
© 2020 Werner Schwörer
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN 978-3-7497-9010-4 (Paperback)
ISBN 978-3-7497-9011-1 (Hardcover)
ISBN 978-3-7497-9012-8 (e-Book)
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Werner Schwörer
Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord
Auf den Spuren eines Lieds
Umschlagfotos: Werner Schwörer
Küste von Nosy Be
Feldpostkarte Madagaskar von 1944
Fotos im Text Seite 47, 142, 143, 144, 149, 150: Werner Schwörer
INHALT
Rätsel über Rätsel
Die Fahrt der russischen Baltischen Flotte nach Madagaskar
Wir lagen vor Madagaskar
Und hatten die Pest an Bord
In den Kesseln verfaulte das Wasser
Und täglich ging einer über Bord
Der fast dreimonatige Aufenthalt der Russen vor Madagaskar und das Madagaskar-Lied
Der Abschied, die Weiterfahrt und die Niederlage der Baltischen Flotte
Deutsche Verwicklungen in den Russisch-Japanischen Krieg
Der Untergang des deutschen Cargos „Bengalia“ vor Madagaskar
Die Jugendbewegung
Mythos Madagaskar
Das Caracas-Lied
Weitere Aspekte zur Entstehung und Karriere des Madagaskar-Lieds
Die vermeintlichen Verfasser des Madagaskar-Lieds: Just Scheu und Robert Wanner
„La Baie des russes“, die Russenbucht in Madagaskar
Piraten vor Madagaskar
Ein Indizienbeweis und falsche Fährten
Rätsel über Rätsel
Während eines längeren Aufenthalts auf der Maskarenen-Insel La Réunion zog mich die geheimnisvoll anmutende große Insel Madagaskar in der Nachbarschaft in ihren Bann. So unternahm ich dorthin mehrere Reisen, wobei mich ein Abstecher auch nach Nosy Be führte.
Diese kleine Madagaskar vorgelagerte Insel im Nordwesten mit ihren von Palmen umsäumten Stränden, ohne bissige Haie und meist ohne Wellengang, galt damals als Geheimtipp.
Bei einem Besuch der „Hauptstadt“ von Nosy Be namens Hell-Ville war ich in einem Restaurant zu Gast. Dort fiel mein Blick auf eine dekorative Darstellung der Küstenlinie von Nosy Be und dem benachbarten „Festland“ von Madagaskar. Die vereinfachte Landkarte war mit Darstellungen von Booten, madagassischen Häusern und Palmen ausgeschmückt. Neben etlichen madagassischen Ortsnamen las ich mit Erstaunen. „Baie des Russes“ also „Russenbucht“. An der Bar kam ich mit ein paar Einheimischen ins Gespräch. Ich erkundigte mich etwas verwundert, was es mit der Russenbucht auf sich habe. „Ja, hier waren vor langer Zeit einmal russische Schiffe“, hieß es. „Wohl zur Zeit der Franzosen.“ Also zur Zeit der französischen Kolonialepoche. „Und auf dem Friedhof sind ein paar russische Gräber zu entdecken.“
Wie wohl den meisten deutschen Madagaskar-Reisenden damals, kam mir wieder ein Mal das bekannte Madagaskar-Lied in den Sinn:
Wir lagen vor Madagaskar
und hatten die Pest an Bord.
In den Kesseln verfaulte das Wasser
und täglich ging einer über Bord.
…
Hier vor Ort faszinierte es mich besonders der Aufklärung dieses rätselhaften Lieds nachzugehen. Denn es war wohl nicht einfach so frei erfunden. Es strahlte eine einmalige Authentizität aus und müsste auf sich wirklich zugetragene Ereignisse zurück zu führen sein. Obschon bekannt ist, dass Seemannslieder oft viel Seemannsgarn enthalten.
Nirgendwo sonst an Madagaskars Küsten war ich auf irgendetwas gestoßen, das auch nur im Entferntesten mit dem Madagaskar-Lied in Verbindung gebracht werden könnte. Allenfalls die Piraten auf Sainte-Marie. Doch davon später.
Hier in Nosy Be lagen also einmal - ziemlich rätselhaft - russische Schiffe. Pestausbrüche gab es auch regelmäßig. Schlechtes Trinkwasser ebenso. Und verstorbene europäische Seeleute lagen auf dem Friedhof. Diese Parallelen zu dem Lied ließen mich aufhorchen.
Allerdings ist das deutsche Madagaskar-Lied in Madagaskar völlig unbekannt. Kein Mensch hat dort jemals etwas davon gehört. Dasselbe gilt auch für Frankreich, obschon bekanntlich Madagaskar eine französische Kolonie war. Des Rätsels Lösung auf diese Weise näher zu kommen, blieb ausgeschlossen.
Doch was hatten russische Schiffe vor Nosy Be zu suchen? Und warum verweilten sie dort so lange?
Viele Jahre später ging ich der Sache nach und konnte herausfinden, dass während des Russisch-Japanischen Kriegs die Baltische Flotte um die halbe Welt in Richtung Vladivostok beordert wurde, um die Japaner zu bekriegen. Dabei legte diese Flotte einen Zwischenaufenthalt vor Madagaskar ein. Es galt nun in Erfahrung zu bringen, welche dramatischen Ereignisse sich vor Nosy Be zugetragen hatten, die das Madagaskar-Lied anscheinend aufgreift. Doch wie sollten die Aufsehen erregenden Berichte dann nach Deutschland gelangt sein? Rätsel über Rätsel.
Auch bezüglich der Autorenschaft und der Entstehungszeit des Lieds bleiben viele Fragen offen. Das Lied mit seiner insbesondere markanten ersten Strophe und seiner eindringlichen Melodie weist in vieler Hinsicht auf eine Schöpfung während der Jugendbewegung hin. Dies würde auch zeitlich mit den Ereignissen vor Madagaskar 1904/1905 übereinstimmen. Doch das Lied wurde erst 1934 in einer ganz anderen politischen Konstellation beim Harth-Verlag in Leipzig eingereicht und urheberrechtlich geschützt.
Dann steht über dem Madagaskar-Lied in den Liedersammlungen und auch auf den damals beliebten Bildpostkarten manchmal als Komponist und Texter Robert Wanner, manchmal auch Just Scheu. Manchmal zeichnet der eine als Komponist und der andere als Texter und auch umgekehrt. Zum Teil findet sich über dem Lied auch: Mündlich überliefert oder alte Weise. Zweifelsohne weisen gewisse Textvarianten des Lieds auf eine mündliche Überlieferung hin. Manchmal verfault das Wasser in „Kesseln“ und manchmal in „Kübeln“.
Heute gilt schließlich Just Scheu als Liedschöpfer, was anzuzweifeln ist. Denn es lässt sich nachweisen, dass das Lied bereits gesungen wurde, bevor es 1934 von Robert Wanner und Just Scheu als eigene Schöpfung bei einem Musikverlag eingereicht wurde.
Neben all diesen Ungereimtheiten existieren auch noch zwei bzw. gar drei Madagaskar-Lieder: Das erste und wohl ursprüngliche Lied ohne die Erweiterung „Wenn das Schifferklavier an Bord ertönt…“ Daneben das Lied, welches unter den Titel erschien: „Wenn das Schifferklavier an Bord ertönt“ oder „Immer wieder treibt es uns vom Strande“. Und schließlich gibt es noch die letzte und heutige Liedversion, die eine Vermengung der beiden darstellt.
Das Madagaskar-Lied verbreitete sich wohl mündlich nach und nach bereits vor dem 1. Weltkrieg und zählte ab den frühen 1930er Jahren bis etwa zum Ende des Jahrhunderts zu den bekanntesten Liedern in Deutschland. Es fand auch internationale Resonanz und wurde in vielen Sprachen gesungen und auf Tonträger eingespielt. Dieses Lied erwies sich als erstaunlich robust. Es überlebte unbeschadet die Brüche deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert wie das Kaiserreich und den 1. und 2. Weltkrieg. Das Lied entging jeglicher Entnazifizierung und wurde in der neuen Bundesrepublik noch lange gesungen.
Die beispiellose Karriere des Lieds beruhte auch darauf, dass das kollektive Unterbewusstsein angesprochen wurde wie Sehnsucht nach Ferne, nach Abenteuern und Freiheit, fern jeglicher Alltagsmonotonie. Dieses Lied umgab einen fast mystischen Zauber. Es blieb geheimnisumwittert, gerade weil vieles nur angedeutet und im Vagen belassen wird.
Das Lied besticht durch eine deckungsgleiche Übereinstimmung von Melodie- und Sprachrhythmus, insbesondere in den prägnanten ersten vier Verszeilen. Einmal oder zweimal gehört, haftet es für immer im Gedächtnis
Schließlich ließ es sich nachweisen, dass weite Teile des Lieds auf wahren Ereignissen vor Madagaskar beruhen. Berichte darüber haben dann ihren weiten Weg nach Deutschland gefunden.
Um all dies zu erhellen, galt es vielen Aspekten nachzugehen, Fakten auszugraben und Ereignisse und Vorgänge zu analysieren sowie Plausibilitäten abzuwägen und mit Ideen zu jonglieren. Letztendlich ließen sich die Puzzleteile wie in einem Indizienbeweis schlüssig zusammen fügen.

Madagaskar-Lied
Dreistrophige Fassung:
1) Wir lagen vor Madagaskar
und hatten die Pest an Bord.
In den Kesseln, da faulte das Wasser,
und täglich ging einer über Bord.
Ahoi! (Ahoi!) Kameraden! (Kameraden!)
Ahoi, (Ahoi,) Ahoi, (Ahoi.)
Leb wohl, (leb wohl,) kleines Mädchen, (kleines Mädchen,)
Leb wohl, leb wohl, leb wohl.
(jeweils Gegenstimme in Klammer gesetzt)
2) Wir lagen schon vierzehn Tage,
kein Wind in die Segel uns pfiff.
Der Durst war die größte Plage,
dann liefen wir auf ein Riff.
Ahoi! (Ahoi!) Kameraden! (Kameraden!)
…
3) Der Langhein, der war der erste,
er soff von dem faulen Nass.
Die Pest, die gab ihm das Letzte,
und wir ihm ein Seemannsgrab.
Ahoi! (Ahoi!) Kameraden! (Kameraden!)
Erweiterte Fassung:
4) Und endlich nach 30 Tagen,
da kam ein Schiff in Sicht.
Jedoch es fuhr vorüber
und sah uns Tote nicht.
Ahoi! (Ahoi!) Kameraden! (Kameraden!)
…
5) Kameraden, wann sehen wir uns wieder,
Kameraden, wann kehren wir zurück?
Und setzen zum Trunke uns nieder.
Und genießen das ferne Glück.
Ahoi! (Ahoi!) Kameraden! (Kameraden!)
…