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Der Elefant im Zimmer

Eine Anleitung zur Zivilcourage – klug, packend, aktuell

Warum deckt eine Kirchenbehörde einen Kardinal, von dem intern seit Jahrzehnten bekannt ist, dass er Schüler und Novizen sexuell missbraucht? Warum will in einem Untersuchungsausschuss nicht mal die Opposition den Fehltritt einer Ministerin wirklich aufklären? Warum akzeptieren die Künstler einer Akademie ein Verbot von Dichterlesungen? Weniger der Machtmissbrauch an sich ist unheimlich – Menschen haben nun mal diese Neigung – als das verdruckste, verworrene, widersprüchliche, explosive Verhältnis der Untergebenen dazu. Petra Morsbach erkundet es in drei spannenden Reportagen. Über die moralischen Dilemmata hinaus zeigen die Szenarien vielschichtige, fesselnde Geschichten, deren Muster jedoch auch in Alltagssituationen erkennbar sind, ob in Familie oder Verein, Ausbildung oder Beruf, Kita oder Behörde. Eine präzise und verständliche Analyse der Mechanismen von Machtmissbrauch und dessen Duldung – und eine hilfreiche Anleitung zum Widerstand, die durch Corona eine besondere Aktualität erlangt hat. Wie achtet und beachtet man Grundrechte? Wie verteidigt man sie? Und wie holt man sie zurück, wenn sie verloren gegangen sind?

Petra Morsbach, geboren 1956, studierte in München und St. Petersburg. Danach arbeitete sie zehn Jahre als Dramaturgin und Regisseurin. Seit 1993 lebt sie als freie Schriftstellerin in der Nähe von München. Bisher schrieb sie mehrere von der Kritik hoch gelobte Romane, u. a. Plötzlich ist es Abend, Opernroman, Gottesdiener und Justizpalast. Besondere Aufmerksamkeit erfuhr auch ihr preisgekrönter Essay Warum Fräulein Laura freundlich war. Über die Wahrheit des Erzählens über das Phänomen, dass die Sprache mehr zu wissen scheint als der Mensch. Morsbachs Werk wurde mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet, u. a. dem Literaturpreis der Konrad Adenauer-Stiftung, dem Jean-Paul-Preis und dem Wilhelm-Raabe-Preis.

»Als Skulptur würde Morsbachs Justizia, statt eine Augenbinde zu tragen, leise mit den Augen lächeln.« Süddeutsche Zeitung, Hubert Winkels, über Justizpalast

»Petra Morsbach bricht Tabus, aber mit einer von Klarheit und Redlichkeit durchzogenen Sprache und Gedankenführung – eine beglückende Erfahrung.«
Frankfurter Neue Presse, Dierk Wolters, über den Essay
Warum Fräulein Laura freundlich war

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PETRA MORSBACH

DER ELEFANT
IM ZIMMER

ÜBER MACHTMISSBRAUCH
UND WIDERSTAND

ESSAY

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ISBN 978-3-641-23577-2
V002
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Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. […] Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt.1

Immanuel Kant

INHALTSVERZEICHNIS

Vorbemerkung aus gegebenem Anlass

Vorwort

DIE PRAXIS

Das Buch Groër: Alte Sünden

Der Fall Haderthauer: Stresstest

Bericht aus einer Akademie: Sturm im Reagenzglas

Nachwort

Der Katalog: 33 Empfehlungen und Überlegungen

Corona-Nachbemerkung

Anhang

Detailliertes Inhaltsverzeichnis

Anmerkungen

Textnachweise

Zitatnachweis

Dank

VORBEMERKUNG AUS GEGEBENEM ANLASS

Den vorliegenden Essay schrieb ich zwischen Herbst 2017 und Frühling 2020, doch das Thema hatte mich schon seit Jahren bewegt. Kurz gesagt ging es um die Beobachtung, dass Menschen gegenüber Machtmissbrauch erstaunlich wehrlos sind, obwohl sie das Gesetz auf ihrer Seite haben. Warum verteidigt man mit gewaltiger Energie lieber den Anschein einer Ordnung als die Ordnung selbst? Warum verzichtet man ohne Not auf eigene Rechte, zum Schaden auch unserer kostbaren demokratischen Kultur? Offenbar wirken hier Antriebe, die alle rationalen Bekenntnisse unterlaufen, ohne dass das überhaupt bemerkt würde. Im Essay folgte ich den Spuren dieser Antriebe in der Sprache, die in realen Konflikten gesprochen wurde; denn die Sprache scheint mehr zu wissen als der Mensch.

Es hat eine gewisse Komik, dass jedes Thema, über das man gründlich genug nachdenkt, von den Zeitläuften (vorübergehend?) überholt wird. Während der Endkorrektur des Manuskripts kam die Corona-Woge und mit ihr der zivile Ausnahmezustand. Meine Frage war gewesen, warum Unmächtige ohne Not Willkür hinnehmen und sogar verteidigen, obwohl sie dadurch geschädigt werden. Mit Corona hatten wir plötzlich eine reale Notlage, die viel weitergehende Gehorsamsforderungen zu rechtfertigen schien. Das Geschehen ist immer noch zu neu und komplex für eine klare Diagnose, zudem widersprüchlich wie alle menschlichen Dinge: Einerseits werden Machteffekte durch die Krise verstärkt, andererseits gibt es endlich die Grundsatz- und Grundrechtsdiskussion, die ich in meinen Beispielfällen aus der Zeit vor Corona so schmerzlich vermisst hatte. Einerseits haben wir eine aufregende, intensive Debatte, die von pragmatischen Überlegungen (Gesundheit versus Wirtschaft) bis zu philosophischen Reflexionen reicht, andererseits wird sie durch den Protest extremistischer Kreise verzerrt. Insofern gewinnt das Hauptthema dieses Buches gerade jetzt eine zusätzliche Relevanz: Wie achtet und beachtet man Grundrechte? Wie verteidigt man sie? Und wie holt man sie zurück, wenn sie verloren gegangen sind?

 

Petra Morsbach,

im Mai 2020

VORWORT

Aufklärung ist Erhellung des Bestehenden. Der Trieb zu erhellen hat in sich die Utopie der Helligkeit.
Und die verborgene Energiequelle dieses Triebes wird wohl die Hoffnung sein.2

Markus Werner

Eine Erfahrung

Vor Jahren geriet ich wegen einer Lappalie – ich war einem Hinweis nicht gefolgt, der als indirekter Befehl gemeint gewesen war – in Konflikt mit ein paar »Mächtigen« meiner Zunft. Zunächst war ich von einem Missverständnis ausgegangen, denn ich hielt Hierarchien und Gehorsamsforderungen in der Literaturszene für absurd und wäre nie auf die Idee gekommen, dass man das anders sehen könne. Die »Mächtigen« aber – ich setze sie in Anführungszeichen, weil von offiziellen Strukturen keine Rede sein konnte – reagierten mit bestürzender Vehemenz. Nachdem ich mich erholt hatte, fragte ich mich, was eigentlich geschehen war.

Zunächst war es nur ein Einzelner gewesen. Er hatte auch nicht direkt Gehorsam gefordert, sondern Einsicht in die Unterlegenheit meines künstlerischen Urteils. Ich wunderte mich. Er wurde immer aufgeregter, als hinge sein Selbstwert davon ab, dass er mir seinen Willen aufzwang. Ich fand, Unterwerfungsgesten dienten weder der Kunst noch mir noch ihm, der eigentlich ein sympathischer und begabter Mensch war. Inzwischen hatte er begonnen, Züchtigungsbriefe im Thomas-Mann-Stil zu schreiben. Auf mich wirkte er wie von einer Krankheit befallen.

Die Episode wäre keiner Erwähnung wert, wenn nicht fast alle aktiven Kollegen der Institution sich auf seine Seite gestellt hätten. Eine Frau redete mir ins Gewissen: Er sei ein empfindsamer Mann, er brauche das halt, ich möge Rücksicht nehmen. Einige Männer ergriffen aggressiv seine Partei. Ein besonnener Kollege riet davon ab, mich »wegen so etwas« zu »exponieren«. Ein weiterer sprach eindringlich von einem Gebot des »Friedens«. Die meisten schienen sich zu wundern, wie man überhaupt in meine Lage geraten könne.

Warum verteidigten Leute, die für eine intellektuelle Elite gehalten wurden, so einmütig eine Hierarchie, die es offiziell gar nicht gab? Warum erregte sich eine Szene, deren Prestige auf der Verehrung freier, mutiger Individualität beruht, darüber, dass jemand einen Gehorsam verweigerte, den er niemandem schuldig war? Es gab kein literarisches Argument, keinen Hauch von Skepsis gegenüber Autoritätsgebärden, keinen noch so schwachen machtkritischen Reflex – als hätte der empfindsame Mann die Runde in eine Art Machtwahn versetzt.

Bald stellte sich heraus, dass das Spektakel kein gruppendynamischer Fehltritt gewesen war, sondern eine eher harmlose Einführung ins Milieu.

Kein Einzelfall

Wenn ich Bekannten davon erzählte, kamen oft ähnliche Geschichten zurück: aus Behörden und Firmen, Akademien und Bibliotheken, Instituten und Universitäten. Meine Geschichte war im Vergleich dazu nur ein Sandkastenspiel, doch die Muster ähnelten sich verblüffend.

Es begann immer ähnlich: Angehörige eines Systems wehrten sich gegen eine problematische Anweisung oder wiesen auf einzelne Fehler hin in Erwartung von Abhilfe. Sie hielten diesen Vorgang für rational: Schließlich ist jedes System so wie jeder Mensch auf Korrekturen angewiesen. Auch passive Kolleg*innen, die von den Missständen betroffen waren, schienen das so zu sehen. Die Vorgesetzten aber ignorierten den Hinweis oder ließen ihn nach einer Scheindiskussion versanden. Wer nachhakte, erlebte böse Überraschungen: ironisches Entgegenkommen ging in Spott, Einschüchterungsversuche, Drohungen und Disziplinarmaßnahmen über. Sobald die Chefs begannen, Kritik als Angriff auf die Institution auszugeben, richtete sich in der Belegschaft die Stimmung gegen den Kritiker, die Solidarität schwand, ein autoritäres, aggressives Klima breitete sich aus. Ich kenne kein Beispiel, in dem eine gekippte Betriebskultur sich danach von selbst wieder aufgerichtet hätte. Korrekturen gab es – wenn überhaupt – immer erst nach schweren Schäden, Skandalen und Sanktionen.

Die Frage

Wie können hohe soziale Standards so rasch kollabieren, ohne Druck und Zwang von außen? Woher unsere Wehrlosigkeit angesichts der immer selben Muster, und das so kurz nach der singulären Machtmissbrauchs-Katastrophe des »Dritten Reichs«? Unheimlich ist dabei weniger der Machtmissbrauch an sich – Menschen haben nun mal diese Neigung – als das verdruckste, verworrene, widersprüchliche, explosive Verhältnis der Untergebenen dazu. Warum empfinden viele Menschen schon die formelle Kritik an einer unsauberen Anweisung als Provokation? Kann es sein, dass im dritten Millennium unser Verhältnis zur Macht ein Tabu ist ähnlich dem zur Sexualität im 19. Jahrhundert? Alle sind davon betroffen, Macht bestimmt erheblich unser Leben, doch wir verdrängen oder mystifizieren sie, und je mehr wir das tun, desto hilfloser gehen wir mit ihr um. Offenbar wirken hier psychische Mechanismen, die stärker sind als die hochdifferenzierten Regelwerke zur Machtkontrolle, die nach der Nazi-Katastrophe bei uns installiert wurden.

Dabei befassen sich mit dem Thema Macht auf sehr hohem Niveau fast alle intellektuellen Disziplinen: Staats- und Rechtswissenschaft, Biologie, Ethnologie, Anthropologie, Soziologie, Psychologie, Philosophie, Kunst etc. Theoretisch scheint heute klar zu sein, dass Macht ebenso wenig wie Sexualität etwas Dämonisches ist. Man akzeptiert sie als zwingenden Bestandteil jeder höheren Ordnung und hält »nur« ihren Missbrauch für schädlich. Doch wer stellt im konkreten Fall fest, wann die Grenze zwischen Ge- und Missbrauch überschritten wurde? Und wer spricht es aus? Innerhalb der Machtapparate in der Regel keiner, und wenn es doch einer wagt, bricht ein Sturm der Entrüstung los. Kurz: An praktischem Rat für die Wirklichkeit mangelt es.

Ein Vorhaben und eine These

Das Phänomen hat mich so stark beschäftigt, dass ich es zu untersuchen begann. Eingangsfrage: Können Unmächtige mit legalen Mitteln einem Machtmissbrauch praktisch abhelfen? Falls ja, wie? Mir schwebte eine Art Leitfaden für Empörer vor, ein Know-how des legalen Widerstands. Meine Erfahrungen im kulturellen Sandkasten legten nahe, dass es dieses Know-how gibt und wir mit ihm viele Fehler vermeiden könnten. Ich wollte also das Buch schreiben, das ich selbst gern ein paar Jahre früher gelesen hätte.

Meine These: Die Verleugnung ist das Hauptproblem. Machtmissbrauch ist, für die Aktiven ebenso wie die Passiven, angstbesetzter, als den meisten Beteiligten bewusst ist. Denn er schafft eine irreguläre Wirklichkeit, in der alle so tun, als fänden keine Verstöße statt. Jeder, der Missbrauch unwidersprochen hinnimmt, wird zum Komplizen und muss sich angegriffen fühlen, wenn der Fall auf den Tisch kommt. In Gefahr reagieren wir aus dem Unbewussten und können nicht mehr differenziert wahrnehmen, was geschieht, geschweige denn vernünftig handeln.

Mit Gefahren kann man sich aber vertraut machen, indem man sie studiert. Zunächst muss man die Krise ohne Mystifizierung, Panik oder Wut betrachten. Wer ihre Mechanismen begreift, kann sie mit den übergeordneten Regelwerken abgleichen und muss sich nicht am Boden verkämpfen. Kritiker haben – in Friedenszeiten! in einer relativ hoch entwickelten Demokratie! – das Recht auf ihrer Seite.

Versuchsanordnung

Im Folgenden werde ich drei reale Fälle des Widerstands gegen Machtmissbrauch untersuchen, wobei mein Fokus nicht auf dem Missbrauch liegt, sondern auf den Krisen, die seiner Aufdeckung folgten. Kurz gesagt geht es um das Verhalten von Menschen in ethischem Stress.

Mein Beitrag ist eine literarische Erkundung. Literarisch heißt erstens, ich wähle die Form einer kommentierten Erzählung, um an realen Beispielen die Spuren der Macht freizulegen. Denn mein Eindruck war, dass bei allem theoretischen Wissen diese Spuren in der Wirklichkeit oft nicht erkannt werden. Erzählen beinhaltet weiterhin lebendige Erfahrung: es kann emotionale Prozesse auslösen und besser für Krisen wappnen als theoretisches Wissen.

Zweitens, ich beleuchte die Sprache, in der die Konflikte geführt worden sind. Alle drei Fälle spielen in unserer gegenwärtigen Friedenszeit, das heißt, die Auseinandersetzungen verliefen weitgehend schriftlich, ohne physische Gewalt. Und sie sind vorzüglich dokumentiert. Diese Schriftwechsel speichern nicht nur die volle Energie des Konflikts, sondern offenbaren auch tiefer liegende Motive, etwa – bei den ertappten Mächtigen – Ängste, Zweifel und Verdrängungen, hinter denen sich oft ein verblüffend exaktes Bewusstsein der Rechtsverletzung zeigt, die im Schriftsatz wütend abgestritten wird. In meinem Essay Warum Fräulein Laura freundlich war. Über die Wahrheit des Erzählens bin ich vor Jahren dem Phänomen nachgegangen, dass die erzählende Sprache mehr zu wissen scheint als der Erzähler.a Die vorliegende Arbeit untersucht dieses Wahrheitspotenzial der Sprache an realen Situationen. Die Sprache kommt aus dem Innersten des Menschen und führt dorthin zurück. Insofern reicht meine Erkundung über Fragen nach Machtkontroll-Praxis und – Taktik hinaus.

Versuchsreihe: drei Beispiele

Die drei Fälle wurden nach folgenden Kriterien ausgewählt:

– Sie sind real, nicht fiktiv.

– Sie sind überschaubar und formal abgeschlossen.

– Sie sind sehr gut dokumentiert.

– Alle entstammen unserer jüngsten Vergangenheit, sodass keine historischen Kenntnisse erforderlich sind.

– Sie spielen in hoch angesehenen zivilen Institutionen, die ethische Grundsätze haben und in denen Machtmissbrauch theoretisch geächtet ist.

– Die Beteiligten sind überdurchschnittlich redegewandt und äußern sich in Taktik wie Irrtümern besonders differenziert.

Abgesehen davon bietet jeder Fall andere Schwerpunkte und Aspekte.

Erster Fall: ein Überblick

Der erste, ein Kirchenskandal aus dem Jahr 1995, ermöglicht die Vogelperspektive: Wie war der große Verlauf? Welche Entwicklungen löste die Krise innerhalb der Gemeinschaft aus, welche Wirkung hatte sie auf die Institution, welche Ergebnisse wurden erreicht bzw. nicht erreicht, gab es Spätfolgen? Täter war in diesem Fall Kardinal Groër, ein hoher römisch-katholischer Geistlicher, Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz. Die Krise kam in Gang, als er in der Zeitschrift profil öffentlich des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wurde. Die Amtskirche, die von dem Vorstoß überrascht wurde, stellte sofort die »Machtfrage«: Wer so etwas behaupte, sei ein Feind der Kircheb . Die Maßnahme schlug diesmal fehl: Zwar verteidigte ein großer Teil des Kirchenvolks den Kardinal, andererseits meldeten sich in der Folge immer mehr Missbrauchte und auch Priester, die die Vorwürfe bestätigten. Die hochkochenden Emotionen erzeugten so viel Dampf, dass das Kernproblem der Sicht entzogen wurde. In dieser Situation beschloss der österreichische Journalist Hubertus Czernin, die Vorgänge in einer Publikation fast kommentarlos möglichst exakt zu dokumentieren, damit man später, in ruhigeren Zeiten, daraus lernen könne. Leider ist Hubertus Czernin 2006 50-jährig gestorben, sodass er die Früchte seiner Arbeit nicht ernten konnte. Doch seine Dokumentation, eine vorbildliche zivile Initiative, blieb erhalten. Sie liegt meiner Analyse zugrunde.3 Ich freue mich, den Herausgeber, den ich leider nicht kennengelernt habe, hier zumindest postum ehren zu können.

Zweiter Fall: Taktik und Gewissen

Der zweite Fall betrifft einen politischen Skandal der jüngeren bayerischen Vergangenheit: den Fall Modellbau um die Ministerin Christine Haderthauer und ihren Ehemann. Anders als beim Fall Groër gilt hier: kleine Ursache, große Wirkung. Eine Ministerin versäumte, einen (kommerziellen) Fehltritt aus ihrer vorministeriellen Karriere zu bereinigen. Frappierend ist auch hier nicht der Fehltritt, sondern die umstandslose Bereitschaft fast aller Beteiligten in Behörden, Staatsapparat, Regierungspartei und fast der gesamten Opposition, die Ministerin zu entlasten. Ein Untersuchungsausschuss wurde eingerichtet, der es fertigbrachte, an 37 Sitzungstagen bei der Anhörung von 81 Zeugen zu keinem wirklichen Ergebnis zu kommen. Hier schlugen keine Emotionen hoch, denn in der parlamentarischen Demokratie ist, anders als in der römisch-katholischen Kirche, Machtkontrolle ausdrücklich vorgesehen, ein Untersuchungsausschuss gehört also zur Routine. Entsprechend routiniert machten sich die Profis der Politik daran, die Sache unauffällig niederzukochen. Das Besondere in diesem Fall war, dass zwei Personen nicht mitspielten: ein Abgeordneter und sein Rechtsberater, ein pensionierter Richter. Sie stellten Beweisanträge, die nahezu ausnahmslos abgewiesen wurden, und publizierten abschließend einen Minderheitenbericht, der Zug um Zug die Vertuschungen nachwies.4

Oberflächlich handelt es sich um ein zähes taktisches Ringen, doch bedeutsam ist auch hier die psychische Grundierung. Warum verlieren hoch qualifizierte Ministeriale vor Untersuchungsausschüssen ihr Gedächtnis? Warum weigert sich sogar der Großteil der Opposition, das Fehlverhalten einer Regierungsbehörde wirklich aufzuklären? Kaum einer wird bewusst seinen Amtseid brechen, indem er etwa denkt: Heute gaukle ich dem Volk Gewaltenteilung vor, um eine Ministerin reinzuwaschen. Vermutlich hielten sich alle für vorbildliche Demokraten und bestätigten einander gegenseitig in dieser Auffassung. Fehlverhalten spielt sich immer in einer psychischen Grauzone ab. Erst wenn jemand die Fehler aufdeckt, wird das Gewissen aktiviert; mit dramatischen und paradoxen Folgen.

Dritter Fall: die Binnenperspektive

Der dritte Fall, ebenfalls aus der jüngeren Vergangenheit, spielt an einer kulturellen Institution und verblüfft dadurch, dass es scheinbar um überhaupt nichts ging. Am Anfang stand auch hier ein Funktionärs-Fehltritt: eine kleine Selbstherrlichkeit ohne Gewinnstreben, dem Anschein nach sogar eine Lappalie, doch von erheblicher symbolischer Bedeutung. Auf einmal sollten in dieser Institution, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, keine Buchvorstellungen mehr stattfinden. Wie in allen Fällen begann die Krise damit, dass wider Erwarten jemand protestierte. Weil ich das Geschehen aus nächster Nähe erlebt habe, kann ich die üblichen Gedankengänge der Beobachter von Machtmissbrauch wiedergeben: das naive Erstaunen darüber, dass so etwas möglich ist; die Verblüffung über die wütende Abwehr der Kritisierten; die Verunsicherung: Wie wichtig ist unser Anliegen? Haben wir überhaupt eine Chance? Stehen Engagement und Risiko in einem gesunden Verhältnis? Was ist in diesem Fall »gesund«? Auch die taktischen Diskussionen der Defensive werden behandelt: Wie weit kann bzw. muss Kritik gehen? Darf man Mächtigen offen Fehler vorhalten? Falls ja, in welchem Ton? Beschädigen Kritiker den Ruf der Institution? Ist Prestige wichtiger als Prinzip? Diese typischen Zweifel, Irrtümer, Denkblockaden, instinktiven Theorien, Nestbeschmutzer- und Whistleblower-Diskussionen möchte ich einmal sorgfältig durchgehen, damit nicht jeder Kritiker bei null beginnen muss.

Relevanz

Weitere Zwischenfrage: Wie relevant sind meine Beispielfälle? Sind diese drei elitären Soziotope wirklich repräsentativ für unsere Dienstleistungs- und Wettbewerbsgesellschaft, in der viel härtere Gesetze gelten? Sind es vor diesem Hintergrund nicht Luxusprobleme, ob ein Kardinal Pädosex pflegt, eine entgleiste Provinzpolitikerin geschont wird oder Funktionäre eines Kulturvereins Kompetenzen überschreiten?

Ich meine: Die Relevanz ist gegeben, weil die Beispiele jeweils eine perfekte Laborsituation darstellen. Andere Missbräuche – es gibt sie natürlich überall: sadistische Aufnahmerituale in der Armee, Nötigung von Praktikant*innen, Bedrohung kritischer Kolleg*innen – lassen sich mit einer Portion Zynismus verteidigen, etwa so: Auch Krieg sei kein Zuckerschlecken, im kapitalistischen Überlebenskampf leide eben die Höflichkeit, Erfolg verzeihe die Methoden usw. Im Gegensatz dazu verstießen die Mächtigen »meiner« Beispielszenarien jeweils gegen den Kern ihres Auftrags. Der Chefkleriker verletzte nicht etwa die Haushaltsdisziplin, sondern – neben Strafgesetzen – die römisch-katholische Sexualmoral, ein Alleinstellungsmerkmal dieser Kirche. Der Untersuchungsausschuss vereitelte nicht einzelne Beweiserhebungen, sondern die Untersuchung selbst, für die er berufen worden war. Die kulturelle Organisation verstieß gegen die Freiheit und Würde der Kunst, die sie verteidigen sollte. Nur diese Eindeutigkeit ermöglicht es, Problem und Mechanismen zu isolieren, die in offenen Systemen unter Berufung auf höhere Notwendigkeiten zerredet würden. Im geschlossenen System zeigen sich auch am klarsten die Lösungsansätze. Der nächste Schritt wäre, die Lösungen auf Alltagssituationen zu übertragen.

Zielgruppe

Die Analyse richtet sich an Leser*innen, die schon Zeugen von Machtmissbrauch wurden und sich darüber empörten, auch wenn oder weil sie aus verschiedenen Gründen nicht angemessen reagierten.

Das avisierte Protest-Know-how besteht im Wesentlichen darin, die vehementen, scheinbar irrationalen Reaktionen kritisierter Mächtiger voraussehen und beantworten zu können, ohne sich auf die Solidarität der weiteren Belegschaft zu verlassen. Wer vom krisenhaften Geschehen nicht überwältigt wird, hat das Gesetz auf seiner Seite: Machtmissbrauch ist in demokratischen Friedenszeiten immer noch rechtswidrig, Machtkontrolle ausdrücklich vorgesehen, und auch die erregtesten Parteigänger der Macht sind sich dessen bewusst. Recht haben und recht bekommen ist zwar zweierlei, doch schon diesseits der rechtlichen Auseinandersetzung hat ein kritischer Diskurs Einfluss auf die Kultur.

Freilich gilt für Einzel-Empörer: Sofern sie allein bleiben, gewinnen sie am Ende nicht. Hier lässt sich nur lernen, wie man mit Überlegung kämpft und was man in der Krise auch dann erreichen kann, wenn man verliert. Und: Jeder einzelne, der sich zum Protest gesellt, verbessert die Lage. Zwei sind mehr als doppelt so viele. Drei stellen bereits eine organisierte Gegenwehr dar.

Mindestens so wichtig wie die potenziellen Kritiker sind die beunruhigten Zeugen, die sich weiterhin nicht exponieren wollen. Das sind fast alle: Lohnabhängige, die aus Sorge um Job und Familie keinen Protest riskieren; Friedfertige, die aus Weisheit, Prinzip, Furcht oder Bequemlichkeit die andere Backe hinhalten; Funktionsträger, denen es innerlich nicht gegeben ist, sich gegen Autoritäten aufzulehnen. Anders als die aggressiven Parteigänger der Macht, die es immer gibt, sind diese Leute ambivalent, sie schwanken zwischen Vorteil und Gewissen. Wenn sie sich nicht mehr reflexhaft gegen Kritiker wenden würden, sowie die Machtfrage gestellt wird, wäre schon viel gewonnen.

Grenzen der Arbeit

Macht ist zwar vordergründig ein soziales Strukturelement, doch eines mit ungeheuren psychischen Implikationen. Denn sie betrifft den Kern der Person: das unendliche Selbstwertdrama des kurzlebigen Menschen. Entgleister Machthunger ist suchtartige, brachiale Selbstaufwertung auf Kosten anderer. Machtsucht kann beschränkt werden, wenn sie nicht auf Unterwerfung, Schmeichelei und Co-Abhängigkeit trifft. Ihre Wurzel aber, der vergängliche Kern, die Befürchtung eigener Nichtigkeit, bleibt. Oben verglich ich Macht mit Sexualität. Das möchte ich hier aufgreifen: Die Enttabuisierung der Sexualität hat die Menschheit nicht mit einem Schlag glücklich gemacht. Sie hat aber mehr Bewusstsein, Verantwortung und Selbstbestimmung ermöglicht. Das ist viel. Ein konfliktfreies Leben gibt es nicht; doch viele unnötige Eskalationen lassen sich vermeiden, wenn man die Konflikte rechtzeitig wahrzunehmen wagt.

Warum ein Essay?

Man hat mich gefragt, warum ich, die Romanautorin, das Thema nicht fiktiv behandle.

Antwort, erstens: Da ich bei diesem Thema Partei ergreife, wollte ich mich weder der Gefahr noch dem Vorwurf aussetzen, Fabeln im Sinne meiner These zu produzieren. Auch mir kann ein Balken ins Auge geraten. Falls das geschieht, bin ich durch die realen Fakten und Texte korrigierbar.

Zweitens: Das Thema Macht ist psychisch so herausfordernd und politisch so brisant, dass kritische Autoren früherer Zeiten schon zum Selbstschutz ihre Protagonisten in historische Gewänder hüllen mussten. Unser heutiges Problem ist nicht, dass wir zu wenig wissen oder sagen dürften, sondern dass wir vieles nicht wissen wollen, weil es den aktuellen Kriterien der Eigenliebe widerspricht. Wir überschätzen wieder Autoritäten, sind zu Gehorsam bereit und nehmen auch dreisten Machtmissbrauch hin, geben das aber nicht zu und wundern uns stattdessen lieber zum tausendsten Mal über den Nazi-Irrsinn. Verleugnung aber lässt sich nicht durch Verhüllung aufdecken, sondern nur in einem Spiegel.

Drittens ist Wirklichkeit für mich eine Fortsetzung der Kunst mit anderen Mitteln. Über die moralischen Dilemmata hinaus zeigen die Szenarien vielschichtige, fesselnde Geschichten. Die erkundeten Milieus waren so exotisch und die Verwicklungen so reich an Widersprüchen und bestürzenden wie komischen Pointen, dass ich sie als Erfinderin nicht hätte toppen können. Auch hätte mir niemand geglaubt.

DIE PRAXIS

In memoriam Hubertus Czernin (1956–2006)

DAS BUCH GROËR:
ALTE SÜNDEN

Da rief Jesus sie zu sich und sprach: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein …5

Markus 10, 42–43

Vorbemerkung: Dies ist kein weiteres Kapitel über die Sexualgier von Priestern, sondern eines über die Hilflosigkeit einer ethisch hoch angesehenen Institution gegenüber eindeutigem Machtmissbrauch. Es richtet sich ausdrücklich nicht gegen die Kirche, ebenso wenig wie die späteren Kapitel sich gegen die Politik, die Justiz oder den Kunstbetrieb richten.

Untersucht wird ein allgemeines menschliches Phänomen anhand eines beispielhaften, exakt dokumentierten Falles, bei dem gerade die Eloquenz der Protagonisten besondere Einblicke in psychische und soziale Verstrickungen ermöglicht.

Der Vorgang

1995 beschuldigte ein junger Mann im Wiener Nachrichtenmagazin profil seinen ehemaligen Religionslehrer des sexuellen Missbrauchs. Spektakulär an diesem Fall war die Person des Beschuldigten: Dr. Hans Hermann Groër, damals 76 Jahre alt, war inzwischen Kardinal und Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz, der ranghöchste Kleriker der Republik.

Die Pädosexualität steht bei dieser Erörterung nicht im Vordergrund. Zwar ergibt sich eine gewisse Anfälligkeit der römisch-katholischen Kirche durch deren geschlossene, streng hierarchische Betriebsstruktur und ihr groteskes Verhältnis zu Frauen. Doch Pädosexualität kommt überall vor. Zur gleichen Zeit wie Groër missbrauchten in Deutschland der Direktor der evangelischen Odenwaldschule Gerold Becker (1936–2010) und in England der BBC-Moderator Jimmy Savile (1926–2011) ebenso exzessiv jahrzehntelang Minderjährige. Ebenso wie Groër begannen Becker und Savile mit dem Missbrauch nicht an der Macht, sondern strebten möglicherweise um des Missbrauchs willen nach ihr. Alle drei prunkten mit humaner Gesinnung und verschafften sich durch gesellschaftlichen Rang Immunität.

Vermutlich hat kaum ein Kirchenangestellter die Taten gebilligt, und öffentlich hätten sämtliche Priester einschließlich Groërs erklärt, dass so etwas nicht vorkommen dürfe. Als es aber vorkam, ließ man den Täter nicht nur gewähren, sondern ermöglichte ihm sogar eine Spitzenkarriere, widersetzte sich der Aufklärung, vermied es, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, und desavouierte die Opfer.

Selbst wenn man die Kirche nicht als Hort des Christentums, sondern als weltliche Organisation betrachtet: Fühlte sich keiner für den Schaden verantwortlich? Worum ging es den Amtsträgern? Wer hatte was gewusst? Wer profitiert? Welche sozialen und psychischen Motive mögen wirksam geworden sein? Wie äußerten sich die Konflikte zwischen Image und Auftrag, Solidarität und Verantwortung, Machtanspruch und Schuld? All das blieb ungeklärt. Damals, als Kirche und Land vom Skandal überrollt wurden, standen die Kämpfe im Vordergrund, später die Ergebnisse. Eine Aufarbeitung fand nicht statt. Die Würdenträger zeigten kein Interesse daran, dem »Volk« fehlten Einblick und Übersicht.

Dass wir heute noch aus der Geschichte Erkenntnisse ziehen können, ist dem österreichischen Journalisten Hubertus Czernin (1956–2006) zu verdanken, der damals eine Dokumentation des Konflikts erstellt hat. Czernin, als Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift profil 1992–96 für die Enthüllungen verantwortlich, war selbst bekennender Katholik. Das Buch Groër, 1998 im Wieser Verlag erschienen, versammelt in chronologischer Folge die entscheidenden Zeugnisse, nahezu ohne Kommentar.6 Diese Chronik ist eine Fundgrube. Die Hunderte Mitteilungen, Briefe, Interviews, Zeugenaussagen, Zeitungsartikel, Presseerklärungen, Aufrufe, Flugblätter, kanonischen Ermahnungen, Verdikte und Berichte ergeben nicht nur einen kollektiven Wahrnehmungs- und Deutungskrimi, sie speichern auch die Emotionen der Schreibenden. Zwischen dem Kampf um seelische Befreiung und bestürzenden Abgründen finden sich Zeugnisse der verblüffendsten Zwischenformen: naive Querulanz, bittere Kompromisse, byzantinische Unnahbarkeit, artistische Diplomatie, eisige Züchtigungsschreiben, idealistische Hoffnungserklärungen, rasante Emanzipation. Das entscheidende Drama – der Machtmissbrauch – spielte sich im irrationalen Bereich ab, in Verleugnung und Heuchelei, Selbsttäuschung und Täuschung. Ohne deren Untersuchung ist hier nichts zu lernen. Und zu ihr liefern die Dokumente den Schlüssel: Denn der Mensch sagt immer mehr, als er meint. Das bestätigt Seite für Seite das beispielhafte Projekt Hubertus Czernins.

Ein Missbrauchsvorwurf

Kurze Vorbemerkung: Einige meiner katholischen Freunde sagen, sie könnten von sexuellem Missbrauch einfach nichts mehr hören. Wem es ebenso geht, der möge die nächsten zwei Seiten überspringen und auf S. 29 weiterlesen.

Nun der Paukenschlag. Im österreichischen Nachrichtenmagazin profil erschien am 27. März 1995 ein Interview des Chefredakteurs Josef Votzi mit Josef Hartmann, einem ehemaligen Zögling des erzbischöflichen Knabenseminars Hollabrunn. Hartmann schilderte, wie der damalige Religionslehrer Hans Hermann Groër sich ihm als Beichtvater sexuell genähert hatte.

Die Beichte hat dann nur mehr fallweise im Beichtstuhl stattgefunden, sondern meistens in seiner Privatwohnung, die sich im 2. Stock des Knabenseminars befand. Seine körperlichen Zudringlichkeiten sind immer intimer geworden. […] Es hat sich so abgespielt, daß er mich stürmisch begrüßt hat, mit Umarmungen. Ich spüre diesen Körper noch immer, denn es war der erste Mensch, dem ich meine Zärtlichkeit habe widmen müssen. Ich habe diesen massigen, gedrungenen Körper noch sehr gut vor mir. […] Er hat es dann so weit kommen lassen, daß er – ich kann es nicht anders sagen – mir die Zunge in den Mund gesteckt hat. Ich habe das eigentlich irrsinnig ekelerregend gefunden, war aber trotzdem so naiv, daß ich niemandem etwas darüber erzählt hätte, auch nicht meiner Mutter. Er wollte also andauernd Zungenküsse, und er hat es auch nicht unterlassen, sich mit seinem vollen Gewicht, seinen 80 oder 90 Kilo, […] auf meinen Schoß zu setzen. […]

Ich war zu diesem Zeitpunkt sehr introvertiert und habe es nicht geschafft zu widersprechen. […] Das ärgste Erlebnis […] war, daß er mich unter folgendem Vorwand in seine Duschkabine gelockt hat: Er hätte einmal einen anderen Internatsschüler vor einer großartigen Entzündung seines Penis gerettet, weil dieser Schüler nicht informiert war, wie man sich ordentlich wäscht, Intimpflege betreibt, indem man die Vorhaut zurückschiebt und die Eichel ordentlich reinigt. Aus vorgespielter Sorge, ich könnte vielleicht auch so eine Entzündung kriegen, hat er mich gebeten, ich soll mich da ganz frei fühlen und mich meiner Kleidung entledigen. Er hat mich dann am ganzen Körper eingeseift und auch mein Glied gereinigt. Das hat er mit hochrotem Kopf getan […]. Er war also sichtlich sehr erregt. Und seine Erektion war ja auch erkennbar.7

Hartmann habe sich zunehmend an Groër gekettet gefühlt, zumal der es verstanden habe,

nach jeder Masturbation immer derartige Schuldgefühle weiterleben zu lassen, daß ich automatisch immer wieder zu ihm gerannt bin […]. Er hat mir immer vorgehalten, daß das eindeutig eine schwere Sünde ist und daß es absolut nicht gottgewollt ist und daß das ›Spatzli‹ – wie er wortwörtlich gesagt hat – eben nur zum Lulu da ist. Er hat mir immer die ärgsten Vorwürfe gemacht. Dann hat er mich getröstet, das heißt auf den Mund geküsst und am ganzen Körper gestreichelt. Er wollte, daß ich dabei bei ihm im Bett liege.

An die Öffentlichkeit gehe er, Hartmann, jetzt, zwanzig Jahre danach, weil ihm klar geworden sei, dass das Scheitern seiner Ehe, sein verklemmtes Verhältnis zur Sexualität, sein Ekel vor dem Körperlichen damit zusammenhingen. Zuletzt habe er Groërs aktuellen Fasten-Hirtenbrief gelesen mit dem Bibelzitat: Täuscht Euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben, noch Knabenschänder werden das Reich Gottes erben. Wenn ein solcher Mann solche Aufrufe erlasse, dann kann ich als verantwortlicher Staatsbürger und Christ mit meinem Wissen von diesem Mann nicht mehr länger hinter dem Berg halten.

Haben Sie sich als Groërs Lustknabe gefühlt?

Ja, ich habe mich als sein Lustknabe oder Lustmädchen erlebt. Groër hat mich sexuell mißbraucht.

Der beschuldigte 76-jährige Dr. Hans Hermann Groër war längst nicht mehr irgendein Priester, sondern geistlicher Leiter der Laienbewegung Legio Mariae,8 Begründer und Leiter der Wallfahrt Maria Roggendorf, Benediktinermönch des Stifts Göttweig, Kardinal von Wien und Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz.

Über Josef Hartmann, der seine Aussage durch eine eidesstattliche Versicherung bekräftigt hatte, war weiter nichts bekannt.

Erste Reaktion: Wo sind wir hingekommen?

profil-Chefredakteur Votzi informierte Groër vorab über den geplanten Artikel. Groër antwortete nicht. Statt seiner nahmen die beiden Wiener Weihbischöfe Helmut Krätzl und Christoph Schönborn einen Tag vor Erscheinen des Interviews Stellung:

Wo sind wir hingekommen? Seit der Zeit des Nationalsozialismus, als Priesterprozesse unter dem Vorwand homosexueller Verfehlungen geführt wurden, hat es in Österreich derlei Verleumdungspraktiken gegen die Kirche nicht mehr gegeben. Auf das Entschiedenste muß ein sogenannter »Enthüllungsjournalismus« zurückgewiesen werden, der den Angeschuldigten wehrlos entehrenden Verdächtigungen ausliefert.

Wir appellieren an alle recht und billig denkenden Menschen in unserem Land, gegen solche menschenunwürdige Praktiken […] Widerstand zu leisten. Es geht um die Würde eines Menschen, die Ehrfurcht vor seinem geistlichen Amt, und es geht nicht nur um die Kirche, sondern um Österreich.9

Zwei Aussagen

Wir haben hier zwei gegensätzliche Zeugnisse der Empörung.

Im ersten wird ein Missbrauch öffentlich gemacht. Der Zeuge bemüht sich um eine exakte Darstellung der Taten (Duschen usw.) und Formulierungen (Spatzli, Lulu). Die Schilderung ist detailliert (hochroter Kopf) und kontrolliert. Ganz selten bricht Sarkasmus durch (»großartige« Entzündung). Der Zeuge lobt sich nirgends. Er thematisiert seine Passivität (nicht geschafft zu widersprechen). Noch auffälliger wird seine Hilflosigkeit in verdrehten Wendungen wie: dem ich meine Zärtlichkeit habe widmen müssen (also war sie da?), und: Er hat es dann so weit kommen lassen, daß […], und er hat es auch nicht unterlassen […], als hätte der Impuls, die Sache zu stoppen, von Groër ausgehen müssen. Die Persönlichkeit des Knaben scheint wie paralysiert oder vermischt mit der seines Lehrers.

Im Sprachgestus fehlt die Empörung ganz; so wie sie damals fehlte. Der Schüler war nicht imstande, sich zu wehren. Ein einziger leidlich schwungvoller Satz kommt am Ende des Interviews, wenn der inzwischen erwachsene Josef Hartmann sagt, als verantwortlicher Staatsbürger und Christ könne er nicht länger schweigen. Eine seltsam geschraubte, anrührende Begründung: Er, der sich selbst nicht helfen konnte, will anderen helfen, sich von Groër nicht täuschen zu lassen. Eine Befreiung hat anscheinend nicht stattgefunden; die Qual, die der Offenbarung vorausging, steckt in jedem Satz.

Das zweite Zeugnis ist in allem das Gegenteil: ohne konkreten Bezug, dafür umso schwungvoller, eine einzige herausgestellte Entrüstung. Der Gestus ist anklägerisch. Leute, die Priester homosexueller Verfehlungen beschuldigen, werden mit Nazis assoziiert. Sie schänden gewissermaßen nicht nur […] die Kirche, sondern ganz Österreich. Die Temperatur des Textes ist scheinbar hoch, reich an pathetischen Wendungen (Wo sind wir hingekommen?), polemischen Reizwörtern (Verleumdungspraktiken, Enthüllungsjournalismus), Superlativen (auf das Entschiedenste) und Generalisierungen (alle recht und billig denkenden Menschen). Nur das Größte ist der Gegenstand: Ehrfurcht, Kirche, Österreich.

Das ist tatsächlich eine Sprache der Empörung, doch nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick steht nichts so da, wie es gemeint zu sein scheint. Kein Anwalt könnte die Schreiber festnageln, da jede einzelne Formulierung ein Schlupfloch hat.

Der Ankläger ein Nazi? Nein, da steht nur: seit der Zeit des Nationalsozialismus.

Der Ankläger ein Verleumder? Nein, da steht nur: hat es in Österreich derlei Verleumdungspraktiken […] nicht mehr gegeben.

Was heißt derlei? Und wer das Wort Praktiken als unfreiwillig komische Fußnote liest, irrt: Es dient dazu, den Vorwurf der Verleumdung eben nicht zu erheben. Dieser wäre juristisch klar definiert. Verleumdungspraktiken aber kommen im Strafgesetzbuch nicht vor, denn -praktiken (im Sinne von Methoden) gab es zu jeder Zeit in jeder Zahl, die die Fantasie hergibt. Eine Methode ist keine Tat.