Das Buch
Bev Saunders ist am absoluten Tiefpunkt angekommen: Nach einer schmutzigen Scheidung hat sie ihren Job, all ihren Besitz und ihren guten Ruf verloren. Doch sie will kämpfen. Also zieht sie in die feuchte Kellerwohnung von ihrer besten Freundin Sophie und macht sich als Privatdetektivin selbstständig. Als Bev den Fall von Sophies Freundin Angela übernehmen soll, die von ihrem Mann brutal misshandelt wird, zögert sie zunächst. Schließlich ist Angelas Ehemann Jerry Fitzwilliam ein mächtiger Politiker. Um seine perfiden Machenschaften zu entlarven, muss sie sich auf ein gefährliches Spiel einlassen. Doch jemand kennt ihre Schwächen und will sie ausschalten. Wird ihre Vergangenheit sie einholen, bevor sie Angela helfen und sich selbst retten kann?
Die Autorin
Marnie Riches wuchs auf einem Landsitz im Norden von Manchester in der Nähe eines Gefängnisses auf. An der University of Cambridge studierte sie Germanistik und Niederlandistik. Bevor sie das Schreiben für sich entdeckte, war Marnie Riches ein Punk, ein angehender Rockstar, eine verkappte Künstlerin und professionelle Spendensammlerin. Wenn sie nicht gerade einen ihrer preisgekrönten düsteren Thriller schreibt, kommentiert sie im Radio für die BBC Social-Media-Trends und spricht über die Welt der Kriminalliteratur. Dein letzter Atemzug ist ihr erster Thriller bei Heyne.
MARNIE RICHES
DEIN
LETZTER ATEMZUG
Thriller
Aus dem Englischen von
Frank Dabrock und Irene Eisenhut
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
Die Originalausgabe Tightrope erschien erstmals 2019 bei Trapeze, London.
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Deutsche Erstausgabe 10/2021
Copyright © 2019 by Marnie Riches
Copyright © 2021 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Uta Dahnke
Umschlaggestaltung: Sandra Taufer Grafikdesign
unter Verwendung von Trevillion Images / Stephen Carrol; Shutterstock.com (rubiphoto, Bokeh Blur Background, Ensuper, PixDeluxe, Photo Boutique, Yuriy Zhuravov, faestock)
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-25789-7
V001
www.heyne.de

Für meine süße Natalie und meinen süßen Adam, die Lieben meines Lebens. Ich entschuldige mich für euren erblich bedingten Hang zu unflätiger Sprache und zum Fluchen. Tut mir leid, aber auch wiederum nicht leid.
Das Mädchen liegt eingezwängt unter ihm auf der ledernen Chaiselongue und starrt in den gähnenden Schlund seiner Wolfsmaske aus Latex. Trotz des ihr verabreichten Alkohols und des Drogencocktails, der sie entspannt und gefügig machen sollte, ist die Angst in ihren Augen deutlich zu erkennen.
»Du weißt, was jetzt passiert?«, fragt er, und seine Stimme klingt dumpf und hohl, wie aus einer anderen Welt. Ihr zu sagen, was er für sie vorgesehen hat, die Rolle des Erzählers in ihrer persönlichen Geschichte des Grauens zu übernehmen, die nunmehr ihren Höhepunkt erreicht hat, erregt ihn. Immerhin wird alles gefilmt. »Ich werde zudrücken, das Leben aus dir herausquetschen, denn das ist es, was eine wie du verdient.«
Sie erstarrt einen kurzen Augenblick. Vielleicht versucht sie die ihr unbekannte Sprache zu verstehen. Blanke Verzweiflung breitet sich plötzlich auf ihrem Gesicht aus. Sie schüttelt den Kopf. »Nein! Mag nicht!«, stammelt sie. »Stan? Wo sein? Muss sprechen.« Sie lallt durch den Wodka, was ihrem russischen Akzent eine schmalzige Note verleiht. Tränen rollen ihr über die Wangen, als sie sich in der Hoffnung auf eine Reaktion dem Kameramann zuwendet. »Bitte, aufhören!« Sie sagt etwas in ihrer Muttersprache. Ihr schrilles Wimmern lässt sie wie das kleine Mädchen klingen, das sie unter dem starken Make-up eigentlich noch ist.
Doch den Wolf kümmern ihre Bedürfnisse nicht, und die Kamera läuft weiter. Er setzt seine Knie auf ihre zarten Lenden und drückt ihre Arme über dem Kopf herab, sodass sie nicht mehr strampeln oder um sich schlagen kann. Er ruft den anderen zu, sie sollen sie festhalten, und sie gehorchen ihm, genau wie das Mädchen.
»Nein! Nein!«, schreit sie und windet sich, aber ihre Gegenwehr ist zwecklos. »Das tun weh! Wo Dimitri? Hol Stan! Stan! Hilfe!«
»Stan ist nicht hier«, zischt er ihr ins Ohr. »Und Dimitri ist beschäftigt. Genau wie wir.«
Sie schreit so laut, dass der Klang auf der Tonspur verzerrt wird.
Der Wolf blickt zu den anderen Männern. Sie sind insgesamt zu fünft, alle nackt, bis auf ihre Masken. Der erste trägt die Maske eines Schweins, der zweite die einer Bulldogge, der dritte die eines Pferds und der vierte die eines Hahns. Er selbst spielt die Hauptrolle in der Maske des Wolfs. Die momentane Stimmung der anderen Männer ist schwer auszumachen, aber sie sind auf jeden Fall alle noch immer sichtbar erregt und stehen an, um sich ein zweites Mal mit diesem Früchtchen zu vergnügen.
Im Augenblick ist jedoch der Wolf an der Reihe.
Er greift nach dem auf dem Couchtisch liegenden Ballknebel, den er dem Mädchen mit geübter Hand um den Kopf schnallt, obwohl sie sich heftig windet. Ihren Protest kann sie jetzt nur noch in Form eines gurgelnden, würgenden Geräuschs von sich geben, da sie sich an ihrer eigenen Spucke verschluckt.
»Das ist besser! Du redest zu viel!«
Er legt eine Hand um den Hals des nackten Mädchens und drückt zu, während er sie reitet. Unerbittlich. Der Herr über ihr Schicksal. Genau wie sein Vater damals, als er ihn vor vielen Jahren dabei beobachtete, wie er den Babysitter, die Tochter der Putzfrau und seine jüngere Schwester souverän kontrollierte. Das Mädchen – mittlerweile verstummt und mit rotem Gesicht, weil sie um ihr Leben kämpft – windet sich unter ihm, um sich zu befreien. Ihre weit aufgerissenen Augen schauen flehentlich, und die Adern auf ihrer Stirn treten hervor. Sie scheint mit den Lippen ein Wort bilden zu wollen, dessen Klang jedoch durch ihre zusammengedrückte Gurgel nicht hervordringen kann.
Die anderen Männer schreien ihn mittlerweile an, übertönen sich gegenseitig, sodass es schwierig ist, zu sagen, ob sie ihn anstacheln oder protestieren. Aber das interessiert den Wolf ohnehin nicht, denn er hat den Geruch frischen Fleischs in der Nase.
Als das Mädchen schließlich bewegungslos daliegt und ihr Kopf zur Seite fällt, ergreift die Bulldogge das Wort.
»O Gott! Sie ist ganz schlaff. Ist sie etwa tot?« Er streckt den Arm aus, presst zwei Finger auf ihren Hals. »Ich kann keinen Puls mehr spüren. Drücke ich an der richtigen Stelle?« Er schnallt den Knebel los, nimmt den roten Plastikball aus ihrem Mund, beugt sich herunter und hält sein Ohr dicht an ihre Lippen. »Ich kann sie auch nicht mehr atmen hören.«
»Versuch’s am Handgelenk«, sagt das Pferd. Er greift danach, tastet an der Innenseite nach einer pulsierenden Ader. »Nichts.« Er hebt die Augenlider des Mädchens und winkt, ohne dass eine Reaktion erfolgt, mit einer Hand vor ihren glasigen Augen. »Verdammt noch mal, du hast sie umgebracht, oder?«, sagt er zu dem Wolf. »Du Idiot. Jetzt sind wir geliefert.« Seine Stimme zittert. Er weicht von der Chaiselongue zurück und verdeckt seine schwindende Erektion mit beiden Händen, als würde er am Ende doch noch Scham empfinden.
Derartige Schuldgefühle plagen den Wolf jedoch nicht. Befriedigt steigt er von der jugendlichen Prostituierten herunter. Sie ist für ihn nicht mehr als ein verbrauchtes Pferd nach einem langen, harten Ritt. Seine Arbeit ist getan.
Das ist der Grund, warum er der Star in diesem kleinen Amateurfilm ist, den Stans verschwitzter, vollgekokster Kameramann noch immer diskret dreht.
Die Gliedmaßen des Mädchens hängen in einem seltsamen Winkel herab, wie die Zeiger einer kaputten Uhr. Irgendwie passend, denn Zeit spielt für sie jetzt keine Rolle mehr.
Das Schwein zerrt an seiner Maske, als wolle er sie abnehmen. Doch dann scheint er sich eines Besseren zu besinnen. »Warum zum Teufel hast du sie erwürgt? Du Trottel. Das wird auf uns alle zurückfallen. Meine Frau wird von der Sache erfahren, und wir werden wegen Beihilfe zum Mord im Knast landen. Du bist ein brutaler Mistkerl, Himmel noch mal! Wir sind alle erledigt.« In seiner Stimme schwingen hörbar Wut und Angst mit.
»Kannst du mal aufhören, in Panik zu geraten?«, fährt der Hahn das Schwein an. Er wendet sich dem Wolf zu. »Wir können sie hier nicht einfach liegen lassen, oder? Wir sollten versuchen herauszufinden, wer sie ist.« Er greift nach der Handtasche des Mädchens, stellt sie auf seiner fetten Wampe ab und beginnt darin herumzuwühlen. Sichtlich aufgeregt, leert er ihren Inhalt schließlich auf dem Couchtisch der exklusiven Wohnung aus und geht ihn rasch durch. Schmerztabletten. Handy. Lippenstift. Gleitmittel. Kondome. Ein Tampon. Portemonnaie.
Der Wolf nimmt etwas in die Hand, das wie ein Personalausweis aussieht, sich aber nur als Fahrausweis der Londoner Verkehrsbetriebe entpuppt. »Gefälscht«, sagt er. Er hält die Karte mit dem Lichtbild hoch und vergleicht das lächelnde Mädchen auf dem Foto mit dem schmerzverzerrten Totenantlitz der minderjährigen Prostituierten. »Emma Davies? Ganz bestimmt nicht! Die blöde kleine Schlampe kommt aus Russland. Sie ist eine von Dimitris Nutten, die er hierhergeschafft hat. Seien wir ehrlich, Jungs! Keiner wird sie vermissen.«
»Du hast sie umgebracht«, sagt das Pferd zu dem Wolf. Seine Stimme klingt nasal durch die Form seiner Maske. »Das ist dein Problem.« Er hebt die Hände und macht einen Schritt zurück. Schüttelt den Kopf. »Ich bin weg. Damit habe ich nichts zu tun. Wir wollten ein bisschen Spaß haben. Dampf ablassen. Aber das …? Da bist du auf dich allein gestellt. Ich habe Familie. Einen Ruf …«
Die Bulldogge zieht die Vorhaut wieder über sein erschlaffendes Glied und legt den Kopf schief, während er das Mädchen betrachtet. Seine Fassungslosigkeit ist an dem hohen Ton in seiner Stimme hörbar. »Die einzige Möglichkeit, die Sache aus der Welt zu schaffen, ist, sie aus der Welt zu schaffen. Du musst sie loswerden. Was wirst du mit der Leiche machen?«
Der Wolf wendet sich ihm zu. »Was ich damit machen werde? Du meinst wohl eher, was wir damit machen werden, oder? Denn wir stecken hier alle mit drin, schon vergessen?«
Während sich die anderen Männer von der Leiche und der Kamera zurückziehen und sich mit Kissen und Kleidungsstücken bedecken, die sie erst vor wenigen Minuten fröhlich abgelegt hatten, stiehlt sich der Wolf in die Küche. Mit einem Messerblock und einer Rolle schwarzer Mülltüten kehrt er zurück, setzt den Block auf dem Couchtisch ab und schiebt die Habseligkeiten des Mädchens weg, sodass sie auf den Boden fallen. Er zieht ein Fleischerbeil und ein Brotmesser heraus und starrt durch die Augenschlitze seiner Wolfsmaske auf die schimmernden Klingen, seine Erektion ist noch immer beträchtlich.
»Ich weiß ganz genau, wie ich dieses kleine Problem loswerde.«
Der Film endet.
Der Reiz, ihn in der ungestörten Atmosphäre seines Arbeitszimmers immer und immer wieder zu sehen, lässt nie nach, obwohl er weiß, dass der Film jetzt im Darknet ist und sämtliche Toms, Dicks und Harrys dieser Welt sich auch daran aufgeilen können. Vorausgesetzt, sie schaffen es, hinter die Paywall zu kommen. Während er sich langsam selbst befriedigt und mit der freien Hand nach der Tischplatte seines Schreibtischs aus Palisander greift, geht ihm durch den Kopf, dass dieser Film ihn zu einer Art Berühmtheit macht. Auf jeden Fall fühlt er sich immer wie ein Star, wenn der Film über den Bildschirm seines Notebooks flimmert. Er ist der Wolf. Alle anderen in diesem Drama sind Nebenfiguren. Er ist der König in dieser perfekten Welt in einem Penthouse in West London.
Das Filmmaterial endet mit einem Standbild, das eine hochgehaltene Hand in Nahaufnahme zeigt. Seine Hand. Er hatte sich Stans Kameramann zugewandt und ihm erklärt, dass er das Gerät ausschalten und den Film vernichten solle. Was der geldgeile Schwachkopf aber nicht gemacht hatte. Stattdessen hatte er das Material auf Stans Vorschlag hin hochgeladen und ins Netz gestellt, um Geld in die Kasse zu bringen. Stan wollte auf diese Weise den durch den Tod seiner Hure bedingten Einkommensentfall ausgleichen. Zuerst hatte der Wolf das Gefühl gehabt, als würde der Himmel gleich über ihm zusammenbrechen. Aber er ist nicht über ihm zusammengebrochen. Er hat von den Behörden und diesem Dreckskerl, Stan, nichts zu befürchten. Mittlerweile ist etwas Zeit vergangen, und noch immer weiß niemand, wer hinter dem Tod dieses mysteriösen Mädchens steckte, das, zusammen mit vergammeltem Fleisch, im Abfallbehälter eines Metzgers aufgetaucht war, in Stücke zerlegt und in Müllbeutel verpackt. Eine kaputte russische Puppe.
Er säubert sich und bereitet sich auf einen weiteren Tag als Mann mit untadeligem Ruf vor. Er ist ein ehrenwertes, vertrauenswürdiges und beliebtes Mitglied der Gesellschaft, so wie sein Vater es war. Keiner weiß von seiner Hauptrolle als der Wolf. Dieses Wissen wird ein Geheimnis bleiben, das alle Beteiligten mit ins Grab nehmen werden. Da ist er sich sicher. Er wird in den auf Film festgehaltenen flüchtigen Minuten für immer und ewig ein Abgesandter Gottes auf Erden sein, der nach Lust und Laune Urteile fällt und über Tod oder Leben entscheidet.
Er macht den Hosenschlitz zu, wäscht sich die Hände und prüft sein Spiegelbild. Alles ist still, bis auf seine Schritte und die beharrliche Stimme in seinem Kopf, die nicht einmal der Film übertönen kann:
»Nein, danke. Du bist nicht das, wonach ich suche.«
In einer ohrenbetäubenden Schleife ertönt ihre Stimme. Sie hat ihn damals in aller Öffentlichkeit abgewiesen und gedemütigt. Aber das ist nichts im Vergleich zu der ungeheuerlichen Lüge, die sie seit mehr als zehn Jahren erzählt. Die Frau, die er vor seinem geistigen Auge sieht, hat einen ungeheuerlichen Verrat begangen. Sie hat ihm etwas gestohlen, auf die schlimmste vorstellbare Weise. Doch seine Rache wird kommen.
Der Wolf beobachtet sie. Er ist hungrig. Und wartet.
»Zur Hölle mit Doctor Mo und seinem dämlichen Gruppentherapiegewäsch«, sagte sie und genoss den Anblick des Objekts ihrer Begierde. Endorphine schossen durch ihr Blut. Der Rausch einer Eroberung war immer eine Droge, die ihr schlechtes Gewissen betäubte, das ihr beharrlich zu verstehen gab, dass sie dabei war, ihren Schnellzug zurück in eine lebenswerte Zukunft zum Entgleisen zu bringen. Sie sah kurz auf die mit edwardianischen Reihenhäusern gesäumte Straße und fuhr über eine Bodenschwelle, sodass der Wagen schwankte und ihre Zähne aufeinanderschlugen. Okay, vielleicht war sie etwas zu schnell unterwegs. Ihr Blick wanderte zurück zu ihrer Beute. »O Mama. Ich kann es kaum erwarten, dich zu Hause auszupack …«
Als das Allradfahrzeug in sie hineinkrachte, schlingerte Beverley Saunders’ kleiner VW Polo so weit nach rechts, dass er den Audi, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkte, nur um wenige Zentimeter verfehlte. Ihr Airbag öffnete sich.
»Herrgof pft.« Ein erstickter Aufschrei war alles, was sie herausbringen konnte, ehe das Aufprallkissen wieder in sich zusammenfiel. Ihre zitternden Hände umklammerten das Lenkrad derart fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Fassungslos starrte sie den Airbag an, der mittlerweile wie ein übergroßes gebrauchtes Kondom aussah. »Welcher Volltrottel …?«
Adrenalin rauschte durch ihren Körper. Sie zog die Handbremse an, schaltete das Warnblinklicht ein und stieg aus dem Wagen. Aus einem Range Rover blickte eine Frau auf sie herab. Mit offenem Mund starrte sie auf Bev, als könnte sie nicht so recht glauben, was gerade geschehen war.
Bev begutachtete den Schaden, den ihr geliebter kleiner VW durch die unnachgiebige Masse des aufgemotzten Hausfrauenschlittens in dieser überteuerten Ecke von Cheshire davongetragen hatte. Wütend marschierte sie zur Fahrerseite des Allradfahrzeugs und erwartete, auf eine abgehalfterte, in Seifenopern spielende Schauspielerin oder auf die Frau eines Fußballers zu treffen.
»Steigen Sie aus Ihrer verdammten Karre aus!«, schrie Bev.
Die Hand der Fahrerin schnellte zum Mund, doch sie rührte sich sonst nicht.
Sie schien kein Promi zu sein, aber Bev kannte den Typ Frau sehr gut. Hoch angesetzter blonder Pferdeschwanz. Perlenohrringe. Eine teuer aussehende Pelzweste, die die spindeldürren Arme der Trägerin zur Geltung brachte, und ein grässlicher braungrauer Seidenschal, der perfekt mit den Farben harmonierte, in denen die Türen und Fensterrahmen der umliegenden Häuser gestrichen waren. An den knochigen Fingern steckten Ringe mit fetten Steinen, die den Haushalt eines Entwicklungslands hätten finanzieren können. So viel konnte Bev durch die Scheibe erkennen.
»Ich rede mit Ihnen, Sie blöde Kuh!«
Bev betrachtete die eingedrückte Fahrerseite ihres Autos und bemerkte, dass der Reifen in einem Winkel nach innen zeigte, der nichts Gutes verhieß. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich, denn dieser karmische Unfall schien die Bestrafung dafür zu sein, dass sie schwach geworden war. Trotzdem entschuldigte dies nicht das Verhalten dieser dummen Ziege. Bev klopfte auf die Motorhaube des Range Rovers.
»Sie haben meinen Wagen zu Schrott gefahren!«
Zu beiden Seiten der Straße wurden Fensterläden aufgerissen. Putzfrauen und Kindermädchen spähten hinaus und fällten zweifellos ihr moralisches Urteil, während Bev fluchte und die Blondine schließlich ausstieg. Sie nestelte nervös an den Bändern ihrer Weste herum.
»Das tut mir schrecklich leid. Mein Fuß ist vom Pedal abgerutscht und das Auto einfach nach vorne geschossen.« Die Blondine blickte bedauernd hinter sich auf das Vorfahrtzeichen in der Straße.
»Sie sind nicht verletzt, nehme ich an«, sagte Bev und beäugte den blütenweißen Overfinch Range Rover, der keine einzige Delle aufwies. Klar. Nur der Polo sah aus, als hätte er mit Godzilla gekämpft. »Ihre Kontaktdaten!«, blaffte sie die Frau an. Mit wild pochendem Herzen hielt sie ihr einen braunen Umschlag hin, in dem sie vor Kurzem ein grässliches Schreiben der Steuerbehörde erhalten hatte, und einen Bleistift, den sie von IKEA hatte mitgehen lassen. »Wir werden die Polizei rufen müssen, um eine Schadensnummer zu bekommen, denke ich, aber zuerst tauschen wir die Kontaktdaten aus.«
»Ja. Natürlich.« Aufgeregt suchte die Frau nach etwas, worauf sie sich aufstützen konnte. Sie entschied sich für die Motorhaube ihres Wagens. »Angela Fitzwilliam«, schrieb sie mit zitternder Hand.
Der Unfall drohte Bev endgültig in einen Abgrund zu reißen, an dessen Rand sie sich kaum noch hatte festhalten können, geschweige denn, ihn erklimmen. Sie wollte gerade eine weitere Tirade von Kraftausdrücken auf die Frau niedergehen lassen, als ihr schlechtes Gewissen wieder aufflackerte, heller und andauernder dieses Mal, wie ein Suchscheinwerfer, der ihre Unzulänglichkeiten beleuchtete. Insgeheim gestand sie sich ein, dass sie eigentlich auch nicht richtig aufgepasst hatte, weil sie zu sehr damit beschäftigt gewesen war, auf das äußerst seltene, funkelnagelneue Origami-Set zu starren, das sie dem alten Kerl in Rusholme abgekauft hatte. In einem Augenblick von eBay-Wahnsinn hatte sie genau dem Zwang nachgegeben, dem zu widerstehen sie geschworen hatte. Dr. Mo würde sie daran erinnern, dass sie auf ihrem persönlichen Schlangen-und-Leitern-Spiel des Lebens vier Schritte zurück gemacht hätte und eine weitere verdammte Schlange zurückgleiten würde, wo sie doch schon gehofft hatte, die nächste Leiter zu erklimmen. Aber das müsste der selbsternannte Retter der Zwangsneurotiker und gewohnheitsmäßig Gestörten erst einmal herausfinden.
Möglich, dass ihr auch Unaufmerksamkeit vorzuwerfen war. Doch diese Frau sah stinkreich aus. Sie konnte es sich bestimmt leisten, ihren Schadenfreiheitsrabatt zu verlieren und den Selbstbehalt zu bezahlen. Anders als Bev, auf die ein Stapel ungeöffneter Rechnungen in ihrer Bruchbude wartete. Von dem Steuerbescheid ganz zu schweigen. Was soll’s.
»Also geben Sie zu, dass Sie an dem Unfall schuld sind?«
Die Frau schloss ihre großen, tief liegenden Augen und hielt ihre wunderschön manikürten Hände hoch. »O ja, natürlich.«
Ein repariertes Auto, ein oder zwei Monate wunderbare Physiotherapie, in der ein Muskelprotz sie mit warmen Ölen durchknetete – anders würde Bev an keine Massage herankommen, jetzt, da sie ständig pleite war. Ein paar Tausender als Schadenersatz würden einige dieser Schulden begleichen. Auf einmal. Bev rieb sich in Gedanken die Hände und dankte Gott für den Silberstreifen am Horizont.
Den Polo zurück zur Wohnung zu fahren stellte eine Herausforderung dar. Mit einer Geschwindigkeit von fünf Meilen pro Stunde kroch Bev die Straße entlang und studierte die Worte ein, mit denen sie ihrer Versicherungsgesellschaft den Unfall am Telefon erklären wollte: Die andere Autofahrerin hat nicht aufgepasst, wo sie hinfuhr. Mein Wagen ist hinüber. Wird die Versicherung der Unfallgegnerin mir einen Leihwagen bezahlen? Kann ich einen Alfa Romeo bekommen?
Sie schaffte es gerade noch, auf Sophies gekieste Einfahrt einzubiegen, ehe ihr Auto sein Leben aushauchte. Als sie den Range Rover erblickte, der bereits vor dem frei stehenden viktorianischen Herrenhaus parkte, zuckte sie zusammen. Ein weißer Overfinch mit schwarzen Alufelgen. Der Gedanke, sich in ihre schimmelige Souterrainwohnung zurückzuziehen, um sich mit dem seltenen verbotenen Origami-Stück zu trösten, war längst aus ihrem Kopf verschwunden.
»Das ist ja wohl nicht wahr. Was zum Teufel …?«
Die Buntglashaustür wurde aufgerissen, und Sophie tauchte im Eingang auf, ein Zahnpastalächeln auf den Lippen. Mütterlich legte sie einen Arm um die Schulter ihres weiblichen Gasts. Die Frau, die eine Pelzweste trug, tippelte auf Beinen, die so dünn waren wie die eines Rehs, scheu ein Stück weiter vor. »Bev, das ist meine Freundin, Angela Fitzwilliam. Sie ist mit einem früheren Kollegen von Tim verheiratet. Angie, das ist Beverley Saunders, meine älteste Freundin aus der Studentenzeit und eine außergewöhnliche Privatdetektivin.«
Angie Fitzwilliam schaute Bev an, als würde sie einen Geist erblicken. »Sie?«
»Wir hatten bereits das Vergnügen miteinander«, sagte Bev und verzog demonstrativ das Gesicht in Richtung ihres demolierten Wagens. »Was willst du, Sophie? Ich habe keinen fahrbaren Untersatz, dank ihr. Wie soll ich ohne eine verdammte Karre fremdgehende Mistkerle observieren? Möglicherweise habe ich nächste Woche einen Auftrag in Warrington.«
»Komm schon, Bev! Das ist kein Grund, derart unfreundlich zu sein«, erwiderte Sophie.
»O doch, ist es!«
Lernen Sie, Stresssituationen aus dem Weg zu gehen, wenn diese Sie zu überfordern drohen, hatte Dr. Mo zu ihr gesagt. Greifen Sie nicht auf schlechte Angewohnheiten zurück, um wieder die Kontrolle zu bekommen. Vergessen Sie nicht, was auf dem Spiel steht!
Sie musste weg von hier.
Bev drängte sich an den beiden Frauen vorbei und bahnte sich einen Weg durch die Kinderwagen, Kindersitze und das übrige Kinderzubehör, das in Sophies ansonsten makelloser, geräumiger viktorianischer Diele herumstand, und ging die schmale Steintreppe hinunter zu ihrer winzigen Wohnung im Keller. Sophie hatte sich dazu herabgelassen, sie ihr günstiger zu vermieten, wobei der Rabatt verschwindend gering war dafür, dass sie miteinander befreundet waren. Bev konnte den Schlüssel gar nicht schnell genug ins Schloss bekommen. Sie schlug die Tür hinter sich zu und betete, dass selbst ein Mensch, der so unbeirrbar war wie ihre älteste Freundin, begreifen würde, warum sie nicht in der Stimmung war, mit der rücksichtlosen Kuh zu plaudern, die ihren Tag ruiniert hatte.
Bev warf sich auf das Sofa, unterdrückte ein Schluchzen und begutachtete das Origami-Set. Sobald das zarte Objekt fertiggestellt wäre, käme es selbstverständlich in das Regal, in dem bereits unzählige Kraniche, Blumen und Drachen verstaubten. Das Verlangen würde zwar befriedigt sein, aber sie würde wieder einmal unter der Last der eigenen Enttäuschung in sich zusammenbrechen. Mittlerweile war sie dreißig, und die Null in dieser Zahl stand stellvertretend für die Leere in ihrem Dasein. Einem Dasein, in dem sie souverän gescheitert war und das sich in der Blüte ihres Lebens ausgesprochen zweitklassig anfühlte.
Entschlossen begann sie an dem Zellophan zu reißen.
In dem Augenblick klopfte es an der Tür, sodass sie in der Bewegung verharrte. Sophie rief von der anderen Seite der Tür etwas. Ihre Stimme klang blechern in dem Klaustrophobie auslösenden unterirdischen Raum am Ende der Treppe, der eine Art Vorraum bildete.
»Alles in Ordnung mit dir, Süße? Können wir hereinkommen?«
Bev versteckte ihre neue Errungenschaft zwischen all dem Zeug, das auf dem Couchtisch lag, und öffnete die Tür. Beide Frauen standen da und sahen aus wie ein perfektes Bild aus Harper’s Bazar.
»Was willst du?«, fragte Bev und kam sich mit einem Mal billig und gammelig vor in ihrer Jeans aus dem Supermarkt, die an den Knien durchgescheuert war, und dem am Bauch fleckigen Ruder-T-Shirt aus der Collegezeit. »Ich habe ihr bereits meine Kontaktdaten gegeben.« Sie lehnte sich gegen den Türrahmen, die Arme verschränkt, die Beine über Kreuz. »Außerdem bin ich beschäftigt.«
»Oh, hab dich nicht so! Lass uns herein!«, sagte Sophie mit einem Augenzwinkern und schob sich an Bev vorbei, als würde ihr das Haus gehören, wie es ja auch der Fall war. »Angie muss mit dir sprechen.«
»Nein, nein! Schon in Ordnung«, entgegnete Angie, verschränkte die Arme und drehte sich um, um zu gehen. »Vergessen wir’s.«
»Unsinn«, widersprach Sophie und zerrte ihre Freundin herein.
Die dunkle Zweizimmerwohnung fühlte sich mit drei Personen überfüllt an. Bev wartete darauf, dass das Wasser kochte, und beobachtete Angie durch die Ritze in der Tür ihrer Miniküche. Die beiden Frauen deuteten auf Bevs Origami-Sammlung, nickten und bestaunten die filigranen Kreationen. Doch Bev bekam mit, wie sie sich einen vielsagenden Blick zuwarfen und die Nasen rümpften. Sie war sich sicher, dass eine das Wort »staubig« gesagt hatte.
»Hier drinnen stinkt’s, oder?«, sagte sie und trat aus der Küche mit einem Tablett, auf dem ein Kaffeebereiter und drei Tassen standen. Sie hatte auch eine Packung Kekse mitgebracht, wobei sie wusste, dass nur sie davon essen würde. Denn Angie schien magersüchtig zu sein, nach den verräterisch dichten Härchen auf ihren Unterarmen zu urteilen, die ein typisches Anzeichen dafür waren, und Sophie nahm grundsätzlich keine Kohlenhydrate zu sich. »Das liegt daran, dass ich nicht nur Origami sammle, sondern auch schwarzen Schimmel. Tim ist nicht bereit, etwas gegen die Feuchtigkeit im Keller zu unternehmen. Du bist mit einem Mann verheiratet, der Elendsquartiere vermietet, Soph. Ha, ha.«
Dr. Mo hatte ihr gesagt, dass sie versuchen sollte, ihre Bitterkeit abzulegen, um mehr positive Energie freizusetzen, durch die sich ihr Leben verbessern würde. Aber Mo war auch nicht von ihrem Ex-Mann, Rob, verschaukelt worden, dieser Ausgeburt an Widerlichkeit. Er musste nicht darum kämpfen, über die Runden zu kommen. Er stand nicht unter Beobachtung des Jugendamts.
Ohne auf die spitze Bemerkung einzugehen, gab Sophie ihrer Freundin Angie mit einer hoheitsvollen Geste zu verstehen, sie möge auf dem Sofa Platz nehmen. Beide saßen vorsichtig auf der Kante, wie glänzende Vasen von Lalique, umgeben von Ramsch in einem Secondhandladen auf der Haupteinkaufsstraße.
Sophie wartete und nippte an ihrem schwarzen Kaffee, bis alle Augenpaare auf sie gerichtet waren. Erst dann offenbarte sie den Grund ihres Besuchs. »Angie braucht deine Hilfe. Stimmt doch, oder?«
Bev war überrascht, Tränen aus den perfekt geschminkten Augen der Fremden kullern zu sehen. Früher hätte sie sich wie eine Glucke um sie gekümmert und instinktiv gewusst, wie sie mit diesem Gefühlsausbruch umzugehen hatte. Doch ihr früheres Ich hätte sich auch nie wie eine Außenseiterin in der eigenen Wohnung gefühlt. Wer zum Teufel war diese Frau mit ihren beigen Gucci-Tretern und dem kunstvoll drapierten Seidenschal? Sie sah aus, als hätte sie gerade eine Yogastunde in einem winzigen Aschram über einem Biofleischer oder einer Vollkornbäckerei gehabt.
Bev zog ihr neues Origami-Set unter ihrer Tasse hervor, ersetzte es durch eine ungeöffnete, überfällige Gasrechnung und bot ihrer Besucherin das letzte Taschentuch aus einer Schachtel an.
»Tut mir leid«, sagte Angie. »Du kennst mich nicht einmal, und …« Sie schüttelte den Kopf.
»Jerry ist ein Tyrann«, sagte Sophie. »Angies Mann. Er wacht mit Argusaugen über das gemeinsame Bankkonto, nicht wahr, Angie? Und Angie ist sich sicher, dass er fremdgeht, wenn er in London ist. Möglicherweise auch hier.« Sophie wandte sich Bev zu, als Klatschbase so in ihrem Element, dass ihre Porzellanwangen vor Eifer glühten. Sie tätschelte Angelas Bein, als wäre sie ein Kind, das nichts weiter brauchte als den guten Rat eines Erwachsenen, der es am besten wusste. »Er ist ein Hund, und sie muss ihn einschläfern lassen.«
Angie spielte an ihren Ringen herum. »Moment mal, Soph. Das würde ich so nicht sagen …«
Doch Sophie hörte ihr nicht zu. »Jerry und Tim haben früher zusammen an der Börse gearbeitet, bei Lieberman Brothers. Die Jungs waren so eng miteinander befreundet, dass sie sich sogar eine Zweitwohnung in London geteilt haben, nicht wahr, Angie?« Sophies Augen wirkten derart glasig, als hätte sie sich gerade eine Line reingezogen, obwohl sie Drogen schon immer abgelehnt hatte. Aber diesen Gesichtsausdruck hatte sie stets drauf, wenn sie auf einer Mission war. Bereits in ihrer Studentenzeit, als sie sich eingesetzt hatte für Save the Children. Für Oxfam. Und für Antonia im Erdgeschoss, deren Vater ein mieses Schwein gewesen war. Sophie, der Gutmensch mit ihren Wohltätigkeitsveranstaltungen, ihrer Kumbaya-Positivität und ihren Flugblattaktionen, kam stets anderen zu Hilfe. Ein Tee, ein Plausch und eine feuchte Kellerwohnung. »Die beiden waren erstklassige Hochschulabsolventen, die Überflieger schlechthin, haben eine Karriere im Turbogang eingelegt und wurden die Herrscher des Universums. Sie waren ein echtes Dream-Team. Ehe dann alles …« Sie zog ihre sorgfältig gezupften Augenbrauen zusammen, als könnte sie nicht glauben, dass sich der berufliche Aufstieg dieser beiden Idioten selbst nach dem Bankencrash von 2008 noch sensationell fortgesetzt hatte. »Jerry war schon immer ein derartiges Alphatier. Ich bin nicht überrascht, dass Angie einen Schnitt machen will.«
»Was willst du, Angela?«, fragte Bev und sah, wie der Rücken ihrer Besucherin sich wie ein Zweig in einer steifen Brise bog. »Die Scheidung?«
Der Blick dieser wunderschön geschminkten Augen schoss von Sophie zu dem iPhone, das sie zwischen all den Kram auf Bevs Couchtisch gelegt hatte. Angelas Stimme war zaghaft, als sie sprach. »Ähm, ja.« Ein fleckiger Ausschlag wurde über ihrem Seidenschal sichtbar und breitete sich bis zu ihrem Kinn aus. Sie kratzte mit ihrem Daumennagel über die Kuppe ihres Zeigefingers. Kratzte und kratzte.
»Angie braucht unwiderlegbare Beweise für eine Scheidung. Du musst irgendetwas Schmutziges über Jerry ausgraben.« Sophie stieß ihre Freundin an. »Zeig ihr das Bild!«
Angie drückte Bev das Foto in die Hand. Bev starrte in das Gesicht von Jerry Fitzwilliam. Sie erkannte ihn sofort. »Der verdammte Schattenminister für Wissenschaft? Wollt ihr mich auf den Arm nehmen?« Sie begann, zu lachen. »Ich habe ihn heute Morgen im Frühstücksfernsehen gesehen. Der Star des Parlaments und die große Hoffnung von Labour? Ist er nicht auch der Abgeordnete unseres Wahlkreises?« Sie schüttelte energisch den Kopf und stellte sich vor, wie ein Furcht einflößender Schlägertyp des MI5 oder MI6 – welche Sicherheitsbehörde auch immer dafür zuständig war – ihr beim Beobachten hinterherspionierte. »Ich werde mein Teleobjektiv nicht einmal annähernd in die Richtung dieses Kerls halten. Das ist eine Nummer zu groß für mich. Ernsthaft, Angela. Ich fühle mich geschmeichelt, dass du geglaubt hast, ich könnte dir helfen. Auch Sophie, danke für dein Vertrauen. Aber ich bin eine Schmalspurexpertin für Marketing, die in letzter Zeit ein paar Aufträge als Privatdetektivin angenommen hat, weil … na ja, sagen wir mal, weil die Umstände es erforderlich gemacht haben. Eine lange Geschichte. Im Ernst, hol dir einen Profi mit einem Spesenkonto und einer Fünf-Sterne-Bewertung auf Trustpilot. Oder nimm dir einfach einen Scheidungsanwalt, wie alle anderen Menschen auch, und bring die Sache hinter dich.«
Angie griff nach ihrem Handy und sah Bev kaum an. »Ich hätte nie herkommen sollen, zumal ich dich nicht einmal bezahlen kann. Tut mir leid.«
»Was? Du kannst nicht zahlen?« Bev war mittlerweile aufgesprungen. Wen hatte Sophie da nur angeschleppt? Eine Frau mit hervorstehenden Hüftknochen, wie es gerade in Mode war, und einem prominenten Mann, die nicht genügend Grips besaß, um auf ihren eigenen pedikürten Füßen zu stehen.
Sie führte die beiden zur Wohnungstür. »Tu mir einen Gefallen, Soph! Bring mir keine potenziellen Klienten her, die auf ein Gratisgeschenk hoffen. Ich kann meine Rechnungen nicht mit Gefälligkeiten bezahlen.«
»Sie kann zahlen, Bev!« Sophie wollte sich offenbar noch nicht geschlagen geben und polterte los wie eine Sprecherin des britischen Frauenverbands. »Hör auf, so gemein zu sein! Du musst ihr helfen. Die Auswirkungen, die das auf Angies Kinder haben wird, sind einfach …«
»Würdest du bitte damit aufhören, über mich zu sprechen, als wäre ich nicht dabei?«, fiel ihr Angie ins Wort. Ein säuerlicher Ton lag plötzlich in ihrer Stimme, der die Atmosphäre im Raum zu verändern schien. »Das ist genau das, was auch Jerry immer macht. Ich bin durchaus in der Lage, deiner Freundin das alles selbst zu erklären.«
Bev spürte, wie das bei dem Unfall erlittene Schleudertrauma allmählich ihre Schultermuskeln erfasste. Sie wollte einfach nur noch allein sein. Sich zwei Schmerztabletten einwerfen und ein Nickerchen machen, ehe Molly Peters, eine zahlende Klientin, um 14 Uhr aufkreuzen und sich die Fotos ansehen würde, die Bev von ihrem Dreckskerl von Ehemann gemacht hatte. Mit seiner kessen Arbeitskollegin, Händchen haltend in Blackpool, im Starbucks-Café. Vielleicht würde der Abschleppwagen zwischendurch auftauchen, um ihr kaputtes Auto abzuholen. Mehr stand nicht auf dem Programm.
Sie hielt die Wohnungstür auf. »Hör mal, Angela! Ich mache fröhliche Schnappschüsse von knutschenden Bauarbeitern und IT-Fuzzis, die in Hotels fremdvögeln. Aber Schmutziges über eine Person auszugraben, die im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit steht? Ganz umsonst? Da bist du auf dich allein gestellt. Tut mir leid.«