Martini

Ein Salzburger Krimi

Robert Ellmer


ISBN: 978-3-902975-55-3
2. Auflage 2020
© Verlagshaus Hernals, Wien 2010, www.verlagshaus-hernals.at

Die Handlung, Namen und Personen dieses Romans sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind reiner Zufall und keinesfalls beabsichtigt.

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Grafik: Grafikbüro Ebner
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Inhalt

Eine Bouteille Saint Tropez Rosé für Claudia

 

PROLOG


Martin Huber nimmt das Salzburger Tagblatt vom 11. 11. 1978 zur Hand und liest auf der Titelseite:

 

Salzburger Millionenbetrüger schlägt wieder zu! Europaweit gesuchter Erpresser nach dreistem Coup in Südfrankreich untergetaucht.

Sein drittes Opfer: Martin S., 34, erleichtert Ziegelwerke-Großaktionärin um 21 Millionen Schilling! Die Spur führt an die französische Riviera. Interpol jagt den meistgesuchten Verbrecher des Bundeslandes seit zwei Jahren - erfolglos! Martin S. ist der Polizei immer einen Schritt voraus. Was unternimmt die zuständige Kriminalabteilung der Gendarmerie? Ausführlicher Bericht im Blattinneren.

 

Huber blättert ein paar Mal um und liest weiter:

 

Martini in Salzburg: Lokale ausgebucht!

Am heutigen Martinstag können sich die heimischen Wirte auf hohe Umsätze freuen. Sepp Meißnitzer, Sprecher der Salzburger Gastronomie und Pächter der Blauen Gans, hat einen deutlichen Anstieg der Reservierungen bestätigt. Immer mehr Salzburger lassen sich das traditionelle Martini-Gans-Essen nicht entgehen.

 

Martin Huber legt das Salzburger Tagblatt zur Seite, nimmt den Nice-Matin und schaut seiner Frau nach, die ihm gerade eine Tasse Kaffee gebracht hat, wie sie in modischen Hausschuhen mit hohen Absätzen und im seidenen Morgenanzug Richtung Badezimmer schreitet. Napoléon schaut sie mit angelegten Ohren misstrauisch an, wie sie sich einmal kurz umdreht.

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HOTEL IMPERIAL, WIEN

Zwei Tage vor dem Martinstag des Jahres 1978 bestellt Helene von Thun einen trockenen Martini mit Eis. Mit einer eleganten Bewegung serviert ihn der Barkeeper des Imperial. Helene schaut auf ihre diamantbesetzte Armbanduhr und zündet sich eine lange, schlanke Zigarette an. Sie ist zu früh dran. Wie immer. Sie hasst es, bei Verabredungen die Letzte zu sein. Sie nippt an ihrem Martini und ahnt nicht, dass sie an diesem Abend noch ein paar härtere Drinks bestellen wird. Sie ist in bester Laune. Sie wischt etwas Zigarettenasche von ihrem schwarzen Kleid. Giorgio Armani ist jetzt ihr Lieblingsschneider. Sie war nie eine Schönheit. Für ihr Alter sieht sie erstaunlich gut aus. Sie ist sportlich. Sehr sportlich. Sie ist eine exzellente Tennisspielerin und Skifahrerin. Sie reitet viel und schwimmt fast täglich vor dem Frühstück zehn bis zwanzig Runden in ihrem Pool. Helene von Thun ist reich. Sehr reich. Ihr Vater, Helmut von Thun, hat die Österreichischen Ziegelwerke gegründet. Helene gehören heute 51 Prozent. Sie gilt als eine der reichsten Frauen Österreichs. Sie versteht es, sich von der Öffentlichkeit abzuschirmen. Die Öffentlichkeit interessiert sie nicht. In den Klatschspalten scheint sie nicht auf. Frau von Thun mischt sich in Firmenbelange nicht ein. Mit den Ziegelwerken verbindet sie nur die Dividende. Sie gibt keine Interviews. Sie weiß, dass sie in zehn Jahren eine alte Frau sein wird. Sie hat nur noch ein Ziel. Sie will diese Jahre genießen. Beim Sport, mit ihren wenigen Freunden, an schönen Orten, mit Mark. Helene weiß, dass sich der unverschämt gut aussehende, viel jüngere Mann nicht für sie interessieren würde, wenn sie Kellnerin wäre. Oder Lehrerin. Oder Buchhalterin. Aber er hört ihr zu. Er verbringt Zeit mir ihrer Familie oder dem Rest, der noch da ist. Mit ihrer schwierigen Tochter. Die studiert in Innsbruck. Mit ihrem schrulligen Bruder. Der lebt als Einsiedler in den Tiroler Bergen. Mark tanzt mit ihr. Und Mark macht ihr Komplimente. Ständig. Und er begehrt sie. Sagt er. Und hat es in vielen langen Nächten in Wien, Innsbruck, Lech und vor allem in Juan-les-Pins auch bewiesen. Am Cap d'Antibes haben sie sich kennengelernt. Helene von Thun geht es gut. Sie nippt an ihrem Martini und schaut auf die diamantbesetzte Armbanduhr. Mark kommt zu spät. Sie hasst es, wenn sie bei Verabredungen sitzen gelassen wird.

 

Sitzen gelassen hat sie ihren Mann. Ein fescher Bursche war er, der junge Ingenieur aus dem Werk, wie sie ihn vor vielen Jahren an einem Sommerabend vor der Villa ihres Vaters kennengelernt hat. Der hat den jungen Mann zu einem Gartenfest mitgenommen. Helmut von Thun hat große Pläne mit seinem ehrgeizigen Mitarbeiter gehabt. Rasch hat der im Werk Helenes Bruder ersetzt, der mit Geschäften nichts mehr zu tun haben wollte. Der hübsche Ingenieur war bald in den Ziegelwerken im Vorstand und mit Helene von Thun auf dem Standesamt. Die Geschäfte haben sich ausgeweitet - der alte Thun hat immer mehr ausländische Zement- und Ziegelfabriken aufgekauft. In Deutschland, Belgien und Frankreich. Vor allem in Frankreich. Geld hat er ja genug gehabt. Nach dem Krieg hat von Thun ein riesiges Vermögen angehäuft. Beim Wiederaufbau war für die Ziegelbranche Hochkonjunktur.

„Der Thun macht's mit Ton“, hat man damals gesagt. Die Familie ist größer geworden - Helene hat eine Tochter bekommen. Die Jahre sind vergangen. Ihr immer noch gut aussehender Ehegatte hat bei der Repräsentation des Unternehmens nach außen großen Erfolg gehabt. Auch seine Kontakte im Werk sind teilweise hervorragend gewesen. Seine Sekretärin war eine Schönheit. Auch ungeschminkt, hat sich Helmut von Thun gedacht, wie er sie eines Morgens mit seinem Schwiegersohn im Jagdhaus der Familie angetroffen hat, nachdem er einen Tag früher als geplant von einer Geschäftsreise zurückgekommen ist. Die Scheidung hat Helenes Tochter nie ganz verwunden.

 

Helene schaut auf ihre diamantbesetzte Armbanduhr. Unfall, oder ...

 

Sie wollten sich hier treffen, eine Kleinigkeit essen und dann die paar Minuten bis zur Oper zu Fuß gehen. Jetzt wird ihr ziemlich warm, dann rasch kalt. Ein ungutes Gefühl im Magen. Und in den Beinen. Die Hände sind jetzt ganz kalt. Sie bestellt einen doppelten Brandy. Nie hätte sie geglaubt, dass ihr so etwas passieren könnte. Sie denkt über die vergangenen Monate nach. Über die abenteuerlichen Geschichten von Mark. Noch einmal schaut sie auf die Uhr. 21 Millionen Schilling! Aber was viel schlimmer ist - Helene weiß, dass ihr in diesem Moment eine der größten Enttäuschungen ihres Lebens bewusst geworden ist.

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GENDARMERIE-KRIMINALABTEILUNG II, SALZBURG

Einen Tag vor dem Martinstag des Jahres 1978 sitzt Martin Huber in seinem Büro im ersten Stock des Salzburger Landesgendarmeriekommandos und telefoniert. In der rechten Hand hält er seine braune Bulldog-Pfeife von Kemperling, ein Geburtstagsgeschenk seiner Frau, frisch gestopft, wie immer mit dunklem Tabak aus Frankreich. Caporal. In der Linken den grauen Telefonhörer, ein Eigentum der Republik Österreich, wie immer mit einem völlig verdrehten Kabel mit dem Telefonapparat verbunden.

Um 16 Uhr 30 ahnt Hauptmann Huber nicht, dass sich in der nächsten Viertelstunde sein Leben verändern wird. Um 16 Uhr 32 verspricht er seiner Frau am Telefon, den Abend des Martinstages mit ihr wie immer im Gmachlhof beim Gansl-Essen zu verbringen und trägt ihr auf, vier Plätze für sie beide, ihren Sohn und ihren Nachbarn zu reservieren. Um 16 Uhr 36 tickert über den Fernschreiber die Meldung von Interpol über den begründeten Verdacht, dass sich der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Martin Sutter, Österreicher, 34 Jahre, derzeit in der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur, möglicherweise im Departement Alpes-Maritimes aufhält. Die Assistentin bringt das Fernschreiben sofort zu Huber. Gegen 16 Uhr 45 weiß Hauptmann Huber, dass dies ab jetzt sein Fall ist. Er nimmt die Streichholzschachtel und zündet seine Kemperling-Pfeife an. Der Rauch steigt in die beiden Leuchten über dem Schreibtisch. Huber denkt über das unvermeidliche Gespräch mit seinem Oberst am nächsten Vormittag und das unvermeidliche Gespräch mit seiner Frau im Laufe des nächsten Nachmittags nach. Und über seine Französischlehrerin - Gabrielle Leclerc. Welch ein Name! Welch eine Frau! Ein Lyzeum in Salzburg, am Land. Mitte der Fünfziger Jahre, Klasse 8b. Martin Huber war klein, dick, hyperaktiv und sprachlich hochbegabt. Mademoiselle Leclerc war groß, schlank, elegant und sehr angetan von Hochbegabten. Gabrielle Leclerc hat nie einen Büstenhalter getragen. Martin hat das nie vergessen. Nie vergessen hat er auch jedes einzelne der sechs Semester Französisch, die er wegen dem nichtvorhandenen BH von Mademoiselle Leclerc inskribiert war. Und die lange Reise nach Frankreich - nach Abbruch des Studiums.

Huber stopft seine Bulldog mit dem Pfeifenstopfer nach und denkt über den Martinstag nach. Zinstag wird er auch genannt. Werden jetzt die Zinsen fällig, für die Frankreichreise damals? Wann ist Zahltag für Martin Sutter?

Vom Zahlen hat Hubers Vater nichts mehr wissen wollen, nachdem Martin sich fast ein Jahr in Südfrankreich herumgetrieben hat. Wie er dann heimgekommen ist, hat ihm sein Vater gesagt, dass er ihm jegliche finanzielle Unterstützung entzieht. „Einen verbummelten Studenten unterstütze ich nicht“, hat er gesagt und mit der Faust auf den Tisch geschlagen. „Such dir eine Stelle, aber sei nicht wählerisch. Arbeit schändet nicht.“

Für Schande hat der Vater dann selbst gesorgt, weil ihn ein Arbeitskollege bei einem Wochenendausflug mit der Tochter des Chefs gesehen hat. Zwischen den Büschen am Ufer eines Gebirgssees. Am Tag der Aufnahmeprüfung bei der Gendarmerie hat Martin erfahren, dass die junge, anspruchsvolle Freundin seines Vaters der Grund für die innerfamiliären Sparmaßnahmen war.

 

Muss mir das heute alles wieder einfallen, denkt sich Huber und bläst ein paar blaue Ringe in die weißen Leuchten über dem grauen Schreibtisch.

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CAFÉ DES ANGES, NICE

Einen Tag vor dem Martinstag des Jahres 1978 sitzt Martin Sutter in einem Café an der Promenade des Anglais. Bei einem Pernod blättert er in seinem Notizbuch. Er fühlt sich gut. Und sicher. Sein Appartement in Monaco wird er erst betreten, wenn er sein Aussehen wieder einmal verändert und seine Papiere wieder einmal getauscht hat. Die Nacht hat er im Negresco verbracht, nachdem er am Abend zuvor noch kurz in Juan-les-Pins war, um den Schmuck zu holen. „Man sollte nichts liegen lassen, was einem zusteht“, hat seine Großmutter in Zell am See, bei der er aufgewachsen ist, immer gesagt. Und er hat es sich verdient. Denkt er sich beim zweiten Pernod, wie er sich eine Gitane ohne Filter anzündet. Die Vierte heute. Er zählt seine Zigaretten immer mit. Helene hat ihm oft gesagt, dass ihn diese Filterlosen noch umbringen würden. Nicht umsonst hat er so lange Zeit wegen der verwöhnten Multimillionärin auf viel verzichtet und sich immer wieder ihre extremen Launen, ihre gestörte Tochter und ihren verrückten Bruder angetan.

Martin Sutter weiß nicht, dass sich seine Großmutter geirrt hat. Auf den Schmuck hätte er verzichten sollen. Juan-les-Pins gestern war ein Fehler. Er weiß auch nicht, dass Helene von Thun einen Nachbarn ihres exklusiven Feriendomizils zu ihren wenigen wirklich guten Freunden zählt. Dazu hat er sie nicht lange genug gekannt. Helene hat ihren Nachbarn in Juan-les-Pins, einen deutschen Schriftsteller, noch gestern angerufen und ihn gebeten, sich bei ihr zu melden, falls er Mark sehen sollte. Streng vertraulich. Gekannt haben sie sich ja, der Deutsche und der Österreicher. Sutter weiß nicht, dass der Schriftsteller am Abend gerne vor seinem Haus sitzt, ohne Licht zu machen. Er sieht dabei zum Meer hinab und denkt nach. Manchmal raucht er dabei. Gestern hat er zuerst den Mond betrachtet, dann hat er seine Katze gesehen, wie sie mit aufgestelltem Schwanz über die Steinmauer neben dem Haus balanciert ist. Dann hat er Mark gesehen. Wie der mit einer Umhängetasche zu einem hellen Peugeot 305 gegangen und weggefahren ist - nur zwei Stunden nach dem Anruf von Helene von Thun. Dann ist er ins Haus gegangen und hat die Nummer von Helene gewählt. Frau von Thun hat nach einer Nachdenkpause die Polizei angerufen. Daheim in Wien. Am späten Abend. Eigentlich mitten in der Nacht. Die Sache ist natürlich erst am nächsten Tag in Bewegung geraten. Ungefähr zu der Zeit, während der Martin Sutter an der Promenade des Anglais seinen zweiten Pernod getrunken hat.

Bald war dann klar, dass Martin Sutter alias Mark Spann in Juan-les-Pins den Schmuck von Helene von Thun gestohlen hat. Als Draufgabe. Helene von Thun war nicht sein erstes, aber sein prominentestes Opfer.

Sutter nippt noch immer an seinem Pernod und denkt über sein dichtes Nachmittagsprogramm nach. Den Schmuck an den Hehler übergeben. Zur Bank gehen. Das Aussehen verändern. Das Appartement beziehen. Die Papiere. Nachdenken. Rechnen. Überlegen. Sich zur Ruhe setzen? Den ganz großen Coup planen? Kleinvieh macht auch Mist! Martin Sutter ist in Hochform. Aufhören, wenn man den meisten Erfolg hat? Es gibt so viele einsame, reiche Frauen, denkt er sich. Er fühlt sich einfach zu gut, um aufzuhören. Martin Sutter hat ein sehr gutes Auftreten, wie man so sagt. Er hat Charme und Ausstrahlung. Er kann sehr überzeugend sein. Er lügt, wie er es gerade braucht. Da ist er sehr erfinderisch. Die Menschen wollen belogen werden, ist seine Devise. Besonders die Frauen. Mitleid mit seinen Opfern hat er nie. Er bereut nichts. Martin Sutter sieht sehr gut aus. Das weiß er. „Du siehst aus wie Alain Delon“, hat einmal jemand gesagt. Nur hat er längeres, gewelltes, pechschwarzes Haar. Heute noch. Wenn er seine Wohnung betritt, wird er helleres, kurzes Haar tragen. Das Appartement in Monaco hat er natürlich auf seinen Firmennamen gemietet. Auch die Flugtickets von Nizza weg, gebucht auf den Namen seines Unternehmens, der NT-Consulting, Wien, Monaco. So heißt das zumindest derzeit. Er ist ja kein Trottel. Und das Konto bei der Bank in Monte Carlo - Firmenkonto, versteht sich. Firmenkreditkarte. Ein Vermögen bezahlt er dem Mann, der ihm die gefälschten Dokumente in Genua besorgt. Seine Initialen M.S. verwendet er praktisch nur den Damen gegenüber. Eine Art Rest von eigener Identität. Um sich nicht ganz zu verlieren, gänzlich aufzugeben, als Martin Sutter. Ja, da ist er ein bisschen sentimental, gibt er sich selbst zu und nimmt einen Schluck Pernod. Die fünfte Gitane. Und immer, wenn er die Dame verlässt, dann wechselt er wieder seine Identität. Das dauert meistens ein paar Tage. Aus organisatorischer Notwendigkeit, könnte man sagen. Oder weil er im Zusammenhang noch etwas Außertourliches zu erledigen hat. Wie letzthin in Juan-lesPins. Da ist natürlich ein Restrisiko dabei. Aber erstens braucht er das, so ein bisschen diese langsame Wandlung. Und zweitens hat so ein kleines Risiko auch seinen Reiz. Sein Beruf ist ja im Allgemeinen ziemlich risikoarm. Da ist oft ein durchschnittlicher Beamter viel mehr Gefahren ausgesetzt. Die entsetzliche Langeweile, tagaus, tagein. Die fehlende Sinnhaftigkeit. Der cholerische Vorgesetzte. Die erbosten Parteien. Der marode Staatshaushalt. Die Misswirtschaft der übergeordneten Stellen. Die Einflussnahme der Politiker. Die Bestechungsgelder. Das tägliche Fest im Kollegenkreis, vormittags um halb zehn. Geburtstag, Vaterschaft, Pensionierung, Beförderung, Heirat, Scheidung, Erbschaft. Einer hat immer einen Grund zum Feiern. Der wöchentliche Stammtisch, mit zwei Promille am Steuer, nachher. Die Frau dann, daheim. Oder ist dieses Eingehen des Restrisikos schon die Todessehnsucht, im Kleinen? Das Bedürfnis nach Ruhe und Frieden? Er hat zuviel Pernod getrunken. Um diese Zeit! Nimmt jetzt den letzten Schluck. Während er den Pernod austrinkt, fällt ihm seine Schulzeit ein. Schon damals hat er ein Gespür dafür gehabt, was in einem Menschen vorgeht, wenn er sich mit jemandem unterhalten hat. Oft hat genügt, dass er einem Menschen in die Augen geschaut hat. Später, in seiner Zeit als Barkeeper, da hat er diese Fähigkeit nach und nach perfektioniert. Er stellt das leere Glas auf die heutige Ausgabe des Nice-Matin. Er kann nicht wissen, dass er sein Bild am nächsten Tag in dieser Zeitung sehen wird. Ein älteres Foto zwar, aber immerhin. Er wird dann froh sein, dass er schon jetzt beschlossen hat, sein Aussehen noch heute merklich zu verändern.