Das Buch
Als Anton Kummer im November 1989 mit einer blutroten Narbe auf dem deformierten Kopf aus einem Berliner Krankenhaus entlassen wird, hat er nichts außer große Träume. Mit unbändigem Elan macht er sich nach dem Fall der Mauer auf die Suche nach dem neuen aufregenden Leben, das er mit Westberlin verbindet. Er ist überwältigt vom Konsum und der kulturellen Vielfalt. Alles scheint möglich. Sofort will er neue Leute kennen lernen. Doch seine Geschichten vom Jugendclub »Helden des Fortschritts« will keiner hören. In den Augen der Westberliner ist Anton Ossi und nicht mehr Avantgarde. Eine bittere Erkenntnis. Es kommt einem Offenbarungseid gleich, als er schließlich den Weg zurück nach Düsterbusch antreten muss. Dort trifft er die geheimnisvolle Irina wieder. Und auch sonst eröffnen sich ihm bald ganz neue Perspektiven.
Der Autor
Alexander Kühne, geboren 1964 in Meißen, wuchs in Lugau, heute Brandenburg, auf. Nach der Lehre in einer Schraubenfabrik arbeitete er auf einem Kohleplatz, bei der Staatlichen Versicherung und verkaufte Modelleisenbahnen. Gleichzeitig organisierte er mit Freunden in seinem Heimatdorf Konzerte mit Bands der DDR-Punk- und New-Wave-Szene. 1990 zog er nach Berlin und machte eine Ausbildung zum Fernsehjournalisten. Er arbeitete als Redakteur für verschiedene TV-Magazine und schrieb Drehbücher. Sein Debütroman »Düsterbusch City Lights« wurde von arte/MDR unter dem Titel »Lugau City Lights« als Doku verfilmt, die für den Deutschen Dokumentarfilmpreis 2020 nominiert wurde. Eine Bühnenfassung wurde am Theater Magdeburg aufgeführt.
ALEXANDER
KÜHNE

ROMAN
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
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Copyright © 2020 by Alexander Kühne
Copyright © 2020 by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Ulla Mothes/Lars Zwickies
Lektorat: Markus Naegele
Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel / punchdesign, München
Umschlagmotiv: © Martin Aleith / Pfadfinderei
Satz: Schaber Datentechnik, Austria
ISBN: 978-3-641-25276-2
V001
Für Richard
Im Gedenken an Detlef Zobel
(1963 bis 2019)
Ich erwachte mit schmerzenden Knochen, die Luftmatratze unter mir war platt wie ’ne leere Reichelt-Plastetüte. Von der Seite grinste mich jetzt am Morgen der kleine Maulwurf an, der seine Arme fröhlich in die Luft reckte. Die Decke, die ich mit letzter Kraft über mich geworfen hatte, war mit allerlei Posen meines Kindheitsidols verziert. Nachdem ich ein wenig mit dem putzigen Hügelbauer über seine Hose mit den riesengroßen Taschen und andere seiner Abenteuer redete, schaute ich verpennt auf die schmutzig-weißen Dielen. Ineinander ragende Ränder von Rotweinflaschen bildeten geometrisch anmutende Muster. Die ließen mich sofort an die verschorfte Wunde an meinem Kopf denken. Eine Erinnerung daran, dass ich den Mauerfall im Krankenhaus verbracht hatte.
Ich war in Ritas Wohnung. Sie hatte mir in Düsterbusch mal ihre Adresse zugesteckt. Das musste so ungefähr 1984 gewesen sein. Rita hielt mich damals wohl für einen Typen mit Zukunft und hatte mit einem Augenzwinkern gemeint, ich solle sie ruhig mal besuchen. Sie war die Freundin von Baade gewesen, meinem damaligen Idol. Die beiden hatten es mit der Treue nicht so genau genommen. Und Rita, drei Jahre älter als ich, Lydia-Lunch-Verschnitt und obendrein noch Sängerin, war natürlich eine Verheißung gewesen. Schon damals hatte sie sich in meine feuchten Träume geschlichen. Aber ich hätte mich niemals getraut, bei ihr aufzulaufen.
Es war der 11. November 1989 und die Mauer vor zwei Tagen gefallen. Mühsam hatte ich am Tag zuvor versucht, an irgendeinem Grenzübergang in den Westen zu gelangen. Doch es war überall so voll, dass ich wieder abdrehte.
An jeder Ecke »Endlich frei«-Brüller in Plunderjacken und Marmorjeans, die mir ganz schön auf den Zeiger gingen. Und zum Schlangestehen war ich mir im Osten schon zu fein. Ein Weilchen lehnte ich mich an einen rot-weißen Begrenzungspfosten am Übergang Invalidenstraße und schaute mir das alles in Ruhe an. Von der anderen Seite strömten gut angezogene Westberliner rüber.
»Vierzig Jahre ham se uns beschissen«, erklärte ein Achtzehnjähriger mit Pipi in den Augen lautstark einem staunenden grau melierten Pärchen in gedeckten Mänteln. Dann ließ er sich auf die Schulter klopfen und ein paar kleine Milka-Tafeln zustecken.
»Schämst du dich nicht?«, hätte ich fast zu ihm gesagt und drehte um. Dieses Mitleid heischende Gejammer hielt ich nicht aus und fuhr wieder in den Prenzlauer Berg.
Ich hatte außerdem Angst, dass mir mein frisch zugenähter Schädel wegflog, denn ich besaß keine Mütze und es war hundekalt. Also beschloss ich, den Westen am nächsten Morgen fröhlich und ausgeschlafen zu erobern.
Wenig später stand ich »back in the east« vor Ritas Hinterhofwohnung in der Lychener Straße. Die Eingangstür fehlte, und das Loch war nur mit einer Decke verhängt. Darauf stand groß mit roter Farbe RITA. Kein Nachname. Nichts. Ich atmete erst mal auf. Sie wohnte also noch da. Klopfen oder klingeln konnte ich nicht, also rief ich ihren Namen in die Wohnung. Den ganzen Tag hatte ich Umarmungsszenen beobachtet und mich auch auf so etwas Ähnliches eingestellt. Als jemand die Decke zurückschlug, hatte ich Mühe, in dieser Person Rita wiederzuerkennen. »Heiliger Strohsack«, wäre mir bei ihrem Anblick fast rausgerutscht. Denn genau so sah Rita aus.
Ich hatte sie noch als superheiße Braut in Stilettos, Netzstrumpfhosen und mit schwarzen Pflasterstreifen auf den Brustwarzen gekannt. Mit knallrot geschminktem Mund und Ponyfrisur.
Aber was da jetzt vor mir stand, war ein weiblicher Yeti. Ihre verfilzte Mähne fiel auf ein abgehangenes T-Shirt in verblichenem Lila. Sie trug olle Cargohosen, drei Meilen zu groß. Die Bundeswehrstiefel wären noch in Ordnung gegangen, aber leider zierte sie eine halb abgeblätterte pastellfarbene Bemalung. Hübsch war Rita immer noch, aber sie wirkte verhärmt und ein bisschen farbloser als damals in Düsterbusch. Ein blitzender Nasenstecker machte den Eindruck, als ob er sich in ihrem Gesicht nicht so richtig wohlfühlte. Ihre Erscheinung passte zu dem komplett kaputten Treppenhaus, das mit altem Schutt, Kühlschrankleichen und massenweise Taubenscheiße übersät war.
»War klar, dass ihr Sachsen hier jetzt alle uffschlagt«, sagte sie zur Begrüßung.
»Bin keen Sachse.«
Zumindest was ihr Verhalten anging, hatte sich wenig verändert. Sie musterte mich von oben bis unten und inspizierte meinen Kopf.
»Is dir ’n Russenpanzer über die Omme jefahren, oder wat?«
»Nee, war nur ein Baum im Weg«, sagte ich humorlos. »Kann ich ein paar Tage hierbleiben?« Ich setzte meinen Hundeblick auf. Ohne eine Miene zu verziehen, gab sie den Weg frei.
Der Mauerfall wurde in Ritas Wohnung offensiv ignoriert. Im Wohnzimmer lungerten vier Typen auf einem zerschlissenen Sofa herum und guckten gebannt Panzerkreuzer Potemkin von Sergej Eisenstein. Hier lief das genaue Gegenprogramm zu den Küssern und Umarmern an der Grenze. Nur der nagelneue Videorekorder kündete von der Zeitenwende.
Leider kannte ich niemanden. Es waren alles verfilzte Burschen, ähnlich wie Rita. Als ich »Tach schön« sagte, verbot mir ein blonder Rastafari mit herrischer Geste den Mund, obwohl sie ja bloß einen Stummfilm guckten. Berliner Arroganzling, dachte ich nur und ging weiter.
Die Küchentür fehlte auch. Inmitten des abgeranzten Raumes stand eine uralte Badewanne, die man mit einem Mechanismus unter die Spüle schieben konnte. Ich erinnerte mich dunkel, so etwas Ähnliches bei Oma Hedwig in der Waschküche gesehen zu haben. In dieser Wanne schlief eine nackte Frau.
Ihr Kopf war nach hinten weggekippt. Dadurch wirkte der schneeweiße Körper wie eine Marmorstatue, deren Beine in einem Seerosenteich verschwanden. Zumindest stellte ich mir das trübe Wasser einen Moment lang als solchen vor. Irgendwie sah das nach Kunst aus.
In meiner Hose begann es sofort zu rumoren. Sie hatte schöne Titten und kleine braune Brustwarzen. Und was man von ihrem Gesicht sah, war auch nicht zu verachten. Mein sexuelles Verlangen hatte sich den ganzen Krankenhausaufenthalt über im Dornröschenschlaf befunden. Doch jetzt, da meine Kopfwunde abheilte, kehrte der Trieb mit voller Wucht zurück. Ich kam mir vor wie ein Dreizehnjähriger, so brutal rebellierte mein Unterleib. Ich schaffte es kaum, den Blick von der Badenden loszureißen. Auf einmal stand Rita hinter mir. Sie wirkte jetzt etwas milder gestimmt und schaute mitleidig auf die Frau herab. »Das ist Kirsten aus Bottrop. Hat den Blauen Würger nicht vertragen.« Ich dachte kurz an den widerlichen Klaren, der auch bei meinem Unfall eine unrühmliche Rolle gespielt hatte. »Warst du schon drüben?«, fragte ich Rita.
Sie schüttelte den Kopf. »Ich warte, bis die bescheuerten Sachsen alle weg sind.«
»Helmud redde uns«, sächselte ich, und wir feixten beide um die Wette.
»Hast du was von Baade gehört?«
Ihre grauen Augen bekamen plötzlich etwas Mütterliches. »Ick weeß nur, dein großer Held ist im Westen. Und er soll ooch bei der Stasi gewesen sein.«
Es kam mir kurz vor, als würden sich die Nähte, die meinen Kopf zusammenhielten, auf einmal wieder lösen. »Glaub ich nicht«, stieß ich hervor.
Rita zuckte die Schultern und musterte mich. »Gloob, was du willst. Außerdem, is doch inzwischen auch egal«, sagte sie fatalistisch und öffnete den einzigen Raum, der eine Tür besaß. »Hier kannste dich ablegen. Luftmatratze musste noch uffblasen.«
Ich schaute in die zugemüllte Bude. Nur noch Schlaf im Kopf, platzierte ich die Plastetüte mit meinen Habseligkeiten auf dem Fensterbrett zwischen zwei leeren Fischbüchsen, in denen unzählige Kippen ihre verbogenen Hälse nach oben reckten.
Dann ließ ich mich neben die siffige Matratze fallen und fing an, Luft in die wenig appetitliche Öffnung zu blasen.
Baade bei der Stasi, ging es mir durch den Kopf. Beim Wegdämmern dachte ich noch daran, wie er die Parole Erstickt an eurem Arbeiter- und Bauernsalat an unsere Kneipe geschmiert hatte – ohne Konsequenzen für ihn. Das hatte mich schon immer gewundert.
Jetzt am Morgen kratzte gleißendes Licht die Scomber-Mix-Dosen auf dem Fensterbrett. Die verbogenen Kippen wirkten von der Sonne angestrahlt wie die Gittermastlampen einer Modelleisenbahnplatte.
Mein Blick fiel auf eine alte Nähmaschine, die mitten im Raum stand. Reste von Kleidungsstücken lagen vermischt mit leeren Schnapsgläsern darauf herum. Ich wusste, dass Rita früher mit Klamottennähen ziemlich viel Geld verdient hatte. Ich sollte auch mal eine Lederhose von ihr bekommen. Leider hatte das nie geklappt. Aber konnte ich mir jetzt im Westen ja selber kaufen.
Ich kroch unter meiner Maulwurfdecke hervor, wich ein paar Scherben aus und taumelte durch die Wohnung. Im Wohnzimmer schliefen die Panzerkreuzer-Potemkin-Fans mit offenen Mündern. Unter ihnen war auch Kirsten aus Bottrop, die jetzt, in einem Schlafsack schnarchend, keinen Blick mehr auf ihren makellosen Körper zuließ.
Im Badezimmerschlauch lag auf einem total schmutzigen Waschbecken ein fast zu Brei zerlaufenes Stück Kernseife in einer trüben Wasserlache. Den Ekel unterdrückend, hielt ich die Seife unter das Rinnsal, das aus dem Wasserhahn kam, und wusch mich damit unter den Armen. Die Achseln waren ein Hygiene-Muss für mich. Und Zähne putzen. Alles andere egal.
Ich versuchte, die wohligen Gedanken an Düsterbusch zu vertreiben, an mein Zimmer, an die Tomatenstullen meiner Mutter und an den vertrauten Geruch ihrer Haare nach Drei Wetter Taft. Schließlich wollte ich mir jetzt in Berlin etwas aufbauen. Mein Club Helden des Fortschritts und das prickelnde Gefühl des Subversiven in Düsterbusch waren Geschichte. Es war jetzt die Zeit gekommen, um Berlin zu erobern.
Aber in dieser Wohnung gab es weder Gefühl noch Aufbruch. Dabei hatte ich gerade von Rita Freudentänze und große Pläne erwartet, jetzt, da die Mauer weg war.
Die ganze Zonenzeit über hatte sie damit geprahlt, was sie für geile West-Connections hatte. Nun war der Blödsinn vorbei, und sie war offenbar zu stolz, um rüberzugehen. Wer verstand schon diese Ostberliner?
In einer zerbrochenen Spiegelscherbe, die über dem Waschbecken baumelte, sah ich mir widerwillig meinen Kopf an, die neu angeordneten Augenbrauen, die Delle in meiner einst vorspringenden Stirn. Würde mich jemals ein Mädchen wieder richtig hübsch finden? Ich bekam ein bisschen Panik bei dem Gedanken, bis an das Ende meiner Tage wichsen zu müssen. Glücklicherweise kringelte sich bereits blonder Flaum über der Narbe, die meinen Kopf oberhalb der Stirn wie ein Schützengraben durchfurchte. Ich hoffte, dass in ein paar Wochen davon kaum noch etwas zu sehen sein würde.
Als ich die Stirn betastete, fühlte sie sich so an, als ob sie gar nicht zu mir gehörte. Wie beim Zahnarzt, wenn man nach der Spritze seine Wange nicht mehr spürt. Die Hautnerven waren bei der Operation durchtrennt worden. Es würde Jahre dauern, bis ich meine Stirn wieder in Falten ziehen könne, hatte der Arzt in der Charité gesagt, dem ich mein Leben verdankte. Das war auf jeden Fall praktisch, wenn man älter wurde. So machte ich mir Mut.
Ich musste kurz an Frank Sprenzel denken, der den Unfall nicht überlebt hatte, und hielt die Tränen zurück. Genau wie mein sexuelles Verlangen, kamen alle anderen Gefühle so langsam wieder. Der Stolz auf meinen Club und die heißesten Partys des Ostens, die ich, Anton Kummer, in Düsterbusch veranstaltet hatte. Das Koma ließ mein früheres Dasein in der DDR geradezu unwirklich erscheinen. Ich war in eine Art Zwischenwelt abgetaucht, und dieser Zustand hielt bis kurz vor meiner Entlassung aus dem Krankenhaus an. Ich befand mich in einem dunklen Raum mit einer Tür, die nur wenige Zentimeter weit geöffnet war, weshalb ich das echte Leben draußen nur bruchstückhaft mitbekam. Alle Menschen, mit denen ich zu tun hatte, redeten durch diesen Lichtspalt mit mir. Das einzig reale Gefühl war Hunger. Ich war nur daran interessiert, Nahrung aufzunehmen. Dazu wurde mir durch den Spalt von einer fremden Hand mit lackierten Fingernägeln eine Schnabeltasse gereicht, deren Inhalt ich gierig in mich hineinschlang.
Eines Morgens war die Dunkelheit plötzlich verschwunden, und ich merkte, dass ich in einem Krankenbett lag. Die Hand gehörte zu Schwester Kerstin, einer übertuschten hübschen Blondine.
»Ist Buchstabensuppe, jetzt bist du schlauer als vorher.« Sie grinste dabei und half mir beim Pinkeln. Sogar jetzt war es mir noch peinlich, wenn ich daran dachte, wie sie völlig regungslos auf meinen Schwanz starrte, der das Plastegefäß mit dunkelgelber, schlecht riechender Flüssigkeit füllte. Am 9. November war Kerstin später dann eine der Ersten, die ihre Patienten »im Stich ließ« und sofort rübermachte.
Zum Frühstück gab es bei Rita trockenes Toastbrot und Bockbier aus kleinen Flaschen.
Ich trank vorsichtig, denn ich wusste noch nicht so recht, wie mein Organismus auf Alkohol reagieren würde.
»Ick weeß nich, ob ick die Almosen annehmen will, die mir Kohl jetzt so vor de Nase hält«, sagte Raik, so hieß der blonde Rastafari. Dabei drehte er sich eine Zigarette und stemmte, mit dem Stuhl kippelnd, seine dünnen nackten Knie gegen die Kante eines riesigen alten Tisches. Er stand jetzt an der Stelle, wo sonst die Badewanne thronte.
»Warum denn nicht?«, fragte ich verständnislos.
»Weil die euch sofort in die doppelte Lohnabhängigkeit zwingen«, sagte plötzlich Kirsten aus Bottrop mit Ruhrpott-Dialekt. »Das Ziel von Kohl ist ganz klar Großdeutschland.«
Alle nickten, nur Rita warf mir einen peinlich berührten Seitenblick zu.
Irgendwie fand ich Kirsten jetzt nicht mehr so geil. Nackt war sie eine Göttin, aber im Folklorekleidchen kam sie mir vor wie eine Agitatorin von der FDJ-Kreisleitung.
»Doppelte Lohnabhängigkeit« klang bescheuert. Den Ausdruck hatte ich mal beim Zauberwürfelspielen im Staatsbürgerkundeunterricht aufgeschnappt.
Auf meine Nachfrage hin stellte sich heraus, dass Kirstens Vater bei der DKP in Nordrhein-Westfalen und sie ständig zu Besuch in der DDR gewesen war.
»Ich bettel die auch nicht um hundert D-Mark an. Deswegen habe ich auch den Aufruf Für unser Land unterschrieben«, sagte jetzt Thilo, ein Zopf tragender laufender Meter in abgeschnittener Thälmannjacke. Alle anderen nickten.
Als ich fragte, was das sei, erklärte mir Raik oberlehrerhaft, dass es sich um eine Unterschriftenaktion zum Erhalt einer demokratischen DDR handelte. »Demokratische DDR – der war gut.« Ich bekam einen Lachkrampf, auch weil das Bockbier zu wirken begann. Doch niemand lachte mit. »Wo warst du überhaupt die ganze Zeit?«, fragte mich Kirsten jetzt direkt. »Im Koma«, antwortete ich wahrheitsgemäß und stand auf. Ich wollte unbedingt dieser Trauergesellschaft entfliehen.
»Ihr könnt ja von mir aus auf unser Land warten, oder bis Honecker Männchen macht«, sagte ich, »ich hau jetzt jedenfalls ab in ’n Westen und komm vielleicht sogar wieder. Aber nur, wenn ihr mich nicht mehr agitiert. Davon habe ich nämlich genug.« Dann verließ ich die Küche. Rita kam mir hinterhergerannt und stellte mich an der Eingangsdecke. Ich merkte, dass sie meinen selbstbewussten Auftritt ziemlich gut fand.
»Bringste mir ’ne Schachtel Marlboro mit?«
»Klar«, sagte ich.
»Und nimm’s nicht so. Die Eltern von denen sind allet Bonzen.«
Draußen sog ich vertrauten Brikettduft durch die Lungen. Es war hundekalt. Die Lychener lag in apokalyptischer Diesigkeit vor mir. Die gelegentlichen Sonnenstrahlen kamen kaum durch und ließen den Dunst wie leichten Nieselregen erscheinen. Gegenüber von Ritas Haus schnitten drei Glatzen mit einer riesigen Blechschere das Dach eines kaputten Trabbis ab.
»Wird wohl ’n Cabrio?«, rief ich fröhlich hinüber und erschrak gleichzeitig.
Doch die drei Skins guckten nur kurz rüber. Auf dem Weg zur U-Bahn fiel mir ein, dass sie mich vielleicht für einen der ihren hielten. Ich zog mir eine regenbogenfarbene Strickmütze über meinen Kahlkopf, die ich bei Rita hatte mitgehen lassen. Bob Marley ließ grüßen. Keineswegs stilecht in Verbindung mit meinem zerschlissenen Pfeffer-und-Salz-Mantel. Aber sie hielt wenigstens warm und verdeckte den Schützengraben auf meinem Kopf.
Nach zwanzig Minuten hatte ich es geschafft, den Bahnsteig des U-Bahnhofes Dimitroffstraße zu betreten. Oder besser gesagt, ich wurde von nach vorn drängenden Massen dorthin getragen. Ich hatte keine Chance, auszuscheren und vielleicht doch noch ein paar Tage zu warten.
Überzuckerte Tussis mit Erdbeerohrringen, nach Karo stinkende Betonwerker und verhuschte Geschichtsprofessoren – alles drängte, die Ellenbogen in den Rippen der anderen, Richtung goldener Westen. Zum Glück half mir meine Körpergröße, den Überblick zu behalten.
Ein Männchen der Berliner Verkehrsbetriebe in speckiger Uniform versuchte vergeblich, die Leute zurückzuhalten. »Gleischmäßig uff dem Bahnsteig verteilen«, schrie es und erntete ein gellendes Pfeifkonzert. Kurz darauf begann erneut großes Geschrei, als eine Oma von hinten einen Schubs bekam und ins Gleisbett fiel.
Starke Hände zogen sie zurück, kurz bevor die Bahn aus Richtung Vinetastraße einfuhr. Die Oma war verhältnismäßig weich gefallen, denn auf dem Schotter türmte sich fast bis in Schienenhöhe eine Masse aus leeren Bier- und Cola-Dosen. Die ersten Westrückkehrer hatten das Gleis damit gepflastert.
Dazwischen lagen ein paar Plastetüten, die mein Interesse weckten. Ich brauchte dringend eine neue und hoffte, drüben auf ein reichhaltiges Angebot zu stoßen.
Die Bahn war schon gut gefüllt, als sie hielt. Das Männchen in Uniform brüllte wieder irgendwas Erzieherisches. Die wartende Menge aber kannte keine Gnade und drängte beim Öffnen der Türen sofort in die Bahn. Und ich mit.
Meine Nase nahm altes Mittagessen wahr, das sich offenbar in der Hutkrempe eines Funktionärstypen neben mir versteckte. Und irgendjemand hatte nicht so sehr auf die Achselwäsche geachtet wie ich.
Der explosive Geruchscocktail zwang mich, meine Nase nach oben zu recken, während ich gegen zwei Teenager-Mädchen in übergroßen Jeansjacken gedrückt wurde. Die beiden dufteten zum Glück nach einem süßlichen Parfum, und eine flüsterte der anderen zu: »Wir gehen Stralauer Allee rüber, da soll nich so ville los sein.«
Ich nahm mir vor, ihnen unauffällig zu folgen, denn sie machten den Eindruck, als würden sie sich auskennen. Doch als wir am Alex in die S-Bahn umstiegen und dann an der Warschauer Straße ankamen, war klar, dass sich die Girls getäuscht hatten. Unfassbar viele Menschen aus allen Himmelsrichtungen strömten zum Ausgang. Ich ließ mich mittragen und verlor die Mädchen aus den Augen. Um mich herum aufgeregte Gespräche. Direkt vor mir unterhielten sich zwei Männer. »Ich will endlich ma wissen, wie …« Ich dachte, jetzt sagt er »… das ist, in Freiheit leben« oder vielleicht »… die Stones zu sehen«. Doch es kam anders. »… groß die wirklich sind, die holländischen Fleischtomaten.«
»Ick hab jehört, so groß wie Kinderköppe«, erwiderte der Typ neben ihm, dessen Dauerwelle sich über dem schmuddeligen Cordkragen seiner Jeansjacke kräuselte.
Ich stellte mir vor, wie der bullige Typ in einen Kinderkopf biss, und fremdelte zwischen all diesen Leuten mit den Schnauzern und Bitterfeld-Gesichtern. Waren das wirklich meine Landsleute? Sie waren mir extrem fremd. Ich war froh, dass ich mich die letzten sieben Jahre größtenteils im Minikosmos der Helden des Fortschritts hatte aufhalten können. Eine Welt, die ich mir selbst erschaffen hatte. Vierundzwanzig Stunden normale DDR am Stück hätte ich nicht ausgehalten. Das war mir plötzlich sonnenklar. Ein gewisser Zorn auf Kirsten und die anderen in der Plenumsrunde der Lychener Straße regte sich. Für unser Land – es war ein Segen, dass dieses Land jetzt unterging.
Je näher ich der Grenze kam, umso mehr verflogen die trüben Gedanken. Nach zwei Stunden konnte ich endlich meinen Ausweis vorzeigen und bekam von einem überforderten Grenzoffizier einen Stempel.
Dann lief ich durch einen gespenstischen Gang, der über eine Brücke führte. Links eine von Bretterwänden und Stacheldrahtresten halb verdeckte Zuckerbäckerfassade. Rechts von mir die Spree, schwarz aufgewühlt mit schmutzigen Schaumkronen, nur durch Maschendraht zu sehen.
Keine Gedanken, nur noch Herzklopfen und das Ziel vor Augen. Schritt für Schritt ging es vorwärts. Als ich den Westberliner Boden endlich betrat, teilte sich die Menge. Die große Masse der Fleischtomaten strömte einfach in dieselbe Richtung weiter, und zwar immer schneller. Irgendjemand rief das magische Wort »Sparkasse«.
Alle hatten nur noch das Begrüßungsgeld vor Augen. Es begann ein riesiges Gerenne und Geschubse. Aber ich wollte erst mal gucken, wo ich überhaupt war, und scherte aus. Mit mir ein paar andere. Ich war völlig aufgewühlt. Das war also Westberlin. Die Stadt meiner Sehnsüchte. Ich trampelte auf der Stelle, um zu sehen, ob der Boden hielt, und schaute mich um. Verrostete U-Bahn-Träger und meterhohe Brandmauern, entlaubtes Buschwerk und auf der anderen Straßenseite kleine Buden. Über einer davon der Schriftzug Bagdad. Sofort musste ich grinsen. Alles ziemlich abgeschabt, aber irgendwas leuchtete, irgendwas, das ich nicht klar definieren konnte.
Da sah ich eine kleine verdreckte Grünfläche. Darauf ein Tisch und eine Parkbank, alles aus Metall, wie ich staunend feststellte, und voller Taubenscheiße. Das war also gar kein notorischer DDR-Vogel, wie ich immer gedacht hatte.
Allein schon dieses kleine Arrangement sah so viel anders und spannender aus als die Bänke im Osten. Ich setzte mich und schaute über die Spree, die sich vor mir ausbreitete. Auf einmal fing ich an zu heulen. Alles kam zusammen, die Einsamkeit der letzten Monate, mein schiefes Gesicht, meine erste große Liebe Conny und meine Tochter, die ich verloren hatte, Sprenzels Tod und der geplatzte Traum von Düsterbusch als Kulturmetropole.
Ein selbstmitleidiger Cocktail, der allmählich einer Art Glücksgefühl Platz machte. Langsam wurde mir klar: Jetzt konnte mir keiner mehr.
Kein beschissener Bulle oder Kohleplatzleiter oder eine andere Arschgeige hatte mir jemals wieder was zu sagen.
Jetzt begann eine neue Zeit ohne Ordnungsstrafverfahren und Verstöße gegen die sozialistische Moral. Vielleicht hatte sich das ja alles gelohnt.
»Da muss ich ja gleich mitweinen. Fehlt bloß noch ›Looking for Freedom‹«, ertönte plötzlich eine spöttische weibliche Stimme. Aus meinen Gedanken gerissen, sah ich einer jungen Frau hinterher, die sich lachend halb zu mir umdrehte. Eine markante Nase und hochgesteckte rote Haare ließen darauf schließen, dass sie etwas Besonderes war. Aber was sollte der blöde Spruch? Dann sah ich nur noch einen Poncho und ein paar Wildlederstiefel in der Menge verschwinden. Doch nicht so heiß, kam es mir jetzt in den Sinn.
Es nutzte nichts. Ich musste mich anstellen. Ich war dringend auf das Begrüßungsgeld angewiesen. Die eine Hälfte wollte ich für Platten ausgeben, die andere im Osten eins zu zehn tauschen. Genau wie ich es früher mit Tante Klaras Geld ab und an gemacht hatte, um über die Runden zu kommen. Nach ein paar Metern erreichte ich bereits das Ende der Schlange. Ich stellte mich auf ein paar Stunden Wartezeit ein. Das dumme Gequatsche vorne und hinten ging mir ziemlich auf die Nerven.
»Guck dir doch mal dieses satte Rot an, ich habe noch niemals so ’n Rot gesehen, so ’n Westrot«, rief eine Frau schräg vor mir mit aufgerissenen Augen und deutete auf den Schriftzug Sparkasse, der in einiger Entfernung leuchtete. Die Alte starrte, als ob ihr der Dschinn aus Aladins Wunderlampe gerade erschienen wäre.
»Wahnsinn«, lag es mir schon auf der Zunge, aber ich hielt meine Klappe. Mussten die immer gleich alles aussprechen, was sie gerade dachten?
Aber ich konnte mich ja auch überlegen fühlen. Schließlich hatte ich durch Tante Klara aus Charlottenburg immer das Westrot zur Verfügung gehabt, und sei es durch die BASF-C60-Kassetten, die ich mir im Intershop geholt hatte. Und die so durchdringend rot leuchteten.
Da bekam ich einen Schubs von der Seite. Schöne braune Augen schauten mich an. Dazu ein spöttisches Lächeln, das die hohen Wangenknochen noch deutlicher hervortreten ließ. Und dann diese Nase. Eine wahre Schönheit stand vor mir: das Poncho-Mädchen. »Na Anton, ausgeweint?«
»Woher … kennst du meinen Namen?«, hauchte ich fassungslos.
Sie streckte mir ihre langen schönen Finger zum Händedruck entgegen. »Irina Freiberg, ich komme aus Kirchhausen.«
Ich gab ihr die Hand, wir drückten beide fest zu, und ich war schon verliebt. »Irina Freiberg aus Kirchhausen? Da, äh … hab ich wohl was verpasst«, sagte ich völlig im Bann ihrer Erscheinung.
Sie lachte geschmeichelt. »Ich war im Erzgebirge verheiratet. Aber jetzt bin ich wieder zurück.«
Wir redeten über die Helden des Fortschritts, und Irina erzählte, dass sie einmal im Club gewesen war. Bei den Rodeo Starters, der Band, die ich als letzte subversive Aktion aus Westberlin über die Grenze geschleust hatte.
»Ich habe mich nicht getraut, dich anzusprechen.«
Hättest du mal, dann würde Sprenzel vielleicht noch leben und die Delle im Kopf wäre mir erspart geblieben, lag es mir auf der Zunge, doch ich wollte mich noch nicht so weit vorwagen.
»Warum hast du denn nun geweint?« Irina forschte sensationsgierig in meinem Gesicht.
»Wir sind jetzt nicht mehr getrennt, wir, äh, Deutschen, das hat mich überwältigt«, sagte ich nicht ganz wahrheitsgetreu. »Außerdem reimt sich getrennt und geflennt.«
Irina lachte. »Ich bin halbe Russin, ich kann mit dem nationalen Taumel nicht so viel anfangen.«
Ach, durch Gorbatschow seid ihr Russen doch jetzt alle heilig, wollte ich gerade sagen, als sich ein Schmidtmützenträger umdrehte und Irina abfällig musterte. »Na, dann hau doch ab, Mensch!«, blaffte er sie an.
»Jenau, Russenjesindel«, sagte ein anderer neben ihm.
Ich schaute Irina entsetzt an. Der Spruch ging weit unter die Gürtellinie.
»Du blöder Bauer«, fauchte Irina mit Zornesröte im Gesicht.
Ich hätte dem fetten Typen im Hängeanorak am liebsten eine reingezogen. Aber eine Schlägerei konnte ich mir beim besten Willen nicht leisten. Wenn mich jemand richtig treffen würde, wäre ich hinüber. Doch ganz widerstandslos sollte er nicht davonkommen.
»Ohne die Russen wäre die Mauer gar nicht gefallen, du Primat«, blaffte ich ihn an.
»Oder gar nicht erst jebaut worden. Kommt auf die Perspektive an«, mischte sich jetzt ein Dritter lautstark ein, während wir uns aus der Schlange drängten. Die drei Typen klatschten hinter uns Beifall.
»Geht’s dir gut?«, fragte ich, als wir auf der Parkbank saßen, die ich gerade erst verlassen hatte. Ein flaues Gefühl machte sich in meinem Magen breit. Irina schob ihre Hände unter die Oberschenkel und lachte bitter. »Den Blödsinn muss ich mir schon mein ganzes Leben anhören. Nur jetzt dürfen sie es ungestraft sagen. Was die Sache noch schlimmer macht.«
Ich nickte, wir schwiegen, und ich musste an Henryk denken, der sich als Pole auch immer beleidigen lassen musste. Irina holte einen Zeichenblock aus ihrer Tasche und begann, mit einem Bleistift und schnellen Bewegungen die Warteschlange zu zeichnen. In Windeseile entstand eine düster-eindringliche Skizze. Ich war fasziniert. Mein zeichnerisches Talent war in der ersten Klasse stehen geblieben. Über naives Gekritzel wie Harkenhände war ich nie hinausgekommen, sehr zur Belustigung meiner Mitschüler. Um so mehr bewunderte ich Leute, die so etwas konnten.
»Bist du Künstlerin?«
»Nein, Physiotherapeutin.« Sie lachte. »Aber mein Vater ist Geologe und musste immer Karten zeichnen. Da hab ich mir das abgeguckt. Ich zeichne aber lieber Menschen als blaue Flächen voller Gesteinsvorkommen.«
Sie schrieb noch das Datum auf die Zeichnung und packte Stift und Block wieder in ihre Tasche.
»Hast du mal überlegt, Kunst zu studieren?« Ich stellte mir vor, mit ihr auf dem Rasen vor einer Uni irgendwo in Italien oder so zu liegen, ihr Kopf in meinem Schoß, während sie zeichnete.
»Ja, schon. Aber ich bin froh, dass ich überhaupt eine Stelle gefunden habe«, sagte sie schnell. »Und was willst du jetzt machen, Anton?«, wechselte sie das Thema.
»Ich bleibe in Berlin, baue mir was Neues auf. Hab schon ’ne Bude. In Düsterbusch ist doch alles gesagt.« Ihr Blick blieb merkwürdig forschend an meinen Augen hängen.
Sollte ich sie fragen, ob sie mich vielleicht mal besuchen wollte? Aber ich verpasste den richtigen Moment.
»Wollen wir nicht weiterfahren? Woanders ist die Schlange bestimmt kürzer«, sagte sie und schaute zum U-Bahnhof Schlesisches Tor.
»Glaube ich nicht, der Zoni hat alles okkupiert.« Ich war fest davon überzeugt, dass sämtliche Sparkassen in ganz Westberlin von Plunderjacken belagert wurden.
»Wollen wir wetten, dass es …« – sie nahm ihre Finger zum Zählen zur Hilfe – »… acht Stationen weiter eine Sparkasse gibt, wo wir nicht warten müssen?«
Sie lachte triumphierend, nahm eine Haarklammer in den Mund, brachte ihre Turmfrisur in Form und steckte die Klammer wieder in das feuerrote Gebilde. Es war ein Fest, ihr dabei zuzugucken.
»Das wäre Nollendorfplatz.«
»Du kennst dich ja aus.«
Ich grinste und streckte ihr meine rechte Hand entgegen. Jetzt konnte ich damit punkten, früher mal den Westberliner U-Bahn-Plan auswendig gelernt zu haben. »Um ’ne Cola Wodka?«
Der Gedanke, mit ihr bei einem geistigen Kaltgetränk in irgendeiner Szenekneipe zu sitzen und über das Leben zu reden, ließ mich jede Menge Glücksgefühle ausschwitzen. Sie schlug ein.
Dicht aneinandergedrängt, standen wir in der Bahn. Kreuzberg flog an uns vorbei. Ich saugte die Reklame und das völlig andere Stadtbild in mich auf, noch den Abenteuergeruch vom Schlesischen Tor in der Nase, dem die eklige Pissrinnennote der Ostbahnhöfe fehlte. Dabei schaute ich immer wieder Irina an, die auch beeindruckt lächelte. Ihre Ausstrahlung, dieser neugierige Blick, diese ebenmäßigen Züge. Was für eine Frau. Nur an ihren Poncho und die verzierten Wildlederstiefel konnte ich mich nicht gewöhnen.
Unterwegs erfuhr ich noch, dass sie Einzelkind und ihre Eltern geschieden waren. Irina wohnte bei ihrer Mutter, einer russischen Lehrerin. Ansonsten hielt sie sich ziemlich bedeckt mit Auskünften über sich.
Als wir zur Möckernbrücke kamen, ebbte der Andrang ab. Das Gros der Marmor-Washed-Träger und Plunderjacken schien sich nicht so weit vorzuwagen. Nur wenige stiegen noch mit übergroßen Plastetüten von Bilka zu, in denen sich größtenteils Videorekorder und Marlboros befanden.
Mir fiel wieder ein, dass ich Rita eine Schachtel mitbringen sollte.
»Hast du denn noch deine Tolle?«, riss mich Irina aus meinen Gedanken.
Sie erwischte mich eiskalt und spielte auf meine letzte Frisur an, eine Popperlocke, die ich zum Flattop umfunktioniert hatte. Sie wollte mir die Mütze vom Kopf ziehen. Ich zuckte erst mal zurück und ließ es mir dann doch gefallen. Es war egal. Irgendwann würde sie es sowieso sehen.
Sie gab sich Mühe, keine Reaktion zu zeigen. Doch ich merkte an ihrem Blick, dass sie ziemlich entsetzt war. Dann kam das Unerwartete. Sie streichelte meine Narben mit beiden Händen und sagte auf Russisch »Moi bjedny Anton« – mein armer Anton.
Ich schwitzte. Hatte sie »mein Anton« gesagt? Sie hatte es gesagt. So viel Russisch konnte ich noch. Eine Umarmung von ihr wäre jetzt das Allergrößte gewesen.
Aber so weit ging es dann doch nicht. Ich erzählte ihr, was geschehen war, und sie hörte interessiert zu.
»Wächst doch wieder. Visionäre müssen Opfer bringen, Anton, das war schon immer so.«
»Bin ich denn einer?«, fragte ich überrascht.
»Klar«, antwortete Irina. »Denkst du etwa, sonst würde ich hier mit dir U-Bahn fahren?« Sie lachte, und schon waren wir am Nollendorfplatz.
Zielgerichtet stürmte ich erst mal zum Loft und dem daneben gelegenen Metropol. Zwei Kultläden, die ich aus dem Radio kannte und deren Konzerttermine damals immer präsent gewesen waren, obwohl die dicke fette Mauer dazwischen gelegen hatte. Jetzt davor zu stehen, war magisch.
Ich studierte den Veranstaltungsplan, der karg und klein mit Schreibmaschine getippt an der unscheinbaren Eingangstür des Loft klebte. Nur das Line-up war groß. Bald würden The Jesus and Mary Chain dort spielen. Ich wäre fast ausgeflippt. Da musste ich hin. »Kennste die?«, fragte ich Irina.
»Nö«, murmelte sie und stand mit gequältem Blick hinter mir.
»Na, warst ja auch im Erzgebirge.« Ich lachte meckernd und merkte plötzlich, dass ich sie beleidigt hatte. Ich wollte nach ihrem Arm greifen und mich entschuldigen. Doch sie entzog sich und hielt Abstand zu mir. Die geheime Hoffnung, dass sie vielleicht meine neue Freundin werden könnte, rückte erst mal wieder in die Ferne.
Direkt neben dem Metropol lag eine Sparkasse. Davor standen etwa zehn Leute an. Irina triumphierte.
»Wette gewonnen.« Wir stellten uns auch an, und ich ließ ihr natürlich den Vortritt. Nach zehn Minuten waren wir schon zum Schalter vorgerückt. »Bist du denn … jetzt … ich meine, bist du denn … Deutsche? Entschuldige bitte.«
Sie schaute mich verwundert an und wurde pampig. »Ach so. Vorhin bei den beiden Idioten war ich Russin. Aber jetzt, wenn ich Geld kriege, bin ich Deutsche«, sagte sie mit sarkastischem Unterton. Dann trat sie an den Schalter und legte ihren blauen Perso vor. Ich biss mir auf die Lippe. Hatte ich wieder was Falsches gesagt?
Als sie fertig war, lächelte sie, schaute mich aber nicht an und verschwand nach draußen. Ich wurde etwas unruhig.
Die Frau am Schalter saß hinter einer Glasscheibe, sah gepflegt aus und war freundlich. Sie stempelte meinen Ausweis ab und legte mir was zum Unterschreiben vor. Ich wollte ihr durch die schmale Luke schnell den Kuli aus der Hand reißen. Doch sie zuckte zurück. Müde deutete sie auf einen Stift, der an einer kleinen Kette befestigt gleich neben mir in einer Art Fundament stand. Fast wie ein Denkmal. Ich wurde rot, zog den Kuli ran und unterschrieb.
Dann schob sie mir den Hunderter unter der Luke durch und lächelte erneut. Ich verstaute erleichtert das Geld und verließ die Sparkasse.
Ich konnte es kaum erwarten, Irina etwas zu trinken auszugeben.
Doch als ich auf den Vorplatz hinaustrat, war sie nirgends zu sehen. Ich lief Richtung Straße. Keine Irina. Zum Metropol gehörte ein schmutziger Hof. Doch auch hier war sie nicht. Schräg gegenüber gab es ein italienisches Restaurant, das mit Mini-Pizza warb. Vielleicht war sie dort auf Toilette.
Zusammen mit zwei anderen Ossis drückte ich mir die Nase an der Scheibe platt, denn ich traute mich nicht hinein. Dann stellte ich mich ein Stück weg, um die Eingangstür zu beobachten. Bei jedem, der das Restaurant verließ, klopfte mein Herz höher. Doch Irina war nicht dabei. Sie war eindeutig abgehauen.
Sämtliche Energie wich aus meinem Körper, als ob jemand den Stecker gezogen hätte. War ich zu krass zu ihr gewesen? Aber ich hatte doch gar nichts Schlimmes gesagt. Und plötzlich wurde mir klar, dass mein deformierter Kopf sie in die Flucht geschlagen hatte. Frustriert zog ich durch das dunkler werdende Westberlin. Ich brauchte was zu trinken.
Der Supermarkt war so groß wie die Produktionshalle im Nieten- und Bolzenwerk, in dem ich meine Lehre begonnen hatte. Und so hell wie ein verglühender Sputnik. Ich staunte erst mal Bauklötze über Buntheit und Angebot und tat dabei so, als würde mir das alles nichts ausmachen. So etwas wie am Sparkassenschalter sollte mir nicht noch einmal passieren. Wenn die mich schon als Ossi erkannten, dann wenigstens als kultivierten.
Ich sah aber nirgendwo einen Einkaufskorb. Dabei gab es die sogar im Konsum. Vor dem Eingang in die wirkliche Warenwelt standen nur allerlei Rollwagen herum. Waren die reserviert oder konnte ich einfach einen mitnehmen? Ich war verunsichert. Zu allem Überfluss erblickte ich auch noch eine Art Drehkreuz, durch das ich offenbar durchmusste. Kreuz Dreilinden fiel mir gleich ein. Ein unüberwindliches Gemisch aus Stacheldraht, Beton und schießwütigen Grenzern. Aber das war hier doch Westberlin. Brauchte ich hier auch ’nen Passierschein, um an die Fleischtöpfe zu kommen, oder was war Phase? Schließlich hatte ich DM in der Tasche. Verschärft meldete sich der Durst auf mein erstes Dosenbier, und ich wartete auf eine Horde Zonis, die sich erst mal zum Löffel machen würden. Die wollte ich genüsslich beobachten, damit ich danach wusste, wie ich unbeschadet in diesen Supermarkt gelangte.
Doch hier mitten in Schöneberg war – zwei Tage nach Maueröffnung – weit und breit kein Ossi zu sehen.
Ich streckte mich und sah ein paar wohlfrisierte Köpfe zwischen den Regalen. Ich befand mich offenbar im ganz ursprünglichen Westen, an dem jegliches Wendegeschrei völlig spurlos vorüberging.
Auf einem, wie ich zugeben musste, abgeblätterten Werbeplakat, fragte ein junges Mädchen in einer Sprechblase: Kommst du mit zu meiner Salzlettenparty? Ja gerne, aber wie?
Ich wollte jetzt nicht länger im Eingangsbereich rumlungern. Also schnappte ich mir kurzerhand einen Rollwagen und steuerte auf das Drehkreuz zu. Ich dachte, es würde sich schon irgendwie öffnen, wenn ich davorstand. Schließlich war ich jetzt frei. Aber den Gefallen tat mir das beschissene verchromte Kreuz nicht.
Ich guckte mich noch mal um. Immer noch keiner zu sehen. Vielleicht ein Stück näher ranfahren. Mein ebenfalls verchromter Einkaufswagen berührte das Kreuz. Simsalabim, Sesam öffne dich! Fehlanzeige. Nichts geschah. Jetzt reichte es mir. Ich hämmerte den Wagen einmal gegen das Kreuz. Wieder geschah nichts. Ich wurde ungeduldig und bummerte mehrmals mit dem Gefährt dagegen. Metall kreischte auf Metall und zerstörte die majestätische Stille. Bumbumbadumbum. »Master and Servant«, schoss es mir durch den Kopf. Die Halle schien zu beben. Aber immer noch registrierte mich kein Mensch. Dann reichte es mir endgültig. Ich sprang über das Kreuz in den Markt und versuchte, den Wagen auch darüber zu hieven. Es gelang mir nicht, weil das Ding viel zu schwer war und sich dann irgendwie verkeilte. Ich begann zu schwitzen, zerrte und trat ohne Erfolg. Der Rollwagen hatte sich hoffnungslos im Drehkreuz verfangen und hing jetzt mit den Rädern halb nach oben so ungünstig, dass ich ihn nicht wieder allein frei bekam.
»Guckt mal, da is eener von drüben!«, hörte ich plötzlich eine brüchige Stimme krakeelen.
Neben der Eingangstür sah ich eine alte Frau, die mich mit Hut und Brosche ein wenig an Tante Klara erinnerte. Sie musste gerade den Markt betreten haben.
Sie zeigte so lange mit dem Finger auf mich, bis hinter ihr ein paar Leute zusammenliefen. Die Oma schnappte sich ebenfalls einen Rollwagen und kam mit drohendem Blick auf mich zu. Hinter ihr das Gefolge aus drei oder vier Neugierigen, die mich teils misstrauisch, teils amüsiert beäugten.
Mit anklagendem Blick direkt in meine Iris manövrierte die Oma das Gefährt neben das Drehkreuz und dann durch eine mit orangefarbenen Zapfen aus Plastik verhängte Durchfahrt, die ich nicht als solche erkannt hatte. Demonstrativ gab sie dem Wagen einen kleinen Schubs. Butterweich und begleitet von leichten angenehmen Schleifgeräuschen der nach vorn geschobenen Zapfen rollte ihr Einkaufswagen wie von allein in das Innere des Marktes. Hinter dem Wagen schwangen die Zapfen fast schon majestätisch aus und kamen wieder zum Stillstand, während ich mit dem Blick der Erkenntnis danebenstand.
»Und da läuft eigentlich nur der Mensch durch«, sagte die Oma jetzt und deutete auf das Drehkreuz. »Der Mensch.« Offenbar hielt sie mich für keinen. Ich stand da wie bestellt und nicht abgeholt und senkte den Blick.
»Wir haben uns in vierzig Jahren was jeschaffen, und ihr macht alles gleich wieder kaputt«, drehte sie jetzt den Dolch in meinem Magen noch mal genüsslich. Zustimmendes Gemurmel der Umstehenden. Schlimme Erinnerungen an das VEB Nieten- und Bolzenwerk wurden wach, wo ich vor versammeltem Kollektiv zum Folterer eines Mitlehrlings gestempelt worden und deswegen aus dem Betrieb geflogen war.
Ich hatte mir die erste Begegnung mit den Westberlinern etwas anders vorgestellt. Mein idealisiertes Bild bekam einen ersten Knacks.
Ein Mittfünfziger im fliegenden weißen Kittel rauschte von hinten heran und gab den Pragmatiker.
Gemeinsam kippten wir den Einkaufswagen wieder zurück vor die Grenze, und er sagte nicht unfreundlich zu mir: »Ick hab’s damals ooch nich gleich kapiert.«
War das auch ein übergelaufener Ossi oder nur ein Westberliner, der Mitleid hatte?
Ich lächelte erleichtert, während die Wartenden sich jetzt geschickt durch das Kreuz fädelten und mit spöttischen Bemerkungen wie »Die haben wir jetzt alle am Hals« im Inneren des Marktes verteilten. Meine Lust auf Shopping in Gesellschaft solcher Leute war dahin. Aber konnte ich ahnen, welche Herausforderungen im nächsten Supermarkt auf mich warteten? Vielleicht eine elektronische Fangschleuse? Zerknirscht nahm ich also meinen Wagen, steuerte ihn durch die Lamellen und passierte ebenfalls das Drehkreuz. Nicht Mauer und Stacheldraht waren jetzt für mich Zeichen der Teilung, sondern dieses polierte Ding mitten in Berlin-Schöneberg. Ich schlich mich an Konfektregalen voller Quality-Street-Blechdosen, an Whiskas-Ständern und Ariel-Türmen vorbei. Da fiel es mir leicht, unauffällig zu bleiben. Vor dem Schnapsregal war ich erneut als Ossi zu erkennen. Das wurde mir bewusst, als ich den Mund wieder zuklappte. Genug gepflegte Alkoholika, um bis zum jüngsten Tag auf Wolke sieben zu schweben. Das kleine Bockbier bei Rita hatte keine negativen Folgen gehabt. Und kein Arzt hatte bei meiner Entlassung aus der Charité irgendwelche Warnungen vor Bier und Schnaps ausgesprochen. Mein Gehirn lag zwar frei, aber verletzt war ja nur mein Schädel, beruhigte ich mein Gewissen, schaute auf die Prozente und entschied mich für eine Flasche Bols Banane mit dreißig Umdrehungen. So ’n richtiger Likörfan war ich eigentlich nicht, aber ich wollte schnell wieder raus. Und das goldgelbe Gesöff leuchtete verlockend. Die Flasche kostete zwölf neunundneunzig.
Das gute Gefühl, die Schachtel Marlboro für Rita nicht vergessen zu haben, ließ mich über das Gegrinse der Kassiererin hinwegsehen. Ich machte mich mit einer nagelneuen Plastetüte davon.
Draußen schraubte ich die Pulle genüsslich auf.
Der ölige, starke Inhalt rann meine Kehle herunter, begleitet von einem schnell einsetzenden Gefühl der Betäubtheit. Ich taumelte die dunkle Maaßenstraße entlang, die plötzlich durch eine Leuchtrakete erhellt wurde. Und im kurzen Schein des Feuerschweifs sah ich an einer Litfaßsäule ein Plakat mit der Aufschrift Tad und Nirvana im Ecstasy. Noch heute Abend. Da musste ich hin.