Der Autor. Ingo Michael Simon studierte in München Pädagogik und arbeitet seit Anfang der Neunzigerjahre mit Jugendlichen und Erwachsenen in verschiedenen Einrichtungen und Projekten, außerdem in selbstständiger Praxis für Psychotherapie. Sein freiberufliches Engagement gilt vor allem der Beratung von Klienten und der Weiterbildung von pädagogischen Fachkräften und Therapeuten.

Anmerkung. Die Namen der in diesem Buch vorkommenden Klienten und Pädagogen wurden zum Schutz der jeweiligen Person verändert. Bis zum Tage der Fertigstellung des Manuskriptes hatte der Autor niemals Kontakt zu Klienten, die einen der hier genannten Namen trugen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Impressum:

© 2018 – Ingo Michael Simon

Kontakt: www.ingosimon.com

Herstellung und Verlag:

BoD - Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN 978-3-746055053

Dieses Buch ist all jenen Klienten gewidmet, deren flehende Stimme ich aufgrund meiner eigenen Befangenheit nicht hören konnte. Mögen sie gefunden haben, was ihnen seinerzeit verwehrt blieb.

Ingo Michael Simon

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die Wahrheit tanzt selten auf großer Bühne. Sie hält sich lieber versteckt, bleibt im Verborgenen. Von dort aus ist sie mächtiger als in der direkten Konfrontation, weil ihr Wirken unerkannt bleibt. Aus der Tiefe heraus führt sie Regie im Schauspiel unseres Lebens und präsentiert uns Rollen und Charaktere, die wir annehmen und ausprobieren dürfen. Sie selbst aber zeigt nur selten ihr wahres Gesicht.

Wenn die Wahrheit eines Menschen zu einer grausamen Aufführung die Bühne betritt, so versuchen wir sie zu ergründen, zu erklären, was geschehen ist. Amokläufer, Kindesentführer und Vergewaltiger lassen uns nach Schutz und Vergeltung rufen, aber auch nach den Ursachen und Hintergründen fragen. Wir trachten nach der Aufdeckung ihrer Wahrheiten, den Geschichten und Erlebnissen, die sie dazu gebracht haben, derart Zerstörerisches zu vollbringen. Abseits der ausdrucksstarken Ereignisse, ob sie nun öffentlich werden oder unentdeckt bleiben, zeigen sich die Wahrheiten aller Menschen täglich auf den kleinen Bühnen des Alltages. In unspektakulären Auftritten, ohne wissensdurstiges Publikum und ohne direkt erkennbaren Schaden für andere leben sie ihre Zielsetzungen aus, beauftragen uns als ihre Schauspieler und Darsteller. Jeder Mensch wird zum Erfüllungsgehilfen seiner eigenen Wahrheit und ist ihr schutzlos ausgeliefert, wenn er sie nicht erkennt und versteht. Keine Wahrheit gibt es zweimal. Wir alle leben mit einer persönlichen, unvergleichlichen und niemals zu wiederholenden Lebensgeschichte. Wir begegnen ihr täglich mit allem, was wir sind und mit all unseren Möglichkeiten. Es ist unsere Aufgabe, etwas aus ihr zu machen, die verlorene Wahrheit zu finden, damit der Preis, den wir für ihren Verlust bezahlt haben, die leidvolle Erfahrung der Unehrlichkeit, nicht umsonst gewesen ist. Solange wir leben, ist es niemals zu spät, auf die Suche nach der eigenen Wahrheit zu gehen, um ihre Verdammnis aufzuheben und die Unehrlichkeit zu beenden.

Den Sinn des Lebens können wir überall suchen. Finden werden wir ihn nur in uns selbst. Doch trotz aller Einzigartigkeit der menschlichen Lebensgeschichten gibt es so häufig auffällige Übereinstimmungen in den Verhaltensmustern verschiedener Personen, dass zumindest Ähnlichkeiten in den Zusammenhängen ihrer jeweiligen Erfahrungen unterstellt werden können. Diese bestehen weniger in inhaltlichen Übereinstimmungen als in ähnlichen Beziehungsstrukturen, die sie erlebt haben. Als Pädagoge interessiert mich die jeweilige Erfahrungswelt meiner Klienten. Ich erlebe es als spannend und bereichernd, wenn ich sie ein Stück bei der Erforschung ihrer Wahrheiten begleiten darf. Das wäre niemals möglich geworden, wenn ich nicht als Klient den gleichen Weg gegangen und meiner Wahrheit begegnet wäre. Nur so gelingt es mir, sie immer wieder zu erkennen und mich nicht von ihr steuern zu lassen, wenn ich mit meinen Klienten arbeite. Auf dem Weg meiner Auseinandersetzung mit menschlichen Erlebnissen und Erfahrungen sind mir im Kreis meiner Berufskollegen immer wieder bizarre Zugangsweisen zu Schicksalen und zwanghaft anmutende Umgangsformen mit Klienten aufgefallen. Meine Beobachtungen haben mich schließlich zu der Frage geführt, welche Wahrheiten es sind, die Pädagogen in ihren Beruf treiben, mehr noch, ob es ein gemeinsames Muster gibt, das sie im Umgang mit ihren Klienten handeln lässt. Die Vorstellung von dem Helfer mit Helfer-Syndrom ist wohl so alt wie die helfenden Berufe selbst. Ein Schlagwort genügt aber nicht, um Wahrheiten zu erkennen, es sagt nichts über ihre Gesichter aus. Seit Jahren befasse ich mich daher mit der Frage, wie diese bei den pädagogischen Fachkräften aussehen und vor allem, was sie daraus machen.

Wenn ich in diesem Buch von Pädagogen spreche, meine ich alle Menschen, die beruflich oder ehrenamtlich damit beauftragt sind, andere Menschen zu erziehen, sie etwas zu lehren, sie bei einer Problembewältigung oder auf einem Entwicklungsweg zu begleiten. Im Wesentlichen sind das Erzieher, Lehrer, Ausbilder und Sozialpädagogen. Die Beispiele, die ich in diesem Buch erläutere, stammen aus der sozialpädagogischen und beraterischen Praxis, die Erörterung meiner Ansichten und Schlussfolgerungen gelten ebenso für die anderen pädagogischen Abeitsbereiche.

Die Bestandsaufnahme fällt dabei schlimmer aus, als ich am Anfang meiner Suche dachte und lässt mich heute an der Sinnhaftigkeit der organisierten Pädagogik zweifeln. Nicht etwa, weil ihre Zielsetzungen keine geeigneten wären oder Klienten keine Ansprechpartner mehr bräuchten. Der Bedarf an pädagogischen Angeboten ist vorhanden, sozialpädagogisch begleitete Projekte kaum noch wegzudenken. Auf den Hilfe suchenden Menschen kommt mit dem pädagogischen Angebot jedoch häufig ein weiteres Problem zu. In zu vielen Fällen ist es größer als jede andere Belastung, die er in sich trägt und brutaler als seine eigene Wahrheit: die Bedürftigkeit des Pädagogen. Sie verleitet ihn zum Betrug an seinem Klienten, der dies nicht merken soll. Sie degradiert Pädagogik zur Selbsthilfe für den Pädagogen. Das Schockierende ist, dass es sich dabei nicht um die Ausnahme handelt, sondern um die Regel. Ziel meines Buches ist das Aufdecken dieser Regel und der Versuch, auf die Wahrheit zu blicken, die sich dahinter verbirgt. Die geschilderten Fallbeispiele sind eine kurze Reise über die kleinen Bühnen meiner pädagogischen Erfahrungen der vergangenen Jahre. Ich habe bewusst auf die spektakulären Erlebnisse verzichtet, da die Wahrheit auch im Kleinen und Unauffälligen zu finden ist und dort nicht geringere Bedeutung hat.

Es ist mir bewusst, dass ich den größten Teil der pädagogischen Fachwelt mit meinen Ausführungen anklage und zum Handeln auffordere. Es bleibt dem Leser selbst überlassen, Stellung zu beziehen und Schlussfolgerungen aus meinen Überlegungen zu ziehen. Ich würde sie nicht preisgeben, wenn ich nicht die tiefe Überzeugung hätte, dass der Betrüger sein Werk beenden und neue Wege gehen kann.

Begegnung

Wieder einmal saß ich an meinem Schreibtisch und versuchte ein wenig Ordnung in meine Arbeitsunterlagen zu bringen, als ein etwa 50-jähriger, etwas untersetzter Mann in meiner offen stehenden Bürotür stand. Er trug Alltagskleidung, sein strenger Blick wirkte etwas angespannt und er blickte mit leicht gesenktem Kopf über den Rand seiner Brille zu mir hin. „Sind Sie der Herr Simon?“, fragte er mich in einem Tonfall, den Menschen benutzen, wenn sie nach langer Suche der zuständigen Person endlich denjenigen gefunden haben, dem sie eine Beschwerde vortragen können. An seiner Seite stand ein Mädchen, schätzungsweise sechzehn Jahre alt, mit engen Jeans, einem Oberteil mit langen Ärmeln und einem Schal, der offen und locker herabhing. Auf ihrem Kopf trug sie einen schwarzen Filzhut, etwas schräg aufgesetzt mit modisch gezupften Haaren und einem Haarteil, das ebenfalls passend in das Erscheinungsbild von Gesicht, Frisur und Hut eingeflochten war. Ich stand schwungvoll von meinem Schreibtisch auf und bewegte mich um ihn herum, da er nicht als Grenze zwischen uns stehen sollte. Ich begrüßte beide mit einem Händedruck und bat sie weiter in den Raum hinein, um in meiner Sitzecke Platz zu nehmen. Es standen dort vier Sessel und ein kleiner, quadratischer Tisch. Der Mann setzte sich in einen Sessel, legte die Hände auf die hölzernen Armlehnen und nahm eine nach hinten gelehnte Haltung mit betont abgesenktem Kopf ein, um weiterhin über den Rand seiner Brille zu blicken, was für seine Rolle in diesem Kontakt für Bedeutung zu sein schien. Ich musste bei seinem Anblick an eine Filmszene denken, in der ein Direktor einer Besserungsanstalt für schwer erziehbare und verwahrloste Kinder ein Mädchen zurückbrachte in eine normale Schule. Der Gedanke war schnell wieder verflogen, aber das Gefühl blieb klar und deutlich: Dieser Mann war der Aufseher einer Besserungsanstalt, die er heute allerdings nur unter einer anderen Bezeichnung und einem anderen offiziellen Anspruch führen konnte. Er hatte sich einen Tag vorher telefonisch angekündigt. Daher wusste ich, dass seine Frau und er eine Pflegefamilie mit vier Pflegekindern hatten, auf einem Bauernhof, abseits gelegen in den Südausläufern des Hunsrück. Aus unserem Telefonat wusste ich nur, dass eines der Mädchen dieser Pflegefamilie als mehrfache Schulabbrecherin keinen Schulabschluss hatte und an keiner Schule mehr aufgenommen wurde. Zu jener Zeit arbeitete ich mit einer Gruppe von Jugendlichen, die in einem außerschulischen Projekt die Möglichkeit des Erreichens eines Schulabschlusses erhalten sollten.

Das Mädchen saß regungslos mit übereinander geschlagenen Beinen im Sessel, nur ihre Hände spielten mit dem herunterhängenden Schal. Auf ihrem Gesicht lag ein zurückgehaltenes Lächeln, die Augen waren weit geöffnet und die Augenbrauen hochgezogen. Sie schien etwas verwundert zu sein über die Freundlichkeit und Unbefangenheit, die ich im Kontakt mit ihr zeigte. Gleichzeitig schien sie fast ein wenig beschämt, so als verdiene sie diese Unbefangenheit nicht. Sie hatte etwas anderes erwartet. Sie hielt ihre Augenbrauen hochgezogen und ließ ihren Blick schnell hin und her wandern, ohne dabei irgendjemanden oder irgendetwas anzusehen, so als ob sie am Abwarten war, wann die freundliche Stimmung unseres Treffens kippen würde. Ich musste lächeln, als ich das Mädchen so dasitzen sah und um die sekundenlange Stille zu durchbrechen, fragte ich: „Wie ist dein Name?“

„Amanda“, antwortete sie kurz, ohne mich anzusehen. „Herzlich willkommen, Amanda“, sagte ich. „Wir möchten darüber reden, was wir gemeinsam tun können, um dir einen Schulabschluss zu ermöglichen.“ Sie blickte zwischen ihrem Pflegevater und meiner Person hin und her, hatte die Augenbrauen noch höher gezogen und schien mit ihren Blicken zu fragen, ob ich das ehrlich meinte. Inzwischen war das zurückgehaltene Lächeln zu einem deutlichen und gelösteren geworden, Amandas Körperhaltung entspannte sich und bei den schnellen Blickwendungen wippte sie mit dem Oberkörper wie ein freudiges, ungeduldiges Kind, das auf ein Geburtstagsgeschenk oder eine andere Überraschung wartet. Mein Lächeln steigerte sich ebenfalls zu einem freundlichen Lachen, so wie ehrlich Schenkende das tun.

„Das scheint dich zu überraschen“, sagte ich und als sei es das Selbstverständlichste der Welt, antwortete sie: „Ja, klar!“

Die gelöste Stimmung schlug plötzlich in eine spürbare Anspannung um, als sich der untersetzte Mann mit strengem Tonfall in zurechtweisender Manier an mich wandte und sagte: „Also Herr Simon, Amanda kann auch ganz anders. Ihre Wutausbrüche sind manchmal unkontrollierbar und wenn Sie da nicht sofort dagegenhalten und stärker sind, bekommen Sie die nicht mehr in den Griff.“

Ich hörte ihm ruhig und aufmerksam zu und wurde das Gefühl nicht los, dass er mich bereits jetzt, auch ohne dass die geringste Aggression von Amanda ausging, als zu wenig streng ansah und mir mitteilen wollte, ich solle nicht zu freundlich und locker mit ihr umgehen. Er berichtete kurz einige Zwischenfälle aus der Pflegefamilie, um mich auf die Gefährlichkeit von Amandas Wutausbrüchen und meiner unvoreingenommenen Art in der ersten Begegnung hinzuweisen. Während seiner Ausführungen blickte ich lächelnd zu Amanda hinüber, die ihn ohne den Kopf zu bewegen mit seitlichem Blick fixierte. Ihr Körper lehnte sich von ihm weg und ich spürte ihre innere Anspannung und die sich aufstauende Wut und Aggression. Plötzlich sprang sie von ihrem Sessel auf, verschränkte die Arme vor dem Körper und ging unruhig vor ihrem Sessel hin und her, blieb schließlich einen Schritt abseits stehen, drehte den Kopf zur Seite und schaute starr zur Wand. Ihre schnellen Bewegungen hatten etwas von einer Katze, die in Bedrängnis hin und her geht und nun an dem Punkt einer Entscheidung zwischen Angriff und Flucht steht. Herr Göbel, der untersetzte Mann, unterbrach seine Belehrungen und wandte sich Amanda zu. „Warum springst du schon wieder auf? Wir reden hier nur über die Wahrheit. Genau das meine ich: Du bist unbeherrscht.“

Sein Tonfall war streng und laut. Ich schaute interessiert zu, wie die beiden anfingen sich zu streiten und fragte mich, wer wohl zuerst zum Angriff übergehen würde, den ich mir in Amandas Fall nach den Schilderungen des Herrn Göbel sehr vehement vorstellte. Halb Hilfe suchend, halb rechtfertigend ob seiner eigenen Lautstärke sagte er schließlich zu mir: „Sehen Sie, so ist das immer. Sie explodiert immer gleich.“ Amanda wurde lauter und sagte, sie könnte nicht mehr sitzen und hätte keine Lust mehr auf dieses Gespräch.

„Jetzt setz dich doch wieder hin, Mädchen!“, forderte sie Herr Göbel auf, indem er gleichzeitig mit beiden Händen auf ihren Sessel deutete.

„Nein, ich setze mich nicht wieder hin“, antwortete sie und wiederholte es noch einmal mit Blickwendung zu mir. Ungeachtet des Erziehungskonfliktes oder besser des Beziehungskonfliktes zwischen Pflegevater und Amanda nahm ich nun wieder meine Rolle als Moderator des Gespräches ein und schaute Amanda an.

„Wenn du lieber stehst, ist das in Ordnung. Ich brauche es nicht, dass du sitzt, wenn wir uns unterhalten.“ Ihre inzwischen wieder hektisch gewordenen Kopfbewegungen stoppten abrupt und sie schaute mich ungläubig an. „Ja, o.k.“, sagte sie kurz und beobachtete ihren Pflegevater aus dem Augenwinkel heraus. Es war mir bewusst, dass ich in diesem Moment in die Auseinandersetzung der beiden eingriff und möglicherweise dadurch Partei gegen Herrn Göbel ergriffen hatte, was nicht meine Absicht war. Davon aber ließ ich mich nicht aufhalten, da ich derjenige war, der zu diesem Gespräch eingeladen hatte und die Unterhaltung in meinem Büro stattfand. Es ging mir darum, Amanda vor der Aufnahme in das Projekt kennen zu lernen und zwischen uns dreien, Amanda, ihrem Pflegevater und meiner Person, einen ersten Kontakt aufzubauen. Dazu konnte und wollte ich mir weder die Art der Gesprächsführung noch die Sitzordnung oder meine eigenen Reaktionen auf Amandas Äußerungen vorschreiben lassen. Herr Göbel akzeptierte meine Reaktion glücklicherweise, sodass mir eine Auseinandersetzung über die Zuständigkeiten in diesem Gespräch erspart blieb. Um das im Raum stehende Thema nicht zu vernachlässigen und gleichzeitig Amanda näher kennen zu lernen, begann ich mit ihr eine Unterhaltung zu ihren Wutausbrüchen und ließ sie erzählen. Ganz offen berichtete sie von gewaltsamen Reaktionen ihrerseits, die von unauffälligen Auslösern angestoßen werden könnten, wobei sie das ihrer Vergangenheit zuordnete. Immer wieder sei es vorgekommen, dass sie eine schwere, grobgliedrige Kette mit einem großen, massiven Kreuz daran in der Wut mit einem festen Ruck von ihrem Hals gerissen und mit dem eisernen Kreuz in der Faust wie mit einem Schlagring zugeschlagen hätte. Sie versuchte diese Zwischenfälle nicht zu rechtfertigen, sondern war sich im Klaren darüber, dass ihre Gewaltreaktionen überzogen und unrecht waren. Die Kette trug sie in unserem Gespräch nicht. Auf meine Frage, wo diese sei, sagte sie, dass sie so etwas nicht mehr bräuchte, nicht mehr zuschlagen würde.

Ich hörte ihr neugierig zu und versuchte mir vorzustellen, wie einer ihrer typischen Wutausbrüche aussehen würde und ob es in unserer Gruppe zu einem solchen Zwischenfall kommen könnte. Während sie erzählte, schien sie innerlich ruhig. Scheinbar genoss sie es, einen ehrlichen Zuhörer gefunden zu haben, bei dem sie über ihre Vergangenheit reden konnte, ohne dafür zurechtgewiesen, belehrt oder gar verurteilt zu werden. Amanda hatte eine liebenswert freche Ausstrahlung und wirkte so unschuldig und verletzlich, dass das Bild einer gewalttätigen jungen Frau, die ihre Impulse kaum kontrollieren konnte, nicht recht entstehen wollte, obwohl mir bewusst war, dass die wenigsten Menschen, die zu unkontrollierter Brutalität neigen, von ihrer äußeren Erscheinung her wirklich auffällig sind.

Plötzlich wandelte sich die Situation. Ein unerfahrener Beobachter könnte meinen wie aus heiterem Himmel. Es war nur ein einziger Satz, eine Geste, vielleicht ein bestimmter Tonfall oder auch nur die erwartete Reaktion auf das Drücken eines unsichtbaren inneren Knopfes, der von Amanda betätigt wurde. Diese einfache und harmlos erscheinende Reaktion des Herrn Göbel, der mit einem kurzen Satz Amandas Ausführungen unterbrach, löste einen kleinen Impuls aus, der eine innere Kette von emotionalen Reaktionen anstieß.

„Sie kann schon sehr aggressiv werden“, sagte Herr Göbel und er tat es nicht einmal besonders laut. In meiner eigenen Wahrnehmung diente dieser kurze Einwurf dazu, mich auf die Gefahr und die Ernsthaftigkeit eines Problemverhaltens aufmerksam zu machen, möglicherweise auch diesmal, weil Herr Göbel mich als zu ruhig und unbekümmert wahrnahm. Mit seinem Hinweis, dass ich Amanda mit Strenge und Härte begegnen solle, um ihre Wutausbrüche kontrollierbar zu machen, hatte er seine Erwartungshaltung bereits formuliert und seine Gestik und Mimik verrieten mir, dass er bereits jetzt mit meinen tatsächlichen Reaktionen unzufrieden war. Nun war dieser kleine Impuls da, diese kurze Unterbrechung, dieser winzige Funke auf eine emotionale Zündschnur, die in rasanter Geschwindigkeit zu brennen begann und innerhalb eines Lidschlages die Bombe erreichte.