haben es die Zeiten anders entschieden, und furchtbar schwere Träume, die schon in den achtziger Jahren über den schweigenden Fluren des Friauls lagen, haben sich erfüllt, das nur halblaute Flüsterwort der Bevölkerung: »Um unsere Dörfer und Städte, um unsere Felder und unser Meer wird zwischen Italien und Oesterreich noch einmal ein entsetzlicher Krieg geführt werden.« Wie ein Alpdruck lag schon damals die Furcht davor über jedermann.

Nun haben sich die alten bösen Ahnungen erfüllt, und schauderhaft ist der Krieg während drei Jahren über das blaue Band des Isonzo hin und her gestampft, Ebene wie Berge jener Gegenden haben unermeßlich das Blut der kämpfenden Hunderttausende getrunken. Wo ist die Lieblichkeit von Görz, der Friede der Lagunen, der düsterschwere Schönheitstraum von Duino? So weit die Berichte zu uns in die Schweiz dringen, überall nur Trümmer.

Wir Schriftsteller haben wahrlich keinen Anlaß, dem Krieg ein Loblied zu singen. Nicht einmal wir Neutralen. Inter bellum musae silent. Wie viele schöne Arbeitsstunden blieben unter dem Druck des großen Völkerkrieges unfruchtbar; wie manche Werke müssen ungedruckt im Pult liegen! Die furchtbaren Ereignisse aber, die sich im Friaul abspielten, haben da und dort noch einmal die Neugier derer, die dem italienisch-österreichischen Krieg mit Spannung folgen, auf meine halbvergessenen Schilderungen »Ferien an der Adria« gelenkt. So können sie im Gegensatz zu manchem Buch, dem der Krieg den Lebenslauf bedenklich schmälert, noch einmal in neuer Auflage erscheinen, was mich für meinen Erstling immerhin erfreut.

Ein Geständnis aber an die Leser. Das Buch erscheint genau, wie es vor dreißig Jahren geschrieben worden ist, obgleich auch im Küstenland die Zeit nicht ohne Entwicklung vorübergegangen ist; namentlich hat sich ja inzwischen Triest wundervoll entfaltet und verdiente ein neues Kapitel der Schilderung. Es fehlen mir aber für dieses die Unterlagen eines neuern Besuches an der Adria, und jetzt im Krieg läßt sich ein solcher doch nicht leicht nachholen. Von Triest aber abgesehen dürften die Schilderungen im wesentlichen noch stimmen, das Landschaftliche voran. Dazu trage ich ein weiteres Bedenken gegen eine Umarbeitung des Werkleins. Wenn es auch keine hohen literarischen Ansprüche erhebt, so ist es doch aus empfänglichster jugendlicher Wanderstimmung geschrieben, die ich nach so viel Jahren nicht mit dem Stil des Alternden durchbrechen mag; mir ist, ein Jugendwerk ehrt man am besten, indem man es bestehen läßt, wie es ist. Damit mögen sich auch die Leser zufrieden geben.

Die neue Auflage aber kann ich nicht einleiten, ohne dem Volk der darin geschilderten Gegenden mein herzliches Mitleid auszusprechen mit den furchtbaren Erlebnissen, die es selber erfahren hat oder deren Zeuge es gewesen ist. Möge dies- und jenseits des blauen Isonzo nach dem Schrecken der Schlachten bald wieder die gesegnete Stille einkehren, in der das Leben des Volkes am besten gedeiht, mögen die Wunden harschen, die Dörfer und Städte in neuer Blüte auferstehen und die Wellen der Adria wieder ein Land küssen, das sich nach Jahren tiefster Prüfung des süßen Friedens erfreut. Friede den Völkern – das ist mir mehr Herzenssache, als daß dieses Büchlein aus Kriegsgründen noch einmal flüchtige Tagesbedeutung gewinnt.

Weihnacht 1917.

J. C. Heer.


Inhaltsübersicht

Inhaltsverzeichnis
Seite
Im Friaul 1
Venedig. – Abendfahrt. – Monfalcone. – Meer und Tiefland. – Ein Garten. – Die Piazza grande. – Der Markt. – Leben und Lieben. – Nord und Süd. – Ein Original. – Sein Hausregiment. – Der Maler. – Die Volksschule. – Am Hafen. – Die Fischer. – Ein Strandgebiet. – Die Malaria. – Die Campagnen. – Der Isonzo. – Die bäuerliche Wirtschaft. – Furlanische Dörfer. – Italiener und Slovenen. – Die Karstlandschaft. – Eine Taubenhöhle. – Verlorene Wasser.
Österreichisch Nizza 27
Eine Wagenfahrt. – Görz. – Völker und Sprachen. – Ein mittelalterliches Idyll. – Industrie. – Die Villen. – Der Kurort. – Ein Ausflug. – Der Monte Santo. – Wallfahrer. – Lienhard und Gertrud. – Aussicht. – Bohnen in den Schuhen. – Am Isonzo. – In der Ebene. – Gradiska. – Ein Plan.
Aquileja 45
Die Gründung. – Die Blüte. – Leben und Treiben. – Der Untergang. – Alte Lebensfasern. – Fundgegenstände. – Ein Stall. – Das moderne Aquileja. – Rückblick. – Die ungetreuen Frauen. – Die Erbin. – Eine Auferstehung. – Der Pozzo d'oro. – Ein Wirrsal. – Signore Moschettini. – Das Museum. – Skulpturen. – Grabsteine. – Anticaglien. – Neujahrslampen. – Ziegelinschriften. – Der Campanile. – Die Patriarchen. – Der Dom. – Die Krypta. – Ein urchristliches Taufbecken. – Die Aussicht.
Lagune von Grado 73
Die Düne. – Ebbe und Flut. – Lagunenfahrt. – Säkuläre Senkungen. – Schöne Pläne. – Gradonesische Fischer. – Indolenz. – Ein Asyl. – Das Städtchen Grado. – Badeleben. – Inselgrün. – Die steigende Flut. – Südliche Nacht.
Im Frühling von Miramare 87
Ein Badeort im Sumpfe. – Der kürzeste Strom Europas. – Naturrätsel. – »Es stand in alten Zeiten …« – Duino. – Meerbilder. – Die Dolinen. – Slavische Dörfer. – An der Küste. – Die Gärten von Miramare. – Erzherzog Max. – Das Trauerspiel von Mexiko. – Der Kaiser. – Charlotte von Belgien. – Das Ende. – Ein Gang durchs Schloß. – Auf der Balustrade. – Ave Maria.
Triest 106
An den Quais. – Der Hafen. – Der Leuchtturm. – Ausblick. – Schiffer und Arbeiter. – Der Fischmarkt. – Meerspinnen und Muscheln. – Die Stadt. – Denkmäler. – Die Einwohnerschaft. – Gegensätze. – Antikes. – Winckelmann. – Beim Antiquar. – Das Arsenal. – Der Schiffsbau. – Seeleute. – Ein Maschinist.
Die Küste von Istrien 125
Meerfahrt. – Capo d'Istria. – Pirano. – Das Volksleben. – Schöne Frauen. – Die Salzgärten. – Die Punta Salvore. – Spielende Delphine. – Der Name Istrien. – Der kleine Antiquar. – Parenzo. – Eine Schweiz im Wasser. – Felsen und Riffe. – Rovigno. – Schiffersagen. – Die Bucht von Pola.
Im Kriegshafen von Österreich-Ungarn 143
Das Seearsenal. – Schiffsmodelle. – Trophäen und Standarten. – Die Magazine. – Die Riesen des Alpenwaldes. – Werften und Docks. – Das Stadtbild von Pola. – Chidher, der ewig junge. – Römische Denkmäler. – Die Arena. – Eine Überraschung. – Arme Leutchen. – Im Mondschein. – Aus der Schenke. – Ein Nachtspaziergang. – Sonnenaufgang. – La poveretta. – Der Scirocco. – Mal di mare.
Der Karst und die Grotte von Adelsberg 163
Osterfahrt. – Die Karstgewässer. – Äcker und Weiden. – Die Bora. – Der Wald. – Aufforstungen. – Adelsberg. – Am Grottentor. – Die Grotte. – Der große Dom. – Der Höhlenfluß. – Die Geschichte der Grotte. – Die Tropfsteinbildungen. – Der Tartarus. – Geheimnisvolle Bildwerke. – Festliches Leben. – Unerforschte Gänge. – Zum Kalvarienberg. – An die Sonne.


Im Friaul.

Inhaltsverzeichnis

Als der Schnee schon in die Berge zurückgewichen war, Lenzsonnenschein auf den Höhen, junge Wanderlust im Herzen lag, da brachte mir eine Briefschwalbe aus dem Süden unerwartete Botschaft: eine herzliche Einladung meines Onkel – Direktor Johannes Heers in Monfalcone – zu einem längeren Aufenthalte am Golfe von Triest.

Ich las das freundliche Schreiben und jenes stille Heimweh nach dem sonnigen Süden, das Goethe mit seinen Mignon-Liedern uns Nordlandssöhnen nun einmal in die Brust gedichtet hat, brach durch; die schöne Süderde stand verführerisch vor meiner Seele: »Du hast Ferien, Junge, du hast etwas Kleingeld, du hast vor Jahren eine italienische Schulgrammatik durchgearbeitet, es fehlt dir nicht an Wandermut, geh und sieh dir den Garten unter den südlichen Alpenkämmen, die lombardischen Städte, die Meerkönigin, das wundersame Venedig, an und halte dann Wanderrast in Monfalcone, der kleinen Stadt am Golfrund von Triest.«

Vierzehn Tage später flog ich durch den Gotthardtunnel. In Lugano und auf seinem herrlichen See bot ich im Geist Willkomm dem Lande ewigen Lenzes und sonniger Kunst, dem Land dunkler Weine und dunkler Frauen; in Lecco, wo die »Promessi sposi« in Liebesträumen gewandelt, fing ich an zu wandern die Kreuz und die Quer; in Verona ließ ich mir den Palast der Capulet und hinter einem Krautgarten das legendäre Grabmal Juliens zeigen, und vierzehn Tage nach meiner Abreise stand ich auf dem Markusplatz zu Venedig.

»La mia bella Venezia!« Es war am dritten Tag meines dortigen Aufenthaltes, das schöne Venedig hatte mich gewaltig reisemüde gemacht, und ein feiner, trostloser Regen rieselte in die Lagune; da war mir die märchenschöne Stadt in tiefster Seele verleidet. Wenn man sie im Glanz des vollen Mondes gesehen hat, gibt's nichts Traurigeres, als Venedig bei Regenwetter; es ist dann wirklich nichts mehr als die Totenstadt der erschlagenen Republik.

Ich atmete auf, als der Nachmittagszug Venedig-Triest die lange Brücke gegen Mestre hinüberdonnerte; ich hatte sogar nicht viel dagegen, daß in Treviso eine italienische Arbeiterkolonie, die hinaus nach Graz oder Wien wollte, lärmend und singend den Rest der Plätze besetzte und mich mit ihren Reisesäcken einpferchte. Der Regen floß in Strömen auf die im ersten, zarten Laubkleid prangende Tiefebene des östlichen Venetiens.

Als wir ein paar Stunden gefahren, hielt der Zug plötzlich im freien Feld still; der Lärm der Italiener wurde noch größer; so viele Köpfe als unter den Wagenfenstern Platz hatten, reckten sich in den Regen hinaus. »Addio, carissima patria, addio, addio!« schrien die braunen Männer, schwenkten ihre roten Sacktücher, und ein blutjunger Bursche, der zum erstenmal von Vater und Mutter gegangen, zerdrückte eine Träne im Auge.

Wir standen auf der Brücke des Judrio, auf der diesseitigen Grenztafel war das italienische Kreuz, auf der jenseitigen der österreichische Doppeladler.

Eine Minute Halt, als Reverenz gegen die habsburgische Monarchie – die Lokomotive schrillte, und ein Weilchen später waren wir in Cormons. Wagenwechsel – Gepäckrevision – dann sank melancholisch die Nacht herein; die Italiener wurden stiller und stiller; der Zug brauste die öden Hügellehnen, welche die julischen Alpen als Brustwehr gegen die Tiefebene hinausstellen, entlang und donnerte über die Isonzobrücke, während bergeinwärts ein Lichtfunkeln im Tal die Lage der Stadt Görz verriet.

Der Schaffner schrie sein schnarrendes »Gorizia« – dann »Rubbia-Savogna – Zagrado – Ronchi« und endlich – meine Ungeduld war aufs höchste gestiegen – »Monfalcone«!

Als ich ausstieg, schloß mich ein hochgewachsener Mann mit einem großen schwarzen Bart in seine Arme. Das war mein Onkel, und die vier Kinder, die sich an mich drängten, sein blühender Nachwuchs.

Das Direktionshaus der erst vor wenigen Jahren gegründeten großen Baumwollspinnerei im Osten des Städtchens war mir nun während drei Monaten freundliches Asyl, wo ich herzliche Gastfreundschaft genoß.

Ich war frei und von jeher kein Stubenmensch; ich suchte von Land und Volk so viel zu erfassen, als in der kurzen Frist möglich war. Hier die Eindrücke, mit denen mich das sonnige Meer, das üppige Tiefland, die grottendurchwühlten Berge, das italienische Volksleben, die mehr als zweitausendjährige Geschichte des österreichischen Südens gefesselt haben.


»Du kleine Stadt, du weites Land, du blinkendes Meer, grüß euch Gott. Hier ist gute Wanderrast!«

Als ich's rief – oder vielmehr war's nur ein halblauter Gedanke – stand ich auf einem jener steinigen Hügelrücken, welche vom innersten Winkel der Adria bis nach Görz und noch ein Stück weiter die nordadriatische Tiefebene begleiten. Ein klarer, wundervoller Morgen, wie ich während meines Aufenthaltes im Küstenland noch manchen, aber keinen schönern erlebt, lag über der regennassen Erde, die im Sonnenschein lächelte, wie ein Kind, dem noch die Tränen an den Wangen perlen.

Mir zu Füßen lag, von West nach Ost, die kleine Stadt, und von dem großen, viereckigen Platz in ihrer Mitte tönte der Lärm des südlichen Marktes; allein nicht Stadt, nicht Markt fesselten mich; mein erster Blick war gebannt von jenem lieblichen Stück des »alten, heil'gen, ew'gen Meers«, welches bis gegen das Städtchen hin vordringt.

Das ist der Golf von Monfalcone, der innerste Busen der Adria. An seiner felsenstarrenden Ostküste stehen die herrlichen Schlösser Duino und Miramare, weiter nach Süden, wo sich der Golf zur offenen See ausweitet, schimmert Triest an grünen Uferhügeln, und die dunkeln Küsten Istriens grüßen mit ihren blinkenden Hafenpunkten meerherüber.

Dem Zauber des Meeres entzieht sich kein Sohn des Binnenlandes; denn es liegt etwas unendlich Träumerisches, Auflösendes im Anblick seiner ruhsamen, azurenen Flut, und immer wieder kehrt der Blick zu seinem sonnigverklärten Blau zurück.

Allein kaum weniger mächtig reizte mich gebirgsgewohnten Mann die Ausschau auf die im Süden und Südosten sich unübersehbar dehnende, von keiner Erdwelle durchsetzte Ebene des untern Friauls, aus deren frühlingszartem Grün, wohin ich blickte, graziöse Kirchtürme gegen den tiefblauen Südhimmel aufstiegen. Am Horizonte dämmerte, zugleich Grabmonument einer der größten Römerstädte und weithin sichtbares Wahrzeichen des Friauls, der Campanile von Aquileja, der acht Jahrhunderte kommen und gehen sah.

Meer und Tiefland sind schön durch ihre ahnungsvolle, träumerische Einförmigkeit; doch ebenso schön sind die Berge. In den wilden Häuptern der Alpen ist nichts Gleichartiges, da liegt in jeder Falte, in jeder Linie ein origineller Gedanke, wie ihn die geniale Natur gefaßt und zu Stein verhärtet hat.

Die julischen Alpen sind zwar keine Schweizerberge, dafür fehlen ihnen die ewigen Firnen und die donnernden Gletscher, doch tragen sie bis weit in den Sommer hinein den Hermelin des Winters; sie stehen über den Hügeln des Karsts und den Fichtenwäldern des Tarnovanerwalds als achtungfordernde Pioniere nordischer Herrlichkeit und sind ein Schmuck der nördlichen Adria, gegen welchen die Südgestade dieses Meeres nichts zu vergleichen haben.

Auf der höchsten Erhebung des Karstrückens, den ich erklommen, steht eine Ruine, ein runder Turm auf einem breitern, runden Grundbau. Das ist die Rocca von Monfalcone, die älteste Burg des Küstenlandes. Die Geschichte kennt nicht Ursprung, nicht Schicksal; die dichtende Sage aber verknüpft ihren Namen mit demjenigen Theodorichs, des Ostgotenkönigs. Ich kletterte über die äußere Mauerbrüstung und durchstöberte das einzige Gelaß der Burg; allein im Halbdunkel war außer vielem Schutt und einigen morschen Knochen nichts zu entdecken.

Das war mein erster Spaziergang in Monfalcone, und nachmals bin ich noch oft auf die Höhe gewandert, um auszuschauen in die sonnigen Weiten; doch mein Lieblingsplätzchen wurde ein in der Nähe unseres Wohnhauses an den Hügel sich lehnender Garten, der früher einem Grafen Asquini gehörte, jetzt aber vernachlässigt ist. Da blühen ungehegt und ungepflegt Mandel- und Olivenbaum; Weinreben und Rosen ranken sich um die Stämme breitschirmiger Pinien, und im ungehindert wuchernden Grün stehen feierliche Zypressen. Mitten in die Romantik dieser Wildnis, in ein blühendes Lorbeerwäldchen, ließ ich mir ein Tischchen setzen. Da las ich in den Morgenstunden meinen Goethe, und er liest sich noch einmal so schön in dem ihm geistig heimischen Land.

Manch eine Frucht seiner tiefen, geläuterten Lebensanschauung, um die ich im Norden vergebens rang, senkte sich unter dem grünen Laubdach leicht und zwangslos in die Seele.

Dann wanderte ich hinunter in die Stadt, von der ich gerne viel Schönes und Interessantes schreiben würde; doch ist Monfalcone nicht anders als irgend eine italienische Kleinstadt der Lombardei oder der Toskana. Vor mancher andern zeichnet sie sich durch eine gewisse Reinlichkeit vorteilhaft aus, obwohl sich noch italienischer Absonderlichkeiten genug vor den Blick des Fremden drängen.

Die alten römischen Städte hatten ihr Forum, die neuen italienischen, auch die kleinsten, wollen nicht ohne ihre »Piazza grande« sein. Auf derjenigen von Monfalcone steht, vielleicht in Nachahmung der drei Mastbäume auf dem Markusplatz zu Venedig, eine hohe Stange mit dem Wappentier der Stadt, dem Falken, auf der Spitze.

Es erinnert daran, daß die Burg, jene verwitterte Rocca, im Mittelalter, als von der Longobardenzeit her noch ein deutscher Adel über die Gegend herrschte, die »Falkenburg« hieß. Ihren ins Italienische übersetzten Namen hat dann mit dem Emporkommen italienischer Volkselemente das Städtchen selber angenommen, während sein ursprünglicher deutscher – Neuenmarkt – in Vergessenheit geriet.

Einige Gebäude unter dem Häuserviereck, welches die Piazza grande umschließt, sehen recht gedeihlich aus. Der schönste Schmuck des Platzes indes ist das in schlichtem Tempelstil gehaltene Stadthaus mit einem daran stoßenden kleinen Park.

Das Kasino im Erdgeschoß des Gebäudes und die Vortreppe desselben bilden den Sammelort der vornehmen Welt von Monfalcone, doch beschränkt sich diese auf einige reiche Grundbesitzer, einige Rittmeister außer Diensten, einige Handelsleute und ein paar kleine Rentiers.

Auf der Piazza entfaltete sich in den Morgenstunden ein lebhafter Markt, besonders stellen sich die Karstbauern mit ihren Fuhren von Wurzelwerk und Staudenholz ein; denn der Holzbedarf einer furlanischen Städterfamilie wird entweder täglich oder wöchentlich, selten aber durch große Einkäufe gedeckt. Der Mangel an diesem so unentbehrlichen Feuerungsmaterial ist fühlbar, die Qualität des Holzes sehr gering, da es fast ausnahmslos aus zehn- oder zwanzigjährigem Niederwald stammt. Längs des Stadthausparkes sind die Stände des Fischmarktes; doch kommen in Monfalcone selber nur die geringsten Sorten der Seeflosser, am häufigsten der Tintenfisch und der Aal, zum Verkauf; die schmackhafteren wandern fast alle auf binnenländische Märkte, besonders nach Wien.

Östlich von der Piazza liegt der Kern des Städtchens, ein Viereck älterer Gebäude. Aus der Mitte steigt der Campanile der Parochialkirche, ein zierlicher Bau, dessen achteckiger Helm von acht Säulen getragen wird. Vier schöne Glocken schimmern zwischen denselben durch.

Ich war entzückt, als ich das reine volle Geläute zum erstenmal hörte, allein es hat den Fehler eines Plauderers: man hört es zu viel; es ist keine Stunde in der Morgenfrühe, keine im Tag und keine am Spätabend, wo nicht Glockenklänge über das Städtchen hallen. Dazu hat der Italiener eine bewundernswerte Virtuosität, Mannigfaltigkeit in die Tonregister des Geläutes zu bringen, eine Virtuosität, die in abgebrochenen kurzen Klängen und in wimmerndem Gebimmel das Höchste leistet.

Nur in der Charwoche, wenn die katholische Christenheit auch den Bilderschmuck ihrer Kirchen mit Tüchern verhängt, blieben, ein hübsches Sinnbild der Trauer, die Glocken stumm. Selbst der Stundenschlag hörte auf; aber an seine Stelle trat das weithin tönende Geklapper einer im Glockenhaus aufgestellten Maschine, das von der mit Handklappern durch das Städtchen schwärmenden Jugend verstärkt wurde.

Am Ostende des die Kirche umschließenden Quartiers ist eine schöne Kastanienallee, die von der Zeit an, wo sie in der Pracht ihrer rötlichen Blütenkandelaber steht, bis in die letzten Tage des Herbstes, wo der Borasturm sie entblättert, den Lieblingsaufenthalt der Monfalconeser bildet.

Hier oder im Park des Stadthauses hat der Fremde am ehesten Gelegenheit, das Leben und Lieben dieses Völkleins zu beobachten, und nie mehr als an einem Sonntagnachmittag, wenn leichte, lose Musik die Jugend zum Tanz unter die Baumkronen lockt, denn kein Bursche, kein Mädchen widersteht den Klängen.

Wenn sich das italienische Barfüßele des Werktages sonntäglich schmückt, wenn es Haar und Büste mit Knospen und Blüten ziert, wenn es, das Köpfchen an die braune Brust des Burschen geschmiegt, wild und wilder durch die Reihen fliegt, die schwarzen Augen glühen, die Wangen gerötet sind, die Leidenschaft durch alle Bewegungen und Züge rinnt, dann liegt wirklich etwas exzentrisch Schönes in diesen südlichen Gestalten.

Da kann man allerdings ein keckeres Kosen sehen als draußen im kühlen Nord, und manch ein braunes, glutäugiges Kind, das im Begriffe steht, eine Jungfrau zu werden, reift hier unter den sengenden Blicken seines Burschen rascher aus, als ihm vielleicht gut ist. Der Süden, der der Natur einen so kurzen Lenz zumißt, er gönnt auch dem Menschenkind keinen langen Lebensmai, und wenn das nordische Mädchen in seiner schönsten Blüte steht, ist diejenige des südlichen schon dahin.

Auf der Nordseite der viereckigen Häuseranlage zieht sich die Straße, die von Triest nach Venedig führt, durch das Städtchen.

Denke ich an diese Gasse, dann kommt mir die Erinnerung an einen liebenswürdigen und originellen Menschen, an den Signore Battistic. Ich habe in seinem Atelier zu manche Stunde verplaudert, als daß ich den würdigen Postwirt von Monfalcone totschweigen wollte.

Er ist der berühmteste unter den Bewohnern des Orts, und sein Gasthof hat einen Ruf, der genau soweit reicht wie derjenige seines Städtchens. Nennt man einem Triestiner Monfalcone, so denkt er sicherlich nicht an die Stadt, er denkt an die Küche des Herrn Battistic, an die Schnepfen, an die Branzins, an die Austern, an die Spargeln, die man nirgends so gut bekommt, wie auf der Post zu Monfalcone.

Ich habe zwar mehr die andern guten Eigenschaften des Herrn Battistic als diejenigen des Hoteliers kennen und schätzen gelernt. Er geht nämlich im Ruhm seines Gasthofes nicht auf, sondern ist der erste Naturforscher und der erste Nimrod der Gegend, er ist Antiquitätenhändler, Briefmarkensammler, ein Universalgenie; sein höchster Stolz aber ist die Kunst: er ist ein Meister des Pinsels und der Palette.

Er mag jetzt seine vierzig Jahre haben und in seinen jüngern Zeiten war er zweifellos ein sehr hübscher Mann, denn er ist jetzt noch nicht häßlich, obwohl er sich eines gewissen Embonpoints erfreut. Noch flutet eine Fülle von Künstlerlocken in seinen Nacken, und die kleinen, klugen Augen sprühen zuweilen noch die Glut des verliebten Italieners.

Man kann einen Embonpoint tragen und eine Vielseitigkeit des Geistes entwickeln, wie Herr Battistic, und dabei doch ein armer Teufel sein. Er war's. Wurde am Morgen für ein Gesellschäftchen aus Triest ein Abendessen bestellt, dann war mein Freund in Verzweiflung, kein Geld, kein Kredit und keine Ware. Er war nicht mehr zu sprechen, er irrte in seinen Schlappschuhen durch die Gemächer, er irrte durch die Stadt, verwünschte seine beschränkten Verhältnisse und raufte sich das dunkle Haar.

Jedesmal wurde das Wunder neu. Wenn die Gäste kamen, war ein Essen da, wie man es nur auf der Post zu Monfalcone bekommt. Herr Battistic glänzte vor Vergnügen, sprach geistreich, und keiner seiner Gäste lernte ihn anders denn als einen Gentleman kennen. War man aber vertrauter, so machte er aus seinen bedenklichen Umständen kein Hehl.

»Aber sagen Sie mir, wie kamen Sie denn in eine solche Lage, Sie, der kluge, lebenserfahrene Mann?« fragte ich ihn einmal.

»Das kommt von meinem Hausregiment«, sagte er, »das kommt davon, daß meine Köchin und meine Kellnerin die größten Schelme sind auf der Welt. Brauch' ich im Tag einen Liter in der Wirtschaft, so trinken die beiden heimlich drei; bleibt von einer Mahlzeit ein Rest, den ich wieder verwenden könnte, so ist er fort, ehe ich danach sehen kann, und frage ich, wohin die Dinge gekommen seien, so antworten die beiden aus einem Mund: »Wir wissen es nicht, wir sind ganz unschuldig, Patron.« Zuweilen erwische ich sie aber doch.«

»Wie so denn?«

»Nun, bald so, bald so. Ich habe schon eine Purgaz in den Wein getan. Sie können sich nicht vorstellen, was das für ein Rennen gab; aber bekannt haben die Weiber nicht. Ich habe auch einmal Hundsexkremente auf einen Teller gelegt und überzuckert; da haben sie, nachdem sie es zum Munde geführt, schrecklich gespien; aber gebessert haben sie sich nicht.«

»Dann entlassen Sie die Unverbesserlichen.«

»Ich kann nicht. Die Köchin ist die beste Stütze des Geschäftes, an die andere bin ich mich auch gewöhnt, und Wechseln würde doch nur den Tausch eines Schelmes mit einem Dieb bedeuten – mein Gott, hätte ich nur 2000 Gulden, in zwei Jahren wäre ich Rentier.« Herr Battistic wußte Dutzende von Gelegenheitskäufen in Smyrna, in Bombay, ein großer Spekulant ist an ihm verloren gegangen.

Allein die Malerei hilft ihm über die Misere des Lebens weg. Er malt in einer Art von Loggia, aus der man in den Hof seines Hauses sieht. Eine wirre Sammlung von Muscheln, ausgestopften Vögeln, selbstgemalten Bildern und aus Büchern ausgeschnittenen Holzstichen bringt die nötige Stimmung in sein Arbeiten. Steht er an der Staffelei, so hüllt er seine Gestalt in einen Schleier von Zigarrenrauch, aus dem das sonnige Gesicht des Künstlers in sanfter Verklärung strahlt, und so entstehen unter seinem Pinsel Strandlandschaften, Meerbilder, Jäger, Fischer, Netze und Wild.

Mit diesem Künstler, und jovialen Gesellschafter, von dessen Naturerkenntnis und Jägererfahrung man, so oft er erzählte, das Sprichwort »Se non è vero, è ben trovato« anwenden mußte, bin ich immer gern einen Weg gewandert; er hat mir auch einen wesentlichen Dienst geleistet, eine kleine Sammlung von Muscheln und Krebstieren der nördlichen Adria hübsch präpariert.

Hier muß ich auch noch eines andern lieben Mannes gedenken, des Herrn Primosciz, Schulleiter in Monfalcone, der mich eben so sehr durch seine Herzensgüte als durch seinen aufgeschlossenen Natursinn sympathisch an sich gefesselt hat.

Dort, fast dem Gasthof zur Post gegenüber, steht das Schulhaus, in dem er mit fünf andern Kollegen wirkt. Es ist ein enger, abstoßender Bau und furchtbar mit Schülern überfüllt; allein es ist Hoffnung vorhanden, daß die Stadt in einigen Jahren ein würdiges Heim für die heranwachsende Jugend baut.