Cover

Ein Winter voller Liebe

Buch

Vor vier Jahren hat Kate das Großstadtleben hinter sich gelassen und ist zurück in ihr kleines, bezauberndes Heimatdorf in Kent gezogen, um ihren Vater zu unterstützen. Sie backt für das Café ihres besten Freundes Matt und designt Stoffe für das Londoner Edelkaufhaus Liberty. Kate ist zufrieden mit ihrem Leben. Als ihre beste Freundin allerdings beschließt, Kate bei einer Dating-Weihnachtsaktion anzumelden – zwölf Dates mit zwölf verschiedenen Männern –, wird ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt. Plötzlich interessiert sich das ganze Dorf, vom Pub-Besitzer bis zum Postboten, für ihr Liebesleben, und Kate muss sich fragen: Auch wenn sie keinen Mann braucht, wäre es nicht vielleicht schön, einen zu haben? Und hat sie ihr Herz nicht insgeheim schon vor sehr langer Zeit vergeben?

Autorin

Jenny Bayliss lebt mit ihrem Mann in einem kleinen englischen Küstenstädtchen. Sie backt für ein Café, liebt lange Spaziergänge und Schreibwarenläden. Sie glaubt nicht daran, dass man gute Dinge für einen besonderen Anlass aufheben muss, und geht in Paillettenkleidern in den Supermarkt.

Jenny Bayliss

Ein Winter
voller Liebe

Roman

Aus dem Englischen
von Andrea Fischer

Die englische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »The Twelve Dates of Christmas« bei Pan, an imprint of Pan Macmillan, London.



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Deutsche Erstveröffentlichung September 2021

Copyright © der Originalausgabe by Jenny Bayliss

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2021

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Covermotiv: FinePic®, München

Redaktion: Annekatrin Heuer

MR · Herstellung: ik

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN: 978-3-641-25762-0
V001

www.goldmann-verlag.de

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Für Mum, in Liebe

Prolog

Der Regen trommelte auf das Glasdach von Lauras Küche. Es war der zweite Oktober, und der von den Zeitungen verheißene Altweibersommer war dem unaufhörlichen Regen zum Opfer gefallen wie Kates Wimperntusche.

Am Vormittag hatte Kate ihre ersten Entwürfe ins Büro gemailt und sich dann eine Pause gegönnt, ehe sie den nächsten Schwung Skizzen in Angriff nahm. Sie brauchte einen Tapetenwechsel – die letzten drei Tage hatte sie sich mit Moodboards, auf denen sie ihre Ideen, Materialien und Zeichnungen festhielt, und Farbtöpfen in ihrer Küche verkrochen. Irgendwann jedoch hatte sie ihrer Freundin Laura nachgegeben, die sie seit sieben Uhr morgens mit Textnachrichten wegen eines Besuchs bombardierte. Kate war klar, dass sie Laura damit in die Falle ging, doch mittlerweile hatte Kate sich in ihr Schicksal ergeben. Laura war nun mal ein Dickschädel, wie er im Buche stand.

In diesem Augenblick klappte Laura den Laptop auf und tippte »Agentur Lightning Strikes« ins Suchfenster. Kate bemerkte einen frischen glänzenden dunkelroten Fleck Johannisbeersaft am Laptopdeckel. Am Rahmen des Bildschirms klebten drei Sticker: zwei glitzernde Einhörner mit rosa Flügeln und ein Brokkoliröschen.

»Ich habe etwa eine Dreiviertelstunde Zeit, bis ich die Kinder aus dem Mittagsschlaf wecken muss«, sagte Laura. »Das müsste reichen, um dich zu registrieren und unter Männer zu bringen.«

Kate verzog das Gesicht.

Die Website der Agentur baute sich auf; an den Rändern blinkten silberne Sterne und Mistelzweige mit weißen Beeren. In einem Kasten in der Mitte stand in großen roten Buchstaben: Die Zwölf Dates vor Weihnachten, eine Anspielung auf das bekannte Weihnachtslied The Twelve Days of Christmas. Unter dieser Überschrift befanden sich zwei kleinere Kästchen, Mehr Informationen und Zur Anmeldung.

»Bist du sicher?«, fragte Kate.

»Die Agentur ist absolut sauber«, erwiderte Laura. »Ich habe mich gründlich über das Unternehmen informiert, bevor ich Lady Blexford den Vorschlag unterbreitet habe. Sonst hätte ich das nicht riskiert; Lady Blexford würde mich den Hunden zum Fraß vorwerfen. Kein Witz.«

»Okay, aber trotzdem«, meinte Kate. »Ich habe es schon mal mit Dating-Apps probiert, und auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst: Nicht jeder sagt die Wahrheit über sich.«

»Ach, Gottchen! Vergiss das doch mal!«

»Der Typ war fast so alt wie mein Vater! Und die Perücke war total auffällig.«

»Wann warst du zuletzt mit einem Mann aus?«

Kate wollte gerade antworten, da hob Laura die Hand.

»Und komm mir nicht mit deinem Vater oder Matt. Die zählen nicht.«

Kate runzelte die Stirn und dachte nach. »Mit Paul. Wir waren bei diesem kleinen Italiener mit den blau gestrichenen Wänden und haben Tagliatelle gegessen.«

»Paul ist dein Steuerberater. Außerdem ist er mit einem Mann verheiratet.«

Kate war beleidigt.

»Dann mach«, seufzte sie schließlich resigniert. »Schauen wir’s uns halt an.«

Laura klatschte in die Hände und grinste. Noch nie hatte sie Kate so sehr an einen gewieften Kobold erinnert wie in diesem Moment.

In Wahrheit hatte Kate sich die Werbeversprechen auf der Website der Dating-Agentur bereits durchgelesen und war ohnehin schon halb entschlossen gewesen, sich anzumelden. Aber das musste sie Laura ja nicht auf die Nase binden. Nach so viel Überzeugungsarbeit hatte ihre Freundin es verdient, den Sieg zu genießen.

Laura klickte auf Mehr Informationen und gelangte auf eine weitere Seite:

12-mal vor Weihnachten die Chance

auf ein Leben in Liebe und Harmonie

Ihrer Freundin zuliebe beugte Kate sich vor und las sich das Angebot nochmals durch. Laura hatte letzten November über ihre Arbeit davon erfahren. Die Marketingabteilung von Lightning Strikes war an sie herangetreten, weil einige Dating-Veranstaltungen der Agentur auf Blexford Manor stattfinden sollten; dort war Laura so etwas wie die Stabschefin – ein anderes Wort für Marketing- und Vertriebsleiterin, persönliche Assistentin von Lady Blexford und Mädchen für alles in Personalunion.

Lightning Strikes war Marktführer im Bereich Dating-Apps und verfolgte offenbar einen ganzheitlichen Ansatz in der Partnervermittlung. Fairerweise – falls man den Foren glauben konnte – musste man zugeben, dass die Agentur eine ziemlich gute Erfolgsquote hatte.

Seit Beginn ihrer Zusammenarbeit mit Lightning Strikes vor einem knappen Jahr redete Laura nun schon auf Kate ein, sie solle sich anmelden. Kate hatte sich gesträubt. Doch je näher der Anmeldeschluss für die Weihnachtsdates gerückt war, desto hartnäckiger hatte Laura sie in die Zange genommen. Jetzt blieben nur noch zwei Tage, und Laura war in fieberhafter Aufregung.

»Zwölf Dates vor Weihnachten« war ein Pauschalangebot: zwölf Termine an zwölf verschiedenen Locations zwischen dem ersten und dem dreiundzwanzigsten Dezember. Das Ganze war alles andere als preiswert – deutlich teurer als ein Wellnesswochenende, und das würde Kate, da war sie sich sicher, sehr viel mehr genießen. Das Angebot wurde exklusiv vermarktet, die Teilnehmerzahl war begrenzt. Aber wenn man sich einmal angemeldet hatte, waren alle Leistungen rund um die Dates im Preis inbegriffen, und einige, musste Kate widerwillig zugeben, klangen wirklich spannend. Laura hatte ihre Kontakte genutzt, um Kate einen Platz freizuhalten.

Die Zwölf Dates waren ein vollkommen neues Marketingprodukt, das die Agentur in einem kleinen Teil des Londoner Einzugsgebiets testete, hauptsächlich in Kent und anderen Gegenden mit Anschluss an das Hochgeschwindigkeitsbahnnetz. Falls es gut lief, würde es auch im Rest von England angeboten werden. Falls. Kate hatte da so ihre Zweifel. Das Testgebiet war riesig, und die Aufgabe, einhundertfünfzig Liebeshungrige mit digitalen Mitteln an den richtigen Ort zu den ihnen zugeteilten Partnern zu lotsen, schien ihr gewaltig.

Seit Laura das Thema zum ersten Mal angeschnitten hatte, damals, als sie noch schwanger mit dem Baby war, das jetzt oben neben ihrer Tochter schlief, äußerte Kate ihre Vorbehalte. »Ich weiß nicht, ob ich das Versuchskaninchen für eine Partnerbörse spielen will.«

»Aber es ist ideal, um deinen Männerhorizont zu erweitern«, hatte Laura erwidert und sich den basketballgroßen Bauch gerieben. »Willst du ernsthaft behaupten, dass du nicht ein klitzekleines bisschen neugierig bist?«

»Nicht so neugierig wie du. Was ist, wenn die zumachen, und mein Geld ist weg?«

»Das geht nicht«, behauptete Laura. »Solche Unternehmen sind gegen so was versichert. Was ist das Schlimmste, was passieren könnte?«

»Dass ich einen Psychopathen kennenlerne?«

»Vergiss nicht, ich war mit dir an der Uni. Ich habe ein paar von den Typen kennengelernt, mit denen du zusammen warst. Keines dieser Dates kann so schlimm sein wie die Gestalten von damals, das garantiere ich dir. Ich habe Callie von dir erzählt; sie ist meine Ansprechpartnerin bei Lightning Strikes.«

»Oh, toll«, meinte Kate. »Du sprichst mit fremden Menschen über mein trauriges Liebesleben.«

»Man muss erst mal ein Liebesleben haben, um es traurig nennen zu können«, versetzte Laura.

»Okay, Punkt für dich.«

»Jedenfalls hat Callie gesagt, sie hätten mit die besten Matching-Algorithmen der Branche. Und ein paar wirklich hochkarätige Kontakte für Dating-Locations.«

»Natürlich sagt sie das«, warf Kate ein.

»Du weißt, dass ich schwanger bin, ja? Weißt du auch, wie die Hormone gerade in mir toben? Hast du eine Ahnung, wie schnell ich von null auf hundert bin?«

»Erzähl weiter«, seufzte Kate. »Ich bin ja schon still.«

»Sie hat mir erklärt, wie es laufen wird: Bei jedem Date kann man zwischen drei Örtlichkeiten wählen, und dann teilen sie dir jemanden zu, der am besten zu deinem Profil passt.«

»Und was ist, wenn keiner der Männer in der Location, die ich mir ausgesucht habe, zu meinem Profil passt?«, fragte Kate. »Womöglich muss ich dann mit dem Vorlieb nehmen, der übrig bleibt.«

Sie sah Laura an. Lauras Wangen waren gerötet, sie hatte die Lippen gespitzt. Kate spürte förmlich, wie sich in ihrer Freundin ein Gefühlsausbruch zusammenbraute. Laura war kurz vorm Explodieren. Kate lächelte so beschwichtigend wie möglich.

»Mach dir keine Sorgen«, sagte sie und nahm ihre verrückte schwangere Freundin in die Arme. »Ich verspreche, ich denke sehr gründlich drüber nach.«

Das war nun fast ein Jahr her, und Kate dachte noch immer darüber nach. Unterdessen hatte sich Laura mit der Logistik der auf Blexford Manor stattfindenden Dates befasst, und ihre Begeisterung für die Idee, dass Kate an dem Programm teilnahm, war exponentiell gewachsen.

Kates Bedenkzeit war nun vorüber. Dieser verregnete Oktobertag war der Tag, an dem sie entscheiden musste, ob sie einen Großteil des Dezembers – eh schon eine hektische Zeit – darauf verwenden wollte, sich mit (wenn man den Worten der Dating-Agentur glauben durfte) perfekt zu ihr passenden Fremden zu treffen.

Normalerweise hätte Kate an so etwas keinen Gedanken verschwendet; sie war keine Frau, die einen Mann brauchte. Gleichzeitig vermutete sie, dass es ihr gefallen könnte, einen zu haben. Ihre letzte längere Beziehung hatte sich vor einiger Zeit totgelaufen, seither hatte sie sich hauptsächlich aus Faulheit mit kaum jemandem verabredet.

Natürlich könnte sie Leute kennenlernen, wenn sie in London war, aber das würde bedeuten, nach der Arbeit aus- und unter Leute zu gehen, dabei wollte sie am liebsten nach Hause und vor dem Fernseher sitzen. Und die Aussichten, in Blexford jemanden kennenzulernen … Entweder zogen die Leute hierher, um eine Familie zu gründen oder um sich zur Ruhe zu setzen. In diesem verschlafenen Dorf herrschte ein unverkennbarer Mangel an interessanten Singlemännern.

Kate musste zugeben, dass ihr derzeitiger Lebensstil – jeden Abend um halb acht Pyjama, Toast und Glotze – einem erfüllten Sexleben nicht zuträglich war. Aber so gerne sie auch jemanden kennenlernen wollte, so wohl fühlte sie sich allein. Kate war selbst zu ihrem besten Date geworden.

»Du kannst nicht alles haben.« Laura öffnete die Terrassentür und ließ eine tropfnasse Tigerkatze herein. Eine Regenrinne war verstopft, und vor dem Fenster stürzte das Wasser kaskadenartig herab. »Einerseits jammern, dass du jemanden kennenlernen willst, und andererseits die Nase über Partnerbörsen rümpfen, das funktioniert nicht. Das ist die Zukunft der Partnersuche.«

»Woher willst du das wissen, als Ehefrau und Mutter?«

»Ich lese die Cosmo«, sagte Laura. »Die lügt nicht.«

»Gibt es keinen Männerkatalog? Da könnte ich mir einfach einen bestellen. Oder ist das noch eine Bastion der Geschlechterungerechtigkeit, die wir stürmen müssen?«

Laura schob den Laptop energisch zu Kate hinüber. Der Brokkoli-Sticker löste sich an den Rändern. Überall in der Küche klebten Gemüsesticker. Damit versuchte Laura, ihrer willensstarken vierjährigen Tochter Mina Gemüse schmackhaft zu machen. Minas neun Monate alter Bruder Charlie hingegen schien sehr angetan von Gemüse. Ganz besonders gern schmierte er es sich in die Haare.

Kates Finger schwebte über dem Anmeldekästchen. »Würdest du es tun?«

Genervt warf Laura die Hände in die Luft. »Ja. Wenn Ben sterben würde, Gott bewahre, dann würde ich mir auch auf diesem Weg einen neuen Mann suchen.« Sie hielt inne. »Allerdings hat Ben verfügt, dass ich ihn ausstopfen und im Schlafzimmer mit Blick zum Bett aufstellen lassen muss, falls er vor mir sterben sollte«, fuhr sie fort. »Er sagt, nur ein Mann, der unter diesen Umständen noch kann, sei meiner wahrhaft würdig.«

Laura lächelte verträumt. Kate schüttelte sich.

»Ich denke drüber nach und melde mich«, meinte Kate.

»Dafür ist keine Zeit mehr! Ich habe wirklich Angst, dass du eines Tages in ein Junkfood-Koma fällst und ich dich mit dem Gesicht in der Chipstüte finde. Komm schon«, redete Laura ihr zu. »Zwölf Dates, und du musst sie dir nicht mal selbst suchen. Leb mal ein bisschen.«

Der Cursor blinkte über dem Anmeldekästchen. Kate spürte, wie Lauras Blick sich in ihre Wange bohrte; ihr Knie wippte ungeduldig. Was habe ich zu verlieren?, dachte Kate. Außer meiner Zeit, meinem Geld und meiner Würde. Lauras Knie wackelte immer schneller. Kate atmete tief durch. Sie ließ den Cursor noch einige Sekunden über dem blinkenden Kästchen schweben, dann klickte sie es an.

1. Dezember

Das erste Date vor Weihnachten

Vorsichtig lief Kate Turner über das knisternde reifbedeckte Laub, um nicht auszurutschen und hinzufallen. Wegen der großen Plastikkisten unter den Armen konnte sie nicht erkennen, wohin sie trat. Es war ein perfekter Winternachmittag, die Luft war kalt und sauber. Der Himmel leuchtete so blau wie in einem Bilderbuch, und ihr Atem stieg in weißen Wölkchen zur bleichen Wintersonne auf.

Kate drückte die Tür zum Pear Tree Café auf, und ein freundliches Klingeln über ihrem Kopf verkündete ihre Ankunft. Es war voll, warm und laut im Laden; es duftete nach frischem Kaffee. Die beschlagenen Fensterscheiben verhinderten den Blick auf die mit Raureif überzogene Natur.

Ein paar Leute blickten von ihren Cappuccinotassen auf und winkten; Kate lächelte und nickte zum Gruß. Matt wandte sich von dem dampfenden schwarz-silbernen Kaffeeautomaten ab und grinste sie an.

»Gott sei Dank!«, sagte er, während dunkler Espresso in eine bereitstehende Tasse lief. »Heute Morgen sind uns die Karamellbrownies ausgegangen. Ich dachte schon, es kommt zu Ausschreitungen.«

Matts Haar war ewig zerzaust; im Moment stand es ihm zu Berge wie in einer Anzeige für trendige Friseurprodukte. Außerdem hatte er die Angewohnheit, sich mit den Händen durchs Haar zu fahren, wenn er im Stress war, was es noch schlimmer machte. Manche Menschen hätten seinen widerspenstigen Schopf rot genannt, doch Matt beharrte darauf, es sei ein rötliches Blond. Sein Teint war blass im Vergleich zu Kates olivbrauner Haut, und er hatte viele Sommersprossen, die im Sommer dunkler wurden. Matt fand seine Sommersprossen furchtbar, obwohl sie ihm etwas Jungenhaftes verliehen, was manche Frauen anscheinend für charmant hielten, ebenso wie seine tiefliegenden grünbraunen Augen, die ihn nach Angaben seiner Freundin Sarah tiefgründig und intelligent wirken ließen. Kate war allerdings der Meinung, dass er damit immer ein bisschen aussah wie von der Sonne geblendet.

Irgendjemand rief: »Hat da jemand was von Brownies gesagt?« Matt machte Platz auf der Theke, und erleichtert stellte Kate die Plastikdosen ab. Sie spürte, wie ihre Wangen sich röteten, und als sie den Schal abnahm, kringelte sich ihr lockiges Haar, das sie zuvor extra gezähmt hatte, in der feuchtwarmen Luft.

»Hier drüben, Terrence!«, rief sie. »Frisch aus dem Ofen.«

Stuhlbeine scharrten über den Boden; rasch stiegen die Stammgäste über schlafende Hunde und Weihnachtseinkäufe hinweg, um sich Kates Gebäck zu sichern.

»Ich habe auch noch ein paar Mince Pies, Shortbread mit Schoko und Orange und Rocky-Road-Riegel mitgebracht«, verkündete Kate.

»Du bist meine Rettung«, stöhnte Matt. »Carla, kommst du mal bitte und nimmst die Kuchenbestellungen auf?«

Er reichte den Bestellblock an die junge Kellnerin weiter, die sofort von einer kleinen Schar unterzuckerter Gäste umringt wurde. Dann bezog Matt wieder Stellung an der Kaffeemaschine, während Kate sich um die Theke herumschlängelte, um sich auf einen Hocker neben der Kaffeemühle zu setzen.

»Was nimmst du?«, fragte Matt.

Er goss zwei Espressi in eine breite Tasse und fügte aufgeschäumte Milch hinzu; als sie den Rand erreichte, malte er mit einer geschickten Handbewegung ein karamellfarbenes Blattmuster hinein. Dann stellte er die Tasse hinter sich auf den Tresen, damit Carla sie servieren konnte, und wandte sich der nächsten Bestellung zu.

»Nur einen Flat White bitte.« Kate zog ihren Mantel aus und legte ihn über die Rücklehne eines ramponierten alten Sofas.

»Wow!«, sagte Matt. »Du hast dich ja richtig aufgebrezelt. Was hast du vor?«

Kate strich sich verlegen über das geblümte Teekleid und zog die Strickjacke enger. Sie trug nicht oft Kleider.

»Ist das zu dick aufgetragen?«, fragte sie.

»Zu dick wofür?«

»Du weißt schon.« Kate beugte sich vor und flüsterte verschwörerisch: »Für das erste Date.«

Verstehen dämmerte in Matts Blick. »Ach, richtig. Hatte ich ganz vergessen. Ja, das ist zu dick aufgetragen, geh nach Hause und zieh Baggys und einen Rollkragenpulli an.«

Kate streckte ihm die Zunge heraus.

»So, so«, entgegnete Matt. »Die zwölf Nummern vor Weihnachten also …« Grinsend musterte er sie.

»Hör auf damit«, zischte Kate. »Dir ist bekannt, dass es die Zwölf DATES vor Weihnachten heißt!«

»Das hört man im Pub aber anders.« Matt schüttelte gespielt missbilligend den Kopf.

»Tja, dann musst du dir mal Trinkkumpane suchen, die etwas mehr in der Birne haben!«

Matt grinste wieder. Kate blickte finster zurück.

»Also ist es ein Blind Date?«

»Nicht direkt.« Kate durchsuchte ihr Telefon nach der entsprechenden App. »Sie bringen uns mit Leuten zusammen, deren Profile zu unseren passen, dann schicken sie uns ein Foto, damit wir wissen, nach wem wir Ausschau halten müssen.«

»Dann brauchst du also keine rote Nelke im Knopfloch zu tragen?«

Kate verzog das Gesicht.

»Und wer ist die glückliche Nummer eins?«

»Er heißt Richard und macht irgendwas mit Hedgefonds, auch wenn ich keine Ahnung habe, was das genau bedeutet«, erwiderte Kate. »Er ist geschieden und hingebungsvoller Vater zweier Kinder.«

»Woher weißt du, dass er ein hingebungsvoller Vater ist?«

»Weil er das in seinem Profil geschrieben hat.«

»Oh, na, dann muss es ja stimmen! Los, zeig mal das Foto von Superman!«

Kate drehte ihr Handy um und präsentierte Matt das Foto eines lächelnden dunkelhaarigen Mannes. Er war glatt rasiert, breitschultrig und stand schlammverkrustet in voller Rugbymontur mit einem Rugbyball unterm Arm da.

Matt rümpfte die Nase. »Der sieht aus wie ein Mörder.«

Kate lachte. »Gar nicht wahr!«

»Ich wette, er hat Blumenkohlohren.« Matt betrachtete das Foto mit zusammengekniffenen Augen.

»Tja, so was ist mir nicht wichtig. Ich möchte bloß jemand Nettes kennenlernen. Der kein Irrer ist. Und sich nicht als Geldwäscher und/oder Drogendealer entpuppt.«

»Deine Männerbilanz ist verheerend!«, bemerkte Matt.

»Ich finde sie eher außergewöhnlich.«

»Das ist bloß ein schickes Wort für irre und gefährlich.«

»Interessanter als deine Bilanz jedenfalls.«

»Du hast meine Frau nicht kennengelernt!«

Kate lachte. Matt kannte die Dorfmentalität gut genug, um zu wissen, dass es besser war, den Tratsch zu ertragen und die Seitenhiebe einzustecken, als sich dagegen zu wehren. Außer Evelyn hatte kaum jemand Matts Exfrau kennengelernt. Seine kurze Ehe im Alter von zweiundzwanzig Jahren war der Stoff, aus dem in Blexford Legenden gestrickt wurden; über seine geheimnisvolle Braut waren alle möglichen Geschichten im Umlauf, angefangen bei der, sie sei Mitglied einer Sekte, über die, sie sei Juwelendiebin, bis hin zu der, sie liege – ein bisschen lieblos – unter der Terrasse seines Hauses begraben.

Kate war in der glücklichen Lage, zwei beste Freunde zu haben: Laura war eine treue Konstante in ihrem Leben; weder räumliche Entfernung noch übervolle Terminkalender konnten ihrer Freundschaft etwas anhaben. Die Beziehung zu Matt hingegen hatte sich anders entwickelt: In der Kindheit war er ihr bester Freund gewesen, zwischenzeitlich ein rotes Tuch, und nun war er wieder ihr bester Freund. Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte Kate geschworen, nie wieder einen Fuß in dieses Café zu setzen und schon gar nicht für Matt zu backen.

»Ich muss los«, sagte sie. »Gleich treffe ich mich mit Richard an der Bank auf der Dorfwiese, und dann gehen wir zusammen zum Herrenhaus.«

Kate hüpfte vom Hocker, zog ihren Mantel wieder an und schlang sich den Schal zweimal um den Hals. Sie verabschiedete sich von den Stammgästen, die ihr mit dem Mund voller Brownies zuwinkten.

»Viel Spaß!«, rief Matt. Dann begann er, laut zu singen: »Am ersten Schweinachtstage …« Kate streckte ihm die Zunge heraus.

»Hey!«, rief er, als sie schon die Tür aufzog und einen Schwall schneidend kalter Luft hereinließ.

Kate drehte sich um und kniff in Erwartung eines weiteren sarkastischen Kommentars die Augen zusammen.

»Fang!« Matt warf ihr eine karierte Decke zu, die eigentlich für die abgehärteten Gäste gedacht war, die unbedingt draußen sitzen wollten. »Auf der Bank wird es eisig sein.«

»Danke.« Kate fing die Decke auf und trat hinaus in die Kälte.

»Ich will doch nicht, dass du dir Hämorrhoiden holst!«, rief Matt ihr nach. Kate schüttelte grinsend den Kopf und schritt über das weiß überpuderte Gras zur Bank.

Die Dorfwiese war eine Rasenfläche mitten im Ort. Drumherum gruppierten sich das Café, der Pub Duke’s Head und ein kleiner, aber hervorragend sortierter Tante-Emma-Laden, geführt von der umtriebigen Evelyn. Der kleine Dorfkern lag heimelig inmitten von Bäumen und Cottages.

Kate faltete die Decke auseinander, legte ein Ende auf die Bank, setzte sich darauf, schlug das andere Ende über ihren Schoß und wartete. Eine große, üppig mit Lichterketten geschmückte Tanne erhob sich stolz in der Mitte der Wiese, und über den Fenstern des Pubs und des Ladens hingen mehrere Miniaturversionen davon. Sogar die Laubbäume, im Winter nur nackte Skelette, waren mit Lichtern behängt.

Eine leuchtend rote Weihnachtsmannmütze zierte das Holzschild, das den Weg nach Blexford Manor wies, und genau dorthin strebte ein nicht enden wollender Strom von Autos und Taxis. Kate nahm an, dass alle das erste der zwölf Dates ansteuerten; normalerweise herrschte in Blexford nicht viel Verkehr. Zwei Range Rover mühten sich durch die schmale Straße, mehrere Fahrer hielten in der Haltebucht nahe Evelyns Laden, um ihre Navis zu überprüfen.

Kate war froh, dass sie ins Dorf zurückgezogen war. Anfangs hatte sie das Großstadtleben vermisst, aber mittlerweile hatte sie den Eindruck, dass sie das Beste aus beiden Welten bekam. Sie entwarf ihre Stoffdesigns am Küchentisch mit Blick auf ihren langgezogenen Garten und die Gemüsebeete dahinter. Wenn die Entwürfe druckreif waren, fuhr sie mit dem Zug nach London ins Büro und genoss das Großstadttreiben. Ihr Charakter war von vielen Dingen geprägt, die sie in ihrer Kindheit in Blexford für selbstverständlich gehalten hatte: die Leidenschaft für das Wandern und die Natur, die eine große Inspiration für ihre Arbeit war.

Dennoch war Kate die Entscheidung, ihre Zelte in London abzubrechen und zurück nach Blexford zu ziehen, nicht leichtgefallen. Als ihre Mutter vor vier Jahren mit Gerry – dem Immobilienmakler, der ihren Eltern eigentlich hatte helfen sollen, sich für den Ruhestand zu verkleinern – nach Spanien durchgebrannt war, hatte Kates Vater Mac den Boden unter den Füßen verloren.

Es war für alle ein Schock gewesen. Kurz zuvor noch hatten ihre Eltern einem geruhsamen, gemeinsamen Lebensabend entgegengeblickt, und im nächsten Moment hatte ihre Mutter alles stehen und liegen gelassen und war nach Spanien getürmt.

Aus irgendeinem Grund hatte Kate angenommen, ihre Mutter würde mit zunehmendem Alter ruhiger werden; würde lernen, den Schatz, den sie in Mac hatte, zu würdigen. Doch das Alter hatte weder den Ehrgeiz noch die Libido ihrer Mutter gedämpft.

Matt war es schließlich gewesen, der Kate angerufen und sie auf den psychischen Verfall ihres Vaters aufmerksam gemacht hatte. Als Matt wieder einmal bei Mac vorbeischaute, hatte er den älteren Mann über dem Tisch zusammengesunken vorgefunden, betrunken, neben ihm eine halb leere Whiskyflasche.

Dieses Telefonat war Kates erstes Gespräch mit Matt gewesen – nach beinahe zehn Jahren. Sie hatten sich während des Studiums verkracht und den Kontakt abgebrochen. Macs Krankheit zwang die beiden zu einem Mindestmaß an Kommunikation. In Textnachrichten und gelegentlichen Telefonaten tauschten sie sich über die Entwicklung von Kates Vaters aus. Doch es waren unterkühlte, äußerst sachliche Unterredungen.

In jenen ersten Monaten nach der Trennung warf Matt die Woche über ein Auge auf Mac, und Kate reiste an den Wochenenden aus London an. Es war nicht schwer, einander aus dem Weg zu gehen. Doch bald zeigte sich, dass Macs Trauer mehr war als bloße Schwermut. Irgendwann erlitt er einen vollständigen Zusammenbruch, und Kate kam zu dem Schluss, dass sie nicht nur von Freitagabend bis Sonntag bei ihm sein sollte. Sie gab ihre Wohnung in Kennington auf und zog zurück in das Haus ihrer Kindheit.

Glücklicherweise hatten ihre Vorgesetzten bei Liberty, dem großen Luxuskaufhaus, großes Verständnis für Kates Lage. Ihr Arbeitsverhältnis wurde geändert, sodass sie von nun an freiberuflich von zu Hause aus arbeiten konnte. An Besprechungen nahm sie via Skype teil, und Fotos von Moodboards und neuen Entwürfen schickte sie per E-Mail direkt ins Büro. So blieb es Kate selbst überlassen, wie viele oder wenige Designaufträge sie annahm, was während ihres ersten Jahrs in Blexford von unschätzbarem Wert gewesen war.

Nicht nur ihr Vater freute sich darüber, dass Kate in das ruhige Dorf in Kent zurückkehrte. Auch Laura war begeistert, Kate wieder in der Nähe zu haben, zumal sie gerade erst entdeckt hatte, dass sie mit ihrem ersten Kind schwanger war.

Laura hatte immer vorgehabt, nach der Universität zurück nach Blexford zu ziehen. Schon als Kind hatte sie sich in Blexford Manor verliebt. Laura war ein Geschichtsfreak. Sobald sie alt genug gewesen war, hatte sie sich einen Teilzeitjob im Herrenhaus besorgt, und Lord und Lady Blexford hatten ihr für die Zeit nach dem Studium quasi einen Vertrag in Aussicht gestellt.

Dagegen hatten weder Kate noch Matt jemals in das verschlafene Dorf ihrer Kindheit zurückkehren wollen. Doch das Leben hatte manchmal seine eigenen Vorstellungen.

Ein Rotkehlchen setzte sich auf die Armlehne der Bank und schaute Kate aus onyxschwarzen Augen erwartungsvoll an. Sein Kopf bewegte sich ruckartig, wie von einem Uhrwerk angetrieben.

»Ich habe leider nichts für dich«, sagte Kate.

Der Kopf des Rotkehlchens zuckte hin und her.

»Mein Date hat Verspätung«, erzählte Kate dem kleinen Vogel.

Plötzlich flog das Rotkehlchen auf und ließ mehrere Kleckse Kot auf den Beton vor der Bank klatschen. Kate nickte.

»Ja. Sehe ich genauso.«

Der Vogel landete auf der Stechpalme am Eingang des kleinen Wäldchens, das den Namen »Potters Copse« trug. Die rote Brust des Tieres leuchtete vor den stacheligen dunklen Blättern. Kate holte ihr Telefon aus der Tasche und knipste ein Foto. In ihrem Kopf begann es zu arbeiten: feste Baumwolle, eine prallrunde daunengefiederte Brust, flaschengrüne Blätter, die sich nach außen wölbten, straff und glänzend, nadelscharf. Kates Finger zuckten, suchten nach einem Pinsel.

Mit achtzehn Jahren hatte Kate dieses ruhige Dorf unbedingt verlassen wollen. Es hatte sie nicht interessiert, wie schön der Wechsel der Jahreszeiten auf dem Land anmutete. Seit sie zurückgezogen war – reise- und großstadterfahren –, ließ sie sich von allem um sich herum inspirieren, was sich in mehr Selbstvertrauen und einem neuen Stil niederschlug. Ihre Auftraggeber bei Liberty waren davon so begeistert, dass sie ihr mehr Verantwortung übertrugen.

Nach und nach erholte sich Kates Vater, und als es ihm gut genug ging, mietete er ein kleineres Cottage nicht weit von der Dorfwiese entfernt. Er wollte einen Neuanfang in seinem Leben. Da Kate irgendwo wohnen musste, übernahm sie die Hypothek auf dem alten Haus ihrer Familie, und beide waren ganz zufrieden mit der Regelung.

In diesem Jahr hatte Kate seit Mai ununterbrochen gearbeitet, fünf, teilweise sogar sechs Tage die Woche, sodass sie es sich im Dezember, ihrer liebsten Zeit im Jahr, leisten konnte, ihre Arbeit auf drei Tage die Woche zu beschränken – und nachdem sie erfahren hatte, wie dicht der Terminplan der Zwölf Dates war, war sie sehr froh darüber.

Kate warf einen Blick auf die Uhr. Zehn vor vier. Jetzt wartete sie schon zwanzig Minuten. Sie würden sich sputen müssen, wenn sie um sechzehn Uhr am Herrenhaus sein wollten. Zum Tee. Ihr Magen knurrte. Die Dating-App von Lightning Strikes zeigte die Telefonnummern ihrer Kunden nicht im Profil an, daher konnte sie Richard nicht einmal anrufen, um sich zu erkundigen, ob er sich verfahren hatte. Kate dachte an das prasselnde Feuer in den gewaltigen Steinkaminen im Teesalon und schob fröstelnd die Hände unter die Decke.

Blexford Manor war im siebzehnten Jahrhundert erbaut worden, das Dorf hatte sich drumherum angesiedelt. Das Anwesen war innerhalb der Familie Blexford, einst der größte Arbeitgeber in der Gegend, weitervererbt worden.

Aber wie so viele prachtvolle alte Gebäude war Blexford Manor ein Geldgrab, und Ende des zwanzigsten Jahrhunderts hatten sich die einst scheinbar unerschöpflichen Schatztruhen der Blexfords deutlich geleert. Die tragischen Folgen zweier Weltkriege kurz aufeinander trafen jede Familie, und die Blexfords bildeten keine Ausnahme. Die großen High-Society-Partys wurden seltener, und die Bälle, die einst für Gesprächsstoff im gesamten County gesorgt hatten, waren nur noch eine ferne Erinnerung.

Mitte der Siebzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts waren der Familie Blexford nur noch zwei Möglichkeiten geblieben: den Familiensitz verkaufen und ausziehen oder ihn vermarkten. Man entschied sich für Letzteres, und Blexford Manor wurde für Besucher geöffnet. Mittlerweile wohnten Lord und Lady Blexford hauptsächlich im Ostflügel des Gebäudes und teilten sich ihr Heim mit Touristen und Hochzeitsgesellschaften sowie in diesem Dezember mit Scharen hoffnungsvoller Singles auf der Suche nach der großen Liebe.

Das Tageslicht schwand allmählich. Die Farbe des Himmels wechselte von strahlendem Blau zu ausgewaschenem Jeansblau und schließlich zu kaltem Grau, als hätte jemand einen Dimmer betätigt. Nachdem die Eltern ihre Kinder von der Schule abgeholt hatten, erwachte in den Fenstern der Cottages im Dorf die Weihnachtsbeleuchtung. Der Wind frischte auf, und die Äste der alten Tanne knarrten. Kate zog die Decke enger um sich. Hätte sie bloß ein zweites Paar Socken angezogen.

Mit einem Mal legte sich sanft eine Hand auf ihre Schulter. Kate fuhr zusammen. Erwartungsvoll drehte sie sich um. Es war Matt. Er reichte ihr einen verschlossenen Pappbecher.

»Heiße Schokolade«, sagte er. »Du musst halb erfroren sein.«

»Danke. Ich glaube, ich wurde versetzt.«

»Vielleicht hat er sich verfahren? Oder ihm ist was passiert?«

»Oder ihm hat mein Gesicht nicht gefallen.«

»Tja, dann muss er blind sein. Oder ein Idiot. Oder beides.«

Kate lächelte traurig und legte die Hände um den Becher, um sie zu wärmen.

»Komm doch rein«, schlug Matt vor. »Ich kenne da jemanden, der backt superleckere Karamellbrownies für mich. Du kannst einen haben. Geht aufs Haus.«

»Ich gebe ihm noch zehn Minuten.«

»Du willst hier aber nicht so lange sitzen wie Miss Havisham, oder?« Matt schlang die Arme um sich. Er war ohne Jacke aus dem Haus gekommen, und sein kariertes Flanellhemd hielt die Kälte kaum ab. Die blonden Härchen auf seinen sommersprossigen Armen standen aufrecht. Matt war eins neunundsiebzig und würde es nie verwinden, dass er die eins achtzig nicht erreicht hatte, wobei sein Haar ihn hin und wieder über die magische Grenze brachte. Er war schlank und schien ärgerlicherweise nie auch nur ein Gramm Fett anzusetzen, obwohl er wie ein Scheunendrescher futterte. Evelyn meinte, er habe eben einen hohen Energieverbrauch; Kate hingegen fand es einfach nur ungerecht.

Sie lachte. »Noch nicht. Aber wenn mich alle zwölf Männer sitzen lassen, entwickle ich vielleicht doch einen kleinen Komplex.«

Carla rief quer über die Wiese: »Matt! Telefon für dich. Irgendwas mit Enteneiern.«

»Okay!«, rief Matt. »Ich muss los, Kate. Bleib nicht zu lange. Ich will dich morgen früh nicht von der Bank loseisen müssen.«

Kate versprach es ihm. »Danke für die heiße Schokolade!«, rief sie ihm nach. Er winkte, drehte sich aber nicht um.

Matt hatte das Pear Tree Café von seiner Mutter Pip geerbt. Zwanzig Jahre lang hatte sie es als Bäckerei mit Teestube betrieben, bis sie eines Abends zusammen mit Matts älterer Schwester Corinna auf dem Rückweg vom Einkaufen bei einem Autounfall ums Leben kam. Da war Matt erst siebzehn gewesen.

Nach dem Tod der beiden war Kates Vater ihm eine große Hilfe bei den Formalitäten. Matts eigener Vater wurde schließlich über Anwälte ausfindig gemacht, doch er war Matt fremd – der Vater hatte die Familie verlassen, als Matt noch ein Baby gewesen war, ohne Nachsendeadresse –, und Matt stellte klar, dass er nichts mit ihm zu tun haben wollte. Also sprang Mac ein. Er chauffierte Matt zu Bestattungsinstituten und übernahm zusammen mit Evelyn die meisten Termine bei Anwälten und Banken. Kate erinnerte sich nur zu gut, wie sehr ihre Mutter sich darüber geärgert hatte, dass Mac und Evelyn so viel Zeit miteinander verbrachten.

Evelyn war Matts Patin und in jeder Hinsicht ein Geschenk des Himmels, obwohl sie ihm als Teenager auf die Nerven gegangen war. Evelyn und Pip waren eng befreundet gewesen. Die beiden hatten sich im ersten Jahr auf der weiterführenden Schule unten in Great Blexley kennengelernt, und ihre Freundschaft hatte bis zu Pips Tod gehalten. Die Art, wie Evelyn über Pip sprach, erinnerte Kate an ihre eigene Freundschaft mit Laura.

Als ihr Mann verschwand, war Pip fünfunddreißig, hatte zwei Kinder unter fünf Jahren und musste allein ein Geschäft führen. Evelyn war Pip Trost und eine verlässliche Stütze im Alltag.

Als Evelyns Ehemann dann plötzlich und unerwartet starb und Evelyn mit fünfundvierzig als Witwe zurückließ, begleitete Pip sie durch die Trauerphasen. Sie war Evelyns Fels in der Brandung, bis die Freundin wieder allein zurechtkam.

In ihrem Testament bestimmte Pip ihre langjährige Vertraute zum Vormund für ihre Kinder, sollte ihr etwas zustoßen. Es schien eine reine Formalität zu sein. Niemand hätte gedacht, dass das Schlimmste tatsächlich eintreten würde.

Was Matt betraf, einen bis dato großspurigen, unbekümmerten Teenager, so veränderte ihn der Tod seiner Familie gewaltig. Wie auch nicht? In ihm brodelten überwältigende Trauer, Verwirrung und eine wahnsinnige Wut. Und dahinter schwärte eine gewisse Anmaßung, das Gefühl, dass ihm jetzt Glück zustand; dass ihm das Leben etwas schuldig war. So jedenfalls hatte es Kate damals wahrgenommen. Diese Einstellung sollte ihrer Freundschaft den Todesstoß versetzen; innige Zuneigung und tiefe Abneigung lagen dicht beieinander, und wenn sich die Lücke dazwischen schloss, war es nur selten schön.

Evelyn nahm Matt schließlich unter ihre Fittiche; er zog bei ihr ein. Sie kämpfte um und für ihn wie eine Löwin, in Finanzfragen wie in der Erziehung. Evelyn sorgte dafür, dass man sich um das Haus seiner Familie kümmerte, bis Matt bereit war, wieder dort zu leben. Und sie vermietete die Bäckerei an ein älteres Paar, die Harrisons, die das Geschäft fünf Jahre lang betrieben, bis sie sich zur Ruhe setzten.

Da war Matt zweiundzwanzig, frisch verheiratet und bei einer großen Steuerberaterkanzlei in Manchester untergekommen; er nahm seine Finanzen in die eigene Hand und vermietete den Laden an eine andere Familie. Unglücklicherweise gingen die Pächter mit dem Geschäft bald pleite und machten sich bei Nacht und Nebel aus dem Staub. Sie entwendeten alles aus dem Laden, was zu gebrauchen war, und hinterließen jede Menge Schulden.

Matt kehrte nicht nach Blexford zurück, um das Geschäft zu retten – dafür war er zu sehr mit seiner stürmischen Braut und seinen hochfliegenden Karriereplänen beschäftigt –; er trachtete auch nicht mehr danach, es zu vermieten, sondern bezahlte die Gläubiger und verrammelte Türen und Fenster. Eine leere Hülle. Oder ein Schrein. Die Pear Tree Bakery war nur noch eine vergessene Geschichte, wie ein altes Buch, das man nie wieder lesen würde, von dem man sich aber auch nicht trennen konnte.

Kates Mutter – die sich offenbar schon damals sehr für Immobilien interessierte – versuchte, auf Evelyn einzuwirken. Sie sollte Matt überreden, das Haus zu verkaufen, um so einen Teil der Verluste wieder hereinzuholen. Evelyn war sich jedoch ziemlich sicher, dass Matt allen offensichtlichen Anzeichen zum Trotz eines Tages nach Blexford zurückfinden würde.

Einige Jahre lang stand das Pear Tree leer. Die Fenster waren verbarrikadiert, der Garten verwilderte, und der Rest der Einrichtung wurde auch nicht besser.

Wenn Kate nach Blexford reiste, um ihre Eltern zu besuchen, stieg sie manchmal heimlich über die Mauer. Dann stapfte sie durchs hohe Gras und spähte durch die Ritzen zwischen den Brettern vor den Fenstern, um ein leises Echo jener Freude zu empfinden, die sie in diesem Haus – ihrem Kindheitsspielplatz – immer gespürt hatte. Als wären Erinnerungen etwas Greifbares, was man pflücken konnte wie Pusteblumen, um die Zeit zurückzudrehen. Aber Kate bekam sie nie recht zu fassen.

Nach seiner Scheidung – die Ehe hielt keine zwei Jahre –, kehrte Matt nach Blexford in sein altes Haus zurück, genau wie Evelyn es vorhergesehen hatte. Nun war er knapp fünfundzwanzig und ungebunden, und die letzten Erfahrungen hatten ihn ein wenig bescheidener gemacht: Er war nicht der lässige Großstädter, für den er sich gehalten hatte. Das folgende Jahr verbrachte Matt damit, das Pear Tree komplett zu renovieren und es schließlich als Pear Tree Café wieder zu eröffnen.

Er hatte Mac gebeten, ihm bei der Renovierung zu helfen, was Mac nur zu gern tat. Kate und Matt mochten verkracht sein, doch ihr Vater hatte den Jungen nun mal ins Herz geschlossen. Und Kate war weit genug weg in London, sodass die Freundschaft der beiden Männer sie nicht weiter beeinträchtigte. Sie war mit ihrer Karriere bei Liberty und ihrer neuen Beziehung zu Dan beschäftigt und fuhr nur selten nach Blexford. Im Gegensatz zu Matt tat ihr das Großstadtleben gut. Hätte jemand Kate damals vorgeschlagen, aufs Land zurückzuziehen, hätte sie sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt.

Eigentlich war Dan der Richtige. Es war alles da, jedoch – zu diesem Schluss kam Kate irgendwann – nicht in den richtigen Mengen. Ihre erste Begegnung war wie der ideale Beginn einer romantischen Komödie: Kate unternahm einen Sonntagsspaziergang, um ihren verkaterten Kopf zu lüften, und bückte sich nach einem, wie sie meinte, vierblättrigen Kleeblatt. Dan hingegen joggte durch den Park und drehte sich um, weil er dachte, jemand habe ihn gerufen. Er prallte gegen sie, beide fielen hin. Es war Lust, wenn nicht gar Liebe, auf den ersten Blick. Kate war fünfundzwanzig und bereit für etwas Festeres als die kurzen Liebesabenteuer, auf die sie bis dahin gesetzt hatte. Dan war achtundzwanzig, ein ernster Mensch, der gerne in der Natur war und eine Partnerin suchte, die mit ihm mithalten konnte. Kate konnte. Als Landschaftsgärtner ließ Dan sich von der Natur inspirieren, genau wie Kate. Doch nach vier Jahren war die Inspiration, die sie im anderen fanden, versiegt.

Als Kate zurückkehrte, um ihren Vater zu pflegen – frisch getrennt und glücklich über die neu gefundene Freiheit nach dem Ende einer aussichtslosen Beziehung –, florierte das Pear Tree Café bereits und hatte einen festen Platz in den Herzen der Blexforder gefunden. Obwohl Kate das Dorf einst freiwillig verlassen hatte, fühlte sie sich bei ihrer Rückkehr auf einmal nicht mehr dazugehörig. Es war fast, als hätte sie durch Matts Erfolg ihren Anspruch auf den Ort verwirkt, als sei sie aus dem Städtchen, das sie ihr Zuhause nannte, ausgeschlossen worden.

Die frisch renovierte Küche hatte Matt an Carla und deren Mutter vermietet, die dort abends ihre Fertiggerichte zubereiteten. Den Lesekreisen und sonstigen Clubs und Vereinen bot er günstige Getränkepreise, wenn sie ihre Treffen bei ihm abhielten. In dieser kleinen, engverbundenen Gemeinschaft war das Café zu einem Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens geworden.

Eine Zeitlang hatte Kate das Café gemieden wie eine Tretmine. Wenn sie eine Dosis Kaffee brauchte, fuhr sie runter nach Great Blexley, und wenn sie Matt auf sich zukommen sah, duckte sie sich hinter einen Busch. In den ersten Monaten verbrachte Kate viel Zeit in Gebüschen. Sie gab ein kleines Vermögen für eine schicke Kaffeemaschine aus, sodass sie ihre Koffeingelüste zu Hause befriedigen konnte; Matt in diesem kleinen Dorf aus dem Weg zu gehen war gar nicht so einfach.

Kate zitterte. Weitere zehn Minuten waren verstrichen, das Tageslicht war beinahe ganz geschwunden. Eiskristalle glitzerten auf den Autodächern, am Himmel leuchteten bereits die Sterne wie kleine Diamanten. Nicht eine Wolke trübte die Sicht. Es würde sehr kalt werden.

Ihr Telefon piepte:

Wo bleibst du?

Die Nachricht stammte von Laura.

Mit klammen Fingern schrieb Kate zurück:

Bin versetzt worden! Hocke auf der Bank bei der Wiese und friere mir den Hintern ab. Bin schon am Holz festgefroren. Muss vielleicht losgeschweißt werden.

Laura antwortete sofort:

Was für ein Mistkerl! Der weiß nicht, was er verpasst. Soll ich einen Schläger anheuern?

Kate schrieb zurück:

Wenn’s nicht zu viel Mühe macht.

Sie kicherte in sich hinein und seufzte.

Richard erschien nicht. Toll, dachte Kate. Ich kriege nicht mal dann ein Date, wenn ich dafür bezahle. Sie war enttäuscht, aber nicht so enttäuscht wie darüber, dass ihr die Minitörtchen entgingen, die zum Tee gereicht werden würden; sie schrieb Laura, sie solle ihr welche einpacken.

Komm her und hol sie dir!, antwortete Laura. Vielleicht gefällt dir ja einer der anderen Kerle! Sie hatte einen Smiley und Zwinker-Emojis hinzugefügt.

Kann nicht, schrieb Kate zurück. Mir ist zu kalt. Erste Zeichen von Erfrierungen. Brauche Carepaket mit vielen kleinen Törtchen für die Genesung.

Verstanden. XXX, schrieb Laura.

Mechanisch stand Kate auf, ihre Füße und Hände waren steif gefroren; die Zehen spürte sie gar nicht mehr. Sie faltete die Decke zusammen und legte sie auf den Holzkorb neben der Eingangstür des Cafés, wo Matt sie finden würde. Kate würde nicht hineingehen. Sie hatte keine Lust auf schadenfrohe Bemerkungen, selbst wenn sie nicht böse gemeint waren. Den Becher behielt sie, um ihn zu Hause weiterzuverwerten.

Im Duke’s Head spielte jemand auf dem alten ramponierten Klavier. Die Klänge schwebten über den Platz und vermischten sich mit denen des Windspiels draußen vor Evelyns Laden; sie erinnerten Kate an Tschaikowskys Tanz der Zuckerfee. Im Licht der Straßenlaternen glänzte das Gras silbern. Am anderen Ende der Wiese, vor Potters Copse, ließen sich zwitschernde Amseln in den Stechpalmen zur Nacht nieder.

Bevor sie das Haus verließ, hatte Kate die Heizung angelassen, außerdem wollte sie gleich den Holzofen in der Küche und den Kamin im Wohnzimmer anzünden. Mit diesen Gedanken wärmte sie sich auf dem Heimweg.

Im Gefrierschrank lag eine fertige Lasagne von Carla, dazu hatte Kate eine halbe Flasche guten Rotwein und einen ordentlichen Vorrat an Schokolade in einer Dose über dem Kaffeeautomaten. Sie lächelte in sich hinein, während ihr kalter Atem in Wölkchen vor ihr aufstieg. Den Kerl hatte sie nicht bekommen, aber zu Hause warteten ein Festessen und die BBC-Serie Pride and Prejudice. Besser konnte es eigentlich nicht werden.

Zu Hause angekommen, erschauerte Kate in der warmen Luft. Sie zog die Haustür hinter sich zu und sperrte den eisigen Abend aus. Im Display des Anrufbeantworters auf dem Tischchen im Flur blinkte eine rote Drei. Kate drückte auf Abspielen und schritt zum Kamin im Wohnzimmer, um ein Feuer anzuzünden. Eine geisterhafte Stimme dröhnte aus dem Gerät.

»Hallo? Hallo? Katielein, bist du da?«

Es war ihre Mutter. Die Nachricht endete mit einem Knacken, und die nächste begann.

»Katielein, hier ist Mum. Am Wochenende habe ich die Geschenke abgeholt. Nichts für Gerry, wie ich sehe. Es wäre schön, wenn du dir ein bisschen mehr Mühe geben würdest, Liebes!«

Kate verzog finster das Gesicht, während sie Zeitungspapier zusammenknüllte und unter das Anmachholz steckte. »Mühe geben, pah!« Sie schnaubte, riss ein Streichholz an und ließ es in das Papiernest fallen. Der kann von Glück sagen, dass ich seinen Namen auf die Karte geschrieben habe, dachte sie.

Wahrscheinlich war Gerry gar nicht so übel. Wenn Kates Mutter mit ihm zu Besuch kam – was nicht sehr oft passierte –, engagierte er sich immer sehr. Die beiden besaßen ein Apartment in Chiswick, wo sie Hof hielten, wenn sie in England waren, und auch Kate war dann absolut liebenswürdig zu Gerry. So weit, dass sie ihm Weihnachtsgeschenke machen würde, war sie allerdings noch nicht.