REHBRAUN - In seinen Augen konnte ich lesen

Roman




Buch 1

Kapitel 1 - Nach der Scheidung

Klack – machte die Türe des Reisebüros hinter mir.

Fest drückte ich meine Handtasche an mich. Darin befand sich seit ein paar  Minuten ein Schatz.

Ich hatte es wirklich getan, ich hatte meine erste Schiffsreise gebucht.

Als ich die Buchungsbestätigung in meine Tasche steckte, dachte ich nur: “ So wenig Papier, für so viel Geld“.  Und dabei war es noch die günstigste Kategorie, die ich bekommen konnte. Aber immerhin hatte ich mir einen Wunsch erfüllt, für den ich lange gespart hatte.

Gleich nach meiner Scheidung vor eineinhalb Jahren hatte ich beschlossen, mein Leben total umzukrempeln. Mein Mann hatte sich damals für eine Jüngere entschieden. Nach zwanzig Ehejahren, stand ich vor der Tatsache, dass ich in Zukunft  für meine Finanzen allein verantwortlich sein würde. Und gleichzeitig bekam ich heftige Angst, ob ich das alles schaffen würde. 

Nächte lang konnte ich nicht schlafen und stellte Listen meiner Ausgaben auf. Ich überlegte hin und her, was ich einsparen könnte und was unbedingt sein müsste.  Als erstes fiel mir ein, dass ich wohl in Zukunft auf das Auto verzichten müsste.  Das hatte ich bei der Güteraufteilung behalten, sowie auch die  Wohnung. Zum Glück hatte ich Anspruch auf einen Unterhalt, da ich zum Zeitpunkt der Scheidung schon über vierzig Jahre alt war. Das war zwar nicht viel, aber es besserte meine monatlichen Einkünfte etwas auf.

Obwohl unsere Ehe nicht gerade zerrüttet war, gab es doch ein paar Warnhinweise, dass da schon länger etwas nicht in Ordnung gewesen war. Ich merkte aber nichts davon, da ich mehr mit mir beschäftigt war. Immerhin war ich berufstätig, hatte den Haushalt und unternahm in der Freizeit gerne etwas mit meinen Freundinnen. Mein Exmann war mit seinem Hobby, dem Modellbau, beschäftigt und verbrachte jede freie Minute in seiner Werkstatt. Früher war ich oft mit ihm zum Modellflugplatz gefahren und lag dort in der Sonne, während er seine Flugmodelle in die Lüfte schickte.

Irgendwann hatte ich aber auch daran das Interesse verloren, noch dazu blieben auch andere Fliegerfrauen weg, und ich hatte niemanden mehr zum Plaudern. Mein Exmann sah damals ein, dass ich lieber zu Hause am Balkon liegen würde, wo der Fernseher, der Eiskasten und meine Katze nicht weit waren.  Noch lieber wäre ich öfter mal über das Wochenende weg  gefahren, aber meine Reisewünsche fielen bei meinem Mann auf keinen fruchtbaren Boden. Er war auch im Sommerurlaub nicht zum Verreisen zu  bewegen. „Zu Hause ist es am Gemütlichsten“, pflegte er immer zu sagen, wenn ich wieder davon träumte, was ich von dieser schönen Welt alles gerne sehen würde.

Nicht, dass ich von Torschlusspanik geplagt wurde, aber ich dachte schon auch darüber nach, dass ich ja nicht jünger werde, und mir auch die Zeit etwas davon läuft. Anstrengende Reisen sollte ich also bald machen und nicht erst im hohen Alter. Trotzdem verschob ich dann immer wieder meine Wünsche auf später, da es ja, durch das teure Hobby meines Exmannes,  auch finanziell nicht gerade rosig aussah. 

Aber dafür durfte ich ihm nicht allein die Schuld geben, denn meine Unzufriedenheit kompensierte ich mit Modeeinkäufen. Immerhin arbeiteten wir ja beide, und da sollte ich gar nichts haben?  Meine Kästen bogen sich unter der Last der vielen Hosen, Blusen, Röcke und Pullover. Aber wenn ich mich in den Spiegel schaute, konnte keines meiner Kleidungsstücke das Übergewicht wegzaubern, das ich mir in den letzten Jahren angefuttert hatte.

Unglaublich, wie die Zeit verging! Achtzehn Monate war es her, seit ich unfreiwillig zwar, aber immerhin, durch den Richterspruch meine Freiheit wieder erlangt hatte. Und wie schnell gewöhnte ich mich daran, nur mehr mir selber verantwortlich zu sein, niemandem  sagen zu müssen, wann ich heim komme und nur dann zu kochen, wenn ich selber Hunger hatte.  Auch brauchte ich nicht mehr so viel einzukaufen, denn oft war ich nach wenigen Bissen schon satt. Ohne Auto war es sowieso besser, wenn die Einkaufstaschen nicht so voll waren, denn jetzt musste ich ja alles schleppen.

Nach einiger Zeit  bemerkte ich das erste Mal, dass mir meine Kleider zu weit wurden.  Weniger Essen und mehr Bewegung  brachten den Erfolg, dass ich Gewicht verlor, was mir auch die Waage bestätigte.  Ich fing an, mich in meinem Körper wohler zu fühlen und merkte auch, dass ich immer beweglicher wurde.  Plötzlich machte es mir Spaß, mich in Auslagen zu spiegeln und  meine Jeans konnte ich schon ausziehen, ohne den Zipp zu öffnen.  Die Stufen in den 4. Stock, wo meine Wohnung lag, bewältigte ich leicht und ohne außer Atem zu gelangen.  Überhaupt verzichtete ich  plötzlich freiwillig auf Aufzüge und Rolltreppen. 

Das Echo im Büro war toll. War ich zuerst bemitleidet worden, dass mich mein böser Ehemann verlassen hatte, so hatte ich bald das Gefühl, dass ich für meine Unabhängigkeit und meine äußere Veränderung beneidet wurde.

Andrea, meine Freundin und Kollegin, bemerkte eines Tages mit einem Zwinkern in den Augen: „Ich muss schon sagen, das Alleinsein bekommt dir. Du schaust richtig zufrieden aus und wirkst um Jahre jünger!“  Und wirklich, als ich diese Aussage abends im Spiegel überprüfte, sie hatte recht!  Mir war das ja gar nicht so aufgefallen. Mein Gesicht war schmaler geworden, die Haare länger und meine grüngrauen Augen wirkten  wesentlich größer und sehr fröhlich. Meine Haut war glatt und von Falten keine Spur. Das war zweifellos ein Geschenk der Natur, denn meine Mutter hatte auch bis ins hohe Alter ein jugendliches Aussehen, was sie mir offensichtlich vererbt hatte. 

Mami war auch ein sehr ausgeglichener, immer freundlicher Mensch. Da war das Erbe nicht so perfekt ausgefallen, denn ich konnte schon auch schwierig sein.  Ich war sicher nicht immer bereit alles hinzunehmen und zu akzeptieren. Wenn es mir wichtig war, konnte ich schon um mein Recht kämpfen.  Ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und der Hang zu sagen was ich dachte, erschwerten mir und meiner Umgebung oft das Leben. Mein Freundeskreis hatte sich auf die Personen reduziert, die das akzeptieren konnten, oder meine Ehrlichkeit sogar schätzten. Mit der Zeit hatte ich allerdings auch gelernt, meine Ausdrucksweise zu kontrollieren und nicht jedem gleich ins Gesicht zu springen.

Und dann gab es da noch Kathi, eine ehemalige Arbeitskollegin und gute Freundin. Eigentlich schon Verbündete, denn sie wusste einiges von mir, was ich nicht jedem erzählen konnte!  Auch sie hatte eine Scheidung hinter sich und konnte mir manchen Rat geben.  Mit Kathi konnte man Pferde stehlen, was sie auch von mir behauptete. „Du bist ein richtiger Kumpel und ein Helferlein“, sagte sie einmal zu mir. „Irgendwann,  wirst du alle guten Taten im Leben zurück bekommen“.

So gesehen war ich unheimlich reich, denn gute Freunde sind wertvoll und unbezahlbar.  Und alle diese Freundschaften waren mir nach meiner Scheidung erhalten geblieben.

Noch immer vor dem Spiegel stehend, meine Füße waren schon ganz kalt,  beschloss ich, die positive Veränderung meines Erscheinungsbildes auch noch durch verschiedene andere Dinge zu unterstützen.  Ich hatte mich ja immer schon gerne gepflegt. Da könnte ich mich aber noch steigern und konsequenter vorgehen. Tägliche Bürstenmassage, konsequentes Eincremen des ganzen Körpers und mindestens einmal pro Woche ein Ganzkörperpeeling.  Meine Haarfarbe auffrischen, das Blond wirkte wirklich schon etwas stumpf, sowie etwas mehr Farbe im Gesicht. Eine neue Jeans musste her, die wieder knackig saß und einige meiner T-Shirts und Blusen mussten mit der Nähmaschine bearbeitet werden, damit sie wieder passten. Zum Glück hatte ich ja von meiner Mutter Nähen gelernt und konnte mir damit viel Geld ersparen. 

Sparen! Das war auch ein ganz wichtiges Thema.  Zu meinem Neuen Leben gehörten auch Zukunftspläne. Ich  wollte  mir Wünsche erfüllen, für die ich natürlich auch die nötigen Finanzen brauchte.  Langsam verschoben sich meine Prioritäten. Modeeinkäufe waren nicht mehr so wichtig, dafür aber andere Ziele.  Nie mehr wollte ich etwas auf die lange Bank schieben. Und Ziel Nummer eins war eine Schiffsreise. 

Ich wollte mein zukünftiges Leben so spannend und abwechslungsreich gestalten, wie nur irgendwie möglich. Wie wörtlich das Schicksal mich nehmen würde, das war mir damals noch nicht bewusst.

 

Kapitel 2 - Reisevorbereitungen

Nachdem der erste Schritt getan, und die Reise gebucht war, musste ich noch einiges erledigen.

 Ich hatte zwar noch zwei Monate Zeit,  bis mein Schiff am 13. August  in Savona ablegen würde, aber ich wollte nichts vergessen. Nach Savona würde ich mit dem Bus fahren, das war billiger, als zu fliegen.  Noch dazu war der Flug nur über Nizza möglich und dann mit einem Shuttlebus weiter bis Savona. Viel zu kompliziert für mich.

Die Sommergarderobe musste durchgesehen,  sowie leichte und bequeme Schuhe für die Landausflüge heraus gesucht werden.  Ich hatte nicht vor noch viel zu kaufen, der Kasten war voll und die Sachen mussten reichen.  Auch wollte ich meine Koffer nicht voll stopfen, denn ich war mir sicher, dass ich den Platz für ein oder das andere Souvenir brauchen würde.

Bedingt durch die Reiseroute war nicht anzunehmen, dass ich mich mit viel warmer Kleidung eindecken müsste.  Und etwas Elegantes wollte ich auch nicht mitnehmen, denn ich hatte sicher nicht vor, mich an Bord heraus zu putzen.  Eine schwarze Hose und eine nette Bluse mussten genügen um auch einmal besser auszusehen. Ansonsten wollte ich nur sportliche, leichte Kleidung tragen.   

Ganz sicher würde ich an keinen Abendveranstaltungen an Bord teilnehmen, die man nur in festlicher Robe besuchen darf.  Lieber würde ich den Abend an Deck verbringen, den Sternenhimmel bestaunen und die Meeresluft genießen. Wenn ich daran dachte, hatte ich das Gefühl schon dort zu sein und all diese schönen Dinge zu erleben.

Im Büro bekam ich von allen Seiten gute Ratschläge, was ich mitnehmen müsste und wie ich mich an Bord verhalten sollte.  Fast hatte ich das Gefühl, meine Kollegen nahmen meine Reise ernster als ich. Und da war meine Freundin  Kathi  wieder sehr hilfreich. Sie war immer schon eine Meisterin darin, mit so wenig  Ballast wie möglich zu verreisen.  Gemeinsam erstellten wir eine Liste mit den wirklich nötigen Dingen.

Im Internet informierte ich mich über die Länder, die ich besuchen würde und die Sehenswürdigkeiten, die in den Landausflügen inkludiert waren.  Eigentlich waren neun Tage viel zu kurz um all das Schöne und Interessante zu sehen und zu erleben, was diese Route bieten würde. Ich wollte so viel wie möglich fotografisch festhalten.  Dazu war es aber von Nöten, dass ich mit meiner Digitalkamera wirklich gut umgehen konnte. 

Abends sah ich mir Videos  mit Reiseberichten an  und gleichzeitig studierte ich die Gebrauchsanweisung der Digi.  So vergingen die Tage und meine Vorfreude  auf die Reise stieg. Eigentlich konnte ich es schon nicht mehr erwarten und trotzdem wurde mir immer mulmiger zumute, je näher der Reisetermin heran kam.

Immerhin würde ich allein reisen, und obwohl ich eine selbstsichere und selbständige Frau war, fragte ich mich immer wieder, ob ich auch alles finden und schaffen würde. Umso wichtiger war es, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein.

Rosa, meine liebe Nachbarin bot sich an, ein wenig auf meine Wohnung zu achten, Werbezettel von der Türe zu entfernen, den Postkasten auszuräumen und die Blumen zu gießen.  Auch meine Katze konnte ich ihr unbesorgt anvertrauen.  Ein gutes Gefühl, denn auch meine Nachbarn, Rosa und ihr Mann,  zählten zu den Freunden, auf die ich mich verlassen konnte.  Sie würden mein zurück gelassenes Hab und Gut zuverlässig bewachen.

Und dann war es so weit, mit einem großen  Trolley  bewaffnet stieg ich in das Taxi,  das mich zum Bus bringen würde, mit dem ich dann nach Savona in Italien fahren würde, wo mein Schiff auf mich wartete.

Es war ein riesiger, moderner  Reisebus mit bequemen Sitzen und relativ viel Beinfreiheit. Ich war wirklich angenehm überrascht.  Und mein Glück nahm kein Ende, als ich bemerkte, dass der Sitz neben mir leer bleiben würde und ich genug Platz für meine große Tasche hatte, die ich ja auch noch mitschleppte. Als ich mich so umschaute sah ich, dass höchstens die Hälfte der Sitzplätze besetzt war.  Direkt vor mir saß ein junges Pärchen und gegenüber zwei  Männer, die etwa in meinem Alter waren. Weiter vorne konnte ich eine Familie mit zwei Kindern sehen und zwei ältere Frauen, die beide unheimlich mit Schmuck behängt waren. 

Meine Betrachtungen wurden durch die Stimme des Busfahrers unterbrochen, der nach einer Begrüßung verkündete, dass wir noch weitere Fahrgäste aufnehmen würden und dann setzte sich der Bus schaukelnd in Bewegung. Ich hatte das Gefühl zu schweben. Ob das an dem weich gefederten Bus lag, oder an meiner Vorfreude auf die Reise, das konnte ich nicht unterscheiden, auf jeden Fall fühlte ich mich sehr wohl.

Kurz vor der Autobahn kam dann noch eine Gruppe von etwa zehn Personen an Bord.  Mit der Ruhe war es dann auch schon vorbei.  Die sechs Männer und vier Frauen scherzten und lachten und verbreiteten sofort eine fröhliche Stimmung.  Vom Alter her schätzte ich alle um einiges jünger als ich. Wie gerne wäre ich in ihrem Alter auch mit einer Gruppe von Freunden auf Urlaub gefahren.  Aber mein Exmann war ja zu so etwas nicht zu bewegen gewesen. Und plötzlich wurde mir klar, dass ich in diesem Bus  zu der älteren Minderheit gehörte.

Das fröhliche Völkchen hatte sich im hinteren Teil des Busses eingenistet und so konnte ich einiges von der Unterhaltung mithören. Sie erzählten sich gegenseitig Witze und ich musste einige Male herzlich lachen.

Irgendwann packten sie eine Flasche aus und ließen diese herum gehen. Jeder nahm einen herzhaften Schluck und im Bus verbreitete sich ein leichter Alkoholgeruch. Ein Arm mit einer Flasche kam über meine Sitzlehne herüber und eine fröhliche Stimme sagte: „Trink doch einen Schluck mit, wenn du schon über uns gelacht hast!“ 

Ich schaute auf und sah in das Gesicht eines etwa dreißigjährigen Mannes, der mich angrinste und mir die Flasche jetzt unter die Nase hielt. Ich schnupperte erfreut und musste lachen. „Ja, gerne, was ist denn das?“

„Koste einfach, es wird dir schmecken“, war seine Antwort. Während ich die Flasche an den Mund führte, denn Glas gab es keines, rutschte er von seinem Sitz und stellte sich neben mich.

Vorsichtig nahm ich einen keinen Schluck und das war auch gut so, denn kaum hatte ich geschluckt traten mir die Tränen in die Augen und ich konnte einen Hustenreiz nicht mehr unterdrücken.

Das Zeug war höllisch scharf und brannte meine Speiseröhre hinunter. Meine Reaktion löste heiteres Gelächter aus, das mich ansteckte und ich  hustete, weinte und lachte  gleichzeitig,  mit den anderen um die Wette. „Hoffentlich werde ich davon nicht blind“, würgte ich hervor und lehnte einen weiteren Schluck aus dieser Flasche ab.   

Eines der Mädchen drängte sich zu mir durch und gab mir ein Taschentuch und eine andere Flasche.

„Das scharfe Zeug ist nichts für uns Frauen“, sagte sie lächelnd. „Ich mag es auch eher sanft und süß!" Als ihr die Zweideutigkeit ihrer Worte bewusst wurde, war es schon zu spät.  Wieder brauste wildes Gelächter auf und wieder lachte ich ausgelassen mit. „Darf ich mich zu dir setzen“, fragte sie mit einem Blick auf meine Reisetasche.

Einer der Burschen schnappte die Tasche und verstaute sie flink in der Gebäckablage über meinem Sitz. Die schwere Tasche hätte ich nie so hoch heben können. Aber, das sind halt die Jungen, die haben noch Kraft.

„Ja, natürlich, gern“, antwortete ich und sie rutschte neben mich.  „Gehört ihr alle zusammen?“

„Ja, wir kennen uns von der Uni  und haben heuer unser Studium abgeschlossen.  Jetzt wird erst einmal Urlaub gemacht. Haben wir uns redlich verdient“. Sie deutete auf die Flasche, die ich noch immer in der Hand hielt. „Magst du Eierlikör?“

„Hm, ja“, sagte ich und nahm einen Schluck. „Der ist wirklich gut. Ich mag es auch sanft und süß“, und das Gelächter ging wieder los.

Während der nächsten Stunden erfuhr ich, dass die jungen Leute in Savona an Bord eines Seglers gehen würden und vor hatten die Küste entlang zu schippern.  Schade, irgendwie hatte ich gehofft, sie würden meine Schiffsreise mit machen. Wäre sicher lustig geworden. Irgendwann wurde es im Bus ruhig. Der Alkohol tat seine Wirkung und alle schliefen.

Als ich aufwachte, stellte gerade der junge Mann aus der Reihe hinter mir, meine Tasche auf den Sitz. „So, bitte“, sagte er. „Wir sind da.“  Und wirklich, als ich aus dem Fenster schaute, sah ich das Meer und den Hafen. Eine Menge Boote lagen vor Anker und es herrschte geschäftiges Treiben.  Aber wo ist mein Schiff? Einen so großen Liner konnte man doch nicht übersehen?

„Schau einmal da hinüber!“ Eines der Mädchen deutete auf die andere Seite des Busses. Und da blieb mir die Luft weg.  Riesengroß und schneeweiß lag sie da, die MS Costa. So imposant hatte ich sie mir nicht vorgestellt. Die ganze Höhe konnte ich noch nicht sehen, weil das Dach des Busses im Weg war. Aber was ich bis jetzt sehen konnte war beeindruckend.  Schnell packte ich meine Tasche und drängte zum Ausstieg. Ich konnte mich an dem riesen Schiff  gar nicht satt sehen.

„Wem gehört  dieser  Trolley?“  Ungeduldig schaute der Busfahrer in die Runde. „Mir, danke!“ Eilig nahm ich mein Gepäck in Empfang.

Die jungen Leute, die das große Schiff auch bewundert und bestaunt hatten umringten mich und wir verabschiedeten und herzlich.  „Wenn du nicht mit der Luxusklasse fahren würdest, hätten wir dich zu unserem Segelturn mitgenommen“,  lachte einer der Männer und ich bekam einen Kuss auf die Wange. „Ja, das wäre toll gewesen“, rief das Mädchen mit dem Eierlikör, dessen Namen ich noch immer nicht wusste. Sie umarmte mich, so wie auch der Rest der Gruppe.

Gerührt erwiderte ich:  „Na, ich würde vom Alter her kaum zu euch passen.“ Kopfschüttelnd und erstaunt wurde ich betrachtet und ich fühlte richtig das Unverständnis meiner Worte.  „Findest du uns schon so alt“, fragte ein anderes Mädchen. Da begriff ich erst, dass die jungen Leute mich für gleichaltrig und sogar jünger hielten. Sie hatten keine Ahnung, dass ich im Schnitt zehn Jahre älter war, als sie.

Und da fielen mir wieder die Worte meiner Freundin Susi ein:“ Weißt du eigentlich, wie jugendlich du aussiehst, wenn du so ausgelassen lachst?“

Mit einem fröhlichen Augenzwinkern winkte ich meinen neuen Freunden noch einmal zu und rief: „Vielleicht sieht man sich ja mal wieder. Wünsche euch einen schönen Urlaub! Ciao!“

Jetzt musste ich nur noch finden, wie man da an Bord kam.

 Etwas zögernd ging ich an dem langen Schiff entlang und dann sah ich auch schon eine Gruppe von Leuten, die vom Bordpersonal in Empfang genommen wurden. Als ich an der Reihe war und mein Ticket herzeigte, wurde ich freundlich begrüßt und mir mein Gepäck abgenommen. Ein netter Steward erklärte mir, wie ich meine Kabine finde und gab mir gleich einen Schiffsplan mit.  Statt einem Zimmerschlüssel erhielt ich eine violette Magnetkarte und machte mich auf den Weg zum Lift.

Kapitel 3 - An Bord

Wie ich anfangs schon erwähnte, hatte ich die billigste Kabine gebucht, da es mir nicht so wichtig war, wie ich wohnte, Hauptsache es war alles sauber.  Auch war es mir egal, dass die Kabine klein war und keinen Balkon hatte. 

Natürlich war mein Deck, das übrigens ganz in violett gehalten war,  das Unterste, in dem es Kabinen für die Passagiere gab.  Umso erstaunter war ich, als ich meinen violetten Gang entlang lief, wie viele Türen der günstigeren Kategorie es da gab. Offensichtlich dachten da auch andere Reiseteilnehmer wie ich.

Und dann kam die Überraschung, als ich die Türe öffnete und eintrat. Groß war es hier sicher nicht, aber unheimlich nett eingerichtet.  Ich drehte mich im Kreis und wusste sofort, dass ich mich hier sehr wohl fühlen würde. Es war alles da, was man dazu brauchte. Bett, Schreibtisch und Kasten waren in hellem Holz gehalten, ebenso der Boden. Die weißen Wände bildeten einen tollen Kontrast zu den – man sollte es nicht glauben – violetten Vorhängen.  Auch die Lampenschirme waren violett und als ich in das Bad ging, war ich eigentlich nicht überrascht, dass es hier violette Fliesen gab.

Das Bad war wirklich gut ausgestattet und verfügte obendrein noch über einen riesigen Spiegel.

Mitten in meinen Betrachtungen klopfte es an meiner Tür. Ein Stewart  brachte mein Gepäck und ich konnte schon mit dem Auspacken beginnen. Als ich mich dann einmal aufs Bett setzte, bemerkte ich, wie müde ich eigentlich war. Immerhin war ich seit vier Uhr  früh unterwegs.  Gähnend schaute ich auf die Uhr.  Fünfzehn Uhr  schon, das Schiff würde gegen siebzehn Uhr auslaufen und das wollte ich auf keinen Fall versäumen.  Die Zeit bis dahin wollte ich nützen um mich auf dem Schiff umzusehen. Der Magen knurrte mir auch schon. Gut, dass ich mir einige Naschsachen mitgenommen hatte. 

Mit meinem Schiffsplan und einem Schokoriegel bewaffnet machte ich mich auf den Weg, den langen Gang entlang zu den Liften.  Ich wollte ganz nach oben fahren und von dort aus meine Erkundungsreise beginnen.  Der oberste Knopf im Lift war schwarz.  Jede Etage hatte eine andere Farbe. Hier konnte man sich wirklich nicht verlaufen.  Mit einem Klingeln stoppte der Lift und ich ging auf eine  Glastür zu, die ich mit einem energischen Schwung aufdrückte.

Im gleichen Moment gab es einen dumpfen Knall  und jemand sagte „Au!“ Erschrocken blickte ich auf einen Mann, der hinter der Türe in der Gegenrichtung unterwegs gewesen war und dem die Türe voll gegen den Kopf geknallt war. Sprachlos vor Schreck starrte ich ihn an und versuchte zu erkennen, ob er ernstlich verletzt war.

Der große Mann verzog schmerzlich sein Gesicht und griff sich mit der Hand an die Stirn. Ungehalten sah er mich an und wollte etwas sagen. Als er meine Bestürzung sah, überlegte er es sich offenbar anders und seine Augen bekamen einen lustigen Glanz.

„Eigentlich bin ich derjenige, der fast K.O. geschlagen wurde, aber so, wie Sie aussehen, brauchen eher Sie die erste Hilfe“, sagte er und ein  Grinsen überzog sein Gesicht.

Ich fühlte, wie ich bis über die Ohren rot wurde und stammelte eine Entschuldigung. Krampfhaft hielt ich immer noch  die Türe fest.  „Habe ich Ihnen sehr wehgetan“,  brachte ich mühsam heraus. Blöde Frage, auf seiner Stirn zeichnete sich ein roter Fleck ab, der sich sicher zu einer Beule auswachsen würde.  Das fing ja gut an. Gleich den ersten wirklich gut aussehenden Mann, den ich an Bord treffe, schlage ich K.O.