… Aber wer oder was machte ihm so schreckliche Angst? Die Staatssicherheit? Hatte ihn jemand in der Hand? Oder war es die Vergangenheit, die ihn nicht losließ? Oder alles zusammen? Diese Fragen blieben 40 Jahre unbeantwortet, aber bei jedem Familientreffen erwachen sie wieder zu neuem Leben. Sie vergiften und quälen und geben keine Ruhe. Es ist, als müsste der Tag der Beisetzung wieder und wieder erlitten werden. Dabei gilt es auch jedes Mal den allerersten Gedanken auszuhalten, den wir alle mit der Todesnachricht hatten: „Gott sei Dank, endlich Ruhe, endlich ist es vorbei!“ Erst dann kommt die Trauer, zeitversetzt, aber umso heftiger, denn wir Kinder haben trotz allem unseren Vater geliebt! Das Vorbeisein gilt der Ehe, dem elterlichen Miteinander, das geprägt war von Gewalt, Streit und Schlägen. Jeder von uns war froh zu wissen, dass es das nun nicht mehr geben würde. In den Auseinandersetzungen hielten wir stets zum schwächeren Teil, unserer Mutter. Aber das Problem dabei war, dass wir Kinder auch sie nicht verstehen konnten. Es war uns unerklärlich, wie sie auf die gleiche Situation stets auf die gleiche undiplomatische Art und Weise reagierte. Wir verstanden unsere Eltern nicht und daran hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert. Deshalb ist es an der Zeit, Antworten zu suchen …
Schlagworte
Weimarer Republik, Zweiter Weltkrieg, Wehrmacht, Soldat, Nationalsozialismus, Nachkriegszeit, Schule, Bildungssystem, DDR, Sozialismus, Stasi, Zeitzeugenbericht, familiäre Gewalt, Generationenkonflikt, Lehrer, Kriegsveteranen, Freitod
Impressum
© Regina Oversberg, Bad Dürrenberg, 2011/2020
Titel- und Umschlaggestaltung Pierre Kynast
Titelbilder und Bilder im Buch: Familienbilder Regina Oversberg
Zweite, durchgesehene, korrigierte und ergänzte Neuausgabe © pkp Verlag, Pierre Kynast, Merseburg, Februar 2020 – Internet: pkp-verlag.de – Herstellung und Vertrieb: Books on Demand GmbH, Norderstedt – Paperback: ISBN 978-3-943519-43-3 –
E-Book: ISBN 978-3-943519-44-0
Als ein Dresdner Nachkriegsjunge, der die blutigen Narben seiner Heimatstadt und die bitteren Nachwehen von fünf schweren Kriegsverwundungen seines Vaters miterlebt hat, der den Fleiß und den Aufstieg seiner lieben Eltern vorgelebt bekam, entfaltet sich für mich in diesem hier beschriebenen Kriegsszenario mit den kargen danach folgenden Überlebenskämpfen – festgehalten in lebendigen Bildern – ein besonderer Wert. Lebenserinnerungen werden wieder wachgerufen. Der Stolz auf die Lebensleistung der Eltern genauso wie die Suche nach der eigenen Identität.
Nie wieder Krieg. Nie wieder Massenmanipulation. Nie wieder Verfolgung. Nie wieder Vertreibung. Und doch, wie ein Naturgesetz wirkte es fort, schuf in der neuen Zeit eigene, subtilere Formen der Unmenschlichkeit. Es entstanden neue Fassaden aus dem liegen gebliebenen längst nicht verarbeiteten Schutt dieser neuen Freiheit. Die scheinbare Idylle des Aufbruchs verhieß Glück und Erfüllung. Das Beispiel des Wirtschaftswunders entwickelte allmählich eine neue Freiheit des Konsums. Das erwartete Wunder des wirklich freien Menschen durch Gleichheit und Brüderlichkeit in dem kleineren der beiden deutschen Ländern endete in dem berühmten Genuss durch Verzicht, wo offiziell indes jeder Genuss – auch dieser Verzicht – nicht propagiert wurde. Die Chancen schwanden und schwinden noch heute, jeden Krieg mit seinen schrecklichen Folgen wirksam zurückzudrängen. Deutschlands gibt es nach wie vor viele. Einzelschicksale belegen eindrucksvoll diese Überlegungen.
Nach ihrer Pensionierung beginnt Regina Oversberg als Nachkriegskind diese Welt jenseits von dem Laufrad des Alltagstrubels für sich selbst zu finden und aufzuarbeiten. Sie schreibt einfühlsam von der Liebe zu ihrem Vater, den sie als junge erwachsene Frau plötzlich verliert und diesen Verlust des fröhlichen, klugen und zwiespältigen Mannes quälend, traurig und unverarbeitet hinnehmen muss. Schweigen, Ungeklärtes, Lügen überall. Und Jahrzehnte danach entdeckt sie in sich selbst die Kraft und den Mut, für sich und für Ihre Lieben energisch und schmerzhaft auf die offenen Fragen eine öffentliche Antwort zu formulieren, auch auf die Gefahr – das weiß sie genau – möglicherweise neuer Nerven aufreibender Misslichkeiten hin. Hier ist zu spüren, dass das Schreiben nicht Freizeit sondern Pflicht zur Selbstaufklärung wird. Sie kehrt zu ihren Wurzeln zurück.
Der unbedingte Wille, die Zerrissenheit ihres geliebten unglücklichen Vaters und gleichzeitig das Mitwirken der damaligen politischen Intrigen um ihren Vater endgültig aufzuklären, verdient um so mehr Anerkennung, als die dabei ausgelöste seelische Belastung enorm ist und war, einhergehend mit komplizierten und zermürbenden Auseinandersetzungen bei Ämtern und Zeitzeugen. Hier darf ich allen raten, die bewundernswerte Energie und Umsicht trotz aller Belastungen ebenfalls aufzubringen. Das schenkt tiefe Einsichten, das bindet die Familie enger aneinander, entwickelt neue frische Lebensenergie. Ich durfte mich persönlich bei einem Leserforum davon überzeugen.
Das Buch ist eines von vielen Tausenden Neuerscheinungen. Warum sollte man es überhaupt lesen? Es ist kein Kriegsbuch, aber es schildert mit heftiger Emotionalität die Totalität des Krieges. Da glaubte ich, Remarque in den Händen zu halten. Es ist keine Familiensaga, jedoch zeigt es Familiengeschichte mit allen Licht- und Schattenspielen auf. Thomas Mann lässt grüßen. Es ist auch kein Agententhriller, hat indes einen echten Beiklang davon. Le Carré. Es ist kein Geschichtsbuch, weist allerdings Passagen aus, die denen Rechnung tragen. Henryk Sienkiewicz ist wohl ein Musterbeispiel mit seinem Quo Vadis. Erst recht ist es kein Roman geworden á la Werther. Dieses Buch entfaltet eine urwüchsige Kraft durch die Mischung aus leichter Schwermut und korrekter Phantasie.
Warum also habe ich es gelesen? Es war weder Neugierde noch Zeitvertreib. Es war vielmehr eine Begegnung mit dem Gefühl, die Autorin auf ihren Spuren der Entstehung bei der Aufarbeitung des großen Puzzles Vaterliebe begleiten zu dürfen. Spannend und einmalig. Erahnend, was sie allein bei der Suche nach Fundstücken, bei den zahlreichen lokalen und persönlichen Begegnungen mit der Vergangenheit an widersprüchlichen Gefühlen durchlebt haben muss. Zwischen Zeilen, Abschnitten und Kapiteln steckt das unfasslich Formulierbare, das Erfüllende. Hineingebrannt. Ihre Filigranität der Suche, die engagierte Verdrängung von Selbstzweifeln, das Herzblut in jeder Sentenz ebenso ihr wahrnehmbares echtes Gefühl, nun endlich ankommen zu dürfen – das gibt dem Buch dadurch seinen einzigartigen Charakter. Die Unverwechselbarkeit der nachvollziehbar aufgearbeiteten Selbstbegegnung ihrer eigenen Gefühlslage macht für mich den Wert des Buches aus: ich erlebe mich selbst auf der Suche nach meinen Wurzeln. Als Psychologe liegt dies wohl nahe.
Einige Überlegungen entstanden erst nach dem Lesen.
Wie viele ehemaligen und heutigen Soldaten, die Väter geworden sind, haben diesen furchtbaren Krieg unbeschadet an Leib und Seele überstanden? Konnten sie alle eigentlich „gute“ Väter und Ehemänner sein, werden? Wie gehen und wie gingen sie mit ihren unsichtbaren Narben um? Ist das heute ein Thema? Ja, es ist wieder eines geworden. Das sollte uns nachdenklich stimmen.
Zu guter Letzt. Ich wünsche der Autorin eine aufmerksame Leserschaft, viele Reaktionen, Aktionen. Den Lesenden wünsche ich das Finden ihrer selbst. Vielleicht werden Sie für Ihre Enkel auch noch ein Stückchen der Geschichte fassbar machen, unsere Enkel warten genau darauf!
Einmal werden die Urenkel in die Lage gesetzt sein, die Tragweite des Werkes – es ist eines – aufzuschließen und für die nächsten Generationen fruchtbar zu machen.
Alles Gute.
Klaus-Dieter Matz
Leipzig, im Frühjahr 2011

Wenn ich mich einmal im Monat mit meinen Freundinnen zu einem gemütlichen Nachmittag mit Kaffee, Kuchen und einem Gläschen Wein treffe, dann sind wir uns jedes Mal einig darüber, dass es uns gut geht, wirklich gut! Denn wir hatten viel Glück, genau in dieser Zeit leben zu dürfen. War doch unser Leben geprägt von Sicherheit, einer rasanten technischen Entwicklung und das Wichtigste überhaupt, wir durften im Frieden leben. So gab es für unsere Generation glücklicherweise keine großen Naturkatastrophen, keinen Krieg, kaum etwas, was von außen gewaltsam und zerstörerisch in unser Leben eingebrochen wäre.
Geboren im Jahre 1948, kannte ich den Krieg lediglich aus den Berichten meiner Eltern. Aber obwohl sie diese Ereignisse noch immer, auch viele Jahre später, stark beschäftigten, erzählten sie uns Kindern nicht direkt davon. Alles, was wir aus dieser Zeit erfuhren, hörten wir eher beiläufig, wenn wir ihre Gespräche mit anderen Erwachsenen belauschten. Dabei übernahmen wir ihre Erlebnisse so, als ob es unsere eigenen wären. Daraufhin träumte ich in mancher Nacht von Bomben, die aus Flugzeugen fielen, von Explosionen und Feuerbrünsten. Ich sah mich selbst als Soldat herumirren und fand nur eine Möglichkeit zu überleben: Ich stellte mich tot. Im Traum half das immer.
Als ich 17 Jahre alt war, der Zweite Weltkrieg lag also bereits 20 Jahre zurück, erklärte sich mein Vater bereit, mir einige Fragen zu seinen Kriegserlebnissen zu beantworten. Dabei stellte sich heraus, dass er noch immer von den traumatischen Ereignissen verfolgt wurde. Ihn quälten stets und ständig Albträume, in denen er die schlimmsten Momente aufs Neue durchleiden musste. Doch diese Träume waren nur eine Seite der Nachwirkungen des Krieges. Andere waren dazu gekommen, zeitverzögert, und nahmen dramatische Formen an, wie der stete Alkoholkonsum oder die regelmäßigen gewaltsamen Auseinandersetzungen mit unserer Mutter.
Heute sprechen Psychologen von „Posttraumatischer Belastungsstörung“ oder Kriegstrauma. Heute wissen wir, was der Krieg mit den Seelen macht und trotzdem schicken zivilisierte, hochentwickelte Länder immer wieder junge Männer dort hinein. Lange Zeit sprach man nicht mehr von Krieg, sondern verwendete lieber weiche Euphemismen, um zu beschönigen, was nicht zu beschönigen ist.
So war die Rede von „Krisengebiet“, „Konfliktbewältigung“ oder „Terrorismusbekämpfung“, denn das Wort „Krieg“ war seitdem zweiten, großen, letzten Weltkrieg nicht mehr gesellschaftsfähig. Es hatte einen zu negativen Bedeutungswert erhalten. „Nie wieder Krieg“ hieß es nach 1945 und es war wahrhaftig ehrlich gemeint. Heute scheint sich kaum noch ein Politiker an diesen Schwur erinnern zu wollen, obwohl jede Familie in diesem Krieg Opfer zu beklagen hatte, alle litten und hungerten, viele ihre Heimat und beinahe jeder Angehörige verloren hat. Hier war jede Familie in einem bisher unbekannten Ausmaß betroffen.
Und als der Krieg vorbei war, ließen sich die Trümmer in den Landschaften und die Schäden in den Seelen nicht einfach wegwischen wie überflüssiger Staub. Die Vergangenheit klebte an allen, nur in unterschiedlicher Intensität. Und allmählich wurden aus diesen Kriegsbeteiligten zunehmend Opfer ihres „eigenen Krieges“ im Inneren, ohne dass Staat und Gesellschaft bereit waren, dies zu erkennen oder den Betroffenen zu helfen.
Und infolgedessen beschädigte ihr Kriegstrauma nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Familien.
Ich möchte mit diesem Buch diese Problematik am Beispiel meiner Familie darstellen, wobei ich aber auch an die Generation der Enkel und Urenkel denke, für die die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges bereits eine historische Dimension entfernt zu liegen scheinen. Sie schlagen ihre Schlachten heute mit Cola und Chips am Computer. Doch dann ziehen einige von ihnen im Auftrag der Bundeswehr als Soldaten, weniger aus ideologischen, sondern vielmehr aus wirtschaftlichen Zwängen heraus, in den Kosovo oder nach Afghanistan und versuchen danach an ihr altes Leben anzuknüpfen. Doch auch sie müssen erkennen, dass es so einfach nicht ist. Neurotische Zwänge und tiefe Ängste halten viele von ihnen oft davon zurück und so bleiben auch sie Gefangene des Krieges in sich selbst.
„Komm nach Haus, Vati tot.“
Ich halte das Telegramm in den Händen, lese und mit einem Mal ist die Welt eine andere. Bis zum Abend sehe, fühle und höre ich alles wie durch Watte. Erst dann kann ich weinen und fragen: „Wieso tot, tot mit 50 Jahren? Wir haben doch erst im Januar seinen Geburtstag gefeiert!“ „Dein Vater ist auch nicht eines natürlichen Todes gestorben!“ verkündet daraufhin mein Mann. Ich bin entsetzt, empört und neue Tränen fließen. Ich weine um meinen Vater, um sein, mein, unser betrogenes Leben. Niemand würde es uns zurückgeben, niemand konnte das.
Es ist der 18. April 1972 und am nächsten Tag komme ich nachmittags mit meiner kleinen Familie in der elterlichen Wohnung an. Wir sind die Letzten, die eintreffen, denn mein 20-jähriger Bruder ist bereits aus Potsdam wieder zurück. Er war dort gerade angereist, als auch er ein gleichlautendes Telegramm erhält. Die geplante Geburtstagsfeier mit seinen Kommilitonen fällt ersatzlos aus. Auch meine Tante Dorothea aus dem Nachbarort ist bereits da, um meiner Mutter beizustehen, so wie sie es bisher auch getan hat. Zu der kleinen Gemeinschaft gehören noch meine 12-jährige Schwester und mein 4-jähriger Bruder.
Sehr schnell wird klar, dass mein Vater nicht einfach so gestorben ist, nein, er hat sich das Leben genommen.
Als Schulleiter in einem 1000-Seelenort tätig, ist es auch für das Dorf ein Schock, denn jeder kannte ihn nur lebensfroh, zugänglich und stets freundlich. Für uns als Familie eine Katastrophe und ein furchtbarer Verlust! Über die letzten zwei Tage meines Vaters erzählt meine Mutter eine sehr merkwürdige Geschichte. Wir sind sprach- und fassungslos, können uns keinen Reim auf das Geschehen machen. Es gibt auch einen Abschiedsbrief, der uns aber nicht vorliegt. Ihn und auch meinen Vater hat die Staatssicherheit bereits mitgenommen, beides zur Überprüfung. Und so kommt es, dass die Beerdigung erst zwei Tage später stattfinden kann und wir in dieser Zeit viel über die Ursachen des Selbstmordes spekulieren, ohne zu einem Ergebnis zu kommen.
Dann kommt der Tag der Beerdigung. Sie findet im Geburtsort meines Vaters statt, dort, wo er die Welt in seinen schwersten Tagen mit den Begriffen Heimat, Glück, Liebe, mein Himmel, meine Sterne verband. Dort, wo er aufgewachsen war und die Menschen ihn lieben und schätzen gelernt hatten. Daher sind neben der Familie und seinem Kollegium auch viele alte Freunde und Bekannte aus dem Ort bei der Beisetzung anwesend.
Die Schlange der Kondolierenden ist lang, aber ohne einen Vertreter der Partei oder des Staates. Auch die anderen Schulleiter aus dem Kreis sind nicht anwesend. Da erscheint das Kommen der Kollegen und des Bürgermeisters aus unserem Ort schon beinahe als mutige Tat, denn die Mitarbeit der Staatssicherheit bei der Ursachensuche für die Tragödie hat für schlimme Verunsicherung unter den Menschen gesorgt. Diese Tatsachen scheinen die Geschichte meiner Mutter zu bestätigen. Und die läuft darauf hinaus, dass mein Vater am letzten Tag seines Lebens vor etwas fürchterliche Angst hatte, auf etwas wartete, seine Papiere ordnete, den Abschiedsbrief schrieb und sich am Abend dieses Tages dann das Leben nahm. Aber wer oder was machte ihm so schreckliche Angst? Die Staatssicherheit? Hatte ihn jemand in der Hand? Oder war es die Vergangenheit, die ihn nicht losließ? Oder alles zusammen?
Diese Fragen blieben 40 Jahre unbeantwortet, aber bei jedem Familientreffen erwachen sie wieder zu neuem Leben. Sie vergiften und quälen und geben keine Ruhe. Es ist, als müsste der Tag der Beisetzung wieder und wieder erlitten werden. Dabei gilt es auch jedes Mal den allerersten Gedanken auszuhalten, den wir alle mit der Todesnachricht hatten: „Gott sei Dank, endlich Ruhe, endlich ist es vorbei!“ Erst dann kommt die Trauer, zeitversetzt, aber umso heftiger, denn wir Kinder haben trotz allem unseren Vater geliebt! Das Vorbeisein gilt der Ehe, dem elterlichen Miteinander, das geprägt war von Gewalt, Streit und Schlägen. Jeder von uns war froh zu wissen, dass es das nun nicht mehr geben würde. In den Auseinandersetzungen hielten wir stets zum schwächeren Teil, unserer Mutter. Aber das Problem dabei war, dass wir Kinder auch sie nicht verstehen konnten. Es war uns unerklärlich, wie sie auf die gleiche Situation stets auf die gleiche undiplomatische Art und Weise reagierte. Wir verstanden unsere Eltern nicht und daran hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert.
Deshalb ist es an der Zeit, Antworten zu suchen, um uns allen endlich unseren Seelenfrieden zu geben, damit wir begreifen, was und warum dies alles mit uns geschah und wie intensiv diese Ereignisse unser Leben geprägt haben.
Ich berichte hier über unsere Familiengeschichte und möchte mich deshalb als Beteiligte unbenannt eingliedern in die Reihe all derer, für die diese Geschichte ihr Leben war.

Man schreibt das Jahr 1922. Noch immer hat sich Deutschland nicht von den Folgen des Ersten Weltkrieges erholen können. Die Wirtschaft kommt nur schwer in Gang, die Menschen leiden unter Arbeitslosigkeit und damit verbundener Existenzangst. Erschwert wird das Leben der Deutschen durch eine galoppierende Inflation, deren Höhepunkt aber noch nicht erreicht ist.
In diese schweren Anfangsjahre der Weimarer Republik hinein wird Lorenz S. geboren.
Sein Elternhaus steht in einem der Harzdörfer in der Nähe von Blankenburg, in einem Ort, wo die Männer in den Kalkwerken und Gruben der Umgebung ihr Geld verdienen. Es gab nie ein leichtes Leben in den Harzdörfern, nicht umsonst tragen sie auch solche Namen wie Elend und Sorge. Aber das ist weiter oben, dort, wo man mit der Hand schon nach dem Brocken greifen kann.
Das Klima hier ist überall rau, die schöne warme Jahreszeit viel zu kurz und die Winter meist endlos lang. Dazu kommt der kalte Brockenwind, der stetig, nur mit wechselnder Intensität, durch die Straßen und Gassen des Dorfes weht. Die Häuser des Ortes haben eher ein bescheidenes Aussehen, aber fast alle sind sie mit Schiefer oder Holz von außen verkleidet. Eine gute altbewährte Wärmedämmung für die endlosen Wintertage.
Umgeben sind die Gebäude von ihren Hausgärten zur Selbstversorgung und den Nebengelassen für das Vieh. Dadurch wird das kleine Dorf recht groß und wenn man es von einem zum anderen Ende durchläuft, werden die Wege schon lang, so dass die Einwohner es selbst in Ober- und Unterdorf aufteilen.
Im Unterdorf gibt es eine Reihe besonders kleiner Häuser, ohne Außenverkleidung oder sonstigen Zierrat. Das sind die Katen der Ärmsten, der Weber, der Bergleute und der Zugezogenen.
In so einem ärmlichen Häuschen kommt Lorenz also im Januar 1922 zur Welt.

Sein Vater ist Bergmann, dessen Vater wiederum ein Zugezogener war, der seine Heimatstadt in Italien ca. 1880 auf der Suche nach Arbeit verließ.
Lorenz Vater erhält 1915, mit 17 ½ Jahren, die deutsche Staatsbürgerschaft, um kurz darauf für den Kaiser in den Krieg zu ziehen.
Seine Mutter stammt aus dem Nachbarhaus und wächst mit ihren zwei Schwestern und einem Bruder in ähnlich engen und dürftigen Verhältnissen auf. Als sie 17 ist, stirbt ihre Mutter und sie selbst muss nun den Haushalt führen.
Es ist nicht das Leben, von dem sie als Mädchen einst geträumt hatte, sie will mehr, will heraus aus der Enge und der Not! Als dann der Nachbarsjunge aus dem Krieg heimkehrt, gründen beide ihre eigene Familie, verbunden mit großen Hoffnungen und Träumen. Aber die Zeit ist dafür nicht geeignet. Durch den verlorenen Krieg herrscht großer Mangel an Lebensmitteln und Brennstoffen. Harte Arbeit und reichlich Entbehrungen gehören deshalb zum Alltag in dieser Zeit.
Als dann der zweite Sohn, Hans, zur Welt kommt, ist Lorenz gerade zwei Jahre alt. Die Jungen sehen immer aus wie „aus dem Ei gepellt“ durch den großen Eifer ihrer Mutter, die mit Nähen und Stricken emsig dafür sorgt. Ihr Lieblingswort ist „akkurat“. Zuwendung, Liebe sind ihr nicht so wichtig, hat sie selbst doch kaum welche erfahren. Aber die beiden Brüder haben ja sich und entwickeln ein inniges Verhältnis zueinander. Sie sind intelligent, fleißig und haben es in der Schule leicht.

Lorenz ist ein stilles, ernstes Kind, das jeden mit seinem prüfenden Blick kritisch ansieht. Er ist eben ein Kind seiner Zeit, die von Sorgen und Mangel überschattet wird.
Im Sommer strolchen die Jungen oft im nahegelegenen Buchenwald herum, dem besten Spielplatz der Welt, wo sie sich nach Herzenslust austoben können. Im Winter aber haben sie von allen Kindern des Ortes die besten Karten, denn direkt vor der Haustür beginnt die Rodelbahn und zieht sich die Straße hinunter bis an den Waldrand.