1 „Ja, da kennan S‘ lang bumpern, des hert de net!“ Er ließ seine Faust sinken, mit der er eben an den hölzernen Laden der schmalen, rissigen Holztüre geklopft hatte und schaute um. Im Vorgarten des Nachbarhauses hängte eine kleine, alte Frau Wäsche auf. Sie deutete auf das heruntergekommene Häuschen, das ganz von vertrockneten, schwarzen Brennnesselstauden eingewuchert war.
„De is no net auf, de schlaft immer lang, Sie wissen scho!“ Dabei machte sie mit der rechten Hand die Bewegung des Trinkens. „Was wolln S’ denn überhaupt?“
Sie musterte den großgewachsenen Mann argwöhnisch.
Er antwortete darauf nicht, sondern fragte zögernd: „Die Frau Gruber, de wohnt doch da, bin i da richtig?“
„Ja, ja, durchaus richtig, aber wann S‘ rauskommt, des konn no dauern.“
Er trat zurück und nahm das Haus in Augenschein. Ein strahlender, seidigblauer Himmel mit schon wärmender Sonne – ungewöhnlich für Ende März des Jahres 1910 – spannte sich über das kleine, unansehnliche Gebäude. Ein riesiger, jetzt noch kahler, aber schon mit dicken Knospen bestückter Holunder stand an der Seite. Das mit morschen, bemoosten Holzschindeln gedeckte Dach zog sich so weit herunter, dass man mit hochgerecktem Arm die Dachrinne berühren konnte. Die Türe und die zwei Fenster, die zur Straße hinausgingen, waren mit Läden verschlossen. Der abblätternde, dicke, immer wieder überstrichene Verputz war bis zur Kniehöhe wellig und blasig aufgezogen. Einige junge, glänzendgrüne Grasbüschel sprossen an ein paar Stellen des Grundstücks und gaben dem wie erstarrt daliegenden Gebäude etwas Frisches, Lebendiges.
Der Mann zögerte noch immer, dann nahm er den braunen, festen Spazierstock, auf den er sich bis jetzt leicht gestützt hatte, fester in die Hand, hob ihn hoch und tat ein paar kräftige Schläge an den Fensterladen. Dabei fiel sein Blick auf die am Griff eingeschnitzten Worte „Lustig und Kreizfidel“.
Ja, das war einmal… Seine Gedanken flogen zurück. Es war ein ebenso strahlender, warmer Märztag gewesen wie heute. Er und die schwarzäugige Margaret waren auf einem ihrer heimlichen Stelldicheins bis an den kleinen Flusslauf gekommen, der von dichten Haselbüschen gesäumt war. Sie hatte den sonderbar geformten Stecken entdeckt und ihm gezeigt. „Da schau, der is ja wia a Spazierstock gwachsn, des is aber gspassig.“
Am nächsten Tag dann war er mit einem kleinen Beil wiedergekommen und hatte den Stock in der passenden Länge abgehauen. Nun wurde an den Abenden, nach der Arbeit – er diente als Huf- und Wagenschmied im nächsten Dorf – der Stock mit einer zierlichen Schnitzerei versehen. Dort, wo der Griff und der Stock einen rechten Winkel bildeten, entstand ein bärtiges Männergesicht. Die langen Haare ringelten sich über den Ansatz des Griffes hinauf und der Bart fiel, schön gelockt, auf den Stock. Auf dem Griff aber sollte „Lustig und Kreizfidel“ stehen, sein Wahlspruch, sein Lebensgefühl, seine unbändige Lust am Leben, die Freude an seiner Jugend und an seiner schönen Freundin, sein Hoffen auf eine gute Zukunft, sein Ahnen vom Glück.
Und wirklich, das Glück war zu ihm gekommen. Die Margaret, Tochter eines reichen Bauern, hatte sich gegen die Bedenken ihrer Familie durchgesetzt und seinen Antrag angenommen. Mit ihrem Heiratsgut hatte er die Dorfschmiede erworben. Arbeit gab es mehr als genug, seine Ehrlichkeit und sein Geschick sprachen sich rasch herum. Ein Sohn war geboren worden und ein zweites Kind war unterwegs. Dann, der jähe Sturz ins Unglück. In einer eisigen Januarnacht war ein Brand ausgebrochen – ein von der Margaret abgewiesener Verehrer hatte das Feuer gelegt. Löschen war nicht möglich gewesen – das Wasser war gefroren. In wenigen Stunden war das gesamte Anwesen, die Schmiede, der Stall und das Wohnhaus zu Asche geworden. Sie hatten nur das nackte Leben gerettet. Mittellos und verbittert hatte er das Dorf verlassen und war nach München gegangen, um dort Arbeit und Auskommen für sich und seine Familie zu suchen.
Ja, und nun stand er hier, mit klopfendem Herz, unsicher, ob er noch einmal bumpern sollte oder doch lieber wieder heimgehen zur Margaret und seinen Enkelkindern, dem Karl und dem Sepp. Heim, ja, sein Heim war jetzt eine windige Herberge in einer Vorstadt von München, nichts Eigenes. Die Miete musste vom Essen abgespart werden. Aber es war immer so ausgegangen. Die Margaret war eine sparsame Hausfrau und so konnten sie von seinem Lohn noch ein bisschen zurücklegen – für neue Bettwäsche, ab und zu Stoff für eine Schürze, Stiefelbesohlen, sonntags drei Quartel Bier, das sie sich sommers am Bankerl vor der Haustüre schmecken ließen, winters auf dem durchgesessenen Kanapee beim Licht der leise zischenden Gaslampe über dem fichtenen, blankgescheuerten Küchentisch. In einem ledernen Beutelchen, das in einer großen Tasse auf dem obersten Brett des Küchenschrankes aufbewahrt wurde, befand sich der Spargroschen – Geld, das unter keinen Umständen ausgegeben werden durfte: Geld für das Begräbnis, einen anständigen Sarg, vielleicht sogar einen Kranz.
2 Doch, er würde seine Sache zu Ende bringen. Mit dem Griff seines Stockes führte er ein paar helle, laute Schläge gegen den Türladen. Er lauschte kurz – nichts. Wieder hob er den Stock, da kam eine weinerliche, heisere Frauenstimme aus dem Inneren: „Ja no, wos is denn da los? Wollts ma des ganze Häusl zertrümmern? I kumm ja scho.“
Er hörte das Aufsperren der inneren Türe, dann, wie der Riegel des Ladens aufgeschoben wurde.
Die Frau hatte ein löcheriges Umschlagtuch mit Kaschmirmuster über ihre mageren Schultern geworfen, die langen Strähnen ihrer gelblichgrauen Haare zottelten verfilzt darüber. Mit einer Hand, auf der die Venen dicke Stränge bildeten, hielt sie das Tuch vor der Brust zusammen. Die Nachtjacke und der zerschlissene Unterrock, aus dem ihre bloßen Füße hervorschauten, waren verfleckt und schmuddelig. Das Gesicht – es mochte einmal angenehm gewesen sein – wies nun bläulich geäderte Hängebacken auf und zeigte eine ungesunde, nahezu quittengelbe Farbe. Die Augen, verquollen und verklebt, blinzelten misstrauisch in das helle Sonnenlicht, das zur Türe hereinfiel. Als sie den Mund öffnete, um zu gähnen, sah man, dass die wenigen Zähne schwarz und bröckelig waren. Ein Gestank von ranzigem Schweiß und billigem Fusel umstand sie wie eine zweite, wärmende Hülle.
„Was wolln S‘ denn, wer san S‘ denn, was fallt eana ein, in alla Fruah…“
Sie ließ den Satz unbeendet und trat einen Schritt auf den Mann zu. Er wich zurück. Er stammelte: „Ja, Grüaß God, Frau Gruber, ich bin wegen dem Kind da, wegen der Mathild, Sie wissen scho…“
„I woaß gar nix, lassen S‘ mi in Ruah.“ Mit diesen Worten wollte sie die innere Türe zuschlagen, aber der Mann war schneller. Schon hatte er seinen Fuß in dem schweren Arbeiterstiefel in den Spalt gezwängt.
„Jetzt warten S‘ doch, lassen S‘ mi ausredn“, – mit einem Blick auf die neugierig und gespannt lauschende Nachbarin setzte er hinzu, „kenna ma des net drin ausmacha?“
„Meinetwegn, kummen S‘ rein.“ Sie stieß eine Tür zur Rechten auf – eine kleine Kammer, die durch das Sonnenlicht, das in scharfen Strahlen durch die Spalten der geschlossenen Läden fiel, kaum erhellt wurde. Er blieb an der Türe stehen. Der Geruch war grauenvoll – eine Mischung aus Moder, stockigen Kleidern oder Lumpen, die in Haufen auf dem mit Abfällen übersäten Boden lagen, Gestank von Exkrementen, saurer Milch oder Erbrochenem, überlagert von einer Wolke wohlfeilen Schnapses. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an das Halbdunkel und er machte eine schmale, hölzerne Bettstatt aus, daneben auf dem Boden eine mit Lumpen bedeckte Schachtel oder Kiste, so genau konnte er es nicht erkennen.
„Ja, wos is jetza, sagn S‘, was S’ wollen und dann schaugn S‘, dass wieda weiderkemma.“ Die keifende heisere Stimme ließ ihn zusammenfahren, doch dann straffte er sich und sagte laut und deutlich:
„Ich bin der Xaver Markelstorfer und ich bin da wegen meiner Tochter, der Theres, des hoaßt, eigentlich wegen dem Kind von meiner Tochter, der Mathild. De Hebamm hat mir gsagt, wo ich’s finden kann und da bin i jetzt.“
„Ja, ja, so, so, nachad san Sie da Großvatta…“ Sie sah zu Boden, überlegte. Wie passte denn der einfache, ärmlich angezogene Arbeiter, dem man das Sparen schon von weitem ansah, zu der Geschichte ihres Pflegekindes? Es war ihr ja gleich sonderbar vorgekommen, damals Ende Januar, als ihre Tochter, die als Hebamme arbeitete, ihr verkündet hatte: „Muatta , jetzt pass auf, du kriagst wieda a Pflegekind, aber desmal was Besseres, net a so an Arbeiterbankert, wos du draufzahlst.“
Also, draufgezahlt hatte sie ja eigentlich nie. Im Lauf der Jahre war ein ganz hübsches Sümmchen zusammengekommen – wohlverwahrt in einem kleinen Eisenkasten unter dem losen Brett unter ihrer Lagerstatt. Ja, und zum Schnaps hatte es auch gereicht. Ihr sonstiges Einkommen, das aus dem Sammeln von abgelegten, alten Kleidern und Mänteln, Stoffen und Lumpen bestand, reichte ja hint und vorn nicht. Und die Pflegekinder, was brauchte so ein kleines Wurm denn schon?
Ihre Tochter hatte ihr dann anvertraut, dass eine „Bessere“, zumindest war sie so angezogen, auch der Schmuck war echt – darauf verstand sie sich – bei ihr entbunden hatte. Die Kosten hierfür und für die Pflege des Kindes waren im Voraus beglichen worden, und zwar mehr als großzügig. Nach ein paar Tagen, zwar noch blass und mit Ringen unter ihren schönen, großen, haselnussbraunen Augen, war die Unbekannte wieder verschwunden, nicht ohne vorher noch versichert zu haben, dass sie selbst die Geburt des Mädchens im Standesamt anzeigen wolle. Dass das Kind Mathilde heißen sollte, erfuhr die Alte erst jetzt.
„Ja, und da wolln S‘ jetzt nachschaun, wias ihr geht, oder?“
Er nickte.
„Des is jetzt dumm, wissen S‘, der gehts heit net guat, de war a bissl krank und da hab i’s de ganze Woch net waschn kenna. Kemmans doch morgn wieda, da kenna S‘ as dann oschaugn.“
Er stand unschlüssig da – heute war Sonntag, da brauchte er nicht in die Arbeit. Morgen konnte er nicht, da musste er um sechs Uhr in der Früh in der Gasanstalt in Moosach sein, wo er als Kesselschmied arbeitete. Morgen Abend, vielleicht?
„Ja, dann kumm i halt morgen wieder. Des kann aber spät werden, geht denn des?“
In diesem Moment hörte er ein leises Wimmern, das aus der Kiste neben dem Bett kam – die Lumpen bewegten sich ein wenig. Er machte einen Schritt auf die Kiste zu und beugte sich darüber. Einige träge Winterfliegen surrten auf, als er die Lumpen wegzog. Er erschrak. Dieses Wesen mit dem Greisengesicht sollte sein Enkelkind sein? Er wusste, dass Säuglinge klein waren. Seine eigenen vier Buben und die Theres, seine letztgeborene Tochter, hatte er noch ganz gut in Erinnerung, auch die zwei Buben, seine Enkel, die ihnen die Theres bald nach der Geburt gebracht hatte, waren klein gewesen, aber doch nicht so winzig und verkümmert. Das Köpfchen lag auf der Seite, geronnene Milch war aus dem Mund gelaufen und war am Kissen eingetrocknet. Der Oberkörper war in ein Jäckchen gehüllt, mit kleinen Spitzen am Hals und an den Ärmeln, aus denen die mageren Hände wie Pfötchen hingen. Unten herum war das Kind in durchweichte, schmutzige Lumpen gewickelt, die mit ein paar abgerissenen Stoffstreifen festgebunden waren.
Er starrte auf das Wesen und stotterte: „Ja, des is ja a Neugeborns, des kann doch net die Mathild sein, de soll doch scho zwoa Monat alt sein. Was ham S‘ denn mit der gmacht?“
„I sag eahna doch, de is net guat beinand, de trinkt net gscheid und dann hat s‘ aa allaweil plärrt…“
So, wie die Mathild aussah, würde sie nicht mehr lange plärren, soviel verstand er von kleinen Kindern schon. Er beugte sich über den kleinen Körper, streckte vorsichtig die Hand aus, seine große verarbeitete, aber nicht plumpe Schmiedshand, und hob sanft das Köpfchen ein wenig an. Wiederum ein leises Wimmern. Und da sollte er erst morgen wieder kommen? Er richtete sich auf – sein Entschluss stand fest. „Frau Gruber, i nehm die Mathild mit, ob eahna des recht is oder net, do bleibts auf koan Fall länger.“
In dem Gehirn der Alten arbeitete es: Ob sie das Kind durchbringen würde, war zweifelhaft, dann die Scherereien mit ihrer Tochter, der Hebamme, mit einem Arzt wegen des Totenscheins. Wer sollte für die Beerdigung aufkommen? Eigentlich war sie ja wirklich schon zu alt für so eine Aufgabe und Verantwortung. Andrerseits – vielleicht konnte sie noch ein paar Markl herausschinden, wenn sie die Mathild jetzt einfach so hergab.
„Also guat, nehmen S’es mit, aber i muaß no auf einer kleinen Zahlung bestehen, wegn de Auslagn und den Dokter hab i aa no net zahlt.“ Dass der Doktor nicht existierte, brauchte der Mann ja nicht zu wissen – gut, dass ihr das noch eingefallen war, dass sie sich wenigstens den Anstrich der Sorge um das Kind gegeben hatte – einen Doktor, den ließen ja nur die Reichen kommen, wenn was war.
„Ja, und wia vui waar denn des nacha, Frau Gruber? Des für die Auslagn und den Doktor?“
Dreist antwortete sie: „Zehn Markl möcht i.“
„So vui hab i net dabei, i hab bloß a paar Markl eigsteckt.“
„Guat, dann gebn S‘ ma halt des, des werd nacha scho langa. Da will i net a so sei.“
Umständlich holte er die Münzen aus einem abgegriffenen Lederzugbeutel, den er auf der Herzseite seiner dicken, aber an vielen Stellen glänzenden und an den Ärmeln und am Kragen schon zerschlissenen Joppe barg. Er zählte das Geld in die ausgestreckte Hand, brachte den Beutel an seinen Ort zurück und kniete sich dann neben die Kiste. Die Mathild wimmerte noch leise vor sich hin. Er hob den kleinen, leichten Körper hoch. Der Urin- und Kotgeruch, der aus den feuchten Lumpen hervorkam, machte ihn schaudern. Er blickte sich suchend um. „Haben S‘ denn net a Deckn, wo i’s eiwickeln kannt, i kann’s doch a so net durch ganz Giasing tragn?“
Sie deutete auf die Lumpen in der Ecke. „Da, suchn S‘ eahna was raus.“
Mit einer Hand, mit der anderen hielt er das Kind an sich gedrückt, hob er die moderig riechenden, dreckigen Kleidungsstücke hoch. Endlich hatte er einen alten Wollrock entdeckt, der musste gehen. Er breitete ihn auf dem Boden aus, legte die Mathild darauf und wickelte sie so ein, dass nur noch die Nasenspitze herausschaute.
„So, Deandl, jetzt kummst hoam zur Großmuatta, da werst scho wieda.“ Zärtlich blickte er auf das Bündel nieder. Er erhob sich von seinen Knien und ging langsam zur Türe– die Alte war verschwunden. Er setzte an:
„Frau Gruber…“, dann brach er ab. Vielleicht besser so, dass er sie nicht mehr sah und ein „Pfüad God“ sagen musste. Sollte er so einen Menschen denn Gott empfehlen, einen Menschen, der das unschuldigste und wehrloseste Geschöpf, ein kleines Kind, so verkommen ließ?
Er stieß die Haustüre auf und blieb, geblendet von der hellen Sonne, kurz stehen. Dann atmete er tief durch und machte sich auf den Weg nach Hause. Es roch schon nach Frühling.
3 „Großvatta, Großvatta, was hast denn da?“ Seine zwei Enkel, der vierjährige Sepp und der um einundeinhalb Jahre ältere Karl, umsprangen ihn wie ein paar junge Hunde. Sepp, der vivere, zupfte an dem Bündel. „Was is denn da drin?“
„Hoit, hoit, net so gaach, passts a bissel auf, warts an Moment.“ Er blieb stehen. Den ganzen Weg her hatte er schon überlegt, wie er das seiner Margaret beibringen sollte, dass sie jetzt wieder einen Säugling aufziehen sollte, kaum, dass die anderen beiden aus dem Gröbsten heraus waren. Das dritte, das ihnen ihre Tochter, die Theres daherbrachte. Freilich, dahergebracht hatte es diesmal nicht sie, er brachte es jetzt.
Die Kinder unterbrachen seinen Gedankengang: „Großvatta, jetzt sag halt, was d’uns da mitbracht hast.“
Die Kinder waren es gewohnt, dass er ihnen öfter kleine Dinge mitbrachte, nichts Besonderes, nichts, was Geld kostete, grad so Sachen, die er am Weg fand: Ein paar Birnen, die der Herbstwind auf das Pflaster geweht hatte, Kastanien oder Tannenzapfen zum Spielen, einen bunten Stein oder ein bizarr geformtes Holz, das dann am Feierabend zu Spielzeug geschnitzt wurde. Manchmal, wenn Dult war oder das Oktoberfest, bekamen sie auch was Gekauftes – Magenbrot, ein kleines Packerl türkischen Honig oder grellrosa Schaumkugeln. Wenn ihn dann seine Frau ermahnte: „Verziag doch de Kinder net a so“, wusste er alleweil darauf zu erwidern: „A Kinderhanderl is glei gfüllt“, worauf sie lächelte und nickte, „ja, ja, hast scho recht.“
Diesmal aber war es kein Geschenk für die Buben, sondern etwas ganz anderes.
„Karl, Sepp, jetzt passts auf. Laufts heim zur Großmuatta und sagts ihr, dass sie a Wasser warm machn soll. Dahoam sehts ihr dann scho, was da drin is. Marsch jetzt, laufts!“
Murrend zwar und immer wieder zurückschauend, zogen die Buben ab. Jetzt hatte er nicht mehr allzu viel Zeit, sich zu überlegen, wie er seiner Frau alles erklären sollte. Am Morgen war ja nur ausgemacht worden, dass er nachschauen sollte, wo und wie die Mathild untergebracht war.
Bis vor einigen Tagen hatten sie von der Existenz einer Enkelin noch gar nichts gewusst. Keine schöne Überraschung war es gewesen, als die Theres vor einer Woche vor der Türe gestanden war, wie immer angezogen als eine Gnädige. Das letzte Mal hatte sie sich im Sommer blicken lassen. Inzwischen war ein gutes dreiviertel Jahr vergangen. Gewöhnlich tauchte sie alle zwei, drei Monate auf, um nach ihren Buben zu schauen und manchmal auch Geld dazulassen. Die Besuche waren meist kurz und endeten jedes Mal ungut. Die Großmutter konnte sich nicht enthalten, der Tochter Vorhaltungen über ihren Lebenswandel zu machen, vor allem über die beiden unehelichen Buben – jeder von einem anderen Mann noch dazu. Die Theres wurde dann jedes Mal schnippisch oder fing zu weinen an. Beim letzten Mal, sie musste da schon mit der Mathild im dritten Monat schwanger gewesen sein, war sie besonders reizbar gewesen und hatte endlich, als die Großmutter keine Ruhe gab mit ihren Ermahnungen, geschrien:
„Dann kumm i halt überhaupts nimma, wennts ihr mi dauernd a so drangsalierts!“ Sie hatte ihren Hut gepackt und den schönen Samtumhang, die Türe aufgerissen und war auf die Straße gestürmt.
Die Großmutter hatte darauf nichts gesagt, nur, als er der Theres nach wollte, gemeint: „Lass sie laufn, des is vielleicht besser so, i mag des gar nimmer segn, wie des Madl verkummt, de ändert sich doch niamals net.“
Lange, so war es ihnen vorgekommen, hatten sie nichts mehr von ihrer Tochter gehört oder gesehen. Dann, vorige Woche, war sie auf einmal wieder in der Au aufgetaucht. Sie hatte ihnen eröffnet, dass sie ihre Stelle als Zimmermädchen im Hotel Leonie aufgegeben habe und mit einem Mann nach Hamburg wolle. Dieses Mal habe sie wirklich das große Los gezogen – ein unverheirateter Arzt, der mit seiner gelähmten Schwester in einer großen Villa wohne, wolle sie als Hausdame beschäftigen.
Die Großmutter hatte ungläubig den Kopf geschüttelt. „Ja, wia jetzt des, wo hast denn den kennaglernt? A Hausdame, sagst, bei am Arzt?“
„Muatta, des is jetzt doch gleich, was, wia und warum. Tatsache is, dass i desmoi mei Glück net sausn lass. Moanst, i bleibert ewig a Zimmermadl und mach de Betten von fremde Leit?“
„Ja, und de Kinder, deine zwoa Bubn, woaß der des?“
„Naa, des woaß er net und des braucht er aa net wissen, des geht neamand was o, wiavui Kinder i hab. Vielleicht sog i eam des späta oder aa net.“
„No, wennst moanst, vielleicht is des ja wirklich a Fingerzeig Gottes, dass du ordentlich werdn kunnst.“
Da hatte die Theres nur höhnisch gelacht. Den Glauben, dass Gott ihr in irgendeiner Weise helfen würde, den hatte sie schon lange abgelegt. Wenn Gott ihr geholfen hätte, wäre das mit den Kindern nicht passiert – ihre Freundinnen waren ja auch nicht immer gleich schwanger geworden. Andrerseits hatte sie bisher mit ihren „Verhältnissen“ fast immer Glück gehabt.
Den Vater vom Karl hatte sie kennen gelernt, da war sie gerade siebzehn geworden. Anfangs konnte sie ihr Glück kaum fassen – sie, ein Zimmermädchen, gefiel einem „besseren Herrn“.
Unter einem Kommerzienrat konnte sie sich zwar nicht viel vorstellen, aber dass er Geld hatte, sah man ihm an. Und großzügig war er. Nach ein paar Monaten ihrer Bekanntschaft hatte er ihr eine kleine Wohnung gemietet, sie von Kopf bis Fuß eingekleidet und, als sie schwanger wurde, zur Entbindung in eine Privatklinik angemeldet. Freilich, heiraten konnte er sie nicht, er hatte ja schon eine Frau und drei erwachsene Söhne. So hätte es wohl eine Zeitlang gehen können, wenn sie nicht, als der kleine Karl einige Monate alt war, den Vinzenz getroffen hätte. Auf so einen hatte sie – ohne dass es ihr bewusst war – schon immer gewartet, ein Bild von einem Mann. Einen Kopf größer als sie – und sie war nicht klein – breitschultrig, muskulös, sehnig. Braune Locken, braune Augen, ein Schnurrbärtchen und – die Zähne! Nie wieder hatte sie solch ein schönes, kräftiges Gebiss gesehen – ein Raubtiergebiss.
Gleich am ersten Abend – sie war mit ihrer Freundin aufs Oktoberfest gegangen – war sie dem Herrn Kommerzienrat untreu geworden. Dabei mochte sie ihn doch, sie war ihm dankbar, dass sie nicht mehr als Zimmermädchen arbeiten musste, sondern ein Leben führen konnte, das sie sich auch in ihren verstiegensten Träumen nicht hätte besser ausmalen können. Zudem hatte sie immer gedacht, die Liebe müsse so sein – ein väterlich wirkender Mann, der sie „meine Kleine, meine Schöne, meine welsche Prinzessin“ nannte, behutsam und zärtlich mit ihr umging, ihr immer wieder beteuerte, wie sehr er es genieße, dass eine junge Frau mit „diesem Haar, diesen Augen, diesem Mund, dieser Haut“ sich an ihn „verschwende“. (Sie hatte nicht genau verstanden, was er damit meinte). Manchmal sagte er ihr auch Gedichte auf und gab ihr Bücher zu lesen, die sie allerdings ziemlich langweilig fand.
Der Vinzenz redete gar nicht lange herum. So, wie er sie über den bierpfützenbedeckten Tisch im Augustiner anschaute, begriff sie auch ohne Worte, was er wollte. Sie war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen – ihr Herz raste, die Knie zitterten. Wie unter Hypnose folgte sie ihm aus dem Zelt auf den Wiesenabhang unterhalb der Bavaria. Sie liebten sich auf dem gelben Herbstlaub, das der Wind von den Linden auf den Boden geweht hatte. Der Vinzenz hatte seine Jacke untergebreitet. Als es vorbei war, wusste sie, dass sie diesen Rausch, diesen Taumel, dieses Abgleiten in eine unbekannte Tiefe nie mehr vergessen würde.
Einige Monate lebte sie in vollkommenem Glück. Dann war sie guter Hoffnung. Als sie es dem Vinzenz sagte, lachte er bloß und meinte, das sei ihre Sache. Was sollte sie tun? Sollte sie abtreiben? Viele ihrer Freundinnen taten das. Aber dann würde der Kommerzienrat Verdacht schöpfen – ohnehin hatte er sie schon einige Male so sonderbar angeschaut und gefragt, was los sei. Sollte sie, wie der Vinzenz meinte, das Kind dem Kommerzienrat „unterschieben“, zudem sie ja gar nicht sicher sein konnte, ob es nicht doch seines sei.
Dann das Ende ihres Prinzessinnenlebens: Der Vinzenz war wieder einmal in ihrer Wohnung, um sich Geld zu leihen – er kam in letzter Zeit ziemlich oft deswegen, als plötzlich der Herr Kommerzienrat vor ihnen stand. Zu Vinzenz sagte er nur „raus, du Schlawiner“, zu ihr: „Dummes Mädel, warum machst denn so was? Hast es doch so schön gehabt bei mir. Versuch nicht, dich rauszureden, ich hab euch schon längere Zeit beobachten lassen. Jetzt ist es halt aus mit uns zwei. Bis nächste Woche ist die Wohnung geräumt. Kannst alles mitnehmen, was ich dir geschenkt hab, ich mag nicht, dass mich was an dich erinnert. Du hast mir sehr wehgetan.“
Ohne sie oder den kleinen Karl noch einmal anzuschauen, verließ er das Zimmer.
Sie fand vorübergehend bei ihrer Freundin Unterschlupf, dann gab sie den Karl zu ihren Eltern und lebte, bis der Sepp geboren war, von dem Geld, das sie beim Verkauf der Kleider, Hüte, feiner Wäsche und auch einiger Schmuckstücke erlöst hatte. Nachdem sie auch den Sepp bei ihren Eltern abgegeben hatte und den Rest des Geldes zur Verpflegung der Kinder dagelassen hatte, arbeitete sie halt wieder als Zimmermädchen.
Ja, und jetzt stand sie da und musste ihren Eltern gestehen, dass es bei den zwei Buben nicht geblieben war.
Die Stimme der Großmutter riss sie aus ihren Erinnerungen: „Du hast ja no gar net gfragt, wia‘s de Buam geht, die san fei groß wordn. Freili, richtige Lausbuam sans scho, hauptsächlich der Sepp, des is a ganz a wiefa.“
Wie zur Bestätigung wurde die Stubentüre aufgerissen, der Sepp, gefolgt von dem bedächtigeren Karl, stürmte ins Zimmer. „Großvatta, jetz schau, wos mir da Noder Toni gschenkt hat!“ Dabei schwenkte er die Feder eines Eichelhähers, blauschillernd und mit dem auffälligen schwarzweißen Streifenband. „Des is fei schee, gell!“
Als sie die elegant gekleidete, schöne Frau bemerkten, die sie musterte, wurden sie verlegen. Karl, der Ältere, erkannte sie wieder, Sepp, der sie das letzte Mal als Dreijähriger gesehen hatte, steckte einen Finger in den Mund, nahm den Karl bei der Hand und stolperte einige Schritte zurück.
„Ja, was is denn des? Karl, Sepp, geht’s doch her zu eira Muatta und sagts schee Grüaßgod, seids doch net solche Stoffeln. Gebts ihr d’ Hand!“
Die beiden Buben gingen langsam auf ihre Mutter zu, gaben ihr artig die Hand und standen dann, kichernd und ein paar Faxen machend, da.
Die Theres wandte sich wieder ihren Eltern zu. „I hab no was mit eich zu bereden, do mecht i de Kinder net dabeiham.“ Dann zu den Buben: „Geht’s ihr zwoa derweil no a bissel auf d’ Gassn.“
Lange vorher hatte sie sich die Worte zurechtgelegt, aber die Tatsache, dass sie zu den Buben noch ein Mädchen hatte, ließ sich durch keine Worte auf der ganzen Welt beschönigen. Das Kind war zwar bald nach der Geburt bei der Mutter der Hebamme untergebracht worden – einer zuverlässigen Person, wie es hieß – und würde so ihren Eltern nicht zur Last fallen, aber wissen sollten die es schon. Sie hatte ja nicht vor, so bald wieder zurückzukommen aus Hamburg.
„Muatta, Vatta, jetzt setzts euch einmal hin, i muaß euch noch was sagn. I hab no a Madl, Mathild hab i sie gnennt, nach deiner Schwester, Muatta. Sie is jetz zwoa Monat alt und bei der Muatta von der Hebamm, wo i entbunden hab, unterbracht. Ihr brauchts euch net drum kümmern, i wollt bloß, dass ihr des wissts, wenn amoi was waar mit mir oder mit der Kloana.“
Die beiden Alten auf dem Kanapee waren unfähig, ein Wort zu sagen. Die Großmutter schüttelte bloß immer wieder den Kopf und fing dann zu weinen an. Der Großvater strich sich ein übers andere Mal über sein noch braunes, nur von einigen weißen Fäden durchzogenes, dichtes Haar, wobei er auf die Tischplatte starrte. Er fasste sich als Erster wieder.
„Theres, ja, warum ham mir denn da nix erfahrn? Des kummt ja jetz scho recht plötzlich.“
„Ja, mei, eigentlich seids ihr selber schuld, dass i euch nichts mehr gsagt hab. Ihr habts mi ja scho beim Karl und beim Sepp scho so gschimpft.“
Das war aber selbst dem Großvater, der immer wieder zum Guten geredet und immer wieder Verständnis gezeigt hatte, zu viel. Er rumpelte auf, dass beinahe der Tisch umfiel:
„Gschimpft, gschimpft, ja hätten mir di da lobn solln, wennst a Kind nach dem andern daherbringst und koan Vatta dazua. Moanst, des is a Kloanigkeit für uns, de Buam zum Aufziagn. Mal bringst a Geld, de meist Zeit koans, mir oiden Leut wissen doch gar nimma, wo ma‘s hernehmen solln. Kapierst denn du des net? Du dumms Luada, du dumms! Und jetz bringst wieda an Bankert daher. Werst denn du nia gscheida?“
Alle drei waren stumm, man hörte nur das Ticken des alten Regulators und die Stimmen der Buben auf der Gasse.
Die Theres sah zu Boden. Wenn das doch schon ausgestanden wäre! Schließlich nestelte sie die Brosche, die sie am Spitzenkragen ihres milchkaffeebraunen Wollkleides trug, los, legte sie leise auf den Tisch und meinte:
„Des is des Letzte, was mir vom Karl sein Vatta blibn is, des kennts ham. Geld hab i im Moment net vui, i lass dann was von mir hörn, wenn i in Hamburg bin. Pfüad God, Muatta, pfüad God, Vatta und Vergelts Gott für alles.“
Lange Zeit blieben die Großeltern sitzen und jedes hing seinen Gedanken nach. Was hatten sie denn falsch gemacht mit ihrer Tochter? Die Freude des Großvaters hatte keine Grenzen gekannt, als nach den vier Buben, dem Lorenz, dem Xaver, dem Wilhelm und dem Hans noch ein Mädchen geboren wurde. Und wie schön sie war! Von ihm hatte sie das dicke, lockige Haar, von der Margaret die bräunliche Haut, die großen, dunklen Augen und den feingliedrigen Wuchs. „Wie eine kleine Italienerin“, sagten die Nachbarn immer. Aber ein schwieriges Kind. Schon früh hatten sie feststellen müssen, dass sie nicht so leicht zu erziehen war wie ihre vier Brüder. Sie konnte zärtlich sein und schmeicheln, wenn sie etwas wollte, bekam sie es nicht oder wurde sie auf später vertröstet, war sie kaum zu bändigen. Später, als man vernünftig mit ihr reden konnte und man ihr erklärte, warum sie das und jenes nicht haben konnte, gab sie zur Antwort: „I kriags scho no, werts scho segn.“ Was meist auch stimmte. Der Großvater nämlich ließ sich schließlich doch erweichen und gab ihr das Begehrte. Sehr oft heimlich: „Sagst halt der Muatta nix davo.“ Wenn die strengere Mutter dahinter gekommen war, gab es Streit zwischen den Eltern.
Bald schon zeigte die kleine Theres, dass ihr schöne Kleider und Stoffe über alles gingen. Sie erbettelte von der Nachbarin, einer Schneiderin, kleine Stoffabfälle, Samtfleckerl oder das Restchen eines Seidenbandes und versuchte, ihr einfaches Kattunkleidchen damit zu schmücken. Nachdem sie die acht Klassen der Volksschule beendet hatte, mit vierzehn, bettelte sie so lange, bis sie zu einer Schneiderin in die Lehre gehen durfte. Die Großmutter hätte sie zwar lieber zu Hause behalten und sie im Kochen, Waschen und Putzen unterwiesen, aber die Theres setzte ihren Willen durch.
Eines Tages, sie war schon im dritten Lehrjahr, sollte sie das Kleid, das eine Kundschaft hatte nähen lassen, in deren Wohnung bringen. Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, „lieh“ sich das Kleid aus und ging damit mit ihrer Freundin in ein billiges Nachmittags-Varieté. Sie wurde sofort entlassen. Danach arbeitete sie als Zimmermädchen, eine der wenigen Möglichkeiten zum Geldverdienen, die einem Mädchen aus der Arbeiterklasse offen standen. Sie zog von zu Hause aus und ließ sich selten sehen.
Die Großmutter brach als Erste das Schweigen: „Der Platz, wo de Kloane jetz is, moanst, der is richtig?“
„Wia soll i des wissen, du host doch g‘hört, des is a verlässliche Person.“
„Ja, scho, aba ma kunnt ja amoi nachschaun, wias ihr geht und wias ausschaut, de Mathild.“
„Des fehlt grad no. Was geht denn des uns o? Jetz mach liaba des Abendessn, i hab Hunga.“
Die Großmutter hatte darauf geschwiegen, aber Ruhe ließ ihr der Gedanke, dass niemand wusste, wie es dem Kinde ging, keine. Als sie nach zwei Tagen noch mal davon anfing, brummte der Großvater bloß. „Gib a Ruah! Vielleicht schau i am Sonntag amal bei der oiden Gruaberin vorbei.“
So kam es, dass er jetzt vor der Großmutter stand, die Mathild auf dem Arm. Er sah an ihren rotgeriebenen Augen, dass sie geweint hatte. Oder war es, weil der Herd etwas rauchte? Wenn die Sonne in den Kamin schien, war es schwer, ein Feuer anzufachen. Das ging nur frühmorgens oder abends. Heute Morgen hatte die Großmutter das Feuer schon ausgehen lassen, nachdem sie die dünne Brühe, die sie Kaffee nannten und die aus Malzextrakt, Imperial-Feigenkaffee und etwas Milch bestand, zubereitet hatte. Nur im Winter, wenn es sehr kalt war, hielt sie das Feuer am Brennen, vorsichtig, dass es nicht ausging. Holz zu kaufen, konnten sie sich nicht immer leisten, meist heizten sie mit Reisig, Ästen oder Tannenzapfen, die sie im Wald aufgesammelt hatten. Ab und zu holte der Großvater einen Sack Brikett vom Kohlenhändler. Diese wurden sorgfältig in nasses Zeitungspapier gewickelt, getrocknet und darauf verschürt. Sie hielten dann länger vor.
Er reichte der Großmutter das Bündel. Sie schaute ihn ungläubig an. „Ja, wos is denn jetz des? Host du eppa des Kind mitbracht? Des war doch net ausgmacht, du hättst doch bloß nachschaun solln.“
„Nimms und schaugs o, dann werst scho vasteh, warum i’s net dortlassn hob.“
Sie nahm das Bündel, legte es auf den Tisch und begann, es vorsichtig aufzuwickeln. Als die Mathild vor ihr lag, mager, verdreckt, an vielen Stellen wund und krustig, das Köpfchen schlaff auf der Seite, die wenigen blonden Haare verklebt und verfilzt, rang sie mühsam nach Fassung:
„Um Himmeswuin, um Himmeswuin! Wia kann ma denn a Butzerl a so verkumma lassn? De hat sich doch überhaupts net um des Kind kümmert. Ob mir de durchbringa? I glaabs fast net!“
Der Großvater hatte inzwischen eine zinnerne Schüssel auf den Tisch gestellt und etwas warmes Wasser hineingegossen. Als die Großmutter die Mathild hineinhob, kamen die Buben zur Tür herein. Wie sie sahen, dass die Großeltern mit einem kleinen Kind beschäftigt waren, konnten sie ihre Enttäuschung nicht verbergen. Sie hatten sich schon lange einen Hund gewünscht, ein Wunsch, der ihnen rundweg abgeschlagen worden war.
„Seids ihr denn narrisch? Moants ihr, mir kennan no an Hund durchfuattern, wo‘s für uns scho kaam langt. Des schlagts eich nur glei ausm Kopf, draus wird nix!“
Aber sie hatten die Hoffnung nicht aufgegeben, und als heute der Großvater mit dem Bündel auftauchte…
„Karl, Sepp, stehts net so rum! Du, Karl, nimmst de Lumpn do aufm Bodn und schmeisst as vor de Tür. Dann gehst nüba zur Noderin und fragst, obs no a bissel a Milli übrig hat, halt a Tass voll, werd scho glanga. Der Sepp soll uma zur Lenkerin. Vielleicht hat de no von der Pepi a paar Sachen zum Oziagn aufghobn. De soll s‘ uns gebn.“
Als die Buben mit dem Gewünschten zurückkamen, saß die Großmutter auf dem Kanapee und hielt die Mathild in ein sauberes Tuch gewickelt im Arm. Sie hatte das Butzerl nach dem Baden mit Salatöl eingerieben, ein altes Hausmittel gegen Wundliegen. Das Kind hatte während des Badens keinen Laut von sich gegeben, ja nicht einmal die Augen aufgemacht. Als sie angezogen war – in ein baumwollenes Jäckchen, das vom vielen Waschen schon ganz weich geworden war und in den Windeln stak, die mit einer großen Sicherheitsnadel zusammengehalten wurden, versuchte die Großmutter ihr mittels eines dünnen Gummischläuchleins, das an einer Flasche befestigt war, die mit warmem Wasser gemischte Ziegenmilch einzuflößen, aber die Mathild war zu schwach zum Saugen. So nahm die Großmutter ein kleines Löffelchen aus Bein und träufelte ihr die Milch tropfenweise in das aufgehaltene Mündchen. Gottlob, sie schluckte! Sie würde leben.
1 „Bist du de Kloa vom Markelstorfer?“ Der Briefträger blieb vor dem blonden Mädchen stehen, das auf der schmalen Haustürstufe saß, einige durchbohrte Kastanien neben sich, und versuchte, diese auf eine Schnur zu fädeln. Das Kind ließ die angefangene Kette fallen und schaute den Mann an. Dann nickte es eifrig.
„Da schau, ich hab einen Brief für dein Großvatta, magst eam den bringen?“
Das Kind sprang auf, nahm den Brief und wollte damit in der Tür verschwinden, als ihm etwas einfiel. Es drehte sich schnell um, dass die blonden, dünnen Zöpfchen flogen, „dankschön“ rief es, drückte die Klinke nieder, stieß die Türe auf und war verschwunden. Der Briefträger sah ihr kopfschüttelnd nach:
„Von Hamburg, na ja, wird scho wieda was sei mit ihra Muatta. De oiden Leut kenna oam leid toa…“
Abends, als die drei Kinder im Bett waren, zeigte die Großmutter dem Großvater den Brief ihrer Tochter, worin diese einen Besuch ankündigte.
„Was werd denn jetz wieda sei mit ihr, so ohne Grund kummt s‘ do net“, meinte sie. Beiden, der Großmutter und dem Großvater, wollte so keine rechte Freude aufkommen über den Besuch ihrer Theres. Die vergangenen drei Jahre hatten sie ab und zu einen Brief erhalten, oft mit Geld darin und mit der immer gleichen nichtssagenden Nachricht: „Mir geht es gut.“
Genaueres erfuhren sie nicht. Nicht, ob es ihr in Hamburg gefiel, wie es ihr im Haushalt des Arztes erging, welches Leben sie dort oben führte, nichts. Von früher her waren sie es gewohnt, dass es nichts Gutes bedeutete, wenn die Theres aufkreuzte und so sahen sie auch diesmal dem Besuch mit mehr Besorgnis als mit Freude entgegen.
„Mädi, jetz kumm amoi her zu mir“, sagte der Großvater anderntags zu seiner Enkelin. „Die Muatta hot gschriebn, dass uns bsuacha mecht, wos sogst jetz dazua?“
Die kleine Mathild, ein apartes Kind mit blonden Haaren und großen graugrünen Augen, von ihren Großeltern und den Nachbarn zärtlich „Mädi“ genannt, kam langsam zum Großvater, der auf dem durchgesessenen Kanapee Platz genommen hatte. Sie blieb vor ihm stehen und schaute ihn verwundert und ein wenig unsicher an.
„Mei Muatta? Aber de is doch da, de is bloß gschwind zur Noderin niba um a Milli, de kummt glei wieda.“
„Na, na, Mädi, du Botscherl, des is net dei Muatta, des is doch de Großmuatta, des is de Muatta von deiner Muatta. Dei Muatta is ja weit furt, de host du no nia gsehn, de wohnt in Hamburg. Du host mir doch gestern den Briaf bracht, den dir der Briafträger gebn hat, und da steht drinna, dass die Muatta bald kummt.“
Die Mathild nickte nachdenklich. Ihr schwirrte der Kopf von „Muatta, Großmuatta, Hamburg, weit furt…“. Dann sprang sie auf den Großvater zu, kletterte auf seinen Schoß und umarmte ihn stürmisch.
„Aber du bist scho mei Großvatta, gell? Und du gehst nia weit furt, du bleibst oiwei da, gell Großvatta?“
„Ja, freili, Mädi, i wüsst ja gar net, wo i hiegeh kunnt, i bleib scho do.“
Durch diese tröstlichen Worte beruhigt, drückte sie noch einmal fest ihren Kopf an die Wange ihres geliebten Großvaters, ließ sich zu Boden rutschen und lief vors Haus. Ihre Freundinnen, die gleichaltrige Lenker Pepi und die um drei Jahre ältere Noder Klari, warteten schon auf sie.
Sie wollten, angeführt von der Klari, in die Gärtnerei Kantschuster, die sich neben der Herberge, wo die drei Familien wohnten, über mehrere Tagwerk erstreckte. Die schlaue Klari hatte dort vor einigen Tagen eine lose Zaunlatte entdeckt und heute wollten sie unter dem großen Birnbaum, der hinter dem Gärtnerhaus stand, nach Mollerbuschbirnen suchen, die schon ab Ende August dort im hohen Gras lagen, freilich umschwirrt von Wespen, die ihren nackten Füßen gefährlich werden konnten. Mehr noch als die Wespen aber fürchteten sie die alte Kantschusterin, die wie ein Zerberus über ihr Gut wachte und der nichts entging. Auch wenn sie die angestoßenen und von den Wespen zerfressenen Birnen oder Äpfel nicht mehr in ihrem Laden verkaufen konnte, duldete sie es nicht, dass die „herglaffene Bagaasch“, die in den umliegenden Herbergen wohnte, sich an ihrem Besitz vergriff. Da warf sie das Fallobst schon lieber auf den riesigen Komposthaufen, wenn sie sich ab und zu die Mühe machte, die halbverdorbenen Früchte zu sammeln. Heute hatte die Klari ihre beiden Freundinnen angewiesen, sich nur auf Knien unter dem Baum zu bewegen, wenn sie die Birnen in ihre Schürzen sammelten. Und wirklich half das hohe Gras den kleinen Diebinnen, ihre Beute ungehindert nach Hause zu bringen. Der Großmutter war das alles zwar nicht recht und sie schüttelte jedes Mal den Kopf, wenn die Mathild ihr eine Schürze voll Fallobst brachte, aber brauchen konnte sie die Äpfel, Birnen oder Zwetschgen schon und sie machte dann gleich ein Kompott daraus.
2 Nichts hatte sich verändert – der alte, windschiefe Holunder stand noch neben dem Eingang zu dem großen Herbergshaus, in dem ihre Eltern eine ebenerdige Wohnung innehatten. Auf dem Nachbargrundstück, der Gärtnerei , saß die alte Kantschusterin dicht hinter der Fensterscheibe ihres kleinen Kramladens, den sie zum Gemüseanbau noch betrieb und beobachtete das Geschehen auf der kleinen Vorstadtstraße. Die Kinder liefen alle barfuß und spielten im Staub der Gasse. Die Glocke vom hohen Turm der Giesinger Kirche – es schlug gerade 10 Uhr, tönte noch genauso wie vor drei Jahren – alles war gleichgeblieben. Ein kleines Gefühl der Wehmut, der Vertrautheit, des Daheimseins keimte in ihr auf, ein Ahnen, dass es gut wäre, hier bleiben zu können, hier zu leben, in Enge und Bescheidenheit, aber doch mit der tröstlichen Gewissheit, dazu zu gehören, geliebt zu werden. Nicht, weil sie eine begehrte Kokotte gewesen war, nein, einfach, weil sie die Theres war, die Markelstorfer Theres, eine Vorstadtschönheit, die mehr sein wollte, als es ihr von Geburt und Herkunft beschieden war.
„Ach, was, dumme Sentimentalitäten…“, die hochgewachsene, schlanke Dame, elegant gekleidet, mit einem kleinen Schleier am Hut, setzte ihre Reisetasche ab. Sie wollte schon mit dem Knöchel ihrer rechten Hand, die im feinen Lederhandschuh stak, an die Haustüre klopfen, als sie den Klingelzug bemerkte, der neben der Eingangstüre angebracht war. „Aha, also doch was Neues. Wird wegen dem Vater sein, der hat ja schon immer schlecht gehört und jetzt ist es halt schlimmer geworden.“
Sie zog die Klingel und ein weithin hörbares Scheppern ließ sie erschrocken zurückfahren. Die Türe wurde sofort geöffnet und sie sah sich ihrer Mutter und einem etwa dreijährigen Mädchen gegenüber. Dieses Kind musste ja wohl die Mathild sein, ihre Tochter.
Die Theres und die Großmutter setzten gleichzeitig zum Reden an: „Ja, da bin ich also…“
„Ja, Theres , dass du nur do bist, mir ham ja scho auf di g‘wart. Kumm nur glei rei…“
Die Theres trat über die Schwelle und blieb stehen. Sie sah sich in dem niedrigen Raum um, der zur Straßenseite hin von zwei kleinen, mit verwaschenen Mullvorhängen geschmückten Fenstern erhellt wurde. An der Stirnseite befand sich in der linken Ecke der große Herd mit dem Backrohr und dem oben eingelassenen Wasserschiff, dem Grandl, das mit einem Messingdeckel verschlossen wurde. Dieser, das umlaufende Messingband und die Messingknöpfe waren ganz blank geputzt. Sie erinnerte sich, wie ihre Mutter sie geschimpft hatte, wenn es ihr nicht gelang, mit Sidol und Zeitungspapier, das Metall so hell zu polieren, dass einem fast die Augen wehtaten, wenn man es anschaute. Neben dem Herd, ebenfalls an der Längsseite, stand das Küchenbüffet. Vor das Fenster war das Kanapee gerückt, der fichtene Küchentisch davor. Heute lag eine Tischdecke darauf. Den Fenstern gegenüber führte eine meist nur angelehnte Türe in die Schlafkammer der Großeltern. An dieser Wand hing der Stolz des Großvaters, der Regulator, eine Uhr, welche die halben und ganzen Stunden mit einem schönen, vollen Klang schlug und deren Perpendikel die Zeit in kleinste Abschnitte zerhackte. Das Holzgehäuse, in einem dunklen Nussbaumton, war mit gedrechselten Säulchen, Türmchen und Zapfen verziert und hatte oben als Abschluss einen Giebel mit einer Muschel. Nur der Großvater durfte die Glastüre öffnen und die Uhr aufziehen – es wäre keinem eingefallen, dieses Gebot zu missachten.
Das Gefühl des heimeligen, vertrauten Geborgenseins, das die Theres verspürt hatte, als sie die altbekannten Gassen, Straßenzüge und Häuserzeilen zu ihrem Elternhaus entlanggegangen war, es war einem Erstaunen gewichen, einem Verwundertsein über die Enge, die Einfachheit, ja geradezu Armut, in der ihre Eltern lebten. Nein, nie würde sie wieder hierher zurückkehren können, sie konnte einfach nicht.
Jeden Morgen Wasser aus dem Brunnen vor dem Haus holen, den Ofen anschüren, das Waschwasser wärmen, sich vor dem handgroßen Spiegel, der neben der Türe hing, frisieren – sie konnte und wollte es nicht.
Die Reisetasche, die sie beim Scheppern der Glocke wieder aufgenommen hatte, noch in der Hand, stand sie nachdenklich, aber auch ein wenig verlegen da.
„Ja, da bin ich also“, wiederholte sie und machte einen Schritt auf ihre Mutter zu.
„Jetz stell amoi die Taschn ab, du werst doch a Zeitlang da bleim, i hab dir de obere Kammer g‘richt; de Buam schlaffan derwei untn in der Küch.“
„Ja, ich weiß net recht, lang kann ich ja net bleiben, bis morgen halt.“
„Setz di doch hi, Theres, werst ja aa miad sei, vo der langen Roas, wia lang fahrt ma denn da, von Hamburg her?“
„Ich bin gestern Abend schon kommen, ich hab bei einer Freundin übernacht, ich wollt euch so spät nimmer störn.“
„A was, hättst scho kumma derfen, mir ham eh de ganze Zeit gwart, gell Mädi, du hast ja alle fünf Minuten gfragt, wann du jetz endlich dei Muatta sehn derftst.“
Mit diesen Worten fasste sie das Kind, das mit großen Augen auf die fremde Frau geschaut hatte, bei der Hand und schob es zur Mutter hin. „Jetz sag amoi schön Grüaßgod zu deina Muatta, Mädi.“
Die kleine Mathild brachte keinen Ton heraus. Den Zeigefinger im Mund, stand sie da und schaute und schaute.
Diese Frau war ganz anders als die Großmutter oder die Mütter ihrer Freundinnen, ganz, ganz anders. Schon wie sie angezogen war – sie hatte einen kleinen Hut auf, fast nur eine Kappe, nicht so ein Riesending wie die Frau Kantschuster gegenüber, wenn sie am Sonntag in die Kirche ging. An dem Hut war ein Gitter aus Stoff, das über ihre Augen ging und die Mädi ganz schwindlig machte, wenn sie der Mutter ins Gesicht schaute. Am besten gefielen ihr aber die Federn, die auf dem Hut wippten und zitterten – zu gerne hätte sie die mal angefasst und gefühlt, wie weich und zart die waren.
„Ja, was ist denn, Mathild, was schaust mich denn so an? Gefall ich dir?“
Mit einem etwas spöttischen Lächeln beugte sich die Theres zu ihrer Tochter und nahm sie mit drei Fingern am Kinn, wobei sie den Kopf des Kindes etwas anhob. Das Kind fühlte den festen Griff der behandschuhten Hand am Kinn, sah, wie das Gesicht der Mutter näher kam, so nah, dass sie hinter dem Gitter die Augen erkennen konnte, roch, dass die Mutter duftete wie die Levkojenbeete im Sommergarten der Kantschusterin – und fing zu weinen an.
Die Theres ließ das Kinn los, lachte und wandte sich an die Großmutter: „Wie alt ist sie jetzt? Soviel ich weiß, dreieinhalb – und kann noch nicht reden…“
Die Großmutter hatte diese kleine Szene stirnrunzelnd verfolgt und kam nun ihrer Enkelin zu Hilfe.
„Ja mei, Theres, wos host denn du denkt, des Kind kennt di doch überhaupt net. De ko freili redn, de verzählt dem Großvatta und mir de scheensten Gschichten, aber im Moment is sie halt ganz durchananda, des muasst do versteh.“
Mit diesen Worten nahm sie das Kind in die Arme, setzte sich auf das Kanapee und wiegte es ein wenig hin und her. Währenddessen musterte sie ihre Tochter. Ja, das musste man ihr lassen, sie war eine blendende Erscheinung, Groß, gertenschlank, was durch die, der Großmutter und überhaupt hier in Giesing noch völlig unbekannte, modische Kleidung unterstrichen wurde.
Über einem dunkelbraunen, engen Rock, der gerade die feinen, rehbraunen Knopfstiefel sehen ließ, trug sie ein tunikaartiges Oberteil in der gleichen Farbe, welches die Hüften bedeckte und in der Taille von einem breiten Samtgürtel zusammengehalten wurde. Dieser, ferner der kleine Stehkragen und die Aufschläge der dreiviertellangen, schmalen Ärmel waren mit einem Rankenmuster in gelber Posamtenstickerei geschmückt. Die Jacke aus hellbraunem Samt zog sie gerade aus und setzte den kleinen Hut ab, der ihr überreiches, hochgestecktes Haar bedeckt hatte. Sie streifte die Handschuhe ab, strich sie glatt und legte sie auf den Tisch. Dann zog sie einen Stuhl heran und wollte sich gerade setzen, als die Türe aufging und die Nachbarin, die etwa vierzigjährige Frau Noder, hereinschaute. Diese blieb überrascht unter der Türe stehen.
„Margret, entschuldigst scho, du host ja grod an Bsuch, i kumm nachher wieda, i wollt ma bloß a Salatöl leihn.“
Mit diesen Worten wandte sie sich um, wurde aber von der Großmutter zurückgehalten: „Lise, kannst ruhig reikumma, des is doch bloß de Theres, kennst as denn nimma? Grod vor a Viertlstund is kumma, aus Hamburg!“
Die Noderin trat näher: „Ja, freili, jetzt siech i s’scho, dass des de Theres is. I hätt s‘ aber nimma kennt, wenn i s’auf da Strass gsehn hätt. Aber jetz, wos d’as sagst…“
Sie gab der Theres die Hand und setzte sich dann neben die Großmutter auf das Kanapee. Die drei Erwachsenen waren etwas verlegen – die Großmutter und die Theres, da sie die Neugier der Noderin kannten und sie durchschaut hatten, die Noderin selbst, weil ihr keine bessere Ausrede als das mit dem Salatöl eingefallen war. Sie hatte die fremde Dame schon vom Fenster ihres Dachstübchens, in dem sie ihre Nähmaschine stehen hatte, gesehen, aber einen Reim konnte sie sich auf so einen eleganten Besuch am frühen Vormittag nicht machen. So hatte sie die Arbeit an den Lederhandschuhen, an denen sie seit dem frühen Morgen nähte, unterbrochen. Nachdem sie ihre Schürze glattgestrichen und mit der Hand über den Scheitel ihrer dünnen Haare gestrichen hatte, war sie eilig die steile Stiege heruntergetappt und bei ihrer Freundin und Nachbarin aufgetaucht.