
STEFAN BLESSIN
ist Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Hamburg. Er hat Bücher über Goethe und Horst Janssen verfasst. Über die Fächergrenze hinausgehende Fragen hat er weiterverfolgt und ins Grundsätzliche gezogen.
Als Kinder haben wir mit einem Gedanken gespielt, der uns einen Schauer über den Rücken gejagt hat: „Und wenn du nun als eine Fliege geboren worden wärst?“
Nicht auszudenken, was das heißen würde. Die Fliege, die du eben auf der Fensterscheibe platt gedrückt hast, hättest du selbst sein können: ein wehrloses Ding, das im Flug nicht zu erhaschen ist, aber in die Falle geht, wenn es auf Glas stößt. Das ist der Rollentausch, der aus dem Täter das Opfer macht und dich eine Ungerechtigkeit fühlen lässt, die ins Bodenlose führt.
Du hättest dich aber auch mit der Fliege verbünden können, die sich auf den sabbernden Lippen von deinem Onkel Fritz niederlässt, der deshalb nicht zum Schlafen kommt. Wenn dieser Onkel dir bei Strafe verboten hat, seine Mittagsruhe zu stören, wirst du dich mit der Fliege über ihre Unverschämtheit freuen.
Das sind Fälle für die praktische Anwendung eines Gedankenexperiments, das mit der Möglichkeit spielt, die Perspektive zu wechseln. Davon macht schon die Kindheit Gebrauch und das nicht erst seit den Tagen von Wilhelm Busch.
Kindheit zeigt aber auch einen Hang zum Philosophieren. Ja, vielleicht sind wir nie mehr Philosoph als in solchen Momenten, da Rat teuer und umso dringender gefragt ist, als sich eine ins Grenzenlose vortastende Ratlosigkeit einstellt. Denn was soll das heißen: „Ich – als Fliege geboren? Geht das?“
Wie ich immer wieder beobachten konnte, zeichnete Horst Janssen in Schüben. Mal war er ganz Landschaft – „Ich gehe nicht in die Landschaft, ich gehe ein in die Landschaft“1 –, mal nahm ihn die Erotik so in Anspruch, dass alles, was eben noch Stillleben war, zur Requisite im Spiel der Geschlechter wurde. So wechselte er schubweise von einer Welt in die andere. Wenn er gestern noch mit den Augen des Porträtisten sah, dann gab er heute seine Hand dafür her, unsere Sehgewohnheiten so umzuschreiben, dass uns das vermeintlich Gestrige wie auf den ersten Blick erscheint.
„Von Ausschließlichkeit zu Ausschließlichkeit“ nannte Janssen diese Arbeitsweise, die er auch als ein kaleidoskopartig ineinander umspringendes Bild von der Welt verstanden wissen wollte.2 Welt aus lauter Welten. Das Kaleidoskop ist nur kurz zu schütteln, und schlagartig ist die Welt eine andere.
Merkwürdigerweise hat mich das immer an Goethe erinnert, den ich ausführlich gelesen und studiert hatte. Was eine Welt ist, wusste Goethe von Anfang an genau, und dass eine auf die andere Welt folgen kann und eine jede sowohl für sich als auch neben anderen existiert, war ihm so selbstverständlich, dass es von da aus endgültig in den redensartlichen Wortschatz der Deutschen Eingang fand. Seitdem unterscheiden wir nicht nur die kleine und die große Welt, sondern auch die Welt des Theaters und die Welt der Arbeit und überhaupt jede Welt, die sich wie um einen imaginären Mittelpunkt mit einer ihr eigenen Schwerkraft verbreitet. Goethe hat daraus das ihn leitende Darstellungsprinzip entwickelt. Aber im Grunde ist schon jeder Brief, den Werther aus seiner augenblicklichen Verfassung heraus schreibt, eine Welt.
Wie vertragen sich so viele Welten, und was ist es, das sie hervorbringt? Es scheint mit der Perspektive zusammenzuhängen und damit, wie seit den frühen Tagen der Neuzeit der Wechsel der Perspektiven an Bedeutung gewinnt. Das ist eine grundsätzliche Betrachtung wert, die sich als ein Beitrag zu und als Erweiterung einer philosophischen Anthropologie versteht. Goethe hat daraus das ihn leitende Darstellungsprinzip entwickelt. Aber im Grunde ist schon jeder Brief, den Werther aus seiner augenblicklichen Verfassung heraus schreibt, eine Welt.
1 Horst Janssen: Was man als Vielfalt apostrophiert, oder: Von Abgrund zu Abgrund. – In: Janssen: An und für mich. München 1986. S. 168.
2 Horst Janssen: Hinkepott. Autobiographische Hüpferei in Briefen und Aufsätzen. Gifkendorf 1987. S. 10.
Mit der Neuzeit haben sich neben der Schulphilosophie und ihrer dezidierten Begrifflichkeit zwei Ausdrücke herausgebildet, die zwischen der Alltagssprache und den gelehrten Diskursen hin und her pendeln: Welt und Perspektive.
Was darunter zu verstehen sei, wusste man schon früher. Welt – das war im Mittelalter die ganze Schöpfung, Inbegriff alles Seienden. Was es mit der Perspektive auf sich hat, erfassten schon die Griechen. Sie bauten ihre Tempel so, dass die Reihen von Säulen nicht genau parallel liefen, sondern sich einander zuneigten, um dem Auge des Betrachters – statt eines bloß räumlichen Kubus – einen eleganten, in sich stimmigen und ausgewogenen Anblick zu bieten. Noch heute weckt der mathematische Aufwand, der dafür notwendig ist, Erstaunen.
Dennoch hat weder die Antike noch das Mittelalter die beiden Begriffe in der popularisierten Bedeutung gekannt, mit der wir uns von Perspektive und Welt zu sprechen längst angewöhnt haben. Es dürften die Erfolge der Optik und die Weiterentwicklung der dafür erforderlichen technischen Instrumente gewesen sein, die besonders der Perspektive seit der frühen Neuzeit zu einer enormen Karriere verholfen haben.
Die Perspektive führte schon in der Renaissance Kunst und Wissenschaft zusammen.3 Das Tafelbild mit seiner von Farben bedeckten Oberfläche bekam – einem Fenster ähnlich – den Charakter eines Wirklichkeitsausschnitts, der entlang der perspektivischen Fluchtlinien genau auszumessen und auf diese Weise auch überprüfbar war. Abgesehen von künstlerischen Freiheiten hielt das Paradigma des perspektivisch geordneten Raumes in der Malerei fünfhundert Jahre lang vor und ist auch heute, im Zeitalter der Fotografie, so wenig wegzudenken wie Logik und Harmonie auf ihren Gebieten.
Wie fruchtbar der Perspektive-Begriff werden sollte, zeigte sich bald auch daran, dass er sich immer weitere Spielräume erschloss. Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass ein Terminus technicus in die Gemeinsprache einwandert, besonders wenn sich auf diesem Weg eine veränderte Weltsicht anbahnt. So legte Gottfried Wilhelm Leibniz das metaphorische Potential frei, als er nach einem Bild dafür suchte, wie seine Monadologie sinnfällig zu machen wäre.4 Zum Vergleich zog er den Grundriss einer Stadt heran, der man sich von verschiedenen Seiten und durch mehrere Tore annähern kann und die jedes Mal eine andere Ansicht bietet, obwohl der Grundriss der gleiche bleibt. Ebenso sollte sich in jeder Monade die Schöpfung selbst genug sein, auch wenn sie als deren Spiegel wie immer eingeschränkt wäre.
Perspektive verheißt Teilhabe am Ganzen, aber so, dass sie in Grenzen erfolgt. Dafür sorgt der Standpunkt, von dem aus sich dem Reisenden der Anblick der zu seinen Füßen liegenden Stadt darbietet. Er ändert sich im Zuge der Annäherung je nach dem Standpunkt, der eingenommen wird. Aber immer ist es die gleiche Stadt, die sich zeigt, immer sind es dieselben Türme und Dächer und Straßen, die in wechselnden Perspektiven erscheinen. Als Leibniz diese sinnfällige Erklärung für seine Monadologie suchte, wurde er davon geleitet, ein möglichst passendes Bild zu finden für ein Verhältnis von Teil und Ganzem, in dem jedes Teil auf seine je besondere Weise das Ganze repräsentiert. In jedem einzelnen Geschöpf sollte Gottes Schöpfung ganz gegenwärtig sein. Dem war zum besseren Verständnis nur mit einem Bild nahezukommen, wie der Philosoph wohl bemerkte, als er sich nicht anders als mit einem Vergleich aus der Optik behelfen konnte.
Dass es sich um ein Bild handelt, hat sich dann bald verloren. Die Sache ist uns inzwischen so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es selbstverständlich wurde, von einer Perspektive oder im Plural von Perspektiven zu sprechen. Darin gewinnt die Erfahrung an Boden, dass die Dinge je nach Standpunkt von jedem anders wahrgenommen werden. Wenn es in der Antike ein beliebter Topos war, das Durcheinander der Meinungen – doxa – zu beklagen, dann stellte sich mit dem wachsenden Einfluss der Naturwissenschaften auf unser Weltbild heraus, dass es seine besondere Berechtigung hat, wenn davon geredet wird, dass jeder die Welt mit seinen Augen sieht. In der Bildenden Kunst ist es geradezu Programm geworden. Das war so nachvollziehbar und so eingängig, dass der bildhafte Charakter immer mehr zurücktrat. Zuerst erübrigte sich der Bezug auf das Ganze, um dessentwillen Leibniz noch die gleichnishafte Rede von Perspektive und Spiegel bemüht hatte. Perspektive wurde gleichbedeutend mit den vielen verschiedenen Standpunkten, die sich einnehmen lassen und deren Zahl tatsächlich so unbegrenzt ist, dass sich jeder Einzelne völlig zwanglos unter der Allgemeinheit eines gleichsam naturwissenschaftlich anmutenden Sachverhalts wiederzufinden vermag.
Das hatte es kaum je zuvor gegeben. Denn es zielt nicht auf die logische Allgemeinheit wie in dem Satz: Jeder Mensch muss sterben! Dieser Allgemeinheit haben wir uns bedingungslos zu unterwerfen. Vielmehr zielt es auf einen Umstand, der uns alle gleichermaßen betrifft, aber jeden in seiner Besonderheit berücksichtigt – eben darin, dass es so viele einzelne Standpunkte wie Gelegenheiten gibt, sie einzunehmen. The point of view – das ist das demokratische Prinzip lange vor seiner Einführung. Hier dürfte einer der Gründe liegen für die weit in die Zukunft weisende Erfolgsgeschichte des Perspektive-Begriffs.
Was ist natürlicher, als dass jeder, der da ist, einen Platz behauptet und einen Standpunkt hat, von dem aus er in die Landschaft schaut, und zwar so, wie nur er das von diesem bestimmten Ort aus kann. Ein anderer, der daneben steht, müsste an seine Stelle treten, um das Gleiche zu sehen. Das heißt, der Standpunkt lässt sich auch teilen und als Standpunkt hält er der Überprüfung stand. Topografisch betrachtet sind das lauter Selbstverständlichkeiten, die ihren Vorzug aber erst dadurch voll entfalten, dass all das auch im übertragenen Sinne gilt. Der Standpunkt kann nämlich ebenso gut eine Ansicht, eine Meinung sein. Auch sie lässt sich nach gründlicher Überprüfung teilen – oder auch nicht. Dann beharrt jeder auf seinem Standpunkt, was aber nicht ausschließt, dass es grundsätzlich möglich ist. Denn es muss nur einer an die Stelle des anderen treten, was eher metaphorisch und räumlich als zeitlich geht.
Es ist die fast grenzenlose Anpassungsfähigkeit an die alltäglichsten Situationen und seine spielerisch leichte Übertragbarkeit, die den Perspektive-Begriff zu einer der beliebtesten rhetorischen Figuren machen. Ohne ihn würde sich immer gleich zum Streit entwickeln, was mit seiner Hilfe als ein sich nicht ausschließendes Nebeneinander im Raum stehen bleiben kann. Dafür ist hier ein Beispiel einzurücken, das Goethe als „das lustigste Geschichtchen“ in der Italienischen Reise erzählt und das mit dem Titel zu überschreiben wäre:
Die Katze betet Gott-Vater an
„Ich habe mich nicht enthalten können, den kolossalen Kopf eines Jupiters anzuschaffen. Er steht meinem Bette gegenüber wohl beleuchtet, damit ich sogleich meine Morgen-Andacht an ihn richten kann, und der uns, bei aller seiner Großheit und Würde, das lustigste Geschichtchen veranlasst hat.
Unserer alten Wirtin schleicht gewöhnlich, wenn sie das Bett zu machen hereinkommt, ihre vertraute Katze nach. Ich saß im großen Saale und hörte die Frau drinne ihr Geschäft treiben. Auf einmal, sehr eilig und heftig, gegen ihre Gewohnheit, öffnet sie die Türe, und ruft mich eilig zu kommen, und ein Wunder zu sehen. Auf meine Frage: was es sei, erwiderte sie, die Katze bete Gott Vater an. Sie habe diesem Tiere wohl längst angemerkt, dass es Verstand habe wie ein Christ, dieses aber sei doch ein großes Wunder. Ich eilte mit eigenen Augen zu sehen, und es war wirklich wunderbar genug. Die Büste steht auf einem hohen Fuße, und der Körper ist weit unter der Brust abgeschnitten, so dass also der Kopf in die Höhe ragt. Nun war die Katze auf den Tisch gesprungen, hatte ihre Pfoten dem Gott auf die Brust gelegt, und reichte mit ihrer Schnauze, indem sie die Glieder möglichst ausdehnte, gerade bis an den heiligen Bart, den sie mit der größten Zierlichkeit beleckte, und sich weder durch die Interjektion der Wirtin noch durch meine Dazwischenkunft im mindesten stören ließ. Der guten Frau ließ ich ihre Verwunderung, erklärte mir aber diese seltsame Katzenandacht dadurch, dass dieses scharf riechende Tier wohl das Fett möchte gespürt haben, das sich aus der Form in die Vertiefungen des Bartes gesenkt und dort verhalten hatte.“5
In drei Perspektiven erscheint das Ereignis, das Goethe hier zum Besten gibt: in der Perspektive der Katze, in der Perspektive der Wirtin und in der Perspektive des Ich-Erzählers. Die Katze geht Jupiter um den Bart, indem sie ihn leckt. Die Wirtin erblickt darin ein Wunder, denn „die Katze bete Gott-Vater an“, wie sie mit eigenen Augen und nicht nur sie, sondern auch der herbeigerufene Hausgast sehen könne. Dieser erfasst den Vorgang, bleibt aber nicht bei dem sich bietenden Augenschein stehen, sondern hinterfragt die Situation mit der Folge, dass das Wunder nicht länger ein Wunder bleibt. In der Perspektive des Ich-Erzählers handelt es sich um ein der naturwissenschaftlichen Erklärung durchaus zugängliches Ereignis, weil die Katze mit ihrem scharfen Geruchssinn das in den Bartfalten hängen gebliebene Fett, das zum Ablösen aus der Gussform nötig ist, gerochen und geschmeckt hat.
Tierisches Verhalten kommt gegen katholische Wundergläubigkeit und diese gegen den aufgeklärten Blick zu stehen, mit dem der naturwissenschaftlich geschulte Protestant auf die Szene schaut. Aber wer nun meint, dass sich die Ansichten hart im Raume stoßen müssen, hat sich getäuscht. Es gibt keinen Streit, keine Richtigstellung, nicht einmal den Austausch kontroverser Standpunkte. Man möchte das der Kälte des Olympiers zuschreiben, der mehr weiß als er sagt, und die alte Wirtin wider besseres Wissen in ihrem Wunderglauben belässt. Dabei macht Goethe von einer grundsätzlich gegebenen Möglichkeit Gebrauch. Denn als unterschiedliche Perspektiven auf ein und dasselbe Geschehen kann nebeneinander bestehen, was sich von Seiten der Logik widersprechen müsste. Rein logisch schließt das Eine das Andere aus. Aber als diese besonderen Perspektiven kann es gute Gründe geben, jede für sich zum Zuge kommen zu lassen und ihr eine je besondere Berechtigung zu verschaffen. Wie schon die Alltagserfahrung zeigt, lässt sich das Leben in ganz verschiedenen, ja geradezu gegensätzlichen Perspektiven bestreiten und ergibt doch jedes Mal ein Leben für sich mit allen Höhen und Tiefen. Solange die Menschen nicht gleich sind, solange der Eine eine musikalische und der Andere eine bildnerische Begabung hat, ist es sinnvoll, die Vielfalt der Perspektiven anzuerkennen und jeder eine Berechtigung einzuräumen.
Tatsächlich scheinen logisches Denken und die Verfolgung widerstreitender Perspektiven dazu aufgeboten, gegeneinander ausgespielt zu werden. Dem Perspektive-Begriff liegt eine Konzeption zugrunde, die über den Raum der Logik hinausgreift. Immer stärker verschaffte sich eine Betrachtungsweise Geltung, die das Verschiedene nebeneinander – womöglich gleichberechtigt – stehen und sein lässt. Das wurde auch in einer modernen Welt notwendig gebraucht, die nicht länger in Griechen und Barbaren, in Christen und Heiden auseinanderfiel, sondern unterschiedlichen Kulturen Platz gab und sie in wachsendem Maße auch anerkennen musste.
Dazu haben auch die mit der Neuzeit einhergehende Entdeckung von Systemen und das Verständnis für ihre Funktionsweise beigetragen. Denn Systeme durchlaufen ein prozessuales Geschehen in der Zeit, das sich gerade nicht aus der Aneinanderreihung gleicher Zustände zusammensetzt, sondern die ungleichen Verläufe um ein immer wieder neu zu gewinnendes Gleichgewicht so anordnet, dass gerade die dysfunktionalen Elemente die Voraussetzung für das Funktionieren im Ganzen bilden.
Systeme sind neuzeitliche Erfindungen, um so etwas wie den Blutkreislauf beschreiben zu können. Aber auch zur Erklärung gesellschaftlicher Prozesse haben sich Systeme und ihre Ordnungsstrukturen bewährt. Das Muster wurde schließlich so erfolgreich, dass alles, was die in der Entstehung begriffenen Einzelwissenschaften thematisierten, systematische Züge annahm. Sogar in literarischer Absicht verfasste Texte bildeten Strukturen aus, deren hermeneutische Mehrdeutigkeit geradezu nach einer systematischen Lösung verlangt. Unerklärliche Widersprüche werden in ein vom Text entfaltetes System von Perspektiven überführt. Sie liegen die längste Zeit miteinander im Streit. Erst gegen Ende tut sich eine Perspektive auf, die auch der Logik Genüge leistet. Beispielhaft für diese produktive Spannung zwischen Hermeneutik und Logik ist in der deutschen Literatur Kleists berühmte Erzählung Die Marquise von O… – der „Fall Maria“ in einer modernen Version.6
Die Marquise ist schwanger, was sie sich nicht erklären kann. Tatsache steht gegen Tatsache, bis sich endlich eine Perspektive eröffnet, in der das Unmögliche nicht nur möglich, sondern auch logisch erscheint. Bis es aber soweit ist, muss sich die Tatsachenlogik einer Überprüfung unterziehen lassen, die die Ordnung der Welt auf den Kopf zu stellen droht. Dieses von Kleist auf die Spitze getriebene Gegeneinander von Logik und Hermeneutik wird in der Literatur weiter ausgetragen und kann auch dann nicht als entschieden gelten, wenn am Ende immer die Logik die Oberhand bekommen muss. Denn ohne Logik geht es nicht.
Was allerdings die Hermeneutik so stark macht, ist das sprunghaft ansteigende Verständnis für alles Perspektivische – dafür, dass die Lebensäußerungen in bestimmten, jeweils voneinander zu unterscheidenden Perspektiven erfolgen. Jeder verkörpert allein schon dadurch, dass er da ist, einen eigenen Standpunkt. Naturwissenschaftliche und naturrechtliche Argumente stärken sich gegenseitig den Rücken. Auf diesen Fundamenten entwickelt sich das perspektivische Erzählen als eine Kunst, die sich an Unvereinbarkeiten reibt und die Widersprüche in sinnvolle Strukturen aufzulösen unternimmt.
Die Hermeneutik räumt der Perspektive eine relative Berechtigung ein und stellt sie auf die Probe. Sie kann sich bewähren, aber auch abgewertet werden als lediglich eine einzelne Sichtweise, der kein besonderes Gewicht beizumessen ist. Es handelt sich dann um nur eine Perspektive neben vielen anderen. Erst alle Perspektiven zusammengenommen würden ein vollständiges Bild ergeben. So gesehen bedeutet der Hinweis darauf, dass ein Urteil lediglich eine Perspektive widerspiegelt, eine Einschränkung – eine Einschränkung, die am wenigsten mit einem objektivistischen Erkenntnisideal vereinbar ist. Das 19. Jahrhundert schwankt zwischen diesen Polen und entfernt sich damit immer weiter von Leibniz, der das Bild der Perspektive eingeführt hatte – nicht um damit eine Abwertung zu verbinden, sondern um die je besondere Teilhabe am göttlichen Ganzen hervorzuheben.
Erst Friedrich Nietzsche wird wieder uneingeschränkt den Begriff der Perspektive für seine Philosophie in Anspruch nehmen: zur Kritik und als Waffe. Nietzsche zog sein Pathos aus der Zertrümmerung aller für allgemein bestätigt gehaltenen Wahrheiten. Seele, Bewusstsein, Moral – jeden dieser Begriffe führte er auf einen die vorgebliche Bedeutung zersetzenden Naturalismus zurück.
„– alle diese Werthe sind, psychologisch nachgerechnet, Resultate bestimmter Perspektiven der Nützlichkeit zur Aufrechterhaltung und Steigerung menschlicher Herrschafts-Gebilde: und nur fälschlich projicirt in das Wesen der Dinge.“7
„Perspektiven der Nützlichkeit“ oder Nützlichkeit als Perspektive – das bleibt, recht besehen, übrig von den höchsten Wahrheiten abendländischer Philosophie. Wer nun aber denkt, dass der Nachweis eines bloß partikularen Interesses den Begriff der Perspektive selbst diskreditieren würde, der greift bei Nietzsche zu kurz. In der Schrift Zur Genealogie der Moral heißt es:
„Es gibt nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches ‚Erkennen‘; und je mehr Affekte wir über eine Sache zu Worte kommen lassen, je mehr Augen, verschiedene Augen wir uns für die Sache einzusetzen wissen, desto vollständiger wird unser ‚Begriff‘ dieser Sache, unsere ‚Objektivität‘ sein.“8
Ideologiekritische Entlarvung und naturwissenschaftlich erhärteter Sachgehalt rücken wieder zusammen. Nietzsche rehabilitiert das Nur-Perspektivische, indem er an seiner statt möglichst viele „Augen“ fordert, auch künstliche, die mehr sehen als nur eines und die er überdies mit einer Vielzahl von „Affekten“ verbindet – ein körperstimuliertes Sehen mit all seinen Facetten.
Dieses Bekenntnis zum perspektivischen Sehen als dem einzig stichhaltigen, weil von den Sinnen angestoßenes Erkennen wird in der Folgezeit die eine Entwicklungslinie bilden. Deren Gegenspieler ist und bleibt im 19. Jahrhundert der Relativismus: Alle Erkenntnisse, aber auch die Beurteilung historischer Vorgänge seien bedingt durch die jeweilige Perspektive des Betrachters. Dieser Perspektivismus hat eine lange Geschichte, die sich vom idealistischen Phänomenalismus eines Berkeley („esse est percipi“) herschreibt und bis zu jener weit verbreiteten Skepsis reicht, die sich für unangreifbar ausgibt mit dem schlagenden Argument, alles sei eh nur subjektiv. Ein jeder vertrete seinen eigenen Standpunkt, so gut er kann. Darin spricht sich der gesunde Menschenverstand aus. Hier hat der Perspektive-Begriff seine Bodenhaftung gefunden. Jeder weiß, was gemeint ist, und kann nach Kräften mitreden.
Das hat sich bis in den Alltag bewährt: Ob wir vom Dach eines Hochhauses, aus dem Fenster eines Flugzeugs oder beim Straffen der Schuhbänder aus der Froschperspektive blicken – wir nehmen die Veränderungen des Blickwinkels körperlich wahr, so dass uns das ursprünglich eher technische Bild wechselnder Perspektiven in Fleisch und Blut übergegangen ist. Wie im wahrsten Sinne des Wortes geerdet dieser Begriff ist, zeigt sich auch daran, dass wir inzwischen von Seiten der Astronomie einzusehen gelernt haben, dass wir nicht der absolute Mittelpunkt sind. Weder bildet die Erde das Zentrum des Universums, noch steht uns der ganze Himmel offen. Die Position unseres Sonnensystems, das sich in einem Spiralarm der Milchstraße und damit in einer Randlage befindet, zeigt uns immer nur einen Ausschnitt des Himmels.
Die Naturwissenschaften, die unserem Weltbild in den vergangenen Jahrhunderten so auf die Sprünge geholfen haben, dass wir heute in ungeahnte Fernen und in nie für möglich gehaltene Zeiträume blicken, haben den Perspektive-Begriff als Orientierungshilfe körperlich in uns verankert. Gleichwohl sträubt sich die Philosophie dagegen wie gegen einen Eindringling und Schädling, der das von ihr beanspruchte Terrain unterhöhlt. Die Philosophie sucht nach fest gegründeten Voraussetzungen, um auf solchen stabilen Fundamenten aufbauen zu können. Deshalb kann sie lediglich als hilfreiche Metapher gelten lassen, wenn von Perspektive im Sinne einer unumgänglichen Einschränkung die Rede ist. Als solche ist sie dort freilich genauso etabliert wie im allgemeinen Sprachgebrauch.
So hat sich im Rücken der Philosophie, aber auch mit ihrer bisweilen unfreiwilligen Unterstützung ein Begriff von Perspektive – ein Bild, ein Sachverhalt – eingebürgert, mit dem wir so geläufig umgehen wie mit einer Naturtatsache. Wir trauen ihm ein Sinn erschließendes Deutungspotential zu, als handle es sich um die selbstverständlichste Sache der Welt. Dabei hat der Perspektive-Begriff erst mit der Neuzeit Verbreitung gefunden, sich seitdem aber so unterschiedlichen Kontexten geöffnet, dass er eine wechselvolle und höchst lebendige Geschichte durchlaufen hat.
Seine Vorzüge liegen darin, dass von Perspektive zu sprechen sich tatsächlich nach dem Einzelnen richtet, nach seinem besonderen Standpunkt und seinem Blickwinkel. Und nicht nur das: Auch seine momentane, affektive, ichbezogene Verfassung geht darin ein. Wo hätte sich Philosophie je genötigt gesehen, sich derart handgreiflich auf das Besondere einzulassen und darauf Rücksicht zu nehmen, wie es jeweils mit der Befindlichkeit örtlich, zeitlich und auch sonst bestellt ist. Das Subjekt bezieht seine Stellung nicht länger aus dem Gegensatz zum Objekt, sondern ist Teil einer Ordnung, die ursprünglich einen strikt räumlichen Zuschnitt hat und insofern eine kalkulierbare Größe darstellt. Wo einer steht und seinen Standpunkt bezogen hat, das ist die Warte, von der aus er die Dinge sieht, und zugleich ist es, gemessen am perspektivisch ausgerichteten Raum, ein berechenbares Datum. Die perspektivische Welt ist eine im elementaren Sinne geordnete Welt.
Aber sie greift über die logische Ordnung hinaus, weil sie aus der Unterscheidung nicht sogleich die Verallgemeinerung hervortreibt. Stattdessen privilegiert sie die Verschiedenheiten, die einzelnen und jeweiligen Standpunkte und Blickwinkel. Sie rechnet damit, dass jeder die Welt aus seiner Perspektive wahrnimmt – etwas anders als die anderen, aber mit Bezug auf den Raum, den alle teilen, auch nicht grundsätzlich verschieden.
Spannungen treten erst auf, wenn der Welt-Begriff auf die Perspektive und unser erweitertes Verständnis von Perspektive zurückbezogen wird. Dann zeigt sich nämlich, dass der Begriff in sich widersprüchlich ist und dass ihn schon Kant zu den Antinomien gezählt hat.9
Von Welt zu reden ist in sich widersprüchlich, weil uns das Denken immer wieder in die Lage versetzt und geradezu nötigt, unter all die verschiedenen Dinge, die es gibt, eine Summe zu ziehen und ein Wort zu bilden, das dieses Insgesamt ausdrückt und zur Sprache bringt: eben die Welt. Aber mit diesem Wort „Welt“ korrespondiert keine Anschauung und nichts in der Empirie, das so umfassend wäre, dass uns die Welt im Ganzen anschaulich gegeben wäre. Es gibt nur den Begriff, während die Sache der Wahrnehmung verschlossen bleibt. Welt ist ein denknotwendiger, aber leerer Begriff, der uns deshalb in die Irre führen kann. Sprechen wir doch gern von ihr als von einem Subjekt, das zu allen möglichen Verallgemeinerungen Anlass gibt: „Die Welt ist bunt“, „die Welt ist schlecht“ usw. Alsbald stellt sich aber heraus, dass bloß eine Perspektive ist, was da mit dem Anspruch auf größte Allgemeinheit ausgesprochen wurde.
Die Logik erfordert, um uneingeschränkt gültig zu sein, eine Welt. Das zählt zu ihren ersten Voraussetzungen. Nun hat sich aber im Anschluss an die Perspektive ein Sprachgebrauch herausgebildet, der immer dann von einer Welt redet, wenn sich von innen heraus ein Phänomen als so vielgestaltig darstellt, dass es eine Welt genannt wird. Rom ist eine Welt, sagt Goethe; und ebenso wie es eine griechische Welt gibt, gibt es eine Welt des Islam und sogar die Welt der Insekten und auch die Kindheit ist eine Welt. Jedes Mal wieder tut sich uns eine Welt auf und für jeden kann sich eine Welt neu zeigen, wenn sich seine Sicht der Dinge über den ganzen Horizont so ausdehnt, dass sich ihm eine Welt mit all ihren Besonderheiten eröffnet.
Diesem Sprachgebrauch zufolge und allein dadurch, dass eine Perspektive sich auch verallgemeinern lässt und aus ihrer Mitte heraus nach allen Seiten ausgreifen kann, ist die Beschränkung auf nur eine Welt hinfällig. Im Grunde erschließt sich mit jeder Perspektive und von jedem Standpunkt aus eine Welt.10 Das heißt, es gibt viele Welten und immer neue Welten. Aus dem logischen Singular „Welt“ ist ein Plural geworden – eine Vielzahl von Welten.
Als Kant, gestützt auf die Welt der Logik, seine Antinomien der Vernunft ins Leere laufen ließ, hatte sich längst schon auf dem Boden der Optik ein Verständnis von Welt gebildet, das vielen Welten Raum gibt.
3 Erwin Panowsky: Die Perspektive als „symbolische Form“. – In: Panowsky: Aufsätze zu Grundfragen der Kunstwissenschaft. Hrsg. von Hariolf Oberer und Egon Verheyen. Berlin 1980. S. 123.
4 Gottfried Wilhelm Leibniz: Die Prinzipien der Philosophie oder die Monadologie. In: Leibniz: Philosophische Schriften. Hrsg. von Hans Heinz Holz. Darmstadt 1965. Bd. I. S. 465.
5 Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise. Teil 1. Hrsg. von Christoph Michel und Hans-Georg Dewitz. – In: Goethe: Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche. Bd. 1/15/1. Frankfurt a.M. 1993. S. 162.
6 Heinrich von Kleist: Die Marquise von O… – In: Kleist: Werke und Briefe in vier Bänden. Hrsg. von Streller. Frankfurt am Main 1986. Bd. 3. S. 113–157.
7 Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Fragmente 1887–1889. – In: Nietzsche: Kritische Studienausgabe. Hrsg. von Colli und Montinari. München 1999. Bd. 13. S. 49.
8 Friedrich Nietzsche: Zur Genealogie der Moral. – In: Nietzsche: Kritische Studienausgabe. Hrsg. von Colli und Montinari. München 1999. Bd. 5. S. 365.
9 Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft II. – In: Kant: Werke III: Hrsg. von Wilhelm Weischedel. Wiesbaden 1956. S. 399 ff.
10 In seinem anthropologischen Grundlagenwerk unterscheidet Helmuth Plessner die zentrische und die exzentrische Position von Tier und Mensch. „Ist das Leben des Tieres zentrisch, so ist das Leben des Menschen, ohne die Zentrierung durchbrechen zu können, exzentrisch. Exzentrizität ist die für den Menschen charakteristische Form seiner frontalen Gestelltheit gegen das Umfeld“ (S. 291 f.).
Einmal aus der zentrischen Position des Tieres entlassen, kann der exzentrische Mensch nicht mehr zurück. Die Aufspaltung in Leib-sein und Körper-haben ist unhintergehbar. Die Probleme, an denen sich die Bewusstseinsphilosophie seit Kant abarbeitet, rekapituliert Plessner – mit Bezug auf Schiller, Fichte, Hegel – in einer dafür neu aufbereiteten Sprache der Anthropologie, die auch moderne Erfahrungen des Nihilismus und einer unendlichen Leere einbezieht (S. 292 ff.; 310).
Diese Studie macht sich dagegen für die „zentrische Position“ (Plessner) stark, die freilich nicht die des Tieres ist. Im Gegenteil. Es ist ja nicht nur so, dass eine Perspektive auch verabsolutiert werden kann. Jeder macht davon immer wieder Gebrauch. Die „zentrische Position“ – das ist eigentlich der eine Welt hervorbringende Mensch. Auch wenn es immer nur zeitweilig – für eine Weile – gelingen kann, sich zum Mittelpunkt einer Welt zu machen, so ist ihm diese Fähigkeit doch genauso eigen wie die Einsicht, lediglich eine unter anderen möglichen Perspektiven zu sein. Der zentrischen Sicht eine mehr als nur relative Berechtigung einzuräumen, ist das Ziel dieser Studie. Der Perspektive-Begriff, wie ihn die Neuzeit in mehrerlei Hinsicht entfaltet hat, dient zum Leitfaden für die Erkundung dieses noch unerschlossenen Terrains.
Helmuth Plessner: Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie. Berlin und Leipzig 1928.
Die Perspektive ist zuerst ein mathematisches Konstrukt zur Darstellung von Fluchtlinien, zur Positionsbestimmung und zur Raumvermessung. Sie steht der euklidischen Geometrie nahe und privilegiert das Auge als ein Organ, mit dem sich die Welt erfassen lässt. Unter den vielen Konsequenzen, die die Instrumentalisierung des Auges mit sich bringt, ist eine der wichtigsten die zuverlässige Überprüfbarkeit des Sehfeldes. Tragen wir dieses sich aus einem bestimmten Blickwinkel eröffnende Sehfeld auf eine zweidimensionale Fläche, also eine Leinwand, ab, dann ergeben sich für Vorder-, Mittel- und Hintergrund Größenverhältnisse, die mit dem Lineal genau abzumessen sind.
Die Perspektive liefert einen exakt bemessenen Ausschnitt. Was für die eine Perspektive gilt, gilt ebenso für jede andere. Der Standpunkt ändert sich, der Blickwinkel wechselt, aber die Gesetzmäßigkeiten, denen die Fluchtlinien folgen, bleiben dieselben. Auf diese Weise ist gewährleistet, dass sich das perspektivische Sehen als ein Mechanismus übertragen lässt. Nicht nur von Standort zu Standort, sondern auch zwischen Personen. Es kommt zu einem Austausch, in dem jeder sich auch mit den Augen des Anderen sehen lernt. Indem er dessen Standpunkt einnimmt, sieht er in dem Anderen ein ihm selbst vergleichbares Wesen. Die Ausgangsituationen mögen noch so verschieden sein, die durch das perspektivische Sehen gestiftete Vergleichbarkeit sorgt grundsätzlich dafür, dass das Ich im Du und das Du im Ich gegenwärtig ist. So universell dieses Verhältnis ist, so lenken doch erst die Perspektive und die Austauschbarkeit der Perspektiven die Aufmerksamkeit darauf, dass es sich um ein wechselseitiges Verhältnis handelt.
Sich mit den Augen des Anderen sehen heißt sich gegenüber eine Außenperspektive einnehmen. Es ist diese Außenperspektive, die das soziale Ich modelliert. Sie wird eingeübt und erlernt und verlässt uns genauso wenig wieder wie die Sprache, in der wir uns mitteilen. Wer in dieser Sprache Ich sagt, macht das von außen, gewissermaßen aus der Position des Anderen, der sich genauso als ein Ich ins Gespräch bringt. Das Perspektivische jeder Sichtweise lässt erst richtig erkennen, dass es ein verallgemeinerbares Ich gibt, das auch dann vorherrschend bleibt, wenn dieses Ich sich ausdrücklich zu Wort meldet. Die Sprache gehört niemandem persönlich. Sie wird geteilt, was wir seit Erfindung der Perspektive so verstehen, dass im Austausch von Gemeinsamkeiten die Chance liegt, den Unterschieden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Folglich wird Sprache durch Übersetzbarkeit definiert. Es gibt die vielen Sprachen, fast so viele, wie es Perspektiven gibt, und wie diese sind sie ineinander überführbar. Sie lassen sich eine in die andere übersetzen. Da dieses Übersetzen auch innerhalb der Sprache erfolgt und jedes Verstehen eigentlich ein Übersetzen ist und auf der Bildung von Metasprachen beruht, ist die Sprache nicht nur ein Medium, sondern das Medium überhaupt.
Als solches entfaltet sie eine Reichweite, die sich von den streng formalisierten Sprachen der Mathematik bis zu den Wortmehrdeutigkeiten erstreckt, die sich nicht aus der Welt schaffen lassen. In den Formalisierungen, die Mathematik und Logik mit der Sprache vornehmen, werden die Außenperspektive und die aus ihr abgeleitete Übertragbarkeit am striktesten gewahrt. In den zwei Seiten einer algebraischen Gleichung findet das Prinzip wechselseitigen Austauschs zu sich selbst.
Dagegen verweisen die Zwei- und Mehrdeutigkeiten auf Kontexte, auf die hin die Sprache so auszudehnen ist, dass auch das Handeln und des Weiteren alle Lebensäußerungen zu einem Medium werden und zielführende Vergleiche einspielen. Diese expansiven Züge gehören ebenso zur Sprache, wie dass sich Sprache darauf konzentriert, eindeutige Lösungen bereitzustellen. Dabei bewegen wir uns stets in einer geordneten Welt. Die Voraussetzung, die wir machen, ist die einer universellen Austauschbarkeit – geradeso wie sich Perspektiven wechseln und teilen lassen und ich mich mit den Augen eines Anderen zu sehen gelernt habe. Die sich seit den optischen Entdeckungen der Neuzeit immer weiter verbreitende Rede von den vielen Perspektiven, die sich auf die Welt richten lassen, hat den Vorzug, besonders anschaulich und geradezu sinnfällig zu sein. Ist es doch nur natürlich, dass jeder einen Standpunkt hat und jeder den Standpunkt eines Anderen teilen kann, aber nicht muss. Das nennen wir die perspektivisch geordnete Welt.
Merkwürdigerweise lässt sich diese Ordnung erschüttern und ist auch tatsächlich erschüttert worden durch eben gerade das Instrument, das früher Perspektiv hieß und als Fernrohr heute in jedermanns Hand ist. Wir brauchen das Fernrohr nur umzudrehen und alle Verhältnisse verkehren sich ins Gegenteil. Was nah war, wird fern, und das Ferne rückt in die Nähe. Der Käfer vor der Nase erscheint kaum noch erreichbar. Durch neuerliches Umdrehen des Glases wird das gerade noch Entrückte wieder herangeholt und so in die Nähe gezogen, dass es uns wie ein überlebensgroßes Monster vorkommt. Nicht nur die Dinge verändern ihre Größe, wir selbst wachsen mit oder verkleinern uns. Was sich mit dem bloßen Auge leicht korrigieren lässt, war doch dadurch, dass es mit dem Fernrohr einmal in die Welt gekommen ist, nicht mehr wegzudenken. Die Umkehrung der Perspektive musste dazu führen, in den höchsten Göttern und in Gott selbst eine perspektivische Projektion des Menschen zu sehen. In Gott widerspiegelt sich ein Mensch, der gern all das wäre, was er nicht ist: allmächtig, unsterblich, überzeitlich usw. Also erschafft er sich das Bild eines unendlichen Wesens, um sich solcher Idealisierung gläubig anzudienen. Es ist das Fernglas mit seiner in beiden Richtungen doppelten Verwendbarkeit, das uns den Mechanismus zu erkennen gibt, mit dessen Hilfe aus dem Menschen ein Gott und aus Gott ein Mensch werden kann.
Eine neuzeitliche Technik, die gegeneinander umzukehrenden Perspektiven und die kritische Selbstreflexion münden ein in den welthistorischen Prozess der Aufklärung. Dreh- und Angelpunkt bildet die Bibel. Aus dem Heiligen Buch wird ein historischer Text, der sich Fragen nach seiner Entstehungsgeschichte gefallen lassen muss. Offenbarung verwandelt sich in Textkritik, die wissenschaftlich betrieben wird. Die Wissenschaften werden auf allen Gebieten zu einem Motor der Entzauberung. Wie das die Welt erschüttert und verändert hat, braucht hier nicht weiter beschrieben zu werden. Es genügt, daran zu erinnern, welchen Anteil daran ein ursprünglich optisches Instrument wie das Fernrohr hat. Es eröffnet uns nicht nur lauter neue Perspektiven, sondern zeigt auch, wie das funktioniert. Auf diese Weise hat es zur Revolutionierung aller Verhältnisse beigetragen.
Des Weiteren gibt es noch eine Folgerung aus dem Begriff der Perspektive zu ziehen, die viel weniger spekulativ ist und sich auch nicht die Weltgeschichte zur Bühne gemacht hat. Ja, sie auch nur zu thematisieren ist die längste Zeit unterblieben, weil sie auf den Einzelnen zurückverweist – auf denjenigen, der die Welt mit seinen Augen sieht, unter Umständen, die nur ihm angehören, ihm und seiner Zeit, ihm und seinen ganz persönlichen Lebensverhältnissen. Das schließt die alltäglichen Verrichtungen und die augenblicklichen Befindlichkeiten ein und zielt geradewegs auf den je Einzelnen in seinem Hier und Jetzt.
Diese Folgerung zu ziehen liegt im Wesen der Perspektive selbst, insofern da ja einer sein muss, von dem sie ausgeht, einer, der nicht nur auf seinen eigenen Füßen steht, sondern mit seinem Körper präsent ist, einen bestimmten Raum einnimmt und das zu einer Zeit, die im chronometrischen Sinne unwiederholbar ist. In den formalisierbaren Sprachen wird das Besondere immer schon auf ein Allgemeines hin übersprungen. Sprechen wir aber von der Perspektive, kann das Besondere – die konkrete Einbettung in die Situation und alles, was dazugehört – gar nicht übersprungen werden. Es definiert die Perspektive, sich auf eine nie vollständig zu ergründende Menge von Besonderheiten zu beziehen. Dafür ist sie erfunden worden und nicht dazu, vorschnell zu einem geometrischen Punkt verallgemeinert zu werden.