Buch
London zur Rushhour. Ein vollbesetzter Pendlerzug rast gegen einen Tankwagen und explodiert. Die Profilerin Ziba MacKenzie ist zufällig an Bord und überlebt die Kollision – im Gegensatz zu vielen anderen. Die Frau, die ihr gegenübersaß, vertraut Ziba kurz vor ihrem Tod eine kryptische Nachricht an: »Er hat es getan. Sie müssen es jemandem sagen.«
Als kurz darauf eine Leiche gefunden wird, die an eine Mordserie von vor 25 Jahren erinnert, wird Ziba als Profilerin in die Ermittlungen eingeschaltet. Alles weist darauf hin, dass der meistgesuchte Serienmörder Großbritanniens erneut zugeschlagen hat. Und es bleibt nicht bei einem Opfer. Aber warum ist er nach so langer Zeit zurückgekehrt? Hat es etwas mit der Frau und ihrer kryptischen Nachricht zu tun?
Ziba setzt alles daran, den Killer zu enttarnen und weitere Bluttaten zu verhindern. Aber die Zeit läuft ihr davon. Und je näher sie an den Täter herankommt, desto mehr bringt sie sich selbst in Gefahr …
Autorin
Victoria Selman lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in London. Nach dem Studium in Oxford und London hat sie als Journalistin für verschiedenen Zeitungen geschrieben. Ihr Romandebüt »Sieben Opfer« stand auf der Shortlist für den Dagger Award und wurde auf Anhieb ein Bestseller.

Der erste Fall für Ziba MacKenzie
Thriller
Aus dem Englischen
von Marie-Luise Bezzenberger

Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel
»Blood for Blood« bei Thomas & Mercer, Seattle.
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Deutsche Erstveröffentlichung Januar 2022
Copyright © 2019 der Originalausgabe by Victoria Selman.
All rights reserved.
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2022 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München nach einer Idee von Mark Swan/Amazon publishing
Umschlagmotiv: Mark Swan/Amazon publishing
Redaktion: Kerstin von Dobschütz
An · Herstellung: ik
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN: 978-3-641-23297-9
V001
www.goldmann-verlag.de
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Für Tim, dem Wind in meinen Segeln
Die Menschen rufen niemals so viel Leid hervor,
als wenn sie aus Glaubensüberzeugung handeln.
Blaise Pascal
Der Junge hat das Gesicht eines Engels. Einen Strahlenkranz aus goldenen Locken. Botticelli-Lippen. Augen groß wie die eines Babys. Nur die Quetschungen um seinen Hals verderben den Effekt. Ein dunkler Fleck auf weißen Schwingen. Der Teufel allein weiß, was er getan hat – und ungeschehen gemacht hat.
Es geschah um 17 Uhr 27 an einem Donnerstagabend im Herbst. Das Wetter war unbeständig, und ich war zum ersten Mal seit Wochen wieder draußen.
»Auf Gleis 1 fährt ein der Zug des Thameslink Service in Richtung Norden, über King’s Cross und St. Pancras. Bitte bleiben Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit immer hinter der gelben Linie.«
Ich stand ein ganzes Stück hinter der Linie. Die Bahnsteigkante hat einen Reiz, dem ich nicht trauen darf.
Die Leute drängelten auf dem Bahnsteig, als der Zug das Gleis hinabrauschte, schoben sich ganz nach vorn, noch ehe er anhalten konnte. Die Rushhour bringt in niemandem das Beste zum Vorschein. Wir müssen doch alle irgendwohin.
Zischend öffneten sich die Türen. Die Menge wogte vorwärts.
Der Wagen war brechend voll, doch ich erspähte einen leeren Sitzplatz am Fenster und ließ mich darauf plumpsen, bevor ihn sich jemand anderes schnappte, mit dem Rücken in Fahrtrichtung. Ich holte tief Luft und konzentrierte mich auf meine Atmung. Es klappte nicht; meine Brust war wie zugeschnürt, mein Blickfeld verengte sich.
Reiß dich verdammt noch mal zusammen, dachte ich. Heute sollte doch ein besonderer Tag sein.
»Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges. Bitte zurückbleiben. Vorsicht beim Schließen der Türen.«
Ein strenger Geruch herrschte in dem Wagen, wie von feuchtem Müll oder vergorenem Obst. Ich rümpfte die Nase und blickte mich um, versuchte, mich zu orientieren und zu erden. Eine Bewältigungsstrategie, so nannte mein früherer Therapeut das.
Ein Mann, der ein kleines Stück entfernt im Gang stand, sah mich an. Er hatte einen Bürstenschnitt, so scharfe Bügelfalten an den Hemdärmeln, dass man sich daran hätte schneiden können, und eine eng geknotete Krawatte. Übernervös und eindeutig erregt, dachte ich, als ich das Zucken seiner Gesichtsmuskeln und sein rapides Blinzeln sah.
In der Sitzreihe neben meiner schlug ein Mann mit Eiterpickeln, eingefallenen Wangen und fauligen Zähnen immer wieder auf seine Arme ein und pulte an seiner Haut herum. Sämtliche physischen Merkmale und Verhaltensauffälligkeiten eines Methamphetamin-Süchtigen. Er fing meinen Blick auf und wandte sich dann rasch ab.
Drogen sind nicht mein Fachgebiet, aber ich habe ein bisschen was von Duncan aufgeschnappt, als er zur Sitte gewechselt war. Oder zum SCD9, wie das heute heißt. Die meisten Meth-Junkies sind vorbestraft, und das Profil ist fast immer gleich – Paranoia, Neigung zu Gewalttätigkeit, Schlafstörungen, Halluzinationen. Dabei können Meth-User eigentlich ganz klar im Kopf sein, wenn sie nicht gerade high sind.
Mir gegenüber las eine Dame Ende sechzig, die ein kleines goldenes Kruzifix und ein Rosenkranz-Armband trug, die Metro, kaute an ihren Nägeln und wippte mit dem Knie auf und ab. Also nervös. Oder vielleicht fühlt sie sich bei dem, was sie da liest, unbehaglich, dachte ich und warf einen Blick auf die Schlagzeile ganz oben auf der Seite, die aufgeschlagen auf ihrem Schoß lag. Ohne nachzudenken, musterte ich sie kurz von oben bis unten.
Kruzifix. Rosenkranz. Also eine Katholikin – jemand, der an Erlösung und an die Hölle glaubt. Die Bluse bis oben hin zugeknöpft. Handtasche klein und ohne Herstellerlogo, mit steifen Tragegriffen und Schnappverschluss. Ein Mensch, dem Status gleichgültig ist, jemand, der sich von allen um ihn herum abschottet. Und beigefarbene Kleider, ein neutraler Farbton, oft mit Gefühlen der Einsamkeit und des Isoliertseins in Verbindung gebracht. Unwillkürlich schielte ich nach unten. Meine Jacke hatte dieselbe Farbe.
Dies war eine Frau, die sich vor der Welt verschloss. Möglicherweise hatte jemand, dem sie vertraut hatte, sie enttäuscht. Vielleicht dachte sie, sie wäre sicherer, wenn sie für sich blieb, oder vielleicht mochte sie andere Menschen einfach nicht.
Wir hielten vor einem Signal. Ich lehnte mich an die Wand des Wagens und ließ den Kopf am Fenster ruhen. Hinter meinem linken Auge war ein Bohrer zugange, eine beginnende Migräne. Das kühle Glas war angenehm.
Draußen war die Szenerie ebenso grau wie der Himmel. Hohe Mauern, vollgesprüht mit Obszönitäten. Tunnel und metallene Brückenpfeiler. Schuppen und Drahtseile. Alles von einem dicken Rußfilm überzogen.
Ein Güterzug zuckelte auf dem Nachbargleis vorbei. Eine braun-gelbe Lokomotive zog dreißig mit Graffiti vollgeschmierte Wellblechcontainer. Und ganz hinten in der Reihe acht silberne Zylinder mit dem Shell-Logo auf der Seite.
»Wir entschuldigen uns für die Verzögerung. Der Zug fährt in Kürze weiter.«
Ich gähnte, schlug die Metro auf, die ich im Bahnhof mitgenommen hatte, und fing an, sie durchzublättern.
Auf der fünften Seite war ein Artikel zum Jahrestag der Ermordung von Samuel Catlin. Eine bebilderte Doppelseite mit dem Foto von ihm in seiner Schuluniform, das damals in allen Zeitungen gewesen war, als ich noch klein war.
Außerdem war da noch ein Foto von ihm, wie er seinen Eltern zum Abschied zuwinkte, die Baseballkappe verkehrt herum auf dem Kopf und mit einem Rucksack voller Dinosaurier-Aufkleber. Es war auf dem Weg zur Bushaltestelle aufgenommen worden, an dem Tag, als er zum ersten Mal allein zur Schule gefahren war.
Damals war er zehn Jahre alt, und er kam an diesem Abend nicht nach Hause.
Appell der Eltern, den Mörder ihres Sohnes zu fassen
Heute vor fünfundzwanzig Jahren wurde Samuel Catlin (10) auf dem Heimweg von der Schule entführt und ermordet. Sein Leichnam wurde später auf einem Treidelpfad entlang des Kanals beim Camden Lock in North London gefunden; sein Kopf ruhte auf einem zusammengefalteten Anorak. Trotz intensiver landesweiter Ermittlungen und großem Interesse an dem Fall, wurde der Täter nie gefasst.
Gestern appellierten seine Eltern abermals an die Öffentlichkeit, ihnen zu helfen, den Mörder ihres Sohnes zu finden.
»Samuel hatte so wunderschöne goldene Locken und ein Lächeln, bei dem einem glatt das Herz schmolz. Er wollte Hubschrauberpilot werden. Er liebte Chocolate-Chip-Cookies und Pfannkuchen – alles, was süß war. Unser Leben wird ohne ihn nie wieder so sein wie früher. Wir werden nicht aufhören zu suchen, bis wir den finden, der ihn uns genommen hat«, sagte seine Mutter Anne (59).
»Irgendjemand dort draußen weiß etwas. Vielleicht denkt er, es ist zu unbedeutend, um wichtig zu sein, aber jedes Detail zählt. Wenn Sie irgendetwas wissen, bitte melden Sie sich bei der Polizei. Wir brauchen Ihre Hilfe, um Samuels Mörder zu fassen, damit der Mensch, der unserem Sohn das angetan hat, bestraft werden kann.«
Samuels Vater kämpfte mit den Tränen, als er sagte, dass die Tatsache, dass der Mörder seines Kindes nicht zur Rechenschaft gezogen worden war, das Unglück seiner Familie noch schlimmer gemacht hätte.
Jeder, der über Informationen verfügt, wird gebeten, die Nummer der Crimestoppers anzurufen: 0800 555 111.
Die Frau gegenüber schloss die Augen und seufzte. Ihr Daumen klopfte unablässig gegen den Griff ihrer Handtasche. Ihr Mundwinkel zuckte, als bemühte sie sich, nicht zu weinen. Auch sie hatte den Artikel über Samuel Catlin gelesen.
Jetzt flüsterte sie etwas vor sich hin, so leise, dass ich es vielleicht nicht verstanden hätte, hätte ich nicht Lippenlesen können.
Sie haben ihn nie gefasst.
Sie seufzte noch einmal und bekreuzigte sich.
Ich seufzte ebenfalls. Mir ging es genauso wie ihr, doch ich wusste auch aus Erfahrung, dass ungelöste Kindesmordfälle nie ad acta gelegt werden. Vielleicht brachte der Appell der Catlins ja frische Beweise ans Licht. Allerdings war das in Anbetracht der Zeit, die seither vergangen war, ziemlich unwahrscheinlich.
Mein Blick schweifte von Neuem ab; die Zeitung fesselte meine Aufmerksamkeit nicht. Wieder und wieder hatte ich dieselbe Zeile gelesen, unfähig, mich zu konzentrieren. Ich hatte gestern Nacht geschlafen, doch es war ein mieser Schlaf gewesen: leicht und unruhig und voller Albträume, sodass es sich heute Morgen angefühlt hatte, als hätte ich kein Auge zugetan. Und es sah aus, als sei ich da nicht die Einzige.
Auf der anderen Seite des Ganges saß ein Mann mit Ringen unter den Augen, Filzstiftspuren auf den Hemdmanschetten und einem weißen Fleck auf der Schulter seines Nadelstreifenanzugs. Ein Vater also, mit einem Neugeborenen und einem Kleinkind zu Hause – dem rosa Glitzerfilzstift nach wahrscheinlich ein kleines Mädchen. Und in Anbetracht der kalkigen Farbe der Spucke ein Baby, das Fertigmilch bekam.
Die Frau neben ihm – blondes Haar, kurzer Rock, tiefer Ausschnitt – trug gerade Lipgloss auf. Die schlecht abgedeckten Schatten unter ihren Augen verrieten, dass auch sie nicht viel Schlaf bekommen hatte; doch das Lächeln, das sich in ihren Mundwinkeln hielt und der Knutschfleck an ihrem Hals ließen vermuten, dass das aus einem anderen Grund geschehen war.
Und was war mit der Frau, die immer wieder geistesabwesend über ihren kaum vorhandenen Bauch strich und ins Leere starrte? Nun ja, im Moment gähnte sie vielleicht nicht, aber wenn ich richtiglag, würde sie in weniger als neun Monaten alles über Schlafentzug wissen.
»In Kürze erreichen wir Kentish Town. Bitte vergewissern Sie sich, dass Sie beim Aussteigen all Ihre Gepäckstücke bei sich haben.«
Die Katholikin gegenüber faltete die Zeitung zusammen und steckte sie in ihre Handtasche; sie sah noch einmal nach, ob sie auch nichts vergessen hatte, ehe sie sich erhob und auf die Türen zustrebte.
Ich schaute kurz auf meine Uhr, als wir aus dem Tunnel kamen und in das Halblicht des Tages hinausschossen.
17 Uhr 27.
Die Luft war warm, der Rhythmus des Zuges hatte etwas Beruhigendes. Gerade schloss ich die Augen, den Kopf an die Fensterscheibe gelehnt, meine Tasche an die Brust gedrückt, als der Zug heftig ruckte. Ein ohrenzerreißendes Kreischen von Stahl auf Stahl gellte, als der Lokführer zu bremsen versuchte.
Ich riss die Augen auf. Dort, quer über dem Nebengleis, lagen drei zylinderförmige Shell-Tankcontainer auf der Seite – das Wort FEUERGEFÄHRLICH war in Rot in der Mitte aufgemalt.
Die Zeit verzerrte sich. Zwischen diesem Augenblick und dem nächsten lag nur der Bruchteil einer Sekunde, doch es kam mir länger vor. Eine Illusion natürlich. Das Emotionszentrum im Hirn, das aktiver wurde.
Meine Kopfhaut kribbelte. Mein Körper spannte sich. Mein Magen rutschte eine Sprosse tiefer.
Die Rushhour hatte ihren Höhepunkt erreicht. Wir waren in einer Metallröhre gefangen, Hunderte von Pendlern, eng zusammengepfercht. Männer, Frauen und Kinder. Arbeiter, die Zeitung lasen und darüber nachdachten, was es zum Abendessen geben sollte. Schulkinder, mit Hausaufgaben und Sportsachen bepackt.
Auf der anderen Seite des Ganges hielt sich die schwangere Frau mit offenem Mund den Bauch. Das Lipgloss-Mädchen hielt den Make-up-Pinsel regungslos über einer Puderdose. Die Augen des müden Vaters waren weit aufgerissen.
Ich riss die Arme vors Gesicht, eine instinktive Reaktion. Es war keine Zeit, um mich einzustemmen oder auf den Boden zu werfen. Keine Zeit, um unter einem Sitz in Deckung zu gehen oder auch nur den anderen Fahrgästen eine Warnung zuzubrüllen.
Wir waren fast mit Höchstgeschwindigkeit unterwegs. Bei dieser Geschwindigkeit und dem Abstand zwischen uns und den Tankwagen würde Bremsen nicht genügen, trotz der gewaltigen Tempoverringerung.
Ein Knall – laut wie ein Donnerschlag –, ein Ganzkörperschlag und ein harter Rückstoß, als wir die entgleisten Tankwagen rammten.
Einen Moment lang hob der Wagen ab, wurde von der Wucht der Kollision emporgeschleudert, bevor er zu Boden krachte.
Ich wurde rückwärts in meinen Sitz gedrückt, von einer unsichtbaren Hand dort festgenagelt. Die Fahrgäste mir gegenüber wurden nach vorn geschleudert; die Gewalt des Aufpralls katapultierte sie von ihren Sitzplätzen, als schlügen sie einen Salto. Ihre Nacken verdrehten sich, als ihre Köpfe gegen die Menschen und Gegenstände vor ihnen knallten.
Eine Sekunde später eine Explosion. Eine Kanonenkugel aus Feuer und Luft. Berstende Fenster. Zersplitterndes Glas. Umherfliegende Trümmer.
Die Luft war von Staub und Rauch erfüllt. Der Dieselgestank war so stark, dass ich ihn schmecken konnte, beißend und bitter. Treibstoff, der durch die Kollision zerstoben und in Brand geraten war.
Schreie waren zu hören, Stöhnen, das Weinen eines Babys. Und aus weiter Ferne das Klingeln eines Handys, Tubular Bells. Doch der Lärm war gedämpft, als hörte ich ihn durch Schaumstoff hindurch. Vorübergehender Gehörverlust durch die Explosion.
Mein Mund war staubtrocken, meine Haut schweißnass. Wir hätten in einem Hochofen stecken können, so groß war die Hitze.
Zu weit weg, um ihn zu erreichen, sah ich einen von Flammen eingehüllten Mann, durch den schwarzen Rauch hindurch nur als verschwommener Umriss zu erkennen. Überall leckten kleine Brände am versengten Kadaver des Zuges.
Der Dieselgestank wich dem ekelhaft süßlichen Geruch von verbranntem Fleisch. Ganz in der Nähe begann jemand zu husten.
Ich zitterte am ganzen Leib, doch hier ging es nicht um Kämpfen oder Fliehen, jetzt nicht mehr. Jetzt ging es um etwas Urtümliches. Es ging ums Überleben.
Verhalten nach einer Explosion gehörte zu meiner Grundausbildung. Ich wusste, was zu tun war und wie man am Leben blieb.
Ich hielt den Mund geöffnet und atmete ganz flach. Die meisten Leute glauben, das Tödlichste an einer Explosion sind die Hitze oder umherfliegende Splitter. Das stimmt nicht. Es ist der Überdruck, den die Schockwelle erzeugt.
Wir halten instinktiv die Luft an, wenn wir Angst haben, doch das verwandelt unsere Lunge lediglich in einen Ballon, der unter hohem Druck steht. Nach einer Explosion in einem geschlossenen Raum punktiert und zerfetzt die Druckwelle sie, was zu inneren Blutungen und heftigen Brustschmerzen führt. Nur ungefähr sechs Prozent der Opfer sterben an Verletzungen durch Splitter. Der Rest stirbt an den Auswirkungen einer geplatzten Lunge.
Ich betastete mein Gesicht und meinen Oberkörper, begutachtete den Schaden – eine ordentliche Platzwunde an der Wange, Prellungen, aber keine gebrochenen Rippen und keine Schmerzen in Bauch, Rücken oder Brustkorb. Das Gefühl, Watte in den Ohren zu haben, ließ nach, also war mein Hörvermögen nicht beeinträchtigt. Meine Augen schmerzten vom Rauch, doch sie brannten nicht, und ich sah auch nicht alles verschwommen. Ich konnte atmen, und als ich auf die Beine kam, stellte ich fest, dass ich laufen konnte – gerade eben so. Mein rechtes Bein war nicht verletzt, aber es funktionierte nicht richtig. Ich fiel vornüber in die Trümmer.
Scheiße, dachte ich, als ich mich mühsam wieder aufraffte. Ich taumelte zur Wand des Wagens hinüber, stützte die Hände dagegen und schaffte es, mich halbwegs aufrecht zu halten. Dann ließ ich den Blick durch den Wagen wandern, machte mich mit der Situation vertraut.
»Unten bleiben. Halten Sie sich etwas vor den Mund«, schrie ich. Meine Stimme war gedämpft, und ich fing an zu husten, als ich eine Ladung Staub einatmete.
Die Luft im Waggon war drückend heiß und schwarz vor Rauch – ein Witwenschleier. Zuerst konnte ich lediglich vage Umrisse erkennen. Menschen, die dort, wo sie gesessen hatten, eingeklemmt waren. Andere auf dem Boden, unter Trümmern und Glasscherben, von Sitzen geschleudert, die bei der Explosion aus den Seitenwänden gerissen worden waren.
Doch als der Rauch allmählich durch die klaffenden Löcher der geborstenen Fenster abzog und meine Augen sich nach und nach an die Düsternis gewöhnten, sah ich mehr. Den Vater im Nadelstreifenanzug ohne Gesicht. Eine weitere Person, schwer verbrannt und mit ausgebreiteten Armen und Beinen unter einem Metallhaufen. Den regungslosen Körper einer jungen Frau, die Augenhöhlen weit offen und leer.
In der Mitte des Wagens war ein Krater, geborstenes Glas und zerfetzte Leichen. Die Leichen von Ehemännern, Vätern und Großvätern. Von Ehefrauen, Müttern und Großmüttern. Von Söhnen und Töchtern. Brüdern und Schwestern. Menschen, die sich beeilt hatten, um den Zug noch zu kriegen. Menschen, deren Angehörige sie nie wiedersehen würden.
Ich holte Luft und sah mich abermals um, diesmal mit einem anderen Blick, einem bewertenden. Wo sollte ich anfangen?
Überall schrien Menschen und riefen um Hilfe.
Dem Mann unter dem Metallhaufen quollen Schmerzenstränen aus den Augen. Sein Brustkorb war von der Last eingedrückt worden, sein Gesicht schwarz vor Blut und Staub. Seine Hände waren geschwollen und von Splittern durchbohrt. Ich wollte zu ihm, doch zwischen uns klaffte ein breiter Spalt. Über den würde ich es niemals schaffen, wenn sich mein verdammtes Bein so anstellte wie jetzt, und selbst wenn, würde ich vielleicht nicht wieder zurückkönnen, um jemand anderem zu helfen. Lieber hierbleiben und den Verletzten beistehen, an die ich leichter herankam.
Das Lipgloss-Mädchen von vorhin lag ganz in der Nähe. Sie war blass, ihre Kleider waren zerrissen, und sie rührte sich nicht.
Ich hielt ihr meine Wange vor Nase und Mund, um zu überprüfen, ob sie atmete. Nichts. Unwillkürlich dachte ich an ihr heimliches Lächeln von vorhin. Ich strich ihr das Haar zurück und drückte die Finger gegen ihren Hals, suchte an der Halsschlagader nach einem Puls, wollte sie mit reiner Willenskraft zwingen, am Leben zu sein. Erst war ich mir nicht sicher, doch dann spürte ich es. Ein ganz schwaches Pochen. Ein Zeichen, dass sie nicht bereit war aufzugeben.
Ich setzte den Handballen in die Mitte ihres Brustkorbes, legte die andere Hand darüber und drückte zu.
»Eins, zwei, drei …«
Dreißig Kompressionen. Zweimal beatmen. Und noch mal.
Komm schon.
Ich blies Luft in ihre Lunge. Ihr Mund und ihre Luftröhre füllten sich mit Blut. Es war vorbei.
»Helfen … Sie mir«, stammelte eine zitternde Frauenstimme. Sie war nicht weit entfernt, doch ich war plötzlich völlig erschöpft. Selbst ein paar Meter zu gehen erschien wie eine enorme Leistung.
Hinkend tastete ich mich durch die Trümmer zu ihr hinüber. Bei jedem Schritt schien der Schmerz meine Rippen zu durchbohren. Meine Kehle brannte. Meine Augen taten weh.
»Helfen Sie mir«, wimmerte sie, als ich sie erreichte. Es war die Frau, die vor dem Unglück ihren Bauch gestreichelt hatte. Ihr Haar war blutverklebt. Dunkles Blut sickerte im Schritt durch ihre Jeans.
»Ich hab’s verloren, stimmt’s?«
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
»Das müssen wir abbinden«, sagte ich, obgleich mir klar war, dass sie nicht von ihrem Bein sprach.
Entlang des Oberschenkelknochens war ein tiefer Riss. Ein großes Metallbruchstück ragte daraus hervor, und Blut rann über ihre Finger, die instinktiv auf die Wunde drückten. Ich zog meine Strickjacke aus und band sie um ihren Oberschenkel. Ideal war das nicht, und es war ganz bestimmt nicht das, was Duncan als »Bringer« bezeichnet hätte, doch es war alles, was ich hatte, und mit ein bisschen Glück würde es verhindern, dass sie verblutete.
»Wie heißen Sie?«, fragte sie, als ich die Jacke auf ihr Bein drückte.
»Ziba. Ziba MacKenzie.«
»Mein Name ist Liz Cartwright. Sie müssen meinem Mann sagen, was mit mir passiert ist. Werden Sie das tun? Werden Sie es ihm sagen?«
»Sie kommen hier raus, und Sie werden es ihm selbst erzählen. Haben Sie gehört?«
Sie nickte, und ich zog den Knoten stramm.
»Und jetzt legen Sie Ihre Hand da hin und drücken schön weiter drauf«, wies ich sie an und sah mich auf der Suche nach dem nächsten Kandidaten im Wagen um.
Da sah ich sie, die Katholikin; sie lag auf dem Boden. Ich humpelte hinüber.
»Hey«, sagte ich und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Wie geht’s Ihnen?«
Das war eine blöde Frage. Als ich sie näher betrachtete, konnte ich genau sehen, wie es ihr ging. Äußere Verletzungen hatte sie nicht, doch ihre Augenlider flatterten. Am Hals hatte sie eine große pflaumenblaue Hautblutung, und ihr Oberschenkel war stark angeschwollen. Innere Verletzungen. Es gab nichts, was ich für sie tun konnte.
Seufzend schaute ich mich im Wagen um – instinktive Triage. Doch die Katholikin hatte da andere Vorstellungen.
Sie griff nach meinem Arm und packte fest zu. Ihr Gesicht war weiß und blutleer, ihre Augen weit aufgerissen. Doch sie sah gar nicht mich an. Irgendetwas anderes hatte ihre Aufmerksamkeit erregt.
Ich hätte mich vielleicht losgemacht, hätte sie mir daraufhin nicht das Gesicht zugewandt. Ihre Augen waren wie Duncans Augen. Dieselbe Mischung aus Grau und Grün, bei der ich immer an einen Bergsee hatte denken müssen. Ich kniete nieder und schob die Hand unter ihren Kopf.
Hierzubleiben verstieß gegen sämtliche Richtlinien. Es gab andere, für die meine Hilfe vielleicht ausschlaggebend gewesen wäre. Doch das war mir egal. Ich war nicht mehr bei der Spezialeinheit, und ich würde diese Frau nicht allein sterben lassen.
Hin und wieder zuckte ihr Körper, wenn ein unsichtbarer Stromschlag ihn durchfuhr.
»Ist ja gut«, sagte ich. »Ich bin hier.«
Ich wollte, dass sie meine Stimme hörte. Mir war klar, dass es keine Rolle spielte, was ich sagte, solange ich nur überhaupt etwas sagte. Solange sie wusste, dass jemand bei ihr war.
Sie versuchte zu sprechen.
»Er …«
Sie hielt inne, mühte sich ab, dann öffnete sie abermals den Mund. Flüsterte etwas Unverständliches. Doch sie war fest entschlossen, die Worte herauszuzwingen.
»Ich habe Sie nicht verstanden«, sagte ich und beugte mich hinab, um sie besser hören zu können. »Was wollen Sie sagen?«
Sie sah mich unverwandt an, umklammerte meinen Arm, holte tief Luft, so wie man es vielleicht tut, kurz bevor man unter Wasser taucht.
»Er hat es getan. Sie müssen es jemandem sagen.«
»Wer ist er?«, fragte ich. »Was hat er getan?«
»Bitte«, keuchte sie, während ihr letzter Atemzug rasselnd aus ihrem Körper entwich.
Sie war gerade lange genug am Leben geblieben, um ihre Botschaft weiterzugeben. Doch ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was diese Botschaft bedeutete.
Als schließlich das erste Notarzt-Team am Schauplatz des Geschehens eintraf, mit Helmen und Signalwesten, lockerte ich gerade die verkohlten Kleider eines halbwüchsigen Mädchens mit Verbrennungen dritten Grades, um weitere Schäden durch Schwellungen zu verhindern. Die Haut an ihren Händen war wächsern, wund und rot und mit Blasen bedeckt.
»Wir brauchen hier Mullbinden und kalte Kompressen«, schrie ich und fuchtelte mit den Armen, um mich bemerkbar zu machen.
Draußen lotsten Mitarbeiter der Bahn Fahrgäste die Böschung hinauf, während an Bord des Zuges gehfähige Überlebende anderen halfen, über die Sitze zu steigen und durch die geborstenen Fenster ins Freie zu klettern. Ein paar Meter von mir entfernt drosch ein Mann in einem Anzug, der grau vor Staub war, mit einer Metallstange auf eine Tür ein – eine Haltestange, die bei dem Aufprall herausgerissen worden war.
»Wenn Sie gehen können, kommen Sie hier rüber«, rief einer der Rettungshelfer und leuchtete mit einer Taschenlampe in den Wagen.
Stolpernd suchten sich die Überlebenden einen Weg durch das verkohlte Trümmerfeld zu ihm hin. Manche fanden Halt an den Wänden des Wagens, andere stützten sich gegenseitig.
Der Rettungshelfer streckte den Arm ins Wageninnere, um ihnen hinauszuhelfen. Einer nach dem anderen ließ sich vom Fenster zu Boden fallen und tappte benommen das Gleis entlang und zur anderen Seite, wo weitere Helfer Decken und Kaffee verteilten.
»Sie gehen doch nicht weg, oder?« Die Stimme des Mädchens wurde laut vor Panik.
»Ich lass dich nicht allein. Versuch mal, dich zu entspannen. Das wird schon wieder.«
»Gar nichts wird wieder!«, schrie eine alte Frau, die von schweren Trümmern auf ihrem Sitzplatz eingeklemmt war. »Wir werden alle draufgehen!«
»Niemand geht hier drauf,« gab ich mit so viel Autorität zurück, wie meine Stimme nur vermitteln konnte, und auch mit einiger Gereiztheit. Hysterie würde niemandem helfen.
»Sie sollten sehen, dass Sie hier rauskommen«, meinte ein Rettungshelfer, während er überprüfte, ob das Mädchen ungehindert atmen konnte. Mit einem Kopfnicken deutete er auf die Schnittwunde an meiner Wange. »Lassen Sie sich versorgen.«
»Ich habe ihr versprochen, dass ich hierbleibe. Wie kann ich helfen?«
Er zuckte die Achseln.
»Sorgen Sie dafür, dass sie ruhig bleibt«, flüsterte er. »Plaudern Sie ein bisschen mit ihr.«
Small Talk ist nicht meine Kernkompetenz, und mit weiblichen Teenagern bin ich noch nie besonders gut zurechtgekommen, nicht einmal, als ich selbst einer war.
»Also, auf was für Musik stehst du denn so?«, erkundigte ich mich.
Das schien mir ein ungefährliches Thema zu sein.
»Vor allem auf Klassik«, antwortete sie und krümmte sich vor Schmerz. »Klavierspielen ist mein Leben. Im Februar spiele ich an der Juilliard School vor.«
»Du hast bestimmt echt Talent.« Ich wandte den Blick ab; ich wollte nicht, dass meine Miene ihr verriet, was ihr noch nicht klar geworden war.
»Was jetzt?«, fragte ich den Rettungshelfer, als der das Mädchen auf eine behelfsmäßige Trage packte.
Meine Arme zitterten. Ich fühlte mich völlig ausgelaugt, doch die Schmerzen in meinem Bein ließen nach, und ich konnte es belasten. Das hieß, ich konnte mich nützlich machen.
»Wir müssen einen Weg freiräumen, damit wir die Verletzten rausschaffen können.«
»Roger«, sagte ich und krempelte die Ärmel hoch.
Erst später, als ich draußen war und neben dem völlig demolierten Zug und der fünfzehn Meter hohen Wolke aus scharf riechendem Qualm stand, wurde mir schlagartig das ganze Ausmaß des Unglücks bewusst.
Wie war das passiert? Wie war aus einer ganz alltäglichen Bahnfahrt ein apokalyptischer Albtraum geworden? Wie war aus der Frage, ob heute der Tag war, an dem ich endlich in der Lage sein würde, mich selbst vom Sofa hochzuzerren, die Frage geworden, ob ich gleich als Dosenfleisch enden würde?
In meinem Beruf hatte ich jede Menge Leichensäcke zu Gesicht bekommen, doch das hier war etwas anderes. Und es hatte auch seine Wirkung auf mich. Als der Rauch den Wagen erfüllte, lichtete sich der Nebel, in dem ich die letzten paar Wochen gesteckt hatte. Den Menschen in diesem Zug zu helfen hatte mich wieder daran erinnert, was ich am besten kann. Wenn das Haus brennt, laufe ich nicht davon. Ich stürze mich in die Flammen.
Als ich mich umblickte, konnte ich sehen, dass ich nicht die Einzige war. Männer und Frauen, die vorhin geschubst und gedrängelt hatten, um in den Wagen zu gelangen, standen jetzt völlig Fremden bei.
Die Rushhour bringt vielleicht das Schlimmste im Menschen zum Vorschein, bei einer Tragödie jedoch zeigt sich das Beste in ihm.
Später machten Geschichten die Runde. Heroische Handlungen, Wildfremde, die einander halfen. Ein Mann zog ein Mädchen unter einem Trümmerhaufen hervor, obgleich er selbst schwer verletzt war. Ein anderer schaffte es aus dem Wagen, in dem er gewesen war, nur um in die zertrümmerten Überreste des Waggons davor zu steigen, um zu versuchen, den Überlebenden zu helfen, die darin eingesperrt waren.
In diesem Moment jedoch sah ich lediglich schlichte Menschlichkeit, von der Sorte, wie sie in den Nachrichtenprogrammen nie erwähnt werden würde. Ein Junge in einem Kapuzensweatshirt ließ eine alte Frau mit einer Schnittwunde an der Wange aus seiner Wasserflasche trinken. Eine Frau half einem humpelnden Mann die Gleise hinunter. Verhalten, bei dem man denkt, vielleicht ist die Welt ja doch nicht ganz so kaputt, wie man gedacht hat.
Und die ganze Zeit quälte mich eine Frage, gab einfach keine Ruhe.
Wer war die Katholikin? Und was hatte sie mir zu sagen versucht?
Ich verschränkte die Arme, schob die Hände in die Achselhöhlen und drückte meine Jacke fest an den Körper. Der Schweiß auf meinem Rücken kühlte allmählich ab. Abendkälte lag in der Luft. Es hatte zu nieseln begonnen.
In der Ferne hörte ich Sirenen jaulen, und überall klingelten Handys. Es hatte sich herumgesprochen. Freunde und Verwandte wollten wissen, was mit ihren Lieben war.
Ich hatte im Zug meine Handtasche verloren, doch mein Handy steckte noch immer in meiner Hosentasche. Instinktiv tippte ich auf Duncans Namen. Es klickte in der Leitung.
»Diese Nummer ist nicht vergeben.«
Meine Hand fing an zu zittern. Das Telefon rutschte mir aus den Fingern.
»Hey, Schätzchen. Alles klar?«, sagte eine alte schwarze Frau mit wolligem Haar und einer tiefen Platzwunde über dem Auge – noch eine Überlebende.
Sie hob mein Handy auf und legte den Arm um mich, hielt mich fest. Bei diesem Kontakt mit einem anderen Menschen schnürte sich mir die Kehle zu.
Es war blöd, aber wie ich jeden Morgen auf die andere Seite des Bettes nach meinem Mann greife, ungeachtet der Tatsache, dass er inzwischen länger tot ist, als wir verheiratet waren, ist ja auch blöd. Und dass die kalte Stelle, wo er liegen sollte, mich jedes Mal ganz kurz erschreckt, auch. Nach all der Zeit rechne ich immer noch damit, dass er da ist, so wie ich eben damit gerechnet hatte, dass er an sein Handy geht.
Sein Tod hat die Welt in einen leeren Abgrund verwandelt; alles, was noch übrig ist, sind Staub und Steine. Wer auch immer gesagt hat »Es ist besser, geliebt und verloren zu haben, als niemals geliebt zu haben« hatte sie nicht mehr alle. Keine Sekunde vergeht, ohne dass ich den kalten Sog seiner Abwesenheit spüre.
Ich wünschte, ich wüsste, wie ich dich vergessen kann, Duncan. Lieber wäre ich dir nie begegnet, als allein in diesem Abgrund zu existieren.
»So ist’s recht. Ich hab Sie«, sagte die Frau mit dem wolligen Haar, mein Gesicht fest an ihre Seite gedrückt. Die Wärme ihres Körpers erinnerte mich an etwas aus einem anderen Leben.
»Die haben in einer Grundschule ein behelfsmäßiges Triage-Zentrum eingerichtet. Kommen Sie, wir gehen zusammen hin.«
»Ist schon okay, es geht schon.«
Sie drehte mich herum, die Hände auf meinen Unterarmen, und schaute auf mich hinab. Dabei war sie nicht groß, aber sie war größer als ich – die meisten Leute sind größer als ich. Ihre Miene war die eines Rekrutenschinders, mit der dazu passenden Stimme.
»Sie sehen mir aber nicht gar nicht okay aus. Das ist ’ne üble Platzwunde, die Sie da im Gesicht haben. Ich würde sagen, die muss genäht werden.«
Was für ein Aufstand wegen ein bisschen Blut! In der Wüste hatten wir so etwas selbst versorgt. Sekundenkleber hält Wundränder ebenso gut zusammen wie Stiche; wir hatten alle welchen in unseren Tornistern. Draußen im Feld lernt man, mit dem auszukommen, was man hat.
Einmal, ist schon eine ganze Weile her, da hatte einer meiner Kameraden es geschafft, sich ins Bein schießen zu lassen. Aus irgendeinem Grund hatte er keine Erste-Hilfe-Ausrüstung und auch keine Druckkompressen in seinem Rucksack. Aber wenigstens ein Paar saubere Socken hatte er dabei.
Ich entrollte sie, klappte sie einmal zusammen und drückte sie auf seine Wunde; dann riss ich mir einen Ärmel ab, um sie zu fixieren. Ich bin kein Sani, aber es hat funktioniert.
Ich überlegte, ob ich das alles zu der Frau sagen sollte, die jetzt gerade mir half, doch ich hatte nicht die nötige Energie zum Geschichtenerzählen, und ganz ehrlich, es lohnte sich nicht.
»Gehen Sie ruhig«, meinte ich stattdessen. »Ich komme gleich nach. Ich muss nur kurz telefonieren.«
Sie gab mir mein Handy und ging davon. Diesmal klickte ich auf die Nummer von Jack Wolfe.
Es ist 07 Uhr 07 am 7. Oktober. Dieser Moment ist pure Perfektion. Eine Dreifaltigkeit der Siebenen.
Der Mann, der sich Raguel nennt, betrachtet die Ziffern auf seinem Wecker einen Augenblick lang, ehe er sich im Bett aufsetzt. Seine Beine sind ganz verkrampft von der fest zusammengekrümmten Embryonalhaltung, in der er immer schläft. Er würde den Wecker gern länger anschauen, aber er traut sich nicht.
Ihm bleiben nur sechzig Sekunden, bevor die Ziffern umspringen, und dann ist es zu spät. 07 Uhr 08 ist bedeutungslos, sogar unordentlich. 07 Uhr 07 ist anders. Gesegnet.
Er stellt den Wecker neu, dann schwingt er die Beine über den Bettrand und tastet mit den Füßen nach seinen Pantoffeln. Sie sind weich und braun, mit harter Plastiksohle, nicht aus gelbem Schaumgummi wie die an dem anderen Ort.
Als er sich vornüberbeugt und seine Zehen berührt, um die Durchblutung in Gang zu bringen, ertönen die Stimmen in seinem Kopf.
»Beeil dich«, sagen sie; ihr Wispern ist wie dahingleitende Schlangen. »Mach schnell, schnell, schnell, sonst verpasst du sie.«
Er intoniert das Vaterunser, spricht es leise weiter, während er auf Zehenspitzen ins Bad geht. Es gibt keinen Grund, leise zu sein oder so zu gehen, doch er tut es trotzdem. Alte Gewohnheiten wird man schwer los.
Er pisst und dreht dann den Wasserhahn auf. Das Wasser ist eiskalt, lässt seine Hände knallrot werden. Wenn er es ein bisschen laufen ließe, würde es wärmer werden, aber dafür ist keine Zeit. In zehn Minuten muss er zum Aufbruch bereit sein – um 07 Uhr 17 –, und vorher ist noch zu viel zu tun.
Er hält die Hände unter den Strahl. Zählt bis sieben. Dreht sie um. Zählt bis sieben. Dreht sie um. Zählt bis sieben. Wieder und wieder, bis beide Seiten sieben Sekunden lang abgespült worden sind, je siebenmal. Es ist wichtig, alles richtig zu machen. Sonst geht alles aus den Fugen.
Er geht zurück ins Schlafzimmer. Er wohnt jetzt schon eine ganze Weile hier, aber Privatsphäre fühlt sich noch immer an wie Luxus – etwas, worin man schwelgen muss.
»In allem sage Dank, denn dies ist Gottes Wille«, sagt er laut und schlägt das Kreuz.
Die wispernden Stimmen bekunden murmelnd ihre Zustimmung.
»Ja, gut. Gut. Sehr gut.«
Die schattenhafte Gestalt, die sich in der Ecke versteckt, regt sich.
07 Uhr 11. Tick-tack. Raguel muss sich beeilen. Er macht sein Bett, zieht Laken und Decke heraus, sodass sie auf allen Seiten gleich weit herabhängen, ehe er sie unter die Matratze stopft. 7 Uhr 13. Noch vier Minuten. Aber vier und drei macht sieben. Das kriegt er hin.
»So Gott will«, sagt er rasch, als das Wispern einen kritischen Tonfall annimmt. Er zählt und zieht dabei seine gestreifte Pyjamahose aus, faltet sie zusammen und legt sie auf sein Kopfkissen. Dann streift er sein Unterhemd ab und achtet darauf, es präzise zusammenzufalten, bevor er es auf die Hose legt. Während er immer noch zählt, zieht er ein Paar Unterhosen an, weiße Socken, dunkelblaue Bundfaltenhosen, Hemd und Krawatte, und geht dabei nie zum nächsten Kleidungsstück über, bevor er die heilige Zahl erreicht hat.
Er sieht in den Spiegel und lächelt, zufrieden mit seinem Spiegelbild. Die meisten der anderen tragen keine Krawatten, aber er sieht gern gepflegt aus. Manieren machen den Mann, hat seine Mutter immer gern gesagt. Kleider gebieten Respekt.
Er gibt dem Ficus auf der Fensterbank etwas zu trinken, sieben kurze Schlucke aus der grünen Gießkanne, schlingt mit sieben sorgsamen Bissen eine Banane hinunter und putzt sich siebenmal die Zähne; Putzen, Spülen, Spucken und dann das Ganze noch mal. Die ganze Zeit hat er die Uhr im Blick.
07 Uhr 17. Er hat es geschafft. Er ist für heute auf dem richtigen Kurs.
Der Herr wird sich freuen, so wie er sich gefreut hat, als Raguel auf jenen ersten Ruf geantwortet hat und ihm sein neuer Name zugeflüstert wurde, als der Mond rot leuchtete.
Raguel. Er hatte dort am Wasser gesessen und die Buchstaben an seinen langen Pianistenfingern abgezählt, hatte an den Geheimcode gedacht, den ihn seine Mutter gelehrt hatte, als er klein war. Jeder Buchstabe hat eine numerische Position im Alphabet. A=1, B=2 und so weiter, hatte sie gesagt.
Aber die Buchstaben in »Raguel« addierten sich zu vierundsechzig. Das hatte doch nichts mit sieben zu tun.
Das kann nicht stimmen, hatte er gedacht und mit den Nägeln seine Haut zerkratzt. Hatte sich gequält.
Er hatte tief graben müssen, um die Antwort zu finden.
Vierundsechzig. Sechs und vier. Sechs mal vier ist gleich vierundzwanzig. Vierundzwanzig Priester haben in König Davids Tempel gedient. Und, hatte er gedacht und war allmählich in Wallung geraten, wenn man von vierundsechzig eins (die Zahl Gottes) abzieht, dann bekommt man dreiundsechzig. Dreiundsechzig geteilt durch sieben ist gleich neun. Christus war in der neunten Stunde gestorben und nach seiner Auferstehung neunmal erschienen. Es war in Ordnung. Die Zahlen funktionierten.
Sieben und neun. Vierundsechzig. Heilige Zahlen, miteinander verknüpft, um einen Namen zu schaffen, der ihn vor Schaden bewahren würde.
Und jetzt folgen diesem Gedanken noch weitere, Gedanken, die er nicht kontrollieren kann. Gedanken an die Vergangenheit und daran, wie Katie ihn verlassen hat. Stöhnend presst Raguel die Hände an die Schläfen.
Er hat Tabletten, damit er sich ruhiger fühlt, aber davon bekommt er das Zittern und sieht alles ganz verschwommen. Trotz der Warnungen der Ärzte zieht er die Selbstmedikation vor.
Selbstverständlich würde er ernsthafte Schwierigkeiten bekommen, wenn jemand von seinem Drogenkonsum erfahren würde, aber manche Risiken sind es eben wert. Und außerdem ist heute ein besonderer Tag, da muss er sich stark fühlen.
Er taucht die Spitze seines Messers in den Beutel und saugt die zu Pulver zerkleinerten Kristalle mit der Nase ein.
Siehst du, denkt er, als er sich noch eine Ladung genehmigt. Er braucht Katie nicht. Er kann für sich selbst sorgen. Dann, eine Sekunde später: Die kann ihn mal, ihn einfach abzuservieren, und noch eine Sekunde später ist Katie aus seinen Gedanken verschwunden.
Sein ganzer Körper vibriert vor Euphorie. Vergiss Katie. Vergiss die Sieben. Vergiss, was er vergessen wollte. Er ist unbesiegbar. Er kann alles. Er ist der König der Welt.
Der Wecker piepst. Raguel steckt seinen kleinen Beutel wieder in die Schublade und eilt zur Tür, hält kurz inne, um die Obstschale zurechtzurücken, damit sie auch genau in der Mitte des Tisches steht.
Und dann ist er weg.
Jetzt ist es Abend. Raguel ist wieder auf dem Bahnhof; er zwirbelt die Schnurschlinge in seiner Tasche, nagt an seiner Unterlippe. Er kann die Frau, die er liebt, auf dem Bahnsteig warten sehen, eine Zeitung in der einen und ihre Handtasche in der anderen Hand.
Sie nimmt immer diesen Zug nach Hause. Er fährt immer mit. Und obgleich er niemals mit ihr redet, ist es ein Trost zu wissen, dass sie zusammen sind und dieselbe Luft atmen.
»Auf Bahnsteig 1 fährt ein der Zug des Thameslink Service in Richtung Norden, über King’s Cross und St. Pancras. Bitte bleiben Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit immer hinter der gelben Linie.«
Raguel tritt zurück, die Arme fest um den Oberkörper geschlungen, als die Menge nach vorn drängt. Er mag es nicht, wenn man ihn berührt; selbst beim leisesten Streifen hat er das Gefühl, dass ihm Gewalt angetan wird.
Er schlüpft gerade noch durch die Schiebetür, bevor die zuknallt und der voll besetzte Zug aus dem Bahnhof schießt.
Rasch sieht er sich um. Wo ist sie? Ist sie etwa in einen anderen Waggon gestiegen? Warum ist sie nicht hier?
»Schschschwachkopf, Schschschwachkopf«, zischeln die wispernden Stimmen, hallen in seinen Ohren wider.
Er spürt, wie ihm eine Ameisenmannschaft die Unterarme hinaufkriecht. Er schlägt nach den Viechern und kratzt sich, doch er kann nichts tun, um sie loszuwerden.
»Ssso ein Schschschwachkopf«, sagen die Stimmen erneut.
Ihr Kommentar ist unablässig, erbarmungslos.
Er schließt die Augen und sagt leise sieben Ave-Marias vor sich hin. O Gott der Gnade und des Mitleids, lass das genug sein.
Als er die Augen wieder öffnet, sieht er, wie sie sich Zeug auf die Lippen schmiert. Ein Heide in Ledermontur, der eine Halskette mit einem Totenschädel trägt, hat ihm die Sicht versperrt, aber sie ist hier, sein Engel.
Es ist Jahre her, seit sie das letzte Mal miteinander gesprochen haben, doch er sorgt dafür, dass er sie jeden Tag sieht. Ist ihr Schatten auf dem Weg zur Arbeit und wieder zurück. Folgt ihr abends vom Bahnhof nach Hause. Sieht von unten auf der Straße aus durch die Fenster zu, wie sie oben umhergeht. Diese Jahreszeit ist genau richtig dafür. Das Licht wird früh angemacht, und man kann leichter hineinschauen, wenn die Zimmer erleuchtet sind.
Sie sollen zusammen sein, sie und er. Ihr zu folgen verbindet sie; dabei fühlt er sich sicher. Doch manchmal reicht das nicht.
Raguel weiß, sie billigt, was er getan hat, aber trotzdem verlangt es ihn danach, sich ihr zu erklären. Ist das ein weiterer Grund, warum er ihr folgt, weil es da etwas Unerledigtes zwischen ihnen gibt?
In seiner Kehle baut sich ein Druck auf, der Puls pocht hart in seinem Hals.
Sein Sehnen danach, dass sie ihn versteht, ist fast etwas Stoffliches. Jedes Mal, wenn er sie sieht, geht sein Atem flach, und sein Herz verwandelt sich in einen Löwen, der in seinem Brustkorb eingesperrt ist. Manchmal muss er sich auf die Zunge beißen, damit er nicht laut nach ihr ruft.
»Tsss-tsss«, wispern die Stimmen. »Jungchen, Jungchen. Ungenügend.«
Raguel drückt die Hände gegen die Ohren und summt, um sie zu übertönen, doch die Stimmen werden immer lauter.
»Trage dein Kreuz«, sagen sie. »Deine Strafe.«
Sie haben ja recht. Dies ist der Preis, den er dafür bezahlen muss, dass er Gottes Gesetz gebrochen hat, um sein Schöpferwerk zu tun. Er muss das Leben eines Gespensts führen, unsichtbar für den einzigen Menschen, den er jemals aufrichtig geliebt hat.
Doch er kann nicht aufhören, sie anzustarren. Sie blickt auf und scheint ihm einen Moment lang in die Augen zu sehen, dann senkt sie den Kopf. Eine Spinne kriecht Raguels Rückgrat hinunter.
Hat sie ihn gesehen? Hat sie ihn erkannt? Es ist doch so viele Jahre her, aber vielleicht …
Die Ränder seines Gesichtsfeldes verschwimmen. Er fängt an zu schwitzen und zu schwanken. Ist das wirklich passiert? Hat sie ihn wirklich angesehen, oder war das bloß eine Halluzination? Die bekommt er häufiger, wenn er von einem Drogen-High wieder runterkommt.
Er zwingt sich, langsamer zu atmen. Atmet ein, zählt bis sieben. Ein Elefant. Zwei Elefanten. Dann zählt er beim ausatmen rückwärts. Sieben Elefanten. Sechs Elefanten. Die Elefanten sind wichtig, sie verhindern, dass er zu hastig zählt.
Wieder atmet er ein. Auf sieben ein. Auf sieben aus. Siebenmal. Erst als der Lokführer verkündet, dass sie in Kürze den nächsten Bahnhof erreichen, wird er schneller. Er muss wieder von vorn anfangen, wenn er nicht fertig ist, bevor der Zug hält.
Seine Finger tippen siebenmal seitlich gegen sein Hosenbein. Er leckt sich siebenmal die Lippen. Und er blinzelt siebenmal. Ein Schutzschild gegen 666, ein Bollwerk gegen den Teufel.
Er ist so weit gekommen, seit der Satan ihn in der Hand hat, denkt er. Und mit diesem Gedanken kommen noch mehr, winden sich in seinem Bewusstsein ganz nach vorn, schreien in seinem Kopf, entsetzlicher als jede Illusion, die sein Verstand erzeugen kann.
Er schlägt die Hände vor die Augen. Hört sein Herz in seinen Ohren hämmern. Sein Körper beginnt zu zittern.
Der Zug ruckt heftig. Ein kreischendes Geräusch ertönt, als er bremst, ein lauter Knall, als er mit irgendetwas auf dem Gleis kollidiert.
Und dann zerfetzt eine Explosion den Wagen.
Zuerst ist alles schwarz. Als er zu sich kommt, liegt Raguel in Kreuzigungspose auf dem Boden des Zuges: die Arme weit vom Körper abgespreizt, die Beine gerade ausgestreckt.
Später wird er das für ein Zeichen halten. Jetzt ist er einfach nur erleichtert, noch am Leben zu sein, obgleich er sich, als er das Bewusstsein wiedererlangt, zuerst fragt, ob er nicht doch tot ist. Diese sengende Helligkeit, dann die Dunkelheit; das könnte doch die Straße ins Jenseits gewesen sein.
Überall brennt es. Die Hitze ist unerträglich. Menschen schreien, rufen um Hilfe. Vielleicht ist dies ja doch die Hölle? Die Feuergruben, die gemarterten Seelen. Es ist alles da.
Aber nein, sein Schöpfer würde ihn doch nie der Unterwelt überantworten. Raguel ist der Diener des Herrn, sein Platz ist an der Seite seines Gebieters im Himmel. Das Werk, das er getan, den Ruf, auf den er geantwortet hat; der Herr würde ihn nicht dazu verdammen, Satans Qualen zu erdulden.
Er müht sich ab, die Augen zu öffnen. Seine Wimpern sind staubverklebt. Ohne nachzudenken, wischt er mit den Spitzen seiner langen, weißen Finger darüber. Das ist ein Fehler. Seine Hände sind schmutzig, und jetzt brennen seine Augen. Er blinzelt den Dreck und den Schmerz weg und lässt dann von dort, wo er flach auf dem Rücken liegt, den Blick durch den Wagen schweifen.
Es ist dunkel, und die Luft ist voller Qualm. Er hält sich den Hemdsärmel über die Nase und späht mit zusammengekniffenen Augen in die Finsternis. Zuerst sieht er nur Umrisse, menschliche Leiber, manche bewegen sich, andere nicht. Allmählich gewöhnen sich seine Augen an die Düsternis. Nach und nach verzieht sich der Rauch.
Er stemmt sich hoch, blickt wild um sich. Wo ist sein Engel, sein Liebling? Ist sie verletzt?
Ungeachtet des Risikos sucht Raguel nach ihr. Irre vor Angst stolpert er über Trümmer und Menschen; der übliche Abscheu davor, berührt zu werden, wird vom Gefühl der Dringlichkeit erstickt. Er muss sie finden. Er muss wissen, dass sie in Sicherheit ist.
Der Rauch löscht alle Gesichter und Strukturen aus, der Wagen ist ein verbogenes Wrack. Überall sind Menschen. Menschen und Steine und Metall und Glasscherben. Wie soll er sie in diesem Durcheinander finden?