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Die Uhrmacherin – Im Sturm der Zeit

Claudia Dahinden lebt gemeinsam mit ihrem Mann in der Kleinstadt Grenchen in der Nordwestschweiz, in der sie auch aufgewachsen ist. Sie studierte Zeitgeschichte und arbeitet heute als freischaffende Autorin, Sängerin und Songwriterin. Wenn sie nicht gerade schreibt, singt oder liest, engagiert sie sich in der städtischen Literarischen Gesellschaft und in ihrer Kirche.

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Claudia Dahinden

Die

Uhrmacherin

IM STURM DER ZEIT

Roman

Im Glossar am Ende des Buches finden sich Erklärungen zu den verwendeten Schweizer Ausdrücken sowie Begriffen aus der Uhrenindustrie.

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Copyright © 2021 Claudia Dahinden

Copyright © 2021 Penguin Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Dieses Buch wurde vermittelt durch die Literaturagentur Hille & Schmidt.

Redaktion: Susann Harring

Covergestaltung: bürosüd

Coverabbildungen: Mauritius Images / United Archives / Werner Otto; Arcangel Images / Ildiko Neer; www.buerosued.de

Karte Cover: Peter Palm, Berlin

Gesamtherstellung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-25433-9
V003

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Für meine Eltern Monika und Bruno Meier-Vogt.
Euch verdanke ich die Freude an spannenden Geschichten und die Liebe zu Grenchen und zu seinen Menschen.
Eure Spuren bleiben.

Die Uhr

Es pickt die Uhr im Uhrgehäus:

Tick, tack! Tick, tack! Tick, tack!

Das Uhrgewicht, der Pendelschwung.

Tick, tack! Tick, tack!

Es warnt die Uhr vor jeder Stund:

Gieb acht! Gieb acht! Gieb acht!

Dass weißt, wie bald die Stund vergeht

Und dass dir bald die neue schlägt

Gieb acht! Gieb acht!

Der Hammer schlägt uffs Glögglein an:

Kling Klang! Kling Klang! Kling Klang!

Und gäb die Stund dir heiter klingt,

Weißt doch nit, was die nächste bringt!

Kling Klang! Kling Klang!

Franz Josef Schild, Grenchner Arzt und Volksdichter

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1

Die junge Frau war Hanna wie aus dem Gesicht geschnitten, und einen Moment lang kam es Sarah vor, als stünde sie neben ihrer kleinen Schwester am Bahnhof. Nur nach Branntwein roch Hanna natürlich nie. Und was den Bahnhof anging: Das hier war eher eine größere Hundehütte. Ein Meer aus Schlamm, das den Namen Straße nicht verdiente, führte nordwärts an ihr vorbei – kärglich beleuchtet von ein paar Petroleumlampen – und verschwand nach fünfzig Metern in der Finsternis. Es regnete in Strömen.

Das konnte unmöglich Grenchen sein. Wo war der »aufstrebende Ort«, den Herr Schneider gepriesen hatte?

Keine Kutsche weit und breit. Ihr Zug hätte am frühen Abend ankommen sollen, aber die Lokomotive war ausgefallen und die zusammengewürfelte Gästeschar auf Droschken verteilt worden. So viel zur überteuerten Fahrkarte erster Klasse, die ihre Mutter ihr aufgedrängt hatte.

Das Mädchen, das eben seinen dünnen Mantel zuknöpfte, hatte schon im Zug neben ihr gesessen und so verloren ausgesehen, dass Sarah ein Gespräch mit ihm angefangen hatte. Nach einem Blick auf die geballte Entrüstung der übrigen Passagiere hatte sie sich in ein Buch vertieft, aber es hatte ihr einen Stich versetzt.

Jetzt stapfte die Kleine los, dünn und barhäuptig, und zerrte ihren riesigen Koffer durch den Schlamm. Sarah griff nach ihrem Schirm. »Nehmen Sie den! Ich werde abgeholt.« Hoffentlich.

Die junge Frau drehte sich um. »Ich auch.« Ihre Stimme war ungewöhnlich rau.

»Nehmen Sie ihn trotzdem.«

Sie nahm den Schirm, und ein Lächeln blitzte über das schmale Gesicht. Sarah lächelte zurück, zog ihren Schnürschuh aus der schlammigen Brühe und warf einen letzten Blick auf ihren in der Ödnis entschwindenden Schirm. Wenn das ihr Vater sehen könnte!

Der letzte Montag fiel ihr ein: Vater hinter seinem Mahagonischreibtisch im Studierzimmer, in einem Buch blätternd, das er in der Luzerner Kantonalbibliothek ausgegraben hatte. »Hör’ dir das an: ›Dem Städter von Solothurn galten die Grenchner als ungefüge Dorfmenschen mit wilden Gewohnheiten, welche im Regen noch den leeren Sack um die Achseln schlugen statt eines Mantels und Regenschirme für eine verächtliche Neuerung hielten …‹« Seine dunklen Gelehrtenaugen blitzten hinter dem Kneifer. »Warum gehst du nicht nach Solothurn? Ich kann dir über von Surys oder von Hallers eine Hauslehrerinnenstelle besorgen, bei Menschen von unserem Schlag. Dieser Schneider ist ein unbeschriebenes Blatt!«

Stramm aufgereihte Bücher verströmten den trockenen Geruch vergangener Jahrhunderte, darunter ein paar Erbstücke ihres Großvaters. Die meisten aber hatte ihr Vater, aller Geldknappheit und dem Missmut ihrer Mutter zum Trotz, nach und nach gekauft und sich über die Jahre eine kleine Bibliothek aufgebaut. Immerhin hatte ihm seine Leidenschaft für das geschriebene Wort die Stelle im Kantonsarchiv verschafft, die ihm die Instandhaltung des verbliebenen Familienguts erlaubte.

Die Liebe zu den Büchern hatte er ihr vererbt, aber was in diesem Schinken stand, aus dem er am Montag vorgelesen hatte, interessierte sie nicht. Das Zitat war über vierzig Jahre alt; Grenchen konnte heute, im Jahr 1873, ganz anders aussehen. Und Schneiders? Wenn es nach ihr ginge, hätten sie von den Hottentotten abstammen können. Sie wollte nur weg – weg von den Erinnerungen an Hannes, weg von den verbissenen Bemühungen ihrer Mutter, sie an den Meistbietenden zu verschachern. Sie wäre sonst wohin gegangen.

Hatte sie zumindest gedacht …

Für Ende April war es in Grenchen ungewöhnlich neblig und kalt. Fröstelnd suchte Sarah die Umgebung nach Zeichen menschlichen Lebens ab. Inzwischen hätte sie auch einen Grenchner mit Sack um die Achseln begeistert begrüßt, aber es war niemand zu sehen. Südlich der Geleise stand nicht einmal eine Lampe; die Dunkelheit fraß alles, was auf dieser Seite des Bahnhofs lag. Falls die Erde allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz doch eine Scheibe sein sollte, war dies zweifellos ihr Ende.

Ein kaltes und schlammiges Ende und nicht gerade der Neuanfang, den sie sich ersehnt hatte. Aber was machte das schon? Neu war es allemal, und alles, was neu war, war gut. Sie schloss die Hand um den Koffergriff und stapfte los. Auch dieses Meer aus Schlamm musste ein Ufer haben.

Auf der anderen Straßenseite thronte eine Villa, am Giebel eine Schlange, die sich um einen Stock wand. Soweit sie sich an einen von Vaters Vorträgen erinnerte, war es eine Äskulapschlange; wahrscheinlich wohnte hier ein Arzt. Er konnte ihr vielleicht weiterhelfen.

Auf ihr Klingeln hin öffnete ein Dienstmädchen, und aus dem Korridor eilte ihr eine gut gekleidete Dame mittleren Alters entgegen.

»Sie müssen die neue Hauslehrerin von Schneiders sein! Sie haben uns gebeten, nach Ihnen Ausschau zu halten. Ich bin Frau Girard. Unser Kutscher Josef wird Sie zu den Schneiders fahren. Sie sind sicher froh, wenn Sie in trockene Sachen kommen.«

»Froh« war gar kein Ausdruck. »Das ist sehr freundlich von Ihnen, danke.«

Sarahs schlammversehrter Koffer stand auf gepflegtem Eichenparkett, das im Licht der Deckenleuchte in Schattierungen von Blassgelb über Karamell bis Schokolade schimmerte. In der Mitte prangte ein vielzackiger Stern mit winzigen Verzierungen, millimetergenau verlegt. Ölgemälde in mattgoldenen Rahmen zierten die Wände. Schneiders pflegten offenbar Kontakte zu den besseren Kreisen, das würde ihre Mutter beruhigen.

Ein säbelbeiniger Mann griff nach ihrem Koffer und wankte hinaus. Nach einer hastigen Verabschiedung von Frau Girard folgte Sarah dem knorrigen Kutscher, der eben die Tür zur Chaise öffnete.

»Wollen Sie hinten einsteigen? Das Wetter ist ja nicht besonders.«

»Ich würde gern bei Ihnen mitfahren. Nass bin ich ohnehin schon.« Die Aussicht vom Kutschbock würde hoffentlich trotz der Lichtverhältnisse offenbaren, ob Grenchen auf den zweiten Blick besser abschnitt.

Josef half ihr hoch, griff nach den Zügeln und schnalzte. Die Pferdeköpfe nickten auf und ab, während die Kutsche an den paar Petroleumlampen am Straßenrand vorbei Richtung Norden wankte. Rechts lag ein lang gezogener Bau, durch dessen Fenster die Töne eines Walzers drangen.

»Bad Hallgarten, ein Wirtshaus und Tanzsaal«, sagte Josef. »Grenchen hat einiges zu bieten!«

Das Gewinsel der Klarinette erinnerte an ein verendendes Nagetier, aber Sarah nickte. Kurz darauf erreichten sie eine Kreuzung mit Wohnhäusern und überquerten eine geschotterte Straße. Das sah schon besser aus.

»Wie viele Einwohner hat Grenchen denn? Nach dem, was Herr Schneider geschrieben hat, habe ich es mir größer vorgestellt.«

Stille. Ob sie überheblich geklungen hatte? Aber Josef schien ihr die Frage nicht übel zu nehmen. »Herr Schneider ist stolzer auf das Dorf als jeder Einheimische.« Er wies auf die Gebäude in der Nähe. »Das ist der Ortskern; bis vor zwanzig Jahren gab es sonst nicht viel. Damals lebten hier anderthalbtausend Menschen, aber bei der Volkszählung vor drei Jahren waren es tausend mehr.« Stolz schwang in seiner Stimme mit. »Das haben wir nur den Uhren zu verdanken!«

Sie passierten ein stattliches Wohnhaus, die Petroleumlampen neben dem Eisentor beleuchteten eine Buchsbaumhecke.

»Hier wohnt Urs Schild«, sagte Josef, »Patron der größten Uhrenfabrik im Ort. Sein Vater hat die Uhrenindustrie zusammen mit unserem lieben Doktor Girard – Gott hab ihn selig! – hier angesiedelt.« Das Gebäude glich ihrem Elternhaus in der Luzerner Altstadt.

»Sehr schön.«

Sein Brustkorb blähte sich. »Herr Schild ist ein umsichtiger Patron. Herr Schneider arbeitet für ihn.«

Während die Kutsche die Straße hochkroch, versuchte Sarah sich zu erinnern, was sie über Grenchen gelesen hatte. Das Dorf lag am Südfuß der Juraberge in der Mitte der Nord-Süd-Achse zwischen Basel und Bern. Zehn Kilometer westlich lag Biel, eine Uhrenstadt, die mit über zehntausend Einwohnern fast an Luzern heranreichte. In gleichem Abstand in östlicher Richtung lag die Patrizierstadt Solothurn mit siebentausend Einwohnern, einst prunkvoller Sitz der französischen Botschafter. Sie hatte sich Grenchen wie Biel vorgestellt, aber selbst das kümmerliche Licht konnte nicht verhehlen, wie spärlich der Dorfkern bebaut war. Sie passierten ein paar Fabrikhallen, die ein leichter Ölgeruch umgab, es folgten ein paar strohgedeckte Häuser. Die Uhrenindustrie mochte blühen, aber an einem winzigen Spross. Da war sie anderes gewohnt.

Allerdings: Mit Luzern konnte sich ohnehin kein Ort messen, mit seiner Kapellbrücke, der Hofkirche, dem Vierwaldstättersee und dem Pilatus, der wie ein Wächter neben der Stadt thronte. Seit der Niederlage im Bürgerkrieg vor sechsundzwanzig Jahren hatte die »Leuchtenstadt« an Bedeutung verloren; heute waren Bern und Zürich die Zentren des Landes. Aber für Sarah würde Luzern immer die schönste aller Städte sein.

Zehn Minuten später hielten sie vor einem schmiedeeisernen Tor, hinter dem Sarah eine Villa mit ausladendem Erker erahnen konnte. Josef sprang vom Bock, half ihr hinunter und stellte ihren Koffer ab. Die Eingangstür wurde geöffnet, und Schritte knirschten auf dem Kies.

»Fräulein Siegwart? Ich freue mich!«

Das musste Herr Schneider sein. Kaum größer als sie, dünn wie ein Stock und etwa Mitte vierzig, wirkte er mit seinem ausgefransten Schnurrbart nicht wie ein leitender Angestellter – eher wie ein in die Jahre gekommener Mäuserich, dem das Fell ausging.

Sarah zwang sich zu einem Lächeln. »Ich freue mich auch.« Herr Schneider drückte dem Kutscher ein Halbfrankenstück in die Hand und stemmte ihren Koffer hoch. Seine Mundwinkel unter dem Schnurrbart zuckten. »Haben Sie ein paar Ziegel mitgebracht?«

Ein Spaßvogel also. »Nur meine Lieblingsbücher.«

»Dann wollen wir hoffen, dass sich Ihre Lesefreude auf Euseb überträgt. Sophie liest mit ihren acht Jahren schon gut, aber der Junge ist schon elf und interessiert sich nur für Baumkäfer.« Er ging ihr voran ins Haus. »Euseb und Sophie schlafen schon, meine Frau auch. Aber ich habe dafür gesorgt, dass Sie noch heiß baden können.«

In der Eingangshalle blieb er abrupt stehen und drehte sich mit einer Handbewegung zu ihr um wie ein Pfarrer, der die Menge segnet. »Willkommen im Mesometer!«

»Bitte?«

»Sie wissen schon – im Herrenhaus!«

Er hatte »Maison Maître« sagen wollen. Sie unterdrückte ein Grinsen und nickte ihm zu.

Das Parkett im »Foyer«, wie Herr Schneider es nannte, leuchtete in den gleichen Brauntönen wie das im Hause Girard, aber der Stern in der Mitte wirkte krumm, und zwischen den verschiedenfarbigen Hölzern konnte man winzige Spalten ausmachen. Auf einem burgunderroten Teppich stand eine Nussbaumkommode mit Füßen wie Entenschnäbel, und an der Decke hing ein mehrlagiger Leuchter. Alles wirkte neu, aber nicht sonderlich hochwertig. Ihre Mutter meldete sich süffisant in ihrem Hinterkopf. »Herrenhaus? Neureiche, wie sie im Buche stehen!«

Herr Schneider sah sie immer noch an; sie sagte besser etwas Nettes. »Es ist entzückend!«

Sie fand sich nicht gerade überzeugend, aber er strahlte. Erleichtert stieg sie hinter ihm die Treppe hoch. In das Knarren der Stufen mischte sich ein kakofonisches, metallisches Ticken. An der Wand neben der Treppe prangten Uhren in verschiedenen Größen und Formen, von denen jede in ihrem eigenen Rhythmus und Klang die Sekunden zählte: fein und zart eine bronzene, filigrane Uhr, hohl und dumpf die schokoladenbraune Kuckucksuhr. Den obersten Treppenabschnitt schmückte eine bauchige, rotgolden schimmernde Uhr mit römischen Ziffern.

Herr Schneider war ihrem Blick gefolgt. »Das ist eine französische Kartelluhr aus dem 18. Jahrhundert! Birnen- und Kiefernholz mit Goldlackierung. Die Füße sind aus bullierter Bronze. Ich habe sie einem italienischen Händler abgerungen und dabei ein gutes Geschäft gemacht.« Sein Schnurrbart hob sich. »Ich kaufe jedes Jahr eine dazu. Die Uhrenindustrie ist das Herz und die Seele unseres Dorfes. Vor zwanzig Jahren …«

»Ihr Kutscher hat es mir erzählt«, unterbrach Sarah ihn hastig. Schneiders Stimme dröhnte wie tausend Hummeln in ihren Ohren und vereinigte sich mit dem Ticken der Uhren zu einem nervenaufreibenden Geräuschemus. Sie stützte die Hand auf das Geländer und schloss kurz die Augen.

Herr Schneider schien zu merken, wie müde sie war. »Das kann ich Ihnen ein anderes Mal erzählen. Sie wollen sicher schlafen gehen.« Er stapfte weiter, und sie folgte ihm erleichtert, bis ihre Füße an ein weiches Hindernis stießen. Sie stolperte. Herr Schneider ließ ihren Koffer fallen und griff nach ihrer Schulter, und beinahe wären sie beide die Treppe hinuntergestürzt.

»Entschuldigen Sie! Moby Dick hat im Haus nichts zu suchen, aber meine Frau lässt ihm alles durchgehen.«

Der Name gehörte einem Kater mit einem ausgefransten Ohr und rot-weißem Fell, der nach der Havarie entrüstet die Treppe hinunterrannte und dabei ein Bein nachzog. Ein abenteuerliches Tier, aber es gefiel ihr. Ihre Mutter duldete keine Tiere im Stadthaus.

Herr Schneider öffnete die erste Tür im Korridor und legte ihren Koffer auf eine Kommode.

»Das Badezimmer ist nebenan. Wenn Sie etwas brauchen, können Sie an der hintersten linken Tür klopfen; unser Dienstmädchen Emmi wird Ihnen behilflich sein. Dann eine gute Nacht, Fräulein Siegwart. Wir frühstücken um halb sieben. Lassen Sie das Fenster besser zu, sonst weckt die Fabrikglocke Sie schon vor fünf.« Er lächelte, und sein Mäusegesicht wirkte gleich viel sympathischer.

Ihr Zimmer war klein, aber heimelig. Im Kamin prasselte ein Feuer, auf der Tapete rankten sich Kornblumen, und über dem Bett hing das unvermeidliche Kruzifix. Ein rot-weißer Knüpfteppich bedeckte den Eichenboden, und auf dem Schreibtisch stand eine Steingutvase mit Tulpen, cremefarben und purpurn, zwischen denen sich Gräser emporreckten. Sarah strich über die samtigen Blütenblätter, und das erste Mal an diesem Tag wich die Kälte aus ihren Gliedern.

Sie öffnete ihren Koffer, griff nach den Büchern, stellte sie in ein Wandregal über dem Bett und legte die Schulunterlagen auf den Schreibtisch. Wie sich die Kinder wohl anstellen würden? Sie hatte bisher nur größere Klassen unterrichtet, und Herrn Schneiders Bemerkungen über seinen Sohn waren nicht ermutigend. Aber Eltern konnten irren.

Der Fenstersims bot Platz für das Reiseschachspiel, das ihr Vater ihr zu Beginn ihrer Ausbildung im Seminar Baldegg geschenkt hatte. Oft war sie nicht zum Spielen gekommen, aber es hatte ihr das Gefühl gegeben, zu Hause zu sein. Sie beugte sich wieder über den Koffer, griff nach dem Bild, das auf den Kleidern lag, und stellte es auf den Nachttisch. Hannes’ dunkle Augen, im Leben voller Humor und Zuneigung, wirkten matt. Sie strich über das Glas, und erneut sickerte die Kälte vom Daumen in ihre Glieder. Sie schloss die Hand um den Verlobungsring an der Goldkette um ihren Hals – glatt und so kalt wie ihre Finger.

Wie war sie nur auf die Idee gekommen, wegzugehen würde etwas ändern? Hannes war tot, vor dieser Erkenntnis gab es keine Flucht.

Sie erhob sich widerwillig und griff nach dem ersten Kleid, hängte es in den Schrank, dann das zweite und dritte. Den Sonntagskleidern folgten die Arbeitskleider, die ihre Mutter mit zusammengepressten Lippen bei ihrer Schneiderin in Auftrag gegeben hatte. Zum Schluss stellte sie die Schnürschuhe und die Sommerschuhe neben den Schrank. Der Koffer war leer – genau wie sie. Sie griff nach dem Bettpfosten, um sich hinzusetzen, dann hielt sie inne.

Wollte sie ihr neues Leben wirklich so mutlos beginnen? Dem Hause Siegwart waren bisher keine Feiglinge entsprossen. Sie öffnete die Fensterflügel. Irgendwo blökte ein Schaf, und Regen rauschte in den Ästen nahe stehender Bäume. Sie sog die kühle Frische in die Lungen. Wenn sie sich in Luzern verkroch, wurde Hannes auch nicht wieder lebendig. Das war ihr Neuanfang.

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2

»Weiß nicht.« Euseb pochte mit seinem Lederschuh an das Pultbein und suchte schon seit Minuten eine Antwort auf ihre Frage nach der Konjugation des Verbs »fliegen«. Der helle, freundliche Studierraum war seit Unterrichtsbeginn so stickig geworden wie ein Landschulzimmer voller Bauernkinder, und Sarah konnte an ihrer Schrift auf der Schiefertafel ablesen, wie ihr Enthusiasmus tröpfchenweise versickert war.

Dabei hatte der Tag gut angefangen. Frau Schneider, eine Dame mit mandelförmigen, grün-braunen Augen und einem Dutt kastanienbraunen Haares, hatte sie beim Frühstück wärmstens willkommen geheißen. Im Gegensatz zu Herrn Schneider, der über seinem Milchkaffee schon wieder zu einem Vortrag über seine Uhren hatte ansetzen wollen, hatte sie sich interessiert nach Sarahs Familie erkundigt. Sie musste etwa Mitte dreißig sein; rund zehn Jahre älter als sie selbst und ein ganzes Stück jünger als ihr Ehemann. Der erste Blick auf die Kinder löste dann gemischte Gefühle aus. Sophie, ein bezopftes Mädel mit Sommersprossen auf einer Himmelfahrtsnase, hatte einen wachen Blick, aber Euseb hing über seinem Teller wie ein Sack Kartoffeln. Der Rest des Tages hatte ihre Vorahnungen bestätigt: Sophie saugte alles, was sie sagte, auf wie ein Schwamm, aber Euseb hielt Wissen offensichtlich für ansteckend und gefährlich.

Die Wanduhr schlug vier. Sophie kritzelte immer noch eifrig vor sich hin. Mit dem ernsten Gesichtchen und den dunkelbraunen Haaren erinnerte das Mädchen sie an sich selbst. Sie würde dafür sorgen, dass ihr der Unterricht genauso zugutekam wie dem Jungen. Und Euseb? Sie hatte schon härtere Nüsse geknackt. Doch für heute reichte es. Sarah beschloss, den Unterricht zu beenden.

Sie packte gerade ihre Unterlagen ein, als es an der Tür klopfte. Frau Schneider streckte den Kopf herein.

»Haben Sie Zeit für einen Kaffee, Fräulein Siegwart?«

Sie hatte sich auf zwei ruhige Stunden in ihrem Zimmer gefreut, aber es war nett von Frau Schneider, sie einzubeziehen, und einen Kaffee konnte sie tatsächlich gebrauchen. Sie folgte der Hausherrin in den »Salon«, einen Raum mit hohen Fenstern und einem kreisrunden Teppich in goldgelb, auf dem türkisfarbene Vögel prangten. Eine Horde burgunderroter Samtfauteuils mit goldenen Troddeln, die die Teppichvögel belagerten, vollendete das Bild. Unverkennbar die Handschrift des Hausherrn. Immerhin boten die Wände eine Erholung für das Auge: Auf hübsch gerahmten Tuschzeichnungen prangten anmutige Pferde, und die Frontseite schmückte wenig überraschend eine weitere Wanduhr.

Emmi, ein dralles Mädchen mit flachsblondem Schnittlauchhaar, schenkte Kaffee ein und brachte das Geschirr auf dem Kirschholztisch zum Klirren.

»Wie ist es gegangen? Euseb ist nicht der Einfachste.«

Sarah nippte an ihrem Kaffee. »Anfänge sind immer eine Herausforderung.« Hoffentlich war das diplomatisch genug.

»Haben Sie Bekannte in unserer Gegend?«

»Leider nicht. Meine Mitschülerinnen aus Baldegg arbeiten alle in der Innerschweiz.«

»Wie schade! Was hat Sie dann in diese Region gezogen?«

Irgendwo im Haus sang eine Frau das Vreneli vom Guggisberg. Sarah ließ den Löffel in ihrem Kaffee kreisen. Was würde Frau Schneider sagen, wenn sie wüsste, dass sie nach dem Streit mit ihrer Mutter auch an den Nordpol gegangen wäre?

Sie hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, Luzern zu verlassen, und sich auf verschiedene Anzeigen gemeldet. Eine davon war die der Schneiders gewesen, die prompt geantwortet hatten, dass sie sie gern einstellen würden. Sie hatte diesen Brief tagelang mit sich herumgetragen – bis zu jenem Samstag. Ihre Mutter war nach dem Mittagessen in ihr Zimmer geplatzt und hatte sie mit ihrer Mitgefühls-Miene beehrt, mit der sie aussah, als sei Köchin Mathilde wieder an der Sauce Béarnaise gescheitert. Das verhieß nichts Gutes; Mutter war nur nett, wenn sie etwas wollte.

»Was ist, Mutter?«

Ihre Mutter setzte sich auf das Bett und strich über ihr Brokatkleid. »Ich wollte sehen, wie es dir geht.« Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort. »Du hast doch heute Nachmittag nichts vor? Ich habe Paul Birrer zum Kaffee eingeladen, zieh dich noch um. Das lindengrüne Kleid wäre schön.«

»Du hast was

»Es ist nur ein Nachmittagskaffee. Du kannst nicht ewig trauern, Liebes. Deine besten Jahre …«

»Meine besten Jahre interessieren mich nicht.«

Zwischen den Augen ihrer Mutter bildete sich eine Falte, und ihr Mund wurde schmal. Dann setzte sie wieder den »Béarnaise«-Blick auf.

»Es ist über ein Jahr her. Die Zeit heilt Wunden, und denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten dienen.«

Das hätte sie nicht sagen dürfen; nicht sie, die den Allmächtigen nur bemühte, wenn es ihren Zwecken diente. Und was die heilende Zeit betraf: Der Schmerz mochte nachlassen, aber er verschwand niemals, und auch wenn die Wunde sich schloss, blieb eine Narbe zurück.

Sarah stürmte aus dem Haus und machte einen langen Spaziergang. Danach, nur wenig ruhiger, aber mit einem klaren Plan, setzte sie sich an ihren Schreibtisch und schrieb den Schneiders, dass sie gern nach Grenchen kommen würde.

Das entsetzte Gesicht ihrer Mutter hatte sie für alle frommen Sprüche und »Béarnaise«-Blicke entschädigt. Auch ihr Vater war über ihre Entscheidung nicht glücklich gewesen, aber sie hatte gespürt, dass er sie verstand. Allerdings hegte er sicher die Hoffnung, der Aufenthalt in der Solothurner Provinz würde sie genug ernüchtern, um mit wehenden Fahnen nach Luzern zurückzukehren.

Der Löffel klirrte in ihrer Tasse. Frau Schneider sah sie neugierig an. Sarah räusperte sich. »Ach, Ihr Brief war so nett. Und ich brauchte eine Veränderung. Manchmal muss man etwas wagen und neu anfangen.«

»Ich weiß, was Sie meinen«, erwiderte Frau Schneider. »Vielleicht werden Sie hier ja heimisch. Ich dachte mir, ein paar Freundinnen würden Ihnen dabei helfen. Ein Freund meines Mannes hat zwei Töchter Anfang zwanzig, die sich mit anderen jungen Frauen aus der Gegend treffen. Sie sind aus gutem Haus und wollen sich vielleicht nicht nur mit Dienstmädchen anfreunden.«

Sarah betrachtete ihre hellblauen Manschettenärmel. Wahrscheinlich waren es Dorfdämchen wie ihre Cousinen aus dem Entlebuch, die sich vor allem für Kühe, Konfitüre und den Sohn des Dorfpräsidenten interessierten. Aber es wäre unklug, die Hausherrin vor den Kopf zu stoßen.

»Wie nett von Ihnen! Ich treffe mich gern mit ihnen.«

»Das freut mich. Sie machen am Samstag ein Picknick oder gehen zu Kuchen und Kaffee zu Köllikers. Ich werde Ihnen die Droschke leihen.«

Vielleicht war es der starke Kaffee, der in ihrem Magen rumorte. Dorfdämchen waren eines, aber was, wenn die Mädchen zur Gattung der neureichen, eingebildeten Hühner gehörten?

Frau Schneider schien zu spüren, was in ihr vorging. »Machen Sie sich keine Sorgen. Grenchen ist ein guter Ort, hier weht ein fortschrittlicher Geist. Wichtig ist allein, was man leistet.« Sie lächelte. »Wie sieht es mit einem jungen Mann aus? Haben Sie daheim einen Verehrer?«

Sarah zögerte. Solche Fragen mochte sie sonst nicht, aber aus Frau Schneiders Worten sprach nur Freundlichkeit, und ihre Arbeitgeberin wusste natürlich nicht, was für Erinnerungen die Frage in ihr heraufbeschwor.

»Mein Verlobter ist bei einem Unfall gestorben.«

»Wie entsetzlich, das tut mir leid. Dann hoffe ich umso mehr, dass Sie hier ein neues Zuhause und Freunde finden. Was ich dafür tun kann, mache ich gern.« Sie warf einen Blick auf die Wanduhr. »Ich werde einen Ausritt machen. Falls Sie reiten, können Sie sich jederzeit Achill ausleihen. Er ist sanft und zuverlässig.«

Sarah schüttelte den Kopf. »Danke, das ist freundlich, aber ich konnte mich nie dafür begeistern.« Sie deutete auf die Pferdebilder an der Wand. »Gehören die Ihnen? Sie sind reizend.«

»Ich habe sie selbst gemalt.« Frau Schneider erhob sich. »Wenn Sie doch einen Versuch machen wollen – jederzeit.«

Sie verabschiedete sich freundlich, und Sarah sah ihr nach, als sie den Raum verließ. Das Reiten passte zu Frau Schneider; erstaunlich, dass eine Frau mit ihrer Grazie an den biederen Herrn Schneider geraten war. Vielleicht war es einfach Liebe.

Liebe …

Da war sie wieder, die vertraute Leere, stummer Begleiter seit Hannes’ Tod. Nicht einmal ihr Vater verstand, wie entwurzelt sie sich fühlte, wie Luzern und alles Schöne zu einem Stachel in ihrem Herzen geworden waren.

Aber das würde sie jetzt hinter sich lassen. Grenchen war ihr Schnitt durch den Gordischen Knoten, es musste einfach das Richtige sein. Vielleicht fand sie hier echte Freundinnen. Und der Unterricht? Es konnte nur besser werden.

Zwei Tage später starrte Sarah auf ihr Bett. Die beiden darauf liegenden Kleider waren ihre letzte Auswahl für das morgige Treffen mit den Mädchen und glichen sich weder in Farbe noch Schnitt, aber für sie sah eins wie das andere aus. Das Pochen in ihrem Kopf überlagerte jeden Gedanken.

Euseb hatte ihr auch heute jede Unze Geduld abverlangt. Und gestern. Und vorgestern. Um das Maß vollzumachen, hatte sie letzte Nacht das Fenster nicht geschlossen und war schon vor fünf von einem lauten Gebimmel geweckt worden. Die ominöse Fabrikglocke hatte einen durchdringenden Klang und leistete damit sicher hervorragende Dienste, die Leute an ihren Arbeitsplatz zu scheuchen.

Sie setzte sich auf den Bettrand. Eigentlich könnte sie sich für ein Nickerchen neben die Kleider legen; vielleicht fiel ihr die Entscheidung danach leichter.

»Sie sind also ›Das große Los‹.«

Sarah zuckte zusammen. Die Stimme gehörte einem schlaksigen Mann in ihrem Alter, der mit einem Fuß in ihrem Zimmer stand, mit dem Ellbogen am Türrahmen lehnte und sie aus hellblauen Augen neugierig musterte.

Sie erhob sich und stemmte die Hände in die Hüften. »Wie meinen Sie das, und wer sind Sie?«

Er trat ins Zimmer und verbeugte sich kurz. »Entschuldigen Sie. Paul Schneider. Ich bin nur neugierig. Wie kommen Sie mit Euseb zurecht? Er kann eine ziemliche Nervensäge sein.«

»Da sagen Sie etwas Wahres.« Sie räusperte sich. »Ich lebe mich noch ein«, ergänzte sie rasch.

»Sie kommen aus Luzern? Das hat Esther – ich meine, Frau Schneider – gesagt. Grenchen muss Ihnen langweilig vorkommen.«

»Viel habe ich davon noch nicht gesehen. Erst muss ich die Kinder in den Griff bekommen.«

»Sie schaffen das sicher.« Er stellte sich auf den Knüpfteppich neben ihrem Bett und sah sich lächelnd um. »Das war früher mein Zimmer. Esther hat sich ins Zeug gelegt, bevor Sie ankamen! Und Vater singt seit Wochen Ihr Loblied. ›Sie stammt aus bestem Haus, hat eine exzellente Ausbildung und kostet nicht mehr, als wir uns leisten können.‹«

»Herr Schneider ist Ihr Vater?«

Sein Gesicht, eben noch offen und freundlich, verschloss sich. »Er hat es also nicht für nötig gehalten, mich zu erwähnen.«

Er wandte sich ab und streifte dabei mit dem Ellbogen das Bild auf ihrem Nachttisch, das auf den Holzboden fiel. Sie bückte sich, um es aufzuheben, und ihr Blick fiel auf Hannes’ Gesichtszüge. Ihre Augen brannten. Rasch legte sie es umgedreht auf ihr Bett, aber Paul Schneiders Blick machte deutlich, dass ihm nichts davon entgangen war.

»Verzeihen Sie. Ich bin schon weg.« Er nickte ihr zu und schloss die Tür hinter sich.

Sarah stellte das Bild wieder auf den Nachttisch. Eine seltsame Begegnung. Paul Schneider wirkte nett, doch da war plötzlich diese unterdrückte Wut in seiner Stimme gewesen. Aber sie hatte keine Zeit zu grübeln; das Abendessen wartete.

Die Kirschholzstühle am Esszimmertisch waren bis auf ihren bereits besetzt. Emmi und die Köchin, eine stämmige Frau namens Rosa, gossen die Suppe ein und stellten die Schüsseln auf ein Büfett aus dem gleichen Holz wie die Sitzgruppe, das die ganze Wand ausfüllte. Wenn man es zu lange ansah, bekam man Angst, darunter begraben zu werden.

»Das ist ein ›Louis Seize‹«, sagte Herr Schneider. Dieses Mal sprach er das französische Wort deutlicher aus. Allerdings hatte sie bei Verwandten echte Möbel dieser Epoche gesehen, und dieses musste ein mittelbegabter Schreiner nachgebaut haben. In den geschnitzten Girlanden hingen Späne, und die kleinen Vögel hatten unterschiedlich lange Beine erhalten.

»Haben Sie sich gut eingelebt, Fräulein Siegwart? Haben Euseb und Sophie Sie genug beschäftigt?« Herr Schneider strich Sophie über den Kopf.

»Danke, es geht ganz gut.« Die dreiste Lüge kam ihr überraschend leicht über die Lippen.

»Wichtig ist, dass die Kinder neben den klassischen Fächern etwas Handfestes lernen. Deutsch, Latein und Geschichte sind gut und recht, aber sie brauchen auch praktischere Kenntnisse. Mathematisches Verständnis ist wichtig. Bei unseren Lehrlingen stellen wir immer wieder fest, dass es daran fehlt. Handwerkliches Geschick ist …«

»Damit hat es noch ein paar Jahre Zeit, mein Lieber«, unterbrach ihn Frau Schneider. »Und meinst du nicht, wir sollten Fräulein Siegwart etwas Ruhe gönnen?«

Sarah atmete auf. Herrn Schneider schienen nur seine Uhren zu interessieren. Aus seinem Arbeitszimmer drang immer ein leichter Ölgeruch, und das unaufhörliche Ticken der Uhren im Haus verfolgte einen von früh bis spät.

Jetzt wanderte Herr Schneiders Blick durch das Esszimmer, als fände sich irgendwo an den Wänden ein anderes Gesprächsthema, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Sarah.

»Paul hat mir gesagt, dass er sich Ihnen schon vorgestellt hat.«

»Das hat er.«

»Wie nett von ihm!« Er lächelte seinen Sohn an, der das Gesicht verzog. »Hat er Ihnen erzählt, dass er in Mümliswil in einer Kammfabrik arbeitet? Der ideale Beruf, um junge Damen zu beeindrucken!«

»Hör auf, Vater! Wir wissen alle, dass du meine Arbeit lächerlich findest.«

In Herrn Schneiders Schnurrbart glänzten ein paar Schweißperlen. »Das habe ich nicht gesagt. Du musst selbst wissen, was du aus deinem Leben machen willst.«

»Du weißt genau, was ich will, aber das interessiert dich nicht. Ich …«

»Was macht Ihr Vater, Fräulein Siegwart?«

Eine Portion Verzweiflung lag in Herrn Schneiders Stimme, aber bevor sie antworten konnte, stand Paul Schneider auf.

»Zieh ihr nur aus der Nase, ob sie irgendeinen hohen Herrn kennt, mit dem du wichtigtun kannst!« Er ließ den Löffel in die Suppe fallen, die über den Tellerrand schwappte und einen Fleck auf dem weißen Leinen hinterließ, und stürmte hinaus. Euseb kicherte. Einen Moment herrschte Schweigen. »Entschuldigen Sie das Verhalten meines Sohnes«, sagte Herr Schneider schließlich. »Er ist nicht immer so.«

»Pauls Mutter erkrankte schwer und starb, als er zwölf Jahre alt war«, sagte Frau Schneider. »Das hat ihn schwer getroffen.«

Die Falten in Herrn Schneiders Gesicht vertieften sich. »Ich hatte nichts, aber ich bin mit Willen und Ehrgeiz zum Verkaufsleiter aufgestiegen. Paul hat die Lehre bei Schild gemacht – er hatte alle Möglichkeiten, die ich mir je gewünscht habe.«

»Er wird seinen Weg finden«, sagte Frau Schneider ruhig. »Auch wenn er nicht das Gleiche will wie du.«

Ihre Worte schienen Herrn Schneider zu besänftigen.

»Du hast recht, meine Liebe.«

Seine Frau lächelte ihn an. Sarah blickte nach unten auf ihre Hände, die die Serviette zerknüllten. Sie löste sie und strich den Stoff glatt.

Nach dem Essen, das anschließend größtenteils schweigend eingenommen worden war, kehrte sie in ihr Zimmer zurück und versuchte zu lesen, aber die Szene beim Nachtessen beschäftigte sie. Paul Schneiders Zorn, die Spannung am Tisch. Sicher war es nicht einfach, so früh die Mutter zu verlieren, aber er war ein Mann – alt genug, um sich sein eigenes Leben aufzubauen und Vergangenes hinter sich zu lassen.

Sie seufzte und legte ihr Buch auf die Bettdecke. Wie kam sie dazu, anderen vorzuwerfen, dass sie mit der Vergangenheit nicht umgehen konnten?

Durch das geöffnete Fenster drang wieder Gebimmel ins Zimmer, und Sarah schloss es rasch. Ein erneuter Weckruf vor fünf musste nicht sein.

Dann setzte sie sich an den Schreibtisch und zog die Schulhefte heraus. Die nächste Woche würde besser werden, egal, was sie sich dafür einfallen lassen musste.

Am darauffolgenden Freitag schloss Sarah um vier Uhr ihr Heft und reckte die Arme. Euseb hatte sich in der vergangenen Woche merklich gesteigert. Das war umso erfreulicher, da die Woche unangenehm angefangen hatte. Am Montagabend war Herr Schneider bei einer Parteiversammlung gewesen und hatte, falls sie seine Wieselaugen beim Frühstück am Dienstag richtig interpretierte, ein paar über den Durst getrunken. Er und seine Frau hatten die ganze Woche kaum miteinander gesprochen, was sich auf einen gewissen Teil der Belegschaft ausgewirkt hatte: Emmi, die sich als Dienstmädchen ohnehin keine Meriten verdiente, war herumgeflattert wie eine aufgeregte Henne und hatte sich noch ungeschickter angestellt als sonst.

Das Treffen mit den Mädchen am vorigen Samstag war auch kein Feuerwerk gewesen. Unsympathisch waren sie nicht – Roswitha, zart und blond und die ältere der Kölliker-Töchter, gab in der Vierergruppe den Ton an, sekundiert von ihrer schüchternen Schwester Ida. Abgerundet wurde die Gruppe durch Frieda, ein lustiges Ding mit roten Haaren, und die zierliche Trudi, die ihr nur bis zur Schulter reichte. Die Väter der Mädchen standen in Arbeit in Grenchens Uhrenfabriken; der Vater von Roswitha und Ida, ein rotgesichtiger, korpulenter Mann, war Herr Schneiders Stellvertreter. Er hatte sie mit väterlicher Freundlichkeit in seinem Haus willkommen geheißen, aber irgendwie hatte sie sich unbehaglich gefühlt. Vielleicht lag es daran, dass er bereits am frühen Nachmittag nach Schnaps gerochen hatte. Die Mutter, ein dürres Geschöpf um die sechzig mit riesigen Klunkern am Hals, hatte sie misstrauisch beäugt und damit auch nicht zu ihrem Wohlgefühl beigetragen.

Dennoch hatte sie sich leidlich gut unterhalten. Die vier Mädchen fragten sie großäugig über ihre Herkunft aus und zeigten sich tief beeindruckt, dass ihre Familie ein Landgut besaß. Dass das dazugehörige Vermögen sich in Luft aufgelöst hatte und Sarah deswegen in Lohn und Brot stand, schien sie nicht zu stören. Sonst beschränkten sich die Gespräche auf Männer, Kleider und Kuchen, aber sie hatten ihr erzählt, dass sie ab und zu in größerem Kreis sangen und musizierten. Das klang vielversprechend – vielleicht spielte eine von ihnen sogar Schach.

Aus dem Erdgeschoss drang ein Scheppern und riss Sarah aus ihren Gedanken. Sie eilte ins Esszimmer, wo Euseb mit seinem Löffel an eine Tasse schlug. Auf dem Tisch stand weder Kakao noch Brot. Sarah schüttelte innerlich den Kopf. Am Montag war Emmi beim Abstauben eine von Herrn Schneiders kostbaren Uhren heruntergefallen, und gestern hatte sie die Wäsche im Regen hängen lassen. Ihr Hirn war kein Sieb mehr, sondern ein Löcherbecken. Aber sie würde sich den Rest des Tages nicht verderben lassen. Sie wandte sich an Euseb. »Sei bitte leise, Euseb. Ich kümmere mich um den Zvieri.«

Köchin Rosa, die in einem dampfenden Kochtopf rührte, hob bei Sarahs Eintritt den Kopf. »Was gibt’s?«

»Wo ist Emmi? Die Kinder warten auf den Zvieri.«

Rosa strich die Hände an ihrer Schürze ab. »Ist sie noch nicht zurück? Dieses Mädchen bringt uns alle ins Grab!« Sie seufzte. »Sie haben sich sicher schon gewundert, dass Schneiders sie behalten. Emmi ist eine Waise – im Ort hat man immer für sie gesorgt. Erst war sie bei Girards, dann bei Köllikers, und jetzt ist sie bei uns. Als mein Mann starb, hab’ ich sie eine Weile bei mir aufgenommen und versucht, ihr ein Gran Verstand einzubläuen – vergebens. Dann werd’ ich sie mal suchen gehen.«

»Das kann ich doch machen, wenn Sie den Kindern den Zvieri bringen. Dann müssen Sie Ihr Essen nicht zu lange im Stich lassen.« Sarah warf einen Blick in den Kochtopf, aus dem der Duft von Rosmarin und Thymian strömte. »Haben die Schneiders heute Gäste?«

»Nur Paul.«

Paul Schneider? Hoffentlich gehörte der freitägliche Streit beim Abendessen nicht zur Familientradition.

»Hat Emmi gesagt, wo sie hinwill?«

»Sie hat etwas von ›Bärlauch sammeln‹ gemurmelt.« Rosa rührte im Sud, der bedrohlich nahe an den Rand schwappte. »Würde mich allerdings auch nicht wundern, wenn sie zu einem Stelldichein aufgebrochen ist.«

»Wo gibt es hier Bärlauch?«

»Am Waldrand.«

Nachdem Rosa ihr den Weg erklärt hatte, verließ Sarah das Maison Richtung Schöneggrain. Die frische Luft war eine Wohltat. Wenn das Wetter so blieb, wollten die Mädchen morgen einen Ausflug ins Bachtelental machen. Sie hatten ihr erzählt, dass das ehemalige Heilbad dieser Tage das renommierte Knabeninstitut »Breidenstein« beherbergte, und von den klugen Lehrern dort geschwärmt. Wie weit man dem Urteil von Frieda und Trudi in Sachen Klugheit anderer trauen konnte, war allerdings fraglich.

Nach zehn Minuten erreichte sie den Waldrand. Der Aufstieg hatte sie ins Schwitzen gebracht, und sie blieb einen Moment im kühlen Schatten der Tannen stehen. Grenchen lag jetzt ein ganzes Stück unterhalb; in der Dorfmitte ragte der blassgrüne Kirchturm auf, und aus den Fabrikschornsteinen stieg Rauch in weißlichen Säulen empor. Südlich des Dorfs erstreckte sich eine Ebene, durch die sich das glitzernde Band der Aare schlängelte. Auf der südlichen Seite des Flusses stieg das Gelände an und formte, sanft geschwungen wie das Entlebuch, die Hügelketten des Bucheggbergs, in dessen Kuhlen sich kleine Dörfchen schmiegten. Dahinter, leuchtend weiß, die schneebedeckten Berner Alpen – das spitze Schreckhorn, das Dreieck der Eigernordwand, Mönch und Jungfrau. Ein majestätisches Bild, selbst im Vergleich mit der Aussicht vom Gütsch, Luzerns Hausberg, wo Pilatus und Rigi das Panorama beherrschten.

Die Luft unter den Tannen ließ sie frösteln. Aus dem Wald drang Knoblauchduft, der sie nach etwa hundert Metern zum Bärlauchteppich führte. Die Ernte lohnte sich, aber von Emmi fehlte jede Spur.

Irgendwo gurgelte Wasser. Ob das Mädchen Durst bekommen hatte? Sarah folgte dem Geräusch zu einem kleinen Wasserfall, der von einem Felsvorsprung in einen von Gestein und Gebüsch eingefassten Teich plätscherte.

Etwas Schwarz-Weißes blitzte hinter den Büschen auf den Felsen auf. Vielleicht machte Emmi ein Nickerchen – nach dem, was Rosa erzählt hatte, war alles möglich. Sarah bahnte sich einen Weg durch das Gestrüpp und die eng stehenden jungen Birken und blieb abrupt stehen.

Es war tatsächlich Emmi, die dort lag. Aber ihre Beine waren verdreht, ihre Augen weit geöffnet und leer, und ihr Hinterkopf lag in einer Lache aus Blut.

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Das Geplätscher des Wasserfalls wurde dumpf, das Grün der Büsche grau. Aus Sarahs Beinen wich jede Kraft, sie spürte kaum den stechenden Schmerz, als der Fels die Haut an ihren Knien abschürfte. Sie rang nach Luft, vor sich Emmis Augen, matte Murmeln, den halb geöffneten Mund, die rot glänzende Masse an Emmis Hinterkopf. Aber ein Teil von ihr nahm nichts davon wahr. Dieser Teil war weit weg.

Es war der zweite Tag des letzten Jahres, und sie stapfte durch den Schnee Richtung Gütsch. 1872 hatte wunderbar angefangen, aber der Ursprung des Wunderbaren lag im alten Jahr. Heiligabend nach der Mitternachtsmesse hatte Hannes vor der Kirche ihre Hand genommen und sie gefragt, ob sie seine Frau werden wolle. Sie hatte Ja gesagt, und bis heute wusste sie nicht, wann sie glücklicher gewesen war: als er ihr den Antrag machte oder als sie Ja gesagt und die tiefe Freude in seinen Augen gesehen hatte.

Über die Weihnachtstage hatten sie viel Zeit zusammen verbracht und Zukunftspläne geschmiedet: Eine kleine Landschule im Entlebuch, die sie zusammen aufbauen und leiten würden. Sie wollten sich Zeit lassen und planten die Hochzeit auf Sommer 1873; bis dann würde die Schule fertig sein.

Am Berchtoldstag hatten sie die Messe besucht und sich für eine Nachmittagswanderung verabredet. Sie hatte zu Hause zu Mittag gegessen und sich danach umgezogen, und war mit ein paar Äpfeln in der Manteltasche losgegangen. Eine Viertelstunde später erreichte sie ihren Treffpunkt, aber Hannes war nicht da, obwohl er normalerweise schon auf sie wartete. Nach zehn Minuten war sie zum Aussichtspunkt aufgestiegen, an dem sie immer eine Pause machten. Hannes hatte eine romantische Ader; vielleicht war er vorausgegangen und hatte eine Überraschung vorbereitet.

Die frische Schneedecke auf dem Plateau war am Rand auf einer größeren Fläche zertrampelt, aber die Aussichtsbank war leer, und auch hinter den Föhren versteckte sich niemand. Sie trat an den Rand des Felsvorsprungs, das Knarzen ihrer Schuhe trocken und laut in den Ohren. Dann sah sie nach unten.

In der Tiefe lag Hannes wie ein dunkler Schmetterling im Schnee, um seinen Kopf ein purpurner Kranz, wo sein Blut in die Schneekristalle gesickert war.

Ein Vogel pfiff. Nicht irgendein Vogel, es war ein Waldlaubsänger. Im Winter?

Sarah schreckte hoch. Emmi. Taumelnd stand sie auf und rannte durch das Gestrüpp zurück in Richtung Straße und Schneidervilla.

Herr Schneider war im Begriff, die Tür zu öffnen, als sie ihn erreichte. Stammelnd erzählte sie ihm, was sie gesehen hatte, und ihm wich die Farbe aus dem Gesicht. Dann strafften sich seine Züge, und er umfasste ihre Schultern. »Beruhigen Sie sich. Ich informiere den Landjäger und telegrafiere nach Solothurn. Meiner Frau sage ich es, wenn sie aus dem Dorf zurückkommt. Sie legen sich hin.«

Sarahs Herz hämmerte. Hinlegen half nicht, sie brauchte Bewegung und frische Luft, um das Grauen aus ihrem Kopf zu vertreiben.

Eine Stunde später stand sie in der Schneiderschen Bibliothek mit Blick auf den Rücken eines hochgewachsenen Mannes, der die wenigen Bücher einer intensiven Prüfung zu unterziehen schien. Ihr Puls raste immer noch, und ihr Unterrock klebte an den Schenkeln.

Der einstündige Spaziergang hatte seinen Zweck nicht erfüllt. Das schläfrig in der Sonne liegende Maison war ihr bei der Rückkehr unwirklich vorgekommen, während die Gaffer am Gartenzaun und die uniformierte Wache vor dem Eisentor sie seltsamerweise beruhigt hatten – bis Frau Schneider ihr mit aufgerissenen Augen entgegengerannt war, sie am Arm gepackt und mit den Worten »Hier ist sie, Korporal Ringgenberg!« in diesen Raum geschoben hatte.

»Das wurde auch Zeit.«

Der Mann drehte sich um, schritt auf den in der Mitte des Raumes thronenden Schreibtisch zu und setzte sich. Er musste Anfang dreißig sein und musterte sie wie ein Lehrer eine Schülerin, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich musste mich beruhigen.«

»Herr Schneider hat uns extra telegrafisch informiert«, erwiderte er knapp. »Verlieren wir keine Zeit. Erzählen Sie mir, wie und warum Sie die Leiche gefunden haben.«

»Was meinen Sie mit ›Warum‹? Die Köchin hat mir gesagt, dass Emmi Bärlauch suchen wollte.«

»Die Leiche lag tiefer im Wald. Warum sind Sie zu diesem Wasserfall gegangen?«

»Ich dachte, sie hat Durst bekommen.«

»Durst.« Offenbar fand er den Gedanken völlig abwegig. Außerdem wirkte er, als ob ihn das Ganze unendlich langweilte. »Und dann?«

»Ich habe etwas Schwarz-Weißes gesehen und dachte, dass Emmi ein Nickerchen macht.«

»Auf dem Felsen?«

»Ich wollte einfach nachsehen.«

Ringgenberg griff nach einer Taschenuhr, die auf dem Schreibtisch lag, und drehte sie in der Hand. »Haben Sie etwas angefasst?«

»Natürlich nicht!«

Ihre Finger kribbelten. Einer von der Sorte, die Frauen nicht zutraute, ohne Anweisung eines Mannsbildes ein Bein vor das andere zu setzen. Sogar ihr Vater, der am liebsten in der Vergangenheit lebte, traute ihr nicht weniger Verstand zu, als er selbst besaß. Hieß es nicht, die Solothurner seien »liberal«?

Jetzt griff Ringgenberg nach einem Füllfederhalter und studierte dessen Spitze. »Wollten Sie nicht nachsehen, ob sie noch lebt?«

»Es war offensichtlich, dass sie tot ist!«

»Schon gut.« Er legte den Füllfederhalter wieder hin. »Wahrscheinlich ist das Mädchen den Weg zum Felshang hinaufgewandert und hat das Gleichgewicht verloren.« Er reichte ihr die Hand. »Halten Sie sich für weitere Fragen zur Verfügung.« Ohne weitere Worte verließ er den Raum.

Sarah riss die obersten beiden Knöpfe ihres Kleides auf. Die aufgestaute Hitze entwich, die Wut nicht. Um ein Haar hätte sie die Beherrschung verloren. Wenigstens wäre ihr dieses Mal der Sermon ihrer Mutter über das angemessene Verhalten junger Damen erspart geblieben. Was für ein überheblicher Mensch!

Sie trat aus der Bibliothek und wäre beinahe gegen Paul Schneider geprallt. Seine Haut hatte den Ton seiner sandfarbenen Haare angenommen, und sein Adamsapfel zuckte auf und ab.

»Fräulein Siegwart! Wie geht es Ihnen?«

»Danke, es geht. Was ist mit Ihnen?«