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Softcover Ausgabe 07/2014
Copyright © 2014 by Fachverlag AMon
Printed in Germany
Druck und Bindung: Books on Demand GmbH D-22848 Norderstedt
AMon 00019
ISBN 978-3-940980-26-7
http: // www.FachverlagAMon.de
Der vorliegende erste Band der Memoiren des Baron Marcellin de Marbot beschreibt auf der Grundlage der deutschen Übersetzung des Jahres 1899 die ersten Lebensjahre, die Erziehung und den Eintritt ins Militär des Schriftstellers. Er selbst hatte seine Memoiren seiner Frau und seinen Kindern gewidmet, denen er die oftmals unglaubliche Geschichte seines Lebens und seiner täglichen Bekanntschaft mit den Großen und Mächtigen der Napoleonischen Ära verdeutlichen wollte.
Obwohl er als subalterner Offizier nur eine untergeordnete Rolle spielte, so machte ihn aber seine Position als Adjutant von Marschällen und auch des Kaisers Napoleon selbst oft zu einer Schlüsselfigur des Geschehens. Er sah die weltbewegende Geschichte aus einer einfachen Perspektive, hat die Auswirkungen auf alles und jeden aber oft mit Schmerzen und mit Blut bezahlt.
In dem an Frau und Kinder gerichteten Vorwort des französischen Originals „Memoires du Général Baron de Marbol” schreibt er dazu:
„Ich bin häufig in persönliche Berührung mit Napoleon gekommen; ich habe im Generalstab bei fünf seiner berühmtesten Marschälle: Bernadotte, Augereau, Murat, Lannes und Massena Adjutantendienste getan; ich habe alle hervorragenden Personen der damaligen Zeit gekannt. Es wird mein Bestreben sein, in meinen Erinnerungen mehr das persönlich Erlebte hervortreten zu lassen, als diese geschichtlichen Ereignisse zu schildern; insbesondere aber werde ich mich bemühen, das nicht immer gerechte Urteil über diejenigen Männer zu berichtigen, denen ich nähergetreten bin.
Neben Tatsachen von großer politischer Bedeutung werde ich Veranlassung haben, heitere und abenteuerliche Vorfälle zu erzählen und alles so schlicht vortragen, wie es sich für eine der eigenen Familie gewidmeten Erzählung ziemt.”
Marbot ist ihm hohen Grade gelungen, seiner Aufgabe als Erzähler einer fünfzehnjährigen Epoche größter weltgeschichtlicher Ereignisse gerecht zu werden, was sich daraus ergibt, dass seine im Jahre 1891 in Paris erschienenen Memoiren eine größere Verbreitung gefunden haben, als selbst den Memoiren berühmterer Männer zuteil geworden ist. Von der dreibändigen Ausgabe waren bis 1898 nicht weniger als 43 Auflagen erschienen. Auch eine englische Ausgabe hat mehrere Auflagen erlebt. Seine Persönlichkeit ist dazu angetan, seinen Memoiren überall Freunde zu erwerben. Sein offenes, heiteres, hochherziges Wesen, verbunden mit seiner Bildung des Herzens und Geistes, sein bewährter Heldenmut, seine Fähigkeit, auch dem Gegner gerecht zu werden, können nicht verfehlen, seine Erinnerungen zu den liebenswürdigsten ihrer Art zu machen.
Es dürfte in der Literatur wenig Kriegsmemoiren geben, die einen solchen Eindruck erzeugen, wie es hier der Fall ist. Marbot besaß die heitere Leichtlebigkeit der Franzosen, ohne die bei denselben so häufige Frivolität und er konnte am Schlusse seines bewegten Lebens von sich sagen:
„War auch mein Leben nicht frei von Anfechtung und Missgeschick, so war es doch eine Fülle des Glücks, die mir zuteil wurde, ungleich größer als die des Ungemachs. Die Empfindung, als Glückskind geboren zu sein, hat mich in meinem Leben nie verlassen, und während die meisten meiner Zeitgenossen in den Wirbeln der Ereignisse untergingen, bin ich im Krieg und im politischen Leben obenauf geblieben.”
Seine Memoiren reichen bis zur Schlacht bei Waterloo. Hier endete die fünfzehnjährige Laufbahn des glücklichen Soldaten unter Napoleons Herrschaft. Nach des Letzteren Sturz teilte Marbot das Schicksal anderer napoleonischer Heerführer: er wurde ausgewiesen. Indes dauerte seine Verbannung, die er in Deutschland verlebte, nicht lange. Im Jahre 1818 durfte er in die Heimat zurückkehren. Als Oberst des 8.Chasseur-Regiments wurde er im 1829 wieder in Aktivität versetzt und als Louis Philipp, dessen Haus er mehr und mehr zugetan war, 1830 als König Louis-Philippe I. auf den Thron kam, rückte er alsbald zum Generaladjutanten des Kronprinzen, des Herzogs von Orleans, vor, in welcher Stellung er, 12 Jahre lang, bis zu dessen Tode verblieb.1
Er begleitete den Herzog auf den Feldzügen in Belgien (1831) und in Algier (1835, 1839, 1840). Auf der Expedition von Medeah (1840) erhielt der Tapfere seine letzte Verwundung, nachdem er unter Napoleon nicht weniger als zehnmal sein Blut auf allen möglichen Schauplätzen Europas vergossen hatte.
Im Jahre 1845 wurde er zum Pair von Frankreich ernannt. Mit dem Sturz des Julikönigtums infolge der Februarrevolution 1848 erreichte seine bewegte Laufbahn ihr Ende. Er starb am 16.November 1854.
Das vorliegende und überarbeitete Werk wird nun wieder der Öffentlichkeit übergeben. Es ist nah an der Übersetzung aus dem Jahre 1899 vom Auditeur a.D. L.Ottmann, mit erklärenden Fußnoten und Erläuterungen heute nicht mehr gebräuchlicher Wörter versehen, ebenso sind Bilder von angesprochenen Protagonisten zur besseren Vorstellung beigefügt.
Residenzstadt Neustrelitz, im Juli 2014
der Verleger

1 Der preußische General von Brandt, der 1832 im Auftrag des Königs von Preußen zur Besichtigung der französischen Armee nach Frankreich reiste, schildert in seinen 1868 erschienen Erinnerungen u.a. seine Begegnung mit dem General Marbot, mit dem er sich bald befreundet hatte. “Marbot”, schreibt er, “hatte ganz das Aussehen und Benehmen eines alten Degens.” Er hebt seine Eigenschaften als Militärschriftsteller hervor und rühmt seinen geraden, offenen Charakter, sowie sein einfaches, bürgerliches Wesen.
Ich erblickte das Licht der Welt am 18.August 1782 auf Schloss Larivière, einem Besitztum meines Vaters an Strande der Dordogne im heutigen Departement Corrèze im Grenzgebiet des Limousin und des Quercy.
Da mein Vater, gleichwie bereits sein Vater und Großvater, der einzige Sohn war, so hatte sich ein für die Verhältnisse jener Gegend ziemlich beträchtlicher Grundbesitz auf seinem Haupte vereinigt.
Die Familie Marbot war adeligen Ursprungs, obgleich dieselbe schon seit langer Zeit keinerlei Titel mit ihrem Namen verband. Sie lebte nach dem Ausdruck der damaligen Zeit auf vornehmem Fuße, das heißt sie lebte von ihren Einkünften ohne irgendeine weitere amtliche oder gewerbliche Beschäftigung.
Mit mehreren Edelleuten des Landes war dieselbe durch Verwandtschaft und mit anderen durch gesellschaftliche Beziehungen verbunden. Ich bemerke dieses ausdrücklich, weil zu einer Zeit, wo der Adel so hochmütig und mächtig war, diese Verbindung der Familie Marbot mit hervorragenden adeligen Häusern, die zum Teil mehrere Reichsmarschälle zu ihren Ahnen zählten, beweist, welch großen Ansehens dieselbe sich im Lande erfreute.

Mein Vater2, 1753 geboren, erhielt eine vortreffliche Erziehung und Ausbildung. Er besaß Neigung für die Wissenschaften gleichwie für Literatur und Kunst. Seine etwas heftige Gemütsart wurde durch seinen beständigen Verkehr in der guten Gesellschaft in angemessenen Grenzen gehalten. Er war übrigens so gutherzig, dass er stets, sobald die erste Aufwallung vorüber war, sich bemühte, jede Erinnerung an diese Ausbrüche seiner Heftigkeit wieder zu verwischen.
Er selbst war eine prächtige Erscheinung, hochgewachsen, kräftig gebaut, und sein gebräuntes, männlich-ernstes Antlitz zeigte große Schönheit und Regelmäßigkeit.
Da mein Großvater früh Witwer geworden war und sodann infolge eines Blitzschlages das Augenlicht fast völlig verloren hatte, so wurde das Hauswesen von einer alten Verwandten geleitet und mein Vater war bei seinem Eintritt in die Welt in der Lage, unbeschränkt über das Vermögen des Hauses zu verfügen. Ohne im übrigen diese Freiheit zu missbrauchen, folgte er doch seiner ausgesprochenen Neigung für den Offiziersstand, indem er der Aufforderung eine Nachbarn und Freundes der Familie, des Obersten Marquis d’Estresse, entsprechend als Unterlieutenant in die Leibgarde des Königs Ludwig XV. eintrat, wo er nach einigen Jahren zum Lieutenant aufrückte.
Die Empfehlung des Marquis d’Estresse hatte meinem Vater in Paris mehrere vornehme Häuser, insbesondere das des Generalinspekteurs der Kavallerie, Generallieutenant Grafen von Schomberg, erschlossen. Letzterer schätzte die Leistungen meines Vaters so hoch, dass er ihm 1781 eine Rittmeisterstelle in seinem Dragoner-Regiment verschaffte und ihn ein Jahr danach zu seinem Adjutanten annahm.
Mein Großvater war eben verstorben, mein Vater aber noch unvermählt, obwohl sein Vermögen und seine Stellung ihm erlaubten, überall als Brautwerber aufzutreten. Seine Wahl fiel auf die hübsche und geistreiche Tochter der vornehmen aber wenig begüterten Familie de Certain auf dem eine Stunde von unserem Stammsitz entfernten Schloss Lava de Cère.
1796 führte er dieselbe als Gattin heim. Mit ihren drei Brüdern war mein Vater längst auf freundschaftlichem Fuße gestanden, namentlich mit dem Jüngsten, der bei derselben Kompanie der Leibgarde stand und mit dem er zweimal im Jahr die Reise nach Versailles machte, hatte derselbe vertraute Freundschaft geschlossen. Diese Reisen wurden, wie damals bei Offizieren und dem jungen Adel allgemein üblich, zu Pferde gemacht. Die wenigen Lohnkutschen, die es gab, waren schmutzig und unbequem und legten nur kurze Tagesstrecken zurück. Überdies galt es nicht für fein, darin zu fahren, daher wurden dieselbe von Adeligen nur benutzt, wenn sie alt oder krank waren. Da nun die Offiziere der Leibgarde nur drei Monate im Jahre Dienst taten und sich naturgemäß in vier nahezu gleich starke Abteilungen gliederten, so hatte sich eine Sitte bei denselben gebildet, die uns heutzutage gar sonderbar vorkommen würde.
Die Offiziere aus der Bretagne, der Auvergne, dem Limousin und sonstigen Gegenden, wo es gute kleine Pferde gab, hatten eine Anzahl solcher angeschafft, die samt Sattel und Zaum nicht über hundert Franken das Stück kosten durften.
An einem bestimmten Tage trafen sich nun alle aus derselben Provinz einberufenen Offiziere zu Pferd an den angegebenen Punkten und die lustige Schar machte sich auf nach Versailles. Man legte zwölf bis fünfzehn Stunden täglich zurück in dem Bewusstsein, abends unfehlbar zu mäßigem, vorher ausgemachten Preise ein gutes Nachtlager und Abendessen in den als Absteigequartier gewählten Gasthäusern zu finden, wo man an bestimmten Tagen erwartet wurde.
Unterwegs ging es lustig zu und man schwatzte, sang und lachte über die tollen Geschichten, die einer nach dem anderen preisgeben musste, ohne sich durch die Unbilden der Witterung oder anderweitige Schicksalstücken die Laune verderben zu lassen. In jeder Provinz, durch die man kam, erhielt die Schar weiteren Zuzug, mit dem letzten Tage ihres Urlaubs trafen dann alle die verschiedenen Gruppen zusammen in Versailles ein und jeder verkaufte nun sofort seinen Klepper wieder für hundert Franken an die in den Urlaub Abrückenden, die hierauf wieder in gleicher Weise in Scharen den väterlichen Schlössern zutrabten. Zu Hause ließen sie dann die Kracken neun Monate lang frei auf der Weide laufen, bis es wieder nach Versailles ging, wo sie dieselben wieder anderen Kameraden überließen, sodass die Pferde im Laufe der Zeit in sämtlichen Landesteilen herumkamen.
Meine Mutter schenkte dem Vater in ungefähr zweijährigen Abständen vier Söhne, Adolphe war der älteste, dann kam ich, dann Théodore und zuletzt Felix.
Ich war als Kind sehr gesund und kräftig und hatte außer den Pocken nie eine Krankheit, dagegen hätte mich ein anderes Vorkommnis, das ich euch erzählen will, fast das Leben gekostet. Obwohl ich damals erst drei Jahre alt war, hat sich dasselbe doch auf immer meiner Erinnerung eingeprägt. Wegen meines Stupsnäschens und meines runden Gesichtchens hatte mein Vater mich „das Kätzchen” zubenannt. Nach Kindesart wollte ich auch sogleich Kätzchen spielen und fand ein unerschöpfliches Vergnügen darin, auf allen Vieren zu gehen und dabei zu miauen. In dieser Weise statte ich jeden Mittag meinem Vater oben in der Bibliothek einen Besuch ab. Da erhielt ich denn von ihm einen Band Busson mit Abbildungen, mit denen ich mich stets köstlich unterhielt. Eines Tages nun fand ich auf mein Miauen aus irgendeinem Grunde keinen Einlass, vergebens ließ ich mit verdoppelter Kraft die süßesten Töne hören, die mir zu Gebote standen – die Tür blieb geschlossen. Da fiel mir plötzlich das Katzenpförtchen ins Auge, das im südlichen Frankreich an allen Türen unten angebracht ist. Das war ja offenbar der ganz natürliche Weg für mich und so schlüpfte ich denn ganz sachte hinein. Mein Kopf geht wohl durch, nicht aber auch mein Körper. Ich will also wieder zurück, allein nun steckt mein Kopf fest, sodass ich mich nicht mehr vor noch rückwärts zu bewegen vermag.
Ich war am Ersticken. Ich hatte mich jedoch dergestalt in meine Rolle eingelebt, dass ich trotzdem meinen Vater nicht mit Worten anrief, sondern nur aus aller Kraft miaute, aber nicht mehr schmeichelnd, sondern zornig wie eine Katze, der man den Hals zudrückt. Ich machte meine Sache, wie es schien, so natürlich, dass mein Vater sich vor Lachen über meinen vermeintlichen Scherz nicht mehr zu helfen wusste. Allein mit einem Male wurde das Miauen schwächer, ich wurde blau im Gesicht und verlor das Bewusstsein. Jetzt erkannte meinen Vater die wahre Sachlage. Denkt euch nur seinen Schrecken! Nicht ohne Mühe gelingt es ihm, die Tür in den Angeln zu heben und mich herauszuziehen. Bewusstlos legte er mich meiner Mutter in die Arme, die in der Meinung, ich sei tot, selbst einen schrecklichen Anfall bekam.
Als ich das Bewusstsein wieder fand, war ein Wundarzt eben damit beschäftigt, mich zur Ader zu lassen und ich sah mein Blut fließen, während sämtliche Hausgenossen sich um mich und die Mutter drängten. Dies alles zusammen machte auf meine kindliche Einbildungskraft einen solchen Eindruck, der sich niemals mehr verwischt hat.

2 Jean-Antoine Marbot (*07.Dezember 1753 in Altillac, Dépt. Corrèze; †19.April 1800 in Genua)(Bild siehe Text)
Während meine Kindheit friedlich dahinfloss, bereiteten sich schwere Ereignisse vor. Das Gewitter der Revolution grollte bereits in der Ferne und kam auch ohne Zögern zum Ausbruch. Wir befanden uns im Jahre 1789! Die Versammlung der Generalstaaten zerstörte durch ihre Aufwühlung aller Leidenschaften die Ruhe unserer heimischen Provinz und trug Zwietracht in fast alle Familien. Ganz besonders traf dieses bei der unsrigen zu, denn mein Vater, schon längst unzufrieden mit den Missbräuchen, unter denen das Land seufzte, war im Grundsatz den vorgeschlagenen Verbesserungen nicht entgegen, ohne dabei freilich zu ahnen, zu welchen Gräueln diese Änderungen führen sollten, während seine drei Schwäger und seine Freunde jede Neuerung ablehnten. Dies hatte lebhafte Erörterungen im Gefolge, von denen ich zwar nichts verstand, die mich jedoch betrübten, weil ich meine Mutter weinen sah, während sie sich bemühte, die Erregung ihrer Brüder und ihres Gatten zu beschwichtigen. Ohne selbst recht zu wissen, warum, schloss ich mich übrigens an die Partei der demokratisch Gemäßigten an, die meinen Vater zu ihrem Haupt erkoren hatten, denn er war unstreitbar der fähigste Mann weit und breit.
Die konstituierende Versammlung hatte soeben die Grundzinsen aufgehoben. Mein Vater besaß als Edelmann einige solche, die schon sein Vater erworben hatte. Er war der Erste, der sich mit dem Gesetz in Übereinstimmung brachte. Die Zinspflichtigen hatten ihre Entscheidung von dem Verhalten des Vaters zur Sache abhängig gemacht, als sich die Kunde von seiner Verzichtleistung verbreitete, wollte deshalb nirgends mehr einer derselben den Zins bezahlen.
Kurz darauf, nachdem das Land in Departements eingeteilt worden war, wurde mein Vater zum Verwaltungsbeamten der Corrèze und bald nachher auch zum Mitglied der Gesetzgebenden Versammlung ernannt.
Die drei Brüder meiner Mutter waren, wie fast der gesamte Adel des Landes, ohne Verzug ausgewandert. Der Ausbruch des Krieges schien vor der Türe zu stehen. Nun ließ damals die Regierung, um eine allgemeine Volksbewaffnung zu veranlassen und vielleicht auch, um die Probe zu machen, inwieweit man sich auf die Schlagfertigkeit der Bevölkerung in den verschiedenen Landesteilen verlassen könne, an einem bestimmten Tage in sämtlichen Gemeinden des ganzen Landes das Gerücht verbreiten, das Raubgesindel rückte unter Führung der Emigranten an, um die neue Errichtungen wieder umzustürzen. Die Sturmglocke ertönte von allen Kirchtürmen, jeder griff nach der nächsten Waffe, man errichtete Volkswehren. Das Land nahm ein völlig kriegsmäßiges Aussehen an und so erwartete man die Räuber, von denen es in jeder Gemeinde hieß, sie befinden sich im nächsten Orte. Natürlich ließ sich nirgends ein solcher sehen, aber der Zweck war erreicht: das ganze Land stand unter den Waffen und hatte seine Verteidigungsfähigkeit bewiesen.
Wir befanden uns damals allein mit der Mutter auf dem Lande. Dieser plötzliche Kriegslärm, der überall im Lande so genannte „bange Tag” kam mir recht befremdlich vor und würde mich wohl auch in Angst versetzt haben, hätte ich nicht gesehen, wie meine Mutter ziemlich gelassen bei der Sache blieb. Ich musste immer denken, ob dieselbe nicht von meinem Vater, der ihre Verschwiegenheit kannte, vorher auf die Dinge vorbereitet gewesen sei.
Zu Anfang kam es von Seiten der Bauern, die in unserer Gegend noch eine große Achtung vor den alten Adelsfamilien bewahrt hatten, zu keinerlei Ausschreitungen. Allein bald drangen dieselben, aufgehetzt von städtischen Demagogen, unter dem Vorwand in die Behausungen der Edelleute ein, dort nach versteckten Emigranten suchen zu wollen, in Wirklichkeit dagegen, um Geld zu erpressen und die Grundzinsurkunden wegzunehmen, mit denen sie dann mächtige Freudenfeuer anmachten. Von unserer Terrasse aus sahen wir diese Unsinnigen mit Fackeln in den Händen auf das Schloss d’Estresse zustürmen, wo nach der Auswanderung sämtlicher männlicher Bewohner nur noch Frauen, und zwar die besten Freundinnen meiner Mutter, hausten. Die Letztere war daher tief betrübt über dieses Vergehen, indem ich trotz meiner Jugend nicht anderes zu sehen vermochte, als einen räuberischen Überfall. Noch viel größer aber war der Schrecken meiner Mutter, als ihre alte Mutter bei ihr eintraf, die man soeben aus ihrem Schlosse vertrieben hatte, nachdem solches infolge der Emigration ihrer drei Söhne zum Nationaleigentum erklärt worden war.
Meines Vaters häuslichen Herd hatte man bis jetzt noch verschont und zwar mit umso besserem Grunde, als seine patriotische Gesinnung allgemein bekannt war, von der er überdies eben wieder eine neue Probe abgelegt hatte, indem er nach Ablauf seines Mandates zur Gesetzgebenden Versammlung in der Pyrenäen-Armee als Hauptmann bei den Gebirgsjägern Dienst nahm. Allein der wilde Strom der Revolution brauste über alles gleichmäßig dahin. So wurde das Haus, das wir bewohnten und das mein Vater im Jahre vorher gekauft hatte, eingezogen und zum Nationaleigentum erklärt, weil der Verkäufer vor der notariellen Bestätigung emigriert war.
Nur wenige Tage gewährte man meiner Mutter, um ihr Weißzeug fortzuschaffen, dann wurde das Haus versteigert – es ging in die Hände des ersten Bezirksbeamten über, der selbst die Einziehung veranlasst hatte!
Zuletzt verfügten sich die Bauern auf Anstiften einiger Hetzer aus Beaulieu3 in großer Zahl auf unser väterliches Schloss, um meiner Mutter mit aller möglichen Schonung, ja selbst mit einer gewissen Höflichkeit erklärten, es sei unerlässlich, die Grundzinsurkunden, die wir noch im Besitz hätten, zu verbrennen und sich zu überzeugen, ob sich ihre emigrierten Brüder nicht im Schlosse versteckt halten. Meine Mutter empfing sie sehr beherzt, sie händigte ihnen die Urkunden aus und gab ihnen zu bedenken, dass man ihren Brüdern, die doch für verständige Leute bekannt seien, nicht zutrauen könne, dass sie emigriert wären, um dann wieder ins Land zu kommen und sich in ihrem Schlosse zu verstecken. Dies leuchtete den Leuten schließlich selbst ein, so ließen sie sich denn Essen und Trinken schmecken, verbrannten die Urkunden mitten im Hofe und zogen endlich wieder ab, ohne irgendeinen Schaden anzurichten, unter Hochrufen auf die Nation und den Bürger Marbot. Auch trugen sie meiner Mutter auf, dem Vater zu schreiben, wie gerne sie ihn hätten und dass seine Familie in ihrer Mitte sicher aufgehoben sei.
Trotz dieser Versicherung sah meine Mutter wohl ein, dass die Verdienste ihres Gatten, als eines Verteidigers des Vaterlandes, vielleicht doch nicht hinreichen würden, um sie gegen die Widerwärtigkeiten zu schützen, die ihr aus der Emigration ihrer Brüder erwachsen könnten. Sie entschloss sich deshalb, für die nächste Zeit zu verreisen. Wie sie mir später sagte, ließ sie sich hierbei durch die auch sonst vielfach verbreitete Überzeugung bestimmen, dass das Gewitter der Revolution sich in einigen Monaten ausgetobt haben würde.
In Rennes lebte einer der Brüder ihrer Mutter, der nach seiner Verabschiedung als Offizier die reiche Witwe eines Parlamentsrates geheiratet hatte. Diese wollte sie aufsuchen und mich dabei mitnehmen, allein während der Zurüstungen zur Abreise bekam ich eine ganze Anzahl großer, sehr schmerzlicher Geschwüre. Ein achtjähriges Kind in diesem Zustand mit auf die Reise zu nehmen, ging nicht an und da die Sache sich in die Länge zog, so befand sich meine Mutter in großer Ratlosigkeit.
Ein Fräulein Mongalvi, eine höchst achtbare Dame, voll Ergebenheit gegenüber meiner Mutter, deren Andenken mir stets teuer sein wird, fand den rettenden Ausweg. Sie schlug vor, mich für die paar Monate voraussichtlicher Abwesenheit meiner Mutter in ihrem Hause in Turenne aufzunehmen, wo sie ein Pensionat von jungen Mädchen hielt, zu dessen ersten Zöglingen meine Mutter einst selbst gehört hatte. Mein Vater erklärte sich damit einverstanden und so hielt ich denn meinen Einzug in dem Mädchenpensionat.
Wie, werdet ihr sagen, ein Knabe unter jungen Mädchen? Nun ja! – Ihr müsst bedenken, ich war erst acht Jahre alt und ein sanftes, friedfertiges, folgsames Kind. Die Pensionärinnen aber waren sämtlich zwischen vierzehn und zwanzig Jahren, also verständig genug, um den Versuch zu rechtfertigen.
Die guten Mädchen empfingen mich mit einer Freude und Zärtlichkeit, die mich nur bedauern ließ, dass mein Verbleiben in ihrer Mitte nicht länger währen sollte als einige Monate. Meine Mutter machte sich indessen auf den Weg zu meinem Großonkel.
Rasch folgten einander die Ereignisse. Die Schreckensherrschaft stürzte das Land in einen Strom von Blut. In der Vendée und der Bretagne brach der Bürgerkrieg aus. Das Reisen war zur völligen Unmöglichkeit geworden, so dass aus den zwei bis drei Monaten, welche meine Mutter in Rennes hatte zubringen wollen, gegen ihren Willen mehrere Jahre wurden. Mein Vater lag noch im Felde in den Pyrenäen und in Spanien, wo seine Befähigung und sein Mut ihn bald zum Divisionsgeneral hatten aufsteigen lassen.
So verbachte ich denn statt der beabsichtigten paar Monate mindestens vier Jahre unter den jungen Mädchen. Es war eine glückliche Zeit für mich, nur manchmal durch den Gedanken an meine Eltern getrübt. Allein die beiden Fräulein Mongalvi wussten im Verein mit ihren Schülerinnen dann allemal durch verdoppelte Zärtlichkeit rasch meinen Kummer wieder zu verscheuchen.
Der nachstehende Zug mag einen Beweis von dem Geiste geben, der im Haus herrschte. Auf die schreckliche Kunde, dass Ludwig XIV. auf dem Schafott geendet habe4, mussten sämtliche Angehörige des Pensionats niederknien und Gebete für die Ruhe der Seele des unglücklichen Königs sprechen. Jede Äußerung hierüber hätte den Vorsteherinnen die schwersten Widerwärtigkeiten zuziehen können, aber die Schülerinnen waren alle verständig genug, dies einzusehen. Und selbst ich wurde durch ein richtiges Gefühl geleitet – so erfuhr kein Mensch außerhalb etwas von der Sache.

3 heute: Beaulieu-sur-Dordogne, eine Gemeinde im Département Corrèze
4 Gegen Ludwig XVI. war Ende 1792 Anklage wegen Hochverrats erhoben worden. Robespierre forderte in seiner Rede vom 03.Dezember dessen Tod, da der König eine zu große Gefahr für die Revolution darstelle. Er erklärte ihn zum Verräter Frankreichs und zum Verbrecher an der Menschheit. Der französische Nationalkonvent sprach sich daraufhin am 18.Januar 1793 mit einer Stimme Mehrheit bei 361 zu 360 Stimmen für seine sofortige Hinrichtung aus. Ein Aufschub der Vollstreckung wurde am 20.Januar mit 380 zu 310 Stimmen abgelehnt. Am Vormittag des 21.Januar wurde Ludwig XVI. als Bürger Louis Capet, eine Anspielung auf Hugo Capet, den Ahnherrn des französischen Herrschergeschlechts, vom Henker Charles-Henri Sanson mittels der Guillotine enthauptet.
Im November 1793 schied ich von meinen liebenswürdigen Beschützerinnen. Ich war 12½ Jahre alt, als mein Vater zum Befehlshaber eines in Toulouse gebildeten Lagers ernannt wurde. Er nahm dabei einige Tage Urlaub und suchte mich unverzüglich auf. Er trug Generalsuniform und stach mit seinem mächtigen Säbel, seinem kurzgeschorenen, ungepuderten Haaren und seinem gewaltigen Schnurrbart merkwürdig ab von der Erscheinung, die ich aus der Zeit unseres friedlichen Zusammenlebens zu Hause von ihm in Erinnerung hatte.
Wie schon erwähnt, war mein Vater trotz seinen männlichen Zügen und seinem strengen Aussehen äußerst gutmütig und insbesondere ein leidenschaftlicher Kinderfreund. Sein Besuch machte mir daher große Freude und er überhäufte mich mit Zärtlichkeiten. Während der paar Tage, die er bei uns zubrachte, hatte er sich bald überzeugt, dass es nunmehr an der Zeit sei, mir eine männlichere und ausgedehntere Bildung zu verschaffen. Ohnedies ging es nicht wohl an, mich mit meinen zwölf Jahren noch länger inmitten der jungen Mädchen zu lassen. So reifte in ihm der Entschluss, mich zunächst mit sich nach Toulouse zu nehmen, um mich sodann zusammen mit meinem älteren Bruder in dem Militärinstitut zu Sorèze unterzubringen, der einzigen größeren Anstalt dieser Art, welche den Stürmen der Revolution zu trotzen vermocht hatte.
Nachdem mein Vater sich bei den Damen Mongalvi für ihre mir gewidmete Sorgfalt gebührend bedankt, und ich von meinen jungen Freundinnen zärtlichen Abschied genommen hatte, fuhren wir nach Cressensac, wo mein Vater seinen Adjutanten erwartete. Während der Wagen geschmiert wurde, kaufte Spire, meines Vaters alter Diener, der wusste, dass die Reise Tag und Nacht fortgehen sollte, Mundvorrat ein und besorgte das Gepäck. Da zog gerade eine Abteilung Militär in den Flecken ein, Gendarmen, Nationalgarden und Freiwillige, mit Musik voran. Ich hatte noch nie etwa dergleichen gesehen und war entzückt von diesem Schauspiel, nur begriff ich nicht, warum mitten unter den Soldaten etwa ein Dutzend Wagen voll alter Herren, Frauen und Kinder einherfuhren, welche sämtlich gar traurig dreinschauten.
Als mein Vater diesen Aufzug erblickte, geriet er ganz außer sich. Er trat vom Fenster zurück, und während er mit langen Schritten neben seinem Adjutanten, auf den er sich verlassen konnte, auf- und abging, hörte ich ihn ausrufen: „Dieser elende Konvent hat die ganze Revolution verpfuscht, die sich so herrlich hätte gestalten können! Jetzt wirft man da wieder Unschuldige ins Gefängnis, weil sie von Adel sind oder Verwandte von Emigranten – entsetzlich!” Ich verstand diese Äußerung meines Vaters vollkommen und weihte der Schreckenspartei einen nicht minder ausgesprochenen Hass, als er selbst.
Aber warum, wird man fragen, diente mein Vater überhaupt einer Regierung, die er so verachtete? Warum – nun, weil er es immerhin als eine ehrenvolle Aufgabe betrachtete, die Feinde von den Landesgrenzen fernzuhalten, wobei überdies die Angehörigen des Heeres für die Gräuel der Konventsherrschaft im Inneren keine Mitverantwortung traf.
Seine Äußerung hatte bereits mein Interesse für die Insassen der Wagen geweckt. Nun vernahm ich soeben des Näheren, dass es adelige Familien seien, die man am Morgen aus ihren Schlössern fortgeschleppt habe, um sie in die Gefängnisse von Souillac zu verbringen. Es waren Greise, Frauen und Kinder, und ich legte mir eben im Stillen die Frage vor, wieso wohl von diesen schwachen Wesen dem Vaterland eine Gefahr drohen könne, als ich hörte, wie mehrere von den Kindern zu Essen verlangten. Eine der Frauen bat einen Nationalgardisten um die Erlaubnis, Mundvorrat einkaufen zu dürfen. Er schlug es ihr rundweg ab, und als ihm dieselbe nun eine Assignate5 hinstreckte mit der Bitte, ihr doch Brot dafür zu verschaffen zu wollen, gab er zur Antwort: „Meinst du vielleicht, ich sei einer von deinen vormaligen Bedienten?”
Diese Rohheit empörte mich. Ich hatte gesehen, wie Spire in den Taschen des Wagens mehrere Brötchen, in denen Wurst eingebacken war, untergebracht hatte. Ich holte zwei von diesen Brötchen und warf sie den gefangenen Kindern in ihren Wagen, während mir die Wachen den Rücken zudrehten. Mutter und Kinder bekundeten ihre Dankbarkeit in so lebhafter Weise, dass ich mich entschloss, auch die anderen Gefangenen mit Nahrung zu versorgen, und so brachte in denselben nach und nach die ganzen Vorräte, die für vier Personen auf unserer vierundzwanzigstündigen Fahrt bis Toulouse reichen sollten.
Zuletzt fuhren wir unter den dankbaren Grüßen der Beschenkten ab, ohne dass Spire das Mindeste von meinen Eingriffen bemerkt hatte. Aber kaum war man vor den Toren, als mein Vater, der nicht rasch genug von dem Auftritt hatte wegkommen können, bei dem ihm das Herz blutete, und der sich deshalb nicht hatte an den Wirtstisch setzen wollen, Hunger verspürte, und zu essen verlangte. Spire bezeichnete die Taschen, worin er die Vorräte untergebracht habe. Mein Vater im Verein mit seinem Adjutanten drehten den ganzen Wagen um – es ist nichts zu finden. Nun fährt mein Vater über Spire los, wogegen dieser von seinem Kutschbock bei allen Teufeln schwört, dass er Mundvorrat für zwei Tage in den Wagen gepackt habe. Obwohl mir etwas bange war, wollte ich den armen Spire doch nicht länger auszanken lassen und gestand meine Tat ein. Ich machte mich auf einen gelinden Verweis für meine Eigenmächtigkeit gefasst, allein stattdessen schloss mich mein Vater voll Zärtlichkeit in seine Arme und noch nach vielen Jahren äußerte er sich hochbeglückt über meine damalige Handlungsweise. – Dies ist nun der Grund, liebe Kinder, warum ich glaubte, euch diesen Vorfall nicht verschweigen zu sollen. Der Gedanke, bei irgendeinem Anlass uns die volle Anerkennung unserer dahingeschiedenen Lieben erworben zu haben, macht uns ja so glücklich!
Unterwegs begegneten uns eine große Anzahl Freiwilliger, die frohen Mutes und mit heller Stimme patriotische Lieder singend der Pyrenäen-Armee zuzogen, ein Anblick, der mir viel Vergnügen gewährte. Dagegen verursachte mir diese meine erste längere Wagenfahrt so heftige Übelkeit, dass mein Vater jede Nacht zu rasten beschloss, um mich ausruhen zu lassen. Trotzdem traf ich sehr ermüdet in Toulouse ein, allein die Freude des Wiedersehens mit meinem Bruder nach vier- bis fünfjähriger Trennung verschaffte mir rasch meine Munterkeit wieder.
In der schönen Dienstwohnung, die meinem Vater daselbst angewiesen wurde, machte derselbe seiner Neigung zur Gastfreiheit folgend stets ein großes Haus, und die gewaltigen Ausgaben, die seine damalige Stellung mit sich brachte, legten den Grund zum allmählichen Rückgang seines Vermögens. Erhielt doch ein General so gut wie der jüngste Lieutenant von seinem Gehalte monatlich nicht mehr als acht Franken in bar, das Übrige aber in Assignaten, deren Wert von Tag zu Tag geringer wurde.
Obwohl sich damals die Schreckensherrschaft auf ihrem Höhepunkt befand und infolgedessen die Subordination6 überall im Lande sehr zurückgegangen war, so dass es den Anschein gewinnen wollte, als seien die guten Umgangsformen für alle Zeit daraus verbannt, wusste mein Vater den zahlreichen Offizieren, die bei ihm ein- und ausgingen, doch solchen Respekt einzuflößen, dass in seinem Hause stets die vollendete Höflichkeit herrschte. Für zwei der ihm unterstellten Offiziere hatte mein Vater eine große Vorliebe gefasst und lud dieselben denn auch besonders oft zu sich ein. Es waren die beiden berühmten späteren Marschälle Napoleons, Augereau und Lannes, deren Adjutant ich selbst späterhin wurde, und deren Lebensbeschreibung ich auch zugleich mit der Schilderung meiner Erlebnisse in ihrem Dienste geben werde. Der Erstere war damals Oberst im Generalstabe, der Letztere Lieutenant in einem Freiwilligen-Bataillon.
Augereau7 hatte sich kurz zuvor nach seiner Befreiung aus dem Kerker der Lissabonner Inquisition in der Vendée durch seinen Mut und seine taktischen Fähigkeiten hervorgetan. Diese letzteren hatte er sich in Preußen erworben, wo er lange in der Garde zu Fuß gedient hatte, weshalb man ihn auch „le grand Prussien” nannte. Er zeichnete sich besonders durch seine tadellose äußere Erscheinung aus. Stets war er wie frisch aus dem Ei geschält, was umso mehr auffiel, als die äußere Erscheinung keineswegs die starke Seite des damaligen französischen Heeres bildete. Bestand dieses doch überwiegend aus der ungewohnten Uniform der Freiwilligen. Man hütete sich übrigens wohl, Augereau mit seiner Erscheinung aufzuziehen, denn er war als ein ebenso furchtloser wie gewandter Raufdegen weit und breit bekannt.

Mein Vater hatte ihn mit Rücksicht auf seine eben erwähnte besondere Befähigung mit der Oberleitung der Ausbildung der Rekruten betraut, aus denen die Division größtenteils bestand. Er entledigte sich dieser Aufgabe aufs Beste, ohne zu ahnen, dass er damit für seinen eigenen späteren Ruhm arbeitete, denn die bei meinem Vater unterstellten Truppen bildeten nachher die berühmte Division Augereau, die so herrliche Taten in den Ostpyrenäen und in Italien verrichtete. Augereau weihte meinem Vater, bei dem er fast täglich verkehrte, und von dem er sich so hoch geschätzt sah, eine Freundschaft, die sich niemals verleugnete und deren angenehme Wirkungen mir nach meiner Mutter Tode sehr zustatten kamen.
Lannes seinerseits war ein äußerst lebhafter, gescheiter und lustiger Gascogner, ohne Erziehung und Bildung, aber voll Lernbegier, eine Eigenschaft, die man zu jener Zeit sonst überall vergebens suchte. Er wurde ein sehr tüchtiger Instruktionsoffizier, und da er außerordentlich eitel war, so fühlte er sich durch die häufigen und verdienten Lobsprüche meines Vaters unsäglich beglückt. Zum Dank dafür verzog er8 dann die Kinder seines Generals nach besten Kräften.

Eines schönen Morgens erhielt mein Vater den Befehl, das Lager aufzuheben und mit seiner Division zu dem Armeekorps zu stoßen, das eben Toulon belagerte, dessen sich die Engländer durch einen Handstreich bemächtigt hatten. Jetzt erklärte er mir, wie ein Mädchenpensionat nicht der richtige Ort sei, um mir die für mich notwendigen Kenntnisse anzueignen, und dass er mich zum Zweck meiner angemessenen Ausbildung am folgenden Tage dem Militärinstitut zu Sorèze übergeben werde, wo er für mich und meinen Bruder bereits Plätze belegt habe. Ich war wie betäubt! Nicht mehr zu meinen lieben Freundinnen zurückkehren – unfasslich!
Auf der Straße wimmelte es überall von Truppen und Geschützen, über die mein Vater zu Castelnaudary eine Besichtigung abzuhalten hatte. Dieser Anblick, der mich ein paar Tage vorher in helles Entzücken versetzt haben würde, war heute nicht imstande, das mir unaufhörlich vor Augen stehende Schreckgespenst der gestrengen Professoren, die meiner harrten, zu verscheuchen.
In Castelnaudary erhielt mein Vater die Nachricht von der Räumung Toulons und den Befehl, sich zur Pyrenäen-Armee nach Perpignan zu begeben. Er beschloss, dem alsbald nachzukommen, uns jedoch vorher noch nach Sorèze zu verbringen. Unterwegs hatte ich die Überlegenheit meines älteren Bruders im Gespräch mit dem Vater bitter empfunden, dies hatte mich überzeugt, wie richtig er den Stand meines Wissens beurteilte, so dass ich den ernstlichen Vorsatz fasste, meinen ganzen Eifer daran zu setzen, um mir alle nötigen Kenntnisse anzueignen. Trotzdem zog sich mir beim Anblick der hohen, düsteren Klostermauern, die mich nunmehr umschließen sollten, das Herz schmerzlich zusammen.

5 das während der Französischen Revolution verwendete Papiergeld, wobei die ersten Assignaten bereits ab dem 14.Dezember 1789 ausgegeben wurden. Im Februar 1793 hatten sie aufgrund der verstärkten Ausgabe von Regierungsseite nur noch 50 Prozent ihres ursprünglichen Ausgabewertes, was im April 1795 auf 8 Prozent fallen sollte.
6 (lat.) - "Unterordnung", Dienstgehorsam; beim Militär die Pflicht des Untergebenen, jedem Befehl seines Vorgesetzten sich ohne Widerrede zu fügen
7 Charles Pierre François Augereau (*21.Oktober 1757 in Paris; †12.Juni 1816 in La Houssaye-en-Brie, Dépt.Seine-et-Marne) (das Bild stellt ihn im Jahre 1798 dar)
8 Jean Lannes (*10.April in Lectoure, Dépt.Gers; †31.Mai 1809 in Ebersdorf, bei Essling) sollte später aufgrund seiner Courage als Roland de l'armée d'Italie, l'Ajax français und als l'Achille de la Grande Armée bekannt werden.(das Bild zeigt ihn 1792)
Diese Anstalt war nach der Vertreibung der Jesuiten gegründet worden und wurde seither von Angehörigen des Benediktinerordens geleitet. Ihrer vorzüglichen Leitung hatte es dieselbe zu danken, dass sie alle Stürme der Revolution überdauerte und bis zur Rückkehr der Jesuiten im Jahre 1814 sich der größten Beliebtheit und Blüte erfreute. Es kamen Zöglinge aus allen Ländern, vorzüglich aus England, Spanien und Amerika, deren Angehörige sich dann auf mehrere Jahre dort niederzulassen pflegten. Außerdem bildeten die Familien der weltlichen Lehrer der Anstalt eine förmliche Pflanzschule von Lehrkräften, so dass sich noch manche anderweitige Erziehungsanstalten daselbst ansiedelten. Bildung und Kunstverständnis war infolgedessen in ungewöhnlichem Maße bis in die unteren Schichten der Bevölkerung des Ortes verbreitet.
Zur Zeit meines Eintrittes nahmen zwar die Studien ihren ruhigen, friedlichen Fortgang, doch konnten natürlich die revolutionären Erschütterungen an der Anstalt nicht spurlos vorübergehen. Die Ordensbrüder mussten sich dazu bequemen, die Tracht abzulegen und sich “Bürger” nennen lassen, die Wände waren mit republikanischen Sprüchen bedeckt, es war verboten, das Wort “Herr” auszusprechen. Auf dem Weg nach dem Speisesaal wie beim Spaziergang sangen die Zöglinge stets die Marseillaise oder sonstige Vaterlandslieder, und unter dem Einfluss der Zeitumstände war in die Anstalt ein so kriegerischer Geist und Ton eingezogen, dass die Sitten dadurch wirklich einigermaßen verrohten.
Der Aufzug der Zöglinge war auch seltsam genug. Grobe Schuhe, die nur jede Dekade9 einmal geputzt wurden, grauleinene Strümpfe, Hose und rundes Wams von brauner Farbe, keine Weste, das Hemd vorn weit offen und von Tinten- und Rotstiftflecken, keine Kopfbedeckung, das Haar in einen Zopf geflochten, der oft genug arg zerzaust herumhing, und Hände! – die jedem Kohlenbrenner Ehre gemacht hätten.
Und nun stellt euch vor, wie ich in meinem feinen, sauberen Anzug, geschniegelt und gebügelt unter 700 böse Buben, die sämtlich aussahen wie die reinsten Teufel, hineingeschneit kam, und wie sie dann auf den Ruf eines der Ihrigen: “Da sind wieder ein paar Neue!”, lärmend ihre Spiele abbrachen, um sich um mich und meinen Bruder zu drängen und uns anzustarren wie fremde Wundertiere.
Nun gab uns der Vater einen Abschiedskuss und reiste weiter. Ich war völlig verzweifelt! Zum ersten Mal in meinem Leben war ich jetzt also allein, ganz allein, denn mein Bruder kam zur älteren Abteilung und ich zur jüngeren. Dazu war es tiefer Winter und bitter kalt, Heizung aber gab es nach der Hausordnung für die Zöglinge nicht. Die Kost war übrigens gut und reichlich, namentlich für die damalige Zeit, wo Hungersnot im Lande herrschte, dank der vorzüglichen Verwaltung.
Aber, hätte man vor mir auch alle erdenklichen Leckerbissen aufgestellt, ich hätte nicht zugreifen können, so schwer war mir ums Herz. Beschlossen wurde das Mahl wie es begonnen hatte mit einem patriotischen Gesang. Bei den Worten der Marseillaise “amour sacré de la patrie” knieten wir nieder. Dann wurde unter Trommelschlag, wie man gekommen war, abmarschiert und zuletzt ging es in die Schlafräume. In der älteren Abteilung hatte jeder Zögling sein eigenes Zimmer, in dem er nachts eingeschlossen wurde, in der jüngeren schliefen je vier zusammen, wobei in jeder Ecke ein Bett stand. Ich erhielt drei angenehme Schlafgenossen, dagegen war ich starr beim Anblick meines dürftigen Lagers, der dünnen Matratze und gar vollends der eisernen Bettstelle wegen – eine solche hatte ich noch niemals gesehen. Da übrigens alles sauber war, so schlief ich trotz meiner Betrübnis fest ein, so müde war ich von den gemütlichen Erschütterungen, die im Laufe dieses Unglückstages auf mich eingestürmt waren.
Den anderen Morgens wurden wir in aller Frühe durch schauerlichen Trommelwirbel, die in den Schlafzimmern geschlagen wurden, aufgeweckt, was mir grässlich roh vorkam. Wie wurde mir aber erst, als ich wahrnahm, dass man mir im Schlafe meinen schönen Kleider und schmucken Schuhe weggenommen und dafür die grobe Kleidung und das schwere Schuhwerk der Anstalt hingelegt hatte! Ich vergoss Tränen vor Wut.
Nachdem ich euch so meine ersten Eindrücke beim Eintritt in die Anstalt eingehend geschildert habe, will ich euch mit der Ausmalung der Qualen verschonen, denen ich während der nächsten sechs Monate zur Beute wurde. Ich war im Mongalvischen Hause zu sehr verhätschelt worden, um meine nunmehrige Lage nicht gemütlich wie körperlich gleich schwer zu empfinden.
Ich wurde ganz trübsinnig und hatte es sicherlich nur meiner starken Natur zu danken, dass ich nicht erkrankte. Es war einer der traurigsten Abschnitte meines ganzen Lebens. Arbeit und Zeit wirkten nach und nach zusammen, um mich wieder obenauf zu bringen. Meine Lieblingsfächer waren Literatur, Geografie und hauptsächlich Geschichte, in diesen machte ich auch schöne Fortschritte. In Mathematik, Latein, Reiten und Fechten war ich nur mittelmäßig, dagegen erlernte ich die Gewehrgriffe vorzüglich und fand großes Gefallen an den Übungen des Schülerbataillons, das von einem alten Hauptmann außer Dienst befehligt wurde.
Wie bereits erwähnt, lastete gerade damals, 1793, das blutige Zepter des Konvents schwer auf Frankreich. Angehörige desselben reisten im ganzen Land umher, und da ihnen die Bezeichnung “Militärinstitut” angenehm in den Ohren klang, so erhielt unsere Anstalt regelmäßig ihren Besuch. Der damalige Leiter desselben verstand es meisterlich, den Herren die Wichtigkeit dieser vielbesuchten Bildungsstätte der Jugend für den Staat als Pflanzschule des Heeres, als Hoffnung des Vaterlandes darzustellen. Dadurch schlug er buchstäblich alles bei ihnen heraus, was er wollte. Allerdings wurden sie dafür auch in der Anstalt empfangen wie gekrönte Häupter.
Da warfen sich dann sämtliche Zöglinge in Uniform, das Bataillon hielt seine Übungen vor den Herren ab, man stellte Wachen vor sämtliche Türen wie vor einer Festung, Gelegenheitsstücke, in denen der unverfälschte Patriotismus herrschte, wurden aufgeführt und patriotische Lieder gesungen, und bei Besichtigung der Klassen durch diese Abgesandten fand sich stets eine Gelegenheit, einige Lobpreisungen auf die Republik und die durch diese erzeugten bürgerlichen Tugenden anzubringen.

So erinnere ich mich, dass mir in der Geschichtskunde der Volksvertreter Chabot10, ein ehemaliger Kapuziner, die Frage vorlegte, was ich von Coriolans11 Übergang zu den Feinden seines Landes halte. Vorstand und Lehrer bebten vor Angst, ich möchte das Verhalten des Römers gutheißen, allein ich verurteilte dasselbe und erklärte, ein guter Bürger dürfe niemals die Waffen gegen sein Vaterland ergreifen, seine Beschwerden gegen dieses mögen noch so begründet sein. Diese meine Antwort gefiel dem Herrn so wohl, dass er mich feierlich umarmte und dem Vorstand und der Lehrerschaft seine Glückwünsche zu den guten Grundsätzen aussprach, die sie den Zöglingen einpflanzten. Dieser kleine Triumph tat meinem Hass gegen den Konvent übrigens keinen Eintrag, und so jung ich noch war, ich empfand vor diesen Volksvertretern stets einen Schauder. War ich doch bereits vernünftig genug, um einzusehen, dass man zur Rettung des Vaterlandes nicht im Blute der Bürger zu waten brauchte, und dass diese Massenabschlachtungen verschiedener Art nichts anderes waren als furchtbare Verbrechen.
Ich will euch den Druck, der damals auf unserem unglücklichen Vaterland lastete, nicht weiter beschreiben, ihr kennt ihn aus der Geschichte. Aber keine Schilderung, und sollte sie auch in den denkbar stärksten Farben malen, wird je imstande sein, der Wirklichkeit auch nur einigermaßen nahezukommen. Was dabei vornehmlich auffallen muss, ist der Stumpfsinn, mit dem sich die Massen von meist ganz unfähigen Leuten beherrschen ließen. Denn man mag sagen was man will, die Mehrzahl der Koventsmitglieder stand noch unter dem gewöhnlichen Durchschnitt, und ihr vielgepriesener Mut entflammte lediglich der Furcht, die sie voreinander hatten. Aus Angst vor der Guillotine stimmten sie stets nach dem Willen der Führer. Zahlreiche Konventsmitglieder, die im Jahre 1815 die Verbannung mit mir teilten, waren Leute ohne die geringste Willensfestigkeit und bestätigten mir das Vorstehende selbst. Aus der Erinnerung an jene Zeit habe ich meinen unüberwindlichen Widerwillen gegen die demokratische Regierungsform und die unumstößliche Überzeugung geschöpft, dass die Massen blind sind.

9 Die Französische Revolution hatte im Land die Trennung von Staat und Kirche durchgesetzt, daher sollte u.a. ein neuer Kalender keinen christlichen Bezug mehr enthalten. Es sollte das vielgepriesene Prinzip der „Vernunft“ in Form des Dezimalsystem nun auch Einzug in die Zeitrechnung halten, so dass nun eine Zehntagewoche eingeführt wurde. Der Revolutionskalender vom 22.September 1792 teilte das Jahr jetzt in 12 Monate zu 30 Tagen mit jeweils 3 Dekaden (10 Tagen). Dazu kamen fünf, in Schaltjahren sechs, Ergänzungstage.
10 François Chabot (*1756 oder 1757 in Saint-Geniez-d’Olt, Dép.Aveyron; †05.April 1794 in Paris) hatte zunächst als Mitglied des Kapuzinerordens in Carcassonne und Béziers katholische Theologie studiert, sich aber nach Ausbruch der Französischen Revolution der weltlichen Politik zugewandt. Als Abgeordneter des Départements Loir-et-Cher im Konvent trug er am 09.August 1792 durch eine Predigt im Pariser Vorort Saint-Antoine wesentlich zum Tuileriensturm und dem Massaker an den dort vorgefundenen Schweizer Gardisten bei. 1794 wurde er verhaftet und angeklagt, sich zusammen mit Verwandten durch die Fälschung von Gesetzen bereichert zu haben, woraufhin er am 05.April hingerichtet wurde.(Bild siehe Text)
11 Gnaeus Marcius Coriolanus (auch kurz Coriolan; * vor 527 v. Chr.,† um 488 v. Chr. in Antium/Anzio) war nach der römischen Sage ein Held und Feldherr, dessen Stolz, Unverstand und Starrsinn zu Auseinandersetzungen mit den Plebejern führte. Er wurde daraufhin aus Rom verbannt und führte mit den Feinden seiner Heimatstadt einen Krieg, den er erst auf Bitten seiner Mutter und Frau abbrach.
Im Februar 1799, mit 16½ Jahren, verließ ich das Institut von Sorèze, ein Freund meines Vaters brachte mich nach Paris. Wir waren acht Tage unterwegs und kamen gerade in der Nacht an, in welcher das Odeon-Theater zu ersten Male abbrannte12. Schon auf weite Entfernung machte sich die Helle des Brandes auf der Straße nach Orleans bemerklich, und ich glaubte allen Ernstes, dieselbe komme von den vielen großen Scheinwerfern der Hauptstadt her.