Fantastische Literatur des 20. Jahrhunderts

Gustav Meyrink
Der Golem

Intrapsychische und transpersonale Aspekte
der Selbstfindung im Licht der Magischen Acht
als Konstituente der Erzählkonstruktion

Eine literaturwissenschaftliche Studie
von Gitta Kistenmacher

Books on Demand

Freie Universität Berlin
Fachbereich Germanistik
Originaltitel der Magisterarbeit von 1989: „Phantastische Literatur des
20. Jahrhunderts: Der Golem von Gustav Meyrink - Eine Interpretation“
Betreut von Prof. Anke Bennholdt-Thomsen.
In Teilen überarbeitet 2013 - © Gitta Kistenmacher

INHALT

  1. Vorwort
  1. 1 Lokalisierung des Golem im Gesamtwerk Gustav Meyrinks und seine Rezeptionsgeschichte im Überblick
  1. 1.1. Lokalisierung im Gesamtwerk
  2. 1.1.1. Erste Werkphase
  3. 1.1.1.1. Das okkultistische Motiv
  4. 1.1.2. Zweite Werkphase
  5. 1.1.3. Der Golem im Schnittpunkt zweier Werkphasen
  6. 1.1.3.1. Entstehung und Erfolg
  1. 1.2. Rezeptionsgeschichte im Überblick
  2. 1.2.1. Zum Problem der Interpretation
  3. 1.2.1.1. Initiation und Selbsterkenntnis im Entwicklungsweg des Protagonisten
  4. 1.2.2. Qualitativer Sprung in der Golem-Forschung mit Jan Christoph Meister
  5. 1.2.3. Zum Problem der Stil- und Gattungszugehörigkeit
  1. 2 Adaption der Strukturanalyse des Golem von Jan Christoph Meister als Interpretationsbasis
  1. 2.1. Bedingungen der Adaption
  2. 2.1.1. Zum Problem des Golem als Textexemplar der zweiten Werkphase
  3. 2.1.1.1. Die Verdrängung von Erzählabschnitten im Zuge der exemplarischen Untersuchung
  4. 2.1.2. Abgrenzung von Meisters biografischer Lesart
  1. 2.2. Kompositionsstruktur und Ereigniszusammenhänge
  2. 2.2.1. Wechsel der Erzähleridentität und Markierung der Zeitebenen durch Rahmen/Binnenkonstruktion
  3. 2.2.2. Ereignischronologie im handlungslogischen Gerüst
  4. 2.2.2.1. Das handlungslogische Gerüst des Golem
  5. 2.2.2.2. Für die Handlung relevante Tarotkarten
  1. 2.3. Die Tiefenstruktur des Golem
  2. 2.3.1. Textanalyse der Rahmen- im Übergang zur Binnenerzählung
  3. 2.3.1.1. Erstes Kapitel: SCHLAF
  4. 2.3.1.2. Zweites Kapitel: TAG
  5. 2.3.1.3. Drittes Kapitel: l
  6. Exkurs: Das Phänomen Ibbur
  7. 2.3.2. Symbolkonstitution und Hypostasierung
  8. 2.3.2.1. Von Golem, Doppelgänger und Pagat
  9. 2.3.2.2. Von der Körnerofferte des Habal Garmin
  10. 2.3.2.3. Von Kolossweib und Hermaphrodit
  11. 2.3.2.4. Der Gehängte
  12. 2.3.2.5. Die Hypostasierung des Hermaphroditen als Höhepunkt der abschließenden Rahmensequenz
  1. Schlussteil Kapitel 2 mit abschließenden Bemerkungen zur Basisarbeit
  1. 3 Weiterführende Interpretation: Intrapsychische und transpersonale Aspekte im Entwicklungsweg des Protagonisten
  1. 3.1. Die Frage der Perspektive: Interpretationsprobleme hinsichtlich der Realitätsebenen
  2. 3.1.1. Meisters Interpretation und ihre Grenzen
  3. 3.1.2. Eröffnung der transpersonalen Ebene
  4. 3.1.2.1. Erzählstruktur und Motiv als Elemente einer impliziten Ordnung in Anlehnung an David Bohm
  1. 3.2. Das Kabbala-Motiv Ibbur als Grundlage für die Rahmen/Binnenkonstruktion
  2. 3.2.1. Ibbur zwischen Doppelgängern – ein intrapsychisches Phänomen
  3. 3.2.1.1. Der Hut des Athanasius Pernath als Jungscher Wegweiser zum integralen Selbst
  4. 3.2.1.2. Ken Wilbers Spektrum des Bewusstseins unter dem Hut des Athanasius Pernath
  5. 3.2.1.3. Der Stein der Tiefe - Symbol für personale und transpersonale Aspekte der Selbstbegegnung
  6. 3.2.1.4. Einbruch des Unbewussten nach Stanislav Grof
  7. 3.2.1.4.1. Abstrakte und ästhetische Erfahrungen
  8. 3.2.1.4.2. Psychodynamische oder biografische Erfahrungen
  9. 3.2.1.4.3. Perinatale Erfahrungen
  10. 3.2.1.4.4. Transpersonale Erfahrungen
  1. 3.3. Das Tarotmotiv der horizontalen Acht als Konstituente der Erzählkonstruktion
  2. 3.3.1. Die Dynamik der Erzählkonstruktion in der zwischen innen und außen vermittelnden Bewegung
  3. 3.3.2. Das Verhältnis der Strukturelemente zueinander: Rahmen/Binnen, Hypostasierung, Magische Acht
  1. Schluss
  1. Literaturverzeichnis
  2. Abbildungsverzeichnis

Vorwort

Die vorliegende Studie untersucht einen Roman, der - seinerzeit ein Bestseller - in den Siebzigerjahren als okkultistischer Schlüsselroman wiederentdeckt wird:

Der Golem (1915) von Gustav Meyrink.

Obwohl die Arbeit bereits 1989 verfasst und 2013 nur geringfügig überarbeitet wurde, entbehrt sie keinerlei Aktualität, was Vorgehensweise und Ergebnis angeht. Vielmehr bietet sie:

„[…] eine originelle Interpretation, insofern sie die Struktur des ungewöhnlichen Werkes freizulegen vermag mit einem unerwarteten methodischen Zugriff – nämlich mit den physikalischen Theorien David Böhms und den darauf fußenden der Transpersonalen Psychologie. Prämisse des ohne Zweifel gewagten, aber eben überzeugenden Unternehmens ist, daß diese Theorien eine ‚Affinität … zu Meyrinks vermeintlicher Phantastik’ besitzen. […]

   Es geht [Frau Kistenmacher] darum, die Konstellationen, Schaltstellen, Übergänge und Überlagerungen des Textes, die in den herkömmlichen Deutungen für ein dualistisches Weltbild sprechen, als kongruent mit den genannten Denkmodellen zu erweisen und somit den Weg des Helden als Selbstfindungsprozeß zu deuten, wobei das am Ende gefundene ‚Selbst’ nicht mehr das reduzierte’ Ich der traditionellen abendländischen Psychologie (einschließlich Psychoanalyse) ist. […]“

(Prof. Dr. Anke Bennholdt-Thomsen, am 31.01.1990)

Die Untersuchung verläuft in drei Etappen:

1. Einführung,

2. Basisarbeit,

3. weiterführende Interpretation.

Das Einführungskapitel skizziert die Position des Golem im Gesamtwerk Meyrinks und seine Rezeptionsgeschichte.

In Anbetracht der allgemeinen Annahme, es handele sich hierbei um Fantastische Literatur, hat zuvor eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Theorien stattgefunden, die den Versuch unternehmen, Fantastik als Gattungsbegriff zu definieren.

Solche Definitionen beziehen sich alle auf die Wahrnehmung einer Wirklichkeit, die unter dem Eindruck Fantastischer Literatur dualistisch aufgefasst wird. Dem zur Debatte stehenden Text liegt jedoch ein Realitätskonzept zugrunde, das mit dualistischen Ansätzen nur schwer oder gar nicht zu fassen ist. Dieser thematisiert zwar Gegensätze, wie natürlich/übernatürlich, real/imaginär, innen/außen usw., fasst diese aber letztlich als Scheingegensätze auf.

Das Fantastische steht im Golem – wie Fantastik-Experte Rein A. Zondergeld dies dem umstrittenen Genre des Magischen Romans zuschreibt – „in keinem Widerspruch zu einem wie denn auch gearteten Realitätsprinzip“, sondern ist hier ein gleichwertiger Teil des vom Autor entworfenen magisch-kabbalistischen Bezugssystems und als solcher gar nicht fantastisch gemeint.1

Nun bedient sich auch die Golem-Forschung, teilweise in Anlehnung an den theoretisch geführten Fantastik-Diskurs, hauptsächlich binärer Beschreibungssysteme, die nur widersprüchliche und für das Vorhaben einer vertieften Interpretation unzureichende Ergebnisse hervorzubringen vermögen.

Eine Ausnahme bildet hier die 1987 erschienene Studie von Jan Christoph Meister mit dem bisher ausführlichsten Versuch, den Gegenstand literaturwissenschaftlich zu erschließen. Meisters Bemühen, über die Analyse des formalen und handlungslogischen Romanaufbaus nachzuweisen, dass in Meyrinks Romanwerk das Symbolische und das Konkrete im Modus von Hypostasierungen ineinander aufgehen, stellt einen notwendigen Beitrag zur Diskussion der Perspektivenproblematik dar, vor die sich die vorliegende Untersuchung gestellt sah. Daher wurde sein Beitrag als Orientierungsgrundlage für die unter psychologischen Gesichtspunkten weitergeführte Interpretation kritisch adaptiert.

Letztlich aber geht das Bedürfnis, die verschiedenen Realitätsebenen im Golem und den Weg des Protagonisten aus einer anderen Perspektive zu betrachten, in der abendländischen Schulpsychologie unter, auf die sich Meister und mit ihm ein Großteil der Forschung bezieht, und die für das Unternehmen einer psychologischen Lesart zunächst in Erwägung gezogen werden musste.

Um die Interpretation dort fortzusetzen, wo sich die Sekundärliteratur in Schweigen hüllt, weicht Kapitel 3 auf eine – zumindest vom Entstehungszeitraum dieser Arbeit aus gesehen – relativ junge Disziplin aus, die Transpersonale Psychologie. Diese basiert auf holistischen Realitätskonzepten, wie sie in den Achtzigerjahren von der Physik hervorgebracht wurden, und stellt mehrere Modelle zur systematischen Beschreibung des im Golem entfalteten Bewusstseinspektrums zur Verfügung. In dem Zusammenhang wird David Bohms Theorie der impliziten Ordnung der weiterführenden Interpretation zugrunde gelegt.

Einen unentbehrlichen Ansatz zur Bestimmung der Initiations- und Bewusstseinsstufen liefert Heidemarie Oehm (1983). Sie weist erstmals die Bedeutung zahlreicher Tarotmotive für den Initiationsweg des Golem-Helden nach.

Es ist letztlich – und dem geht Oehm nicht nach - das magische Tarotzeichen der liegenden Acht, das nachweislich in die Erzählkonstruktion des Textes eingeht.

„Die Erörterung des Tarot-Motivs der horizontalen Acht […] ermöglicht es der Verfasserin, das Bezugsnetz im Roman auf verblüffende Weise zu klären“. (Bennholdt-Thomsen, 1990)

Schließlich konnte mit diesem Ergebnis ein neues und integrati-ves Strukturmerkmal des Golem aufgedeckt werden, das sowohl die Rahmen/Binnenstruktur als auch den Prozess von Hypostasierungen impliziert. Dieses Ergebnis soll der Meyrink-Forschung nicht länger vorenthalten werden.

Gitta Kistenmacher
Berlin, 07.04.2013

 

1 Zondergeld, Rein. A.: Lexikon der phantastischen Literatur. Phantastische Bibliothek 91, Suhrkamp 1983, S. 286

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Lokalisierung des Golem im Gesamtwerk Gustav Meyrinks und seine Rezeptionsgeschichte im Überblick

1 Lokalisierung des Golem im Gesamtwerk Gustav Meyrinks und seine Rezeptionsgeschichte im Überblick

1.1. Lokalisierung im Gesamtwerk

Mit dem Golem verfasst Meyrink seinen ersten Roman. Er wird im ersten Weltkrieg als Frontschmöker geradezu verschlungen und gilt bis heute als der okkultistische Schlüsselroman. Was die literarische Qualität sowie den Publikumserfolg angeht, nimmt der Golem eine herausragende Position im Romanwerk Meyrinks ein. Er lässt sich innerhalb der Werkchronologie im Schnittpunkt zweier Werkphasen lokalisieren, in dem die Novellenphase (1901 – 1908) beschlossen und die Romanphase (1913 – 1932) eröffnet wird.2

1.1.1. Erste Werkphase

In den Jahren 1901 – 1908 erlangt der Autor mit zahlreichen zeitkritischen Satiren und Tiergrotesken Popularität, die hauptsächlich im Simplicissimus und später gesammelt unter der Titelparodie Des deutschen Spießers Wunderhorn (1913) veröffentlicht werden.3 Es handelt sich hierbei um rund fünfzig Kurzgeschichten, in denen Meyrink voller Witz und Gemeinheit zum einen den Militarismus mit seinem bis in zivilbürgerliche Schichten dringenden Wertekodex schonungslos karikiert, zum anderen aufs Treffendste die bäuerliche Heimatkunst oder auch die moderne Wissenschaftsgläubigkeit persifliert.

Meyrinks Spott zielt auf Schwachstellen des kleinbürgerlichen Spießers samt wilhelminischer Gesellschaft, deren Verwundbarkeit sich zuletzt auch darin bestätigt, dass Ende 1916 die Wunderhom-Anthologie in Österreich „im Namen seiner Majestät des Kaisers“ verboten wird.4

1.1.1.1. Das okkultistische Motiv

Etliche „Geschichtchen“ aus dem Wunderhorn leben, wie Julius Bab es formuliert, von einem „wahrhaft tiefen Blödsinn“5, der unter Verwendung okkultistischer Motive diverser Geheimlehren erreicht wird.

Okkultismus steht hier noch vollkommen unter dem Vorzeichen von Satire und Zeitkritik: Meyrink macht sich über den seit der Jahrhundertwende zu beobachtenden Trend der Verbreitung dieses Gedankenguts bzw. dessen Wiederaufleben seit der Romantik ebenso lustig wie über die skrupellose Experimentierfreudigkeit der positivistisch-materialistischen Wissenschaften. Die satirisch präsentierten und geheimnisumwobenen Unmöglichkeiten provozieren und ziehen, so Qasim, „die Art der gesicherten Überzeugung beider Lager in Zweifel“.6

1.1.2. Zweite Werkphase

Mit dem Golem beginnt die Schaffensperiode der Romane, in denen satirische Elemente zwar noch feststellbar, okkultistische Versenkungslehren indessen von jeder Ironie befreit sind.

Aus diesem Grunde beanstandet man an Meyrinks späteren Romanen Das grüne Gesicht (1916), Walpurgisnacht (1917), Der weiße Dominikaner (1921) und seinem Alterswerk Der Engel vom westlichen Fenster (1921) hauptsächlich ein zunehmendes Verfallen in okkultistisches Traktat und eine didaktische Aufbereitung der Stoffe.7 Kaum einer der Kritiker betrachtet diese Tendenz getrennt von der – zugegeben – kuriosen Biografie des Autors.

Gegen derlei Vorwürfe ist Meyrinks Romanerstling Der Golem (1915) aufgrund seiner zwar umstrittenen, aber durchaus vorhandenen literarischen Qualität gefeit. Diese wird zuletzt von Jan Christoph Meister (1987) betont, wenn er die kunstvolle Kombination einer psychologisch spannenden „Identitätsstudie“ mit naturalistischer Milieuschilderung, Kriminalstory und okkultistischen Elementen anführt. Die Komposition verschiedener literarischer Elemente ersparen dem Roman vor allem, so Meister, „die didaktisierte Einzügigkeit der späteren Texte“.8

1.1.3. Der Golem im Schnittpunkt zweier Werkphasen

Qasim sieht den Golem „am Schnittpunkt von Meyrinks satirischem und […] okkultistischem Schaffen“, wobei er die Mystik des Autors als konsequente Weiterführung seiner Satire im Sinne einer umfassenden Kultur- und Zeitkritik auffasst.9

Meister hingegen begreift die Funktion des Golem für das auseinanderklaffende Gesamtwerk in Hinsicht auf Form und Inhalt als die eines „Transformationsmediums“, das die narrativen Formen beider Werkphasen enthalte. Daher seien die ersten kategorisch getroffenen Bestimmungen des Golem als ‚Novellenroman’ in der einen und ‚Visionäres Buch’ in der anderen Rezeptionslinie Ausdruck einer jeweils einseitigen Betrachtung des Gegenstan-des.10

Von welcher Anschauung die Lesart auch motiviert sein mag, immer wird in der Meyrink-Rezeption der Golem hervorgehoben.

1.1.3.1. Entstehung und Erfolg

Seine fast sechs Jahre dauernde Beschäftigung mit dem Golem (1907 – 1913)11 unterbrach Meyrink mit einer beachtlichen Anzahl von Übersetzungen und der Abfassung von Komödien.12

Der Roman erschien zunächst 1913 als Serienabdruck in den Weißen Blättern und erst 1915 als preisgünstige Taschenbuchausgabe im Kurt-Wolff-Verlag, wo man sich auf eine Erstauflage von 2000 Exemplaren geeinigt hatte. Versehentlich wurde das Buch aber 20 000 Mal gedruckt und konnte in überraschend kurzer Zeit abgesetzt werden.13 Bis 1917 erreichte der Roman eine Auflagenhöhe von 145 Tausend, bis 1922 von 164 Tausend und bis 1932 von 191 Tausend.14

Von Qasim erfahren wir, dass dieser Erfolg erheblich vom Verlag forciert wurde, auch dadurch motiviert, dass der Autor wegen finanzieller Engpässe schon am 14. März 1912 nach Erhalt einer Honorarvorauszahlung sämtliche Rechte bezüglich des Golem an Kurt Wolff abgetreten hatte.15

Immerhin ist die große Wirkung des Romans im Ausland noch Anfang der Dreißigerjahre lebendig.16

Mit dem Verbot der Wunderhorn-Anthologie 1916 beginnt die Diffamierung des Autors durch die deutsch-nationale Presse, der im „Dritten Reich“ das absolute Verbot seiner Bücher wegen „weltanschaulicher Schädlichkeit“ folgt.17

Nach 1945 kommen dann mindestens acht verschiedene Auflagen des Golem heraus.18 Zu Beginn der Siebzigerjahre sorgt ein jenseitssüchtiges Publikum erneut für einen verstärkten Meyrink-Konsum.19

1.2. Rezeptionsgeschichte im Überblick

Teile der zeitgenössischen Literaturszene stehen jenem außergewöhnlichen Verkaufserfolg skeptisch gegenüber. Er gilt ihnen als Gradmesser für literarischen Unwert. Der in diesem Zusammenhang viel zitierte und vor allem den Spießerfeind Meyrink schätzende Kurt Tucholsky bemerkt zwar den „großen Erkenner“ und „Weisen“ im Verfasser des Golem, betont aber dessen schriftstellerische Unzulänglichkeit.20

In der modernen Rezeptionsgeschichte mündet dieses Werturteil in der Klassifizierung als Trivialliteratur.21

Wiederum sehen sich ausgesprochene Meyrink-Adepten seit Erscheinen des Romans veranlasst, Lobeshymnen auf ihren magischen Meister zu verfassen:

Oskar Loerke (1916) fasst den Golem als das visionäre Werk eines „echten Sehers“ auf. Franz Spunda (1923) nimmt Meyrink in sein Literatenkabinett der magischen Dichter auf. Er lässt sich weitschweifig über den „sich eingottenden Dichter“ aus, der als „Medium seiner Übersinne und erster asiato-europäischer Mensch sein Werk als Gebet und Opfer“ begreife. Für Herbert Fritsche (1935) ist Meyrink ebenfalls magischer Dichter und Deuter, „Prophet der Vorzeit“, zudem sein persönlicher Guru, der ihn qua Golem an uralten Weihen teilhaben lasse. Fritsche visio-niert seinerseits das Anwachsen der Gemeinde um Meyrink, die unbeirrt den Weg geht, den der Meister weise. Schließlich sieht Robert Cermak (1949) im Verfasser des Golem einen „wirklichen Magier“.22

Die Reihe ließe sich fortsetzen, doch verdeutlichen diese sich gegenseitig paraphrasierenden Beispiele hinreichend eine Tendenz der „Rezipientengemeinde“ (Meister), von einer Beurteilung des Textes als eines literarischen Stoffs mit Formeigenheiten, also nach literaturwissenschaftlichen Kriterien, abzusehen und ihr Hauptaugenmerk stattdessen auf die Lehren des Mystikers zu werfen.

Auch die relevanteren Meyrink-Forscher der jüngeren Rezeptionsgeschichte, wie Eduard Frank (1957), Manfred Lube (1970) und Mohammad Qasim (1981) liefern keine in erster Linie literaturwissenschaftlichen Beiträge zum Golem.23 Sie betrachten das literarische Gesamtwerk Meyrinks hauptsächlich unter biografischen und weltanschaulichen Gesichtspunkten, wobei die Beurteilung des Autors hier jeweils weitaus distanzierter und differenzierter ausfällt als bei ihren Vorgängern.

1.2.1. Zum Problem der Interpretation

Zwischen Geringschätzung und Überhöhung des Romans liegen einige wichtige literaturwissenschaftliche Arbeiten, die sich vorwiegend unter Heranziehung diverser okkultistischer Konzeptionen mit der Interpretation des Golem abmühen. Hierbei treten neben Ideen yogischer, buddhistischer, tibetischer, ägyptischmythologischer, gnostischer, alchimistisch-rosenkreuzerischer, freimaurerischer und anderer Herkunft vor allem Elemente der jüdischen Kabbala und des Tarot zutage.

Springen Kabbala und Tarot ohnehin namentlich ins Auge24, so lassen sie sich des Weiteren in Figurenkonstellation und Handlungsverlauf nachzeichnen:

Bella Jansen (1922) zum Beispiel weist das kabbalistische Sefirot-System in den Dreierkonfigurationen nach, während Heidemarie Oehm (1983) die Arkana-Konzeption des Tarot im Selbstfin-dungsprozess des Protagonisten transparent macht.25

Wiederum dadurch bedingt, dass der Synkretist Meyrink seine Vorlagen spielerisch ausgestaltet und diese den Text nicht starr determinieren, kommt der große Kabbala-Experte Gershom Scholem zu der Aussage, dass der Golem mit Kabbalistik nicht viel, mit Madame Blavatsky schon eher etwas zu tun habe.26 Er spielt damit auf die Begründerin der Theosophischen Gesellschaft (1875) an, die in ihren Schriften den Versuch unternommen hat, zahlreiche Geheimlehren zu einer Synthese zusammenzufassen.

In der Tat neigen einige Golem-Interpreten zu Textferne und Überinterpretation von Details, wodurch sie die Geschlossenheit der spezifisch Meyrinkschen Komposition übersehen, in dessen Mittelpunkt ein zur spirituellen Reifung bestimmter Mensch steht.