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© 2020 Piper Verlag GmbH, München
Redaktion: Michaela Retetzki
Covergestaltung: Alexa Kim »A&K Buchcover«
Covermotiv: uhg1234@depositphotos.com
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Für Lemmi
Der alte Kapitän schlurfte schwerfällig vom Hauptbahnhof durch den Feierabendtrubel in Richtung Alster. Vor dem Ohnsorg-Theater blieb er einen Moment stehen und blickte gedankenverloren die beleuchtete Fassade hinauf. Er erinnerte sich an die vielen Fernsehaufführungen, die ihn an Bord, auf Videokassetten gespeichert, durch die ganze Welt begleitet hatten. Ob Rotterdam, Hongkong, Schanghai oder Valparaíso, egal wohin ihn seine Reisen führten, Heidi Kabel und das gesamte Theaterensemble hatten ihn für einen Moment in seine Stadt entführt. Dorthin, wo seine Familie auf seine Rückkehr gewartet hatte.
Bedrückt ließ er den Kopf sinken. Das war lange her. Eine Ewigkeit. Genau wie jener sonnige Tag im April, der sich heute zum dreißigsten Mal jährte und um den seine Gedanken kreisten, seit er heute Morgen aufgewacht war. Ein Tag, der sein ganzes Leben verändert und ihn letzten Endes hierhergebracht hatte. Auf die Straße.
Am späten Nachmittag hatte ihn damals jene schreckliche Nachricht erreicht. Mitten auf dem Atlantik. Über die Küstenfunkstelle Norddeich Radio, der einzigen Verbindung, die es damals zum Festland gab.
Es war keine lange Mitteilung. Trotzdem hatte er sie immer und immer wieder lesen müssen, bevor sie endlich in seinem Kopf angekommen war und er realisiert hatte, dass das Unmögliche nicht nur ein böser Albtraum war. Renate und Nina waren tot. Ertrunken. Bei einem Barkassenunglück im Hamburger Hafen. Welche Ironie. Er war zur See gefahren. Er hatte sich durch Stürme und haushohe Wellen gekämpft. Dennoch meinte das Schicksal, dass seine Familie bei einem Schiffsunglück ums Leben kommen sollte.
Der alte Kapitän legte feierlich die Hand auf seine linke Brust. Dort hatte er sich damals ein rotes Herz mit ihren Namen eintätowieren lassen. Es war das Einzige, was ihm geblieben war, alles andere hatte er über die Jahre verloren. In Hamburg hatte ihn danach nichts mehr gehalten. Er musste einfach weg. Weg aus der Stadt, in der die Wohnung lag, die ihn nur schmerzlich an seine Mädchen erinnerte. Immer wieder hatte er zur Tür gesehen und gewartet. Darauf, dass Renate und Nina nach Hause kamen. So als wären sie nur wie gewöhnlich zum Einkaufen oder auf den Spielplatz gegangen.
Jedes Schiffskommando, das man ihm anbot, hatte er angenommen, nur um nicht in den vier Wänden sein zu müssen, die einmal seine Heimat gewesen waren.
Auf See hatte ihn die Arbeit abgelenkt und in den Häfen waren es die ausgiebigen Landgänge mit reichlich Alkohol. Es hatte nicht lange gedauert, bis er die so herrlich betäubende Wirkung von Schnaps auch auf See gebraucht hatte. In einer herausgehobenen Stellung, wie die eines Kapitäns, blieb das nicht unbemerkt. Und so hatte er irgendwann keine Kommandos mehr bekommen. Das letzte Ersparte war schnell aufgebraucht, und sein Hab und Gut hatte sich auf das reduziert, was man in zwei Plastiktüten mit sich tragen konnte.
Ein heftiger Stoß gegen die Schulter holte ihn aus seinen Gedanken.
»Pass doch auf, du Penner.«
Der Kapitän erwiderte nichts, sah sich nicht einmal nach der Person um, die ihn angerempelt hatte. Bloß nicht auffallen. Zu schnell hatte man heutzutage eine Faust im Gesicht. Mit etwas Pech auch ein Messer im Bauch.
Mit hängendem Kopf schlurfte er weiter. An der Alster empfing ihn ein bitterkalter Westwind, der über das Wasser fegte. Mit leicht vorgebeugtem Oberkörper stemmte er sich ihm entgegen. Er spürte, wie die Kälte nach und nach jede Stelle seines Körpers erreichte. Die Griffe der schweren Plastiktüten schnitten in seine steifen Finger und zwangen ihn immer wieder zu kurzen Pausen, in denen er die Hände in den Taschen seines abgegriffenen Wollmantels aufwärmte. Endlich erreichte er die Kennedybrücke, ein beliebter Rückzugsort der Obdachlosen.
»Moin, Käpt’n.« Fiete lugte unter der speckigen Kapuze seines Parkas zu ihm herauf.
Der alte Kapitän erwiderte den Gruß, indem er mit dem Finger an den Schirm seines zerbeulten Elbseglers tippte, und blieb stehen. Er sah sich unter der Brücke um. Im Dämmerlicht der aufziehenden Nacht erkannte er drei weitere Gestalten, die zwischen alten Taschen und Plastiktüten, in denen sie wie er ihre wenigen Habseligkeiten aufbewahrten, auf auseinandergefalteten Pappkartons hockten, die etwas Schutz vor der erbarmungslosen Kälte des Betons boten. Udo und Bernie saßen dort mit angezogenen Beinen unter löchrigen grauen Wolldecken mit der Aufschrift BUND und blickten teilnahmslos vor sich hin. Sie waren um einige Jahre jünger als Fiete und er selbst. Der Käpt’n schätzte sie auf Anfang dreißig, auch wenn sie deutlich älter aussahen. Bernie trug eine Wollmütze, die sich an einigen Stellen bereits aufribbelte, und umklammerte eine Bierflasche, während Udo neben ihm mit einem verbogenen Löffel in einer Dose mit kalten Ravioli herumstocherte. Auf seinem Kopf saß ein blaues Basecap mit dem Logo des HSV, unter dem verfilzte Haare hervorquollen, die Dreadlocks ähnelten. Weiter hinten saß Biene, die sich mit dem Rücken gegen den Brückenpfeiler gelehnt hatte. Sie hatte sich fest in einen alten Mantel gemummelt und stierte durch den schmalen Schlitz, den ein zerbeulter Filzhut und ein ausgeleierter Schal ließen, auf die Alster.
»Ist ja ordentlich Betrieb hier«, sagte der Käpt’n zu Fiete, der sich daraufhin umständlich in seinem ausgeblichenen Schlafsack umdrehte und einen kurzen Blick über die Schulter warf.
»Kein Wunder bei dem Schietwetter. Da will jeder ein gutes Plätzchen ergattern. Du wirst dich wohl dahinten einreihen müssen, wo es nicht so geschützt ist.«
Der alte Kapitän nickte und schlich weiter.
»Wer ist das denn?«, fragte er Biene und nickte mit dem Kopf zu einer Gestalt, die in einem Mumienschlafsack neben ihr lag und die er vorher in der Dunkelheit nicht gesehen hatte.
»Keene Ahnung. Hat sich nich’ vorgestellt.«
Sie zog eine Schnapsflasche unter ihrem Mantel hervor, zog den Schal etwas herunter und nahm einen kräftigen Schluck. Ihre ganze Gestalt wirkte ausgemergelt, ein hohlwangiges Gesicht, dazu tief liegende Augen, mit denen sie ihn nun direkt ansah.
»Ist wohl ein Neuer?«, fragte er.
»Lange ist der jedenfalls noch nich’ auf Platte«, sagte Biene und wischte sich mit dem Ärmel über den zahnlosen Mund, bevor sie die Flasche unter den Mantel zurückschob. »Guck dir nur mal den schönen Schlafsack an. So’n Ding müsste man haben.« Sie zog den Schal wieder hoch und kauerte sich fröstelnd zusammen.
Der alte Kapitän machte einen Schritt vorwärts und stieß den Fremden vorsichtig mit dem Fuß an.
»Hey, aufwachen, das ist mein Platz.«
Der Unbekannte hob langsam seinen Kopf, der in der Kapuze des Schlafsacks steckte. Zwei funkelnde Augen sahen ihn aus einem bärtigen Gesicht an.
»Sagt wer?«
»Die Neuen liegen immer außen an der Wetterseite. Das ist Gesetz.«
»Ist das so?«
Bevor der alte Kapitän antworten konnte, meldete sich Biene.
»Dat is’ so«, sagte sie, ohne den Blick vom Wasser zu nehmen.
Der fremde Mann sah kurz zu ihr hinüber, musterte dann den Kapitän von oben bis unten und rutschte schließlich bereitwillig ein Stückchen zur Seite.
»Danke«, sagte der Kapitän überrascht. Dann breitete er seine Sachen in der entstandenen Lücke aus.
Zwar wehte der Wind nicht direkt von der Binnenalster unter die Brücke, dennoch war er froh, nicht ungeschützt außen liegen zu müssen.
Der Fremde hatte sich aufgesetzt und sich wie Biene mit dem Rücken gegen den Brückenpfeiler gelehnt. Mit vor der Brust verschränkten Armen beobachtete er den alten Kapitän.
»Ist das alles?«, fragte ihn der Fremde, nachdem er eine Thermomatte ausgebreitet und in einen dünnen Schlafsack geschlüpft war.
»Meinst du meine Penntüte?«
»Tüte ist der richtige Ausdruck. Da friert man sich ja allein beim Anblick den Arsch ab.«
»Besser als nichts«, sagte der Kapitän. »Zusammen mit dem Mantel und zwei Pullovern geht’s. Zwiebelschalenprinzip nennt man das.« Er zeigte auf den Mumienschlafsack. »Mit dem Ding haste echt Glück gehabt. So was Tolles findet man nicht jeden Tag in den Kleidersäcken. Mich nennen übrigens alle Käpt’n.«
»Hast du hier das Sagen?«, fragte der Fremde.
Der Kapitän schüttelte den Kopf.
»Ich war nur früher wirklich Kapitän. Sogar auf großer Fahrt. Gibt kaum ein Fleckchen auf unserem Erdball, das ich nicht gesehen habe.«
Der Mann nickte beeindruckt.
»Mich kannst du Fisch nennen.«
»Fisch?«
»Ich bin auch zur See gefahren. Auf ’nem Trawler. Da hatte ich zu Hause schnell den Namen weg. Lag wohl am Geruch.«
Der Kapitän lachte.
»Verstehe«, sagte er. »Dann auf gute Nachbarschaft.« Er schnupperte augenzwinkernd in die Luft. »Fisch.«
»Seid ihr oft hier?«
»Kommt aufs Wetter an. Und auf die Bullen. Die schnüffeln hier neuerdings häufiger rum. Vor einigen Wochen wurde hier ein Zeltlager meiner Kumpel angesteckt. Irgendsolche Halbstarken wollten sich einen Spaß …«
Unvermittelt unterbrach ihn eine laute Stimme.
»Na, wen haben wir denn da?«
Eine Gruppe von drei jungen Männern war wie aus dem Nichts aufgetaucht und stand nur wenige Meter von ihnen entfernt am Ufer.
»Genau euch haben wir gesucht«, sagte einer von ihnen, bei dem es sich offensichtlich um den Wortführer handelte.
»Kennst du die?«, fragte Fisch leise.
»Nein.« Vorsichtig zog der Kapitän wieder die Arme aus dem Schlafsack. Er warf einen Blick zu Biene, die nun nicht mehr auf die Alster sah, sondern genau wie Udo und Bernie beunruhigt zu den Männern. Nur Fiete schien bisher nichts von dem Besuch mitbekommen zu haben.
»Ist das nicht furchtbar kalt hier?«, fragte der junge Mann weiter, den er kaum älter als zwanzig Jahre schätzte und der wie seine etwa gleichaltrigen Begleiter eine schwarze Lederjacke über einem Kapuzenpullover trug. »Das tut uns richtig weh, euch so bibbern zu sehen. Oder?« Er wandte sich zu seinen beiden Kumpel um, die zustimmend nickten und die Träger ihrer Rucksäcke, die dem Kapitän erst in diesem Moment auffielen, von den Schultern streiften.
Im Augenwinkel bemerkte der Kapitän, dass sich inzwischen auch Fiete aufgesetzt hatte und mit ängstlichem Blick herübersah.
»Aber jetzt sind wir ja hier und versprechen euch, dass es gleich wärmer wird«, sagte einer der anderen Männer, der wie der Wortführer mit einem leicht osteuropäischen Akzent sprach. Er nickte seinen Begleitern mit einem hämischen Grinsen zu, die daraufhin Benzinkanister aus ihren Rucksäcken hervorholten.
»Verdammte Scheiße«, stieß der Kapitän hervor und nestelte hektisch am Reißverschluss des Schlafsacks. Dabei beobachtete er ängstlich, wie die beiden Männer langsam die Deckel der Kanister aufschraubten, während ihr Anführer ein Sturmfeuerzeug aus der Tasche zog.
* * *
Die Lichter der Elbphilharmonie glänzten hell vor dem dunklen Nachthimmel und wurden vom schwarzen Strom der Elbe reflektiert. Aus den bodentiefen Fenstern seiner Wohnung am Dalmannkai hatte Marco Laget einen unverbaubaren Blick auf den westlichen Teil der HafenCity, dem 104. Stadtteil der alten Hansestadt. Mit jedem Jahr und jedem bezugsfertigen Neubau rückte das Großprojekt HafenCity weiter in den Vordergrund, was die stetig steigenden Quadratmeterpreise der neuen Quartiere auf dem Gebiet des Großen Grasbrooks und der Speicherstadt deutlich widerspiegelten.
Im Moment beschäftigte Laget weniger die Entwicklung der HafenCity, als vielmehr sein erneuter Kampf gegen die Windmühlen der Justiz.
Eine plötzliche Berührung ließ ihn zusammenzucken. Er war dermaßen in seine Gedanken vertieft gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, wie Maja sein Arbeitszimmer betreten und ihm von hinten die Arme um die Brust gelegt hatte.
»Ich bin’s nur«, sagte sie leise und schmiegte sich an seinen Rücken. »Willst du reden?«
»Worüber?«, fragte Laget, ohne den Blick von der Elphi zu nehmen, wie die Hamburger ihre Elbphilharmonie inzwischen liebevoll nannten, und streichelte ihre Hände. »Dass wir mal wieder einen von diesen Mistkerlen nicht hinter Schloss und Riegel bringen konnten? Es ist immer die gleiche Scheiße. Da meint man, sie endlich am Schlafittchen zu haben, und dann …« Er seufzte und drehte sich zu ihr um. Sanft legte er seine Hände auf ihre Schultern. »Du hättest sein Grinsen sehen sollen, als er mit seinem Vater und diesem Schmierenanwalt abgezogen ist.«
»Aber sagtest du nicht, dass es Zeugen gibt und alles von Überwachungskameras aufgenommen wurde?«, fragte Maja.
Laget verzog die Mundwinkel.
»Man sieht sogar genau, wie dieser Mistkerl die Frau die Treppe hinuntertritt. Das Beste ist, dass er es nicht einmal abstreitet.«
»Und warum lasst ihr ihn dann laufen?«
»Weil unser toller Rechtsstaat dies genau so vorsieht, mein Schatz. Fester Wohnsitz, keine Fluchtgefahr … Warum sollte man ihn einsperren? Es lägen keine Haftgründe vor, hat der Richter gesagt. Bis zur Verhandlung bleibt der Kerl nun auf freiem Fuß.«
»Reg dich nicht auf, Liebling«, sagte Maja mit leiser Stimme.
»Wie soll man da ruhig bleiben, wenn die jedes Mal wieder mit ihrer Masche durchkommen?«, fragte Laget resigniert.
»Aber ja nur bis zur Verhandlung. Dann wird er doch wohl schuldig gesprochen?« Maja sah ihn fragend an.
»Schuldig?« Er schüttelte den Kopf. »Ich gebe dir Brief und Siegel, dass Papas Winkeladvokaten dafür sorgen werden, dass er mit einer Bewährungsstrafe davonkommt. Wäre ja nicht das erste Mal. Diese Clans scheren sich nämlich einen Dreck um unsere Gesetze. Die haben ihre eigenen und fertig. Es wird echt langsam Zeit, dass jemand die mal endlich in ihre Schranken verweist.«
Maja streichelte ihm sanft über die Wange.
»Irgendwann wird auch er seine gerechte Strafe bekommen«, sagte sie. »Du wirst sehen.«
»Deinen Optimismus möchte ich haben. Wenn du wüsstest, was sich tagtäglich hinter den Mauern am Gorch-Fock-Wall abspielt. Aber damit muss ich dich nicht belasten. Du hast auch genug um die Ohren. Komm, lass uns rübergehen und es uns gemütlich machen.«
Im Wohnzimmer setzten sie sich aufs Sofa. Sanft legte er seinen Arm um Maja und zog sie zu sich heran.
»Jetzt hast du wegen mir deine Sendung verpasst«, sagte er mit Blick auf den Fernseher. Von der montäglichen Datingshow um einsame Landwirte, die sich Maja regelmäßig ansah, lief bereits der Nachspann.
»Es gibt Wichtigeres«, sagte sie und schaltete den Fernseher aus. »Machst du uns Musik an?«
Laget nickte.
»Alexa, spiel meine Feierabend-Playlist«, rief er in den Raum und sofort setzte die gewünschte Musik ein.
»Und, gefällt’s Julchen noch in der Schule?« Er sah seine Frau fragend an. Wie so oft hatte es auch heute wieder nur für einen schnellen Gutenachtkuss gereicht, als er kurz vor acht nach Hause gekommen war.
»Lass sie das ja nicht hören«, sagte Maja mit einem Augenzwinkern. »Sie heißt Jule. Immerhin ist sie jetzt groß und geht zur Schule.«
»Natürlich, wie konnte ich das vergessen?«, fragte Laget mit gespielter Empörung.
»Wenn’s um Hoppel geht, ist sie aber immer noch die Kleine«, sagte Maja. »Hat sie dir erzählt, dass er verschwunden ist?«
»Nein. Sie hat kaum die Augen aufgekriegt, als ich ihr Gute Nacht gesagt habe.«
»Das Theater hättest du erleben sollen, bis ich sie überzeugen konnte, dass Schulkinder ohne Schmusetier einschlafen.«
»Aber er muss doch hier irgendwo sein«, sagte Laget. Er dachte an die Aufregungen, die Hoppel regelmäßig verursacht hatte, wenn er mal verschwunden gewesen war. Julchens heiß geliebter Kuschelhase, den sie wenige Tage nach ihrer Geburt von Oma und Opa geschenkt bekommen hatte. Zum Glück war er immer wieder aufgetaucht. Laget hatte drei Kreuze gemacht, als Julchen ihn nicht mehr überall mit hingeschleppt hatte. Seit einem knappen Jahr wartete Hoppel nur noch in ihrem Bett und half ihr beim Einschlafen.
»Aber wo?«, fragte Maja. »Heute Morgen lag er wie immer in ihrem Bett, als ich es gemacht habe.«
»Der wird schon wieder auftauchen. Allerdings kann ich Julchen durchaus verstehen«, sagte er und drückte Maja fest an sich. »Ich kann nämlich auch nicht ohne mein Kuscheltierchen einschlafen.« Er beugte sich zu ihr und gab ihr einen langen, zärtlichen Kuss. Dabei schob er seine Hand langsam unter ihr Blusenshirt und streichelte sanft ihren Rücken.
»Hm, das tut gut«, sagte Maja leise, nachdem sich ihre Lippen wieder gelöst hatten. Sie lehnte den Kopf gegen seine Schulter. Wortlos lauschten sie gemeinsam den sphärischen Klängen von Jean-Michel Jarres Oxygene 3.
Laget spürte nach einer Weile, dass seine Lider schwer wurden und seine Finger ihren Streicheldienst immer häufiger versagten.
»Schatz?«
Keine Antwort. Die Müdigkeit hatte auch Maja überwältigt. Mit geschlossenen Augen lag sie in seinen Armen und atmete gleichmäßig. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Kurz nach elf. Vorsichtig löste er sich aus ihrer Umarmung und stand auf. Er hob sie behutsam vom Sofa und trug sie ins Schlafzimmer.
»Trägt da jemand sein Kuscheltier ins Bett?«, fragte Maja leise und blinzelte ihn müde an.
»Wie soll ich denn sonst einschlafen?« Er küsste sie lächelnd auf die Stirn.
»Ich bin gleich wieder da«, flüsterte er, nachdem er sie aufs Bett gelegt hatte. »Ich mach nur schnell überall das Licht aus.«
Maja nickte und streckte sich wohlig.
In seinem Arbeitszimmer hatte Laget bereits den Finger auf dem Lichtschalter, als ihm siedend heiß einfiel, dass er noch eine Akte einpacken musste, die er bereits heute Morgen vergessen hatte. Übers Wochenende hatte er sich einen dringenden Vorgang aus dem Büro mitgenommen.
Er zog den Schlüsselbund aus seiner Hosentasche und beugte sich zur untersten Schublade des Rollcontainers, der neben seinem Schreibtisch stand. Selbst zu Hause beachtete er die Vertraulichkeit der ihm als Staatsanwalt überlassenen Akten und schloss sie konsequent weg. Umso überraschter war er, als er feststellte, dass das Schubfach nicht verschlossen war.
Laget öffnete die Schublade und traute seinen Augen nicht, als er Hoppel entdeckte. Oben auf der Akte lag der schmerzlich vermisste Kuschelhase.
»Wie kommst du denn hierher?«, fragte er leise und bemerkte in diesem Augenblick erstaunt, dass Hoppel nicht ganz unversehrt war. Er sah erneut in die Schublade, dann wieder das Kuscheltier an. »Wo sind denn deine Ohren?«
* * *
»Danke, Jan. Und grüß die Kollegen.«
Erik van der Kolk schaltete den Fernseher aus und warf die Fernbedienung neben sich aufs Schlafsofa. Er überlegte. Sollte er noch einmal hinaus in die kalte Aprilnacht oder die Sache dem Kriminaldauerdienst überlassen? Für heute hatte er genug Überstunden gemacht. Sein letzter Fall hatte ihn wieder einmal lange beschäftigt. Und das, obwohl die Ermittlungen sich totgelaufen hatten. Vor einigen Wochen war Betty, eine Prostituierte aus St. Georg, ermordet und zerstückelt worden. Ihre Körperteile hatte man in Plastiktüten verpackt an verschiedenen Orten der Außenalster gefunden. Van der Kolk hatte Najuma Heita, wie sie mit bürgerlichem Namen hieß, während seiner Zeit im Milieu kennengelernt, kurz nachdem sie aus Namibia eingereist war. Nahezu jeden Abend saß er über den Ermittlungsakten und hoffte, irgendetwas zu finden, was sie möglicherweise übersehen hatten.
Er blickte auf das Display seines Smartphones. Dreißig Minuten bis Mitternacht. Sein Magen knurrte und erinnerte ihn daran, dass er seit heute Morgen nur eine Banane und eine kalte Frikadelle gegessen hatte. Wo der Pizzabote nur blieb?
Er seufzte und blickte unschlüssig zum Fenster. Die Kennedybrücke, an der es drei Tote gegeben hatte, lag nur wenige Minuten von seiner kleinen Zweizimmerwohnung entfernt. Ein Fall, den er sicher morgen sowieso auf dem Tisch haben würde, da seine Mordbereitschaft derzeit an keinem aktuellen arbeitete. Aber nicht nur aus diesem Grund interessierte ihn der Vorfall. Die Brücke lag am Rand seines ehemaligen Reviers. Viele Jahre hatte er beim Polizeikommissariat 11 als Milieuaufklärer gearbeitet und war auch jetzt noch, vier Jahre später, mit seinen alten Kollegen eng verbunden. Auch der kleine Kiez war ihm in der Zeit ans Herz gewachsen und so hatte er die Kontakte zum Milieu nie abgebrochen. Seine Wohnung in St. Georg hatte er ebenfalls behalten. Mit dem Fahrrad und der Bahn brauchte er keine halbe Stunde bis zum Polizeipräsidium in Winterhude. Und so kam es, dass ihn die alten Kollegen auch weiterhin auf seinen Wunsch hin auf dem Laufenden hielten, wenn im Viertel etwas passierte.
»Na, dann wollen wir mal«, sagte er und stand auf. Er schob das Smartphone in die Hosentasche und schlüpfte in sein schwarzes Pea Coat. Die sakkolange Jacke aus engmaschig gewebter Schurwolle besaß er seit der Marinezeit. Mit einer gewohnten Bewegung zog er seine lockigen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen dunkelblonden Haare unter der Jacke hervor und setzte seine verfilzte Dockermütze auf. Im Flur griff er nach dem Mountainbike, das er immer mit in die Wohnung nahm, wo es für gewöhnlich aus Platzgründen in einer selbst gebauten Halterung unter der hohen Decke der kleinen Altbauwohnung hing. Dort war es sicher vor Diebstahl und Vandalismus.
Es klingelte an der Tür.
»Da hast du aber Glück gehabt, Acar«, sagte van der Kolk, nachdem er die Wohnungstür geöffnet hatte. »Zwei Minuten später und ich wäre weg gewesen.«
Acar blickte erstaunt auf die Uhr seines Smartphones, das er blitzschnell hervorgezogen hatte.
»Ich bin voll pünktlich, Mann«, sagte er. »Du hast um dreiundzwanzig fünfzehn …«
»Schon gut.« Van der Kolk stopfte dem Pizzaboten zehn Euro in die Brusttasche. »Stimmt so.« Er nahm ein Stück der vorgeschnittenen Pizza aus dem Karton und rollte es zusammen. »Stell den Rest in die Küche und zieh ja die Tür wieder ordentlich hinter dir zu. Klar?«
Acar nickte.
Van der Kolk stopfte sich das Pizzastück in den Mund, schulterte sein Mountainbike und sprang die Treppe hinunter.
Von der Langen Reihe, in der seine Wohnung lag, waren es mit dem Rad keine zehn Minuten bis zur Kennedybrücke.
Bereits von Weitem sah er das zuckende Blaulicht der Einsatzfahrzeuge. Auf der Brücke leiteten Polizisten den Verkehr in Richtung Dammtor einspurig an den Feuerwehrkräften vorbei, die sich auf der rechten Fahrbahn befanden und bereits damit begonnen hatten, die Schläuche wieder zusammenzurollen.
In einer schwungvollen Bewegung stieg van der Kolk von seinem Mountainbike, schulterte es im Laufen und eilte die Treppe zum Alsterufer hinunter. Unter dem verwunderten Blick eines Schutzpolizisten kettete er das Rad an eine Parkbank.
»Sicher ist sicher, Kollege«, sagte van der Kolk und hielt ihm seinen Dienstausweis hin, woraufhin ihn der Beamte weiterwinkte. An der Absperrung aus rot-weißem Flatterband erwartete ihn Kriminaloberkommissarin Nicole Uthland.
»Kommt der Rest der Moko auch mit dem Rad?«, fragte sie augenzwinkernd und strich sich eine Strähne ihrer strohblonden Haare aus der Stirn. »Eigentlich hatte eure Rufbereitschaft gesagt, dass wir das hier allein aufnehmen sollen.«
»Moin, Niki, ich habe zufällig von der Sache erfahren und da ich in der Nähe war, dachte ich, es wäre gut, sich persönlich ein Bild zu machen.« Er beugte sich zu ihr hinunter und raunte hinterher: »In Wirklichkeit wollte ich allerdings die Gelegenheit nutzen, dich wiederzusehen. Du siehst übrigens betörend aus.« Er musterte schmunzelnd den weißen Tyvek-Anzug, in dem sie steckte.
»Vielen Dank, du alter Spinner«, sagte sie leise und nickte in Richtung der Stelle, an der drei verkohlte Leichen in der Nähe des Alsterufers lagen. »Wir sind um dreiundzwanzig Uhr zehn von einer Streife des PK 11 alarmiert worden, die mit der Feuerwehr angerückt war.« Niki warf einen Blick auf das Klemmbrett, das sie die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte. »Ein Fahrgast der S 3 hatte im Vorbeifahren das Feuer hier bemerkt und gleich vom Hauptbahnhof aus die Kollegen der Bundespolizei informiert. Nach Eintreffen der ersten Einsatzkräfte wurden die drei Toten entdeckt, die zu dem Zeitpunkt noch brannten.«
Van der Kolk nickte. Vor einigen Wochen hatte es hier schon einmal gebrannt. Mehrere Zelte von Nichtsesshaften, wie sie in der Amtssprache hießen, waren in Flammen aufgegangen. Die Ermittlungen hatten ergeben, dass es sich um Brandstiftung gehandelt hatte. Zum Glück war damals niemand verletzt worden. Er blickte in Richtung des Brückenpfeilers, wo einige Schlafsäcke, alte Taschen und prall gefüllte Plastiktüten lagen. Wie es aussah, war es heute nicht so glimpflich abgelaufen.
»Muss ja ein ordentliches Feuerchen gewesen sein«, sagte er.
»Es wurde Brandbeschleuniger verwendet«, sagte Niki und wies auf zwei Benzinkanister, die etwas abseits lagen. »Bei den Toten könnte es sich um Obdachlose handeln. Die armen Kerle werden ja neuerdings gern angesteckt. Vielleicht waren es die gleichen Täter, die das Zeltlager abgefackelt haben.«
»Möglich.« Nachdenklich kraulte van der Kolk seinen grau melierten Dreitagebart. »Ich frage mich, warum die Opfer nicht in die Alster gesprungen sind, um das Feuer zu löschen. Bis zum Ufer sind es keine zwei Meter. So wie es aussieht, sind die drei dort, wo sie liegen, angezündet worden und nicht an ihren Schlafstellen. Die würden sonst Brandspuren aufweisen.«
»Das müsst ihr herausfinden«, sagte Niki und winkte einen Kollegen heran, der einen Tyvek-Anzug und Füßlinge brachte.
Van der Kolk verzog das Gesicht.
»Vielleicht sollte ich lieber wieder heim. Ich hasse diese Dinger.«
»Deine Entscheidung«, sagte Niki. »Feierabend oder Teletubbies.«
»Haha.« Er warf ihr einen missbilligenden Blick zu und schlüpfte widerwillig in die Schutzausrüstung. Danach näherten sie sich langsam den drei Toten. Dabei betrachtete van der Kolk sorgfältig den gesamten Tatort und versuchte sich jedes Detail einzuprägen. Für ihn hatte die Tatortarbeit große Bedeutung. Erst am Ort eines Verbrechens hatte er das Gefühl, auch tatsächlich ein Gesamtbild zu erhalten. Fotos stellten in seinen Augen lediglich eine Aneinanderreihung von Einzelszenen dar. Zwar gab es inzwischen 3-D-Laserscanner, gleichwohl war van der Kolk weiterhin lieber persönlich vor Ort.
Sie erreichten die erste Leiche, neben der Dr. Junker kniete, ein Rechtsmediziner vom Universitätsklinikum Eppendorf.
»Moin, Tim.«
»Hallo, Erik.« Tim erhob sich und gemeinsam betrachteten sie den Toten, der bizarr gekrümmt zu ihren Füßen lag.
»Sieht ja schlimm aus«, sagte van der Kolk.
»Bei den anderen beiden ist es nicht besser. Bevor ich euch Genaueres sagen kann, muss ich die drei erst einmal bei mir im UKE auf dem Tisch haben. Mit dem Todeszeitpunkt ist es leichter. Aufgrund der Brandeinwirkung und dem Alarmierungszeitpunkt schätze ich, dass der Tod bei allen etwa vor ein bis zwei Stunden eingetreten ist.«
Van der Kolk blickte zu ihm auf. Trotz seiner eins neunzig überragte Tim ihn um fast einen ganzen Kopf.
»Gibt’s Hinweise, ob sie bereits tot waren, als man sie angezündet hat?«
»Waren sie definitiv nicht. Die sind bei lebendigem Leib verbrannt.« Der Rechtsmediziner wies auf den Kopf der Leiche. »Siehst du die leichten Anzeichen von Krähenfüßen an den Augen?«
»Krähenfüße?«, fragte Niki.
Van der Kolk nickte.
»Hast du irgendwann mal Rauch in die Augen bekommen?«
»Natürlich.«
»Und was hast du da sofort gemacht?«
Sie sah ihn verwundert an.
»Die Augen zu?«
»Genau. Das ist ein ganz normaler Reflex.« Van der Kolk zeigte auf seine Augenwinkel. »Dabei entstehen hier kleine Falten, in denen sich kein Ruß ablegen kann. Und da Tote keine Reflexe haben …«
»Weisen sie keine Krähenfüße auf. Schon kapiert.«
»Wie ich sehe, Erik, kommt ihr ja prima ohne mich zurecht«, sagte Tim schmunzelnd. »Ich bin hier auch so weit durch. Oder habt ihr noch Fragen?«
»Eine hätte ich.« Van der Kolk zeigte auf die Toten. »Männlein oder Weiblein?«
»Selbst das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, dafür sind sie zu stark verbrannt. Vom Augenschein würde ich eher auf Männer tippen.«
»Danke, Tim.«
Dr. Junker zog sich die Latexhandschuhe von den Händen und verabschiedete sich mit einem kurzen Gruß.
»Erik? Niki?«
Die beiden drehten sich um. Ein Kollege der Kriminaltechnik kam auf sie zu und hielt einen durchsichtigen Asservatenbeutel in die Höhe.
»Ich denke, ich hab hier etwas, was euch interessieren dürfte.«
Van der Kolk nahm den Beutel und betrachtete den Inhalt von allen Seiten.
»Ein Patch?«, fragte Niki.
»Von den Sea Devils.« Van der Kolk deutete auf den Schriftzug, der auf dem Stoffaufnäher über einem Totenschädel mit Dreispitz vor zwei gekreuzten Schwertern angebracht war.
Niki sah ihn erstaunt an.
»Seit wann interessieren die sich für Obdachlose?«
»Gute Frage. Hier ist auch gar nicht deren Revier. Vielleicht wissen die Kollegen von der Organisierten Kriminalität etwas dazu. Die sind ja ständig an den Devils dran. Ich werde die gleich morgen anmorsen.« Er wandte sich an den Kriminaltechniker. »Wo habt ihr den gefunden?«
»Gleich dort drüben.« Der Beamte wies in Richtung der Außenalster.
»Dann sind die entweder von dort gekommen oder dorthin verschwunden«, sagte Niki.
Van der Kolk wiegte den Kopf.
»Wenn ich schnell von hier verschwinden müsste, würde ich genau die andere Richtung wählen.«
»Stimmt auch wieder. Vor allen Dingen, wenn ich nicht zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs bin.« Niki betrachtete erneut den Aufnäher und stutzte plötzlich.
»Guck mal hier. Fällt dir etwas auf?«
Van der Kolk sah sie fragend an.
»Was meinst du?«
»Na, hier.« Sie hielt ihm den Beutel direkt unter die Nase. »Siehst du irgendwo Reste von Garn? Ich fress ’nen Besen, wenn das Abzeichen jemals angenäht war.«
Das Telefon klingelte. Kriminalhauptkommissar Patrick Frahm stellte den Kaffeebecher zur Seite und nahm den Hörer ab.
»PK 11, Frahm.«
»Moin, Patrick.«
»Erik«, sagte er gedehnt und lehnte sich in seinem Bürosessel zurück. Von seinem Vorgänger auf dem Posten des Dienststellenleiters der Dienstgruppe Fahndung hatte er ewig nichts mehr gehört. Trotzdem überraschte ihn der Anruf nicht sonderlich. Jan Färber hatte ihm bereits heute Morgen erzählt, dass er Erik letzte Nacht wegen des Vorfalls an der Kennedybrücke angerufen hatte. »Lass mich raten. Du rufst nicht aus Sehnsucht nach deiner alten Heimat an, stimmt’s?«
»Nicht nur«, sagte Erik. »Ich führe mit meiner Mordbereitschaft die Ermittlungen im Fall Kennedybrücke und brauche eure Hilfe.« In wenigen Sätzen setzte er ihn über den aktuellen Sachstand in Kenntnis. »Vor allen Dingen macht uns die Identifikation der Opfer Probleme. Wir wissen noch nicht, um wen es sich bei den drei Toten handelt. Im Moment müssen wir leider davon ausgehen, dass es welche aus der Obdachlosenszene sind.«
»Scheiße. Warum können diese Mistkerle die armen Hunde nicht einfach in Ruhe lassen? Erst das Zeltlager und jetzt …«
»Deswegen brauche ich jeden szenekundigen Fahnder der Region Mitte. Wir gehen im Moment davon aus, dass es mindestens zwei weitere Obdachlose gibt, die sich gestern Nacht in unmittelbarer Nähe des Tatortes aufgehalten haben. Entweder zur Tatzeit oder kurz davor. Insgesamt haben wir fünf Schlafstellen vorgefunden, von denen derzeit DNA-Proben genommen werden. Das heißt, dass es möglicherweise Zeugen für den Vorfall gibt. Mit den Kollegen der anderen Kommissariate habe ich bereits gesprochen. Könntest du dich mal mit deinen Leuten bei euch umhören?«
»Na klar. Zwar pfeife ich im Moment personell aus dem letzten Loch, aber irgendwie kriegen wir das gewuppt. Auch wenn die Hälfte der Mannschaft krank ist.«
»Das ist gut«, sagte Erik. »Bei der Aufregung, den der Vorfall in der Szene verursacht haben dürfte, müssten sich die infrage kommenden Personen eigentlich schnell ermitteln lassen. Hinzu kommt, dass die ihr ganzes Hab und Gut unter der Brücke zurückgelassen haben und in der Nacht irgendwo untergekommen sein müssen. Hört euch am besten erst einmal in den typischen Anlaufstellen um. Ich würde dann, wenn es dir recht ist, heute Nachmittag auf ’nen Kaffee bei euch reinschauen. Wir könnten dann die ersten Ergebnisse abgleichen.«
»Okay«, sagte Frahm. »Die älteren Kollegen werden sich sicher auch freuen, dich wiederzusehen. Bis nachher.«
Eine gute Dreiviertelstunde später stand Frahm vor der Bahnhofsmission am Hauptbahnhof, nachdem er zuvor bereits die Kollegen der Bundespolizei mit ins Boot geholt hatte. Seine eigenen Leute klapperten derweil die anderen bekannten Treffpunkte der Obdachlosen in St. Georg ab.
»Außer dem Käpt’n hat sich bisher keiner blicken lassen«, sagte Elisabeth Schaaf, eine freundliche ältere Dame, die seit vielen Jahren ehrenamtlich für die Bahnhofsmission tätig war. »Der hat ’nen Becher Kaffee getrunken und ist gleich weiter.«
»Hat er irgendetwas gesagt?«, fragte Frahm. »Zum Beispiel, dass er eine Unterkunft braucht oder neue Sachen?« Falls der alte Kapitän wirklich an der Kennedybrücke gewesen war, stand er nun ohne alles da. Wie Erik bereits angedeutet hatte, war so etwas für einen Obdachlosen eine Riesenkatastrophe. Gerade bei den derzeitigen Temperaturen. Mit viel Solidarität war in der Szene nicht zu rechnen. Von wegen, Leid schweißt zusammen. Derartige sozialromantische Vorstellungen waren schlichtweg falsch. Auf der Straße ging es ausschließlich darum, einen weiteren Tag zu überleben.
»Nein, nichts dergleichen«, sagte Frau Schaaf. »Der arme Kerl schien mir ziemlich durcheinander zu sein. Hat er etwa mit der Geschichte an der Kennedybrücke zu tun? Furchtbare Sache. Ist hier rumgegangen wie ein Lauffeuer. Was sind das nur für Leute, die so etwas machen?«
»Wenn wir das wüssten«, sagte Frahm, »dann müssten wir nicht nach dem Täter suchen.«
Elisabeth Schaaf nahm den nächsten Kaffeebecher von der Spüle, um ihn abzutrocknen.
»Was ist das für eine Welt geworden? Man traut sich ja nachts kaum noch auf die Straße.«
»Würden Sie uns bitte direkt informieren, falls Sie etwas hören, was uns weiterhelfen könnte?«, fragte er und sah sie eindringlich an. »Es ist wirklich wichtig. Am besten, Sie melden sich unmittelbar bei mir im Polizeikommissariat am Steindamm.«
»Selbstverständlich«, sagte Frau Schaaf. »Hoffentlich finden Sie den Kerl.«
Er verabschiedete sich von ihr und verließ die Bahnhofsmission. Draußen vor der Tür hielt er inne. Unschlüssig betrachtete er die nicht enden wollenden Autoschlangen auf dem Glockengießerwall, der die Grenze seines Reviers bildete. Auf der anderen Seite lag die Zuständigkeit bei den Kollegen des Polizeikommissariats 14. Andererseits hielten sich viele der Obdachlosen aus St. Georg um diese Zeit gern zwischen Hauptbahnhof und Rathausmarkt auf, wo große Kaufhäuser, beliebte Markengeschäfte und Shopping-Stores ein Quartier gefunden hatten. Dort herrschte eine bessere Geberlaune als in der Hektik eines Bahnhofs. Wo viel und teuer eingekauft wurde, saß das Geld lockerer.
Frahm warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Genug Zeit für einen Abstecher hatte er, bis Erik zu ihm ins Polizeikommissariat kommen wollte. Also, warum nicht?
* * *
Das Polizeipräsidium im Norden Hamburgs war in einem mehrgeschossigen Gebäude am Bruno-Georges-Platz untergebracht. Von einem Rundbau führten zehn Gebäudeblöcke sternförmig weg. In einem der Blöcke hatte das LKA 41, die für Hamburg zuständige Mordkommission, seine Büroräume. Dort saß Erik van der Kolk und telefonierte mit der Rechtsmedizin des UKE.
»Vielen Dank, Tim. Ich bin in ’ner halben Stunde bei euch.« Er legte auf und drückte sich aus seinem Bürosessel hoch.
»Ich fahre eben zum UKE«, sagte er zu Kriminaloberkommissar Martin Pohlmann, der ihm am Schreibtisch gegenübersaß. »In der Rechtsmedizin sind die mit der Obduktion so gut wie durch. Von dort fahre ich gleich weiter nach St. Georg zum PK 11. Mit etwas Glück schaffe ich sogar noch einen Schlenker über St. Pauli. Zwar hätten sich die Kollegen längst gemeldet, wenn es Ergebnisse geben würde, trotzdem kann es nicht schaden, sich auch mal persönlich vor Ort blicken zu lassen. Ich melde mich auf jeden Fall, bevor ich im UKE losfahre, und gebe dir die Obduktionsergebnisse durch.«
Eine Viertelstunde später fuhr van der Kolk auf das Gelände des Universitätsklinikums Eppendorf. Er parkte den dunkelblauen Passat vor dem Institut für Rechtsmedizin und betrat das zweigeschossige Gebäude, das am nordwestlichen Rand des Klinikgeländes lag. Nachdem er sich beim Pförtner angemeldet hatte, ging er zu dem Sektionssaal, den Dr. Junker ihm am Telefon genannt hatte.
Tim stand mit einem Kollegen vor einer der Brandleichen und sah kurz auf, als er den Raum betrat.
»Ah, da bist du ja.« Er wies mit dem Skalpell auf den Mann an seiner Seite. »Das ist Jörn Vogt. Ihr dürftet euch noch nicht kennen. Jörn ist erst seit vier Wochen bei uns. Jörn, das ist Erik van der Kolk von der Mordkommission.« Nachdem sich die beiden mit einem kurzen Nicken begrüßt hatten, wandte sich Tim wieder der verbrannten Leiche zu. »Das ist der Letzte der drei. Mit den anderen sind wir durch. Wie bereits vermutet, handelt sich bei allen drei Opfern um Männer. Nicht älter als fünfundzwanzig. Dass sie der Obdachlosenszene angehörten, schließe ich allerdings aus.«
Van der Kolk sah ihn erstaunt an.
»Wie kommst du darauf?«
»Die drei trugen ausnahmslos Schmuck. Wir haben Ohr- und Fingerringe sowie bei zweien Halsketten gefunden. Nach meiner Einschätzung ist alles Edelmetall. In dieser Menge findest du das bei Obdachlosen eher selten.«
»Das gibt dem Fall eine ganz neue Richtung«, sagte van der Kolk und betrachtete nachdenklich den Toten auf dem Seziertisch. »Und wie sieht’s mit der Todesursache aus? Hat sich deine Vermutung, dass es sich um Mordbrand handelt, bestätigt?«
»Durchaus. Alle drei Opfer lebten noch, als sie angezündet wurden.« Tim griff in eine Schale, die am Kopfende des Seziertisches auf einem rollbaren Ablagetisch stand, und hob die herauspräparierte Luftröhre leicht an. An ihrem unteren Ende hingen noch die zusammengefallenen Lungenflügel. Er wies mit dem Finger auf den Kehlkopf. »Siehst du? Er hat deutlich erkennbar Ruß eingeatmet. Im Übrigen weisen Kehldeckel und Speiseröhre Schleimhautödeme auf. Bei den beiden anderen gab es die gleichen Auffälligkeiten. Die müssen in ihrem Todeskampf furchtbar geschrien haben.«
Van der Kolk verschränkte nickend die Arme vor der Brust.
»Und trotzdem hat offenbar niemand etwas gehört. Bisher hat sich nicht ein Zeuge gemeldet. Aber da sind wir dran. Wenn die Obdachlosen, deren Sachen unter der Brücke lagen, nicht zu den Opfern gehören, könnten sie eventuell etwas gesehen oder gehört haben.« Er sah zu dem Leichnam. »Seit gestern Nacht frage ich mich, warum die drei nicht einfach in die Alster gesprungen sind, um die Flammen zu löschen. Ein, zwei Meter weiter und …«
Tim hob einen Finger.
»Das kann ich dir erklären« sagte er. »Die drei sind vorher niedergeschossen worden.« Er zeigte auf das rechte Knie des Toten vor ihm. »Siehst du hier?«
Widerwillig beugte sich van der Kolk leicht nach vorn und nickte, obwohl er nichts gesehen hatte.
»Mir sind die Einschusslöcher am Tatort nicht aufgefallen«, sagte Tim. »Die äußeren Wunden sind einfach zu stark verbrannt. Bei dem hier wurde die rechte Kniescheibe durch ein Projektil zertrümmert. Wir sind im Grunde erst darauf gekommen, als wir bei einem der Opfer eins in der Wirbelsäule entdeckt hatten. Danach haben wir bei den anderen gezielt nach Schussverletzungen gesucht.«
Van der Kolk zeigte auf den Toten.
»Also der hier wurde ins Knie getroffen und ein anderer in die Wirbelsäule?«
Tim nickte.
»Und zwar von hinten. Der dritte erlitt einen Bauchschuss.«
Van der Kolk überlegte einen Moment, bevor er zu Tim aufsah.
»In den Rücken, sagst du?«
»Genau. Es scheint, als habe er versucht zu fliehen. Wenn ich mich richtig erinnere, lag er auch ein bisschen weiter von den anderen beiden entfernt.«
»Das wäre durchaus denkbar«, sagte van der Kolk. »Habt ihr vielleicht auch etwas entdeckt, was auf die Identität der Opfer hinweist?«
Tim schüttelte den Kopf.
»Tut mir leid. Die Gewebeproben für eine DNA-Analyse sind aber bereits auf dem Weg zu euch. Mit ein wenig Glück findet ihr ja einen von ihnen in der DAD.«
»Vor Donnerstag werden wir kaum etwas bekommen.« Van der Kolk presste ärgerlich die Lippen zusammen. Heute war Dienstag. Selbst wenn alles optimal lief, war mit einem ersten Ergebnis aus der DNA-Analyse-Datei beim BKA nicht früher zu rechnen. »Wir verlieren Zeit, die wir nicht haben.«
»Ich kann’s leider nicht ändern.«
»Ist klar«, sagte van der Kolk. »Jedenfalls konntet ihr uns einige Schritte voranbringen. Falls ihr noch etwas findet, melde dich bitte umgehend.«
»Natürlich, wie immer. Die Laboruntersuchungen laufen, das dauert. Einen vorläufigen Bericht schicke ich euch trotzdem wie gewohnt zu. Spätestens morgen Mittag liegt er bei euch aufm Tisch.«
Van der Kolk verabschiedete sich und verließ das Institut. Die frische Luft, die ihm vor dem Eingang entgegenschlug, tat gut. Er atmete ein paarmal tief ein und aus, um den Geruch von Blut, verkohltem Fleisch und Desinfektionsmitteln aus der Nase zu bekommen. Auf dem Weg zum Auto rief er Martin an und berichtete in wenigen Sätzen vom Ergebnis der Obduktionen.
»Zum Glück hat es keinen von den Obdachlosen erwischt«, sagte Martin. »Ich werde mir gleich als Erstes die aktuellen Vermisstenanzeigen vornehmen. Also, bis morgen.«
* * *
Der Feierabendverkehr machte ein schnelles Vorankommen nahezu unmöglich. Die geplante Tour über St. Pauli hatte van der Kolk sich längst abgeschminkt.
Abermals bremste sein Vordermann. Irgendwo in der Schlange ertönte eine Hupe. Er spürte, wie sich die Hektik und Unruhe zunehmend auch auf ihn übertrug. Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf dem Lenkrad.
Weitere endlos scheinende Minuten später überquerte er die Lombardsbrücke. Automatisch warf er einen Blick nach links, wo die Kennedybrücke lag und gestern drei Menschen gestorben waren. Van der Kolk hoffte inständig, dass man in seiner alten Dienststelle inzwischen weitergekommen war und im besten Fall sogar einen der Obdachlosen gefunden und befragt hatte.
Dann war er da: St. Georg. Mit knapp zwei Quadratkilometer Fläche war sein Viertel zwar der zweitkleinste Polizeibezirk in Hamburg, dennoch wies er angeblich die höchste Polizeidichte in Deutschland auf. Vor einigen Jahren hatte er das in irgendeiner Zeitung gelesen. Ob das noch immer zutraf, wusste er nicht. Dafür wusste er jedoch, dass das Wohn- und Amüsierviertel hinter dem Hauptbahnhof nach wie vor als das schwierigste Revier der Hansestadt galt, auch wenn man außerhalb der Stadt mehr über St. Pauli hörte. Neben der Routinekriminalität wie Straßenraub, Diebstahl und Körperverletzung hielten hier vor allen Dingen die illegale Straßenprostitution und eine der größten offenen Drogenszenen der Bundesrepublik die Polizei in Atem.
Ein Lächeln umspielte kurz seine Mundwinkel, als er in den Steindamm einbog. Er liebte dieses bunte und multikulturelle Viertel, das sich so lebendig und vielschichtig zeigte, von ganzem Herzen. Wenn da nicht die Sorge über die Entwicklung wäre, die St. Georg seit einiger Zeit durchmachte. Zunehmend verschwand ein Gebäude aus der Vor- und Nachkriegszeit nach dem anderen. Dafür entstanden moderne Neubauten mit Eigentumswohnungen und gepfefferten Preisen. Überall schossen die Mietpreise in die Höhe, selbst in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Immer häufiger fragte er sich, wann es ihn treffen würde.
»Scheiße.«
Van der Kolk bremste abrupt ab und lenkte den Wagen gerade noch in die freie Parklücke, die er beinahe übersehen hätte, so sehr war in Gedanken vertieft gewesen. Laut hupend quittierte ein nachfolgender Fahrer sein Manöver.
Nachdem er den Motor ausgeschaltet hatte, wanderte sein Blick die Fassade des vor ihm liegenden Hochhauses hinauf. Es war bereits einige Zeit her, dass er das letzte Mal in seiner alten Wirkungsstätte gewesen war. Und das, obwohl es von hier nur ein Katzensprung bis zu seiner Wohnung war.
Er stieg aus und schloss den Wagen ab.