Graf Anton Prokesch von Osten

Reise ins heilige Land: Im Jahr 1829

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020
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EAN 4064066109189

Inhaltsverzeichnis


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Text
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»Sie werden vergehen, aber du wirst bleiben. Sie werden alle veralten wie ein Gewand; sie werden gewechselt werden wie ein Kleid, wenn du sie wechseln wirst.«

Psalm CII. 27.


Die Oberfläche der Erde ist ein aufgeschlagenes Buch. Viele Blätter sind noch weiß gelassen, viele beschrieben, bald mit mehr, bald mit weniger ansprechender Geschichte, bald mit Hymnen und Klagen, bald mit Wissen und Kunst. Manche aus diesen wurden es mehrmals, und dennoch überschlägt man sie gerne; andere fesseln den Blick in Bewunderung, in Staunen und Ehrfurcht, und ihr uralter Text bricht unvergänglich durch die Überlage der späteren Jahrhunderte. Zu diesen letzten Blättern gehören die Landstriche zwischen dem Euphrat und dem Mittelmeere, zwischen dem blühenden Syrien und dem wüsten Arabien, die man unter dem Namen des heiligen Landes zusammen zu fassen gewohnt ist.

Diese Bezeichnung kommt von den Juden, in so ferne sie dies Land als das vorzugsweise von dem Gotte, den sie anbeten, sich und ihnen erwählte betrachten; sie gilt den Christen, in so ferne sie Söhne des Judenthumes sind, und hauptsächlich, weil in diesem Lande, wie auf einem großen Altar, das Opfer ihres Heilandes vollbracht wurde. Im Buche von der Weisheit Salomons (XII. 3.), so wie in dem der Makkabäer (II. I. 7.) ist der Ausdruck »heiliges Lands« schon zu finden. In jeder der alten Religionen waren gewisse Landstrecken für heilig erklärt.

Älter als diese Bezeichnung ist für das Land, von dem wir sprechen, die kürzere: das Land. »Zu der Zeit, da die Richter regierten, war Theurung im Lande,« sagt das Buch Ruth (I. 1.) und bezeichnet es nicht weiter. So ruft Jeremias aus: »Land, Land, Land, höre das Wort des Herrn!« (XXII. 29.) — »Meine Seele hört der Posaunen Schall, und die Feldschlacht, und das Geheul des Mordes, denn Verheerung kommt über das Land.« (IV. 20.)

Das Land Israel, das gelobte Land sind gleichfalls ältere Bezeichnungen, die denselben Raum umfassen, wie die früher genannten. Die Bücher Samuels und der Könige geben hiezu viele Belege. Der Samaritanische Text bezeichnet diesen Umfang klar: »Und der Herr zeigte ihm das ganze Land vom Flusse Ägyptens bis zum großen Flusse, dem Flusse Euphrat, und bis an das äußerste Meer; und der Herr sprach zu ihm: dieß ist das Land, das ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe....« (V. Mos. 34.) Und: »Alle Orte, darauf eure Fußsohle tritt, sollen euer seyn; von der Wüste an und von dem Berge Libanon und von dem Flusse Phrat bis au das äußerste Meer soll eure Gränze seyn.« (V. Mos. XI. 24).

Oft für den Begriff des gesammten Landes gebraucht, aber eigentlich nur Theilen desselben gehörig, sind die Bezeichnungen: Land Kanaan, Gilead, Judäa. Unter Kanaan wurde im engern Sinne das Land westlich dem Jordan verstanden, denn der Herr spricht zu Moses, im Lande der Moabiter, also östlich vom Jordan: »wenn ihr über den Jordan gegangen seyd in's Land Kanaan« (IV. Mos. XXXIII. 51); unter Gilead häufig das Land östlich dem Jordan, welches von den Stämmen Ruben, Gad und halb Manasse bewohnt wurde; daher (Josua XXII. 9): »Also kehreten nun die Rubeniter, Gaditer und der halbe Stamm Manasse und gingen von den Kindern Israel aus Silo, die im Lande Kanaan liegt, daß sie in's Land Gilead zögen, das sie erbeten auf Befehl des Herrn durch Mose.«

Daß der Jordan die Ostgränze von Kanaan machte, geht aus der Vergleichung mehrerer Stellen unter sich hervor; z. B. sagt Moses (II. XVI. 35): »daß die Kinder Israel bis an die Gränze des Landes Kanaan Manna aßen;« Josua aber (V. 12) erzählt, daß das Manna aufhörte, sobald sie den Jordan erreicht hatten. — Der Herr straft Moses, indem er ihm verweigert, das gelobte Land zu betreten (IV. Mos. XX. 12), und als Moses in's Land der Moabiter gelangt war, sprach er zu ihm: »Gehe auf das Gebirge Aharim, auf den Berg Nebo, der da liegt .... Jericho gegenüber und besiehe das Land Kanaan, das ich den Kindern Israel zum Eigenthum geben werde und stirb auf dem Berge.... denn du sollst das Land sehen vor dir, aber nicht hineinkommen.« (V. Mos. XXXII. 49-52.)

Aus diesen Stellen aber geht hervor, daß nach der ersten Offenbarung des Herrn das Land Gilead keinen Theil des gelobten Landes ausmachen sollte; warum es dennoch zu einem solchen ward, erklärt sich aus der den Kindern Israel niemals gelungenen gänzlichen Unterwerfung von Kanaan. Nur in so ferne das gelobte Land überhaupt das den Israeliten zwischen Jordan und Meer vermeinte des Herrn bedeutet, finden wir vor der Trennung des Reiches, auch die Bezeichnung Israel auf diese Ausdehnung beschränkt. (Ezechiel XLVII. 18.)

In Kanaan ist der phönizische Gleichlaut χνά zu finden. Nach Sanchoniatan gab dieser Χνά, der später Phönix geheißen haben soll, den Phönikern den Namen. (Euseb. praep. Evang. II.) Er ist der Kanaan, von welchem die Genesis spricht (X. 15), der Gründer von Sidon und selbst von Jerusalem als Stadt der Jebusiten, überhaupt der Urvater der Stämme, welche das schöne Kanaan bewohnten, die Welt in ältester Zeit durchschifften und im Vertilgungskriege gegen die Kinder Israel Jahrhunderte hindurch standen. Diese, mit dem Schwerte des Glaubens bewaffnet und in Ägypten zur Lehre erzogen, daß zwischen Religionen kein Verträgniß, kein Zusammenwohnen, sondern nur ein Kampf auf Leben und Tod erlaubt sey, brachen zahlreiche Städte der gebildeten Kananiter, scheiterten vor anderen und bewahrheiteten damals schon den oft wiederholten Satz der Geschichte, daß zuletzt das gebildete Volk dem rohen unterliegt.

Judäa bezeichnet eigentlich den von dem Tribus Juda bewohnten Landstrich. Später hieß der eine Theil des Reiches so; der andere, im Gegensatze, Israel. Daß die Bezeichnung Judäa auch für das ganze gelobte Land genommen wurde, geht aus II. Chronik IX. 11 hervor, so wie aus den Parallelstellen Matth. XIX. 1. und Mark. X. 1. Spätere brauchen sie häufig in diesem erweiterten Sinne, wie Josephus, Ptolemäus, Rutilius, Eusebius u. a. m., und Medaillen des Titus Vespasianus tragen die Umschrift: Judaea capta.

Wir Neueren bedienen uns am häufigsten der Bezeichnung Palästina, verstehen aber nicht selten nur das eigentliche Kanaan darunter. Die Bibel kennt das Wort nicht. Philo braucht dasselbe als syrischen Ursprunges in der erwähnten engeren Bedeutung (de Abrah.). Die alten Ausleger der Genesis nehmen es nicht selten im weiteren Sinne; so auch die Griechen und Römer. Medaillen Vespasians sagen gleichfalls: Palestina in potestatem P. R. redacta. Die älteren christlichen und arabischen Schriftsteller bedienen sich dieser Bezeichnung häufig. Unter Theodosius erscheint die Eintheilung in das erste, zweite und dritte Palästina. — Als Theil von Syrien betrachtet, wird es schon von Herodot (VII. 89) Palästina genannt, oder auch das syrische Palästina (I. 105), eine von Anderen oft gebrauchte Bezeichnung.


Die Bedrückungen, welche Abdallah, Pascha von Akka, Tripolis und Seida, gegen viele in Palästina wohnende und des Schutzes Sr. Majestät des Kaisers genießende Christen und Juden sich erlaubte, veranlaßten im März 1829 meine Sendung nach diesem Lande. Er hatte die Freizügigkeit von Ort zu Ort mit Fesseln belegt, den Handel willkürlich beschränkt, dem k. k. Konsul von Akka eine bedeutende Geldsumme abgezwungen, ihn und dessen Familie mit Schimpf und Gefahren bedroht, endlich sogar zur Flucht in die Hände aufrührerischer arabischer Stämme nach Nazareth genöthiget, die Flagge Sr. Majestät, vor bald tausend Jahren auf den Wällen von Akka gegründet, vom Konsulate herunter reißen lassen und jede Verbindung mit unseren Kauffahrern einzig auf seine Willkür gesetzt. Diese Übelstände auszugleichen war mein Auftrag.

Ich ging zu Ende März von Smyrna mit der k. k. Korvette Veloce unter Segel. Der Himmel war trüb und es stürmte heftig aus Süd und Südost. Ich hätte klüger gethan, zwischen den Inseln von Vurla oder auf den Untiefen von Smyrna den Wechsel des Windes abzuwarten; aber gewohnt an die See, gefiel mir besser, dieß im Freien und unter Segel zu thun. Am Abend des 31. März war ich in den Gewässern von Ipsara. Die See ging hohl und es hing furchtbar schwer und schwarz ringsum am Himmel. Dabei regnete es und warf zeitweise Schnee und Hagel, so daß wir, überdieß von den über Bord schlagenden Wellen fortwährend durchnäßt, ungemein an Kälte litten. Wir hatten noch die Wahl, nach Phokäa, einem geräumigen Hafen der asiatischen Küste, oder in die Straße zwischen dieser und der Insel Lesbos zu flüchten; aber beide Richtungen hätten uns weit vom Wege abgebracht. Wir sagten uns, daß unser Schiff gut sey und auch die schwärzeste Nacht zu Ende gehe, und beschlossen die See zu halten. Um Mitternacht sprang der Wind nach Südwest um, und ging in Stöße über. Die See begann zu stäuben und zu kochen; das Schiff, ohnedieß sehr zum Rollen geneigt, arbeitete schrecklich. Vieles Tauwerk riß und wurde nur mühsam ersetzt. Wir zogen nach und nach alle Segel ein bis auf die Marsen des Haupt- und des Fockmastes. Um 4 Uhr war die Wuth am höchsten. Es versuche keine Feder, die Kraft des Elements zu malen, das plötzlich, wie lebendig gewordenes Gebirge, sich hebt und einherschreitet! — Der Mensch kann in solcher Stunde nichts mehr thun, als in die Treue seiner Breter und in Gottes Gnade hoffen. — Bei den gewaltsamen Schwingungen der Masten, und dem Froste, der die Glieder lähmte, wurde unsere Mannschaft nur schwer der Marssegel Meister, an welchen wir das letzte Reff nehmen ließen. Wir versuchten noch, gegen Sturm und See, die Richtung Südwest zu erzwingen und hielten uns hart an beide, bis endlich der Tag anbrach. Eine graue Verheerung — ein Chaos, wo alle Atome im Aufruhr stehen, umgab uns; Himmel und See lagen fest auf einander. Indessen, man sah doch! und die Blitze, diese Mitverschworenen des Schreckens und des Todes, übergossen zwar noch unsere Wangen mit Gluth, hatten aber über unsere Augen die verwundende Macht größtentheils verloren.

Um 1/2-6 wurde es plötzlich lichthell im NNW. Aber es war kein tröstliches Licht, sondern jener weiße Leichenglanz wie an Sternen, die verlöschen. Es thürmte sich schnell über einander und stand aufgerichtet wie ein Riese da. Alle Blicke starrten darauf. Jetzt begann es sich zu neigen und zu bewegen, und Blitze zuckten von Zeit zu Zeit daraus. Noch hofften wir, der Ouragan und diese ungeheure Wassermasse, denn das war es, würden nach einer, uns nicht gefährlichen Richtung getrieben; und wir durften dieß hoffen, so lange der Sturm noch in SW. fest stand. Aber wer schildert die Angst, als wir den Wind matter werden und immer westlicher abfallen sahen, und nicht mehr zweifeln konnten, daß der Ouragan den Sturm übermeistere! Wir konnten unsere Kanonen gegen die herannahenden Wasserhosen nicht brauchen wegen dem entsetzlichen Schwanken des Schiffes, das nun, da der Wind todt geworden war, die See aber noch den Andrang aus SW. behielt, uns alle fast betäubt schlug. Es nahte und nahte immer schrecklicher — und zerplatzte und richtete sich ohne Unterlaß wirbelnd auf; — jetzt war es da, faßte uns am Steuerbord — riß dessen ganze Bekleidung ein — brach die Ketten und Gurten ab, an welchen der Anker außen am Bug hing, und warf diese Last nach innen ins Schiff, so daß sie das Verdeck durchschlug — brach eben so die schweren Taue durch, womit die Boote im Schiffe befestiget lagen — riß diese und eine Menge Gegenstände mit sich fort, — zerbrach den Matrosen, die sich nicht schützen konnten, Arm und Beine, — öffnete die festgeschlossenen Lucken der Kajüte und der Offiziersgemächer, — füllte diese Räume und das ganze Verdeck mit Wasser und legte das Schiff auf die Wellen, so daß das Steuer nicht mehr griff. In dieser entsetzlichen Noth hatte Jeder so viel mit sich zu thun, daß kaum Einer an den Tod dachte. Die Einen schwammen auf dem Verdecke und suchten sich an Seilen zu fangen; die anderen tauchten aus den Lucken empor; die dritten klammerten sich fester an die Gegenstände, die ihnen zur Rettung gedient hatten; eine Zahl war betäubt durch den Schlag und durch die Wunden, und wußte gar nicht, was geschah; einer der Offiziere, der Lieutenant Sandry, war über Bord geschleudert worden und hatte sich wunderbar an einem Stricke im Fluge gefangen. Ich hielt mich an den Arm des Steuers und dachte in mir: »also noch fünf oder sechs Sekunden, und wir sind versunken!« —

Durch ein Zusammentreffen von Glück und Besonnenheit wurde das Schiff gerettet. Die Veranlassung hiezu war eine natürliche, aber ich traue keinem Menschen auf dieser Erde die Kraft zu, in solchem Augenblicke dies Natürliche anders als durch Instinkt zu errathen. Die Wassermasse, die uns umgeworfen hatte, war aus NNW. gekommen; die See kam, wie oben gesagt, aus SW. und zwar mit der Geschwindigkeit von sechs bis sieben Meilen. So wie die Wassermasse gegen die See anstürzte, lehnte sich diese ihr entgegen auf und dieser Rückstoß richtete uns empor. In diesem Augenblicke, da das Steuer wieder griff, hatte der Steuermann die Besonnenheit, es herumzuwerfen, so daß das Schiff die See in Rücken bekam und alsogleich von ihr getrieben wurde. Nun schlugen wir alle, ohne Wink oder Befehl, sondern durch den richtigen Takt getrieben, die Kanonenpforten backbord ein, und machten dadurch möglich, daß das Verdeck sich entleere und das Schiff Athem bekomme. Wo sind wir? — wohin? waren die ersten Fragen, die wir mit heiterem Auge, in dessen Winkeln noch der Schrecken nachglänzte, einer dem andern stellten. Es fand sich aus der Berechnung, daß wir vom nächsten Hafen unter dem Winde, Sigri auf Lesbos, etwa fünfzig Meilen entfernt waren. Wir hatten keine Wahl und nahmen alsogleich die Richtung dahin.

In dem Zustande, in welchem wir uns befanden, nach allen Seiten der See geöffnet, mit zerbrochenen Raaen und Stängen, mit zerrissenem Tau- und Takelwerk, Kajüte und Offiziersgemächer noch voll von Wasser, hatte unsre Lage mitten in der stürmenden See genug, was zu anderer Zeit erschrecken konnte. Damals aber schien uns, die wir der größten Gefahr so wunderbar entgangen waren, die geringere keine mehr.

Beschäftigt in vollem Maße mit Ausbessern, Wehren und Pumpen langten wir gegen Mittag in der Gegend an, wo, nach unserer Berechnung, die Hafeneinfahrt nahe vor uns liegen mußte. Aber die Wolkendichte erlaubte durchaus nichts zu sehen. So hoch die Berge von Lesbos im Rücken von Sigri sind, es war doch nicht möglich, irgend ein Stück Umriß derselben oder auch nur einen Farbenunterschied in den Wolken zu unterscheiden, der dem geübten Auge des Seemanns so oft das einzige Zeichen eines nahen Hintergrundes von Bergen ist. Unsere Verlegenheit war nicht klein, da die Einfahrt enge, voll Untiefen und Klippen, und die Küste zur Seite gewissen Untergang bringend ist, auch wir nicht auf hellere Zeit warten konnten, weil die See uns vor sich her trieb und das Schiff nicht im Zustande war, gegen die See zu halten. Wir durchflogen nochmals eilig unsere Berechnungen, und da diese die Linie unseres Laufes genau auf die Hafeneinfahrt gerichtet wiesen, so fuhren wir in Gottes Namen im Dunkel darauf los, das Beste hoffend und das Schlimmere zu nehmen entschlossen. Und es war uns zum Heile! denn richtig erreichten wir die Einfahrt und konnten sie erst dann erkennen, nachdem wir schon darin waren. Ein allgemeiner Jubelruf erscholl aus allen Theilen unseres Schiffes.

Im Hafen lagen die k. k. Kriegsbrigg Montekukulli und mehrere Kauffahrer, die uns sogleich mit dem Nöthigen an frischen Lebensmitteln und Wein beisprangen, denn alle unsere Hühner und Lämmer waren ertrunken und der französische Wein verdorben. Sechs Tage lang baute unsere Mannschaft und die der übrigen Schiffe, um die Veloce wieder herzustellen. Da Vorrath an bearbeitetem Material nicht fehlte, so stand die Korvette bald wieder segelfertig da, und während man zu Smyrna, dem Berichte eines österreichischen Kauffahrers zufolge, der uns bald nach neun Uhr gekreuzt hatte, uns versunken glaubte, waren wir guten Muthes und am 6. April Abends bereits wieder unter Segel.

Das Wetter blieb uns durch mehrere Tage günstig. Leichter Nordwest trieb uns in der Nacht rasch an Scio vorüber. Am 7. umsegelten wir Nikaria an der Westseite und kamen hart an Pathmos, dessen breites Haupt die Stadt und das Kloster zum heil. Johannes krönen; am 9. sank bereits Rhodus unter den Gesichtskreis und die Schneegebirge der Karamanischen Küste, der Kragus und Antikragus, wohin die Alten die Fabel von der Chimäre verlegten, stiegen empor. Ein Meteor fuhr, bald nach Sonnenuntergang, von Nordwest nach West, ungeachtet des hellen Tages noch glänzend, ja blendend weiß, durch die Luft und zerstob in Sterne, wie eine Rakete, mit einem Lichte dieser ähnlich, aber viel stärker und größer. Am 11. umwölkte sich der Himmel von Neuem und der Wind ging wieder nach Süd. Castelrosso (Megiste oder Cisthene) und Kap Khelidonia (sacrum promontorium) zeigten sich des Morgens, von Schneegipfeln des Taurus überragt; Tags darauf wurde die See stark bewegt, und der Himmel trüber. Cypern blieb uns unsichtbar, so nahe wir auch daran vorbeistrichen. Abends konnten wir kaum mehr fünfzig Meilen von der syrischen Küste seyn — aber wir wagten nicht, uns in der Nacht ihr zu nähern, denn Niemand an Bord kannte dieselbe. Wir legten daher um und brachten die lange Nacht hin- und herfahrend zu.

Der darauf folgende Tag war fast ohne Licht; nur graue Helle lag über See und Himmel, und auf Entfernung weniger Meilen unterschied das Auge nicht mehr die eine von dem anderen. Wir steuerten küstenwärts, mit Vorsicht erst und dann mit verdoppelten Segeln. Erst um zwei Uhr Nachmittags sahen wir oder erriethen vielmehr einige Umrisse von Gebirgen, zweifelhafte und schwebende Linien durch die Regenwolken zitternd. Sie wurden deutlicher — zeigten sich langgestreckt, hoch, wenig abgezeichnet. Wir konnten, der Berechnung zufolge, nur den Berg Karmel vor uns haben, und er war es auch und neben ihm die Küste von Sur bis Cäsarea. Die Ruinen einer Stadt hoben sich aus den Wellen; südlicher stieg ein hoher Thurm hervor. Wir steuerten nach diesem und erkannten erst spät, daß wir Cäsarea selbst vor uns hatten. Wir wandten nach Nord, erreichten Kap Karmel; da hatte sich der Himmel eben aufgehellt, die Sonne trat wie zum Abschied am westlichen Horizonte hervor, und ihre feuchten, zitternden Strahlen vergoldeten die Mauern und Minarete von S. Jean d'Acre. Wir warfen die Anker auf der Rhede von Kaipha.

Dies kleine Städtchen liegt am Fuße des Karmel nahe am Südostwinkel der Bai. Die Araber nennen es Hipha, die Juden Kepha oder auch Hepha, die Griechen und Lateiner meist Kaipha oder Kaiphas. Es ist ein ins Viereck von etwaKarmel