Herausgegeben
von Raimund KLATT, Heiko KLATT, Mario MÜLLER mit einem Vorwort von Dr. Christoph Schmitt
Zu den Herausgebern:
Dr. Raimund Klatt, Potsdam, Lehrer, Sohn von H.H. Klatt Heiko Klatt, Berlin, Genealoge, Neffe von H.H. Klatt, (www.griesegegend-online.de),
Dr. Mario Müller, Stralsund, Historiker
Dr. Christoph Schmitt, Institut für Volkskunde Rostock – Wossidlo-Archiv
Mecklenburg gehört zu jenen agrarisch geprägten Ländern, in denen der Volksglaube bis weit in die Nachkriegszeit lebendig war. In den fünfziger Jahren, als der Germanist und Volkskundler Hans-Heinrich Klatt (geb. 1930 in Ludwigslust, gest. 1999 in Potsdam) seine Erhebungen zur Volkskultur im Südwesten Mecklenburgs durchführte, waren noch ganze Dörfer ohne Strom, weshalb ihre Einwohner auf moderne Bequemlichkeiten, wie elektrisches Licht oder strombetriebene Maschinen, darunter das alltägliche Radio, verzichten mussten. So nimmt es nicht wunder, dass in diesen Regionen die „alte Volkskultur“ noch gemeinschafts- und sinnstiftend war. Der „Aberglaube“, wie der Volksglaube umgangssprachlich bezeichnet wird, fand seinen stärksten Niederschlag in Sage, Brauch und Volksmedizin. Wurden die Sagen vom „Wilden Heer“ erzählt, lauschten die Hörer gebannt, weil dies mehr als bloße Unterhaltung war. Denn das Heulen des Sturmes wurde auch im wirklichen Leben mit der Vorstellung vom umherziehenden Totenheer verbunden. Segensformeln wurde mangels einer Medizin, die Besseres vermocht hätte, heilende Wirkung zugeschrieben. Bräuche waren besonders dort vonnöten, wo sich Übergänge vollzogen, wo Lebensstufen und Jahreszeiten wechselten oder der Lohn bedeutsamer Arbeiten, wie der Ernte, eingefahren wurde.
Die vorliegende Arbeit widmet sich jenen Bräuchen, mit denen der Lebenslauf „von der Wiege bis zur Bahre“ gegliedert wird. Sie unterbreitet historisches Material, mit dem regionale Sonderzüge der Überlieferung und der auf dem Volksglauben gründende Sinnbezug ritueller Elemente dokumentiert werden. Somit kann sich der Leser in die Denk- und Vorstellungswelt der einstigen Landbevölkerung hineinversetzen. Zentrale Brauchmotive werden vielfach auf Niederdeutsch bezeichnet.
Schon die Brüder Grimm betonten, dass das Sammeln nur im eng begrenzten Raum sinnvoll sei, um überlieferungsgetreu dokumentieren zu können. Hans-Heinrich Klatt beschränkte sich auf die sogenannte „Griese Gegend“, einen in Südwestmecklenburg gelegenen Landstrich von etwa 50 Dörfern und fünf Städten, der sich um Ludwigslust gruppiert. Ihren Namen soll die Gegend nach dem grauen („griesen“) Sandboden der ehemaligen Heidelandschaft erhalten haben. Mit größerer Wahrscheinlichkeit sei jedoch die graue Einheitskleidung der auswärtigen Erntehelfer, die man „die Griesen“ nannte, namengebend gewesen.
Hervorgegangen ist die Untersuchung aus einem Dissertationsprojekt, das Hans-Heinrich Klatt 1956 begann, nachdem er von 1950 bis 1954 an der Universität Rostock Germanistik studiert hatte. Sein Themensteller war Prof. Hans-Friedrich Rosenfeld, der zu dieser Zeit an der Universität Greifswald das Pommersche Wörterbuch bearbeitete. Zu seinen Beratern gehörten Prof. Hermann Teuchert, der an der Universität Rostock das „Mecklenburgische Wörterbuch“ edierte, und Dr. Paul Beckmann, der erste Leiter der Wossidlo-Forschungsstelle. Diese war 1954 auf Basis des Nachlasses von Richard Wossidlo (1859-1939), dem Nestor der Volkskunde Mecklenburgs, gegründet worden.
Klatt beabsichtigte zunächst, die Volkskunde der Griesen Gegend umfassend, also einschließlich ihrer Sachkultur, darzustellen, schränkte das Vorhaben jedoch auf die „geistige“ bzw. „ideelle“ Volkskultur ein, welche die Volksdichtung und mundartliche Dokumentationen mit einschließen sollte. Doch interessierte ihn die geistige Volkskultur der Gegenwart nur insoweit, als sie von der Lebendigkeit noch vorhandener Glaubensvorstellungen zeugte. Paul Beckmann (1888-1962), einer der engsten Mitarbeiter Wossidlos, ermöglichte es dem jungen Absolventen, Wossidlos Feldforschungsnotizen über Brauch und Sage auszuwerten. Daneben notierte sich Klatt das Material der für Wossidlo sammelnden Helfer. In der „Griesen Gegend“ hatte Wossidlo im Verlauf seiner mehr als fünfzigjährigen Arbeit 61 Helfer, zumeist Lehrer, gewinnen können, die ihr lokales Umfeld dokumentierten und den Ertrag in schriftlicher Form an den in Waren lebenden Gymnasialprofessor und volkskundlichen Privatgelehrten sandten.
Überhaupt war Wossidlos Sammelmethode und Editionsweise für Klatt richtungsweisend. Er notiert ebenso in der Sprache der Einheimischen, also auf Niederdeutsch, wodurch sein Verfahren vergleichsweise authentisch ist. Ein Teil seiner Informanten wurde noch vor dem Zweiten Weltkrieg von Wossidlo konsultiert. Wie bei diesem werden möglichst viele Varianten eines Brauches und seiner Einzelzüge gesammelt und in der Edition nebeneinander gestellt. Zwar werden überregionale Parallelbelege angeführt, doch wird das Material im Großen und Ganzen nicht interpretiert.
Bücher über Bräuche, wie sie der heutige Leser auf den Büchertischen in illustrierter, leicht lesbarer Form vorfindet, suggerieren, dass sich ein Brauch so und nicht anders abgespielt hätte. Dem Feldforscher bietet sich hingegen ein vielfältiges und damit weniger eindeutiges Bild. Mag auch das Verfahren der Variantenanreihung ermüdend sein, so wird doch erst dadurch auf die Fülle der Überlieferung hingewiesen.
In heutiger Zeit würde man mit Mikroanalysen das nähere Lebensumfeld erkunden und der Analysearbeit einen Theorieansatz voranstellen, der möglichst ganzheitlich formuliert ist. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass Mikroanalysen auf der materialreichen Kärrnerarbeit der vorhergehenden Forschergenerationen aufbauen. Diese Kärrnerarbeit ist allerdings quellenkritisch zu betrachten, weil sie auf zeitbedingten Einseitigkeiten oder gar Fehlannahmen beruht. So ist nicht jeder Brauch, bloß weil er von älteren Gewährsleuten erzählt wird, „alt“. Insbesondere wurde das fruchtbarkeitskultische Deutungsstereotyp eingeschränkt und an manchen Stellen widerlegt.
Hans-Heinrich Klatts Feldforschungen erstreckten sich von 1956 bis 1958, in welcher Zeit er drei mehrwöchige Sammelfahrten unternahm (22.9. bis 18.10.1956; 23.6. bis 2.8.1957; 12.5. bis 4.8.1958). Sporadisch wurden die Arbeiten bis 1963 fortgeführt. Nach eigenen Worten trug er „rund 2000 eigene positive Einzelaufnahmen“ zusammen. Obwohl er seine Sammeltätigkeit und die umfangreiche Auswertung der Fachliteratur danach als abgeschlossen ansah, hat Klatt seine Arbeit niemals vollendet. Mögen auch persönliche Gründe hierbei eine gewisse Rolle gespielt haben, hätte das Thema in der noch jungen DDR politisch nach hinten gewiesen. Bei der Suche nach ihrer Identität wurde der „Volkskunst“ oder sozialkritischen Volkserzählungen Aufmerksamkeit gezollt, nicht jedoch dem alten Volksglauben, dessen gegenwärtige Zeugnisse mit der Rückständigkeit und Unaufgeklärtheit der ländlichen Bewohner assoziiert worden wäre. Auch verlor Hans-Heinrich Klatt mit dem Weggang von Hans-Friedrich Rosenfeld in den Westen seinen einstigen Betreuer.
Die Herausgeber haben sich der Mühe unterzogen, aus den vier verschiedenen Arbeitsstufen der Dissertationsfragmente einen geschlossenen Text herzustellen. Dabei verzichteten sie auf den ausführlichen Anmerkungsapparat der originalen Fassungen. Diese können im Institut für Volkskunde (Wossidlo-Archiv) eingesehen werden, dem die Erben im Jahre 2002 den Nachlass von Hans-Heinrich Klatt übergaben.
Dr. Christoph Schmitt, Institut für Volkskunde Rostock – Wossidlo-Archiv
Die Herausgeber haben aus 4 teilweise unvollständigen Manuskripten einen lesbaren Text gemacht. Dabei wurden die Manuskripte abgeschrieben. In den Manuskripten auftretende Tippfehler wurden korrigiert. Nicht korrigiert wurden jedoch Zeitangaben. „Vor fünfzig Jahren“ bedeutet also heute etwa „vor einhundert Jahren“. Es ist nicht auszuschließen, dass sich beim Abschreiben, insbesondere der plattdeutschen Zitate, trotz großer Sorgfalt weitere Tippfehler eingeschlichen haben. Dies bitten wir zu entschuldigen.
Zur besseren Lesbarkeit des Textes wurde dieser in Kapitel unterteilt. Inhaltlich zusammengehöriges wurde auch zusammen in einem Kapitel abgehandelt. In der Originalarbeit ist dies nicht immer der Fall. Zur besseren Auffindbarkeit eines Kapitels wurde ein Inhaltsverzeichnis erstellt. Einzelne Schlagworte kann man auch über einen Index finden. Beides fehlt dem Original.
Wir haben einen umfangreichen Anhang erarbeitet. Diejenigen, die durch ihre Informationen bei den Feldforschungen sehr zum Wachsen der Arbeit beigetragen haben, sind im Anhang genannt. Wer nun genau was beigetragen hat, lässt sich nur an der Originalarbeit herausfinden. Diese enthält alle Belege. Nur sind hier meist die Belege aneinander gereiht, was die Lesbarkeit sehr erschwert. Wir haben für diesen Text alle Belege weggelassen. Unser Anliegen war es, den Inhalt auch interessierten Laien zugänglich zu machen. Wer sich wissenschaftlich mit der Arbeit auseinandersetzen möchte, sei auf die Original-Manuskripte und die dazugehörige Zettelsammlung verwiesen. Beides befindet sich im Wossidlo-Archiv des Institutes für Volkskunde der Universität Rostock.
Weiterhin befindet sich im Anhang eine Karte der Griesen Gegend und ein Ortsverzeichnis. Im Ortsverzeichnis sind alle im Text angesprochenen Orte aufgeführt. Hans-Heinrich Klatt hat mit Abkürzungen für die Ortsnamen gearbeitet. Deswegen ist dieses Ortsverzeichnis für jeden, der in der Originalarbeit recherchieren will, ein unverzichtbarer Bestandteil. Offensichtliche Unstimmigkeiten bei den Abkürzungen wurden beseitigt, jedoch ließ sich nicht alles klären.
Wir haben versucht, die Arbeit durch einige Fotos aufzulockern. Zum überwiegenden Teil wurden sie von Hans-Heinrich Klatt selbst angefertigt, bzw. sind von anderen Mitgliedern der Familie Klatt gemacht worden.
Wir wollen mit diesem Text dazu beitragen, dass die Ergebnisse der Feldforschungen von Hans-Heinrich Klatt nicht verloren gehen.
Potsdam, Berlin, im Januar 2014 Die Herausgeber
Schwangerschaft
Auf den Zeitraum zwischen Geburt und Taufe konzentrierten sich früher zahlreiche Riten, Verbote und Gebote. Sie sollten meist Mutter und Kind vor bösen Mächten schützen, sowie das körperliche und geistige Gedeihen des Kindes günstig beeinflussen.
Aber bereits während der Schwangerschaft hatte die werdende Mutter durch ein „richtiges“ Verhalten das Kind vor künftigem Schaden zu bewahren.
So durfte sie beim Nähen nicht den Faden um ihren Hals hängen, sonst sollte „das Neihre-Kind 'n Strang üm'n Hals hebben“. Sie durfte nicht unter einer Wäscheleine hindurchgehen, da das Kind sich sonst bei der Geburt an der Nabelschnur aufhängen sollte: „sonst hett dat Kind 'n Strick üm'n Hals“.
Die Schwangere musste sich vor stärkeren psychischen, insbesondere schreckhaften Erregungen hüten, sie sollte vor allem während des Schreckens die Berührung ihres Körpers vermeiden. Berührte sie nämlich aus Schreck vor einer Ratte irgendwo ihren Körper, dann sollte das Kind an der korrespondierenden Stelle ein Muttermal erhalten, berührte sie sich aus Schreck vor einem Feuer, ein Feuermal.
Auch andere körperliche Abnormitäten führte man vereinzelt auf ein schreckhaftes Versehen der Schwangeren zurück. So behauptete eine Frau, ihre Tochter hätte deshalb anormale Augenlider, weil sie sich, während sie mit ihrer Tochter schwanger ging, aus Schreck vor einer Ratte die Augen mit den Händen bedeckt hätte. Eine Schwangere darf keine Leiche ansehen, da das Kind sonst einen leichenähnlichen Teint bekommt.
Eine Lehrersfrau glaubte sogar, sie habe nur deswegen einen kahlen Streifen am Kopf, weil ihre Mutter sich an der betreffenden Stelle während der Schwangerschaft an der Tür einer Ofenröhre gestoßen hatte.
Wenn eine Schwangere vor einem offenen Brotschrank isst, bekommt das zu erwartende Kind Heißhunger.
Geht die Schwangere unter einer Wäscheleine hindurch oder kriecht sie durch einen Zaun, so kann sie nicht gebären. Sowohl der germanischen, wie der slawischen Schwangeren brachte das Durchkriechen unter gewissen Gegenständen „mancherlei Übel“. Hingegen das Durchkriechen sonst als Heilzauber zum „Abstreifen der Krankheit“ bekannt ist (Krupbäume1 in Mecklenburg).
Ältere volkskundlichen Sammlungen enthalten keine Belege zu solchen oder ähnlichen abergläubischen Verhaltensregeln aus der Griesen Gegend. In der traditionellen folkloristischen Forschung werden sie erklärt aus dem starken Analogieglauben des Volkes – oder zurückgeführt auf den früher weit verbreiteten Glauben an eine besonders zwischen Mutter und Kind bestehende „mystische Partizipation“.
WOSSIDLO konnte während seiner über fünfzigjährigen Sammeltätigkeit nur 2 Belege aus Hagenow und Ludwigslust beibringen.
Daraus ist aber nicht zu schließen, dass im Untersuchungsgebiet „prophylaktische Bräuche“ während der Schwangerschaft nur wenig verbreitet waren. Eine solche Schlussfolgerung lässt schon die frühere weite Verbreitung derartiger Riten nicht zu, hauptsächlich aber das Ergebnis der Erhebungen von 1956-1963 nicht. Auf Grund des vorhandenen Materials muss aber gesagt werden, dass die „Sorge“ um das Gedeihen und das künftige Schicksal des Kindes in der Griesen Gegend offenbar deutlicher in den zahlreichen bei der Geburt und der Taufe üblich gewesenen Bräuchen ihren Ausdruck fand.
Im Gegensatz dazu stehen die Vergleichsgebiete Lausitz, Wendland und Braunschweig, für die Verbote und Gebote für die Schwangere in weit aus größerer Zahl belegt sind. In diesen Gebieten sind genaue Entsprechungen zu einigen abergläubischen Vorstellungen nachzuweisen, die oben für die Griese Gegend aufgezeigt wurden.
In der Griesen Gegend hat sich in Einzelfällen der Glaube bezüglich der Entstehung von Muttermalen und körperlicher Missbildungen - Versehen von Schwangeren - bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts erhalten. Denn der Glaube an das Versehen der Schwangeren und damit zusammenhängende Vorstellungen wurden oft in der deutschen Literatur2 dargestellt und häufig in den zahlreichen okkultistischen Schriften erwähnt, so dass sie auch Eingang in die „gebildeten Kreise“ fanden. Außerdem wollten selbst Mediziner noch um die Jahrhundertwende (19./20. Jahrhundert) in diesem Glauben mehr als Aberglauben sehen (Inspiration, Keiminfektion usw.).
Geburt
Um später eine leichte Geburt zu haben -„wenn dei Geburt licht afgahn sollte“ [wenn die Geburt leicht abgehen sollte]-musste die Schwangere beim Schweinefüttern still ein Stück Brot über den Trog gebeugt essen: „baben den'n Swientrog“. Aus dem gleichen Grunde zogen sich die Bräute am Hochzeitsmorgen das Hemd im Schweinestall an.
Im benachbarten Wendland ging die Braut am Morgen der Hochzeit, bevor sie angekleidet wurde, erst schnell durch den Schweinestall, oder sie legte 14 Tage vor der Trauung ihr in Papier eingewickeltes Brauthemd in den Futtergang des Schweinestalls: „Denn schall dei jung Fruh mit ehr Noakoam’n nich souvöäl Kribbelie krieg’n“ [Dann soll die junge Frau mit ihrem Nachkommen nicht so viel Ärger bekommen].
Eine Sinnerklärung dieses „sehr merkwürdigen Brauchtums“ ist schwierig. Einmal weil weitere Parallelen weder in den Nachschlagewerken der deutschen Volkskunde, noch in der einschlägigen, alle Völker und Zeiten weitgehend berücksichtigenden Literatur, zu finden waren. Zum anderen und vor allem, weil es sich hierbei wahrscheinlich um einen mehrfach modifizierten Brauch handelt, in dem möglicherweise mehrere Glaubensvorstellungen ihren Ausdruck gefunden haben. Wegen der Übereinstimmung, die sich bei indioeuropäischen Völkern neben der Sprachverwandtschaft auch in ihren mythischen Überlieferungen ergibt, bietet auch die Mythologie keine sichere Grundlage für eine Deutung. Infolgedessen kann dieser Brauch nicht einer bestimmten Völkergruppe zugeordnet werden.
Auf Grund der vorliegenden Belege aber, könnte man diesen Ritus am ehesten wohl als einen Glücks-, oder vorbeugenden Abwehrzauber bezeichnen. Das Schwein ist ja als Symbol des Glücks weithin bekannt (hier leichte Geburt = Glück?).
Wenn Schweine in Deutschland auch nur als reine Glücksamulette bekannt sind, so ist doch zu beachten, dass scharfe Grenzlinien zwischen Glücks- und Abwehramuletten - jedenfalls entwicklungsgeschichtlich - nicht immer zu ziehen sind: Der Gegenstand, der getragen wurde, um das Unheil abzuwehren, wird naturgemäß leicht zu einem Glück bringenden Gegenstand. Außerdem aber fand das Schwein selbst in Deutschland auch als Schutz- und Abwehrmittel Verwendung. Wenn wir ferner berücksichtigen, dass manche Mittel, die zur Beförderung der Fruchtbarkeit oder zur Erleichterung der Geburt dienen, so erscheint die Vermutung, dass dieser Ritus ein Glücksoder vorbeugender Abwehrzauber sein könnte, wohl als begründet.
Dass das Schwein als Glückssymbol gilt, spiegelt auch folgendes wider:
Hat jemand Glück beim Kartenspiel: „Du hest di woll an’n Swien schüürt!“ [ „Du hast Dich wohl an einem Schwein gescheuert!“]
Ist man glücklich einer drohenden Gefahr entronnen: „Dor hest aewer mal Swien hatt!“ [Da hast Du aber Schwein gehabt!].
Wenn man in der Nacht von Schweinen träumt, soll man am kommenden Tage Glück haben.
Solche Bräuche, die eine spätere leichte Geburt sichern sollen, konnte ich im Untersuchungsgebiet nicht mehr feststellen. Auf meine Frage danach erhielt ich meist Antworten wie z.B. diese:
„Wenn dei Geburt licht afgahn sall,...denn möt sei die Schwangere sik väl Biwägung maken, nich so väl sitzende Arbeit orer väl liggen.“ [Wenn die Geburt leicht abgehen soll, dann muss sich die Schwangere viel Bewegung machen, nicht soviel sitzende Arbeit oder viel liegen].
Bei einer schweren Geburt versuchte man den Vorgang zu beschleunigen, indem man der Gebärenden heißes Wasser einflößte, worin Eier gekocht worden waren. Dieses volksmedizinische Mittel gebrauchte man auch in Westböhmen, Bayern und Sachsen. Die Deutschen in Pennsylvanien benutzen es, wenn sie eine Abtreibung vornehmen wollten.
Zeitpunkt der Geburt
Nach dem früheren Volksglauben kam dem Zeitpunkt der Geburt, schicksalhafte Bedeutung für das Kind zu. Wer in der Nacht von Sylvester auf Neujahr zwischen elf und zwölf Uhr, zwischen zwölf und ein Uhr, in den Zwölften geboren wurde, sollte die Ereignisse des kommenden Jahres voraussehen können: „de künn je all's seihn“.
Im Wendland war man des Glaubens, dass am Heiligabend zwischen elf und zwölf Uhr, am Sonntag oder am Gründonnerstag Geborene die Gabe der Vorausschau hätten. Hat jemand besonderes Glück sagte man: „Du büst woll up’n Sünndag geburen“. Bereits im Jahr 1563 schreibt der Rostocker Prediger Joachimus Schröder: „…de Sondages edder Sonnen kinder…de hebben sonderlick gelücke vor allen anderen Minschen, de könnent balde (wo se seggen) im angesicht affsehen, efft de Minsche beseten sy mit dem Düuel, de können vme erer sonderlyken gebordt edder dögede, dem besetenen helpen, vnd den Düuel van em affdryuen.“
Für Mecklenburg galt die Vorstellung, in der Neujahrsnacht zwischen zwölf und ein Uhr, freitags, vor allem aber sonntags geborene Kinder würden geistersichtig.
Solche abergläubischen Ansichten reihen sich ein in den alten und über die ganze Welt verbreitet gewesenen Glauben an die Bedeutung des Geburtstages und der Geburtsstunde für das künftige Leben des Einzelnen. Manche Tage und Zeiten sind ungünstig (z.B. im Wendland der Freitag, in der Lausitz der Donnerstag), andere günstig (z.B. die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, vielfach der Sonntag).
Es ist bemerkenswert, dass aus der Griesen Gegend keine Belege über günstige oder ungünstige Geburtstage (Wochentage) vorliegen. Hier war offensichtlich der Glaube an die Bedeutung der Geburt in den Zwölften verbreitet. Das lässt sich vielleicht erklären aus der großen Beachtung, welche dieser Zeit - deren Ereignisse u.a. sowohl den Einzelnen, als auch für die Familien- und Dorfgemeinschaft im kommenden Jahr von Bedeutung sein sollten - im Untersuchungsgebiet ganz allgemein gewidmet wurde.
Man sollte sich davor hüten, dass in einem Schaltjahr Kinder geboren würden; „denn entwäder sünd dat Zwillings ore sei sünd nich ornlich“ (d.h. es sind Krüppel).
Nach JUNGBAUER ist das Schaltjahr „im Volksglauben, wie alles vom Normalen und Geregelten Abweichende, Unglück bringend.“ Den o.a. Glauben belegte er nicht.
War jemand kränklich, so sagte man: „De is up'n Kräwtdaag gebor'n“, dies sind Tage im Zeichen des Sternbildes Krebs.
Aus Thüringen ist belegt, dass Kindern die im Zeichen des Krebses geboren wurden, alles rückwärts gehen sollte. Tage, die im Zeichen des Krebses standen, waren überhaupt ungünstig. An solchen Tagen unternahm man nichts: „Ik gah dor hüt nich hen, hüt is'n Kräwdag, hüt geiht all's trügwärts“.
Die Wäsche sollte nicht trocknen: „Dat sünd de oll'n Kräwdaag: dor brukst du nich an denken, dat de Wäsch drög ward.“
Wollte man zum Mähen gehen, sah man erst im Kalender nach, ob auch ein Kräwtdag sei. Dazu benutze man in Mecklenburg früher den „Voß- und Haas – Kalender“.
Astrologische Betrachtungen waren sonst in der Griesen Gegend wenig üblich. Dem Hundertjährigen Kalender wurde mehr Aufmerksamkeit gewidmet.
Wenn ein Kind geboren wurde, während es im Dorf eine unbeerdigte Leiche gab („wenn ein Liek baben de Ier stand“), sollte es nicht lange am Leben bleiben.
Diesem Glauben – er wurde auch in der Lausitz und im Erzgebirge nachgewiesen – liegt sicher die Analogievorstellung zu Grunde, wonach alles, womit der Tote direkt oder indirekt in Verbindung kommt, in dem Maße vergehe, wie der Tote vergeht. Eine Vorstellung, die sich in der Griesen Gegend an verschiedenen Beerdigungsbräuchen vielfach bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts hinein aufzeigen lässt. (siehe Kapitel Tod)
Die Entbindung
Die Entbindung erfolgte früher in der Regel im Hause: hüt kamen jo dei jungen Frugens all in 't Krankenhus