Bibliografische Information der
Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte
bibliografische Daten sind im Internet über
www.dnb.de abrufbar.
© 2019 Sophie Grossalber
2. Auflage © 2020
Illustration: Sophie Grossalber und Rachel Dohain-Lesueur,
@rale-art auf instagram
Lektorat/Korrektorat: Benjamin Ressel,
www.ressellektorat.blogspot.com
Satz: Sophie Grossalber
Cover: Lorena Viciconte, www.lion-tales.com
Herstellung und Verlag: BoD– Books on Demand GmbH,
Norderstedt
ISBN: 978-3-7481-2693-5
Inhaltsnotiz:
Als Werk des Dark Fantasy Genres enthält Blood and Guilt folgende Inhalte, die für einige Leser:innen potenziell triggernd oder unangenehm zu lesen sein könnten:
Der Teufel von New Orleans:
Sullivans Gesetz:
Blutspuren im Schnee:
Für Karo, Esa und Lorena.
Danke, dass ihr mir rund um die Uhr beisteht. Selbst
wenn es nur darum geht, um drei Uhr in der Früh ein
Plotloch zu stopfen.



Das Sonnenlicht, das durch die Fensterfront fiel, prickelte auf seiner Haut und ließ die fliehende Hitze des Tages erahnen. Damien Moreaus Blick landete auf der halbnackten Frau, die neben ihm den Kopf in den Kissen vergraben hatte. Der Oberarm, der in seine Richtung gestreckt war, und die dazu gehörige Schulter zeigten ihm die Eskapaden der vergangenen Stunden. Marguerite, eine seiner offiziellen Spenderinnen und besagte Dame, rührte sich kaum noch. Behutsam, um sie nicht aufzuwecken – obwohl sie in diesem Zustand vermutlich nicht einmal ein Meteoriteneinschlag hätte wecken können –, hob er ihren Arm.
Zwei Finger an die blasse zarte Haut der Innenseite ihres Handgelenks gedrückt wartete er ab und zählte. Ihr Puls schlug noch, zögerlich, aber immerhin hatte er sie nicht umgebracht.
»Wäre auch zu schade gewesen«, murmelte Damien. Auch wenn er nicht viel von Menschen hielt, Marguerite war eine der wenigen, die er zu schätzen gelernt hatte. Und das auch nur, weil ihr Blut exquisit schmeckte. Was wiederum bedeutete, dass er sie nicht töten konnte, sonst wäre seine liebste Nahrungsquelle von der Speisekarte gestrichen. Ganz abgesehen von den tausenden an Fragen und dem elenden Papierkram, Dinge, die mit dem Tod seiner Spenderin einhergingen. Marguerite war ein Glücksgriff gewesen. Die Spender, die er sonst über das Ministerium zugeteilt bekam, gehörten eher zum unteren Durchschnitt. Kein Wunder also, dass er sich bemühte, Marguerite am Leben zu erhalten, oder sich manches Mal an seiner eigenen Ware vergriff.
Das Klingeln seines Mobiltelefons riss ihn aus seinen Träumereien. Er blähte die Nasenflügel, ließ den Arm der Frau fallen und schnappte sich sein Telefon.
»Wer stört?«, grummelte er, als er den Anruf annahm. Ein Seufzer aus Marguerites Richtung ließ ihn eine Augenbraue hochziehen. Er konnte sich ausmalen, was die junge Dame neben ihm da träumte, wollte diesen Umstand aber um jeden Preis vermeiden.Es gab nichts, das ihn mehr nervte und mehr erniedrigte als die Tatsache, dass er ein Blutsband mit seiner Spenderin teilen musste. Gut, beim Sex hatte die mentale und emotionale Verbindung zwischen Vampir und Mensch durchaus seine Vorzüge, aber den Rest der Zeit lenkte es ihn von seinen Geschäften ab und brachte ihn beinahe um den Verstand. Da gab es nur ein Problem: Die einzige legale Alternative waren Blutkonserven aus den Spende-Zentren. Die ließen ihn zwar nicht mit einer Verbindung zurück, durch die er die Gefühle der Spender fast wie seine eigenen spürte und in die Träume von Menschen eindringen konnte, allerdings schmeckten sie absolut grauenhaft. Kein Mensch würde eine emotionale Bindung zu einem Glas Wasser aufbauen.
»Malone hier. Boss, wir haben ein Problem. Und das solltest du dir ansehen«, antwortete eine Männerstimme am anderen Ende der Leitung. Damien verdrehte die Augen, stieg geistesabwesend aus dem Bett und stellte sich an die Fensterfront, um die Autos und Menschen auf der Straße unter ihm zu beobachten. Sein Blick schweifte zu den ärmlicheren Häusern am anderen Ufer und er schauderte. Algiers war definitiv die bessere Wahl gewesen.
»Das letzte Mal, als du mir sagtest, es gäbe ein Problem, hast du nur unnötig meine Zeit verschwendet. Also bitte, sei gefälligst konkret und erkläre es mir am Telefon, bevor ich mich auf dem Weg mache!« Er war laut geworden, stützte sich mit der geballten Faust am Fenster ab.
Er spürte den Druck seiner Fangzähne gegen den Rest seines Kiefers, als sie hervortraten. Seine sonst dunklen Augen glühten ihm golden und mit schlitzartigen Pupillen aus der Reflexion der Fensterscheibe entgegen. Vom Bett vernahm er ein schlaftrunkenes »Hm? «, bevor Marguerite wieder in ihre Traumwelt abglitt.
»Wenn ich herausfinde, dass ihr wieder zu unfähig wart, ein dummes Menschlein unter Kontrolle zu bringen, zieh ich euch bei lebendigem Leibe die Haut ab und mache daraus Schuhe. M'as-tu compris?«, zischte Damien ins Telefon. Das andere Ende der Leitung war still geworden und er entspannte sich etwas in dem Bewusstsein, dass seine Mitarbeiter immer noch Angst vor ihm hatten. Die meisten kannten ihn jetzt schon seit mindestens einem Jahrhundert. Und auch wenn sie ihn weiter fürchteten, musste er ihnen immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass er Unfähigkeit nur sehr selten duldete.
»Verstanden, Boss«, kam es von Malone. Es wunderte Damien immer wieder, wie der stämmige große Ire sich jedes Mal wie ein kleines Häufchen Elend anhören konnte, wenn er seinen Boss verärgerte – was leider häufiger vorkam. Aber ehemalige Boxer, die bereit dazu waren, für einen Drogenboss und Menschenhändler zu arbeiten, waren eine Rarität. Abgesehen davon würde Malones Gesicht sich niemals für ein gutes Paar Schuhe eignen.
»Nun?«, hakte Damien nach. Er versuchte angestrengt, sich den Frust nicht anmerken zu lassen. Die Polizei von New Orleans hatte in den letzten Tagen wieder vermehrt herumgeschnüffelt, und sie mussten vorsichtig sein. Dennoch war gestern eine Lieferung an neuen Menschen eingetroffen. Ärmliche Leute, die ihrem elenden Leben in Mittel- und Südamerika entfliehen wollten. Und die deshalb so naiv waren zu glauben, sie würden durch die Moreau Foundation ein neues Leben in den Staaten bekommen. Alles natürlich nur eine Farce, um an Leute zu kommen. Aber das hielt die Polizei nicht davon ab, immer wieder Razzien in seinen Nachtclubs durchzuführen. Immerhin ließen ihn die Jäger der Stadt in Ruhe – gegen einen Preis.
»Nun ja, wir... Sir, bitte, wir können nichts dafür. Wenn wer Schuld hat, dann die Idioten in Mexiko«, stammelte Malone und versuchte, das Unausweichliche weiter hinauszuzögern. Allerdings half das nicht Damiens schwindender Geduld.
Im Gegenteil, der verzweifelte Versuch des Iren, seinen Kopf noch irgendwie aus der Schlinge zu ziehen, bewirkte noch eher, dass Damien endgültig der Geduldsfaden riss. Die Knöchel seiner zur Faust geballten Hand traten weiß durch die Haut hervor, als er seine Armmuskeln weiter anspannte.
»Malone, was ist passiert?«, knurrte er. Inzwischen gab er sich keine Mühe mehr, seinen Gemütszustand zu verstecken. Er würde dem Iren die Ohren langziehen, sobald er ihn in die Finger bekam, und Damien wollte, dass Malone sich dessen bewusst war.
Der Mann am anderen Ende der Leitung schwieg für einen kurzen Moment, schien nach den richtigen Worten zu suchen, um seinen Vorgesetzten nicht noch weiter zur Weißglut zu treiben.
»Wir haben eine Jägerin unter der Ware gefunden, die gestern angekommen ist«, murmelte Malone schließlich kleinlaut.
»Ihr habt WAS?!«, brüllte Damien ins Telefon. Jedes Bestreben, seine Spenderin nicht aufzuwecken und seine Bediensteten nicht zu alarmieren, war vergessen, begraben unter der unbändigen Wut über die Unfähigkeit seiner Angestellten. Die Jäger von New Orleans mochten seine Geschäfte vielleicht dulden, da sie ihnen auch nutzten, aber das galt nicht für die Jäger anderer Länder. Wenn auch nur einer von ihnen erfuhr, was er hier trieb, würde alles, was er sich über die Jahrhunderte in dieser Stadt aufgebaut hatte, um ihn herum zusammenbrechen und ihn unter den Trümmern begraben.
»Fasst sie nicht an, ich bin in einer halben Stunde am Lagerhaus. Ich hoffe, du weißt, dass das auch deine Schuld ist.« Damien beendete das Telefonat und hätte beinahe das Smartphone in seiner Hand zerquetscht, wäre da nicht Marguerite gewesen, die inzwischen aufgestanden und an ihn herangetreten war. Ihre Hände fuhren sanft über seine angespannten Schultern.
»Was ist los, mon cher?«, fragte sie. Ihre Stimme war noch rau vom Schlaf und nicht mehr als ein leises Flüstern. Er wusste, dass sie seine Wut spürte und ihn nur zu besänftigen versuchte. Aber er wollte nicht besänftigt werden, brauchte niemanden, der ihn wieder zur Ruhe brachte. Und er hatte auch keine Zeit dafür. Er musste sich anziehen, sich auf den Weg zum Lagerhaus machen und hoffen, dass seinen Leuten nur ein Grünschnabel ins Netz gegangen war. Ansonsten waren sie geliefert. Sein Herz machte einen Sprung bei dem Gedanken daran, was passieren konnte.
»Nichts, was dich etwas angehen würde. Geh wieder schlafen.« Er warf der nackten Frau einen letzten Blick zu und schritt dann zu seinem Kleiderschrank. Marguerite ging schmollend zurück ins Bett. Irgendjemand hatte einmal behauptet, der Tag, an dem Damien Moreau mal in etwas anderem als einem maßgeschneiderten Anzug vor die Tür trat, war der Tag, an dem die Hölle zufror. Wer auch immer das gesagt hatte, Damien musste ihm Recht geben. Keine zehntausend Jäger würden ihn jemals dazu bringen, seine geliebten teuren Outfits gegen Jeans und T-Shirt zu tauschen. Heute allerdings blieb keine Zeit, um eine gut durchdachte Auswahl zu treffen. Er griff nach Unterwäsche, Hemd, Socken und einer grauen Kombination aus Anzughose, Jackett und Weste. Die Krawatte wurde ein weinrotes Exemplar, bestickt mit dunkelroten Rauten.