


Impressum
1. Auflage, Wewer 2014
Herausgeber: Bernhard Sill
Satz und Layout: Marie-Gabrielle Gräfin zu Ortenburg und Martina Sill
Herstellung und Verlag: BoD - Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN: 978-3-7386-8125-3
© Alle Rechte vorbehalten
Jede Form der Vervielfältigung oder Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit vorheriger schriftlicher Einwilligung des Herausgebers, Prof. Dr. Bernhard Sill, Kardinal-Schröffer-Str. 24, 85072 Eichstätt.
Ein Wort des Dankes Frau ROSWITHA BRÜGGEMEIER und Herrn RAINER POGANIUCH für ihre Bereitschaft, mir den gesamten dichterischen Nachlass ihrer Mutter vertrauensvoll zur Sichtung zu überlassen.
Ein Wort des Dankes ISA FREIFRAU VON ELVERFELDT für ihre Bereitschaft, diese kleine Werkausgabe der Weweraner Dichterin Elisabeth Poganiuch-Flören verlegerisch im Rahmen ihrer Wewer-EDITION zu betreuen.
Ein Wort des Dankes MARIE-GABRIELLE GRÄFIN ZU ORTENBURG und meiner Frau MARTINA SILL für die vielfältige Mühe, die Gestaltung des Layouts zu übernehmen.
Ein Wort des Dankes Herrn Oberstudiendirektor i. R. HARTMUT MECKE, Gymnasium St. Michael Paderborn, für seine Bereitschaft, mir die Kopie eines Zeugnisses der Schülerin Elisabeth Flören zugänglich zu machen.
Ein Wort des Dankes Frau DORIS JUNG-OSTERMANN, die mir den sensationellen Fund der im Nachlass ihres Mannes Professor Dr. FRIEDRICH OSTERMANN befindlichen Druckfahnen des ersten Gedichtbandes »Krug Erinnerung« von Elisabeth Poganiuch-Flören zur Verfügung gestellt hat.
Ein Wort des Dankes Herrn ANDREAS GAIDT, Stadtarchiv Paderborn, für seine engagierte Unterstützung meiner Archivarbeit.
Ein Wort des Dankes dem Heimatbund Wewer e.V. für sein Einverständnis zum Abdruck der Gedichte von Elisabeth Poganiuch-Flören, die in der Zeitschrift des Heimatbundes Wewer »Der Weweraner« erschienen sind.
Ein Wort des Dankes der Volksbank Elsen–Wewer–Borchen eG, Filiale Wewer, wie der Volksbank Paderborn–Höxter–Detmold eG, Filiale Wewer, für die finanzielle Unterstützung der Drucklegung des Buches.
Eichstätt, 20. August 2014
Bernhard Sill
Vielen Menschen an der Front und in der Heimat sind die vom WV veröffentlichten Gedichte Elisabeth Flörens immer wieder glückliche Erhebung und stille Tröstung. Wie oft und eindringlich ist uns das bestätigt worden! Heute geben wir der Dichterin, die in Wewer bei Paderborn lebt, das Wort, damit sie ein wenig über sich selbst aussagt.
Die Schriftleitung
Aufgefordert, über mein Leben und besonders mein Schaffen etwas zu berichten, muss ich zunächst sagen, dass das beste Wurzelelement allen künstlerischen Werkens die angestammte Heimaterde ist. Nachdem ich 6 Jahre außerhalb gelebt habe, ist mir das nach einem erneuten Niederlassen in der alten lieben Heimat so recht bewusst geworden.
Wo nun aber die eigentlichen Kräfte und Mächte des künstlerischen Schaffens liegen, wer vermöchte das zu sagen? »Man weiß nicht, von wannen es kommt und braust.« Oft ist es so, dass ein Eindruck, bewusst oder meist unbewusst in sich aufgenommen, in die Seinsschichten heruntergesickert, nach kürzerer oder langer Zeit anhebt, sich zu regen, oft mit einem andern Eindruck oder Gedankenblitz sich verbindet und mit süßer Not und rauschender Bedrängnis zur Gestalt will. Da heißt es mit allen Kräften des menschlichen Wesens, mit einer trunkenen Nüchternheit das chaotische Fließen, das blinkende Brausen des Seelen- und Sinnenstromes einzufangen, es zu meistern und zu formen. Wenn nun immer wieder neue Wellen heranbrausen und gestaltet werden wollen, so dass sie eine starke Belastung der gesamten menschlichen Kräfte werden, so möchte man oft abwehrend rufen: Halt ein! Aber: Du kleiner Leib, was soll dein Ach und Sträuben, komm mit, komm mit! Denn sieh, die Stunde brennt und loht.
So ist es wenig, was ich über mein Schaffen sagen kann. Das Geschaffene muss mich und meine Art deuten.
Und ich meine, ein jeder soll sehen, wie er den ihm angemessenen Kreis von Fähigkeiten und Aufgaben meistert, zur Erreichung höchster Ziele, zur Erweiterung und Vollendung der eigenen Persönlichkeit, im unentwegten Tun für das Vaterland: der Soldat an der Front wie die Mutter im Kreise der Kinder, der werkende Mensch an der Maschine wie der Dichter im Erleben, Erleiden und Formen aus Not, Freude und tiefer innerer Einsamkeit heraus.
Quelle: Westfälisches Volksblatt 94. Jg. – Nr. 195 – 21./22. August 1943 – S. 3.

Weweraner Eichenallee
Foto: Bernhard Sill
BERNHARD SILL
»Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort.
Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.«
JOSEPH FREIHERR VON EICHENDORFF
Ich erinnere mich noch gut. Der Tag meiner ersten heiligen Kommunion war für mich ebenso wie für alle meine Klassenkameradinnen und -kameraden der Volksschule Wewer ein besonderer Tag. Der Weiße Sonntag fiel damals auf den 25. April 1965, und eine der Überraschungen des Tages war die, dass mein vier Jahre jüngerer Bruder Rainer zu diesem festlichen Anlass vor den versammelten Gästen ein Gedicht vortrug, das meine Mutter bei der ihr gut bekannten Weweraner Dichterin ELISABETH POGANIUCH-FLÖREN eigens für diesen Tag in Auftrag gegeben hatte. Das kleine ganz in kindgerechter Sprache verfasste Gedicht, das die eingeladenen Verwandten und Bekannten unserer Familie seinerzeit zu hören bekamen, hat diesen Wortlaut:
Zur Kommunion
Voll Freude habe ich gehört:
Du hast Besuch bekommen.
Ein Gast so groß und schön und wert,
der uns erschaffen Himmel, Erd’,
hat in dir Platz genommen.
Er kam durch deine kleine Tür
im goldenen Sonnenkleide.
Für solche Ehre, solche Zier,
was schenken wir ihm nur dafür?
Ein Herz voll Lieb’ und Freude.
Gern gebe ich zu, dass ich als Kommunionkind nicht ohne einen gewissen Stolz wahrgenommen habe, dass eine Dichterin sich die Mühe gemacht hatte, eigens für mich zur Feier meiner ersten heiligen Kommunion ein Gedicht zu schreiben. Ich habe mich wenige Tage später, als meine Mutter und ich sie im Dorf trafen, bei der Dichterin dann bedankt. Geblieben ist mir der Eindruck, dass es sie selbst wohl gefreut hatte, mir diese kleine – es war natürlich eine große – Freude gemacht zu haben. Der Dank, den ich ihr als knapp zehnjähriger Junge abstatten konnte, war zugegebenermaßen ein kleiner. Wahrscheinlich habe ich ein Wort des Dankes »gesagt«, das meine Mutter mir »vorgesagt« hatte.
Was damals – im Jahre 1965 – ein kleiner Dank war, soll jetzt – im Jahre 2014 – ein großer Dank sein. Es ist mir als gebürtigem Weweraner eine Freude und eine Ehre, einen guten Teil des Werkes der Weweraner Dichterin ELISABETH POGANIUCH-FLÖREN wieder zu veröffentlichen. Dass es wahrlich eine »dankenswerte Aufgabe« sei, ihre Dichtung »buchmäßig zusammenzufassen und sie der Mitwelt und Nachwelt zur Kenntnis und verdienter Würdigung zu bringen«, hat bereits im Jahre 1977 Dr. ALBIN SCHMIEMANN im Westfälischen Volksblatt1 und in der Neuen Westfälischen2 mit Nachdruck betont.
Es war der Philosoph MARTIN HEIDEGGER (1889-1976), der einmal bemerkt hat, dass die Worte »danken« und »denken« etymologisch miteinander verbunden sind. Denken kann uns zum Danken führen, und sicher ist das bei dem dichtenden Denken bzw. denkenden Dichten der Weweraner Dichterin Elisabeth Poganiuch-Flören der Fall. Die Worte ihrer Verse geben denen, die sie lesen, zu denken, und so bedanken wir uns bei ihr in der gebotenen Form, wenn wir ihrer so »gedenken«, dass wir »bedenken«, was sie uns zu »denken« geben wollte, wenn sie, was alle guten Dichterinnen und Dichter tun, dichtend Wirklichkeit verdichtete.
1 SCHMIEMANN, DR. ALBIN: Sie gehört zu den Stillen im Lande. Aus Freude am Schreiben. Elisabeth Poganiuch-Flören heute 70 Jahre, in: Westfälisches Volksblatt 130. Jg. – Nr. 163 – 18. Juli 1977 – erste Lokalseite Paderborn.
2 SCHMIEMANN, DR. ALBIN: Elisabeth Poganiuch-Flören. Eine der Stillen im Lande. „Bedeutendes Talent im westfälischen Raum“, in: Neue Westfälische 167. Jg. – Nr. 164 – 19. Juli 1977 – erste Lokalseite Paderborn.
Bestätigen können alle, die ELISABETH POGANIUCH-FLÖREN einmal begegnet sind und sie näher kennenlernen durften: Sie war wer. Das ist keine Frage. Doch wer war sie? Dazu etwas Stimmendes und darum Stimmiges, da ihrer Persönlichkeit wirklich gerecht werdendes zu sagen, ist gar nicht so leicht.
Jemand, der das deutlich gespürt hat und in Wewer kein Unbekannter ist, ist UWE NATUS (* 1944), eigener Bezeichnung nach Puppenspieler, Pädagoge und Kinderbuchautor. In seinem in der Ortszeitschrift »Der Weweraner« erschienenen Nachruf auf ELISABETH POGANIUCH-FLÖREN schrieb er, ihr dichterisches Schaffen würdigend, auch diese Zeilen:
»Ich frage mich jetzt, da Elisabeth Poganiuch-Flören nicht mehr lebt, was habe ich von ihr zu Lebzeiten gewusst? Was war das für ein Mensch, den ich manchmal traf, wenn die Autoren des Paderborner Landes sich zusammen setzten (zum Beispiel bei Knülle) und ihre Texte und Gedichte vortrugen. Ich kenne sie als stille, bescheidene Mitbürgerin, die um ihr Können wenig Aufsehen machte, deren Gedichte mich aber, je jünger sie waren, mehr und mehr interessierten und tief beeindruckten. Ihre Sprache wurde mit dem Alter immer deutlicher und damit aussagestärker. Was zwischen den Zeilen stand, konnte ich immer besser verstehen.
Ich gebe zu: Die Lyrik Elisabeth Poganiuch-Flörens musste ich erst begreifen lernen. Sie ist eine Künstlerin des Wortes, weil sie die Kunst besessen hat, dem Leser, der sie entdecken will, es nicht leicht zu machen. Sie schickt ihn auf die Suche nach Antworten, ihre Gedichte sind die Fragen, die sie stellt, ohne sich aufzudrängen. Ihre Fragen bilden eine Brücke zu den Menschen in der Hetze des Alltags unserer Gegenwart. Ihre Lyrik gibt Impulse, ohne die wir Menschen im Allgemeinen nur mit uns selbst beschäftigt wären.
Was mit Therese Frehse geschehen ist, nämlich in Vergessenheit geraten zu sein, darf mit unserer Weweraner Dichterin Elisabeth Poganiuch-Flören erst gar nicht passieren. Ihr steht ein ehrenvoller Platz in der Heimatgeschichte zu, und es ist bestimmt keine Schande, wenn sich der eine oder andere Bürger erst jetzt, nach ihrem Tod, auf die Suche macht, sie für sich zu entdecken.«3
ELISABETH POGANIUCH-FLÖREN hat die größte Zeit ihres über sieben Jahrzehnte umspannenden Lebens in Wewer, einem Dorf nahe der Stadt Paderborn, das im Jahre 1969 dann zu einem eingemeindeten Stadtteil wurde, verbracht. Geboren wurde sie, die sich nach und nach zu einer der bedeutendsten Lyrikerinnen im westfälischen Raum entwickelte, am 18. Juli 1907 in Wewer als ältestes Kind des Ehepaares KONRAD und GERTRUD FLÖREN. Es folgten dann ihre Schwestern Gertrud, Katharina, Theresia und als jüngstes Kind ein Junge, der den Namen Josef trug und im Zweiten Weltkrieg gefallen ist.

Obere Reihe: Vater Konrad Flören (links), Josef Merla (rechts), untere Reihe: Mutter Gertrud Flören (links), Oma Maria Elisabeth Merla (Mitte), Friedrich Merla (rechts), die Kinder Elisabeth (stehend) und ihre Schwester Katharina (auf dem Schoß der Mutter sitzend)
Ihre Eltern betrieben im Dorf eine kleine Metzgerei. Es heißt, ihr Vater sei ein eher wortkarger Mann gewesen, die Mutter eine lebhafte und unterhaltsame Frau, die gern erzählte und viele Briefe schrieb. Dass die Kinder im elterlichen häuslichen Betrieb mithelfen mussten, war eigentlich keine Frage, für die kleine Elisabeth aber offensichtlich schon. Wie ihrer Tochter Roswitha jedenfalls zu Ohren gekommen sein will, wusste sich die kleine Elisabeth zum Ärger ihrer Geschwister durchaus vor der anfallenden und zu verrichtenden Hausarbeit erfolgreich zu drücken, da sie lieber in einer Ecke gesessen und »gedichtet« hat. Was hieß, dass sie kleine Theaterstücke verfasste, die sie mit ihren Geschwistern und Freundinnen dann auch einstudierte und aufführte.

Das Elternhaus der Dichterin in Wewer
Hausarbeit war zugegebenermaßen nicht ihr Ding. Die hatten ihre Schwestern wohl oder übel zu erledigen und sagten daher in plattdeutschem Ton über ihre Schwester Elisabeth: »Wei mött arveiten; use Lisbeth hätt wat Bierteres to däun.«4 Sie war bereits als junges Kind schon »etwas anders« als ihre Schwestern. Doch fanden diese ihre ersten Schreibversuche natürlich auch toll. Namentlich ihre Schwester Theresia hatte eine »Antenne« für das »Biertere«, das ihre Schwester Elisabeth da schreibend so tat.
Wenn die schulischen Dinge erledigt waren und noch dazu die Hausarbeit getan war, machten die Flören-Schwestern Musik. Alle vier Mädchen spielten ein Instrument. Elisabeth spielte Geige, und Unterricht im Geigenspiel erhielt sie bei JOACHIM OTTO BIELING (1886-1980), der in den Jahren von 1907 bis 1952 in Wewer als Hauptlehrer und Schulleiter, Standesbeamter der Gemeinde, Heimatforscher und langjähriger Ortschronist tätig gewesen ist und wegen seiner zahlreichen Verdienste am 28. Dezember 1963 zum Ehrenbürger der Gemeinde Wewer ernannt wurde.
