Die Heilerin

Worte können Engel sein

Peter Allmend


ISBN: 978-3-96861-013-9
1. Auflage 2020
© Aquamarin Verlag GmbH, Voglherd 1, 85567 Grafing, www.aquamarin-verlag.de

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Inhalt

Wie es begann

Ich war vierzehn oder fünfzehn Jahre alt und schleppte seit Wochen eine schwere Bronchitis mit mir herum. Eines Tages war es meine Mutter leid: »Am Nachmittag gehen wir zu Delia. Sie ist eine Heilerin und wird dir helfen!«

Ich hatte den Namen zwar noch nie gehört, war allerdings irgendwie beeindruckt, dass meine Mutter eine »Heilerin« kannte. Für mich klang das damals ungefähr so wie »Zauberin«. Jemand, der irgendwie Wunder vollbringen konnte.

Später erfuhr ich dann, dass meine Mutter und Delia im selben Dorf in der Nähe von Interlaken zur Welt gekommen und jahrelang enge Freundinnen gewesen waren. Erst durch ihre Heiraten hatten sie sich etwas aus den Augen verloren, ehe sie das Schicksal in Zürich wieder zusammenführte.

Die Zürcher Innenstadt war auch vor einigen Jahrzehnten schon ein vielbesuchter Platz; und in den Straßen schienen Menschen aus aller Herren Länder emsig damit beschäftigt zu sein, Uhren, Schmuck oder sonstige teure Gegenstände zu erwerben.

Wenn man aber abbog in eine der kleinen Seitengassen der Altstadt, empfing einen fast umgehend eine gewisse Ruhe. Das Leben verlief hier beschaulicher.

Wir gingen die Widdergasse hinauf, bogen dann nach links ab und standen kurz darauf vor einem kleinen, uralten Häuschen. Ich erinnere mich noch heute, wie beeindruckt ich von der Jahreszahl war, die auf einem Holzbalken über der Tür eingeprägt war – 1493. Das Haus war fast fünfhundert Jahre alt.

Die Tür besaß zwei kleine Fenster mit gehäkelten Vorhängen, und auf der rechten Seite befand sich ein weißer Klingelknopf mit einem Schild daneben, auf dem nur »Delia« stand – kein Nachname. Ich glaube, ich habe erst viele Jahre später einmal nach ihrem Nachnamen gefragt. Delia war einfach Delia.

Ich muss noch heute lächeln, wenn ich daran denke, dass ich im ersten Augenblick enttäuscht war – so hatte ich mir damals eine »Zauberin« nicht vorgestellt. Sie sah irgendwie ganz ›normal‹ aus. Fast wie meine Mutter. Wie konnte das sein?

Immerhin stieg meine Bewunderung, als ich das erste Mal eine Heilbehandlung von ihr erhielt. Sie ließ mich seitlich auf einen Stuhl setzen, so dass ihre Hände sowohl meine Brust als auch meinen Rücken berühren konnten. Und dann hatte ich das Gefühl, als würden ganz viele bunte Schmetterlinge auf mir herumflattern. Ich meinte, geradezu den Windhauch zu spüren, den das Schlagen ihrer Flügel verursachte. Wenn der Stuhl plötzlich mit mir nach oben geflogen wäre – es hätte mich nicht überrascht.

Irgendwann flogen die Schmetterlinge dann wieder davon.

Ich spürte noch eine liebevolle Hand auf meinem Kopf, und eine Stimme sagte wie aus weiter Ferne: »Morgen bist du wieder ganz gesund!«

Das war jetzt doch die Zauberin! Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass es genauso kommen würde – und so kam es dann auch. Mein schlimmer Husten und die Schmerzen in der Brust verschwanden über Nacht.

So verlief meine erste Begegnung mit einer Heilerin. Von diesem Moment an habe ich nie mehr daran gezweifelt, dass es »Wunderheilungen« gibt; denn für mich kam das Ganze damals einem Wunder gleich. Erst später lernte ich das Wort »Geistheilung« kennen und entdeckte so einen einzigartigen Bereich des menschlichen Lebens, der mich bis heute mit immer neuen, bewegenden Einsichten beschenkt.

Es klingt bis zu dem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, noch immer nach, als wären die Worte gestern gesprochen worden – das Versprechen Delias, am nächsten Tag wieder gesund zu sein. Ich wusste damals, dass es die Wahrheit war. Als Delia mir dann später einmal erklärte, dass »Worte Engel der Heilung sein können«, musste ich sofort an meine erste Begegnung mit ihr denken – und lächeln.

Die Stimme des Herzens

Es vergingen etliche Jahre, bis ich Delia wiedersah. Ich hatte inzwischen mein Jura-Studium abgeschlossen und war zwei Jahre im Ausland gewesen, um andere Länder kennenzulernen sowie internationale Erfahrungen zu sammeln. Seit Kurzem war ich wieder zurück in Zürich, weil ich ein interessantes, sehr gut dotiertes Angebot einer großen Wirtschaftskanzlei erhalten hatte, die auf weltweite Steuersparmodelle spezialisiert war. Eigentlich war das wie ein Lottogewinn für einen jungen Anwalt – doch irgendetwas ließ mich zögern. Es war, als ob eine innere Stimme mich abzuhalten schien, dieses verlockende Angebot anzunehmen.

Ich wäre in dieser Situation gar nicht auf die Idee gekommen, Delia um Rat zu fragen, schließlich war ich ja nicht krank. Doch es war wieder meine Mutter, die mir riet, erneut einen Besuch in der Zürcher Altstadt zu machen.

So stand ich also vor dem alten Häuschen und drückte den weißen Klingelknopf, ohne so recht zu wissen, wie dieses Treffen wohl verlaufen würde.

»Peter, wie schön, dich einmal wiederzusehen!«

Es war wie eine warmherzige Begrüßung unter guten alten Freunden. Ich fühlte mich sofort angenommen und empfand eine gewisse Geborgenheit – äußerlich, aber vor allem auf einer inneren Ebene. Ohne in der Lage gewesen zu sein, dieses Gefühl irgendwie erklären zu können.

Ich suchte noch nach den richtigen Worten, um Delia meinen inneren Konflikt zu beschreiben, als sie meine Hände ergriff und sagte: »An einer Weggabelung musst du immer der Stimme deines Herzens folgen!«

Woher wusste sie, um was es bei meinem Besuch ging?

»Ich kann es sehen, Peter. Ich kann in deiner Seele lesen wie in einem Buch.«

An diesem Tag erhielt ich gleichsam meine Einführung in das spirituelle Weltbild. Es hatte in unserer Familie, zumeist ausgehend von meiner Mutter, immer wieder einmal Gespräche über Geistheilung, über das Leben nach dem Tod oder die Frage, ob wir öfter als einmal leben, gegeben; aber das hatte mich eigentlich nur am Rande interessiert. Während meines Studiums waren diese Themen dann ganz in den Hintergrund getreten.

Von diesem Tag an sollte sich das ändern.

Delia sprach mit mir über Dinge, an die ich bis dahin keinen Gedanken verschwendet hatte. Als wir auf meine Berufswahl zu sprechen kamen, erwähnte sie zum Beispiel den Begriff »Lebensplan«. Dieses Wort hatte ich bis dahin noch nie gehört, außer vielleicht im Rahmen weltlicher organisatorischer Fragen, etwas was man im nächsten Monat plante. Doch darum ging es ihr nicht. Sie bezog sich auf ein geistiges Geschehen. Sie bezog sich darauf, was ich mir für dieses Erdenleben in Wahrheit vorgenommen hatte.

Ich muss doch sehr erstaunt geschaut haben, denn Delia konnte nur schwer ein Lachen unterdrücken.

»Das klingt nur im ersten Moment neu für dich; denn bald werden dir solche Gedanken völlig vertraut sein.«

Das waren sie tatsächlich schon nach wenigen Augenblicken. Noch während ich ihr zuhörte, war es mir, als öffneten sich Tore in eine Innenwelt, die nur angelehnt gewesen waren. Dahinter lagen Erinnerungen, die mir seltsam vertraut vorkamen.

Ich blieb damals mehrere Stunden in dem kleinen alten Häuschen; doch sie vergingen wie im Fluge. Diesmal legte Delia mir nicht ihre Hände auf, und auch die Schmetterlinge flogen nicht – doch es war sicher die tiefste Heilung, die ich durch sie in meinem Leben erfahren durfte. Es war eine Heilung der Seele!

Nach unserem Gespräch war das Angebot der Wirtschaftskanzlei keine Option mehr für mich. Ich hatte gelernt, dass ich mein Leben in den Dienst am Menschen stellen musste. Die Gier einiger Weniger zu befriedigen, um ihren ohnehin schon großen Reichtum noch zu vermehren, konnte keine Aufgabe sein, die mich innerlich erfüllen würde. Es ging um etwas ganz anderes – es ging um Werte.

Erst viele Jahre später, in denen sich ein wunderbares Band der Seelen zwischen Delia und mir geknüpft hatte, begriff ich, wie weitsichtig ihre damaligen Aussagen gewesen waren. Sie schaute weit über das Schicksal des Einzelnen hinaus – und sah das Ganze.

Delia lehnte es ab, Prophezeiungen über die bevorstehenden Entwicklungen zu machen, aber sie warnte immer wieder, auch bei den Behandlungen, an denen sie mich später teilhaben ließ, vor der menschlichen Gier. Darin erinnerte sie mich manchmal an eine alttestamentliche Prophetin, die mahnte, man könne nicht Gott und dem Mammon dienen. Wie recht sie behalten sollte – und wie sehr mag das Kommende sie noch bestätigen.

Nach diesem Besuch begann ich, die Worte von Delia aufzuschreiben und das bei ihr Erlebte zu dokumentieren. Aus gelegentlichen Bemerkungen von ihr entnahm ich, dass sie dies wusste – und dass es ihren Segen fand.