Geist, Kosmos und Physik

Gedanken über die Einheit des Lebens

Hans-Peter Dürr


ISBN: 978-3-86191-130-2
1. Auflage 2020
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Inhalt

Einführung


Die Naturwissenschaften haben uns umfassende und tiefe Einblicke in die Struktur und die Dynamik unserer Welt erlaubt, aber durch den von ihnen ausgelösten triumphalen Siegeszug der Technik uns auch eine globale Existenzkrise beschert, der wir heute ziemlich hilflos gegenüberstehen. Diese Existenzkrise kam nicht aus heiterem Himmel.

Die eindrucksvolle, erfolgreiche Entwicklung der Physik, welche die vielfältige materielle Grundstruktur offenlegte und die für die zeitliche Entwicklung streng gültigen Naturgesetze entdeckte, ließ hoffen, dass letztlich durch weitere Forschung das, was bisher nur Glaube war, in solides Wissen verwandelt werden könne. Mit diesem Wissen bestünden dann vielfältige Möglichkeiten, durch geeignetes Handeln die Zukunft des Menschen nicht nur zu sichern, sondern sie optimal zu seinen Gunsten zu gestalten.

Anfang des letzten Jahrhunderts stieß die Physik jedoch auf ganz neue Phänomene, die mit der bisher so erfolgreichen und, aufgrund ihrer strukturellen Konsistenz, als streng gültig betrachteten klassischen Physik nicht mehr erklärt werden konnten. Es war dann die fortschreitende Forschung im Mikrokosmos, wo man in den Atomen endlich die letzten, nicht mehr weiter teilbaren Bausteine der Materie glaubte entdeckt zu haben, die zur großen Überraschung der Physiker zu dem paradoxen Ergebnis kam, dass es kleinste materielle Bausteine im gewohnten Sinne gar nicht gibt. Die Auflösung dieser Paradoxie führte zu einer radikal anderen Weltsicht. Aus „greifbaren Dingen“, Teilchen, wurden „nicht-greifbare Prozesse“, Passierchen. Die bisherige Vorstellung der Welt als „Realität“ (lat. res =Ding) musste anders und wesentlich erweitert als eine Art „Wirklichkeit“ gedeutet werden, als eine nicht-auftrennbare, immaterielle, lebendig wirkende Potenzialität im ständigen Wandel.

Die neue Weltsicht hat tiefgreifende Konsequenzen. Von besonderer Bedeutung ist, dass sie einen Brückenschlag ermöglicht zwischen den Naturwissenschaften und den Religionen auf eine Weise, in der die Naturwissenschaften die eindeutige gesetzliche Determiniertheit und damit ihre Fähigkeiten zu exakten Prognosen verlieren und damit der Situation der Religionen näherkommen. Von diesem neuen Standpunkt aus befinden wir uns heute in einer schizophrenen Situation, wenn wir glauben, mit der alten Denkweise des 19. Jahrhunderts und der aus dem neuen Denken entwickelten Technologie des 20. Jahrhunderts den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts erfolgreich begegnen zu können.

Das vorliegende Buch möchte auf die enge Verbindung zwischen den neuen Erkenntnissen der Physik und den tradierten religiösen Weisheiten aufmerksam machen. Es versucht zu verdeutlichen, dass die großen sichtbaren Gegensätze zwischen den Naturwissenschaften und Religionen einerseits sowie zwischen den verschiedenen Kulturen und Konfessionen andererseits deutlich entschärft werden können, wenn wir feststellen, dass alle im Kern viel ähnlicher sind, als dies nach außen erscheint. Die scheinbare Unverträglichkeit entsteht mehr durch eine unterschiedliche Deutung des Nichtgreifbaren, die sich an unterschiedlichen Gleichnissen und Metaphern orientiert.

Das Buch ist teilweise aus einem mehrstündigen Interview entstanden, das Birgit Stratmann vom Tibetischen Zentrum, als Redakteurin von Tibet und Buddhismus, mit mir im November 2008 im Hamburger Literaturhaus-Cafe geführt hat. Angeregt wurde dieser Gedankenaustausch durch Lelani Dias (Ethik im Alltag), der Veranstalterin des 2. Internationalen Kongresses Gebet 2007 an der Universität Hamburg. Es war Birgit Stratmann, welche die mühsame Arbeit übernahm, aus meinen langen Antworten auf ihre kurzen Fragen einen ersten Text zu formulieren, wofür ich mich ganz herzlich bei ihr bedanken möchte. Ich möchte mich auch bei Peter Michel bedanken, dass er seitens des Crotona Verlages die Idee eines Buches dieser Art so enthusiastisch aufgenommen und unterstützt hat.

Angesichts der Vielfalt und Instabilität der augenblicklichen globalen Krisen halte ich es für wichtig, ja für dringend notwendig, dass sich die vielen Kulturen und Religionen ihrer gemeinsamen Werte bewusst werden. Dies verlangt, dass sie sich wechselseitig nicht nur tolerieren, sondern aufgrund ihrer tief verankerten Gemeinsamkeiten auch ehrlich respektieren. Entsprechend dem Paradigma des Lebendigen sollte eine kooperative Integration auf einer höheren Ebene angestrebt werden, welche die Unterschiedlichkeit achtet und sie positiv zusammenführt, so dass das Ganze mehr wird als die Summe seiner Teile. Dieser Prozess hat schon vor einiger Zeit begonnen. Die ersten beiden Artikel in diesem Buch sind, als Beiträge zu Tagungen, Beispiele dafür. Weitere Kontakte von dieser Art, wie z.B. nach Japan, China oder Indien, sind im Gange und versuchen einen fruchtbaren gemeinsamen Boden vorzubereiten, der schon für alle da ist und nur noch wahrgenommen werden muss.

 

Hans-Peter Dürr

München, 25. Januar 2010