Inhaltsverzeichnis

VorwortVorwort zu den Ausgaben 1915 und 2008

1.Kapitel  Die Schmach von Hameln

2.Kapitel  Unter der Fremdherrschaft

3.Kapitel  Die Flucht zur Königlich Deutschen Legion

4.Kapitel  Die Überfahrt nach England

5.Kapitel  Rekrutenzeit

6.Kapitel  Die Fahrt nach Portugal

7.Kapitel  Die Kämpfe bei Badajoz

8.Kapitel  Die Schlacht bei Albuera am 16.Mai 1811

9.Kapitel  Kämpfe und Abenteuer in Spanien währen der zweiten Hälfte des Jahres 1811

10.Kapitel  Die Schlacht bei Salamanca und die Einnahme von Madrid (Juli und August 1812)

11.Kapitel  Die Schlacht von Burgos (September und Oktober 1812)

12.Kapitel  Rückzug und Winterquartier

13.Kapitel  Die Schlacht bei Vittoria am 21.Juni 1813

14.Kapitel  Die Erstürmung von San Sebastian am 31.August 1813

15.Kapitel  An der spanisch-französischen Grenze (Herbst und Winter 1813/1814)

16.Kapitel  Die Einschließung von Bayonne (Februar bis April 1814)

17.Kapitel  Auf Urlaub in der Heimat

18.Kapitel  Die Verteidigung des Pachthofes La Haye-Saint in der Schlacht bei Waterloo am 18.Juni 1815

19.Kapitel  Rettung und Heimkehr

Nachwort

Anlagen

Anlage 1  Offizier des 2.leichten Bataillons

Anlage 2  Schütze des 2.leichten Bataillons

Anlage 3  Die Uniformierung des 2.leichten Bataillons

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Gebundene Ausgabe 05/2008

Copyright © 2008 by Fachverlag AMon

Printed in Germany

Herstellung: Books on Demand GmbH D-22848 Norderstedt

AMon 00003

ISBN 978-3-940980-22-9

http://www.FachverlagAMon.de

Vorwort

Hundert Jahre sind verflossen, seitdem die Macht Napoleons I. auf dem Schlachtfelde von Waterloo endgültig vernichtet wurde. Da geziemt es sich, dankbar der Helden zu gedenken, durch deren Mut und Standhaftigkeit unser Vaterland von dem französischen Eroberer befreit wurde.

Unter den Tapferen jener Zeit ragen besonders die Kämpfer der königlich deutschen Legion (Kings German Legion - KGL) hervor, die zwölf Jahre hindurch in den verschiedensten Teilen Europas ruhmvoll gegen die Armeen Napoleons I., gefochten haben. Es waren meist Söhne Hannovers, die im englischen Solde gegen den gemeinsamen Erbfeind stritten, nachdem dieser 1803 das Kurfürstentum Hannover besetzt und die dortige Armee aufgelöst hatten.

Auch Friedrich Lindau, der Held dieses Buches, war einer aus jener tapferen Schar. Er war am 19.Januar 1787 zu Hameln an der Weser geboren, wo sein Vater Tuchweber war. Nach seiner Konfirmation kam er bei einem Schuhmacher in die Lehre. Mancherlei Widerwärtigkeiten, die ihm nach der schmachvollen Übergabe seiner Vaterstadt (1806) von den Franzosen bereitet wurden, bewogen ihn, bei der königlich deutschen Legion in den Dienst zu treten. Glücklich hat er all die Kämpfe in Spanien und Frankreich überstanden, bis er zuletzt in der Schlacht bei Waterloo nach heldenmütiger Verteidigung des Pachthofes Le Haye-Sainte, der unmittelbar vor dem Zentrum der englischen Stellung wie ein vorgeschobenes Außenwerk lag, verwundet wurde und auf kurze Zeit in Gefangenschaft geriet.

Nach seiner Heimkehr aus dem Feldzuge lebte Lindau als Schuhmachermeister in seiner Vaterstadt. Um seine Kriegsabenteuer nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, erzählte er sie in manchen Abendstunden, oft bis in die Mitternacht hinein, dem ihm befreundeten Rektor Hansen, der sie aufzeichnete und in die Form brachte, in der sie 1846 zuerst veröffentlicht worden sind. Das Buch ist betitelt: „Erinnerungen eines Soldaten aus den Feldzügen der königlich deutschen Legion von Friedrich Lindau”, es ist in Hameln als Eigentum des Verfassers erschienen und von ihm „seinem hochverehrten Kommandeur in der Schlacht bei Waterloo, dem jetzigen Herrn General-Major Freiherrn von Baring, gewidmet.

Auf Lindaus Wunsch schrieb der Pastor prim. Schläger in Hameln ein Vorwort zu dem Büchlein, worin der ehemalige Legionssoldat die Leser bittet, „dass das Entschuldigung finden möge, was das rasche Blut in seiner Unbesonnenheit, oft in großer Not, gegen die Kriegsordnung und Nächstenliebe Unrechtes getan hat.” Doch fügt der Pastor hinzu: „Im Kriege schweigen die Gesetze, - und gerade die Offenheit, mit welcher Lindau aus dem, was er sich in aller Schlauheit gestattete, gar keinen Hehl macht, ist uns eine angenehme Bürgschaft, dass er die Wahrheit sagt.”

So ist uns in Lindaus: „Erinnerungen eines Soldaten aus den Feldzügen der königlich deutschen Legion” ein getreues Bild aus den Kämpfen in Spanien und bei Waterloo erhalten geblieben. Leider aber war diese wertvolle Quellenschrift im Buchhandel seit langem nicht mehr zu haben. Ich glaube aber, dass das so recht anschaulich und volkstümlich geschriebene Buch es wohl verdient, wieder weiteren Kreisen zugänglich gemacht zu werden. Und so hat sich denn der Verlag von Ernst Geibel, Hannover, bereit gefunden, es in die Reihe der „Hannoverschen Volksbücher” aufzunehmen und durch gute Ausstattung und billigen Preis für eine möglichst weite Verbreitung zu sorgen.

Bei der Neuherausgabe habe ich den Text der heutigen Schreibweise angepasst, hier und da längere Sätze in einfache aufgelöst und das Ganze in kürzere, leichter übersichtliche Absätze und Kapitel mit entsprechenden Überschriften eingeteilt. Einige Fremdwörter wurden von mir verdeutscht oder durch Fußnoten erläutert. In allem Übrigen ist der Text der ersten Ausgabe unverändert geblieben.

Sind auch in diesem Jahre aller Augen vorwiegend auf den großen Weltkrieg der Gegenwart gerichtet, so wird trotzdem der schlichte Bericht eines Soldaten aus den Kämpfen vor hundert Jahren in unseren Tagen bei Volk und Heer nicht unbeachtet bleiben. Möge dieses Buch die dankbare Erinnerung an die tapferen Helden der königlich-deutschen Legion wachrufen! Möge dieses Beispiel uns bestärken in dem unerschütterlichen Willen, auszuharren und wie die Freiheitskämpfer vor hundert Jahren den letzten Blutstropfen daranzusetzen, bis der endgültige Sieg und ein ruhmvoller Friede für unser Vaterland errungen ist!

Karl Henniger im Jahre 1915

Vorwort zur Ausgabe 2008

Die Lebens- und Leidensgeschichte des Friedrich Lindaus enthält Außergewöhnliches. Von den täglichen Drangsalen der französischen Besatzer angewidert und zur offenen Opposition bereit, verlässt der junge Mann seine angestammte Heimat um in der Fremde eine Möglichkeit zu suchen, gegen diese Besatzung mit Waffengewalt vorzugehen. Er findet dabei als Deutscher in englischer Uniform auf spanischem Boden diese Möglichkeit und macht alle großen Schlachten auf der iberischen Halbinsel mit.

Selbst nach der ersten Abdankung Napoleon, seiner Rückkehr nach Frankreich und der erneut installierten Herrschaft bleibt er seinem Vorsatz treu und nimmt unter anderem an der Verteidigung der Ferme Le Haye-Sainte im Zentrum der Alliierten teil, deren Behauptung durch die deutschbritischen Truppen letztlich zum Sieg an jenem 18.Juni 1815 und der zweiten und endgültigen Abdankung des Kaisers der Franzosen führte.

So, als wäre seine damit Schuldigkeit getan, lässt er sich trotz der Widerstände seines Kommandeurs aus dem aktiven Militärdienst entlassen und kehrt nach all den schrecklichen und zum Teil sehr blutigen Erlebnissen einfach wieder nach Hause zurück.

Das Original des Jahres 1915 wurde nochmals für die aktuelle Rechtschreibung überarbeitet, es wurden weitere ergänzende Fußnoten eingesetzt und zur besseren Verdeutlichung befinden sich im Anhang weitere Angaben zur Uniformierung des 2.leichten Bataillons der Königlich-Deutschen Legion.

Der Verleger im Mai 2008

1.Kapitel

Die Schmach von Hameln

Es war eine schreckensvolle Nacht für die Einwohner von Hameln, die dem Tage vorherging, an welchem die Stadt den Franzosen übergeben wurde. Als sich das Gerücht verbreitet hatte, dass der Befehlshaber kapituliert habe und dass die Soldaten, von ihren Offizieren getrennt, als Kriegsgefangene nach Frankreich gebracht werden sollten, traten diese voll Erbitterung zusammen und ohne den Befehlen ihrer Vorgesetzten Folge zu leisten, erbrachen sie am 20.November 1808, als es dunkel geworden war, die Magazine.

Bald darauf durchzogen Massen von Soldaten, mit Rum und Wein berauscht, mit ihren Waffen die Straßen, schossen in die Fenster und verwundeten sich gegenseitig. Mehrere brachten Pulverfässer auf die Straßen, um die Stadt in die Luft zu sprengen. Die zur Verzweiflung gebrachte Menge wälzte sich fluchend nach der Wohnung des Kommandanten, Generalmajors von Schöler, und hätte gewiss an ihm grässliche Rache für den Verrat genommen, wenn nicht die Kavallerie sein Haus vor den Wütenden geschützt hätte.

Während auf diese Weise der Sturm einer losgelassenen Kriegshorde in den Straßen meiner Vaterstadt tobte, war es mir unmöglich, in dem stillen Stübchen meiner Eltern zu verweilen, wo der besorgte Vater vor dem schauerlichen Feuerrufe zitterte und die Mutter, mit gefalteten Händen den Himmel um Beistand anrief. Ich wollte sehen, was draußen vorging; auch lockte mich die Lust nach Beute. Meine Eltern baten mich, bei ihnen zu bleiben und nicht so leichtsinnig mein Leben aufs Spiel zu setzen; aber vergeblich.

Ich schlich mich vor die Türe, durch den Lärm der Straßen und kam zum Ost-Tore, wo ich in der Kasematte einen betrunkenen preußischen Soldaten fand, der mich nicht hinderte, einen Eimer voll Rum zu schöpfen, mit welchem ich, von der Dunkelheit geschützt, glücklich vor unserer Wohnung ankam.

Indessen hatte sich vor dem Hause unseres Nachbars, wo ein Kapitän in Quartier lag, dessen Kompanie versammelt und war jetzt gerade im Begriff, unser Haus zu stürmen, aus welchem einige Schüsse in ihre Reihen gefallen waren. Man schoss durch die verschlossenen Läden, verwundete eine alte Frau an der Schulter und tötete einen preußischen Soldaten in der unteren Stube. Die Haustüre wurde erbrochen; ich kam im Gedränge mit ins Haus. Man stürmte die Treppe hinauf und riss meinen Vater aus der Stube, weil man ihn für den Urheber der Schüsse hielt. Es gelang ihm indes, die Wut der Soldaten durch die Beteuerung seiner Unschuld von sich abzulenken. Sie erbrachen eine andere Stube, die verrammelt war; hier fanden sie einige Soldaten mit soeben abgeschossenen Gewehren.

Der Hauptmann wollte in seinem Zorne den einen niederstechen; allein die Frau des Bedrohten stürzte herbei, umfasste die Knie des Zürnenden und rettete so das Leben ihres Mannes. Sie konnte aber nicht verhindern, dass die Verdächtigen mit Kolben gestoßen und nach der Wache verschleppt wurden.

Als es im Hause wieder ruhig geworden war, trieb es mich abermals fort. Ich schweifte auf den Straßen umher und sah dem Treiben der Soldaten zu. Hier fluchten einige, weil sie ein Fass Rum nicht weiter zu wälzen vermochten; dort tobte ein Soldat an einer verschlossenen Tür und forderte den Wirt auf, ihm eine Tonne voll Reis abzukaufen; andere zertrümmerten ihre Waffen, damit sie den verhassten Franzosen nicht heil in die Hände fallen sollten. Mir gelang es indes acht unversehrte Büchsen aufzuraffen, schöne blanke Waffen, an welchen ich eine herzliche Freude hatte. Ich eilte damit nach Hause und versteckte sie unter einer Menge Dachziegeln, welche im Hofe lagen.

Dann wagte ich mich wieder hinaus. Es mochte gegen 04.00 Uhr morgens sein, als ich auf die Bäckerstraße gelangte, wo mein Schwager wohnte. Gerade stürmte ein Haufen preußischer Soldaten dessen Haus und verlangte von ihm, er solle kaufen, was sie feil boten. Ich kam gerade früh genug, um ihm helfen zu können. Als er sich entschieden geweigert hatte, den Willen der Soldaten zu erfüllen, stieß einer mit dem Bajonett nach ihm. Das wurde uns nun zuviel; wir ergriffen Mistgrepen1 und trieben die Soldaten zum Hause hinaus. Indessen ging es gegenüber friedlicher zu; denn da kaufte der Hauswirt einem preußischen Soldaten für einen Taler eine lange Tonne voll Rosinen ab.

Jetzt eilte ich nach dem Münsterkirchhof, um zu sehen, was es dort gäbe; allein schon in der Kirchstraße kam mir eine Masse von flüchtigem Fußvolke entgegen, auf welches die Kavallerie scharf einhieb, um es zur Ordnung zurückzubringen und von ferneren Ausschreitungen abzuhalten. Hier was das Schießen so arg, dass ich es vorzog, eiligst zurückzulaufen und im Hause meines Schwagers, das ich soeben verlassen hatte, Schutz zu suchen. Dort blieb ich bis zum Tagesanbruch; dann legte sich der Sturm. Die meisten Soldaten waren schon in der Dunkelheit der Nacht aus dem Oster-Tore geflüchtet, um der traurigen Gefangenschaft zu entgehen; nur einzelne Betrunkene wankten hier und da auf der Straße umher.

Gegen 10.00 Uhr morgens rückten die ersten Holländer und Franzosen in das Neue-Tor. Ich musste sie sehen, so sehr ich den Feind auch hasste, dem es gelungen war, sich durch Gold den Eingang in meine Vaterstadt zu eröffnen. In der Nähe des Tores, an der Ecke der Ritterstraße, hatten sich vier preußische Soldaten aufgestellt, welche trunkenen Mutes auf den einrückenden Feind schossen. Sogleich aber ritt ein holländischer Reiter auf sie los, spaltete dem einen den Kopf und jagte die übrigen, die ihre Gewehre wegwarfen, in die Flucht.

Da jetzt alle Einwohner in die Häuser flüchteten, so eilte ich fort, ging aber nach der nächsten Kaserne, um, wenn ich noch Sachen von Wert fände, diese den Händen der verhassten Feinde zu entziehen. Hier sah ich alles zertrümmert, suchte mir indes noch einen Packen Leder zusammen und gelangte mit demselben, indem ich meinen Weg durch Gärten und Höfe nahm, glücklich nach Hause. Meine Eltern freuten sich, dass sie mich wohlbehalten wieder bei sich sahen. So wenig es mir nun behagte, so musste ich mich doch still im Hause verhalten, weil der Feind bekannt gemacht hatte, dass sich niemand bei Todesstrafe mehr auf der Straße blicken lassen sollte.

So vergingen mir denn ein paar Tage, in welchen sich die Franzosen in Hameln festsetzten. Da suchte man nun Leute, die im Hospitale die Aufwartung der Verwundeten und Kranken besorgen sollten. Weil nun in diesen unruhigen Tagen meines Vaters Handwerk keinen Fortgang hatte, so meldete er sich und wurde samt mir und meiner Mutter angenommen. Diesen oft herzzerschneidenden Dienst haben wir etwa ein halbes Jahr besorgt. Jeder von uns bekam monatlich 7 Taler, wofür wir sehr viel Arbeit und Tag und Nacht keine Ruhe hatten. Denn das zum Lazarett eingerichtete Schulhaus, welches früher den Domherren des Stifts Sankt Bonifazius zur Wohnung gedient hatte, war nun ganz mit verwundeten Preußen und Franzosen angefüllt.

Einer der Verwundeten erregte meine besondere Teilnahme; es war ein ganz junger Mensch aus der Nähe von Preußisch-Minden, der einen Schuss in das Bein bekommen hatte. Dieser jammerte in seinen Schmerzen stets nach Vater und Mutter und beklagte sein und seiner Eltern Los, da sie sich wohl in ihrem Leben nicht Wiedersehen würden. Allein die Eltern des jungen Menschen hatten sich auch nach ihrem Kind gesehnt und waren in einem Wagen nach Hameln gekommen. Sie wandten sich an mich, da sie wussten, dass ihr Sohn im Hospitale lag und baten flehentlich, ich möchte ihnen doch behilflich sein, damit sie ihren Sohn mit nach Hause nehmen könnten. Ich versprach ihnen meine Hilfe, hieß den Vater gegen Abend seinen Wagen vor dem Wirtshause anspannen und selbst an der Ecke der Münsterkirche sich einstellen; ich wollte dann versuchen, was möglich wäre.

Im Vertrauen auf das Wohlwollen, das der Arzt des Hospitales mir immer bewiesen hatte, weil ich ihm stets freundlich zur Hand war, wagte ich es, bei einbrechender Dunkelheit den jungen Preußen auf den Rücken zu nehmen. Der Posten ließ mich ungehindert durch, da ich ihm vorlog, ich wollte den Kranken zum Doktor ins Bad tragen. An der Münsterkirche erwartete mich mit klopfendem Herzen der Vater, der mir die ihm so treure Last abnahm und mich mit einem Taler beschenkte. Abwechselnd trugen wir dann den Kranken bis zum Wagen, der vor dem Wirtshause „Zur Stadt Hamburg” hielt und wo uns die Mutter mit Freudentränen empfing. Ich begleitete dann den Wagen ganz aus dem Neuen-Tore, wo der Torschreiber, den ich gut kannte, uns frei passieren ließ, nachdem ich ihm das Geheimnis mitgeteilt hatte. Dann kehrte ich leichten Herzens zum Lazarett zurück.

Am anderen Tage fehlte der Preuße. Es kam eine Kommission zur Untersuchung; ich sollte wissen, wo er wäre, fand es indes für gut, nur auszusagen, dass ich ihn gestern Abend mit Hilfe seines Krückstockes hätte aufstehen sehen. Als die Kommission fort war, erzählte ich dem Doktor die ganze Geschichte; der war damit zufrieden und freute sich, dass der junge Mensch seine Eltern wiedergefunden hatte, nach denen er so oft gejammert hatte.

Im Hospitale wurden die Verwundeten zwar recht gut verpflegt, aber manche von ihnen wünschten doch Tabak zu haben, der ihnen nicht geliefert wurde. Um ihnen diesen Wunsch zu erfüllen, brachte ich mit einem alten, leicht verwundeten Preußen, der die Aufwartung mitbesorgte, bei einer günstigen Gelegenheit von dem großen Holzhaufen, der auf dem Münsterkirchhofe lag, einzelne Klötze in die Stadt, kaufte für das daraus erlöste Geld Tabak und steckte ihn den verwundeten Preußen zu. Diesen war eine solche Erquickung zu gönnen; denn außer den Schmerzen ihrer Wunden mussten sie noch den Hohn der Holländer und Franzosen und alle Schrecknisse eines Lazaretts ertragen.

Hier lag ein Sterbender, der ohne Besinnung seinem Tode entgegen röchelte; dort empfahl sich ein anderer mit inbrünstigem Gebete dem Herrn und hauchte mit dem letzten Worte des Gebets auch seine Seele aus; und drüben lag ein Sterbender, der unter unsäglichen Schmerzen die Stunde seiner Geburt verfluchte und unter Schreien und Heulen seinen Geist aufgab.

Unter solchen Szenen musste ich nun meine Tage und Nächte verleben, dem einen Medizin reichen, dem anderen Tee einschenken, den dritten, wenn er im Wundfieber aufspringen wollte, im Bette zurückzuhalten suchen.

Eines Abends war ich so müde und erschöpft, dass ich, statt in mein Bett zu gehen, mich neben einen Verwundeten legte, ohne es zu bemerken. In der Nacht wurde ich geweckt, weil einer der Kranken Tee zu haben wünschte. Beim Erwachen fühlte ich es kalt an meiner Seite - ich lag neben einer Leiche.

Fast in jeder Nacht starben sechs bis sieben dieser Unglücklichen, welche man am Morgen entfernte; waren es Preußen, so wurden sie von den rohen Franzosen die Treppe hinuntergestürzt. In einer kleinen Kammer neben der Küche blieben die Toten liegen, bis der Arzt kam, der sie dann in einen Sarg tun und nach dem Kirchhofe bringen ließ. Der Sarg aber wurde jedes Mal wieder nach dem Hospitale zurückgebracht, um neue Opfer des Todes aufzunehmen.

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1 (veralt.) - Mistgabeln

2.Kapitel

Unter der Fremdherrschaft

Aus diesem Orte des Jammers erlöste mich ein Kommissär, der mich zu seiner Bedienung mit nach Göttingen nahm und mich sehr freundlich behandelte. Als er aber von da über Frankfurt nach Paris reisen wollte, weigerte ich mich, ihn ferner zu begleiten, weil ich einen unvertilgbaren Groll gegen Frankreich und die Franzosen hatte. Ich verließ ihn deshalb, ging nach Hameln zurück, ließ mir ein Wanderbuch geben und reiste nach Lemgo, wo ich ein Jahr lang bei dem Meister Sauerländer arbeitete.

Kaum war ich vierzehn Tage in Lemgo, so rückten Franzosen in die Stadt und der Meister bekam sechs Mann zur Einquartierung. Diese Gäste waren mir an sich schon verhasst genug, wurden es aber noch mehr, da sie sich so übermütig und herrisch benahmen. Das Essen war ihnen nie gut genug, und jeden Abend wollten sie Schnaps und Bier haben. Der eine von ihnen verlangte auch noch andere Genüsse und wollte meinen Meister zwingen, mit ihm zu gehen. Da ich nun die Furcht meines Meisters sah, so bot ich mich zur Begleitung an und führte den Franzosen hinter die Mauer, wo tiefe Mistgruben waren. Indessen mochte dem Franzosen wohl der Weg zu lang werden; er griff mich an und wollte mich prügeln. Ich entwand mich ihm aber, rannte dann gegen ihn an und stürzte ihn in eine tiefe Mistgrube. Dann kehrte ich zum Meister zurück, erzählte ihm mein Abenteuer und machte mich, da der Franzose nicht wieder zurückkehrte, fort und brachte die Nacht bei einem Gesellen des Weißgerbers Müller zu.

Dieser Geselle hatte schon bei der englisch-deutschen Legion gedient, war aber bei der Expedition in das nördliche Deutschland desertiert und hatte keinen sehnlicheren Wunsch als zu seinem Korps zurückkehren zu dürfen, wovon ihn aber die Furcht vor Strafe zurückhielt. Dieser riet mir fortwährend, unter die englisch-deutsche Legion zu gehen und schilderte mir den Dienst bei derselben so angenehm, dass ich den festen Entschluss fasste, seinem Rate zu folgen. Da es indessen der Franzosen wegen schwer war, nach England zu kommen und mein Meister in Lemgo mich nicht fortlassen wollte, so blieb ich noch etwa ein Jahr bei ihm.

Dann reiste ich nach Hameln zurück, mit dem festen Entschluss, so bald als möglich nach England zu gehen. Die wenigen Wochen, die ich noch in meinem Geburtsorte verlebte, waren mir ein Vorspiel dessen, was mir in der Zukunft noch bevorstand.

Eines Tages ging ich mit mehreren anderen Handwerkergesellen nach der Berkelschen Warte, einem Tanzplatze, eine halbe Stunde von der Stadt am Fuße des Forts, welches von den Franzosen besetzt war. Als wir zu tanzen angefangen hatten, erschienen die Franzosen vom Fort, die uns erst am Tanzen störten, dann, als ihrer noch mehrere gekommen waren, uns mit gezogenem Degen aufforderten, den Ort zu verlassen. Wir wichen, gingen hinunter und überlegten, ob wir uns eine solche Behandlung gefallen lassen wollten und ob wir unseren Freudenstörern wohl gewachsen wären.

Nach kurzer Überlegung machten wir uns an die Zäune, zogen die Pfähle heraus, besetzten dann Haus- und Hoftüre, und die Beherztesten von uns gingen hinauf in den Saal. Kaum waren die ersten darin, als sogleich die Franzosen mit ihren Degen auf uns eindrangen. Von beiden Seiten fielen die Streiche, der Boden färbte sich mit Blut, aber die Unsrigen rückten nach. Die Franzosen zogen sich in eine Ecke zurück und schon lagen mehrere von ihnen betäubt am Boden. Da gaben sie gute Worte und baten um Schonung. Wir vertrugen uns mit ihnen, legten unsere Zaunpfähle beiseite und tranken mit ihnen, so dass sich dieses Schlachtfeld plötzlich in ein fröhliches Gelage verwandelte.

Indessen bekamen wir Nachricht, dass einer von den Franzosen in der Hitze des Kampfes, von uns unbemerkt, aus dem Fenster gesprungen sei und schon mit Hilfe vom Fort herbeieile. So sehr nun die Franzosen ihre Freundlichkeit verdoppelten und uns aufzuhalten suchten, so hielten wir es doch für geraten, uns davonzumachen. Wir vermieden aber das nächste Tor, weil dieses, wie man uns sagte, schon besetzt sei und gingen in einem Umkreise um die Stadt über Klein-Berkel, den Ohrberg, Ohr und Tündern, wo wir über die Weser setzten, und kamen einzeln ins Oster-Tor, nachdem wir uns sorgfältig vom Blute reingewaschen hatten. Es war höchste Zeit gewesen; denn die zur Hilfe herbeieilenden Franzosen verfolgten uns noch, wenn auch vergeblich, bis an den Fuße des Ohrberges.

Am anderen Sonntage ging ich abends mit einigen meiner Freunde auf den Tanzboden. Wir standen ganz bescheiden an der Tür und sahen zu; aber auch das wollten die Franzosen nicht leiden, schalten uns „paysan”2, was uns sehr verdross und was wir mit „Hundsfott” erwiderten. Da drangen sie mit Gewalt auf uns zu und brachten uns mit Prügeln aus der Haustür. Einige Franzosen verfolgten uns auf die Straße, wo es dunkel war; hier gab es tüchtige Schläge, und am anderen Morgen fand man auf dem Flecke die Leiche eines Franzosen.

Solche Auftritte erlebte ich oft und so wenig ich es über mich vermochte, dabei zu fehlen, so verleideten sie mir doch den Aufenthalt in meiner Vaterstadt und machten die Sehnsucht nach England wieder in mir rege.

Mit einem meiner Jugendfreunde, dem Gärtnerburschen Kruse, dessen Vater hannoverscher Soldat gewesen war und der den Hass gegen die Franzosen und die Lust nach Abenteuern mit mir teilte, hatte ich schon oft überlegt, wie wir am leichtesten unsere Entweichung bewerkstelligen könnten; denn unsere Eltern verweigerten uns die Erlaubnis zur Abreise.

Endlich hatten wir einen Tag festgesetzt und Kruse machte sich bei Tagesanbruch davon. Seine Mutter aber, die ihn sogleich vermisste, kam nach unserem Hause, um sich nach ihrem Sohne zu erkundigen. Ich wurde mit Gewalt zurückgehalten, während Vater Kruse nun seinem Sohne nacheilte und ihn alsbald einholte. Der Junge verweigerte die Rückkehr, alle Vorstellungen halfen nichts. Der Vater brauchte Gewalt, allein der Sohn warf sich auf die Erde; der Vater prügelte, aber vergebens. Endlich drohte der Vater, er werde ins nächste Dorf eilen und ihn durch Gendarmen verfolgen lassen. Das wirkte und gelassen ging der Junge wieder heim.

Jetzt beobachtete man uns aber sorgfältig, verschloss unser Zeug und ließ uns nie allein, so dass es uns unmöglich war, eine neue Entweichung zu verabreden. Aber auch das konnte mich nicht bewegen, meinen Entschluss aufzugeben.

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2paysans - (franz.) Bauern

3.Kapitel

Die Flucht zu Königlich Deutschen Legion