Gesammelte Schriften
Herausgegeben von
Hartmut Geerken & Detlef Thiel
In Zusammenarbeit mit der
Kant-Forschungsstelle
der Universität Trier
Band 2

Mit Einleitung und Anmerkungen
herausgegeben von
Detlef Thiel
Teil I
Ohne Hartmut Geerken wäre Mynona heute fast gar nicht umgedreht – also völlig anonym. Seit 46 Jahren auf den Spuren von einem der erstaunlichsten Schriftsteller deutscher Sprache, hat sich Geerken als Nachlaßverwalter und Herausgeber wie kein zweiter um diesen gekümmert.
Vor etwa zehn Jahren durch Geerken beiläufig auf Friedlaender/ Mynona aufmerksam geworden, war ich – wie wohl die meisten Leser beim ersten Kontakt – erst verwundert, bald immer stärker fasziniert. Am merkwürdigsten schien und scheint mir die Tatsache, daß sich hier ein kaum betretenes Gelände auftut, bei dem man auf Schritt und Tritt mit europäischer Philosophie und Literatur, mit Geschichte und Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts konfrontiert und auch zu allerhand Blicken hinter die Kulissen gebeten wird. So begann ich mit bibliographischen Recherchen und sachlichen Studien – stets im Austausch mit Geerken.
Nachdem der Plan einer Gesamtausgabe gefaßt war, gingen wir Ende 2005 an eine Durchsicht der wichtigsten Zeitungen, anhand der (nicht immer vollständigen) Mikrofilme. Walter Schübler in Wien übernahm das Berliner Tageblatt (1926–33), Geerken die Münchner Neuesten Nachrichten (1925–32), ich den Berliner Börsen-Courier (1911–32) und das Berliner Tageblatt (1920–25). Dabei wurden rund 100 Erstdrucke und zahlreiche Sekundärtexte zutage gefördert. Trotz solcher Exhumierungen aus dem Zeitungsgrab ist die hier vorgelegte Sammlung nicht vollständig. Friedlaender/Mynona hat, wie und warum auch immer, vieles an (heute) sehr entlegenen Orten publiziert. Zweifellos tauchen noch weitere Texte auf, die dann in einen späteren Band aufgenommen werden. –
Ohne vielfältige Unterstützung kommen Projekte wie dieses nicht zustande. Gern danke ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Hessischen Landesbibliothek Wiesbaden für ihre unermüdliche und freundliche Hilfsbereitschaft, besonders Mechthild Hawelleck für die Bearbeitung zahlloser Fernleihbestellungen sowie Karin Langer und ihren Kollegen im Deutschen Rundfunk-Archiv, Ansgar Diller, Jörg Wyrschowy und Friedrich Dethlefs.
Wir (Geerken und ich) danken den Sachwaltern der beiden wichtigsten Archive: Viktoria Fuchs und Margit Berger vom Deutschen Literaturarchiv/Schiller-Nationalmuseum Marbach a. N. sowie Wolfgang Trautwein, Sabine Wolf, Barbara Heinze und Gudrun Schneider von der Akademie der Künste Berlin bei der Beschaffung von Texten.
Kopien, bibliographische Angaben, Hin- und Nachweise aller Art haben über die Jahre hinweg geliefert: Julia Hadwiger, Junko Yamamoto, Karin Hoerstel, Marianne Meyer, Mechthild Rausch, Eva Züchner, Sigrid Hauff, Ulrike Prause, Kirstin Zeyer, Christiane Weidlich, Walter Schübler, Matthias Bloch, Manfred Kugelstadt, Matthias Koßler, Michael Mai, Ulrich Goerdten, Bernhard Hefele, Dirk Heißerer, Gerd Hergen Lübben, Eberhard Köstler, Ulrich Holbein, Martin Langbein, Werner E. A. Boehler.
Bernd Dörflinger hat den Vorschlag, diese Gesamtausgabe in Zusammenarbeit mit der Kant-Forschungsstelle der Universität Trier, Abteilung Philosophie, durchzuführen, ohne Zögern angenommen.
Ein derart umfangreiches Projekt schien bislang nur von wissenschaftlichen Akademien und universitären Institutionen realisiert werden zu können. Daß es auch anders geht, ist der Firma Books on Demand GmbH in Norderstedt zu verdanken sowie unserem einzigen „Buchelmeister“, Anton J. Kuchelmeister.
Wiesbaden, im September 2006 D. T.
Merkst du wohl? Sie trauen uns nicht
Fürchten des Friedlaenders heimlich Gesicht…..
Schiller: Wallensteins Lager, 1. Auftritt
Einige Literaturwissenschaftler, Expressionismusforscher zumal, wissen, wer Mynona ist – ein Groteskenschreiber, Humorist, Satiriker, wie es damals recht viele gab; manche Gestalttherapeuten in der Nachfolge von Fritz Perls kennen wenigstens den Namen Friedlaender – doch Philosophen vom Fach bezeigen in diesem Fall, mit wenigen Ausnahmen, Achselzucken oder Kopfschütteln. Der Name geistert herum in den mittlerweile weltweit laufenden Forschungsströmen zu Nietzsche und zu Walter Benjamin; mitunter fällt das Stichwort ‘Polarität’, hie und da taucht der Buchtitel Schöpferische Indifferenz funkelnd auf. Aber dieses opus magnum aus dem Jahr 1918 bleibt Legende, d. h. legendum: erst noch zu lesen, also unbekannt – obwohl es einen höchst verwickelten Knoten der deutschen Geistesgeschichte mit einer kaum erkundeten Rezeption bildet.
Eine solche docta ignorantia ist allerdings unvermeidbar gewesen! Friedlaender/Mynona selbst konnte nur eine kleine Sammlung seiner Essays und Rezensionen zusammenstellen: Wie durch ein Prisma. Gedanken und Blicke im Zeichen Kants, 1924 in einem obskuren Frankfurter Verlag erschienen. Vier Fünftel seiner philosophischen Texte, über fünfzig Jahre weit verstreut in Zeitungen, Zeitschriften, raren Büchern gedruckt, sind nie wieder gesammelt worden. Auch die rund 250 Grotesken nicht, die ihn bekannt machten. Deshalb kann tatsächlich niemand Genaueres darüber wissen, in welchem Maß ‚Dr. S. Friedlaender‘1 ein wahres Ferment bildete in den Gärungsphasen vieler geistiger Strömungen und Diskussionen, die heute fast alle so selbstverständlich erscheinen, daß man es nicht mehr für nötig hält, nachzuforschen, wie sie entstanden und sich entwickelten. Oder soll man besagte Unkenntnis nicht nur mit irgendeinem zufälligen Vergessen erklären, einem so genannten Rezeptionsunfall – sondern mit einer womöglich nicht ganz unabsichtlichen Behandlung, die man – also wer? – einem Nicht-, ja Antiakademiker zuteil werden ließ? gar mit einer Verschwörung des Schweigens? Denn bei genauerem Hinsehen erweist sich der Fall F/M als ein Senkblei in die Katastrophengeschichte des Deutschen Kaiserreiches und der Weimarer Republik.
F/M arbeitete kontinuierlich für Tageszeitungen, neben Lesungen, Vorträgen, Verlegerhonoraren seine einzige Einnahmequelle. Doch war er kein Journalist: Er schrieb keine Musik-, Theater-, Filmkritiken (nur einen kleinen Text zu Waldens Pantomime Fiametta), keine Theaterstücke und Libretti (szenische Dialoge in einigen Grotesken), keine Reise- und Städtebriefe, Lokalnotizen, saisonbedingten Stimmungsbilder. Er veröffentlichte nicht anonym (Ausnahme: Nr. 5). Mynona der Satiriker – sechzig Jahre nach seinem Tod ist hier die andere Seite desselben Mannes zu besichtigen, recto oder verso… beide Seiten innigst ineinander geschlungen wie eine Doppelhelix: Dr. S. Friedlaender, der philosophische Leser, der überall hinhorcht, in brisante Debatten scherzend und korrigierend eingreift; der scharfsinnig schimpfende Literaturzensor, der bislang ungeahnte eminente Ethiker, ‘Theologe’ und politische Theoretiker, der oft fast erschreckenderschrocken hellsichtige Kulturkritiker. Vielen Leuten, die mittlerweile zum festen Bestand europäischer Geistesgeschichte gehören, sagt er auf seine Weise die Meinung. Seine Tiefe bleibt erst noch zu ermessen. Man lerne ihn lesen: seinen meisterhaft präzisen Stil, geschult an den Klassikern, die Musik in jedem Satz, die hohe Sprache in kunstvollen Perioden, auch in wohlkalkulierten Übertreibungen, bis an die Grenze des Preziösen.
Von einer Rezeption F/Ms konnte keine Rede sein, solange seine Schriften nur schwer zugänglich waren. Gleichwohl haben alle Verlage und Institutionen, bei denen Geerken sich in 35 Jahren um eine repräsentative Ausgabe bemühte, die Realisierung gescheut oder begonnene Projekte einschlafen lassen.2 Seit den 1980er Jahren mehren sich knappe Detailstudien und punktuelle Betrachtungen, seit 1996 liegen germanistische Dissertationen vor, aber noch keine philosophische. Gesamtdeutungen wurden bislang zweimal versucht. Peter Cardorff stellt 1988 eine gute Frage: Wie ist F/Ms ‘Theorie’ in die ‘Praxis’ umzusetzen? Aber er findet nur spärliche Antworten und vermerkt oft, F/M blocke unangenehme Dinge ab, weiche aus, sei widersprüchlich, „nicht ganz deutlich“, biete Späße statt Lösungen, habe wenig zu sagen, müsse scheitern usw.3 Der resignierte Befund rührt jedoch aus zwei Ursachen. Zum einen beharrt Cardorff, von einer gewissen österreichischen Sprachskepsis her argumentierend (Mauthner, Wittgenstein), auf der pseudomystischen Meinung, das Absolute bleibe numinos, ineffabel, nur indirekt sagbar; wobei er aber unvermerkt seine Privatmeinungen über Gott und Welt untermischt. Zum anderen hatte er, dem damaligen Wissensstand entsprechend, keine genauen Kenntnisse von Umfang und Inhalt des Werkes, geschweige des Nachlasses und der Korrespondenz.
Lisbeth Exner beansprucht in ihrer Wiener Dissertation von 1996, einen Überblick über das gesamte Werk zu geben. Für dieses heute noch unmögliche Vorhaben gebührt ihr Lob; ebenso für die Auswertung vieler ungedruckter Briefe, die bibliographische Sorgfalt bei der Fülle der zusammengetragenen Materialien und die Mühe ihrer Kontextualisierung. Unrealistisch jedoch ist die Tendenz, Forschungsergebnisse als definitiv hinzustellen und damit einen toten Autor nochmals zu begraben – auch Exner wußte noch nicht von rund 100 Texten.
Hier ist noch sehr viel zu tun. Die folgende Darstellung beabsichtigt keine kohärente Interpretation; sie sammelt die derzeit verfügbaren Materialien und liefert zu einigen Texten mehr oder minder passende Schlüssel. Doch ganze Schlüsselbünde müssen her! Auf, ihr Schlüsselmacher, ihr De- und Chiffrierer! „Kabbalisten aller Länder, vereinigt euch!“4
„An meinem Geburtshaus ist nicht einmal ein lumpiges Schildchen angebracht!!!“ – Mynonas Klage war 1928 blanke Ironie; aus seiner Kindheit und Jugend in Gollantsch, Provinz Posen (heute Golancz, Polen), sind kaum Dokumente bekannt.5 Der Vater, Ludwig (Elieser) Friedlaender, 1843 in Schneidemühl geboren, promoviert 1869 in Berlin in Medizin, wirkt als Arzt in Posen, stirbt 1898, sechs Jahre nach seiner Frau Ida, geb. Weiß. F/M hat selbst erzählt, wie er seit 1890 zur Philosophie, zunächst zu Schopenhauer kam.6 Nach einer durch Krankheit unterbrochenen Schulausbildung holt er mit 23 Jahren, im Juli 1894, in Freiburg i. Br. das Abitur nach und beginnt ab Oktober in München Medizin zu studieren. Im Sommer 1895 geht er nach Berlin; nach einem Jahr wechselt er zur Philosophie. „Ich hörte, um nur die Bedeutendsten zu nennen, bei Dilthey, Dessoir, Steinthal, Warburg, Munk, Erich Schmidt. Immer aber blieb ich noch Schopenhauerianer.“7 Im Sommer 1897 schreibt er sich an der Universität Jena ein für Philosophie, Germanistik, Geschichte, Archäologie und Kunstgeschichte. „In Jena hörte ich hauptsächlich beim Neukantianer Liebmann und bei Eucken.“ (Autobiographie, 47) Am 30. Oktober 1899 verläßt er die Universität mit einem Studien- und Sitten-Zeugnis und zieht zu seiner Schwester nach Frankfurt a. M., um sich auf das Doktorexamen vorzubereiten.
F/M beginnt die akademische Ausbildung spät und schon geistig orientiert. Seine Lehrer prägen ihn eher negativ. Eucken bildet noch lange eine Zielscheibe seines Spottes; über Liebmann, bei dem er im Februar 1902 promoviert, wird er später ein knappes Urteil sprechen: „Mein Examinator war der berühmte Kantianer Otto Liebmann. So berühmt dieser Geheimrat auch war, so hatte er doch von Kant nur einen falschen Schimmer.” Denn Liebmann sah Kants Hauptfehler in seiner Bestimmung des „transzendenten Unbegriffs“ eines Dinges an sich; werfe man diesen „Pseudobegriff“ weg, so sei Kants System gerettet.8
In das Jahr 1896 datiert F/M eine Art Erleuchtungserlebnis, eine Initialzündung. Er hat sie mehrfach beschrieben, zum ersten Mal drei Jahre danach:
„Da! Also damals – 96 war’s, Berlin, explodirte plötzlich die Hölle, ihre Wände barsten: eine rauchende Ruine stand inmitten einer Leere: – jener Leere, von der Mephistopheles dem Faust vornebelt, die da zu den Müttern leitet. Jetzt erschien mir geradezu visionär die Idee der Ideen: Unendlichkeit. – Es war eine Krisis, die mich, den ohnehin Erschöpften, dem Gehirnfieber nahe brachte. Jetzt aber war ich gerettet, eine Raserei des Schmerzes und der Freude, das tragischste Pathos – ich las damals intensiv im Hamlet – bekam Gewalt über mich. Ich geriet in ein messianisches Fühlen. – Und nun wurden die lieben und die liebsten Leute aufmerksam. Das Resultat war ein parfum aus Gerüchen der Verdachte: Neurasthenie, Größenwahn etc. etc. […] – Ich hatte da Etwas konzipirt. Aber Was? Eine große dynamische Lehre, in einem Bilde vorläufig: eine Farbenleiter der Unendlichkeiten […]“.9
Die „Hölle“, die körperliche Erschöpfung als Ursache jener Vision rührte aus der von Schopenhauer übernommenen asketischen Absicht, einem offenbar unkontrollierten Fasten. Ein Zeitungsartikel von 1921 enthält die fürs Publikum geglättete Version:
„Von selber geriet ich darauf, Schopenhauers Willensbejahung und Willensverneinung unter dem Bilde der Polarität analog aufzufassen wie Finsternis und Licht; es waren Pole, der eine gleichberechtigt an den anderen gebunden […]. Mein Hauptaugenmerk aber richtete ich auf die Indifferenz dieser Pole, auf das innerste Selbst, welches sich dermaßen polar als Welt äußert. Indem ich, durch einen rein geistigen Akt, mich nicht mehr mit meinem Menschen, sondern mit jener Indifferenz identifizierte, gewann ich in der Folge die Freiheit wieder. Dieses Erlebnis, das viele Jahre zu seiner Klärung bedurfte, […] habe ich in meinem Buche ‘Schöpferische Indifferenz’ auch für andere Bedürftige faßlich zu machen gesucht.“ (Nr. 126)
Das ist bereits F/M in nuce: Die äußeren Pole, Oppositionen, Gegensätze lassen sich im Innern zusammenzwingen, indifferenzieren. Noch mit 65 Jahren erinnert sich F/M deutlich an dieses heliozentrische Schweben zwischen den Extremen:
„Es mußte doch irgend einen ersten und letzten Sinn des Daseins geben? Schopenhauer fand ihn im Entschluß des Willens zur Bejahung oder zur Verneinung des Lebens. Das waren einander entgegengesetzte Extreme der Richtung des Willens. Aus der Spannung dieses Gegensatzes blitzte mir eine Formel auf, deren Geschichte ich kaum kannte und also ignorierte, daß es eine uralte Formel ist […] die Formel der Polarität. Sie schien mir den Sinn des Lebens geheimnisvoll zu enthalten. Lebensbejahung als Pol hatte ich nur allzu drastisch ausgekostet. Um meine Entscheidung zu treffen, mußte ich also auch den Gegenpol erleben. Über diesen inwendigen Experimenten vergaß ich, dirigiert obendrein von der asketischen Absicht, Essen und Trinken wochenlang fast gänzlich, und erlebte phantastische Ekstasen. Diese Verzückungen enthielten Visionen eines polaren Lebens, in denen sich mitten zwischen allen Lebenspolen, zwischen Ja und Nein des Willens, mein in der Mitte schwebendes Ich immer sonnenhafter regte.“ (Autobiographie, 45 f.)
Solche Initiationserlebnisse sind keineswegs so individuell, einmalig, geheimnisvoll, wie es auf den ersten Blick scheint; mit ein wenig biographischer Suche wird man zahlreiche Varianten finden.10 Über ihre künstlerischen und religiösen Verarbeitungen liegen viele Theorien vor; zu erforschen bleiben die philosophischen Formen.
Ein im selben Jahr veröffentlichter Aufsatz (Nr. 1) gerät zum Fehlstart: „Mein Vater hat, 1896, mein erstes veröffentlichtes Erzeugnis, einen absurd pessimistischen Essai, noch gelesen, aber mit Recht verurteilt. Er warnte mich vor Schopenhauer und wies mich auf Kant hin.“11 Absurd ist der Essai, weil er Schopenhauer in der Verneinung des Lebens blind folgt. Eine solche Einstellung wird F/M rasch verwerfen und fortan stets auf der Balance von Leben und Vernunft bestehen. Er bewahrt jedoch Schopenhauers Kritik an Darwin und an einem Monismus, der das Bewußtsein mit dem Gehirn, dieses mit Materie identifizieren und alle intellektuellen Prozesse biologisch-evolutionär erklären will.
Wußte F/M, in welchem Kontext sein literarischer Erstling stand? Die Metaphysische Rundschau gilt als Nachfolger der von dem Theosophen Dr. med. Franz Hartmann herausgegebenen Sphinx, war aber kein offizielles Organ einer theosophischen Vereinigung; sie brachte zunächst Artikel über Yoga, Astrologie, Hypnose, animalischen Heilmagnetismus usw., nach 1900 jedoch eindeutig völkische Texte. Der Herausgeber und Verleger Paul Zillmann, ein Freund Rudolf Steiners, war u. a. Mitglied im Exekutivkomitee der Deutschen Theosophischen Gesellschaft; 1897 gründete er die „Wald-Loge“, deren Adepten sich in populäresoterischen Techniken, Tarot, Kabbala, Phrenologie, Traumdeutung usw. übten; er unterhielt Kontakte zu österreichischen Okkultisten.12 Mit 25 Jahren hat F/M wohl nicht lange überlegt, welche Schatten derlei Umgebungen auf ihn werfen könnten. Später jedenfalls wird er Okkultismus und Theosophie in sämtlichen Varianten stets aufs schärfste kritisieren.13 Man muß dies ernst nehmen. Im übrigen ist die Geschichte des kulturellen underground, gerade in Deutschland um 1900, noch immer kaum erforscht. Andererseits läßt sich F/Ms „sauer erworbene Obskurität“ (100. Geburtstag) auch damit erklären, daß er mehrmals in unangemessene, irritierende Kontexte geraten ist.
Der Fingerzeig zur Wiederbelebung der Metaphysik (Nr. 3) des Dreißigjährigen, in derselben Zeitschrift veröffentlicht, enthält ein Programm. Die Welt ist nicht ein vom Bewußtsein losgelöstes Ding an sich, das schlimmstenfalls nach ‘oben’, Richtung Himmel projiziert würde, wo es sich in nichts von der komplementären Projektion nach ‘unten’, Richtung ‘Hölle’ unterschiede. Sondern sie ist, im Sinne der Reallogik, Bewußt-Sein: eben das, was vom philosophierenden Individuum stets zu verantworten bleibt. (Dies wird in den Philosophischen Aphorismen von 1902 (Nr. 5) deutlicher: Im Philosophen interessiert sich die Welt für sich selber; das Ich ist persönliche Bekanntschaft der Welt.) Die „Formel der Polarität“ taucht auf: Synthese bzw. Koinzidenz von Apriorismus und Empirismus, Mitte zwischen Extremen, sonnenartig schwebend, lächelnd, „indifferenziert“… Der Ausdruck erscheint erst als Partizip, dann als Substantiv. Das in der Fußnote angekündigte „fundamentale Werk“ lag offenbar bereits vor; es sollte unter dem Titel Die lebendige Indifferenz der Weltpolarität veröffentlicht werden. Der Plan scheiterte an den Druckkosten; das Manuskript blieb „glücklicherweise“ liegen, konnte zur Schöpferischen Indifferenz ausreifen und seine Facetten in vielen Aufsätzen verstreuen; heute ist es verschollen.14
Im zweiten Teil gibt der Fingerzeig wichtige Quellen, Anhaltspunkte einer noch ungeschriebenen Geschichte des Polarismus: von altgriechischen Klassikern über Cusanus und Böhme, Montaigne und Pascal bis zu einer Stelle bei Schopenhauer über die „Schellingianer“ und die alten Chinesen; weiter über Goethe und Lenau, Emerson und Nietzsche bis zu einem damals populären italienischen Anthropologen, Paolo Mantegazza. Diese Hinweise belegen, daß F/Ms Philosophie aus anderen Vorratskammern gespeist ist als der Deutschen Romantik und dem Idealismus, wie man gerne unterstellt. So meint etwa Cardorff (1988, 24), es sei „ohne große Mühe möglich, in vielem Schelling, Talmud-Kommentatoren, Fichte, Spinoza, jüdische und christliche Mystiker, Pascal, Gnostiker…“ und noch ganz andere versteckte Einflüsse oder Parallelen zu entdecken. Die Mühe besteht freilich darin, mit schiefem Blick auf F/M sich in all diesen Corpora erst einmal kundig zu machen. Hans-Georg Gadamer fiel 1959 in einem Gutachten für Hermann Kasack nichts Besseres ein als der Hinweis, der Polaritätsgedanke stamme von Novalis und Hegel; vermutlich sei F/M auch beeinflußt von Richard Hönigswald – ohne weitere Begründung wird dann nachdrücklich von der Publikation von Das magische Ich abgeraten.15
Schopenhauer wollte der Rezeption Fichtes, Schellings, Hegels einen Riegel vorschieben, doch hinter all seiner Polemik steckt ein intensives Studium jener Antipoden. F/M übernimmt jene Schimpfreden gedämpft. In einem Aufsatz zu Feuerbach (Nr. 60) kleidet er die Verhältnisse in ein Bild: Kant machte den mit Göttlichem spekulierenden Menschengeist zum Zwerg, pflanzte aber in ihn den Keim des Riesenwachstums; Fichte, Schelling, Hegel suchten mit tropischer Temperatur diesen Keim zu Giganten emporschießen zu lassen; Schopenhauer ließ ihn erkalten. Die von Kant geahnte Aufgabe, den traditionell-dogmatisch ins Äußerste hinausverlegten Gott ins Innerste zu setzen, habe Feuerbach nicht erfüllt, er gebe bloß eine Anthropologie. In seinen seltenen Äußerungen zu Fichte erkennt F/M an, daß jener etwas spürte vom Schöpfertum des Menschen, aber er wurde „leider ein Opfer der Täuschung, es gebe kleine Egoisten, Menschen als Subjektchen“ (Nr. 72). 1921 wird Fichte als „echter Philosoph“ gewürdigt, der sich mit Kant vom unregierbaren Außen zum kultivierbaren Innen wandte und „dem Worte ‘Ich’ den Klang des Absoluten gab“ (Nr. 104); später jedoch wird ihm extremer Subjektivismus vorgeworfen (Das magische Ich, 58).
Bei Schelling dient die Indifferenz in der Phase des Identitätssystems, 1801–06, als Mittel zum Zweck der Konstruktion von Begriffen (Philosophie der Kunst, 1802/03); später, etwa in der Freiheitsschrift von 1809 und in den Erlanger Vorträgen 1821–25, ist über die bloße logische ‘Gleichgültigkeit’ hinaus die Form des eigentlichen Absoluten gemeint: „absolute Vernunft“ als Indifferenz des Subjektiven und Objektiven. Einmal kritisiert F/M den „bösen Unfug“, den die Schelling-Schule mit der „magischen Formel“ der Polarität getrieben habe (Nr. 63). Zu Recht, wenn man betrachtet, wie Eschenmayer, Oken, Wilbrand etc. im Ausgang von einzelnen Naturphänomenen wie Magnetismus, Galvanismus, Elektrizität sogleich auf abstraktspekulative Weise universale Gesetzmäßigkeiten statuieren und dabei die Funktion des lebendigen Ich ausblenden.16 1924 erklärt F/M: „Die Gefahr des romantischen Subjektivismus wird dadurch verhütet, daß das schöpferische Selbst, um den Unterschied zu beherrschen, ihm zunächst zu dienen hat.“17
Und wenn F/M ein moderner Stoiker wäre, der die antiken Motive, mit Ausnahme des Materialismus, übersetzte? Ablehnung aller Götter und Kulte, aller Staatlichkeit jenseits des Individuums, aller Rassenbegriffe; Unabhängigkeit des Menschen; Freiheit des Willens; die Welt als höchste Intelligenz und als Naturrecht; Rückgriff auf Heraklit; die knapp-präzise Ausdrucksweise; die Geste einer Wendung nach Innen; der Weise als Ideal… F/M hat viele Väter, aber eher Stiefväter. Hier liegen Forschungsaufgaben; man sehe Autoren wie Fechner, Laßwitz, Bahnsen, Bilharz 1879; oder auch die Funktion des Stereoskops in den physiologischen Theorien des 19. Jahrhunderts von Helmholtz bis Wilhelm Wundt.18
Ein anderer Aspekt, der heute, nach all den Irritationen, die man gerade in Deutschland flott und sorglos einer angeblich sehr französischen ‘Postmoderne’ anlasten wollte, nicht mehr unbeachtet bleiben kann: Motive wie das Expropriieren des Individuums, Dezentrieren des Subjekts, Verschwinden des Autors, ja des Menschen (Foucault, Derrida) erscheinen aus der Sicht F/Ms zunächst wie purer Relativismus, überzogener Skeptizismus. Der Einwand, F/Ms Apotheose des absolut zentralen Ich sei noch nicht erschüttert durch die Konfrontation mit den ganzen Greueln des 20. Jahrhunderts (Holocaust), ist albern. F/M sah alles nur allzu deutlich voraus.19 Es ist vielmehr Nietzsches Motiv der Entmenschung des Menschen, das von F/M ernst genommen und bis zur Unterscheidung des alltäglichen Ich vom homo noumenon weitergeführt wird. Was also wie ein Antagonismus zwischen F/M und den Poststrukturalisten aussieht, hat seinen tieferen Grund in dem recht verstandenen Wink zur Abschaffung des Menschen (1914; vgl. Zur Auswahl). Ein Satz wie: „Identität ist allemal nur eine Narbe, die den Riß des wunden Seins verharrscht“ (Nr. 3) könnte jedenfalls wörtlich in einer Heideggerlektüre Derridas stehen.20
Am 1. Februar 1901, wohl zu Beginn des Promotionsverfahrens, notiert F/M im Entwurf eines Briefes an das Dekanat der philosophischen Fakultät Jena: „man zeige mir eine einzige Dissertation, welche furchtloser, fruchtbarer, schöpferischer, stilistisch durchgearbeiteter ist als die meinige; diese zeige man mir!“21 Das ist weder übertrieben noch arrogant. Der Stil dieser akademischen Prüfungsschrift ist bei aller Dramatik souverän und exakt; die erstaunliche letzte Fußnote, deren Poesie hier fremd anmutet, enthält Motive, die noch Jahrzehnte später wirken.
F/M entwickelt seinen Gedanken in einem systematischen Vergleich von Kant und Schopenhauer.22 Er nimmt ersteren in allen Anklagepunkten in Schutz, etwa gegen den Vorwurf des Plagiats und den der Dunkelheit: Kant ist „dunkel weil fruchtbar“, er wußte zuviel. Seine Dialektik zerstört den Dogmatismus; er verschleiert die atheistischen Konsequenzen, Schopenhauer nicht… Entlang der Kritik der reinen Vernunft, von der Einleitung über Ästhetik und Logik bis zur Dialektik, spielt F/M Schritt für Schritt seine beiden Figuren gegeneinander aus. Die Metaphysik, die nach Kant eine Wissenschaft aus bloßen Begriffen sein soll (und es niemals sein kann), muß sich, so Schopenhauer, auf den formalen Teil der Erfahrung beschränken; aber ausgehend vom empirischen Bewußtsein sei sie doch möglich. Kants Verdienst sei die Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich – damit verabschiedet Schopenhauer die Erscheinung, um das Ding an sich zu retten; dieses ist freilich Produkt seines Willens. Sein Vorwurf, Kant brauche die kausale Einwirkung des Ding an sich, um objektive Realität zu schaffen, wird von F/M abgewiesen: Für Kant ist das Erfolgen der Realgrund der Folge, diese der Erkenntnisgrund des Erfolgens. Schopenhauer setzt die Kausalität als den Verstand selber; indem er die Vorstellung zum bloßen Akzidens des Willens macht, läßt er die Materie und den Leib im Dunkel. Das nennt F/M „Gewalttätigkeit“: So wird die Welt enthauptet und der Intellekt in einen lebendigen Verstand und eine tote Vernunft zerschnitten; dabei bleibt Kants tätiger Begriff auf der Strecke. Aus Kants Lehre: „Empfindungen werden gegeben, Objekt werden gedacht“ macht Schopenhauer, sich verhörend: „Objekte werden angeschaut, Begriffe gedacht.“
F/M strebt einen aktiven Ausgleich an. Kant tappt auf einem mühseligen Weg zur Natur, Schopenhauer ist Natur – „Beide hätten viel von einander zu lernen.“ Weil er Intuition und Vernunft (Abstraktion) auseinanderreißt, ist Schopenhauer nicht fähig, „in der Logik eine Art physischer Kraft zu sehen“, wie Kant es tut, dem die Intuition dafür beinahe Nichts ist – „Sollte nicht Beides Übertreibung sein?“ Mit seinem Satz vom Grund meint Schopenhauer, schon alles erledigt zu haben. Aber Kants Verstand birgt mehr: Die Korrelativität der dynamischen Kategorien könnte, wie F/M nahelegt, in den mathematischen irgendwie enthalten sein. Kants „so barock scheinende Lehre“ (Konstanz der Kraft, Teilbarkeit, Einheitlichkeit usw.) wäre „der verhüllende Isisschleier des zwieträchtigen Ringens der Unendlichkeit nach sich selber“:
„Es ist nämlich sehr die Frage, ob man zeitliche, räumliche Unendlichkeit quantitativ, als in gleichartigen Teilen bestehend, fassen kann: ob nicht der Teil, die Zahl, weit eher als eine Funktion der Unendlichkeit, als eine gewisse Begegnung derselben mit sich selber, – als Indifferenz der polar zu denkenden Unendlichkeit angesehen werden müßte.“
Damit bringt F/M seine eigene Metaphysik zum zweiten Mal auf eine Formel und gewinnt eine Perspektive, aus der er beide Autoren zugleich überschreiten kann. Beide finden den Ausweg aus der Welt, indem sie vor dem Dualismus fliehen, in verschiedene Richtungen. Kants Begrenzung der Erkenntnis demütigt die Vernunft; Schopenhauer mißversteht das als Unerheblichkeit des Diesseits und macht daraus Weltverachtung. Beide verrenken, resignieren. Praktische Askese hier, theoretische dort. Gesetzt aber, Unendlichkeit „träte in Relation mit – sich selbst, so wären Raum und Zeit schon ihre Alterationen“; „so würde aus der Welt ein Antagonismus, eine einzige Antinomie aus zugleich sich hassenden und liebenden Kräften.“ Polar genommen, ist die Unendlichkeit „indifferent inmitten ihrer In-sich-selbst-Gespaltenheit“. Goethes Spruch vom Magneten steht nicht zufällig hier: Im Grunde hat F/M den Dreischritt „Differenz – Steigerung – Polarität“ ins Philosophische übertragen. Kants und Schopenhauers gemeinsamer Ahnherr ist Platon; die ewigen Ideen bleiben, wie die Vernunftidee, nicht zeigbar. Schopenhauer sah die Macht des Willens und schreckte vor dem Dämonischen zurück. F/M aber legt es nahe, diese Vision als eine neue Phase der philosophischen Entwicklung ernstzunehmen. Doch er spricht die Warnung aus: „Wie gefährlich ist das Philosophieren mit Gegensätzen!“
Die seit 1899 veröffentlichten Aphorismen F/Ms (Nr. 2, 5, 6, 9) zeigen einen ‘stoischen’ Grundzug seines Schreibens: das Streben nach der besten Ökonomie des Ausdrucks, nach Strenge, Kondensierung, Formelhaftigkeit. Im angeführten Brief des Studenten ist die Rede von „30 Heften Fermenta cognitionis“.23 Noch in den spätesten Tagebüchern hat F/M solche Gärstoffe des Erkennens notiert. Fast alle seine Texte haben stenographischen Charakter; die Grotesken, die Rezensionen, auch viele Aufsätze umfassen selten mehr als zwei, drei Druckseiten.
Die Metaphysische Rundschau bringt 1904 noch einen dritten Aufsatz, Kants Vermächtnis (Nr. 7).24 Es geht um das alte Problem der Gewißheit: Wie kann ich des „ewig Wirklichen“ habhaft werden? F/M verabschiedet das Jenseits und die Hinterwelt; man dürfe weder in Dogmatik noch in Skepsis steckenbleiben. Er stellt den Ansatz der Dissertation in größeren historisch-systematischen Kontext und skizziert die klassischen Lösungsansätze der neueren Philosophie: Cartesianer, Okkasionalisten, Leibniz, Bacon, Hobbes, Locke. Kants Neuerung bestand darin, die Apriorität zu systematisieren. Für Goethe liegt der Schwerpunkt der Welt im Innersten des Menschen. Schopenhauer erkennt im Willen die Brücke zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Gott und Teufel; bei ihm zeigt sich Kants Ernst, aber er verwechselt das Wichtigste, hält das Leben für eine Last, ist ungeduldig, voreilig. Doch legt er den „Grundstein zu einer neuen Kultur“, der Autonomie, des Wollens. Deshalb ist er Kants Thronerbe. Allerdings muß er durch Kant ernüchtert werden. An diesem Programm wird F/M bis in die Exiljahre unermüdlich arbeiten. Hier bezeichnet er Schopenhauer zweimal als „Patient“, dreißig Jahre später, in Kant und die 7 Narren, schildert er die erfolgreiche Therapie. Wiederum die Geste der Dissertation: Wenn Kant und Schopenhauer als Pole derselben Kraft erscheinen, als Hemisphären, so fordert dieser Befund eine „höhere Ausgleichung“. Und wieder wird Nietzsche vorsichtig ins Spiel gebracht. Er heilt Schopenhauer durch die Polarität: Das Weltwesen ringt nach sich selbst. Am Schluß bringt F/M seine These zum dritten Mal in eine Formel: das eine „Weltgesetz der Kompensation, der sich indifferenzierenden Weltpolarität“.25
Nach der Promotion zieht F/M nach Berlin. Dreißig Jahre, bis zur Emigration 1933 wird er dort wohnen – zentraler Abschnitt seines Lebens, Epoche seines fruchtbarsten Publizierens, Zenith seines Ruhms. Einige Kraftlinien der Gärungsphase konzentrieren sich wie in einem Brennglas in einer emblematischen Konstellation. Am 21. Mai 1905 veröffentlicht der Weltspiegel, die Illustrierte Halbwochen-Chronik des BT, ein Foto unter dem Titel Berliner Stammtische und Stammtischgäste. Es zeigt (von links) Anna Scheerbart, Samuel Lublinski, F/M in Hut und Mantel, Paul Scheerbart sowie, am Tisch daneben, Else Lasker-Schüler und Herwarth Walden in einem – in dem? – Café des Westens.26

1907 bezieht F/M erstmals eine eigene Wohnung.27 Zu Anfang dieses Jahres ereignet sich folgendes:
„Eines Tages las ich auf Charlottenburger Litfaßsäulen, Hanns Heinz Ewers werde am nächsten Tage im Verein für Kunst Goethesche Gedichte vortragen, und ich selber einleitende Worte dazu sprechen. Ich wußte von nichts und mußte annehmen, Herwarth Walden, der Leiter des Vereins, wolle mich überrumpeln. Voller Protest rannte ich zu Walden, der unerschüttert blieb: ‘Sie sprechen zehn Minuten, und ich honoriere grandios. Es wird schon gehen. Werfen Sie ein paar Zeilen aufs Papier!“ Ich entschloß mich, es zu versuchen. Auf dem Weg nachhaus traf ich ein hübsches Mädchen und nahm es mit. Nachts, als es eingeschlafen war, setzte ich mich an den Schreibtisch, und der Artikel floß mir in die Feder. Dieser Artikel gefiel nicht nur Simmel, sondern überall. Ja, ich verdanke ihm auf Jahre hinaus, sogar noch bis auf den heutigen Tag eine günstige materielle Wendung meines Lebens. […] Jener Artikel ward gleichsam gezeugt wie ein Kind, und ich wiegte mich in einem wollüstigen Geiste.“28
Else Lasker-Schüler erinnert sich zweieinhalb Jahre später: „Dr. S. Friedlaender, großer Philosoph (Socrates außen und innen: er Selbst. Prachtvoller Dichter […] Er hielt herrlichen Vortrag über Goethe im Verein.“29 Der Aufsatz Goethe, gedruckt im BT (Nr. 11), findet die Aufmerksamkeit Georg Simmels: „‘Dieser Stil’, sagte er, ‘schwebt mir für mich selbst als Muster vor: emphatische Sachlichkeit. Ihren Artikel werde ich meinem Freunde Stefan George zeigen.’“30 F/Ms Beziehung zu Simmel, vermittelt durch gemeinsame Bekannte, darunter Rudolf Pannwitz, wird bald sehr wichtig. Gleichwohl hat sich F/M für Simmels Schriften kaum erwärmen können; anerkennend erwähnt er ihn nur zweimal.31
Emphatische Sachlichkeit – man mag das auch ‘betrachtende Analyse’ nennen, ‘poetische Kritik’ oder „Kunst erörternder Prosa“.32 F/M hat dies stets gepflegt. Doch nicht Stilfragen, sondern Inhalte sind ihm wichtig. Goethes Bedeutung für F/M ist so immens, daß sie hier kurz abgehandelt werden kann. Jener liefert Elemente eines Antichristianismus, eines Hylozoismus und der Polarität. „Goethe bedeutet uns die künstlerische Ankündigung einer Harmonie der gesamten Menschenwelt.“ Beständige Ausheilung des Risses zwischen Natur und Kunst, des Abgrundes zwischen den oberen Mächten und der Erde. Hie und da, besonders in den Schlußsätzen, blitzt F/Ms Gedanke hervor: „Mensch sein, heißt eigentlich, es kaum ertragen, bloß Mensch zu sein.“
„Das Grau erschillert farbig – gelb rot blau.“ Schlußzeile des Sonetts Goethes Farbenlehre (1907), frühe Spur einer lebenslangen Beschäftigung mit jenem Werk, das Goethe selbst als sein wichtigstes ansah. Es gehört neben dem Faust und dem Zarathustra zu F/Ms Hausbüchern, auf die er sich unzählige Male bezieht; freilich lebten die Klassiker damals noch als in- und auswendiges Bildungsgut des Bürgertums. Aus den von F/M überall verstreut zitierten Stellen hier zur Erinnerung nur eine, in der sich sein Grundgedanke konzentriert und im Dreischritt die polaristische Methode vorgibt:
„Spannung ist der indifferent scheinende Zustand eines energischen Wesens in völliger Bereitschaft sich zu manifestieren, zu differenzieren, zu polarisieren.“33
Die Grundzüge der Goetheschen Farbenlehre entwickelt F/M in immer neuen Anläufen, auch in einigen Grotesken.34 In Goethe contra Newton (Nr. 28) erklärt er, Unendlichkeit, Unendliches sei „exorbitant identisch“ (erstmals verwendet er das Zeichen ∞); Identität infinitesimalisieren heißt sie polarisieren. Goethes Polaritätsidee soll auf alle Probleme angewendet werden, denn Alles stehe auf dem Spiel. Die Wissenschaft, obzwar gewarnt, ignoriere das. Die optische Indifferenz, die Null auf der Skala, „das merkwürdige Medium zwischen Licht und Finsternis“ befiehlt den Frieden dieses Krieges der beiden. Der Sehende selbst, heißt es 1916, ist dieses Nichts aller Unterscheidung – Indifferenz, welche an ihrer Differenzierung, ihrer Äußerung arbeitet und dabei den Kontrast erst polar entspringen läßt.35
Gegen die von Eduard Raehlmann (im Goethe-Jahrbuch) getroffene Unterscheidung von augenphysiologischer und physikalischer Theorie empfiehlt F/M ein Rechnen mit entgegengesetzten Größen (Nr. 85). Der Urgegensatz von Licht und Nichtlicht ist allerdings maskiert oder verdeckt. Was als Nuance, Grad, Übergang erscheint, bedeutet in Wahrheit stets Kontrast, Gegensatz, Polarität – „Differenz überhaupt“: das Differentielle aller Differenz, das gerade nicht als ‘prinzipiell’, ‘fundamental’ usw. bezeichnet werden kann, da es dadurch sofort indifferenziert, also identifiziert würde (eben das hat Derrida différance genannt).
„Nach ‘Grosz’ schrieb ich einen Aufsatz über die Einwirkung von Goethes Farbenlehre auf die moderne Malerei, bes. Konstruktivismus. Demnächst sende ich Ihnen etwas. Die Arbeit soll in den Katalog einer schwedischen Sammlung deutscher Konstruktivisten. –“36
Eine längere Fassung des Katalogbeitrags erscheint im Mai 1923 als Einladung zur Großen Berliner Kunstausstellung, die auch Werke des Malerfreundes Arthur Segal zeigt. F/M nennt hier Goethes Farbenlehre das symbolische „Vorbild unserer Heilung“, „Chiffre und Hieroglyphe eines neuen Ästhetizismus“. Die lebendig unterschiedenen Elemente Licht, Farbe, Form werden in Segals prismatischer Malerei synthetisiert, „von ihrer gemeinsamen Identität lebendig wiederum durchdrungen. Wie sehr dies symbolisch ins Ethische hinausdeutet, ist unverkennbar.“37
Seinen nachdrücklichen Hinweis auf die Studie von Ernst Barthel, Goethes Relativitätstheorie der Farbe