Das Buch
Warum denken wir oft, dass wir recht haben, wenn wir im Unrecht sind? Warum fürchten wir uns vor einer kleinen harmlosen Spinne? Und warum lassen wir uns von manchen Informationen täuschen? Unser Gehirn ist ununterbrochen Reizen und Informationen ausgesetzt, die es oftmals falsch interpretiert. Um uns zu schützen, spielt es uns buchstäblich einen Streich. Der Neurowissenschaftler Albert Moukheiber macht uns auf die neuesten Erkenntnisse der Gehirnforschung aufmerksam und erklärt anhand von unterhaltsamen Anekdoten, wie und wann uns unser Gehirn täuscht und wie wir es überlisten können. So nehmen wir die Welt wahr, wie sie wirklich ist, und vermeiden peinliche Fehler.
Der Autor
Albert Moukheiber, geboren 1982, ist Doktor der kognitiven Neurowissenschaft, klinischer Psychologe forscht und lehrt an der Universität Paris und kennt sich nicht nur mit Zaubertricks und Fake News aus, sondern auch mit Realitätswahrnehmung und Neurologie.
Dr. Albert Moukheiber
Fake Brain
Warum unser Gehirn uns Streiche spielt und wie wir es überlisten können
Die neuesten Erkenntnisse
aus der Neurowissenschaft
Aus dem Französischen
übersetzt von Nikolaus de Palézieux

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel Votre cerveau vous joue des tours bei Allary Éditions, Paris.
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Deutsche Erstausgabe April 2021
Copyright © 2021 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Copyright der Originalausgabe © 2019 Allary Éditions
Veröffentlicht mithilfe von Allary Éditions in Zusammenarbeit
mit 2 Seas Literary Agency.
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München,
unter Verwendung eines Motivs von © FinePic®, München
Illustrationen: © Alice Guillier
Redaktion: Joscha Faralisch
MP · Herstellung: IH
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-26177-1
V001
www.goldmann-verlag.de
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Teil I: Wie nehmen wir die Welt wahr?
1 Sehen wir die Welt wirklich mit unseren Augen?
Wie das menschliche Gehirn die Mehrdeutigkeit der Welt verarbeitet
Was diese Zauberei uns lehrt
Die Leere auffüllen
2 Wie erzählt unser Gehirn uns Geschichten?
Wenn Blinde denken, dass sie sehen
Das Gehirn als Urheber und Interpret
Die Vergangenheit neu schreiben
Wir erinnern uns vielleicht nicht immer an die Auswahl, die wir treffen – aber wir rechtfertigen sie
3 Warum wir so oft nur bei Annäherungswerten bleiben
Inferenz oder die Kunst, an Silvester ein Taxi zu finden
Der Händedruck
Wenn intuitives Denken in die Irre führt
Intuition versus Reflexion:
Denken wir nur auf diese beiden Arten?
Die Vorzüge der Intuition
Teil 2:
Mein Gehirn, die Gehirne der anderen und die Welt
4 Stress – unser bester Feind
Stress und Angst: der gleiche Kampf?
5 Die Illusion der Gewissheit
Denken wir wie ein Detektiv oder wie ein Anwalt?
Filter Bubbles und Fake News
Eine Verzerrung kann eine andere verbergen
6 Die kognitive Dissonanz
Andere manipulieren – durch kognitive Dissonanz
Wie Sie Dissonanzmechanismen für positive Zwecke nutzen
Wenn wir von einem Übermaß an Kohärenz geblendet werden
7 Was ich unter Kontrolle habe – und was nicht
Kontrollüberzeugungen und Verantwortungsbewusstsein
Die erlernte Hilflosigkeit
Die Kontroll-Illusion
8 Die Wissens-Illusion
Gesellschaftliche und politische Folgen der Wissens-Illusion
Wenn falsche Vorstellungen wahr erscheinen
Die Fallen der Vereinfachung und »pseudo-tiefschürfender Blödsinn«
9 Die Bedeutung des Kontexts
Eine vorgegebene Wahl
Nudges: wenn man Ihnen die richtige Entscheidung ins Ohr flüstert
Der Einfluss des gesellschaftlichen Kontexts
Gesellschaftliche Konformität
Gruppeneffekte und (Un-)Tätigkeit
Die Ketten der Solidarität
10 Der Werkzeugkasten für mehr mentale Flexibilität
Jenseits unserer automatischen Gedanken
Wie viel wir wissen können
Tools gegen Fake News
Wenn Google und Facebook gegen Fake News kämpfen
Anhang
Danksagung
Glossar
Anmerkungen
Unsere Wahrnehmung ist voreingenommen, unsere Aufmerksamkeit begrenzt, unser Gedächtnis unzuverlässig. Dennoch haben wir alle eine kohärente »Weltsicht«. Das haben wir unserem Gehirn zu verdanken, das uns »Streiche« spielt; bestimmte Mechanismen in Gang setzt, die uns die vielfältige, komplexe Welt verstehen lassen, die wir alle gemeinsam haben.
Das Gehirn als Zentrum des Wissens arbeitet allerdings nur mit Annäherungswerten. Unser Wissen über die Dinge und die Welt ist daher immer relativ. Das Gehirn schafft mentale Modelle für absolut alles: für unsere Freundschafts- und Liebesbeziehungen, unsere Vorstellung von Arbeit, unsere politischen Anschauungen … Oft erzählt uns das Gehirn, ohne dass wir es merken, Geschichten, die uns helfen, besser durch die Welt zu navigieren. Es kann unsere Kindheitserinnerungen rekonstruieren, uns auf eine potenzielle Gefahr vorbereiten, damit wir unsere eigene Haut retten können, falls diese Gefahr tatsächlich bedrohlich ist. Es kann uns verstehen lassen, dass ein Haufen Wachs vor uns eigentlich eine geschmolzene Kerze ist … Doch genauso leicht kann uns das Gehirn in die Falle tappen lassen und uns etwas vorgaukeln: mit einer optischen Täuschung oder einem Zaubertrick, durch Fake News oder die Illusion von Wissen. Im Verlauf dieser Reise zum Zentrum des Gehirns werden wir die Mechanismen und Funktionsweisen dieses so geheimnisvollen und zugleich außergewöhnlichen Organs erforschen und entdecken, wann, warum und wie dieses Gehirn uns und auch sich selbst Streiche spielt.
Die Kognitionswissenschaft ist ein Bereich, der ziemlich neu ist und sich zudem sehr schnell entwickelt. Ein gewisses Maß an lediglich ungefähren Aussagen und an Irrtümern ist daher unvermeidlich, insbesondere dann, wenn wir uns für ein so komplexes Organ wie das menschliche Gehirn interessieren. In diesem Buch werden wir nach einem Prinzip vorgehen, das wir von Isaac Asimov übernommen haben: der Relativität des Irrtums. Entgegen der landläufigen Meinung sind das Richtige und das Falsche selten absolut, sondern meistens relativ. Deshalb werden wir Ihnen die vertrauenswürdigsten theoretischen Modelle präsentieren, die uns gegenwärtig zur Verfügung stehen, damit Sie Ihr Gehirn und sich selbst besser kennen und verstehen lernen.
»Wie alle großen Reisenden habe ich mehr gesehen,
als ich mich erinnere, und erinnere mich an mehr,
als ich gesehen habe.«
Benjamin Disraeli
Wir neigen zu der Annahme, dass wir die Welt mit unseren Augen sehen und mit unseren Ohren hören, und das ist ganz normal: Wahrnehmung geschieht zunächst über unsere Sinne. Dennoch erfassen wir die Welt vor allem über unser Gehirn.
Offensichtlich arbeiten unsere fünf Sinne und unser Gehirn zusammen, damit der Mensch die Welt wahrnehmen kann. Doch unsere Augen und Ohren, unsere Sprache und unsere Haut sind im Grunde genommen Rezeptoren, die die Signale, die uns die äußere Welt sendet (optische, akustische, olfaktorische …), in elektrische Signale umwandeln. Diese vielen tausend Signale verarbeitet unser Gehirn; es filtert sie und ermöglicht es uns auf diese Weise, die Welt mental zu rekonstruieren.
Schauen wir uns also ein Phänomen an, dem wir alle schon einmal begegnet sind: eine optische Täuschung. Dieser Begriff ist jedoch irreführend, weil er suggeriert, es seien unsere Augen, die uns täuschen. In aller Regel ist es aber unser unser Gehirn, das einer Illusion unterliegt.
Betrachten Sie dieses Bild:

Wenn Sie sich spontan entscheiden sollen: Haben Sie den Eindruck, dass Sie die Gestalt von vorne oder von hinten sehen? Befinden Sie sich selbst über oder unter dieser Gestalt? Sie zögern.
Schauen Sie sich jetzt das unten gezeigte Bild an: Nun sehen Sie die Gestalt eindeutig von vorne; sie ist auf das Geländer gestützt und befindet sich perspektivisch über Ihnen. Nachdem Sie nun dieses Bild im Kopf abgespeichert haben, betrachten Sie erneut die erste Version dieser Abbildung. Ihre Interpretation davon basiert jetzt auf dem, was Sie in Bild (a) sehen, und Sie sehen die schwarze Silhouette von vorne und aus der Froschperspektive!

Kommen wir nun zu Bild (b). Betrachten Sie es einige Sekunden lang, genauso wie Sie es bei Bild (a) getan haben, und kehren Sie dann wieder zum ursprünglichen Bild zurück.

Die schwarze Silhouette des ersten Bildes kehrt Ihnen nun den Rücken zu, und Sie können sie von oben sehen.
Und nun alle drei Bilder untereinander:

Indem Sie die obere oder untere Version einige Sekunden lang ansehen, können Sie Ihre Wahrnehmung des mittleren Bildes nun beliebig verändern.
Konzentrieren Sie sich nun wieder auf die ursprüngliche Version: Da Sie nun die beiden möglichen Varianten kennen, können Sie Ihre Perspektive mit Leichtigkeit mental verändern und die dargestellte Person von vorne sehen, von hinten, von oben, von unten, ohne dass Sie erneut die Versionen (a) und (b) dieses Bildes betrachten müssen.
Kommen wir nun zu den Einzelheiten dieser Illusion, um zu verstehen, wie dieses Bild auf das menschliche Gehirn einwirkt: Die Bilder (a) und (b) sind eindeutige, stabile Versionen des ursprünglichen Bildes. Man kann sie jeweils nur auf eine Weise deuten. Im Gegensatz dazu ist das ursprüngliche Bild mehrdeutig, weil es mehrere Sichtweisen zulässt – in diesem Fall zwei. Die mittlere Darstellung ist also ein bistabiles Bild.
Deshalb stehen unserem Gehirn nicht genügend Informationen zur Verfügung, um die Mehrdeutigkeit aufzulösen und die Verhältnisse auf eine einzige einheitliche Weise zu interpretieren. Wenn Sie hingegen für einige Sekunden auf eine der beiden stabilen Versionen des Ausgangsbildes blicken, also auf Bild (a) oder Bild (b), wird Ihr Gehirn von vornherein ein eindeutiges Bild erzeugen. Und wenn Sie dann das bistabile Bild erneut betrachten, werden Sie dessen Mehrdeutigkeit reduzieren und in der schwarzen Silhouette entweder eine Person von vorne (a) oder eine Person von hinten (b) erkennen.
Das Gehirn muss die aus der Außenwelt gesendeten Signale interpretieren, um sich daraus eine kohärente und stabile Darstellung zu erschaffen. Das nennt man Komplexitätsreduktion: Sobald dem Gehirn durch mehrdeutige Bilder (bistabil oder multistabil) die Stabilität verweigert wird, trifft es eine Wahl zwischen den verschiedenen Optionen, die das Bild tatsächlich enthält.
Stellen Sie sich nun vor, Sie betrachten diesmal das erste Bild, also das bistabile, gemeinsam mit einem Freund. Keiner von Ihnen hat vorher die stabilen Versionen des Bildes gesehen. Jeder von Ihnen verringert die Mehrdeutigkeit auf seine eigene Weise: Ihnen erscheint die Figur vielleicht von hinten, während Ihr Freund sie von vorne sieht. Sie betrachten zwar beide das gleiche Bild, aber Sie sehen zwei verschiedene Dinge. Wenn Sie darüber sprechen, werden Sie einander nicht verstehen, weil Ihre Wahrnehmung nicht dieselbe ist, und doch ist jeder von Ihnen der festen Überzeugung, das Bild so zu sehen, wie es wirklich ist. Sie können nicht einmal sehen, was der andere sieht.
Eine bistabile Illusion machte 2015 von sich reden. Sie wurde in den sozialen Netzwerken verbreitet und warf die Frage auf, ob wir wirklich alle in derselben Welt leben. Eine Tumbler-Nutzerin namens »Swiked« hatte das Foto eines Kleides mit Spitzeneinsätzen und dem folgenden Kommentar gepostet: »Leute, helft mir: Ist dieses Kleid weiß und gold oder blau und schwarz? Meine Freunde und ich können uns nicht einigen, und das lässt uns total ausrasten.« Daraufhin ging das Bild im Internet viral; die ganze Welt war gespalten und hat mehrere Tage lang über die Farbe des Kleides diskutiert! Wenn Sie damals bei der Debatte dabei waren, haben Sie vielleicht gedacht, dass die Hälfte der Leute, die das Kleid nicht in der gleichen Farbe sahen wie Sie, unrecht hätte. Aber jetzt verstehen Sie, dass keine der beiden Gruppen recht oder unrecht hatte; es gab schlicht und einfach zwei Möglichkeiten für das menschliche Gehirn, diese Mehrdeutigkeit zu reduzieren.
Diese beiden Beispiele bistabiler Illusionen zeigen uns, dass der Mensch dazu neigt, seiner Wahrnehmung blind zu vertrauen. Dabei geht er so weit, zu denken, die ganze Welt würde diese Wahrnehmung teilen.
Wenn das Gehirn die Reize, die die Welt aussendet, filtert, verarbeitet und interpretiert, entwickelt es eine umfassende Sicht auf die Welt: Es stellt unablässig, und ohne dass wir es merken, Mutmaßungen darüber an, wie diese Welt funktioniert. Ständig ist es dabei, die Mehrdeutigkeit zu reduzieren – und das nicht nur im Falle von bistabilen Illusionen –, um uns eine stabile und kohärente Welt zu präsentieren.
In unserem Sichtfeld befindet sich an der Stelle, an der die Sehnerven aus der Netzhaut ins Gehirn führen, ein »blinder Fleck«. Dieser Punkt enthält keine Lichtrezeptoren, im Gegensatz zum Rest der Netzhaut. Wir können also davon ausgehen, dass es ein »Loch« in unserem Sichtfeld geben muss, in dem das Licht nicht von der Netzhaut aufgenommen wird. Dennoch ist unser Gesichtsfeld jeden Tag vollständig, weil wir zwei Augen haben. Wären wir einäugig oder würden ein Auge einfach geschlossen halten, sähe das alles ganz anders aus.
Schließen Sie nun Ihr linkes Auge, und schauen Sie im Bild unten mit dem rechten Auge auf das Kreuz. Halten Sie Ihr Gesicht dabei auf Höhe der Seitenmitte. Führen Sie die Seite nun langsam näher an Ihr Gesicht heran.

Auf einmal – wenn die Seite ungefähr 25 Zentimeter von Ihrem Auge entfernt ist – verschwindet der schwarze Punkt rechts vom Kreuz. Der Grund: Der Punkt befindet sich genau über dem blinden Fleck Ihrer Netzhaut, und Ihr Gehirn sieht daher die ganze Stelle als weiß an. Es liefert uns also eine falsche Interpretation der Wirklichkeit.
Machen Sie nun die gleiche Erfahrung mit diesem Bild:

Sobald der schwarze Punkt auf Ihren blinden Fleck fällt, sehen Sie den grauen Balken so, als wäre er nicht unterbrochen. Ihr Gehirn sieht grau vor und nach dem Punkt: Also füllt es die Lücke auf die gleiche Weise grau aus.
Diese Zaubertricks faszinieren uns. Sie sind universell, weil sie mit den Mechanismen unseres Gehirns spielen, vor allem auch mit dem Mechanismus, den wir gerade erklärt haben: der Reduzierung der Mehrdeutigkeit.
Dies ist beispielsweise der Fall bei folgendem Münzentrick: Der Zauberer hält eine Münze zwischen Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand und legt sie langsam in seine linke Handfläche, bevor er die Faust schließt, die er dann auf Sie richtet und Sie bittet, darauf zu pusten. Dann öffnet er mit großer Geste diese Hand: Die Münze ist verschwunden wie durch Zauberei! Das ist aber noch nicht alles: Er lässt die Münze nun hinter Ihrem Ohr oder in Ihrer Tasche wieder auftauchen!
Tatsächlich wurde die Münze aber nie in seine linke Hand gelegt. Der Zauberer hat das gemacht, was man als »palming« bezeichnet (vom Englischen palm für Handfläche): Er tut so, als würde er die Münze in seiner linken Handfläche ablegen, während er sie tatsächlich in seiner rechten Hand behält. Das geschieht alles sehr langsam, weil der Zauberer nicht unsere Augen täuschen will, sondern das Gehirn und dessen logische Interpretation des beobachteten Vorgangs. Der Mensch ist auf seine Wahrnehmung der Welt angewiesen: Er denkt, dass er gesehen hat, wie die Münze von einer Hand zur anderen gewandert ist, und so wird er nicht verstehen, wie sie hinter seinem Ohr wieder auftauchen kann. Für ihn liegt daher eine Unterbrechung innerhalb des Ablaufs vor, etwas Unwirkliches ist gerade passiert, und das bezeichnet er als »Zauberei«.
Wenn wir wach sind, stellt unser Gehirn ununterbrochen Annahmen über die Realität an, interpretiert sie und füllt die Leerstellen aus. Das tut es von klein auf und ohne unser Wissen. Der Tisch, an dem wir essen – egal, aus welchem Blickwinkel wir ihn auch sehen und wie die Lichtverhältnisse im Raum sind –, bleibt immer derselbe Tisch. Ebenso wissen wir, dass sich ein Gegenstand nicht von selbst bewegt, wenn wir ihn an einem bestimmten Ort abstellen. Das ist das Prinzip der Beständigkeit von Objekten. Dank dieser konstanten Interpretation und Wiederzusammensetzung der Wirklichkeit, die aber zwangsläufig immer nur teilweise funktioniert, scheint die Wirklichkeit so real zu sein, dass Gegenstände uns fest und unbeweglich vorkommen. Deshalb wurden wir auch durch den Trick mit der Münze getäuscht.
Weil sie wissen wollten, aufgrund welcher psychischen Mechanismen ihre Zaubertricks die Menschen täuschen konnten, haben sich mehrere Taschenspieler mit Neurowissenschaftlern zusammengetan. Der Magier Teller, einer der größten unserer Zeit, hat beispielsweise einen Artikel über den Zusammenhang zwischen Zauberei und der menschlichen Weltwahrnehmung mitverfasst, der in der Zeitschrift Nature erschien.1 Teller geht von dem berühmten Zaubertrick mit den Bechern und den Kugeln aus: Vor dem Zuschauer befinden sich drei Becher sowie Kugeln, die der Zauberer »verschwinden« beziehungsweise »wie durch Zauberhand« von einem Becher in den anderen wandern lässt.
Teller erzählt, dass er eines Tages, kurz bevor er auf die Bühne ging, bemerkte, dass er seine Kugeln und Becher zu Hause vergessen hatte. Also musste er stattdessen nehmen, was er in seiner Garderobe fand: durchsichtige Becher und Papiertaschentücher, die er zu Kugeln formte. Obwohl er befürchtete, das Publikum würde die einzelnen Schritte seines Zaubertricks nun ohne Weiteres durchschauen, wirkten die Zuschauer laut Teller noch verblüffter als sonst. »Alle Leute im Publikum konnten sehen, was ich tue, und trotzdem schaffte ihr Gehirn es nicht, es auch zu verstehen«, sagte er in einem Interview mit der Zeitschrift Wired.2
Eine berühmte Redewendung besagt, dass »wir die Welt nicht so sehen, wie sie ist, sondern so wie wir sind«. Eine tiefe Wahrheit, die von der Kognitionswissenschaft heute bestätigt wird: Die Welt sendet uns ständig eine Vielzahl von Signalen; wir reduzieren ihre Mehrdeutigkeit, indem wir das sehen, was wir sehen wollen. So prägt uns nach und nach unsere Interpretation der Welt in psychologischer, kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht.
Das bedeutet aber nicht, dass wir die ganze Zeit nur das sehen können, was wir sehen wollen; als ob nichts wirklich existieren würde und wir frei wären, unsere eigene Wirklichkeit zu gestalten, indem wir sie uns einfach im Kopf vorstellen: Bei einer optischen Täuschung, wie wir sie vorhin betrachtet haben, steht es mir sicherlich frei, eine Figur von vorne oder hinten zu erkennen, aber ich kann in dieser Figur beispielsweise keinen Baum oder eine Banane sehen. Das Reale existiert und ist unverrückbar, auch wenn unser Gehirn es nicht erfassen kann, ohne es zu interpretieren.
Die Mehrdeutigkeit der Signale, die wir empfangen, versetzt uns immer wieder in eine unbequeme Ungewissheit. Wenn also unserer Wahrnehmung ein Element fehlt, um der Mehrdeutigkeit zu entkommen, will unser Gehirn diese Lücke füllen. Descartes schreibt in der zweiten seiner Metaphysischen Meditationen: »Doch da sehe ich zufällig vom Fenster aus Menschen auf der Straße vorübergehen, von denen ich ebenfalls […] gewohnt bin zu sagen: Ich sehe sie, und doch sehe ich nichts als ihre Hüte und Kleider, unter denen sich ja Automaten verbergen könnten! Ich urteile aber, dass es Menschen sind. Und so erkenne ich das, was ich mit meinen Augen zu sehen vermeinte, einzig und allein durch die meinem Denken innewohnende Fähigkeit zu urteilen.«3 Das Auge kann die Menschen unter ihren Umhängen und Hüten nicht sehen, aber unser Gehirn rekonstruiert sie. Lange vor den Anfängen der Kognitionswissenschaften verstand Descartes, dass unser Gehirn »die Lücken füllt«.
Hier ein weiteres amüsantes Beispiel dafür, wie unser Gehirn die »Leere« füllt. Wie lesen Sie den folgenden Satz: »G3naus9 l6sen S7e ger8de die2e Ze1le«?
Sicher haben Sie gerade gelesen: »Genauso lesen Sie gerade diese Zeile.« Ihr Gehirn hat den Sinn wiederhergestellt, obwohl dieser Satz in Wahrheit gar nichts bedeutet. Es hat die offensichtliche Unordnung neu geordnet und sich deshalb entschieden, der eigenen Interpretation den Vorzug zu geben und sich nicht an die strikte Wahrheit dessen zu halten, was dort geschrieben steht. Das ist ein schönes Beispiel für die Funktionsweise unseres Gehirns, das einer Reihe von Buchstaben – und damit auch im umfassenderen Sinne den Dingen und dem Ganzen – lieber einen Sinn verleiht, als im Unbestimmten zu bleiben!
***
Unser Gehirn filtert die unzähligen mehrdeutigen Informationen, die uns die Realität unablässig liefert, interpretiert die Welt und erschafft die Realität, oft ohne unser Wissen. In den meisten Fällen ist das sehr nützlich und sogar lebenswichtig. Aber es kann auch zu Fehlern führen, die für uns von Nachteil sind.
Deshalb müssen wir nun klären, auf welche Weise unser Gehirn arbeitet und uns Streiche spielt.