Coverfoto und Briefauszüge: aus dem Nachlass Waldemar Bollo

Dieser Roman ist Martin Schröder und Günter Schmideder gewidmet.

Die Handlung dieses Romans sowie die darin vorkommenden Personen sind frei erfunden; eventuelle Ähnlichkeiten mit realen Begebenheiten und tatsächlich lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Inhaltsverzeichnis

1

Das Fahrzeug schruppte über eine Bodenwelle. Ich saß angeschnallt auf einem Klappsitz und schaute durch den schmalen Streifen zwischen Milchglasscheibe und Fensterstrebe auf die flache Landschaft des Weichseldeltas. Eine Ebene im Vormittagsdunst. Weite – mit einer Anordnung vereinzelter Bäume. Eine archaisch anmutende Landschaft, unterbrochen vom stählernen Gewerk einer weitgespannten Eisenbahnbrücke, über die sich ein Güterzug bewegte.

Willy, der auf einer Trage neben mir lag, griff mit seiner von Altersflecken übersäten Hand nach meinem Arm:

»Die bringen mich nach Danzig, nicht wahr?«

Ich nickte stumm, ohne den Blick von der Landschaft zu wenden und spürte, wie Willys Hand langsam meinen Arm entlang strich. Der Sanitäter, der am Kopfende von Willys Trage saß, verzog keine Miene. Er schien uns nicht wahrzunehmen.

Sie hatten Willy in Malbork ein starkes Beruhigungs- und Schmerzmittel gespritzt und seine Hand, die mich soeben noch berührte, hing nun schlaff an der Seite der Trage herunter. Ich griff nach ihr und platzierte sie neben Willys Oberschenkel.

Irgendwann erreichten wir die äußeren Stadtgebiete von Danzig. Die Kopernikusklinik lag zentral, einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt. Ein übrig gebliebener Zweckbau der Sozialismus-Epoche, mit modernen baulichen Elementen ergänzt.

Die Türen des Krankenwagens öffneten sich und zwei Sanitäter zogen die Trage aus dem Fahrzeug.

Inzwischen war die Besatzung unseres Krankenwagens ausgestiegen und auf dem Vorplatz der Klink fand Willys Umbettung statt.

Gemeinsam schoben wir Willy zur Notaufnahme im Parterre des Klinikkomplexes.

Einer der Sanitäter übergab der diensthabenden Krankenschwester einige Papiere, die sie mit kritischem Blick überflog: Dokumente und eine Röntgenaufnahme, die im Krankenhaus von Malbork gemacht worden war. Die Schwester nickte einige Mal zustimmend in Richtung der Sanitäter und deutete mir mit einer raschen Handbewegung an, ihr zu folgen.

Die Orthopädie befand sich im Erdgeschoß und der Flur, von dem rechter Hand einige Türen abgingen, war mit Personen bevölkert, die auf grauen Plastikstühlen oder in Rollstühlen saßen. Mit Kindern, die zitternd und weinend an den Händen ihrer Mütter zerrten. Die Schwester gab mir in einem unverständlichen Kauderwelsch zu verstehen, hier mit Willys Trage zu warten. Ich fixierte die Trage mit der Bremse – nahe der Wand zwischen zwei Türen, die durch den Publikumsverkehr ständig auf- und zugeschlagen wurden.

Hinter den geschlossenen Türen hörte ich Kinder weinen und schreien; mir wurde mulmig und ich griff nach Willys Hand und begann, sie zu tätscheln. Willy, der fast leblos dalag und auf die Neonröhre über ihm an der Decke starrte, bemerkte fast trotzig:

»Ich habe keine Angst. Die haben mich die letzten Jahre einige Male aufgeschnitten und wieder zusammengenäht.«

Mir wurde übel und ich umklammerte fester die Stahlverstrebung von Willys Bettgestell. Ich wollte unter keinen Umständen vor den Augen des alten Mannes zusammenbrechen.

»Danke«, flüsterte Willy, »danke für alles was du für mich getan hast. Und das nach allem, was ich dir angetan habe.«

»Alles in Ordnung Willy. Mach dir keine Sorgen. Das ist das Mindeste, was ich für meinen alten Reisegefährten tun kann.«

Willy drehte seinen Kopf zu mir:

»Wie lange hat es eigentlich bei dir gedauert, bis du wieder auf die Beine gekommen bist?«

»Ich hatte keinen Oberschenkelhalsbruch und ich war nicht vierundachtzig Jahre alt.«

»Wie lange?«

»Es hat zwei Jahre gedauert, Willy, bis ich wieder gehen konnte. Ich habe ein Jahr im Bett verbracht. In einem Pflegeheim, auf einem speziellen Rollator, habe ich die ersten Schritte gemacht.«

»Was war das für ein Gerät?«

»Es war ziemlich hoch. Ich konnte meine Unterarme abstützen und mich dadurch voranschieben. Nach der langen Zeit im Bett waren meine Muskeln total erschlafft.«

»Ich denke, dann habe ich in meiner Situation die besten Chancen, nicht wahr?«

»Das wird schon wieder, Willy.«

Inzwischen hatte uns ein Pfleger herangewunken.

»Herr Burkhard, folgen Sie mir bitte.«

Minuten später befanden wir uns bereits in einem der Behandlungsräume, umringt von einer Handvoll Ärzte, die angeregt über Willys Zustand diskutierten. Ein Röntgenbild hing vor einem beleuchteten Monitor. Der deutschsprechende Pfleger fungierte als Dolmetscher:

»Wir müssen operieren. Besitzt Ihr Freund einen…? «

Er schien, einen Moment lang nach dem richtigen Wort zu suchen.

»Einen Pacemaker!«

»Yes, Yes«, stammelte ich, »er hat einen Herzschrittmacher.«

»Die Papiere sind in meiner Brieftasche«, flüsterte Willy.

Einer der Ärzte montierte eine Kanüle auf Willys Handrücken und setzte ein paar Spritzen, während ein anderer Arzt intensiv das Röntgenbild auf dem Monitor studierte.

»Wir müssen zügig operieren, was wegen des Herzschrittmachers kompliziert ist«, bemerkte der Pfleger. »Wahrscheinlich wird die Operation bei örtlicher Betäubung stattfinden.«

»Habt Ihr mal etwas zum Abwischen da«, bemerkte Willi ruhig, während ihm Blut den Handrücken hinunterlief. Einer der Ärzte warf ihm einen Lappen hin und Willi wischte seelenruhig das Blut ab, als hantiere er mit einem Wischmop auf einem feuchten Kellerfußboden.

Ich verließ den Raum und setzte mich im Flur auf einen der grauen Plastikstühle.

Wilhelm Burkhard, so hieß Willy mit vollem Namen, war am Ende seiner Reise angelangt. Bis hierher und nicht weiter, wie man so schön sagt. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, wie ich die Geschichte unserer gemeinsamen Reise erzählen könnte.

Chronologisch?

Beginnend beim Urschlamm, noch bevor mein neues Leben begann, mein geschenktes Leben, bevor ich Willy kennenlernte?

Gedankenverloren schüttelte ich den Kopf, bis ich bemerkte, dass der Pfleger vor mir stand.

»Geht es ihnen gut?«

»Ja danke, einigermaßen.«

»Soll ich ihnen einen Becher Wasser bringen?«

»Das wäre nett.«

Wenig später kam er mit dem Wasser zurück.

»Was werden Sie jetzt tun?«

»Erst mal ins Hotel nach Malbork zurückfahren und dort unsere Sachen zusammenräumen. Eine Tasche für meinen Freund packen, damit er etwas zum Anziehen hat. Das würde ich Morgen vorbeibringen, wenn’s recht ist.«

»Sehr gut. Wissen Sie, wie sie nach Malbork zurückkommen?«

»Nicht wirklich.«

»Vom Bahnhof, keine zehn Minuten von hier, fährt jede Stunde ein Zug ab.«

Ich nahm einen kräftigen Schluck Wasser.

»Wir werden ihren Freund morgen Vormittag operieren. Kommen Sie also nicht zu früh.«

2

Ich habe kaum Erinnerungen an mein Aufwachen – und gleichzeitig viele Variationen dieses Prozesses. Vielleicht, weil sich im Lauf der Zeit in meinem Gehirn eine Vorstellung meines Aufwachens etablierte.

Eine Konstruktion.

Es war wie Auftauchen aus schlammigem unergründlichem Gewässer: Das Kopfende meines Bettes war hochgestellt und ich saß diagonal nach hinten gelehnt, unweit eines geöffneten Fensters und schaute auf eine graue Landschaft.

Vielleicht eine Herbstlandschaft, eher Winter, und als eine Krankenschwester hereinkam, um das Fenster zu schließen, fielen reflexartig meine Augen zu.

Ich war nicht imstande, Fragen zu beantworten. Es war wie in einem Kindertraum, der besagt: Wenn man nichts sieht, ist man selbst unsichtbar. Das hoffte ich.

Das Fenster wurde geschlossen und ein Hauch süßlichen Parfüms schmeichelte meiner Nase. Die Schwester verließ den Raum, eine Tür schnappte ins Schloss.

Ich war alleine. Ich schwamm auf einem imaginären Floß – mitten im Ozean. Ich war ein einsamer Punkt in einem gigantischen Universum.

Wie um alles in der Welt war ich in eine solche Situation geraten?

Dass mein Name Karl Reus ist, fiel mir sofort ein, ohne dass ich lange darüber nachdenken musste. Ich öffnete die Augen und fühlte mich schwach. Müde, wie nach einem langen Arbeitstag, einer großen Anstrengung.

Ich wusste nicht, ob ich gehen konnte, wenn ich versuchte aufzustehen. Meine Beine fühlten sich bleischwer an, als laste ein großes Gewicht auf ihnen. Aber sie fühlten sich an. Ich spürte sie.

Ein Mann in einem weißen Kittel betrat das Zimmer. An der Brusttasche seines Kittels war ein Plastikkärtchen mit einem Namensschild befestigt: Dr. Fred Wiechmann. Der Mann war glatt rasiert, mit leichten Schattierungen von Bartstoppeln. Seine randlose Brille mit den leicht getönten Gläsern konnten seine müden Augen kaum kaschierten. Im Gehen griff er nach einem Stuhl, den er seitlich an meinem Bett platzierte:

»Nun, wie geht es uns heute?«, fragte er freundlich.

Ich öffnete den Mund, um zu sprechen, aber ich war nicht in der Lage, einen Laut zu bilden. Es kam nichts außer einem Krächzen, dem Krächzen einer verendenden Krähe.

Meine Stimmbänder seien etwas in Mittleidenschaft gezogen, meinte der Arzt. Das liege an der langen künstlichen Beatmungsphase, in der ich mich befunden hatte. Zu diesem Zweck sei ein Tubus, eine Hohlsonde, bis in meinen Rachen gelegt worden, um meine Zunge von der Rachenhinterwand fernzuhalten, und so eine künstliche Beatmung in jedweder Form zu gewährleisten.

Nun folgte eine Erläuterung der näheren Umstände, die mich an diesen Ort gebracht hatten. Ausgangspunkt war ein Tag im Juli vergangenen Jahres, an dem ich die Notaufnahme dieses Krankenhauses betreten hatte und dort gleich zusammengebrochen war – offensichtlich mit einer Sepsis. Daraufhin wurde ich in ein mehrmonatiges Koma versetzt und mein Körper mehreren, teilweise komplizierten Operationen ausgesetzt. In den vergangenen vier Wochen befand ich mich in der Aufwachphase.

Seit einigen Tagen sei ich schon in der Lage selbstständig zu atmen, weil meine Lungenfunktion gut sei, aber meine vermutlichen Schmerzen, unterdrückt durch einen Schmerzmittelkatheder, seien auf all diese Umstände zurück zu führen, sagte der Arzt, mit einem freundlichen Lächeln:

»Jetzt geht es nur noch aufwärts.«

Er streckte mir seine Hand entgegen und ich versuchte den Arm zu heben. Er kam mir entgegen, nahm meine Hand und drückte sie.

»Sie werden ihre Physiotherapie in der nächsten Zeit bewusst erleben und dann werden sie sehen, wie…«

Er hielt einen Moment inne:

»Ich bin sicher, dass sie sich ins Leben zurückkämpfen werden. Wir reden wieder. Okay?«

Dann stand er abrupt auf und verließ den Raum; und ich versuchte, das Puzzle in meinem Kopf zusammenzusetzen.

Ich sei im Sommer letzten Jahres hier aufgekreuzt, meinte der Arzt. Es muss nach der Zeit gewesen sein, die ich in Nordfriesland mit Ruth verbracht hatte.

Ruth, die sich die Haare geschnitten hatte und verändert aussah. Die geschwungenen Falten, zu beiden Seiten von ihren Nasenflügeln abgehend, standen sich in ihren Mundwinkeln wie Feinde gegenüber. Tiefe Gräben, vom Lachen ausgewaschen und von der grellen Sonne der Depression vertieft.

Wir saßen auf einer Bank in Dagebüll und sahen auf das Wattenmeer hinaus. In der Ferne schimmerte der dunkle Streifen Olands. Ein ungewöhnlich windstiller Tag und kaum Menschen auf den Deichen. So pragmatisch hätte es Ruth wohl formuliert, wenn sie unsere letzte Begegnung Revue passieren lassen würde. Die letzte Begegnung vor der Ewigkeit.

Ruth und ich kannten uns die lange Zeitspanne von fast vierzig Jahren. Aber zusammen, ein Paar, waren wir nur wenige Monate. Ich wusste, wie sie aussah, wenn sie ihre Nase schnäuzte und ihre Schuhe zuband, und dabei ihre kleinen Hände mit den kurzen Fingern jederzeit zu verstecken versuchte. Aber ich wusste nicht, wie sie ihren Mann ansah, bevor sie sich liebten, und sich um ihre Kinder kümmerte, wenn sie krank waren oder Sorgen hatten.

»Es ist wie bei einem langsam verlöschenden Licht. Du siehst, wie es sich entfernt, und plötzlich ist es verschwunden.«

Mit diesem Satz drehte Ruth sich zu mir herum. In ihrem Blick glaubte ich, eine Spur Ratlosigkeit zu erkennen.

»Was?«

»Das ist mit unserer Liebe geschehen«, antwortete sie beiläufig.

Erinnerungsfetzen: Ich erreichte die Notaufnahme des Krankenhauses mit letzter Kraft. Ich schaffte es noch, mich im Warteraum auf einen Stuhl zu setzen. Um mich herum, Menschen mit leeren, gelangweilten Gesichtern. Eine Art Gruselkabinett in gestochenem Schwarz-Weiß fotografiert. Konturen, Licht und Schatten – auf grobkörnigem Fotopapier. Dann nur noch Striche auf schwarzem Grund, die sich bewegten wie Strichmännchen in einem Animationsfilm und dann: Nichts.

Schlafen.

Träumen.

Ein endloses Eintauchen in kaum berührtes, geräuschloses Wasser.

Absinken, wie ein ins Meer geworfener Stein.

Warten auf das finale Nichts.

Nichtexistent.

Das Warten, bis jemand den Schalter umlegt.

Aus.

Jetzt erinnerte ich mich an den Schmetterling, der auf meiner Bettdecke saß und sich bei näherer Betrachtung in die Gestalt des Teufels verwandelte.

Nein, nicht des Teufels, sondern des Todes, schemenhaft wie hinter dunklen Schleiern, eigentlich gestaltlos, kaum wahrnehmbar, wie wirbelnder dunkler Staub.

Darauf erfolgte eine erneute Verwandlung – in eine junge Frau. So wie kleine Kinder sich eine Fee vorstellen.

Die Fee reichte mir die Hand und die Szene ähnelte nun einer Traumsequenz eines kitschigen Filmes voller Weichzeichnermomente.

Trotzdem ging eine Unwiderstehlichkeit von ihr aus, etwas merkwürdig Unentrinnbares, Forderndes. Mit einer nie gekannten Sehnsucht ergriff ich ihr zartes Händchen und ließ mich bis zu einem riesigen hölzernen Tor führen, wo sich mir ein kafkaeskes Bild bot. Der Weg zu diesem Tor, die letzten fünfzig Meter, waren übersät mit ineinander verkeilten Holzkreuzen. Wie unüberwindliche Panzersperren türmte sich das Gebilde vor mir auf, und gerade, als ich mich aufmachte diese Hürde zu überwinden, verließ mich meine Fee; flog wie auf einem Luftzug getragen, federleicht davon.

Die Hürde erwies sich als unüberwindbar. Ich war nicht imstande, über eines dieser Kreuze zu klettern. Es war, als hielte mich etwas zurück, eine elementare Kraft, die mich am Kragen packte und festhielt. Eine Stimme aus einem imaginären Off ließ mir schließlich ausrichten, der Herr sei augenblicklich für mich nicht zu sprechen. Ich möge doch bitte ein anderes Mal wieder kommen, wenn die Zeichen günstiger stehen.

Im Nachhinein, denke ich, war das eine Nahtoderfahrung.

Nachdem Ruth gegangen war, blieb ich noch einen Moment auf der Bank in Dagebüll sitzen. Ein Moment, der drei Stunden dauerte oder mehr. Ich starrte in die Ferne und wusste, dass alles zu Ende war.

Es gab kein Zurück mehr, aber auch keinen Lichtschimmer, der nach Zukunft aussah. Selbst das Meer hatte sich zurückgezogen. Geblieben war nur eine graue Fläche. Die Gegenwart war ein ausgestorbener Ort, dessen Bevölkerung schon lange das Weite gesucht hatte.