“A real human is somebody who feels and who expresses his or her feelings.
This may sound easy. It isn't.
A lot of people think or believe or know what they feel – but that's thinking or believing or knowing: not feeling. And being real is feeling – not just knowing or believing or thinking.
Almost anybody can learn to think or believe or know, but it's very difficult to feel.
Why?
Because whenever you think or you believe or you know, you are a lot of other people: But the moment you feel, you are nobody but yourself.
To be nobody but yourself - in a world which is doing its best, night and day, to make you everybody else - means to fight the hardest battle which any human being can fight;
and never stop fighting.”
(E.E. Cummings)
Eigentlich will ich gar nicht viel sagen, außer: Leute, fühlt doch bitte eure Gefühle!
Allein das würde alles verändern, in eine Richtung, die wir so sehr brauchen.
Nun braucht es aber doch einige Worte, um ein Buch zu füllen und, im Grunde, diese eine Botschaft zu vermitteln.
Ich war so frei, mir Worte bei KollegInnen und Mitmenschen zu holen, die eben über genau das, was da gesagt werden muss, sehr gute Worte gesagt haben. Mit Dank und Respekt habe ich meins mit ihren Worten bereichert.
Noch einige weitere einleitende Worte:
Freiheit ist ein Gut, das uns seit altersher anzieht.
Sicherlich versteht fast jeder unter Freiheit etwas anderes, aber es scheint für uns alle etwas Großes und auf ganz unterschiedliche Weise Begehrenswertes zu sein.
Auch ich bin überzeugt davon, dass es eine begehrenswerte Freiheit gibt, die sich, ganz eindeutig, in unserem Inneren befindet, so wie alle anderen wirklichen Werte.
Der freie Mensch ist für mich einer, der jetzt ganz da ist, der verantwortlich und verbunden in dieser Zeit präsent ist und nicht durch Abwesenheit, Verdrängung und Vermeidung glänzt.
Der freie Mensch stolpert ganz klar nicht von einer Sucht in die nächste, verspannt und gierig auf Lustverheißendes fixiert sondern stellt sich mit all seinen Gefühlen, so, wie sie kommen, der Welt, so wie sie ist. Innere Wahrheit stellt sich der äußeren.
Ich träume schon mein Leben lang davon, mit solchen Menschen hier zusammen zu leben.
Und diesem Traum meines Selbst und allen, die ihn mit mir träumen, widme ich mein Buch.
Fühlen und Gefühle sind zwei Kategorien, die getrennt voneinander existieren. Wir alle haben Gefühle, aber nicht alle von uns fühlen sie. Fühlen ist eine Seinsqualität, die kein Gefühl ausschließt, verbannt, vermeidet, verdrängt. Kinder fühlen, aber unfreiwillig. Fühlen ist ihre Natur. Heranwachsen und erwachsen werden heißt in unserer Kultur, das Fühlen abzustellen. Erwachsene leben nur im Kopf, spüren ihren Körper nicht mehr und wissen nichts von ihren Gefühlen. Mit all den Problemen, die daraus erwachsen, füttern sie unsere Konsumwirtschaft, die gierig aus jedem Problem einen Markt erschafft. Aus diesem menschenfeindlichen Kreis kann man nur aussteigen.
Ich möchte einen Weg aufzeigen, wie das geht. Ich bin diesen Weg gegangen und gehe ihn weiter. Es gibt keinen anderen für mich. Und viele sind ihn mit mir gegangen, und auch für sie gibt es keinen anderen.
Christian Rätsch* hat gesagt: Nur das, was aus dir heraus kommt, ist deins, alles andere ist fremd bestimmt.
So ist das. Aussteigen aus der Gefangenschaft eines menschenfeindlichen Kreises heißt aussteigen aus der Fremdbestimmung.
Wenn wir fühlen, können wir niemandem etwas zuleide tun. So einfach ist das, aber nur dann.
Vielleicht ist es gut, noch ein bisschen über mich selbst zu schreiben, denn meine Arbeit ist mein Weg, obwohl in allen Kapiteln auch immer mal etwas Persönliches auftaucht.
Jetzt, wo ich dies schreibe, bin ich 59 Jahre alt, und mir geht es immer besser. Ich bin kerngesund und lebe ein einfaches, stilles Leben, das im Wesentlichen aus meiner Arbeit besteht, meiner Familie und meinen Freunden.
In meiner Kindheit habe ich einige Schmerzen angesammelt und unter großen Mühen versucht, damit klar zu kommen, wie alle anderen auch. Aber ich hatte immer das Gefühl, ich falle aus dem Rahmen, ich gehöre nicht dazu, ich steh auf alleinigem Posten. Ich weiß, dass es viel, viel schlimmere Kindheiten gibt, und ich trage meinen Eltern gar nichts nach. Ich habe alle meine Schmerzen integriert und bin ihnen, meinen Eltern, in Liebe und Dankbarkeit verbunden.
Als ich mit der Primärtherapie begann, im Alter von 27 Jahren, hatte ich einiges an psychosomatischen Erkrankungen, spannungsreichen Zuständen und leidvollen Beziehungen hinter mir. Es war eine große Befreiung, als ich endlich einen geschützten Raum gefunden hatte, in dem ich schreien, heulen, toben, wimmern und alles aussprechen durfte, so viel ich wollte und dabei therapeutisch begleitet wurde. Das war es, was ich brauchte und wollte. Ich wusste sofort, dass ich das weiter geben will. Dafür lebe ich.
Heute liege ich nur noch selten auf der Matte, aber es ist immer wieder ein Genuss, meine Gefühle fühlen zu können. Jedesmal, wenn ich es tat und auch heute tue, fand und finde ich es einfach nur genial.
Ich habe mich immer als Anwältin unserer Gefühle verstanden und sehe meine Aufgabe nach wie vor darin, ihnen zum Ausdruck, zum Leben zu verhelfen.
Ich bin sehr froh, dass ich es geschafft habe, über mein Lieblingsthema, das Fühlen, ein Buch geschrieben zu haben. Es ist mir ein Herzensanliegen, es der Öffentlichkeit preis zu geben, obwohl es auch eine Herausforderung für mich ist, so sichtbar zu werden.
Unsere Gefühle führen ein Schattendasein im einzelnen Menschen, im Kollektiv, in unserer Kultur, in unserer Welt. Das hat Konsequenzen, mit denen wir täglich umgehen. Ich möchte mit meinem Buch darauf aufmerksam machen und Mut machen zur Veränderung.
* Ethnopharmakologe, der sich einen Namen gemacht hat mit Büchern über psychoaktive Pflanzen und Schamanismus
Mensch sein heißt, etwas zu brauchen und abhängig zu sein. Wenn wir auf die Welt kommen, gibt es nur das, und das ist zu Beginn unseres Lebens für uns alle gleich. Wir sind zu 100% Bedürfnis und abhängig. Nicht einmal den Kopf können wir allein drehen. So, wie wir gebettet werden, müssen wir es hinnehmen. Was immer uns entgegen gebracht wird, wir können es nicht verändern. Allenfalls können wir schreien, wenn es nicht gut ist, und es liegt dann ebenfalls außerhalb unserer selbst, ob das etwas bewirkt.
Aber, sind wir willkommen und werden geliebt, bekommen wir, was wir brauchen, werden wahrgenommen und angenommen, dann sind da unendlicher Frieden und Stille, und wir sind ein Geschenk an die Welt.
Wenn wir größer werden, verändert sich alles. Wir können uns fort bewegen. Wir können sprechen, ja und nein sagen. Wir können selbst nehmen und geben. Wir können unendlich viel lernen. Wir können denken und geistig und materiell Großartiges bewirken. Und doch brauchen wir und sind abhängig.
Viel Wehren gibt es dagegen, große Mühen und Anstrengungen, um das Gegenteil zu beweisen. Warum eigentlich?
Der Mensch, ein Universum, nicht anders als das große, von dem er ein kleiner Teil ist, ein Körper, in dem eine Seele wohnt und ein Geist. Das alles zu händeln, in Balance zu halten, in Ordnung zu halten, gesund zu erhalten, zur Erfüllung zu bringen, zu genießen, braucht viele Leben des Lernens, viele Fehler und viele Möglichkeiten des Ausgleichens.
Ein fühlendes Wesen ist der Mensch mit seinem Körper, mit seiner Seele und seinem Geist.
Wir fühlen Trauer und Schmerz. Wir fühlen Liebe und fühlen uns geliebt oder wir fühlen uns ungeliebt. Wir fühlen uns angenommen oder nicht. Wir fühlen uns verstanden oder nicht. Wir fühlen Freude und Lust, Überschwang, Ekstase. Wir fühlen uns schlecht. Wir fühlen Wut. Wir fühlen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Wir fühlen uns weit und offen oder eng und verschlossen. Wir fühlen Schrecken und Angst. Wir fühlen uns schwach oder stark, klein oder groß. Wir fühlen uns licht oder dunkel. Wir fühlen uns ruhig, ausgeglichen, gelassen, zufrieden oder unruhig und getrieben. Wir fühlen Hoffnung und Erwartung. Wir fühlen uns bedürftig und abhängig oder frei und selbständig. Wir fühlen immer! Aber nur selten machen wir uns bewusst, was wir gerade fühlen. Warum eigentlich?
Unsere Gefühle sind uns nicht willkommen. Sie sind nicht sehr beliebt bei uns. Cool sein ist in. Stark sein ist in. Immer über den Dingen stehen ist in. Wir kommen ins Strudeln, wenn wir uns auf unsere Gefühle einlassen. Sie sind uns unbekannt, verwirren und verunsichern uns, sie machen uns Angst. Immer noch!
Kein Wunder! Wir haben nie gelernt, mit ihnen umzugehen. Wir haben nie gelernt, sie zu fühlen. Wir haben nur gelernt, sie zu vermeiden, zu verstecken, zu unterdrücken, zu verdrängen. Unsere Gefühle zu kontrollieren gilt als Charakterstärke. Unsere Gefühle führen ein Schattendasein in unserem Unbewussten, und wir fürchten uns davor, dass sie, ausgelöst durch irgendetwas, an die Oberfläche kommen und uns aus der Fassung bringen, uns vielleicht gar überrollen, überschwemmen und uns Schachmatt setzen.
Eine körperliche Krankheit haben, die einen Namen hat, ist gesellschaftlich anerkannt. Damit können wir zum Arzt gehen, eine Medizin einnehmen. Wir können damit zuhause bleiben, uns krank schreiben lassen, sie auskurieren. Wir können darüber reden, bekommen vielerlei Zuwendung, man wünscht uns eine gute Besserung, aber wann fragen wir uns selbst oder auch uns gegenseitig mal: Wie fühlst du dich eigentlich, und was fühlst du?
Viele Menschen können mit der Frage gar nichts anfangen. Viele Menschen sind nicht oder nur selten offen für ihr gefühlsmäßiges Erleben. Und viele Menschen fühlen sich vollkommen gefühlskalt, an allem nur noch wenig interessiert und auch wenig interessiert an sich selbst. Sie sind sich selbst peinlich, mögen gar nicht tiefer in sich hinein schauen und ernsthaft aus ihrer Tiefe etwas über sich mitteilen. Viele Menschen haben das Gefühl, dass ein Teil in ihnen verschüttet ist, dass sie sich gefühlsmäßig nicht ausleben können, dass sie weder richtig wütend noch spontan sein können. Sie fühlen sich gar nicht mehr lebendig.
„Ich komme mir vor, wie in einem Käfig. Ich kann meine Gefühle zwar irgendwie ahnen, aber meine Gedanken, mein Kopf haben sie fest im Griff.“1
Gefühlsmäßig verschlossene Menschen empfinden sich häufig als kalt, gleichgültig, desinteressiert, leer. Oft verspüren sie auch Angst. Sie fühlen sich wie eingesperrt, nicht frei, ihr Fühlen zu erleben.
„Ich bin ganz weit weg von mir, fühle mich seelisch leer, wie tot. Menschen erreichen mich nicht gefühlsmäßig und berühren mich nicht mehr. Ich komme mir vor, wie eine Maschine, die nur funktioniert.“ 2
„Ich hasse mich. Aber noch nicht einmal dieses Gefühl lasse ich richtig zu. Hass und Aggression sind die einzigen Gefühle, die ich empfinde. Und um meine Aggressionen abzureagieren, betrinke ich mich oder ich höre wahnsinnig laute Musik oder ich fahr wie ein Wilder mit dem Auto durch die Gegend.“3
Manche Menschen erleben sich selbst und ihre Umgebung wie hinter einer Glasscheibe, steril und distanziert.
Wenn wir unsere Gefühle nicht fühlen können, leiden wir.
„Der Mensch erfährt die Realität der Welt nur durch seinen Körper. Die äußere Umwelt beeindruckt ihn, weil sie auf seinen Körper einwirkt und seine Sinne beeinflusst. … Je lebendiger unser Körper ist, umso intensiver nehmen wir die Realität wahr und umso aktiver reagieren wir auf sie. Wir wissen alle aus eigener Erfahrung, dass wir die Welt deutlicher wahrnehmen, wenn wir uns besonders gut und >lebendig< fühlen. Wenn wir aber deprimiert sind, wirkt die Welt stumpf und farblos. … Die Lebendigkeit des Körpers zeigt sein Fühl-Vermögen an. Ohne Gefühl ist der Körper >tot<, das heißt, ihm fehlt die Fähigkeit, sich von einer Situation beeindrucken zu lassen oder auf sie zu reagieren.“4 sagte Alexander Lowen, der Vater der Bioenergetik schon vor 26 Jahren.
„Das zentrale Verlangen des Körpers ist, gefühlt zu werden,“5 sagt Arthur Janov, einer der Väter der Primärtherapie.
Der Mensch erfährt die Realität durch seinen Körper. Der Körper, ein Instrument der Wahrnehmung und des Ausdrucks, dessen direkte, unmittelbare Ausdrucksform das Fühlen ist. Ein lebendiges Fühlen, d.h. ein nicht blockiertes, ein nicht unterdrücktes Fühlen ist eine immer stattfindende Kommunikation mit dem Leben. In reiner, klarer Form sehen wir das bei Babys und kleinen Kindern. Unentwegt fühlen sie und drücken ihr Fühlen aus. Wir können es direkt sehen und wahrnehmen. Wir können auch sehen und wahrnehmen, wenn sie anfangen, es zu verbergen. Ihr inneres Erleben und Geschehen ist noch ganz offen.
Das fasziniert uns immer wieder, bringt uns aber auch an unsere Grenzen. Zu sein wie die Kinder, erscheint uns einerseits anziehend und andererseits fürchten wir uns davor und verabscheuen es. Kinder gehen uns mit ihrem ständigen Gefühlsausdruck auch oft auf die Nerven.
Jeder Mensch ist als Baby auf die Welt gekommen und hat eine Kindheit durchlebt, und wenn wir dann erwachsen geworden sind, sprechen wir von einem inneren Kind, das wir in uns tragen. Ein Kind ist ein geheimnisvolles Wesen. Es trägt die Magie des Lebens in sich und bringt uns immer wieder auf wundersame Weise damit in Kontakt. Es trägt verschlüsselte Botschaften in sich, die zu entschlüsseln seine Aufgabe ist auf seinem Weg des Heranwachsens. Die Erwachsenen, denen die Obhut eines Kindes zugetan ist, tragen große Verantwortung für seinen Entwicklungsweg.
Auf unserem Weg vom kleinen Kind zum großen Erwachsenen machen wir eine Entwicklung durch, die zu einer Persönlichkeit führt. Wie wir im Leben da stehen, wie wir unser Leben bewältigen, wie wir mit unserem Leben umgehen, hängt davon ab, wie dieser Entwicklungsweg verläuft. Es gibt ein gesundes Maß an Einschränkungen, Verletzungen und Widrigkeiten, die ein Mensch verkraftet, ohne Schaden zu nehmen. Er reift daran und lernt dadurch. Unsere Gefühle und unser Umgang mit ihnen spielen eine große Rolle darin, und eine große Rolle spielen eben auch, was wir gezeigt bekommen und was uns vorgelebt wird in der eigenen Familie und in der Gesellschaft, in der wir groß werden. Ist dieses Maß überschritten, fängt die Persönlichkeit an, sich zu verbiegen. Jeder Mensch hat sein eigenes Maß und entwickelt seine eigenen Verbiegungen, um zu überleben. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten innerhalb einer Kultur, denn eine Kultur ist ein System, in dem jeder Einzelne zugehörig ist.
Aus meiner 30 jährigen Arbeit mit den tiefen Gefühlen unzähliger Menschen heraus ist mein großes Anliegen gewachsen, zusammen mit Ihnen, verehrter Leser, verehrte Leserin, zu betrachten, wie wir in unserer Kultur mit unserem Fühlen umgehen, was das mit uns als einzelnem Menschen macht, und was das mit unserer Kultur macht. Ich möchte mit Ihnen anschauen, was da innerhalb unseres gesellschaftlichen Systems und innerhalb unserer Selbst am Wirken ist. Ich möchte Ihnen aufzeigen, dass es da einen Wurm gibt, der, wenn wir ihn ignorieren und leugnen, großen Schaden anrichtet und schon viel großen Schaden angerichtet hat, sowohl im einzelnen Menschen, als auch in unserem Kollektiv. Wenn wir ihn aber erkennen und uns ihm stellen, beinhaltet das eine große Chance zur Heilung unserer Selbst wie auch unseres Kollektivs.
Die menschlichen Entwicklungsgeschichten in unserer Gesellschaft sind voller Widrigkeiten, die das Maß dessen, das ein Mensch verkraften kann, um gesund zu bleiben, überschreiten.
Diese Störungen, so will ich sie vorerst einmal nennen, sind Folgen von Entbehrungen in unseren Kindheiten. Was wir entbehren mussten und immer noch müssen, ist Liebe, ist fehlendes Fühlen. Wir durften nicht fühlen und wir wurden nicht gefühlt von unseren Eltern. Wir alle sind fühlende Wesen, die nicht-fühlend geworden sind. Auf diese Weise gelingt es uns immer wieder, jede erdenkliche Form von Unfrieden herzustellen zwischen uns, in dem es für Kinder und ebenso für die Erwachsenen eine Qual ist zu leben, für Tiere und Pflanzen übrigens auch und erst recht für Mutter Erde, eben für alles Lebendige. In dieser Qual deformieren das Denken und das Fühlen und letzten Endes dann die Körper. Die Störungen in unseren Entwicklungen, auf die ich noch eingehen werde, und unser “Talent“, dem Lebendigen das Leben immer wieder schwer zu machen, hängen zusammen mit den Spaltungen, die wir in uns tragen, die Spaltung zwischen Kopf und Körper, zwischen Kopf, Herz und Bauch, zwischen Fühlen und Denken, zwischen unserem Selbst und unserer konditionierten Persönlichkeit, d.h. unserem innersten Wesen und dem, was wir gelernt haben, zu sein, was wir nach außen präsentieren.
Ich will in diesem Buch über das Fühlen schreiben und über unsere Gefühle und ihre Vielschichtigkeit.
Was ich nicht will, ist, wissenschaftliche Geradlinigkeit zu beanspruchen.
Ich will eher in Anekdoten davon erzählen, wie wunderbar es ist, den Schmerz zu fühlen, anstatt ihn zu verdrängen und fest zu halten. Ich will auch davon erzählen, was alles geschieht, wenn wir das nicht tun, denn wir tun es ja nicht, seit vielen Generationen. Unsere Gefühle nicht zu fühlen, ist die Doktrin unserer Kultur, und ich will davon erzählen, wie das aussieht in den Einzelbiografien, die mir seit 30 Jahren in meiner Praxis begegnen, aber auch in unserer Gesellschaft, in unserer Kultur, aus dieser Perspektive geschaut.
Ich will auch davon erzählen, wie es vielleicht aussehen könnte, wenn alle ihre Gefühle fühlen könnten und würden, anstatt pausenlos nach Ersatzbefriedigung zu suchen.
Die geistigen Grundlagen meiner Arbeit und meiner Anschauungen findet man in der Humanistischen und Transpersonalen Psychologie, ganz besonders in der Primärtherapie und Prä- und perinatalen Psychologie, aber auch in der Schamanischen Heillehre.
Insgesamt beinhalten diese Wege, dass Heilung und Ganzwerdung im Geist geschehen, dass es um Erkenntnis und Bewusstwerdung geht und jede Krise eine Chance ist.
Es gibt eine Geschichte, die fast schon eine Legende ist und vielen bekannt, aber inzwischen auch vielen unbekannt und neu, eine Geschichte, die ganz am Anfang der Primärtherapie steht. Sie steht in der Einführung zu Arthur Janovs erstem Buch „Der Urschrei“. Janov berichtet da von einem Geschehnis in seiner psychologischen Praxis, das für ihn die Entdeckung des Urschmerzes war. Er beharrte in einer Sitzung mit einem jungen Mann darauf, dass dieser laut nach Mammi und Pappi rufen sollte. Sein Patient, der sich zunächst weigerte, dann aber nachgab, wurde sehr erregt, rutschte auf den Fußboden, krümmte sich und schrie irgendwann diese Worte, wie in höchster Not. Das Ganze hatte nur wenige Minuten gedauert, und beide wussten nicht, was geschehen war, aber der junge Mann sagte: „Ich hab’s geschafft! Was, weiß ich nicht, aber ich kann fühlen!“
Das ist in der Mitte der 60iger Jahre geschehen in der Praxis des Freudschen Analytikers Arthur Janov, in Los Angeles.
Das war mit Sicherheit nicht die einzige Situation, in der sich in einer analytischen Therapiestunde ein Gefühl aus der Tiefe eines Menschen Bahn brach. Das Besondere dieser Situation war, dass der Therapeut nicht eingriff, seinen Patienten gewähren ließ und diesem Phänomen nach ging. Er hatte in dieser Sitzung begriffen, dass das Fühlen des Gefühls seinem Patienten die Befreiung von seinem Leiden gebracht hatte. Und das war etwas Zentrales, etwas Wesentliches. Wenn es so funktionierte, dann war es wert, ins Zentrum einer Therapie gerückt zu werden.
Die Entwicklungsgeschichte innerhalb der Psychologie, die sicherlich auch interessant ist, möchte ich an anderer Stelle beschreiben, aber hier geht es mir erst einmal um die Essenz des Fühlens, die wir, trotz aller Entwicklung innerhalb der Psychologie, weiterhin verdrängen.
Dieses Fühlen, das uns verloren geht, ja, regelrecht abtrainiert wird durch unsere Erziehung und gesellschaftliche Konditionierung:
Ein Indianer kennt keinen Schmerz,
Lass dich nicht so gehen,
Alte Heulsuse,
Reiß dich mal zusammen,
Wird schon wieder
und noch viele andere, mehr oder weniger freundlich gemeinte, gefühlsunterdrückende Botschaften, dieses Fühlen ist eine natürliche Fähigkeit, mit der wir alle auf die Welt kommen und die zu uns gehört, ja, die uns Menschen ganz wesentlich ausmacht. Wir können unsere Gefühle fühlen, und diesem Fühlen Ausdruck geben. Wir können weinen und aus tiefem Schmerz heraus schreien. Wir haben die Fähigkeit, das ganze Spektrum menschlicher Gefühle zu erfahren und zwar voll und ganz. Über das volle Fühlen unserer Gefühle integrieren wir Schmerzen und Situationen im Leben, die uns Schmerzen zugefügt haben, und wir entwickeln einen starken Sinn für uns selbst, das heißt, wir lernen uns selbst darüber kennen und finden heraus, wer wir sind.
„Das Gefühl der Identität wurzelt in einem bestimmten Körper-Gefühl. Um zu wissen, wer man eigentlich ist, muß man sich dessen bewußt sein, was man fühlt.“6
Je mehr wir wagen, der oder die zu sein, die wir sind, umso gesünder sind wir in unserer Emotionalität.
Emotional gesund sein, heißt, lebendig sein und authentisch sein. Die eigenen Gefühle fühlen zu können bedeutet, sich selbst und anderen nichts vormachen müssen, vor sich selbst und vor anderen nichts verstecken müssen. Es bedeutet auch, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und für sich selbst einstehen zu können. Ein fühlender Mensch nimmt sich selbst an, so wie er ist; er fühlt sich verbunden mit dem Leben, ist offen, direkt und ehrlich und fühlt sich innerlich frei. Wir alle wissen intuitiv um den Wert dieser Qualitäten und sehnen uns bewusst oder unbewusst danach.
Aber viele Menschen sind gefangen in Selbstzweifel und Selbstablehnung. Viel Energie wird verbraucht, jemand zu sein, der man nicht ist, anderen zu gefallen, Erwartungen zu erfüllen und zu versuchen, perfekt zu sein. Echte Gefühle werden verdeckt durch Aggressivität, Erwartungen oder Dominierungen oder cool sein. Wir wiederholen Fehler, bleiben in unbefriedigenden Beziehungen und Jobs, sind hin und her geschubst von unseren Gefühlen oder werden depressiv. Wir wissen vielleicht nicht, dass unser Leben anders sein kann. Der Kreis der Not wird aufrecht erhalten, indem wir unsere gefühlsunterdrückende Prägung an unsere Kinder weiter geben.
„Über Jahrhunderte hat man uns beigebracht, nicht zu fühlen. Es ist eins der ältesten Unterlassungskom-mandos.“
„Nicht fühlen zu dürfen ist das Kainsmal der menschlichen Rasse. Wenn wir das Fühlen begraben, dann begraben wir zugleich die unermesslichen und subtilen, intuitiven Landmassen des Gehirns. Wir verlieren den größten und den am meisten organisch produktiven Teil von uns selbst. Der innerste Kompass des Geistes zeigt falsch. Intuition und Kreativität leiden Schaden. Das Empfindungsvermögen für das Selbst und die Welt erlahmt. Nichts ist wichtiger, als dass der Therapeut seinem Klienten die Erlaubnis zu Fühlen wieder gibt.“7
Nichts ist wichtiger, als dass wir uns selbst erlauben, wieder zu fühlen. Wie geht das?
Unser Fühlen ist zunächst ein Zulassen unserer Wahrnehmung. Das, was ist, ganz empfinden, uns dafür öffnen in unserem Geist, in unserem Bewusstsein, es nicht vermeiden, nicht ausweichen. Dann aber findet das Fühlen im Körper statt. Es ist ein Zulassen des Fließens, des Strömens der Lebensenergie.
Den Augenblick ganz wahrzunehmen und zu empfinden, bedeutet auch, die Störungen ins Bewusstsein zu lassen, die da sind und die Auswirkungen zu spüren, wenn die Lebensenergie nicht fließt, die Verspannungen und Verklemmungen wahrzunehmen, die Bauchschmerzen, die Enge in der Brust, den Druck im Kopf wahrzunehmen und dann die Angst, den Schrecken, die Verzweiflung, die Traurigkeit zu spüren und alle anderen schrecklichen und unangenehmen Gefühle und damit in Kontakt zu sein.
Das setzt die Bereitschaft voraus, aus dem allgegenwärtigen Verhaltensmuster, diese, von uns als negativ bezeichneten Gefühle nicht fühlen zu wollen, aus den Verhaltensmustern unserer Gefühle verdrängenden und vermeidenden Kultur auszusteigen.
Um zum Fühlen zu kommen, müssen wir anhalten, zum Stillstand kommen.
In der Regel ist es so, dass wir angehalten werden müssen, weil wir alleine, ganz aus uns selbst heraus, ohne Hilfe von außen, große Schwierigkeiten damit haben, anzuhalten. Das ist eine Aufgabe des Psychotherapeuten, den Klienten erst einmal anzuhalten, damit dieser wahrnehmen kann, was mit ihm los ist, was seine innere Realität ist.
Was bedeutet es, angehalten zu werden? Was muss denn angehalten werden und warum? Und warum brauchen wir dazu den Psychotherapeuten?
Was angehalten werden muss, nenne ich mal den normalen Fluss, den normalen Ablauf des Lebens. Mit normal meine ich Abläufe, die nicht hinterfragt werden, über die wir nicht weiter nachdenken.
Anstatt über die normalen Abläufe, die gewohnten Verhaltensmuster im eigenen Alltag nachzudenken und sie zu hinterfragen, klagen wir oft. In der Tat wird viel geklagt.
Das Klagen ist sehr verankert in unserer Gesellschaft und allgemein anerkannt. Menschen treffen sich zum gemeinsamen Klagen und fühlen sich meist auch besser danach, weil Klagen ein Ventil ist, durch das wir Druck ablassen können. Und da haben wir z.B. etwas Konkretes, das angehalten werden muss, das Klagen. Angehalten werden bedeutet z.B., Ventile zu schließen, durch die wir Druck ablassen.
Ein weiteres Ventil, durch das wir viel Druck ablassen, sind unsere andauernden Aktivitäten. In unserer Kultur, und in unserem Land nochmal in besonderer Weise, sind wir sehr aktive Menschen. Man könnte sagen, wir sind zwanghafte Tuer / Macher. Ständig müssen wir etwas tun. Wir leben sehr im Außen und wollen da immer alles perfekt haben. Tun und Nichttun befinden sich bei uns im Ungleichgewicht. Wir haben große Schwierigkeiten, nichts zu tun.
Ich durfte als Kind nicht nichts tun. Dann hieß es gleich: Hast du nichts zu tun?
Ich habe in meiner Kindheit gelernt, dass Nichts-Tun irgendwie schlecht ist und habe viel Zeit mit Putzen verbracht. Putzen und zwanghafte Ordnung und Sauberkeit haben mir seelischen Halt gegeben und waren für mich ein Ausgleich zu all dem, was in mir und um mich herum nicht in Ordnung war.
Zum Thema Tun gehört auch das Thema unserer gelernten und geerbten Beurteilungen von Aktivitäten in sinnvoll und weniger sinnvoll bzw. unsinnig. Wir unterscheiden sinnvolles Tun und sinnloses Tun. Sinnvolles Tun soll sinnvolle Ergebnisse bringen, also Gebasteltes im Kindergarten, gute Noten in der Schule und in der Ausbildung, Lob und Anerkennung der anderen und später dann Geld, gutes Einkommen, damit ich ein guter Konsument sein kann.
Wesentlich weniger wichtig ist die eigene Freude, das eigene Interesse am Tun, das spielende Forschen und forschende Spielen der Kinder. Frühzeitig beginnen wir, ihnen beizubringen, dass etwas rauskommen muss dabei, ihr Tun an einen Zweck zu binden.
Mir fällt dazu die Geschichte vom Maulwurf und der Grille ein. Die Grille hatte den ganzen Sommer lang nur Musik gemacht auf ihrer Fidel und nicht, wie die anderen Tiere, den Vorrat für den Winter gesammelt. Als es dann kalt wurde, bat sie einen nach dem anderen um Einlass, aber sie wurde immer wieder abgewiesen mit dem Argument, wer den ganzen Sommer nur faul war und sich nicht gekümmert hat, hat es nun auch nicht verdient, versorgt zu sein. Zum Schluss fand sie den blinden Maulwurf, der ein gemütliches und warmes Zuhause hatte, mit vielen Vorräten und glücklich war, das alles teilen zu dürfen mit der Grille. Sie verbrachten wohl den schönsten Winter zusammen, musizierten und bekochten sich, und es ging ihnen gut.
Um die eigenen Grenzen und die eigene Konditionierung herauszufiltern, kann es hilfreich sein, mal etwas scheinbar ganz Unsinniges zu tun und dem sinnlosen Tun etwas Raum zu geben im eigenen Leben. Möglicherweise erfahren Sie dabei, wie schwer Ihnen das fällt. Aber vielleicht entsteht auch Muße in Ihnen, Entspannung und das Gefühl, Zeit zu haben.
Wir sollten uns wieder bewusst machen, wie wichtig das Nichts-Tun ist, nicht nur in der Kindheit, auch im Erwachsenenalter und gerade dann. Kinder tun aus sich selbst heraus nichts (Langeweile / Träumen), wenn wir sie lassen. Mit Nichts-Tun meine ich nicht meditieren. Meditation ist zwar ein explizites Nicht-Tun, aber es ist nicht Nichts-Tun, es ist auch ein Tun. Es gibt Formen und Ziele.
Nichts-Tun ist ein vollkommenes Anhalten und damit ein Ankommen im Augenblick, und dann kann ich wahrnehmen, lauschen.
Wir haben große Angst davor, denn das erste, was wir wahrnehmen, sind wir selbst.
Aber warum haben wir Angst, uns selbst wahrzunehmen? Ist es denn nicht eine Freude, sich selbst zu spüren? Ja, das sollte es wohl sein. Stellen Sie sich doch einmal selbst und auch ihren Mitmenschen die Frage: Nehme ich mich selbst gerne wahr? – Ja, werden einige sagen, wenn es mir gut geht, das heißt, wenn ich bestimmte Bedingungen erfülle.
Um zum Fühlen zu kommen, muss ich mich anhalten lassen, muss durch meine Angst hindurch, mir selbst zu begegnen und mich bedingungslos wahrnehmen.
Damit ist nicht gemeint: sich hinsetzen und eine Zigarette anstecken oder eine Tasse Kaffee trinken, was für viele Menschen ein geliebtes Ausruh-Ritual ist, das sie täglich praktizieren.
In diesem Fall sind die Zigarette und die Tasse Kaffee das Ventil.
Sich selbst wahrnehmen, damit ist gemeint: die Zigarette nicht anstecken und keine Tasse Kaffee trinken, sondern sich so hinsetzen, die Augen schließen und sich selbst wahrnehmen, sich spüren, ohne wenn und aber. Das zulassen, was ist, ohne es zu beurteilen.
Reine Wahrnehmung ist frei von Urteil.
In der Primärtherapie, die ich noch ausführlich beschreiben werde, beginnt eine Sitzung damit, sich in die abwehrlose Haltung zu begeben, d.h. man liegt flach auf dem Rücken, sogar ohne Kissen unter dem Kopf, die Arme neben dem Körper und die Beine nicht über Kreuz. Dann nimmt man ein paar tiefe Atemzüge und lauscht in sich hinein.
Was nimmst du jetzt wahr? Und einen Schritt weiter: Was fühlst du jetzt?
Und all die Therapiearbeit, die jetzt kommt, sei einmal woanders hingestellt, aber lassen Sie uns doch mal diesen Augenblick betrachten unter dem Gesichtspunkt: sich Zeit nehmen für die eigenen Gefühle. Nicht nur über sie sprechen, das ist auch wichtig, auf jedenfall, aber nicht nur über sie sprechen sondern sie eben auch fühlen.
Wir sind fühlende Wesen, und zum Fühlen müssen wir uns Zeit nehmen. Wenn wir das nicht tun, dann hat das viele nachteilige Folgen.
Wenn wir unsere Gefühle nicht fühlen, werden wir krank. Unsere Gefühle sind ein wichtiger Teil der Natur in uns, und unsere Gefühle sind die Sprache unserer Seele. Wenn wir nicht fühlen, stirbt die Natur in uns. Unsere Umwelt spiegelt uns diesen Prozess des Sterbens. Und wir verlieren immer mehr unsere Lebendigkeit, denn Fühlen heißt lebendig sein. Das Leben, die Natur in uns und unsere Seele wollen gehört werden.
„Das alltägliche Leben lehrt uns, unangenehme Gefühle zu entschärfen, indem wir etwas dagegen tun. Im „Tun“ des Alltags essen wir, wenn wir Hunger haben; wenn wir wütend sind, verletzen wir; wenn wir brauchen, suchen wir Befriedigung.
Im „Tun“ der Tiefentherapie legen wir uns hin und fühlen. Das Gefühl führt zu Erkenntnis; die Erkenntnis führt zu Klarheit; die Klarheit zu Gelassenheit und all das zusammen führt zur Entstehung eines neuen organischen Selbst.
Das organische Selbst kämpft nicht darum, etwas zu tun. Das organische Selbst reagiert spontan und als Ganzes auf äußere und innere Reize – natürlich, harmonisch und ohne Anstrengung. Das organische Selbst kämpft nicht mit aller Gewalt um Kontrolle.“ 8
In der Regel haben wir Menschen vor unseren Gefühlen Angst. Wir haben Angst vor der Tiefe unserer Gefühle. Wir haben Angst vor Schwäche, darum jagen wir wie verrückt Leistungen hinterher. Wir haben Angst vor Schmerz und Angst davor, er könnte nicht mehr aufhören, wenn wir ihn denn zulassen. Wir haben Angst, die Kontrolle zu verlieren, weil wir Angst davor haben, wahnsinnig zu werden. Wir haben gelernt, unsere Gefühle dauernd unter Kontrolle zu halten, mit dem Ergebnis, dass wir eine große Angst entwickelt haben vor vollem Gefühlsausdruck. Wir haben Angst, uns selbst bis in unsere Tiefen kennenzulernen. Es könnte ja sein, dass uns nicht gefällt, was uns da begegnet oder dass wir uns erschrecken, vor uns selbst. Und so haben wir ein verklemmtes und gestörtes Verhältnis zu unseren Gefühlen und zu unserer Tiefe und tragen immer weiter die Überzeugung in uns, dass es eben doch darum geht, alles unter Kontrolle zu haben, weil unsere Gefühle falsch und schlecht sind und uns schaden, wenn wir sie rauslassen.
So sind wir konditioniert worden. So sind wir erzogen worden. Und unsere Angst vor dem, was hinter diesen Grenzen liegt, ist groß und tief, ganz ähnlich der Angst, die Menschen haben können vor einem fernen, fremden Land. Man könnte sagen, es gibt ein fernes, fremdes Land in uns, das uns herausfordert, entdeckt zu werden. Nun kann man nicht gerade sagen, dass jeder ein Entdecker ferner, fremder Länder ist. Und ich denke, die meisten von uns schauen sich lieber im Fernsehen an, wie einige wenige Fremdes und Fernes entdecken. Und Hand auf’s Herz, viele von uns wären, wenn sie ehrlich sind, ihre Gefühle lieber komplett los, als sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Unsere Gefühle befinden sich in einer Ecke, wo Lästiges, Störendes, Ungeliebtes, Unangenehmes abgestellt ist.
Aber auch auf diese Weise wird niemand seine Gefühle los. Im Gegenteil, je mehr wir unsere Gefühle unterdrücken, umso mehr stauen wir sie auf. Es ist, als würden wir einen Deckel auf einen Topf drücken, in dem was kocht. Aufgestaute und unausgedrückte Gefühle laufen Gefahr, überzukochen und Beziehungen zu zerstören oder sie implodieren und zerstören unsere Körper. Unsere Gefühle abzulehnen führt dazu, dass wir uns selbst ablehnen. In dem Maße, in dem wir unsere Gefühle als negativ bezeichnen und sie nicht akzeptieren, in dem Maße empfinden wir uns selbst als negativ und akzeptieren uns nicht. Wir haben diese Botschaft von unseren Eltern übernommen und fahren nun fort, sie uns selbst zu geben.
Diese Konditionierung und diese große Angst haben das starke Tabu geschaffen: Gefühle dürfen nicht gefühlt und ausgedrückt werden.
Ein Tabu ist, laut Fremdwörter-Duden, eine sittliche, konventionelle Schranke, die nicht überschritten werden darf. Solche starken und tiefen Konventionen werden von Generation zu Generation weiter gegeben. Wir saufen sie sozusagen mit der Muttermilch und führen tagtäglich unser Leben unter ihrem Gebot. Was unsere Gefühle betrifft, leben wir unter dem Gebot: Wirkliches Fühlen ist nicht erwünscht. Das bedeutet, es ist für jeden von uns tabu Ich -Selbst zu sein. Wenn ich nicht Ich-Selbst sein darf, muss ich mich nach außen orientieren, denn das, was in mir ist, ist nicht erlaubt.
Und so ist unsere Gesellschaft, unsere Kultur, völlig nach außen gerichtet. In der Erziehung innerhalb der Familien und innerhalb der Schulen wird permanent gelehrt und vorgelebt: Richte dich nach außen. Da ist das Wissen, der Reichtum, die Kraft und die Hilfe, im Außen, in dem, was in Büchern steht, in dem, was andere dir sagen, in den äußeren Autoritäten. Von außen wird uns mitgeteilt, welche Bedürfnisse wir haben und wie wir sie zu befriedigen haben und, wenn wir Probleme haben, wie wir sie loswerden können. Maßgeblich geht es darum, sie zu betäuben. Auf diese Weise höhlen wir uns immer weiter aus, verlieren immer weiter unsere innere Substanz und den Zugang dazu. Wir sind schon ganz hohl geworden, abhängig, geschwächt, nur noch fähig zum Konsumieren. Unsere Kultur hat uns völlig entmutigt, uns selbst zu vertrauen und mit unserer inneren, natürlichen Heilkraft unserer Gefühle zu kooperieren.
Da wir aber fühlende Wesen sind und permanent Gefühle ausgelöst werden vom Leben, die wir dann aber nicht fühlen dürfen, laut kulturellem Diktat, ja, die uns noch nicht mal zu Bewusstsein kommen dürfen, spalten wir uns permanent von uns selbst ab.
Da diese nicht-fühlende, gespaltene Kultur schon lange andauert, hunderte, ja, tausende von Jahren, ist diese Spaltung, in und aus der heraus wir leben, längst chronisch. Chronische Deformierung wird schon per Gen weiter vererbt. Auch der Embryo, der sich in einer gespaltenen Mutter befindet, hat eine Art Wahrnehmung dafür. Es ist eine Wahrnehmung auf sehr tiefer, existenzieller Ebene für das Geschehen. Er nimmt wahr, dass es ihn spaltet.
Aus diesem Gespalten-Sein heraus schaffen wir unsere Wirklichkeit. Wir können nicht anders.
Das Tabu ist eine Folge der Spaltung und erzeugt sie gleichzeitig weiterhin. Es ist ein Kreislauf, der sich selbst erhält, und den zu verlassen, sofort Angst auslöst.
Tabus sind aber auch Schranken, die immer wieder eine Herausforderung für uns sind. Es gibt Zeiten, in denen wir gegen diese Schranken förmlich anrennen. Wir wollen sie brechen und endlich frei werden davon. Bei diesen Gelegenheiten begegnen wir großen Ängsten, die auftauchen, wenn wir über Grenzen gehen wollen. Sie sind wie Wächter an den Schwellen. Wir begegnen aber auch den Ängsten der anderen, die uns daran hindern wollen, gesellschaftliche Konventionen zu verlassen.
Angst und Tabu gehören zusammen. Sie bedingen sich gegenseitig und erhalten einander. Mir scheint, dass die Angst das Regiment führt. Das Tabu ist etwas Starres, eine Regel, eine Norm und dazu noch alt. Angst aber taucht ganz lebendig und bedrohlich auf, wenn wir gegen eine Grenze stoßen und hält uns in Schach. Angst hat viele verschiedene Gesichter. Sie kann die kindliche Angst vor dem Dunkel sein, die Angst, entdeckt zu werden, wenn man etwas Verbotenes gemacht hat. Sie kann die Angst vor einer Gefahr sein, Angst, abgelehnt zu werden, Angst vor dem Allein-Sein, Angst, nicht verstanden zu werden, Angst vor Schmerz, Angst vor dem Tod und zu alledem noch die Angst vor der Angst. Angst hält uns klein und eng und gefangen.
Sich mit der eigenen Angst auseinanderzusetzen erfordert Mut.
Mit der Angst lässt sich in der Tat sehr gut Geschäft machen. Jemand, der Angst hat, ist manipulierbar und erpressbar. Wir zahlen gerne was für unsere Sicherheit, auch wenn es nur Illusionen sind, die wir da kaufen. Aber wir hängen an unseren Illusionen. Wir arbeiten viel, um den Erhalt unserer illusionären Welt bezahlen zu können. Jeder Katastrophenfilm zeigt uns, wie alles, was wir uns aufgebaut haben, in wenigen Minuten vernichtet werden kann, aber wir verdrängen das sofort wieder.
Die Haupttodesursache in der Welt ist die Verdrängung, sagt Arthur Janov, einer der Väter der Primärtherapie. Und die Worte der bekannten Ökologin, Joanna Macy, dazu sind:
„Ich glaube, dass von allen Gefahren, die uns drohen, keine so groß ist, wie die Verdrängung.“9
Wir verdrängen Tag für Tag, dass wir weiterhin damit beschäftigt sind, die Lebensgrundlagen für uns selbst und alle unsere Nachkommen zu zerstören. Wir haben viele Möglichkeiten, zu verdrängen. Konsumieren und Aktivismus sind zwei stark frequentierte Wege. Konsumieren was das Zeug hält, von Dingen über Essen, Reisen, Informationen, Erkenntnisse, Methoden, man kann alles konsumieren, sich damit voll stopfen, nur um nicht die eigene innere Wahrheit zu fühlen. Der andere Weg ist das Tun, permanentes aktiv sein, bloß nicht zur Ruhe kommen. Und wenn dann der Körper endlich zur Ruhe kommt, rast das Gehirn weiter. Hilflos sind wir in dieser Raserei, in diesem Wegrennen vor uns selbst, gefangen.
In dieser Zeit, in der wir Zeugen einer globalen Krise sind, deren Ausmaß wir noch nicht kennen, ist viel Bewusstsein von Angst bestimmt. In dieser Zeit gehen die Zahlen der pharmazeutischen Industrie nach oben, boomen die Apotheken und der Drogenmarkt. Wenn es kritisch wird, wollen wir uns betäuben, das ist der alte Weg des gespaltenen Menschen.