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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Herbert Rößler wurde 1955 geboren und verbrachte eine glückliche Kindheit in der Pfalz. Nach dem Abitur studierte er zunächst katholische Theologie in Deutschland, dann fünf Jahre lang Schauspiel, Gesang und Sprachen in den USA. Nach seinem Abschluss lehrte er Englisch an einer Universität in Taiwan und verbesserte seine Kenntnisse in Mandarin. Während eines weiterführenden Studiums an der Universität von Iowa wurde er als Steward bei der deutschen Lufthansa angenommen. Er nahm darüber hinaus Gesangsunterricht und erlernte weitere Fremdsprachen. Wenige Jahre später schloss er erfolgreich die Heilpraktikerausbildung ab und praktizierte einige Zeit mit dem Schwerpunkt Hypnose. Seine große Liebe gilt dem Musiktheater, insbesondere dem Musical.

1

Ach Gott, ach Gott Buu«, sagte Frau Klettberg und schüttelte den Kopf. »Bischt du dick worre.« Sie trat einen Schritt zurück, schüttelte wieder den Kopf, streckte ihre Hand aus und piekste Frieder mehrmals in den Bauch, der zugegebenermaßen über seinen Hosenbund und den Gürtel hing und die Knöpfe des Hemdes fast sprengte. Frieder stand sprachlos im Empfangsgebäude des Flughafens von Chicago und spürte trotz Klimaanlage die Hitze in seinen Wangen. 1979 war er zum letzten Mal in Deutschland gewesen und hatte seine Familie gesehen. Jetzt, drei Jahre später, waren sie tatsächlich in Amerika angekommen, seine Mutter und Alwine, unter dem Einfluss eines starken Beruhigungsmittels, obwohl beide geschworen hatten, nie ein Flugzeug zu besteigen, und das war das Erste, was ihm seine Mutter entgegenwarf?

»Jetzt lossen doch, Mudder«, sagte Herr Klettberg versöhnlich und streckte seine Hand aus. »Schää, dass du uns abholscht.« Also ob es eine andere Möglichkeit gegeben hätte, denn schließlich konnte keiner von ihnen Englisch. Er schüttelte seinem Sohn die Hand, etwas fester und etwas länger als nötig, und räusperte sich mehrmals. Alwine drängte sich bald an dem Vater vorbei und nahm ebenfalls Frieders Hand. Ihre Augen glänzten, die Pupillen schienen geweitet und sie grinste über das ganze Gesicht.

»Ich hab’s g’schafft«, sagte sie. »Ich hab’s tatsächlich g’schafft! Also Angscht vorm Fliege hab ich net. Unn mit dem Platzangscht is es aach gegange.«

»Kää Wunner«, warf Frau Klettberg ein, »mir hänn ja aach ää Tablett nach de annere in de Mund gestoppt! Awwer die Tavor, die wirken wirklich. Do werd mer ganz ruhig. So dick wie du bischt«, fuhr sie mit einem erneuten Blick auf Frieders Bauch fort, »passcht du ja in kään normale Flugzeugsitz, odder?«

»Zille«, zischte Herr Klettberg energisch. »Jetzt lass den Bub in Ruh!«

Frau Klettberg schüttelte den Kopf und schwieg.

»Gehe mer?«, fragte Frieder. Herr Klettberg selbst nahm zwei der drei Koffer und betonte, dass das Schleppen viel leichter sei, wenn man beide Seiten gleich schwer belastete.

»Nimmscht du moin Koffer?«, fragte Alwine und setzte sich leicht torkelnd in Bewegung. »Wohin müssen mer iwwerhaupt?«

Frieder schnappte sich den Koffer, stöhnte unter der unerwarteten Last und ging voraus.

»Mer fahren jetzt mit dem Taxi zur Wohnmobilvermietung«, erklärte er und steuerte auf den Ausgang zu. »Wenn mir den Wohnwage hänn, dann fahren mir zu de Mary Beth unn üwwernachten dort.« Mary Beth war eine entfernte Verwandte, die die Klettbergs schon in Deutschland besucht hatte. Obwohl sich ihre Deutschkenntnisse auf Sauerkraut, Weinheber und Prost beschränkte, hatte sie bei ihrem Besuch auch in Abwesenheit Frieders, unter dem Einfluss entsprechender Mengen Weins, pausenlos mit den Klettbergs erzählt.

»Babbelt die immer noch so viel?«, fragte Herr Klettberg im Taxi. »Die hot mir jo des Ohr ab- und widder dragebabbelt, wie sie zu Besuch war. Mir klingeln heit noch die Trummelfell.« Er lachte und rubbelte sein linkes Ohr. Schon seit Jahren litt er an einem leichten Tinnitus, den Mary Beths Redseligkeit gewiss nicht verschlimmert hatte.

»Ich denk schunn«, meinte Frieder.

»Ach, des iss jo so schad«, mischte sich Frau Klettberg ein. »Ich tät jo gern ä bissel verzähle. Dass die awwer kää Wort Deitsch kann, wo sie doch vunn Deutsche abstammt.«

»Na ja«, erklärte Frieder, »sie hat auch irische und französische Vorfahren. Und Französisch spricht sie auch nicht.«

»Um so schlimmer«, keifte Frau Klettberg. »Unn du hoscht wohl aach des Pälzisch verlernt? Du redscht jo schunn ganz gelehrt.«

Frieder sagte nichts. So nörglerisch kannte er seine Mutter nicht.

»Ach Gott, ach Gott«, staunte Alwine, während sie aus dem Fenster starrte. »Was des für Autobahne sinn. Sechs Spure in jedie Richtung. So könnt ich kää Auto fahre. Do dät ich jo sterwe vor Angscht.«

Frieder erkundigte sich nach seiner anderen Schwester, Heidi, und ihrer Familie.

»Dene geht’s gut. Die hänn ganz schää geguckt, wie mir g’sagt hänn, dass mir nach Amerika fliegen. Die Heidi steigt ja aach in kää Flugzeug ein.« Frau Klettberg wischte sich über das Gesicht, auf dem sich trotz Klimaanlage Schweißperlen gebildet hatten.

»Was heißt aach net?«, fragte Frieder. »Ihr habt’s ja gemacht.«

»Ja, ja. Gott sei Dank gibt’s Tavor«, sagte Alwine humorlos. »Sunscht hätt ich das alles net üwwerlebt. Unn wann ich den Verkehr seh, dann wird mir schunn wieder ganz blümerant. Ich glaab ich nemm noch eine.«

»Ja, wie viel hoscht donn schunn genumme?«, fragte Herr Klettberg. »Da gibt’s doch bestimmt ä Höchstdosis.«

»Loss sie doch, Vadder«, warf Frau Klettberg ein. »Wenn sie’s doch braucht!«

Herr Klettberg schwieg, eingeklemmt zwischen den zwei Frauen, und Frieder bemerkte bei einem Blick in den Rückspiegel, dass seinem Vater die Augenlider schwer wurden und er kurz davor war einzunicken.

Bald waren sie an der Vermietstation angelangt, und während Frieder die Formalitäten erledigte, schnappten die Klettbergs etwas Luft, auch wenn sie in unmittelbarer Flughafennähe nicht gerade frisch war. Das Wohnmobil war riesig, und während die Klettbergfrauen nur staunten, wie komplett die Küche eingerichtet war und wie bequem Sofa und Bett schienen, folgte Herr Klettberg Frieder und dem Vermieter, der erklärte, wie man Wasser auffüllte, Abwasser abließ, den Generator anwarf und externe Stromquellen anschloss. Frieder übersetzte alles, weil er hoffte, dass sein Vater sich an genügend erinnern würde, um diese Aufgaben zu übernehmen. Als der Rundgang abgeschlossen war, verabschiedeten sich die Männer mit einem Händedruck von dem Vermieter und luden die Koffer in das Gefährt. Frau Klettberg und Alwine hatten sich an den kleinen Esstisch gesetzt und sahen aus, als erwarteten sie Kaffee und Kuchen.

»Jetzt geht’s los«, verkündete Frieder. »Wer will vorne sitzen?« Die zwei Frauen bewegten sich nicht.

»Geh du Vadder«, meinte Frau Klettberg. »Meer sehen besser vunn hier aus. Unn helfe kennemer sowieso net.« Herr Klettberg kletterte nach vorne, während Frieder die Außen- und Rückspiegel einstellte. Er zeigte keine Nervosität, obwohl ihm das riesige Gefährt einen Heidenrespekt einflößte, aber als er den Zündschlüssel weiterhin am Anschlag hielt, obwohl der Motor schon lief, machte das Fahrzeug ein lautes, knirschendes Geräusch.

»Ach Gott, was war donn des?«, schrie Frau Klettberg. »Hoscht schunn was kaputt gemacht?«

»Nää«, versicherte Alwine. »Des is mir aach schon passiert beim Anlasse.«

»Des hott awwer schrecklich geklunge«, zweifelte Frau Klettberg und schaute besorgt nach vorne zu ihrem Mann und Frieder. »Bischt du üwwerhaupt sicher, dass du so was fahre konnscht? Des is jo schließlich kää normales Auto. Des is jo fascht wie ään Laschter. Unn bei dem Verkehr! Wonn des mol gut geht.« Sie kramte in ihrer Handtasche, holte die Packung Tavor hervor, legte sie aber nur auf den Tisch, ohne eine Tablette zu entnehmen.

»Der schafft des schunn«, versicherte Herr Klettberg, aber Frieder glaubte Zweifel im Blick des Vaters zu erkennen. Er legte den Gang ein und fuhr ohne weitere Probleme vom Parkplatz auf die Schnellstraße in Richtung Westen.

»Wu fahremern überhaupt hie?«, fragte Herr Klettberg. »Nach St. Louis, oder?«

»Was redscht du donn für ein Quatsch«, ertönte es aus Frau Klettbergs ungeduldig verzogenen Mund. »Zu de Mary Bett. Des hott doch de Frieder schunn verzählt.« Frieder war über den heftigen Ton seiner Mutter erstaunt.

»Net nach St. Louis?«, fragte Frieders Vater wiederum. »Ich hätt schwöre könne nach St. Louis.« Er klang müde und rieb mit beiden Händen übers Gesicht, als wolle er die Müdigkeit wegwischen.

»Herrgott nää. Wu bleibt dann doin Verstand«, keifte Frau Klettberg. »Was sollemer donn in St. Louis? Erscht müssemer doch einkaufe bei de Mary Bett. Und dann geht’s zu de Indianer.« Einen Indianer zu sehen, schien für Frau Klettberg das Wichtigste an der Reise.

»Mary Beth heißt die«, verbesserte Frieder, um seine Mutter abzulenken.

»Mary Bett oder Mary Betz, des is doch egal. Hauptsach mir fahren dort hie. Unn net nach St. Louis. Do simmer doch erscht in drei Woche.« Sie schüttelte den Kopf und schaute vorwurfsvoll auf den Hinterkopf ihres Mannes.

»In drei Woche erscht«, sagte Herr Klettberg leise. »Des hab ich net gewisst.« Er schüttelte den Kopf und rieb sich erneut übers Gesicht.

»Natürlich hoscht des gewisst«, ertönte es erneut vom Esstisch. »Mir hänn doch drüwwer gesproche. Erscht zu den Mary Bett-tz.« Dabei streckte sie ihre Zunge zwischen den Zähnen heraus und spuckte. »Unn dann zu de Indianer, dann nach Montana und de Pazifik. Erscht dann geht’s an de Mississippi und nach St. Louis.«

Frieder konzentrierte sich auf die Straße und den dichter werdenden Verkehr und verstand nicht, wieso die Situation so aggressiv geworden war. Es erstaunte ihn ebenfalls, dass sein Vater, der sich so auf die Reise gefreut und sich mit Atlas und Nachschlagewerken vorbereitet hatte, so schlecht informiert schien. Gleichzeitig wunderte er sich über die unwirsche Art seiner Mutter. Ob das etwas mit den Beruhigungstabletten zu tun hatte? Ruhiger schien sie jedenfalls nicht.

»Jetzt sei halt ruhig«, flüsterte Alwine ihrer Mutter zu. »Du weescht doch wie er is. Er is halt widder mol durcheinander.«

»Ach, des regt mich uff«, zischte Frau Klettberg. »Wonn er einfach net kapiere will.«

Frieder hatte ein ungutes Gefühl. Vier Wochen lang wollten sie im Wohnmobil quer durch die USA fahren und schon in den ersten Stunden kam es zum Zwist und zu Spannungen. Ob das gut ging? Wenigstens machte der Vater ein Nickerchen und konnte nicht noch mehr Verwirrung stiften.

Bald dämmerte es, und Frieder brachte den Wagen zum Schlingern, als er nach dem Schalter für das Scheinwerferlicht suchte und die Aufmerksamkeit von der Straße nahm. Herr Klettberg schreckte aus dem Schlaf hoch. Frau Klettberg schrie: »Heiligemariamuttergottes!«, und bekreuzigte sich. Alwine lachte laut, rief: »Hui«, und schwankte auf der Sitzbank hin und her, als wolle sie schunkeln. Wo bin ich nur hingeraten?, fragte sich Frieder. Er hatte in den vergangenen Jahren schon viel erlebt, aber diese Situation schien direkt aus Twilight Zone zu kommen. Er schaute jede Woche die Fernsehsendung, die sich mit unerklärlichen Phänomenen und außergewöhnlichen Ereignissen beschäftigte. Schnell hatte er das Fahrzeug wieder unter Kontrolle und fuhr ohne Probleme weiter. Drei Stunden später passierten sie die Stadtgrenze von Janesville, Wisconsin, und er steuerte auf das Haus der Verwandten zu.

»Unn wie finnemer jetzt dahin?«, fragte Herr Klettberg.

»Die Mary Beth hat’s mir beschriewe. Des finn ich schunn.«

»So einfach ausm Kopp?«

»Ja klar. Des kann ich schunn«, sagte Frieder.

»Das hab ich aach mal gekönnt«, sagte Herr Klettberg leise. »Awwer jetzt, jetzt weeß ich gar nix mehr so richtig. Wann mer halt alt werd.« Frieder konzentrierte sich auf den Straßenverlauf und den Verkehr und konnte sich nicht mit den Problemen seines Vaters beschäftigen.

»Da simmer«, rief Frieder laut, als er Mary Beths Haus entdeckte. Er verlangsamte die Fahrt und setzte den Blinker. Entlang der Auffahrt, an der Haustür, an mehreren Stellen im Vorgarten und vor der Garage brannten Lichter. Ebenso im Haus, durch dessen vorhanglose Fenster man direkt ins Wohnzimmer blicken konnte.

»Ach Gott«, meldete sich Alwine zu Wort. »Ich muss jo so arg uffs Klo. Hätt ich vielleicht nochämol im Auto gehe solle?«

»Die werren schunn än Klo hawwe«, meinte Herr Klettberg.

»Awwer gleich als erschtes uff de Klo müsse. Des is jo peinlich.«

»Unn wonnse raus kummt, unn mir sagen die Alwine is grad bachele. Iss des besser?« Herr Klettberg lachte wohlwollend und ihm war keine Verwirrung oder Unsicherheit mehr anzumerken.

Schon kam Mary Beth aus dem Haus gestürmt. »Faaaather!«, rief sie. »Muuuuther!« Seit sie in Deutschland zu Besuch gewesen war, nannte sie sie so, und dachte, sie spreche deutsch.

Herr Klettberg öffnete die Tür zum Wohnmobil, und bevor jemand aussteigen konnte, war sie schon hereingestürmt, warf sich abwechselnd Herrn Klettberg, dann Frau Klettberg und dann Alwine um den Hals. Sie überhäufte sie mit Fragen nach dem Flug, der Herfahrt, wie es ihnen gehe, wie es Heidi gehe und wie der Wein des letzten Jahres geworden war. Frieder bemühte sich, so viel wie möglich zu übersetzen, aber man hörte kaum auf ihn, sondern redete nur wild durcheinander, umarmte sich und lachte. Endlich begrüßte Mary Beth auch Frieder und forderte dann alle auf, ins Haus zu kommen.

Die Klettbergs folgten Mary Beth, nahmen im Wohnzimmer Platz und Mary Beth goss ihnen Eistee ein.

»Des is jo toll«, sagte Alwine. »Guckämol wie viel Eis do drin is.« Jeder nahm sein Glas zur Hand, und während Frieder einen kräftigen Schluck nahm, nippten seine Eltern vorsichtig an dem unbekannten Getränk.

»Fuideiwel«, flüsterte Frau Klettberg. »Was is donn des? Des schmeckt jo wie Arsch und Friedrich. Unn de Arsch schmeckt vor.«

»Bischt net ruhig«, zischte Alwine. »Des kriegt die doch mit, ach wonn sies net versteht.« Es war ihr wohl nicht bewusst, dass erst ihre eindringlich geflüsterte Ermahnung Mary Beths Aufmerksamkeit erregte.

»Ist alles in Ordnung?«, wollte sie wissen.

»Alles bestens«, versicherte Frieder, ohne ihre Frage übersetzt zu haben.

Jetzt hatte auch Herr Klettberg getrunken und ließ den ungesüßten kalten Tee aus seinem Mund wieder ins Glas laufen.

»Ach Gott! Schämscht du dich net?«, rief Frau Klettberg. »Mit dir kann mer ja nirgends hingehe.«

Herr Klettberg war puterrot geworden und schämte sich offensichtlich über seinen Mangel an Kontrolle.

»Sag ihr bitte, dass es nur deshalb is, weil mir die Kälte an de Zähne weh tut. Nur deshalb hab ich des widder ausgespuckt«, flehte er Frieder an. Frieder übersetzte und ging davon aus, dass Mary Beth nichts von den Vollprothesen im Mund seines Vaters, denen nichts hätte weh tun können, wusste. Sofort sprang Mary Beth auf, nahm Herrn Klettbergs Glas und trug es in die Küche. Man hörte dort das Klappern von Eiswürfeln in der Spüle und schon kam sie mit einem Glas lauwarmem Eistee zurück. Freudestrahlend stellte sie es vor Herrn Klettberg. Der stöhnte leise, führte das Glas zu den Lippen und stürzte ein halbes Glas hinunter. Er schüttelte sich, was allerdings von Mary Beth nicht mehr bemerkt wurde, da sich Frau Klettberg an sie gewandt hatte.

»Sag doch ämol, Mary Bett«, sagte sie mit ernster Miene. »Findscht net ach, dass der Frieder unheimlich zugenumme hat. Der is doch richtig fett worde, odder?« Mary Beth lächelte sie an und schaute dann in Erwartung einer Übersetzung auf Frieder. Der blickte sprachlos auf seine Mutter und schüttelte den Kopf.

»Du hascht ihn doch in Deutschland auch noch g’sehe.« Sie versuchte mit etwas Hochdeutsch Mary Beth sprachlich entgegenzukommen. »Do war er ach schon dick, awwer so doch net. Fett«, sagte sie laut und übertrieben deutlich. »Richtig fett!« Sie zwickte eine der Speckrollen über Frieders Hosenbund. »Jetzt iwwersetz halt ämol.«

»Na Mudder«, tadelte Alwine, schloss dann aber wieder den Mund und schwieg.

Frieder atmete tief durch und übersetzte die Worte seiner Mutter für die amerikanische Verwandte. Die lachte verlegen und bat alle zu Tisch, wo sie ein üppiges Abendessen servierte. Frieder hatte sich vorgenommen ganz wenig zu essen, griff jedoch aus Höflichkeit gleich mehrmals zu. Auch der Rest der Klettbergs ließ es sich schmecken. Nur die Gläser mit Eistee blieben weitgehend unberührt. Nach dem Dessert blieb man nicht mehr lange sitzen, denn Mary Beth bemerkte die Erschöpfung der Klettbergs und schlug vor, dass sie sich zurückziehen könnten, wenn sie wollten. Sie hatte Frieders Eltern ihr eigenes Zimmer mit dem Doppelbett überlassen und übernachtete selbst im Gästezimmer. Alwine und Frieder verbrachten ihre erste Nacht im Wohnmobil.

»Was issen mit dem Vadder los?«, fragte Frieder, als sie alleine waren. »Der war so komisch.«

»Ich weeß net«, sagte Alwine im Halbschlaf. Sie hatte noch eine Tavor genommen, denn in einem Wohnmobil zu schlafen schien sowohl gefährlich als auch klaustrophobisch. »Ich glaab der werd verkalkt.«

»Unn, was haltschten vunn de Mudder? Dass ich üwwersetze soll, dass ich so fett worde bin?« Ein leises Röcheln zeigte Frieder, dass Alwine bereits eingeschlafen war. Er hatte plötzlich Lust auf ein Snickers.

2

Am nächsten Morgen traf man sich bei Mary Beth zum Frühstück. Herr Klettberg war aufgrund des Zeitunterschieds schon kurz nach vier Uhr wach geworden und beim ersten Tageslicht hatte er sich in den Garten begeben und angefangen Unkraut zu jäten.

»Ach Gott, des Mädel«, hatte Herr Klettberg gebrummelt, als er die ersten Gräser zwischen den Pflanzen hervorzupfte. »Die versteht jo garnix vunn de Gartenpflege.« Bis die restlichen Klettbergs auftauchten, lag schon ein beachtlicher Haufen Unkraut im Vorgarten und Herrn Klettbergs Gesicht war gerötet und Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Er hatte sein Hemd über einen Busch gehängt und sein Unterhemd klebte ihm am Rücken.

»Ach Gott, was machscht donn do?«, zischte Frau Klettberg, als sie ihren Mann im Vorgarten entdeckte. »Du kannscht doch net einfach in anner Leit ihrm Garte Gras roppe.« Ihr Mann warf ungerührt eine Handvoll Unkraut auf den wachsenden Haufen und bückte sich nach dem nächsten Beet. »Unn wie siehscht du donn aus?«, mäkelte sie weiter. »Mitte in Amerika stehscht du im Unnerhemm do!« Sie schüttelte den Kopf und zupfte das nasse Unterhemd am Rücken. »Und nass geschwitzt bischt ach. So viel Wäsch hemmer net dabei!«

»Ach Zille«, antwortete er. »Meenscht net die Amerikaner schaffen ach im Unnerhemm, wonn’s so warm is? Unn Wäschmaschine werren se aach hawwe.«

Frau Klettberg schüttelte empört den Kopf und schaute sich um. »Awwer es sieht ja wirklich verheerend aus, bei dere im Garte. Ich glaab, die macht nie was, außer Rase mähe.« Langsam schritt sie am Haus entlang und begutachtete die Arbeit ihres Mannes. Dabei zupfte sie das eine oder andere dürre Blatt ab und knipste mehrere verblühte Löwenzahnstängel aus dem Rasen. »Ach, jetzt fang ich jo ach schunn an«, sagte sie und schüttelte erneut den Kopf. Sie warf die Blätter auf den Haufen, rieb sich die Hände und ging auf die Eingangstür zu, hinter deren Fliegengitter Mary Beth gerade auftauchte.

»Fruhstucken«, rief sie begeistert. »Breakfast is ready.«

Frieder und Alwine hatten im Wohnmobil schon hungrig gewartet und kamen sofort heraus.

»Hmmmh! Riechscht des?«, flüsterte Herr Klettberg seiner Frau zu. »Des riecht nach Speck und Eier. Unn dabei is garnet Sunntag.« Er schluckte kräftig, als sei ihm das Wasser im Mund zusammengelaufen. Im Esszimmer war der Tisch schon gedeckt und in seiner Mitte stand eine Schüssel mit Rührei neben einer Platte mit knusprigen Speckstreifen. An jedem Platz befand sich eine halbe Grapefruit verziert mit einer Maraschinokirsche. Es gab Marmelade, Butter, Toast und Cornflakes. Aus einer Glaskanne duftete Kaffee, ein Plastikkrug Milch von einer Gallone Inhalt und ein halb so großer mit Orangensaft, wie man sie in amerikanischen Supermärkten bekam, bildeten Pfützen von Kondenswasser auf der Kunststoffplatte.

»Ach Gott, ach Gott«, sagte Frau Klettberg und schaute vorwurfsvoll auf die zunehmende Feuchtigkeit, die sich bildete. »Wer soll dann das alles esse?« Sie warf Frieder einen auffordernden Blick zu. Er übersetzte und Mary Beth versicherte, dass es gar nicht so viel sei, und sie noch mehr zubereiten könne, wenn es nicht reichte. Auch Frieder erschien die Menge nicht übertrieben für fünf hungrige Menschen.

Sie nahmen am Tisch Platz und warteten darauf, dass man ihnen etwas anbot. Aber Mary Beth sagte nur: »Grace!«, und schaute auffordernd in die Runde.

»Was hottse gesagt?«, fragte Frau Klettberg.

»Grace«, wiederholte Frieder Mary Beths Worte, »ein Tischgebet sollemer spreche.«

»Ja konnse des net selwer?«, fragte Herr Klettberg. »Mir können jo kää Englisch.«

»Die will’s beschtimmt uff deitsch«, erklärte Frieder. »Alwine, machscht du des?« Seine Schwester hatte die ganze Zeit schweigend dabei gesessen.

»Ach Gott nää«, erwiderte sie. »Ich konn des net. Vor alle Leit.«

»Was für Leit denn?« Frieder ließ nicht locker. »Außer de Mary Beth sinn’s doch nur mir.«

»Trotzdem kann ich des net«, wiederholte sie trotzig. »Mach du’s halt.«

»Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes«, begann Frieder unvermittelt und bekreuzigte sich, denn er hatte einen Riesenhunger und wollte den köstlichen Speck nicht kalt werden lassen. Als die Klettbergs das Kreuzzeichen beendet hatten, streckte Mary Beth ihre Hände aus und fasste Frieder an der einen und Frau Klettberg an der anderen Seite.

»Nemmen eich an de Händ«, flüsterte er. »Des machtmer hier so.« Widerwillig streckten die Klettbergs die Hände nach dem jeweiligen Nachbarn aus und man spürte förmlich das Unbehagen bei dieser ungewohnten Berührung.

»KommHerrJesusundseiunserGastundsegnewasduunsbescherethastAmen!«, rasselte Frieder das Tischgebet herunter und wie auf Kommando ließen die Klettbergs beim kaum verklungenen Amen ihre Hände los. Nur Mary Beth bewegte die ihren mit denen von Frieder und Frau Klettberg noch einmal auf und ab.

»Help yourselves«, sagte sie, was Frieder mit »Wir können anfangen« übersetzte. Schon hatte er die Schüssel mit Eiern in der Hand und schaufelte sich eine große Portion auf seinen Teller. Er reichte sie an seinen Vater weiter, der galant zuerst Mary Beth davon anbot. Sie lehnte ab, denn sie esse nur ein Schälchen Cornflakes mit Milch am Morgen. Frieder hatte schon nach der Platte mit Speck gegriffen und nahm mit den Fingern vier Streifen herunter.

»Schämscht dich net«, zischelte Alwine. »Mit de Finger?«

»Genau«, bekräftigte Frau Klettberg. »Unn ess doch net schunn widder so viel. Kää Wunner, dass du so dick bischt.« Gerne hätte Frieder aus Ärger seinen vollen Teller stehen lassen, aber der Hunger war zu groß, und es wäre ja auch der Gastgeberin gegenüber unhöflich gewesen.

»Was hänn mir nur verbroche, dass es uns so gut geht?«, sagte Herr Klettberg mal wieder, worauf Frau Klettberg und Alwine mit den Augen rollten. Auf Mary Beths Frage hin übersetzte es Frieder, was einen Lachanfall in ihr auslöste.

»Sehener!«, erklärte Herr Klettberg stolz. »Dere g’fallts.« Alwine stach gerade mit der Gabel in einen Speckstreifen, der dabei auseinanderbrach, wobei ein Stück vom Teller sprang, kurz an der Tischkante balancierte und, bevor eine hochrote Alwine ihn noch erwischen konnte, zu Boden fiel. Sie sprang auf, rammte dabei den Tisch und brachte die Kaffeetassen so zum Wackeln, dass diese überschwappten. Ihr Gesicht wurde noch eine Spur dunkler.

»Mit eich mussmer sich jo schämme«, schimpfte Frau Klettberg und tupfte mit ihrer Serviette den Tisch trocken. Wo sie schon dabei war, nahm sie auch noch die Serviette ihres Mannes und beseitigte endlich die Pfützen unter der Milch und dem Saft, die ihr die ganze Zeit schon ein Dorn im Auge gewesen waren. Inzwischen war Alwine wieder unterm Tisch hervorgekommen.

»Siehscht«, sagte Frieder. »Deshalb nimmt man de Speck mit de Finger, wanner so knusprig is.« Er konnte sich ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen.

Mary Beth hatte nur gelacht und schien die Abwechslung in ihrem Haus zu genießen. Bald waren alle satt, nur die Kaffeetassen der Klettbergs waren noch halb voll. »Gell Zille«, flüsterte Herr Klettberg, »der Kaffee schmeckt wie Spülbrüh, so dünn wie der is.«

»Bischt net ruhig«, flüsterte sie zurück. »Wann die des versteht! Awwer recht hoscht schunn.«

»Mit dem Bischbere wird die doch erscht druff uffmerksam, dass was nicht stimmt«, sagte Frieder. Prompt wollte Mary Beth wissen, was die Klettbergs gesagt hatten.

»Sie fanden das Frühstück toll«, improvisierte Frieder. »So was kennt man in Deutschland nicht. Aber den Kaffee schaffen sie nicht ganz. Sie haben beide empfindliche Mägen.«

»Versteh ich. Deshalb trink ich ja auch keinen Kaffee. Soll ich Tee machen?«, sagte Mary Beth.

»Nein, das ist schon in Ordnung. Aber die Alwine hat keinen empfindlichen Magen, die trinkt bestimmt noch.« Er konnte das Schmunzeln kaum unterdrücken, als Mary Beth aufsprang und Alwines Tasse erneut füllte. Nach ihrem Missgeschick mit dem Speck trank sie aber ohne zu murren die Tasse leer.

Nach dem Frühstück fuhren sie gemeinsam mit Mary Beth zum Supermarkt, um für die Rundreise Lebensmittel einzukaufen. Herr Klettberg blieb zurück, denn er wollte lieber an der frischen Luft noch etwas im Garten arbeiten, als sich mit Lebensmitteln zu beschäftigen. Letztendlich kauften Alwine und seine Frau sowieso das, was sie für richtig hielten.

»Ach du meine Güte«, sagte Frau Klettberg und legte die Hand über den Mund, als sie den Supermarkt betraten, »is des riesig. Des is jo viel größer wie de neie Konsum. Unn do hawwich schunn gedenkt, dass der groß is.«

»Ja, in Amerika is halt alles größer«, betonte Frieder etwas großspurig und strich in einem seltenen Anflug von Selbstironie über seinen Bauch.

»Der Einkaufswache ist bestimmt doppelt so groß wie bei uns«, stellte Alwine fest. Viele Supermärkte mit Einkaufswagen gab es sowieso noch nicht in Altendorf. Mit offenem Mund beobachteten die beiden Frauen Amerikanerinnen, die eben diese großen Einkaufswagen bis oben hin mit Waren gefüllt hatten. Fleischpakete, von denen Frau Klettberg die Familie drei Wochen hätte ernähren können, stapelten sich neben Tiefkühlpizzas, Fertiggerichten und Kartons mit Frühstücksflocken aller Art. Auch Gallonenbehälter mit Milch und Saft fanden ihren Platz.

Als Erstes gingen sie in die Obst- und Gemüseabteilung. Sprachlos bestaunten die Frauen das Angebot. Alles erschien knackig und frisch. Ein Angestellter zerstäubte in regelmäßigen Intervallen Wasser über den Auslagen. Wassermelonen von unvorstellbarer Größe waren teils aufgeschnitten, teils als Ganzes erhältlich, Erdbeeren, Orangen, Grapefruit und mehrere Sorten Beeren füllten die Tische. Frieder ging auf die Äpfel zu.

»Äppel sinn doch gut für unnerwegs, odder?«, fragte er. »Was für welche nehmen mir denn? Rote, gelwe, griene?« Er hatte eine Plastiktüte in die Hand genommen und hielt abwechselnd Äpfel hoch. Frau Klettbergs Augen wurden groß.

»Hörscht net uff«, zischte sie und schaute sich besorgt um. »Du kannscht die doch net so ääfach in die Hand nemme!«

»Wieso donn net?«, fragte Frieder. Er hatte ganz vergessen, dass man in Deutschland sein Obst und Gemüse nicht selbst aussuchen durfte, sondern das nehmen musste, was einem eine mehr oder wenig wohlgesinnte Verkäuferin in die Tüte steckte.

»Wann des jemand sieht!« Auch Alwine schaute besorgt zwischen Frieder und Mary Beth, die gerade in den Grapefruits rumwühlte, hin und her.

»Hier sucht mer sich des alles selwer raus. Unn an de Kass wird’s dann gewoche«, erklärte Frieder und tat sechs Golden Delicious in die Tüte. Bald füllte sich auch der Wagen der Klettbergs mit Lebensmitteln. Neben Obst und Gemüse wählten die beiden Frauen viel abgepackten Aufschnitt und Scheibenkäse. Bei der Auswahl des Brotes gab es Probleme, denn Frau Klettberg konnte nicht glauben, dass es einfach kein festes Graubrot gab. Selbst das Jewish Rye, was dem deutschen Roggenbrot am nächsten kam, war so weich, dass man jede Scheibe zu der Größe einer Murmel hätte zusammendrücken können. Resigniert zuckte sie endlich die Schultern und nahm auf Frieders Bitte hin noch einen Laib weißes, weiches Wonder Bread in den Wagen. Fasziniert waren Frau Klettberg und Alwine von der zuckerfreien Cola und Limonade, die es erst Jahre später in Deutschland geben sollte.

»Ja, ja!«, sagte die Mutter. »Nemm nur davunn. Des schad uns alle net, uff Zucker zu verzichte. Unn dir besonders, mit doim Bauch!« Sie hatte schon vergessen, dass sie nur wenige Minuten vorher eine Auswahl an Keksen und Schokoladen in den Wagen gepackt hatte. An der Kasse beobachteten sie fasziniert, wie die Kassiererin die Waren über eine Glasscheibe zog, wobei es bei jedem Artikel piepste und die Kasse knatterte, während der Preis auf den Kassenzettel gedruckt wurde. Nur der Preis für die gewogenen Waren wurde eingetippt.

»Ob des wirklich stimmt?«, zweifelte Frau Klettberg. »Des konn doch garnet stimme. Die guckt jo net ämol druff. Frieder guck nur richtig, ob des Deiwelsgerät ach net bescheißt. Und des is ach noch ä Necherin.« Sie tippte mehrmals unsanft auf seine Schulter, um ihn näher an die Kasse zu drängen.

»Jetzt loss mich halt«, erwiderte Frieder. »Des stimmt schunn. Unn ob die schwarz odder weiß is, is doch egal.« Frau Klettberg schüttelte den Kopf, starrte weiterhin auf die Glasscheibe durch die der rote Strahl kam, in den die Kassiererin die Waren hielt. Endlich war der letzte Artikel erfasst und die Frau nannte die Summe.

»Vierundachtzig Dollar und zwääzwanzig Cents«, sagte Frieder.

»Siehscht, ich hab‘s doch gewisst«, sagte Frau Klettberg und wühlte in ihrer Handtasche. »Des konn jo gar net stimme. So viel Zeug und so wenig Geld. Awwer wenigschtens isses zu unserem Vorteil.« Sie hatte ihr Portemonnaie gefunden und drückte es Alwine in die Hand. »Do, mach du des. Mit Dollar kenn ich mich net aus.«

»Awwer ich doch ach net. Die sehen jo all gleich aus, die Schoi. Alle grün, alle die gleiche Größ.« Sie reichte den Geldbeutel an Frieder weiter. Es fühlte sich eigenartig an, das Geld seiner Mutter in der Hand zu halten. Er errötete, dachte er doch an eine Situation in seiner Jugend zurück, wo er seiner Mutter die Hälfte ihres Haushaltsgeldes gestohlen hatte, um Fußballbildchen und Süßigkeiten zu kaufen. Am liebsten hätte er in diesem Augenblick selbst die Einkäufe bezahlt, aber er brauchte sein ganzes Geld für seinen Aufenthalt in Asien.

»Des stimmt schunn«, erklärte er. »Die Lebensmittel hier sinn ganz billig. Viel billiger wie in Deitschland.« Er gab der Kassiererin genügend Scheine und tat das Wechselgeld ungezählt zurück in den Geldbeutel.

»Unn jetzt«, fragte Frau Klettberg. »Was machemer jetzt? Mir hänn jo iwwerhaupt kää Einkaufstasche dabei.« Aber schon hatte sich die Kassiererin umgedreht und packte alles in braune Papiertüten.

»Des is jo kaum zu glaawe«, staunte Alwine. »Genau wie im Film, wonn die immer die braune Dutte ins Haus tragen. Ich hab immer gedenkt, des iss nur fürs Kino und Fernsehe. Jetzt machen die des jo wirklich.« Bald waren alle Tüten im Einkaufswagen verstaut und die Gruppe bewegte sich zu Mary Beths Auto.

Wieder am Haus der Cousine angekommen fanden sie Herrn Klettberg in der Mittagshitze immer noch im Garten. Er hatte in der Garage eine Hacke gefunden und lockerte gerade die Erde um die Büsche und Blumen auf. Inzwischen hatte er auch sein Unterhemd ausgezogen, aber fast sah es aus, als trage er es immer noch, waren doch Arme und Schultern braun gebrannt, der Torso jedoch schneeweiß. Als er das Auto hörte, richtete er sich auf und wischte mit einem Taschentuch über sein schweißnasses Gesicht. Sein Gesicht war dunkelrot, aber er schien ganz in seinem Element.

»Faaaather«, rief Mary Beth laut lachend und eilte zu ihm. Sie konnte nicht glauben, dass sie so unverhofft zu einem ordentlichen Garten gekommen war. Frieder wollte den beiden Frauen helfen, die Lebensmittel im Wohnmobil zu verstauen, aber Herr Klettberg redete auf Mary Beth ein, und Frieder musste ihnen zu Hilfe eilen.

»Sag ihr bitte«, sagte sein Vater, »ihre Nachbarin unn die Fraa vunn gegenüwwer waren schon hier und hänn mit mir geredt. Ich hab jo nix verstanne, awwer ich glaab die hänn gedenkt ich bin Gärtner und wollten mich aach beschäftige. Ich hab immer ›Kannitverstaan‹ gesagt, awwer die hänn des glaab ich aach net verstanne. Unn die eine hott mir dann einen Zehndollarschein hiegehalte. Ich glaab, die wollt mir soviel die Stund gewwe. Am beschte ich bleib hier.« Frieder übersetzte und Mary Beth hielt sich den Bauch vor Lachen. Mit vorwurfsvollem Blick näherte sich Frau Klettberg. »Mir hänn jetzt alles ganz allää ins Auto geräumt. Müssemer net langsam los?« Frieder nickte und erklärte Mary Beth, dass sie sich auf den Weg machen müssten. Herr Klettberg eilte ins Haus, um sich im Bad noch etwas frisch zu machen. Alwine hatte die letzten Sachen eingeräumt und wartete an der Tür des Wohnwagens.

Nach ausgiebiger Verabschiedung fuhren die vier Klettbergs endlich los. Herr Klettberg hatte auf dem Beifahrersitz Platz genommen, während die beiden Frauen gemütlich am Esstisch saßen und durch das Panoramafenster die Aussicht genossen. Sie ließen die Stadtgrenze von Janesville zurück, fanden den Weg durch die fruchtbare Weidelandschaft Wisconsins zur Autobahn, und Frieder erklärte, dass sie sich jetzt darauf einstellen konnten, zwei Tage auf eben dieser Autobahn erst kurz nach Norden und dann immer nach Westen zu fahren. Mit großen Augen bestaunten die Klettbergs den weiten Himmel, die endlos scheinenden Weiden und die riesigen Kuhherden. Ab und zu drang der Geruch von Mist in das Wageninnere und erinnerte alle an ihre ländliche Heimat.

»Do, do«, sagte Frau Klettberg plötzlich. »Do is ä Schild, do steht Sioux Falls druff.« Sie sprach es Sie-ux aus. »Simmer dann bei de Indianer?« Sie hatte vor Aufregung rote Bäckchen bekommen.

»Des is nur ä Stadt«, erklärte Frieder. »Ich glaab net, dass es dort noch Indianer gibt. Des dauert mindeschtens noch bis üwwermorge.«

Sie hatten schon längst die Grenze nach Minnesota überquert, als sich allmählich die Sonne im Westen rötlich färbte. Frieder war plötzlich romantisch zumute. Es erfüllte ihn mit Stolz, seiner Familie sein geliebtes Amerika zeigen zu dürfen. Er hoffte, dass er ihre Erwartungen erfüllen konnte, dass er ein bisschen das wieder wett machen konnte, was er als Kind und Jugendlicher falsch gemacht hatte und dass sie sich vertragen würden. Er betete, dass alles glatt lief, dass sie Indianer für seine Mutter, lange Eisenbahnzüge für seinen Vater und den Pazifik für Alwine sehen würden. Sein Vater neben ihm war eingenickt und sein Kopf hing auf seiner Brust. Wieder einmal drang der Geruch von Dung ins Auto, doch dieses Mal wurde der Geruch immer intensiver, immer strenger und unangenehmer, nicht wie von einem Misthaufen. Er lehnte sich nach vorne und stellte fest, dass der Gestank auch nicht aus der Luftdüse kam. Da hörte er schon seine Mutter lachen.

»Meine Güte«, kicherte sie, »das halt jo niemand aus. Fuideiwel!« Im Rückspiegel sah Frieder, dass Alwine verschwunden und die Tür zur Toilette geschlossen war. Seine Mutter wühlte hastig in ihrer Handtasche. »Wu isse donn, wu isse donn?«, murmelte sie immer noch lachend. Endlich hatte sie ihre Flasche 4711 Echt Kölnisch Wasser gefunden und schon spürte Frieder wie ein Schuss der Flüssigkeit auf seiner Schulter landete. Frau Klettberg sprenkelte sie wie wild durch die Gegend. Herr Klettberg schreckte aus seinem Nickerchen hoch, als ihn auch ein Strahl aus der Flasche traf. Frieder bog sich vor Lachen.

»Hott do jemand ins Kölnisch Wasser g’schisse?«, fragte sein Vater, die Nase rümpfend, was bei Frieder und seiner Mutter zu weiteren Lachanfällen führte. Alwine, die gerade aus der Toilette im hinteren Teil des Wagens kam, wurde ebenfalls mit einem Guss aus der Flasche begrüßt und zuckte erschrocken zusammen.

»Na so was«, sagte Frau Klettberg zu Alwine. »Des ist ja allerhand. So ein Gestank ins Auto zu mache!« Inzwischen hielt sie sich die Flasche direkt unter die Nase. Ihr liefen die Tränen über die Wangen, ob vom Lachen oder vom Cologne konnte man nicht sagen.

»Ich hab halt ämol gemüsst«, erklärte Alwine ernst. »Bei de Mary Beth hab ich mich net getraut.« Sie musste dennoch ebenfalls grinsen.

»Awwer uns tuscht eindulfe«, lachte Frau Klettberg während Herr Klettberg versuchte, sich frische Luft zuzufächeln. Frieder lachte inzwischen so sehr, dass er vor Tränen kaum noch die Straße sehen konnte. Nur noch verschwommen nahm er den dunkelroten Sonnenuntergang wahr, aber auf einmal war er sich sicher, dass Familie Klettberg in den nächsten drei Wochen eine schöne Zeit miteinander verbringen würde.

3

Wie von Frieder vorhergesagt, fuhren sie, nach einer ersten unruhigen Nacht auf einem Campingplatz an der Autobahn, Stunde um Stunde auf der endlos scheinenden Straße. Das Gelände war fast flach und das dunkle Band des Highways schlug Wellen bis zum Horizont. In den frühen Abendstunden erreichten sie Mitchell, South Dakota und bestaunten den Corn Palace, eine Versammlungshalle, deren Außenwände jedes Jahr mit verschiedenfarbigen Maiskolben opulent dekoriert wurden. Man beschloss den örtlichen Campingplatz anzufahren und die Abendsonne im Wilden Westen zu genießen. Früh am nächsten Morgen, nach einem Frühstück, bei dem Herr Klettberg schon sein gutes »gescheites« Graubrot vermisste und auch der selbst gemachte Kaffee keinem so richtig schmeckte, fuhren sie weiter. Dann ging es Schlag auf Schlag. Die Badlands mit ihrer zerklüfteten Mondlandschaft brachte die Familie zum Staunen, Alwine knipste begeistert die Präsidentenköpfe am Mt. Rushmore, und Frau Klettberg brachte ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass bald auch John F. und sein Bruder Bobby Kennedy dort verewigt sein würden. Frieders Einwand, dass Bobby nicht einmal Präsident gewesen sei, tat sie mit der Tatsache ab, dass die beiden schließlich Brüder gewesen seien.

In Utah gab es einen Höhepunkt für Herrn Klettberg. Ein entfernter Verwandter der vierten Generation, der ebenfalls bei der Eisenbahn arbeitete, überreichte ihm einen goldfarbenen Kugelschreiber in der Form eines Nagels für Eisenbahnschwellen, waren doch die beiden Teile der interkontinentalen Eisenbahn durch die USA in Utah aufeinandergetroffen, wo man als letztes einen goldenen Nagel in die Schwelle getrieben hatte. Eine Enttäuschung folgte auf dem Fuß, als man auf halbem Weg zum Yellowstone Nationalpark wegen eines späten Schneefalls, der das Wohnmobil auf der kurvigen Straße immer wieder zum Schlittern brachte, umkehren musste, ohne die Geysire und heißen Quellen gesehen zu haben.

Der Highway kletterte hoch über die Rocky Mountains, führte vorbei an unendlich scheinenden Wäldern, was Herrn Klettberg an Ewig singen die Wälder und Das Erbe von Björndal erinnerte, schlängelte sich dann wieder abwärts in Richtung Pazifik und Seattle. Bald erreichten sie die Ausläufer der Stadt und der Verkehr erschien nach den langen Stunden einsamer Fahrt in den entlegenen Bergregionen umso dichter.

»Ach Gott, ach Gott«, staunte Alwine. »Dass du des konnscht! Bei so viel Verkehr noch de Üwwerblick zu bewahre.«

»Zumindescht«, erklärte Frieder, »muss ich net schalte. Die Automatik macht des viel leichter.«

»Trotzdem«, antwortete sie, »ich könnte des net. Ach net mit Automatik. Do kenn ich mich ja garnet aus. Ich kann nur mit Schaltung fahre.«

»Gibt’s hier Indianer?«, fragte Frau Klettberg, wie jeden Tag, seit sie unterwegs waren. Frieder versuchte geduldig zu sein.

»Früher hat’s bestimmt gewwe, awwer die werden bestimmt hier auch schon ausgestorwe sein.«

»Ach, des sagscht jeden Tag«, klagte seine Mutter. »Am End gibt’s überhaupt nirgends mehr Indianer.«

»Doch, doch«, versicherte Frieder. »In Arizona gibt’s noch. Ich hab se doch selwer gesehe.« Frau Klettberg schwieg wenig überzeugt.

Zum großen Erstaunen der Klettbergs fand Frieder das Haus der Verwandten, ohne sich zu verfahren und ohne jemals dort gewesen zu sein. Seine Erklärung, dass die Aufteilung der Stadt nach Himmelsrichtungen und die Nummerierung der Straßen das Auffinden einer Adresse sehr einfach mache, minderte die Bewunderung nicht.

Jackson O’Toole war Professor an einer katholischen Universität und seine Frau Liz eine freischaffende Künstlerin, die jedoch zu wenig verkaufte, um nicht doch in einem örtlichen Kaufhaus einer Nebenbeschäftigung nachzugehen.

»Jesses nää«, sagte Frau Klettberg, als sie an dem kleinen, schmucken Häuschen mit üppig überwuchertem Vorgarten vorfuhren. »In des Haus vunn äm Professor gehemer jetzt. Wie verhaltemer uns donn do? Ich wääß jo garnet, wie ich mit denne redde soll!«

»Du kannscht doch sowieso kää Englisch«, meinte Frieder trocken. »Do isses egal was du sagscht.«

»Ach, is der widder frech«, klagte Frau Klettberg bei ihrem Mann. Der war jedoch sehr ruhig und schien ebenfalls verunsichert.

»Bischt du sicher, dass mir zu denne kumme sollen?«, fragte sie. »Unn hätten mir uns net ä bissel umziehe solle? Unn wie du widder aussiehscht! So arg sauber is des Hemm nimmie unn ann deine Sandale is de Rieme ab.« Sie schaute vorwurfsvoll auf Frieders Füße, die tatsächlich in einer intakten und einer gerissenen Sandale steckten. »Unn was du fer Schippe an de Zeh hoscht!«, fügte sie empört dazu. »Damit könnt mer jo ein Acker zackere.«