© 2013 Jens de Jonge
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand, Norderstedt
ISBN: 978-3-7322-7387-4
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.deabrufbar.
Dieses Buch ist unserer kleinen Tochter Katharina gewidmet, die seit ihrer Geburt an einem äußerst seltenen Gendefekt leidet. Katharina ist zwei Jahre alt und eine richtige Kämpferin. Als Familie lebt man urplötzlich von einen auf den anderen Tag, ohne zu wissen, was der nächste Tag bringt. Die Erkrankung ist bis heute nicht vollständig erforscht und man kann keine konkreten Aussagen zum Ablauf der Entwicklung und zur Lebenserwartung der Patientinnen und Patienten geben. Vorwiegend sind Mädchen von der seltenen genetischen Veränderung betroffen.
Katharina ist ein sehr fröhliches Mädchen und schafft es immer wieder, ihre Familie und die Menschen in ihrem Umfeld mit ihrer besonderen Art zu faszinieren.
Dieses Buch erzählt die ersten beiden bewegenden Jahre von Katharinas Geschichte!
Ein Stern am Himmel
Weit oben im Himmel gibt es Millionen von Sternen. Sie alle stehen an der Seite Gottes, unseres Vaters. Jeder einzelne Stern beherbergt ein unschuldiges und ungeborenes Leben, das darauf wartet, auf die Erde geschickt zu werden und die vielen Menschen mit neuem Leben glücklich zu machen. Auch ich war einmal ein Stern am Himmel. Wir alle waren irgendwann einmal Sterne des Himmels. Kaum einer von uns kann sich an die Zeit vor seiner Geburt erinnern. Und doch ist sie einer der bedeutendsten Augenblicke unseres Seins. Wer wir sind, wer wir sein werden und ganz besonders wohin wir gehen, wird in einem einzigen Augenblick unser weiteres Leben bestimmen. Lange Zeit schaute ich als leuchtender Stern auf die Erde hinab und sah all die vielen glücklichen Gesichter, die neues Leben empfangen durften und auch die kleinen Babys, die das Licht der Welt erblickten. Sie waren von Gott dem Herrn zu ihren Eltern geschickt worden, um von ihnen geliebt zu werden. Aber es gab auch traurige Menschen da unten auf der Erde. Frauen, die eigentlich gar kein Kind wollten. Paare, die nach langer Zeit des Wartens auf ein Baby endlich dachten, sie würden ihren Wunsch erfüllte bekommen und verloren ihn doch kurz darauf wieder. Ja, alle diese Dinge sind Gottes Fügung, der wir uns nicht widersetzen können. Jeder von uns Sternen hat einen Engel, der uns während unserer Zeit im Himmel begleitet und uns viel von dem Leben auf der Erde erzählt. Manche Dinge habe ich bis heute nicht verstanden. Wieso schenkt Gott neues Leben und nimmt es wieder? Warum schenkt er Menschen Kinder, die keine wollen und lässt die außer Acht, die sich so sehnlich ein Kind wünschen? Auch ich hatte einen Engel. Er hieß Jonathan und er war ein weiser Engel, der schon viele Male auf der Erde war und so manche Geschichte erzählen konnte. „Keiner kennt die Erde und die Menschen, die dort leben, so gut wie du, Jonathan“, sagte ich einmal zu ihm. Eines Tages fragte ich Jonathan, wieso ich schon so lange ein Stern bin und andere viel schneller ihren Weg auf die Erde antreten, um eine Familie zu bekommen. „Du bist etwas ganz Besonderes“, sagte Jonathan. „Viele Menschen haben Angst vor dem Besonderen und dem, was damit verbunden ist. Du bist nicht wie die vielen anderen kleinen Seelen, die wir jeden Tag zur Erde schicken“. Ich verstand anfangs nicht, was Jonathan damit meinte. Ich fragte ihn danach, doch seine Antwort war kurz. Er sagte: „Das wirst du schon bald erfahren“. Wieder verging viel Zeit und ich wartete und wartete bis Jonathan mich endlich holen kommen würde. Wenn die Engel kommen, um einen Stern abzuholen, dann darf dieser die Reise als neues Leben auf die Erde antreten. Jonathan kam oft zu mir. Mitgenommen hat er mich jedoch nicht.
Eines abends als es auf der Erde dunkel wurde und wir Sterne anfingen zu leuchten, wie wir es jeden Abend machten, kam Jonathan wieder zu mir. Ich freute mich schon auf eine neue Geschichte von ihm. Diesmal war es aber anders. Jonathan war festlich gekleidet. Seine Engelsflügel leuchteten so hell, wie ich es niemals zuvor gesehen hatte. Heute musste einfach der Moment gekommen sein, dachte ich mir und sah ihn mit großen Augen an. „Komm, Liebes“, sagte er zu mir und reichte mir seine Hand. Da war er also, dieser Augenblick auf den ich so lange gewartet hatte. Ich war sehr aufgeregt. Jonathan hatte mir ja schon so viel über die lange Reise zur Erde erzählt. Wie würde das wohl sein? Wir gingen Hand in Hand an vielen anderen Sternen vorbei, die mich alle seltsam ansahen. Hatte ich auch all die anderen Sterne so angesehen, als sie immer an mir vorbeigingen? Ich konnte mich daran überhaupt nicht erinnern. Ich konnte es nicht verstehen. Nach kurzer Zeit kamen wir an ein großes Tor. Ein Tor so groß, wie ich es nie zuvor gesehen hatte. Wir gingen hindurch und trafen dort viele andere Engel, die scheinbar auf etwas warteten. Es kam ein weiterer Engel hinzu. Er war groß und, anders als die wartenden Engel und auch anders als Jonathan, vollständig in Gold bekleidet. Sein Gewand leuchtete heller als jeder Stern, den ich je gesehen hatte. Seine Engelsflügel schimmerten in den schönsten Farben, wie der Regenbogen, den ich einmal unten auf der Erde gesehen hatte. Jonathan begleitete mich noch ein Stückbis zum goldenen Engel. „Du bist also unser kleines besonderes Mädchen“, sprach er zu mir und lächelte mich mit seinem liebevollen Gesicht an. „Wir möchten dich heute auf die Erde entsenden. Du wirst ein neues Zuhause bekommen bei Menschen, die dich lieben werden so wie du bist“, ergänzte er und sah Jonathan an. „Es gibt eine Familie da unten auf der Erde, die sich nichts sehnlicher wünscht, als ein kleines Mädchen in ihren Armen halten zu können. Die Mutter hoffte bislang so sehr vergebens auf eine Tochter, gebar sie doch bisher drei gesunde Söhne.“ Jonathan sah den goldenen Engel mit großen Augen an und sprach zu ihm: „Aber wieso ausgerechnet zu dieser Familie? Sie haben schon drei Kinder und der Vater ist viel arbeiten und selten da. Die Söhne sind gerade in einem Alter, in dem sie viel Erziehung und Aufmerksamkeit benötigen. Auch der Mutter geht es oft nicht sehr gut in dieser gesamten Situation.“ Doch auch darauf hatte der goldene Engel eine Antwort: „Du hast Recht, Jonathan. Und es wird auch nicht leicht werden für die Familie. Vor allem die Mutter wird anfangs große Schwierigkeiten haben, das Kind anzunehmen. Doch am Wichtigsten ist die Liebe. Die Liebe, die diese Menschen in der Familie unserem kleinen besonderen Stern jeden Tag zuteil werden lassen. Sie werden sich freuen über Dinge, die für sie bislang normal waren. Es wird auch Tage geben, an denen sie sich kraftlos fühlen durch die vielen neuen Herausforderungen, die ein besonderes Kind mitbringt.“ Was redeten die beiden denn da nur? Ich verstand immer weniger von dem Ganzen. „Was ist an mir denn so besonders!“ rief ich plötzlich. Die beiden schauten mich stumm an. „Aber Liebes“, sagte Jonathan. „Hast du das noch nicht gespürt?“ Gespürt? Was sollte ich denn gespürt haben? „Du bist deshalb ein besonderer kleiner Stern, weil du anders bist, als die vielen Sterne da draußen“. Jonathan nahm mich in den Arm. „Du wirst deinen Eltern und Geschwistern viel Freude bereiten. Doch du wirst für alles sehr viel länger brauchen als andere Kinder. Ob du alleine sitzen, krabbeln oder laufen kannst, liegt nicht nur in unseren Händen, mein Kind. Vieles wirst du vielleicht niemals können oder nur mit großer Anstrengung. Die Liebe deiner Familie allerdings und die große Fürsorge, die sie für dich aufbringen werden, kann so manches lenken und beeinflussen“, fügte der goldene Engel hinzu. Also das war es, dachte ich mir. Deshalb haben mich die vielen Sterne so seltsam angesehen. Ich war anders! „Es wird Zeit, kleiner Stern. Wir geben dich in diese Familie, weil nicht zuletzt durch ihre gesamten Lebensumstände, du als besonderes Kind dort herzlich empfangen und geliebt wirst. Für die Eltern wird es wird es eine wunderbar intensive Zeit mit dir. Du wirst das ganze Leben der Familie verändern. Dafür werden sie dir nicht böse sein. Im Gegenteil, sie werden dich dafür noch mehr lieben“, sagte der goldene Engel. Ich verabschiedete mich von Jonathan und begann meine lange Reise zu meiner neuen Familie.
Die lange Reise zu meiner Familie
Auf meiner langen Reise lernte ich schon etwas über meine neue Familie. Über meine Brüder, meine Mama und meinen Papa. Meine Eltern lernten sich vor neun Jahren kennen. Da war mein ältester Bruder Julian schon vier Jahre alt. Nur ein Jahr später heirateten sie. Mama hatte am Anfang wohl große Zweifel, ob das mit Papa wirklich gut geht. Wie sie mir später erzählte, kam die Liebe mit der Zeit immer mehr. Mein Papa war in Mama verliebt von dem Augenblick, an dem sie sich das erste Mal sahen. Doch was ist das, was die Menschen Liebe nennen? Ich kannte es bisher nicht. Doch woher auch. Ich war lange Zeit nur ein leuchtender Stern am Himmel. Ich wollte es unbedingt erfahren, wie es sich anfühlt geliebt zu werden. Würde ich es jemals kennenlernen, dieses Gefühl? Meine Mama arbeitete mit älteren Menschen und versorgte sie, weil sie das nicht mehr alleine können. Sie hatte gerade erst wieder angefangen, in diesem Beruf zu arbeiten. Vorher kümmerte sie sich um meine Brüder Manuel und Alexander. Papa arbeitete sehr viel. Er war fast nur unterwegs und wenn er mal Zuhause war, dann war er auch die meiste Zeit am Arbeiten. Er hatte kaum Zeit für meine Brüder. Papa sagte immer, er müsse Geld verdienen, dass alle etwas zum Essen, Trinken und Anziehen hätten. Wieder waren da diese neuen Wörter, mit denen ich nichts anfangen konnte. Was war bloß dieses Ding, das sie Geld nannten? Und wie würde es sich anfühlen, zu arbeiten? Alle diese Sachen waren für mich so neu und unverständlich. Meine Eltern hatten viel Streit in den letzten Jahren vor meiner Geburt. Meistens war der Grund die viele Arbeit von Papa. Aber es gab auch viele andere Dinge, über die Mama und Papa immer wieder stritten. Für meine Brüder war das bestimmt nicht schön. Da war doch diese Liebe, von der mir Jonathan immer erzählt hatte. Bedeutet das, dass man nicht liebt, wenn man streitet? Wie gerne hätte ich Jonathan jetzt dazu gefragt und ihn gebeten, mir dies alles zu erklären. Doch er war nicht da. Auf meiner Reise konnte er mich nicht begleiten. Ich wurde unsicher, ob der goldene Engel die richtige Entscheidung getroffen hatte. Wie konnte er mich nur zu einer Familie schicken, die offenbar genug eigene Probleme hat! Was sollen diese Menschen mit mir anfangen, einem besonderen Kind, das so viel Liebe und Aufmerksamkeit braucht? Was würde aus mir werden, wenn sie für mich keine Liebe mehr übrig hätten? Was würden meine neuen Brüder wohl über mich denken, wenn Sie erfahren, dass ich anders bin und viel Aufmerksamkeit brauche? Ich bekam Angst. Angst davor, dass meine Brüder mir die Schuld geben könnten, dass meine Eltern noch weniger Zeit für sie haben. Aber nun war es zu spät. Ich war bereits am Anfang meiner Reise und konnte nicht mehr umkehren. Das wollte ich doch auch gar nicht. Zu lange habe ich auf diesen Moment gewartet. Endlich durfte ich auch einmal zu einer Familie und die wunderbaren Dinge des Lebens kennenlernen. Doch könnte ich das überhaupt? Ich war mir nicht sicher, weil ich immer noch nicht wusste, was es mit meinen Besonderheiten genau auf sich hat.
Mama und Papa haben in ihrem Leben auch schon sehr viel erlebt. Mamas Kindheit war nicht so, wie sie sein sollte. Sie wuchs die ersten Jahre in Bulgarien bei ihren Großeltern auf. Der Vater von meinem Papa, also mein Opa, ist seit vielen Jahren ein Pflegefall, nachdem er eine Hirnblutung hatte. Als ich als Stern auf meine Geburt wartete, lernte ich im Himmel meine Uromas und meinen Opa, also den Vater von Mama, kennen. Die drei sind wundervolle Menschen gewesen. Sie machten mir immer Mut nicht aufzugeben und weiter daran zu glauben, dass ich eines Tages meine Chance auf ein Leben auf der Erde bekommen würde. Dies gab mir oft Hoffnung und Zuversicht, dass auch ich einmal eine tolle Familie finden werde, die mich bei sich aufnimmt und mich mit meiner Besonderheit akzeptiert. Wenn Jonathan einmal nicht bei mir war, erzählten Sie mir viel von ihren Erlebnissen auf der Erde. Wenn ich so darüber nachdachte, scheint es alles seit langer Zeit vorbestimmt zu sein, wer meine zukünftige Familie sein würde. Vielleicht musste ich so lange ausharren, weil meine Zeit einfach noch nicht gekommen war. Jonathan sagte einmal zu mir, dass besondere Kinder immer zu Eltern gehören werden, die im tiefsten Herzen lieben und stark genug sind, diese Aufgabe und alles, was damit verbunden ist, voll anzunehmen und auszufüllen.
Bei jeder Schwangerschaft mit meinen Brüdern wünschte sich meine Mama, dass sie ein Mädchen in sich trägt. Ja, manchmal war sie sogar enttäuscht, wenn sie erfuhr, dass sie einen Jungen bekommen sollte. So schön stellte sie sich immer die Zeit vor, wenn ihr kleines Mädchen heranwächst und sie die tollsten Kleidungsstücke in ihrer Lieblingsfarbe rosa gemeinsam kaufen könnten. In Gedanken hatte sie jedes Mal das Kinderzimmer in Mädchenfarben eingerichtet und musste diese Vorstellung doch immer wieder aus ihrem Leben streichen. Keine Frage, meine Mama liebt meine Brüder sehr. Doch ein Mädchen würde ihr Glück perfekt machen.
Noch nie hatte ich eine so lange Reise unternommen. Doch mein Ziel schien nun in greifbarer Nähe. Kurz vor meiner Ankunft hörte ich plötzlich Jonathans Stimme, die mich rief: „Liebes, du hast es fast geschafft und wir werden uns jetzt für ein paar Monate nicht sehen oder hören können. Du wirst dich nun langsam vom kleinen Stern in einen Menschen entwickeln. Hab keine Angst vor der Dunkelheit, die dich in nächster Zeit umgeben wird. Du bist sicher an dem Ort, an dem du die jetzt folgenden Monate verbringen wirst. Deine Mama wird schon bald merken, dass du angekommen bist. Du darfst auch keine Angst haben, wenn sie sich anfangs nicht besonders freut über dein Dasein.“ Was meinte Jonathan nur damit. Ich dachte, sie haben sich immer ein Mädchen gewünscht! Manchmal sprach er einfach in Rätseln und mich für mich nicht verständlich. Aber das war mir in diesem Augenblick egal. Ich wollte endlich ankommen. Und dann war er da, der Tag, an dem meine lange Reise vorerst zu Ende war. Ich fand mich plötzlich in einem dunklen Raum wieder und schwamm in klarem Wasser. Es fühlte sich so wunderschön warm und geborgen an. Das meinte Jonathan also mit der Dunkelheit. Ein paar Wochen vergingen und ich spürte plötzlich ein seltsames Gefühl. Es war fast so, als würde eine Sternschnuppe um mich herum fliegen. Alles um mich herum fing an, sich wie wild zu bewegen. Was passiert hier gerade um mich herum, dachte ich. Ich hörte Stimmen. Es war aber nicht Jonathan. Diese Stimmen waren mir fremd. Ich hatte sie bisher noch nie gehört. Woher kamen sie nur? Es musste von draußen kommen. Waren das etwa meine neuen Brüder oder meine Eltern? Die Stimmen wurden auf einmal lauter und aufgeregter. Es war eine dunkle und eine eher helle Stimme, die ich in meiner kleinen Höhle hören konnte. Mir kam der Gedanke, dass dies meine Eltern sein müssten. Und tatsächlich. Ich war endlich bei ihnen angekommen und konnte sie das erste Mal richtig wahrnehmen. Mich überkam ein Gefühl von Wärme und Freude. Es war das gleiche Gefühl, das ich spürte, als mir der goldene Engel sagte, ich würde endlich zu einer Familie kommen. „Schatz, ich bin schwanger“, konnte ich von draußen hören. Meine Mama sagte das zu meinem Papa. Ich konnte auch hören, dass sie zu ihm sagte, wie das passieren konnte und sie doch gerade erst wieder angefangen hatte zu arbeiten. Papa war auch etwas verunsichert. Er wusste in diesem Moment auch nicht, ob es richtig wäre, noch ein Kind zu bekommen. Doch ich spürte, dass Mama eher größere Probleme damit hatte. Sie dachte oft und viel darüber nach, ob sie mich wirklich wollte. Zu viele Gedanken kreisten immer wieder in ihrem Kopf. Sie hatte Angst vor einer weiteren Schwangerschaft. Ich konnte das einfach nicht fassen. Jetzt war ich endlich am Ende meiner langen Reise angekommen und hatte meinen Platz gefunden, um zu einem kleinen Menschen heranzuwachsen und nun wollte mich meine Mutter gar nicht haben? Was habe ich nur schon wieder falsch gemacht? Wusste sie etwa, dass ich eine Besonderheit in mir trage und lehnte mich deshalb ab? Jetzt hätte ich Jonathan wirklich gebraucht, um ihm diese Fragen zu stellen. Er hätte sicher eine Antwort darauf gehabt. Doch das ging ja leider nicht. Da erinnerte ich mich wieder an seine Worte, als er mir sagte, dass ich keine Angst haben sollte, auch wenn meine Mama sich anfangs nicht über mich freut. Ich spürte, dass Papa sich mehr und mehr damit anfreundete. Ja, er schien fast glücklich zu sein, dass ich in Mama heranwuchs und das gab mir Hoffnung, dass doch noch alles gut werden würde. Es dauerte einige Wochen, bis Mama sich mit dem Gedanken, ein Baby zu bekommen, auseinander gesetzt hatte. Sie brauchte viel Zeit. Für mich waren diese Wochen einfach unerträglich. Mama und Papa sprachen sehr oft darüber, ob es richtig sei und auch zur richtigen Zeit. Sie waren sich unsicher, ob sie diese Aufgabe mit noch einem Kind schaffen würden. Schließlich merkte ich, wie sich Mama um mich herum veränderte. Diese Enge, die ich in den letzten Wochen spürte, wenn Mama angespannt war und über mich nachdachte, war weg. Ich hatte wieder mehr Platz um mich herum und spürte eine wohltuende Gelassenheit. Jetzt war ich offenbar wirklich am Ziel. Was sollte jetzt noch passieren. Ein Mann, dessen Stimme ich noch nicht kannte, sagte eines Tages meiner Mama, dass sie in der sechsten Woche sei. Ich konnte gar nicht glauben, dass ich schon so lange hier drin war.
Es war alles unglaublich aufregend für mich. Ich merkte, wie ich langsam zu wachsen begann. Vor ein paar Wochen war ich noch als kleiner leuchtender Stern auf meiner Reise zu meiner Familie und nun wachse ich jeden Tag ein kleines Stück mehr. Ich spürte wie sich außerdem an mir Einiges veränderte. Es begannen Dinge an mir zu wachsen, die ich bisher nur an anderen Menschen gesehen hatte, die ich immer vom Himmel aus beobachtet hatte. Mein Kopf, meine Arme und meine Beine bildeten sich, doch ich konnte sie noch nicht bewegen. In meinem kleinen Körper wuchsen Organe heran, die mir später ermöglichen sollten, zu leben. Es war wundervoll die alles zu spüren und auch, wie Mama mich immer mehr lieb hatte und sich nun ganz sicher war, mich in ein paar Monaten das Licht der Welt erblicken zu lassen. Papa war leider nicht sehr oft Zuhause. Jeden Abend, wenn er mit der Arbeit fertig war und meine Brüder schliefen, legte er sich zu meiner Mama und streichelte mich durch ihren Bauch hindurch. Das war wunderschön. Ich konnte seine Hände auf mir spüren. Er sprach auch mit mir und erzählte mir, wie sehr er sich auf mich freute. Aber Mama ging es von Tag zu Tag schlechter. Ihr war immer furchtbar übel und sie konnte kaum etwas essen. Gerade in dieser Zeit hätte sie Papa sehr gebraucht. Aber er hat das leider nicht gesehen und weiter sehr viel gearbeitet. Manchmal Tag und Nacht. Ich konnte es einfach nicht verstehen, wieso man nur so viel arbeiten musste. An einem Tag war es besonders schlimm. Es wusste bisher noch kaum jemand, dass ich in Mamas Bauch war. Die ersten Wochen konnte immer mal etwas passieren. Das habe ich einmal gehört, als Mama mit jemandem darüber gesprochen hat. Manchmal dachte ich schon, sie wollten es niemandem erzählen, weil sie Angst vor der Reaktion der Menschen hatten, wenn sie nun noch ein Kind bekommen würden. Es lag aber vielmehr daran, dass sie vorsichtig sein wollten, falls mich unser lieber Gott doch wieder zu sich rufen würde, noch bevor ich mich wirklich in meiner kleinen Höhle eingelebt hatte. An dem schlimmen Tag waren Mama und Papa von Papas Firma zu einer Veranstaltung eingeladen. Weil es Mama aber wirklich nicht gut ging, war schnell klar, dass sie nicht hingehen würde. Papa wollte daraufhin eigentlich auch nicht mehr gehen. Das sagte er zumindest, als er morgens aus der Haustür ging und sich von Mama verabschiedete. Was dann jedoch passierte, konnte ich nicht verstehen. Papa ist doch tatsächlich auf diese Veranstaltung gegangen! Er hat weder Mama etwas davon gesagt, noch war er eine ganze Zeit lang erreichbar. War ihm seine Arbeit wirklich wichtiger als seine Familie? Mama war richtig fertig und es ging ihr immer schlechter. Meine drei Brüder merkten wohl auch, dass es ihr nicht gut ging. Auch für mich war es ein sehr beängstigender Moment. Alles was mich sonst so sicher umgab, wurde auf einmal ganz fest und wirkte sehr bedrohlich. Das wunderschöne Gefühl der Geborgenheit war in einem einzigen Moment vollständig weg. Ich spürte, dass es Mama nicht gut ging und rief nach Jonathan. Er musste mich doch hören und mir helfen. Ich hätte ihn jetzt so gerne an meiner Seite gehabt. Sicher hätte er mir die Angst nehmen und Mama beruhigen können. Doch Jonathan hörte mich nicht. Er konnte mir also nicht helfen und musste miterleben, wie dieses Ereignis ein großes Loch in Mama´s Herz riss. Papa hatte sie unglaublich enttäuscht und im Stich gelassen. Ich hörte, dass Mama mit jemandem sprach. War Papa endlich nach Hause gekommen? Ich konnte seine Stimme aber gar nicht hören. Sie telefonierte offensichtlich mit ihm. Das konnte mich etwas beruhigen. Aber was war nun schon wieder passiert? Meine kleine Höhle begann sich zu drehen. Erst langsam und dann wurde es immer schneller. Ich hörte einen dumpfen Knall und das Drehen stoppte so abrupt, dass ich gegen die Wand meiner Höhle knallte. Es war schrecklich, was um mich herum passierte. Sollte das etwa das schöne Leben auf der Erde sein? Nein, das konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Mama hatte sich so sehr aufgeregt, dass ihr Kreislauf durcheinander kam und sie hingefallen war. Zum Glück tat sie sich nicht ernsthaft weh und mir ging es ja soweit, bis auf den Schreck, auch gut. Mein Bruder Julian kam dann zu Mama und half ihr langsam wieder auf. Jetzt drehte sich plötzlich alles in die andere Richtung. Aber danach war es wieder in Ordnung. So kannte ich es ja. Mama war aber noch immer unruhig und wütend auf Papa, was ich auch zu diesem Zeitpunkt schon verstehen konnte. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis Papa endlich nach Hause kam. Ich hörte seine Stimme, als er zu Mama und mir kam. Sie sagte viele Sachen zu ihm, die ich nicht wirklich verstehen konnte. Ich war traurig darüber, dass es Mama so schlecht ging. Nach einiger Zeit wurde es etwas ruhiger und Mama schien sich ein wenig zu entspannen. Ich konnte es ganz deutlich spüren. Doch warum hat Papa das gemacht? Er wusste doch, dass es Mama nicht gut ging, als er auf die Arbeit gegangen ist. War ihm die Arbeit wirklich so viel wichtiger als unsere Familie? Ich nahm mir vor, dass ich ihn irgendwann einmal danach fragen würde. Mama fühlte sich in der ganzen Schwangerschaft von Papa sehr im Stich gelassen. Sie weinte viel und fragte sich, ob es richtig war, noch ein Kind zu bekommen. Die Zweifel an dieser Entscheidung fraßen sie unglaublich auf. Sie ging sogar zu einer Psychologin, weil es neben mir noch viele andere Dinge gab, die sie sehr beschäftigten und belasteten. Es muss für sie alles sehr schlimm gewesen sein. Ich wollte doch nicht, dass Mama unglücklich ist. Aber ich konnte ihr einfach nicht helfen. Zu vieles kam in der Schwangerschaft mit mir bei Mama wieder ins Gedächtnis, das sie noch nicht verarbeitet hatte. Papa nahm sie auch einfach nicht ernst. Egal wie schlecht es ihr manchmal ging, hörte ich immer wieder von ihm, dass er ja arbeiten gehen müsste und versuchen würde, früher nach Hause zu kommen. Doch Mama und ich waren dann erstmal für viele Stunden alleine. Sie hatte ja auch noch meine Brüder zu versorgen, die im Kindergarten waren. Manchmal wusste sie nicht einmal, wie sie sie abholen sollte. Papa hat sie morgens ja wenigstens noch hingebracht, so dass Mama nur für den Mittag etwas organisieren musste. Zu schlecht ging es ihr, um dorthin zu laufen. Es war wirklich keine schöne Zeit. Mama wollte doch endlich einmal eine glückliche Schwangerschaft, in der sie sich keine Sorgen machen musste und sich auf ihr Baby freuen konnte. Eine Schwangerschaft, in der es ihr wirklich immer gut geht und sie jeden Tag genießen konnte. Doch leider wurde auch dieses Mal nichts daraus. Sie machte sich ohnehin wahnsinnig große Sorgen um mich und hatte unheimliche Angst, dass mit mir etwas nicht in Ordnung sein könnte. Vor allem in den ersten Monaten ging sie oft zum Frauenarzt, um sich untersuchen zu lassen. Sie wollte jedes Mal wissen, ob es mir noch gut ging. Erst, wenn sie im Ultraschall gesehen hatte, wie mein kleines Herzchen schlug, war sie wieder beruhigter.
Die ganze Aufregung hatte Mama aber überhaupt nicht gut getan. Ich schlief gerade sehr entspannt in meiner kleinen Höhle und trieb im warmen klaren Wasser, da wurde ich unsanft durch ein Drücken an meinem ganzen Körper geweckt. Nicht schon wieder, dachte ich mir. Was ist nun wieder los? Das Drücken kam und ging. Es war diesmal ganz anders als vorher, wenn Mama sich aufgeregt hatte. Mama war schon wieder richtig schlimm angespannt und ließ sich von Papa sicherheitshalber ins Krankenhaus fahren. Nach einer Untersuchung, bei der Mama mich auf einem kleinen Fernseher sehen konnte, wusste sie, was da um mich passierte. Sie hatte Wehen. Natürlich war das viel zu früh und das bedeutete, dass wir erst einmal im Krankenhaus bleiben mussten. Sie bekam jetzt eine Medizin, die die Wehen unterdrücken sollte und musste vor allem viel liegen. Endlich kam auch ich dadurch wieder etwas zur Ruhe. Es war schon sehr anstrengend, was ich bisher alles durchgemacht hatte. Zwei Tage blieben wir dort, bevor wir wieder nach Hause durften. Papa tat es natürlich sehr leid, was er gemacht hatte und er entschuldigte sich immer wieder bei Mama. Auch bei mir entschuldigte er sich mehrmals, indem er durch den Bauch mit mir sprach. Ich genoss es jedes Mal, wenn er so zärtlich und liebevoll Mamas Bauch streichelte. Ich konnte das richtig spüren. Einen Tag später hörte ich auf einmal so komische Geräusche. Eigentlich war es ein sehr bekanntes Geräusch, das ich schon seit einigen Monaten immer hörte. Es musste Mama´s Herz sein. Es schlug bisher immer sehr ruhig und gleichmäßig. Doch an diesem Abend war es nicht so. Es war schnell und wurde immer schneller. Dann machte es lange Pausen. Länger als die Pausen, die es sonst machte zwischen den Schlägen. Diesmal bekam Mama große Angst und Papa musste einen Arzt rufen. Er versuchte Mama zu beruhigen obwohl er selbst Angst zu haben schien. Als die netten Leute vom Rettungsdienst eintrafen, ging es Papa schon etwas besser und er erzählte, was passiert war. Die Entscheidung fiel schnell, dass Mama und ich wieder einmal ins Krankenhaus mussten. Schon wieder, dachte ich in diesem Moment? Warum hat Jonathan mir das alles nicht vorher gesagt, wie aufregend und anstrengend hier alles ist! Ich hätte mich zwar nicht gegen ein Leben auf der Erde entschieden, aber mit Sicherheit nicht so große Angst gehabt.
Im Krankenhaus stellte sich nach einigen Untersuchungen heraus, dass Mama´s Herz stark aus dem Rhythmus gekommen war. Wodurch das verursacht wurde, konnte auch niemand wirklich erklären. Jedenfalls konnte keine ernsthafte Erkrankung festgestellt werden, was meine Eltern wirklich sehr beruhigte. Auch für mich waren das gute Nachrichten. Ich hatte auch wahnsinnige Angst, dass Mama etwas zustoßen könnte. Nach einer Woche durften wir das Krankenhaus wieder verlassen und zu Papa und meinen Brüdern zurück. Für Mama bedeutete das alles aber, dass sie sich wirklich schonen musste und auch im Haushalt nichts mehr machen durfte. Das war für sie unglaublich schwer. Sie war schon immer ein Mensch, der gerne alles ordentlich und sauber hatte. Jetzt musste sie um sich herum alles in die Hände von Papa geben, was ihr wirklich nicht leicht fiel. Sie gab ihm oft Anweisungen, was er als Nächstes machen sollte und war auch mit Kritik nicht zurückhaltend. Aber so ist meine Mama halt. Ich glaube Papa wusste, dass sie es nicht so meinte und eigentlich froh war, dass er nun endlich erkannt hatte, dass es ihr wirklich schlecht ging und sie unterstützte. Zum Glück bekamen wir auch eine Haushaltshilfe, die diese Aufgaben in der nächsten Zeit erledigte und damit meine Eltern entlastete. Naja, und natürlich auch, um Papa weiter seine Freiräume zu lassen, um wieder so viel arbeiten gehen zu können. Wir brauchten ja schließlich das Geld. Das hatte Papa ja damals schon oft zu Mama gesagt. Ich hoffte nur, dass