Sigispitzpudelobermayer
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Für meinen Vater, den Steinmetz Franz Traschitzker
„Unerhört!“, schimpfte Tante Margit.
„Sigi Spitz – das ist auch unerhört“, erwiderte ihr Neffe seelenruhig. Eigentlich hieß er Siegfried Obermayer. Aber alle riefen ihn „Sigi“. Wegen seiner spitzen Nase, seines spitzen Kinns und seiner oft spitzen Bemerkungen nannten ihn die Mitschüler immer wieder „Sigi Spitz“. Einer von ihnen hatte ihn an diesem Vormittag wegen seiner stark gekräuselten blonden Haare einen „Pudel“ geheißen. „So ein Schwachsinn – es gibt keine blonden Pudel, du dummer Hund!“, hatte Sigi dem Spötter zugerufen. Daraufhin war einem anderen, nämlich Erich Oberlercher, ein wahres Ungetüm von einem Spitznamen eingefallen.
„Sigispitzpudelobermayer – das ist noch unerhörter als unerhört!“, verteidigte sich Sigi seiner Tante gegenüber. Er hatte Erich nämlich sofort mit einer Tracht Prügel gezeigt, dass er mit dem neuen Spitznamen nicht einverstanden war. Kurze Zeit später hatte der Klassenvorstand durch einen Anruf bei Tante Margit gezeigt, dass er mit Prügeleien in der Schule nicht einverstanden war.
„Oberlehrer Haberkamp wird dich noch aus der Schule hinaus-werfen!“, jammerte die Tante ihrem Neffen vor.
„Der Haberkamp ist kein‚Oberlehrer‘, der ist nur unser Klassen-vorstand“, klärte Sigi seine Tante auf.
„Ach, red nicht lang drum herum!“, rief sie verzweifelt. „Wenn sie dich aus der Schule hinausschmeißen, krieg’ ich’s mit dem Jugendamt zu tun! Und wenn mir wirklich jemand vom Jugendamt zur Tür hereinkommt …“
„Dann fliegt er beim Küchenfenster hinaus, keine Bange, Tante Maggi!“ Sigi grinste und hob seine Fäuste. Die Tante verdrehte hilflos die Augen.
„Wirst du überhaupt nie gescheit?“, fragte sie händeringend.
„Nein, ich bin’s ja schon, Tante Maggi.“ Sigi grinste noch immer.
„Gewöhn dir endlich ab, mich‚Maggi‘ zu nennen!“
„Wieso? Du kochst immer mit Maggi, und Maggi schmeckt mir. Ich mag Maggi. Und dich mag ich auch, Maggi. Oder etwa nicht?“ Sigi schaute seine Tante treuherzig-spitzbübisch an. Da seufzte sie schwer, gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf und schickte ihn in sein Zimmer. Dort musste er zur Strafe einen Aufsatz über die Rauferei mit Erich Oberlercher schreiben. Zuerst hatte er keine Lust dazu. Aber als er merkte, dass ihn Tante Margit eingesperrt hatte, packte er seine Schulsachen aus. Zwar wäre es für ihn eine Kleinigkeit gewesen, durchs Fenster zu entwischen. Draußen sah es jedoch nach Regen aus, also blieb er lieber im Zimmer und schmierte in sein Aufsatzheft:
Wie ich dem sauplöder Erich Oberlercher den Hindern vertroscher habe
„Oberlehrer“ Haberkamp konnte sich, was Sigis Rechtschreibkünste betraf, wieder einmal auf einiges gefasst machen …

Nach einer halben Stunde pumperte Sigi mit den Fäusten gegen die Zimmertür und brüllte: „Huuunger!!!“
„Hast du deinen Aufsatz fertig?“, fragte Tante Margit misstrauisch.
„Fertig und fix!“, rief Sigi. „Mach die Tür auf, sonst kriech’ ich durchs Schlüsselloch!“
Sigi war zwar nicht gerade dick, aber so dünn auch wieder nicht, dass er den Weg durchs Schlüsselloch geschafft hätte. Trotzdem gab die Tante nach und sperrte die Tür auf.
Ein paar Minuten später saß Sigi beim Küchentisch und stopfte genüsslich ein Honigbrot in sich hinein. Die Tante, die sich ihm gegenüber ebenfalls gesetzt hatte, betrachtete ihn eine Weile mit Kummermiene und hunderttausend Seufzern. Endlich sagte sie: „Ich sollte dich lieber hungern lassen. Jetzt bist du vierzehn und lang wie eine Bohnenstange. Wenn du weiterhin so in dich hineinfutterst, bist du mit zwanzig groß und stark wie ein Bär – und mit dreißig dick und fett wie ein Nilpferd.“
„Ach wo!“, erwiderte Sigi gutmütig. „Die Mama war klein und dünn – wie du – und der Papa lang und dürr. Wie soll da aus mir ein Nilpferd werden?“

Die Tante seufzte schon wieder. „Ein dummer Esel bist du jetzt schon“, meinte sie. „Wie kannst du nur sofort drauflosprügeln, bloß weil dich ein Mitschüler ‚Sigi…‘ – ‚Sigispitzdackel…‘ – ‚Spitzpudeldackel…‘ -äh …“
„Sigispitzpudelobermayer!“, verbesserte Sigi heftig.
„Schrei nicht so – schon gar nicht mit vollem Mund!“, tadelte die Tante ihren Neffen. Dann jammerte sie ihm wieder einmal vor, dass er nur wegen seiner Faulheit und Leichtsinnigkeit in der Schule „sitzen geblieben“ sei. „So ein langer Lulatsch und hockt noch immer in der vierten Klasse! Schäm dich!“
„Wäääh!“ Sigi verzog das Gesicht und tat, als ob er jämmerlich heulte.
„Hör auf, du kindischer Kerl!“ Die Tante sah ihn böse an.
„Bin kein kindischer Kerl – höchstens ein hungriger!“ Sigi grinste und steckte sich den letzten Rest seines Honigbrotes in den Mund.
Die Tante schüttelte missmutig ihren Lockenkopf. „Ich bin einfach zu weichherzig mit dir“, murmelte sie – mehr zu sich selber als zu ihrem Neffen. Plötzlich blickte sie ihm ernst in die Augen und sagte:
„Das muss sich ändern. Das wird sich ändern! Verstehst du mich?“
„Nein, überhaupt nicht, Tantchen.“ Sigi schleckte sich mit unschuldiger Miene die Finger ab.
„Lach nicht so dumm!“, schimpfte die Tante. „Und wasch dir gefälligst die Pfoten!“
„Jawohl, Herr General!“, brüllte Sigi, während er mit einem Ruck aufsprang und wie ein Feldwebel die Rechte zum Gruß an die Schläfe legte. „Melde gehorsamst: Der Sigispitzpudelobermayer geht sich die Pfoten waschen!“ Daraufhin machte er kehrt und trampelte bellend und winselnd ins Badezimmer.
Die Tante stöhnte auf und fuhr sich mit beiden Händen durch ihre dunkelblonden Ringellocken. „Sieglinde, Schwesterherz, was hast du mir mit diesem Bürschelchen bloß aufgebürdet“, murmelte sie kopfschüttelnd.
Trotz der Gefahr einer neuerlichen Tracht Prügel rief Erich Ober-lercher am nächsten Schultag zu Sigi: „Holla, da kommt der Sigi-spitzpudelobermayer!“
„Du kriegst gleich einen Spitzpudel drüber, Mensch Meier!“, drohte Sigi. Er packte Erich an den Ohren und knurrte: „Oberlercher, du Ober-Lerche, ich lass’ dich zwitschern wie eine Lerche!“
Da „zwitscherte“ Erich schon – besser gesagt: Er kreischte so markerschütternd, dass er Herrn Haberkamp anlockte, der an diesem Tag zur Gangaufsicht eingeteilt war. Sigi ließ die Ohren seines Opfers los und stand seelenruhig da, während ihn der Klassenvorstand zusammenschimpfte. Zuletzt hieß es: „Ab zum Herrn Direktor!“
Keine zwei Minuten später marschierte Sigi mit Herrn Haberkamp durch die Tür der Kanzlei des Schulleiters. Der hörte sich die Beschwerde des Klassenvorstands mit todernster Miene an und fragte Sigi schließlich, was er zu den Beschuldigungen „zu sagen“ habe. Sigi antwortete mit einer Gegenfrage: „Herr Direktor, wissen Sie, was ein, ‚Sigispitzpudelobermayer‘ ist?“
„Ein was???“
Die beiden hochgebildeten Herren wussten es nicht und vergaßen vor Verblüffung, strenge Gesichter zu machen. Sigi wiederholte unbekümmert: „Ein ‚Sigispitzpudelobermayer‘.“ Und da die zwei Lehrer noch immer nichts begriffen, zeigte Sigi mit dem Daumen auf sich selber und erklärte: Ich soll so etwas sein.“
„Wie bitte? Was soll dieses alberne Gerede?!“, platzte der Schul-leiter heraus.
„Genau – Sie sagen es: albernes Gerede“, erwiderte Sigi gelassen. „So ein albernes Gerede muss ich mir seit gestern dauernd anhören. Und weil ich von diesem albernen Gerede Ohrenschmerzen kriege, hab’ ich einen von den albernen Rednern bei den Ohren genommen, damit er weiß, wie das ist, wenn man Ohrenschmerzen hat.“
Einen Augenblick starrte der Schulleiter verdutzt drein, dann wandte er sich ratlos an Sigis Klassenvorstand: „Ist der Bursche immer so frech oder nur so einfältig?“
„Wohl beides“, murmelte Herr Haberkamp verwirrt.
Da holte der Schulleiter tief Luft und wandte sich an Sigi: „Hör zu, mein Freund! Wenn dich wieder jemand verspottet, melde es mir!“
„Ah, fein! Ziehen dann Sie demjenigen die Ohren lang?“
„Nein!“ Der Schulleiter starrte finster drein. „Hier wird überhaupt niemand an den Ohren gezogen, verstanden?! Wenn ich noch eine Beschwerde über dich höre, werde ich ein ernstes Wörtchen mit deinen Eltern reden!“
„Das geht nicht, Herr Direktor – die sind leider schon lange nicht mehr da“, entgegnete Sigi, und sein Klassenvorstand klärte den Schulleiter hastig auf: „Der Bursch ist Vollwaise. Er hat nur noch eine Tante, die sich um ihn kümmert.“
Der Schulleiter brummelte etwas Unverständliches vor sich hin, drohte Sigi mit einer „saftigen Strafe“, die er nicht näher erläuterte, und schickte ihn in die Klasse zurück.
„He, Sigi Spitz!“, rief der lange Ludwig Steinbrecher, den alle „Luthe“ nannten. „Sag bloß, du bist dem Marterpfahl bei unserem Schulhäuptling lebendig entwischt!“
„Lebendig nicht, Luthe!“ Sigi deutete mit dem Daumen auf sich selbst. „Was du hier siehst, ist nur noch mein Geist. Aber vielleicht werde ich einmal nachts beim Schulhäuptling geistern gehen.“
Die Umstehenden lachten. Plötzlich platzte Luthe heraus: „Geistern! Mensch, Sigi! Alter Spitzpudelobermayer! Du bringst mich auf eine Wahnsinnsidee! Hast du schon einmal etwas vom Kürbisleuchten gehört?“
„Na klar.“
„Gut! Komm heut’ Nachmittag um fünf zu mir!“

Das Wort „Wahnsinnsidee“ hätte Sigi warnen müssen. Aber er dachte an nichts Übles, als er am Nachmittag in die Heinrichgasse schlenderte, wo Luthe wohnte. Dort hatte sich auch schon Hermann Gogg-ler, Sigis hagerer Sitznachbar vom Vorjahr, eingefunden. Er arbeitete seit dem Sommer als Schlosserlehrling und trieb sich in seiner Freizeit oft mit Ludwig Steinbrecher herum.
„Hallo, Kürbisfreunde!“, begrüßte Sigi die beiden Burschen. „Habt ihr den Kürbis schon zum Beleuchten fertig ausgehöhlt?“
„Ja, denkste!“, erwiderte Hermann. Er zeigte spöttisch auf Luthe und fügte hinzu: „Dieser Angeber hat es nicht einmal geschafft, einen einzigen mickrigen Kürbis aufzutreiben.“
„Dann bin ich also völlig umsonst hierher gestiefelt?“ Sigi machte ein enttäuschtes Gesicht. Luthe beruhigte ihn und entgegnete, er habe schon einen Ausweg gefunden. „Wir basteln einfach einen Pappzylinder, schneiden Mund, Nase und Augen aus und stellen eine Kerze hinein – wie bei einem richtigen Kürbis.“
„Wunderbar“, meinte Sigi abschätzig. „Und wenn die Kerze umfällt, brennt uns der ganze Krempel ratzeputz ab.“
Hermann schlug vor, anstelle der Kerze eine kleine Taschenlampe zu verwenden.
„Aber eine mit Fernbedienung!“, platzte Sigi heraus; und da ihn seine Freunde ungläubig anstarrten, erklärte er hastig: „Wir bauen die Lampe so um, dass man sie über zwei lange Drähte ein- und ausschalten kann. – Eine ferngesteuerte Schreckleuchte!“
„Mensch, Sigi Spitz!“ Luthe boxte Sigi gegen die Rippen. „Das wird die Schreckmaschine des Jahrhunderts!“
Luthe holte gleich eine alte Taschenlampe, dann zog er sich mit den beiden Freunden in den Schuppen neben seinem Elternhaus zurück. Während Hermann an die Schaltkontakte der Lampe zwei lange Drähte lötete, bastelten Sigi und Luthe das Gehäuse der „Schreckmaschine“ und verpassten ihr ein furchterregendes „Gesicht“.
„Es sieht hübsch grauslich aus“, meinte Luthe.
„Richtig – so wie deines, wenn du grantig bist“, grinste Sigi.

Als es draußen finster wurde, steckten die drei Burschen ihre „Schreckmaschine“ in einen Sack und marschierten los. Sie hatten das Gehäuse schwarz angemalt, sodass man, wenn die Lampe darin leuchtete, in der Dunkelheit nur zwei Augen, eine dreieckige Nase und einen verzerrten Mund sehen konnte. Luthe wollte als Erstes gleich ein paar „Weiber“ erschrecken.
„Lassen wir doch die armen alten Weiblein in Frieden!“, erwiderte Sigi gutmütig.
„Ich meine ja junge!“, versetzte Luthe. „Vielleicht erwischen wir welche aus unserer Klasse.“
Sie hatten Glück. In der Bogengasse begegneten sie Irma Weihers und Henriette Sperlich. Die blonde Irma fragte gleich neugierig, was Luthe in dem Sack mit sich schleppe.
„Erdäpfel für meine Oma“, behauptete Luthe. „Wohin wollt ihr zwei noch so spät?“
„Nach Hause.“
„Habt ihr keine Angst in dieser Finsternis?“
„Angst?“ Irma lachte spöttisch. „Wir sind doch keine Säuglinge mehr.“
„So?“ Luthe grinste. „Na dann gute Nacht, Babys!“

„Gute Nacht, Säuglinge!“ Irma winkte schnippisch und zog ihre kichernde Freundin mit sich fort.
„Säuglinge – pah! Wartet nur!“, knurrte Luthe leise vor sich hin. Als sich die Mädchen ein Stück entfernt hatten, wandte er sich an seine Begleiter: „Vorwärts, Burschen! Ich weiß, wo die zwei wohnen. Wir schneiden ihnen über die Salzgasse den Weg ab. Sie müssen am Spielpark vorbei, und dort gibt’s kaum Lampen.“
Keine drei Minuten später kamen Sigi, Luthe und Hermann im Dauerlauf bei dem kleinen Park an. Er lag fast völlig im Dunkeln. Nur von den Fenstern der Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite und von einer Laterne fiel etwas Licht zu dem Gebüsch her, hinter dem sich die Burschen verstecken wollten. Sigi kletterte auf einen Baum und hängte die „Schreckmaschine“ mit einer langen Schnur, die bis zum Boden reichte, über einen Ast. Dann warf er Hermann und Luthe die Drähte zu, ließ sich ins Gras hinunterfallen und verkroch sich mit seinen Freunden in den Büschen.
Hermann überkreuzte ein paarmal knapp hintereinander die beiden blanken Enden der Drähte. „Was ist – leuchtet das Ding?“, flüsterte er zu Luthe, der seinen Hals reckte, um besser zur Schreckmaschine hinaufzusehen.
„Ha! Flackert wie eine Geisterfackel!“, frohlockte Luthe.
Kurz darauf hörten sie helle Stimmen. Irma Weihers und Henriette Sperlich kamen ahnungslos dahergeplaudert.
„Pass auf!“, wisperte Hermann zu Luthe. „Ich lass’ es zuerst dreimal blinken, dann ziehst du den Kasten an der Schnur einen Meter höher.“
Irma merkte nichts, als schräg über ihrem Kopf etwas aufleuchtete. Doch Henriette blieb mit einem Ruck stehen und riss ihre Freundin heftig am Arm zurück.
„Autsch! Bist du verrückt?“
„Da oben ist was!“ Henriette zeigte ängstlich auf den Baum hinauf.
Oben rührte sich nichts; alles war stockfinster.
„Du spinnst ja“, meinte Irma.
Auf einmal blinkte es im Geäst grell auf. Irma erschrak mehr über das ohrenbetäubende Gequieke ihrer Freundin als über die gespenstische Lichterscheinung. Als irgendwo im Gebüsch ein dumpfes „Huaaahhh!“ ertönte, stoben die Mädchen davon.
„Ha! Wie sie rennen, die feigen Hennen!“, reimte Luthe. Aber er irrte sich: So „feig“, wie er glaubte, waren die beiden Mädchen keineswegs. Sie huschten zwar wie aufgescheuchte Hühner um die nächste Straßenecke. Kurz danach blieben sie allerdings stehen …
„Wer kommt als nächstes Opfer dran?“, fragte Hermann, während Sigi die Schreckmaschine vom Baum herunterholte.
„Na wer wohl – die Hauptsache!“, antwortete Luthe. „Unser Schulhäuptling höchstpersönlich!“
„Was? Der Direktor?“ Hermann riss die Augen auf. „Köstlich! Der alte Knabe hätt’ mich im Vorjahr beinahe in Geographie durchsausen lassen. Da ist ein Streich überfällig!“
Wenige Minuten später marschierten die drei mit ihrer Schreckmaschine weiter. Sie merkten nicht, dass ihnen jemand beharrlich folgte.
„Der Schulhäuptling hat an der Gartentür eine Klingel“, klärte Luthe seine Begleiter auf. „Wir hängen unseren Leuchtkasten wieder auf einen Baum, dann läuten wir Sturm und verstecken uns im Nach-barsgarten. Das Aufhängen besorgst du, Sigi!“
„Jawohl!“ Sigi grinste.
Es dauerte fast eine Viertelstunde, bis sie das Haus des Direktors erreichten. Hinter den Vorhängen eines Fensters im Erdgeschoss brannte Licht, also musste jemand zu Hause sein.
Sigi huschte mit der Schreckmaschine in den fremden Garten hinein und stieg auf einen der Obstbäume. Seine Freunde warteten gespannt beim Tor.
Plötzlich klapperten auf der Straße harte Schuhabsätze. Luthe und Hermann wandten sich um und begannen zu fluchen: Zwei Mädchen kamen im Dauerlauf angetrabt – Irma und Henriette!
„Hallo, Säuglinge!“, rief Irma, nachdem sie mit ihrer Freundin neben den Burschen stehen geblieben war. „Was geistert ihr noch so spät hier draußen herum? Ihr gehört längst in die Wiege!“
„Du meinst wohl euch zwei, oder?“, gab Luthe ärgerlich zurück.
„Was macht ihr da?“, fragte Henriette. „Wisst ihr, dass hier unser Direktor wohnt?“
„Der Direktor? Wieso?“, erwiderte Luthe scheinbar ahnungslos.
„Passt bloß auf, der hat ein Biest von einem Wachhund“, behauptete Irma. „Gute Nacht, Säuglinge!“
Die Mädchen liefen kichernd weiter. An der nächsten Straßen-kreuzung, wo eine Telefonzelle stand, bogen sie rasch um die Ecke.
„Verflixt“, brummte Hermann. „Wenn’s hier wirklich einen scharfen Hund gibt …“
„Lass dich nicht veralbern!“, erwiderte Luthe. Er wandte sich ab und rief mit gedämpfter Stimme in den Garten hinein: „Sigi, wie weit bist du?“
„Ihr könnt mir die Schnur und die Drähte abnehmen“, klang es gedämpft aus der Dunkelheit zurück.
„Geh du!“, flüsterte Hermann verunsichert.
„Einverstanden.“ Luthe nickte. „Versteck dich inzwischen im Nachbarsgarten! Ich lange dir Schnur und Drähte zu.“
Während Luthe im Garten des „Schulhäuptlings“ verschwand, schlich Hermann an der Hecke entlang. Soeben huschten zwei Gestalten in die Telefonzelle an der Kreuzung hinein, doch Hermann achtete nur einen Augenblick auf sie. Ängstlich spähte er in den Nachbarsgarten und versuchte festzustellen, ob dort irgendwo eine Hundehütte stand.
„Hast du die Schnur?“, flüsterte Sigi zu Luthe.
„Ja.“
„Gut. Jetzt die Drähte!“
Hinter der gläsernen Haustür flammte plötzlich Licht auf.
„Da kommt wer!“, zischte Luthe. Er ließ die Drähte los und flüchtete auf die Straße. Mit einem Ruck öffnete jemand die Haustür. Die Umrisse einer männlichen Gestalt tauchten im Türrahmen auf.
Sigi, der noch immer auf dem Baum hockte, presste sich dicht an den Stamm, um nicht gesehen zu werden. Doch der Mann beim Haustor knipste eine Taschenlampe an, suchte blitzschnell den Garten ab – und schon hatte der Lichtstrahl Sigis Beine erfasst.
„Wer ist da?“
Sigi zuckte zusammen. Die Stimme gehörte dem Schuldirektor!
„Was treibst du da oben!“, brauste er auf, während er Sigi ins Gesicht leuchtete.
„Ich bin vor einem Hund geflüchtet!“, gab Sigi zurück.
„Ach nein!“, erwiderte der Direktor. „Das war wohl derselbe Hund, der mich gerade angerufen und gesagt hat, dass jemand in meinem Garten herumschleicht, wie? Herunter, du Strolch! Ich möcht’ dich gern aus der Nähe sehen!“
Sigi kletterte nach unten und versuchte hastig, mit dem Gesicht dem Lichtkegel der Taschenlampe auszuweichen.
„He, bist du nicht der Obermayer?“, rief der Direktor drohend.
„Nein, nur der Untermayer!“ Sigi ließ sich auf den Boden plumpsen und hetzte quer durch den Garten und zum Tor hinaus. Fluchend stolperte der Schulleiter hinter ihm her. Als er die Straße erreichte, verschwand Sigi bereits hinter der Kreuzung.
„Lausebengel!“ Der Schulleiter schlug das Gartentor zu, dass es weithin schallte, und kehrte zur Haustür zurück. Er merkte nicht, dass ihn zwei Augenpaare heimlich beobachteten: Hermann und Luthe waren unbemerkt über den Zaun in den Nachbarsgarten gesprungen. Sie spähten aufgeregt durch die Hecke, bis der Direktor im Haus verschwand. Als das Licht hinter der Glastür verlosch, stiegen die Burschen über den Zaun auf die Straße und rannten davon. Ihre Schreckmaschine ließen sie ebenso im Stich wie kurz vorher ihren Freund Sigi.
„Was soll das sein?“ Der Schulleiter zeigte auf eine zusammengerollte Schnur, ein Bündel Drähte und ein zylinderförmiges Pappgebilde mit vier Löchern, das vor ihm auf dem Schreibtisch stand. Sigi, den der Direktor gleich in der ersten Unterrichtsstunde in seine Kanzlei befohlen hatte, kratzte sich scheinbar ahnungslos seinen Lockenkopf und tat, als sähe er die „Schreckmaschine“ zum allerersten Mal.
„Dieses Ding ist heute früh auf dem Apfelbaum gehangen, von dem ich dich gestern Abend vertrieben habe“, sagte der Schulleiter mit finster zusammengezogenen Brauen. „Kannst du mir erklären, was das darstellen soll?“
„Hm …“ Sigi kratzte sich noch heftiger. Plötzlich hielt er inne und meinte: „Es sieht aus wie ein Vogelhäuschen.“
„So?“ Der Schulleiter blickte ihn misstrauisch an. „Ein Vogelhäuschen mit vier Löchern?“
Sigi zuckte mit den Schultern und erwiderte treuherzig: „Es ist eben für eine Großfamilie. Da fliegen dauernd massenhaft Vögel ein und aus.“
„Aha!“ Der Schulleiter hob den Deckel der Schreckmaschine ab und wies auf die Taschenlampe im Inneren des Gehäuses. „Und was soll das sein?“
Sigi überlegte kurz, bevor er antwortete: „Eine Beleuchtung.“
„Fehlt wohl nur noch die Zentralheizung für die armen Vögel, wie?“
Sigi zog es vor, diesmal zu schweigen.
„Was soll der ganze Plunder?!“, schimpfte der Schulleiter.
Sigi fing abermals an, sich auf dem Kopf zu kratzen, und murmelte: „Nur ein kleiner Scherz. Sie können’s ja wieder als Vogelhäuschen auf den Apfelbaum hängen.“
„Und was ist mit diesem Kabelsalat?“ Der Schulleiter deutete mit der Hand auf das Drähtebündel. „Soll das etwa eine elektrische Leitung für eine ferngesteuerte Vogelscheuche sein?!“
„Ja, das ginge … besonders für Nachteinsätze – wegen der Beleuchtung“, meinte Sigi.
Der Schulleiter runzelte die Stirn. „Wenn ich dich noch einmal in meinem Garten erwische, vergesse ich, dass ich dein Direktor bin, und leg’ dich eigenhändig übers Knie!“, drohte er. Dann ließ er sich Sigis Mitteilungsheft geben und schrieb eine Nachricht an Tante Margit hinein. Sigi schaute mit kläglicher Miene zu; und als er die Wörter „nächtliche Spitzbübereien mit beleuchteten Vogelscheuchen“ entziffern konnte, seufzte er leise.

„Wie war’s beim Schulhäuptling?“, fragte Luthe in der nächsten Pause besorgt.
„Keine Angst – ich hab’ dich und Hermann nicht verraten“, entgegnete Sigi.
„Prachtkerl, du!“ Luthe klopfte ihm auf die Schulter. Nach einem Seitenblick zu seinen Mitschülern fügte er leise hinzu: „Aber irgendjemand hat uns verpfiffen. Hermann ist sicher, dass Irma und Henriette von der Telefonzelle aus den Direktor angerufen haben. Da wär’ gegen die beiden ein Streich fällig.“
Doch Sigi hielt vorläufig nichts von Streichen. „Auf Streiche kann ich mich heute selber gefasst machen“, vertraute er Luthe an. „Meine Tante rennt mir bestimmt mit dem Teppichklopfer durchs ganze Haus nach, wenn sie die Freudenbotschaft in meinem Mitteilungsheft sieht.“
Ganz so schlimm wurde es nicht. Beinahe wäre es Sigi sogar gelungen, Tante Margit zu überlisten.
„Weißt du, dass du eine der berühmtesten Tanten bist?“, sagte er nach dem Mittagessen zu ihr. „Es gibt nämlich nur eine einzige Tante Maggi auf der Welt. Also bist du berühmt. Ich brauche dringend ein Autogramm vor dir.“
„Ein Autogramm?“ Die „einzige Tante Maggi auf der Welt“ schaute verdutzt drein.
„Eine Unterschrift. Da her, bitte!“ Sigi legte das geöffnete Mitteilungsheft auf den Küchentisch, zeigte auf eine freie Stelle und streckte der Tante einen Kugelschreiber entgegen.
„Ja, aber … wieso …?“, stammelte sie.
„Ich hab’ jemandem ein Autogramm von dir versprochen, du be-rühmtes Tantchen!“
„Witzbold. Du hast wohl wieder irgendeinen Ulk vor, was?“
„Na, mach schon!“
Die Tante ergriff seufzend den Kugelschreiber und schrieb bedächtig ihren Namen in das Heft.
„Wunderbar! Das ist das allerschönste Autogramm, das ich in den letzten fünf Sekunden gesehen habe!“, rief Sigi. Erst jetzt entdeckte die Tante über ihrem „Autogramm“ noch ein anderes. Sie wurde stutzig und fragte: „Was ist denn das für eine Unterschrift?“
„Oooch, nur die vom Häuptling“, antwortete Sigi und zog das Mitteilungsheft an sich.
„Häuptling?“ Tante Margit sah Sigi misstrauisch in die Augen., Her mit dem Heft!“, platzte sie auf einmal heraus. Zwei Minuten später wusste sie, was Sigi angestellt hatte. Er versuchte mit treuherzigem Pudelblick, die ganze Angelegenheit zu verharmlosen, aber die Tante ärgerte sich.
„Ich hol’ gleich den Pracker und klopf’ dich windelweich! Hast du nur Unfug im Kopf?“, schimpfte sie.
„Wieso? Eine Vogelscheuche mit ferngesteuerter Beleuchtung, besonders für den Nachteinsatz – das ist doch die Erfindung des Jahrhunderts! Auf so etwas muss man erst einmal kommen“, meinte Sigi.
„Ja, ja, ich weiß schon, wie du auf so etwas kommst!“, erwiderte die Tante. „Daran ist das dumme Zeug schuld, das du dir immer im Fernsehen anguckst. Aber das hört sich jetzt auf!“
Sigi nahm die Drohung seiner Tante nicht ernst. Umso mehr wunderte er sich, als er ein paar Stunden später fernsehen wollte und dahinterkam, warum der Bildschirm außer einem öden Schwarz-Weiß-Geflimmer nichts zustande brachte: Die Tante hatte heimlich das Antennenkabel entfernt. Überraschenderweise hielt sie es auch noch am Abend versteckt, sodass sie selbst aufs Fernsehen verzichten musste.
„Hast du heute deine Schlagerparade vergessen?“, fragte Sigi.
Tante Margit blickte nur kurz von der Zeitung auf und entgegnete trocken: „Ich kann ohne Fernseher leben.“
Das Antennenkabel blieb weiterhin in seinem Versteck. Vergeblich bettelte Sigi am nächsten Tag – die Tante rückte das Kabel nicht heraus.
Am folgenden Tag war wieder eines da. Sigi hatte es sich von seinem Taschengeld in einem Elektrogeschäft gekauft. Grinsend saß er im großen, alten Schaukelstuhl, knabberte Salzgebäck und sah sich eine von jenen Sendungen an, die seine Tante als „Schmarren“ zu bezeichnen pflegte.
„Ich hab’ dir nicht erlaubt, dass du jetzt fernsiehst“, sagte sie missmutig. „Schließlich ist das mein Fernsehapparat.“
„Das Kabel gehört mir“, gab Sigi verschmitzt zurück.
„Also schön“, murmelte die Tante.
Als Sigi am nächsten Tag von der Schule kam, war der Fernseher verschwunden. Nur das Antennenkabel lag noch auf dem Fernsehtischchen.
„Raub! Diebstahl! Gaunerei!“, brüllte Sigi empört durchs ganze Haus. Tante Margit, die gerade ein neues Glas mit eingekochten Marillen aus dem Keller heraufbrachte, fragte seelenruhig: „Was schreist du so? Hat dir jemand etwas gestohlen?“
„Der Fernseher ist weg!“, rief Sigi.
„Na und?“ Die Tante stellte ungerührt das Marillenglas auf den Tisch. „Dein Antennenkabel liegt noch da.“
„Was soll das heißen?“
,,Dir ist nichts gestohlen worden.“
„Ja, aber …“ Sigi kratzte sich erregt den Lockenkopf. „Zum Kuckuck, wo hast du den Fernseher versteckt?“
„Nirgends.“ Die Tante legte das Essbesteck auf den Tisch, ohne ihren verblüfften Neffen anzusehen. „Ich hab’ den Apparat ins Altersheim verschenkt. Ich brauch’ ihn so selten, dass es schade um die hohen Fernsehgebühren ist.“
„Bist du verrückt?!“ Sigi starrte drein, als hätte die Tante ihr ganzes Häuschen samt dem Garten davor verschenkt. „Was soll ich jetzt mit dem Antennenkabel allein anfangen?“
„Vielleicht kannst du’s als Blitzableiter für deine neueste Vogelscheuche brauchen“, schlug die Tante gelassen vor. „Du könntest aber auch einen passenden Fernseher dazukaufen.“
„Blödsinn! Du weißt genau, dass ich nicht so viel Geld habe.“