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Das Buch

Victor ist als Waisenkind bei seiner Pflegemutter Annie aufgewachsen. Seine leibliche Mutter hat er nie kennengelernt. Mit Annie ist er glücklich, sie liebt ihn über alles. Doch als er zwölf ist, wird Annies Herzleiden so schlimm, dass sie nicht mehr die nötige Kraft hat, Victor großzuziehen. Was nun? In eine fremde Familie abgeschoben werden, die vielleicht gar nicht zu ihm passt? Nein! Victor beschließt, sich selbst eine neue Mutter zu suchen. Doch wie macht man das, wenn man erst zwölf ist? Die Antwort: Online-Dating! Auf einem Datingportal findet er Lily, die seiner Meinung nach die perfekte Kandidatin für ihn ist.

Leider sieht Lily das ganz anders: Als bei ihrem ersten Date statt dem angekündigten »Miguel« ein zwölfjähriger Halbstarker vor ihr steht, ist der Abend für sie gelaufen. Sie trägt selbst eine tragische Familiengeschichte mit sich herum und lebt nur noch für ihre Arbeit als erfolgreiche Pâtissière. Für Kinder hat sie keine Zeit. Doch Victor lässt nicht locker. Als man ihn in eine Adoptivfamilie steckt, mit der er sich partout nicht anfreunden kann, ergreift er drastische Maßnahmen, um Lily davon zu überzeugen, dass die beiden zusammengehören.

Der Autor

Philippe Amar ist erfolgreicher Drehbuchautor für Film und Fernsehen. 2013 erschien in Frankreich sein Roman »Tous les rêves de ma vie«, der auch verfilmt wurde. Für »Victor, Lily und der Weg nach Hause« hat er sich intensiv mit der französischen Kinder- und Jugendhilfe befasst, ein Pariser Konservatorium besucht und drei köstliche Recherchemonate in der Schule für Patisserie Lenôtre verbracht.

PHILIPPE AMAR

Victor, Lily
und der Weg
nach Hause

ROMAN

Aus dem Französischen
von Bernd Stratthaus

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

Die Originalausgabe LE PETIT ROI DU MONDE
erschien erstmals 2019 bei Éditions Plon, Paris.

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Deutsche Erstausgabe 05/2021

Copyright © 2019 by Éditions Plon, Paris, France

Copyright © 2021 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Loel Zwecker

Umschlaggestaltung: Hafen Werbeagentur gsk GmbH,
unter Verwendung von iStockphoto
(Shelby King, Olga Zakharova, robuart)

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN: 978-3-641-26186-3
V002

www.heyne.de

Für meinen Sohn Alexandre,
meine Mutter Rachel,
meinen Vater Maurice
und für alle Kinder auf dieser Welt,
die auch davon träumen,
einen Vater und eine Mutter zu haben.

Erster Teil

Der Mensch kann weder leben noch sich entwickeln, wenn niemand seinen Eindruck bei ihm hinterlässt.

Boris Cyrulnik

Kapitel 1

Eine durchdringende Feuchtigkeit, kaum fünf Grad, der scharfe Geruch von regennasser Erde. Ein schwerer Himmel, auf dem sich bedrohliche Kumuluswolken aufgetürmt hatten, eine tiefe Ruhe. Nur eisige Windböen unterbrachen die Stille, die auf dem ausgedehnten Friedhof im Pariser Norden lastete, dem Cimetière de Pantin. Sie umwehten Maïa und Victor, die auf dem Kies von einem Bein aufs andere traten. Schon seit über zwanzig Minuten starrten sie schweigend den Grabstein an. Eingemummelt in seine Daunenjacke, presste sich der Junge gegen die junge Frau. Sie legte den Arm um ihn, vor allem um ihn vor der Kälte zu schützen, doch das war nicht der einzige Grund. Sie drückte seine Wange, ohne es zu merken, etwas zu fest gegen ihre Seite. Ihr Arm wurde allmählich taub, als Victor unter dem Druck nachgab. Die Mütze über beide Ohren gezogen, den Schal um seinen abgewinkelten Hals gewickelt, die Hände in den Taschen vergraben, ähnelte er langsam einer verrenkten Gliederpuppe. Besorgt wartete Maïa auf seine Reaktion und machte sich schon auf das Schlimmste gefasst. Doch Victor blieb vollkommen ruhig und ließ den Grabstein dabei keine Sekunde aus den Augen.

JULIEN ROSSIGNOL

20. Mai 1990 – 2. Dezember 2017

Von dem Goldnugget, das unter dem Namen in den Marmor eingelassen war, war er wie hypnotisiert. Zuerst hatte er sich gewundert, so etwas Wertvolles hier vorzufinden, dann aber nach und nach vergessen, dass es sich um eine Grabstätte handelte. Der Glanz des Goldes hatte einen wohltuenden, beruhigenden Effekt auf ihn, denn er schien eher auf das Leben als auf den Tod zu verweisen. Der Junge begann selbst zu strahlen und befreite sich von dem ganzen Schmerz, der sich in ihm aufgestaut hatte. Dann zog er zweimal an Maïas Ärmel, denn sie hatte sich gerade abgewandt, um sich die tränenfeuchten Augen abzuwischen.

»Heute treffe ich zum ersten Mal meinen Papa«, erklärte er seelenruhig.

Sie lächelte und strich Victor sanft über die Wange. Da er beinahe glücklich wirkte, war auch ihre Traurigkeit wie weggeblasen.

Victor rechnete im Kopf.

2018 minus 1990 … Ich bin jetzt zwölf, er war also sechzehn, als ich geboren worden bin.

Maïa hatte ihm das mehrfach erklärt. Als seine Erzieherin wollte sie ihm keine falschen Vorstellungen von seiner Geburt machen, sondern mit seiner Vergangenheit so offen wie möglich umgehen. Er sollte in diesem Wissen aufwachsen. Doch auch wenn Victor klar war, dass sein Vater ziemlich jung Vater geworden war, hatte er insgeheim immer daran gezweifelt. Zwangsläufig. Sechzehn! Dass er mit siebenundzwanzig Jahren gestorben war, bewies für Victor nur, dass sein Vater auch auf dieser letzten Etappe sein ganzes Leben lang allen anderen immer einen Schritt voraus gewesen war.

Sie verließen den Abschnitt und betraten eine lange, von entlaubten Kastanien gesäumte Allee. Die Bäume wirkten wie Skelette, die Allee war menschenleer.

»Hier ist es ja wirklich ausgestorben!«, bemerkte Victor, und sofort wurde ihm bewusst, wie deplatziert diese Bemerkung war.

»Stimmt, man hört kein Sterbenswörtchen«, legte Maïa nach und lachte nervös in dem Versuch, die Stimmung aufzulockern.

Maïa hatte die Handschuhe zum Fahren nicht ausgezogen und sogar noch die Ohrenklappen ihrer mit weißem Fleece gefütterten Mütze heruntergeschlagen. Den Regler für die Heizung hatte sie voll aufgedreht, obwohl sie wusste, dass aus dem Gebläse kaum ein laues Lüftchen kommen würde. Am Steuer ihres alten roten VW Polo starrte sie auf die Straße, war mit den Gedanken aber woanders.

Heute treffe ich zum ersten Mal meinen Papa …

Sie war von dieser spontanen Bemerkung erschüttert, denn sie hatte geglaubt, dass Victor ganz selbstverständlich den Tod seines Vaters von sich weisen und versuchen würde, sich durch diese Leugnung zu schützen. Das Lächeln auf seinem Gesicht hatte sie jedoch beruhigt. Sie kannte ihren »Stummel« gut, er gehörte nicht zu der Sorte Mensch, die sich selbst bemitleidet. Ganz im Gegenteil, er verstand es, auch aus den schmerzhaftesten Situationen das Beste zu machen, er war ganz einfach ein Optimist. Trotzdem fragte Maïa sich, wie Victors Leben wohl verlaufen wäre, wenn er seinen Papa gekannt hätte.

»Ist das ein echtes Nugget gewesen?«, fragte er nun, während sie auf Höhe der Porte de Pantin auf den Boulevard périphérique fuhren.

»Ich glaube nicht«, erwiderte Maïa. »Das wird die Grabräuber aber wohl nicht daran hindern, ein Auge darauf zu werfen.«

Er sah sie an und wartete, dass sie weitersprach. Aus dem Augenwinkel hatte sie bemerkt, dass der kleine Naseweis mit ihrer Antwort nicht zufrieden war.

»Der … der Friedhofsverweser hat mich gewarnt, dass wir überrascht sein könnten«, stammelte sie und hoffte, dass ihm das als Erklärung genügen würde.

Doch die Antwort war immer noch nicht ausreichend. Victor erwartete mehr, und sie versuchte, seine nächste Frage vorwegzunehmen.

»›Friedhofsverweser‹ nennt man den stellvertretenden Verwalter eines Friedhofs.«

»Die Toten verwesen doch von ganz allein«, scherzte er.

Ohne den Blick von der Straße zu wenden, gab Maïa ihm einen Klaps auf den Oberschenkel.

»Na, ehrlich, sag mal! Schämst du dich nicht!«, schimpfte sie, ohne es auch nur eine Spur ernst zu meinen, und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

Sie liebte seinen schwarzen Humor, ihrer war genauso. Es war der Humor der verletzten Kinder, die gelernt hatten, alles herunterzuspielen, indem sie darüber lachten.

Was ich eigentlich wissen möchte, ist, wessen Idee es war, dieses Nugget dort anzubringen.

»Und frag mich nicht, wer das Nugget dort eingelassen hat, darüber weiß ich auch nicht mehr als du.«

Der Verweser hatte ihr verraten, dass der Vater des Verstorbenen damit seinen verlorenen Sohn ehren wollte. Das hatte sie Victor nicht verraten. Aber der ließ sich – scharfsinnig wie immer – nicht von seinem Gedankengang abbringen.

»Mein Vater hatte bestimmt Familie«, rief er, und seine großen Augen füllten sich mit einem hoffnungsvollen Glitzern. »Und die hat das Nugget anbringen lassen!«

An einer Ampel bei der Porte de Saint-Ouen, wandte Maïa sich dem Jungen zu. Zärtlich strich sie ihm die lange blonde Stirnlocke zur Seite, die ihm immer wieder ins Gesicht fiel, selbst wenn er eine Wollmütze trug.

»Ich hab dir doch schon gesagt, dass in deiner Akte nichts stand. Nicht mehr über deine leibliche Mutter und auch nicht über deinen Vater als das, was du sowieso schon weißt. Ich will dir keine falschen Hoffnungen machen, Stummel.«

Sie bedauerte, ihn erneut anlügen zu müssen.

Da hupte es hinter ihnen, als die Ampel auf Grün sprang.

Der alte Polo rumpelte über das Pflaster und schlängelte sich den Montmartre hinauf. Am Ende der Rue Gabrielle, kurz vor der Treppe, die sie mit der Rue Chappe verband, hielt Maïa an. Victor streckte ihr die Faust zum Gruß hin, und sie erwiderte die Geste, indem sie mit ihrer Faust seine berührte. Seit er letzten September in die sechste Klasse gekommen war, war es ihm peinlich, wenn sie ihn in der Öffentlichkeit küsste. Auch »Stummel« durfte sie ihn nicht mehr nennen. Die zweite Vorschrift ignorierte sie geflissentlich.

»Hey, Vic!«

»Hey, Dave!«

Als er die Autotür zuschlug, begrüßte er David, der auf der Straße mit José Fußball spielte, dem Sohn der Hausmeisterin. Beide trotzten der Kälte, die ihnen die Wangen gerötet hatte: Sie hatten ihre Daunenjacken ausgezogen, um mit ihnen die Pfosten imaginärer Tore zu markieren. Victor war zwar ein paar Monate älter als sie, allerdings nicht ganz so groß. Alle drei wohnten im selben Mehrfamilienhaus.

Maïa wendete, warf einen letzten Blick in den Rückspiegel, dann entfernte sich der Polo wieder und fuhr langsam die Rue Drevet hinunter.

»Also, wie ist es mit deinem Vater gelaufen?«, fragte David.

»Na ja, er ist halt tot.«

»Machst du Witze? Du hast doch gesagt, dass du dich mit ihm triffst!«

»Na, hab ich doch auch. Auf dem Friedhof.«

José holte den Ball, der ein paar Meter die Treppe hinuntergekullert war, und gesellte sich wieder zu ihnen.

»Sein Vater ist tot!«, erklärte ihm David, immer noch fassungslos.

»Du machst Witze!«

Victor bestätigte ihm die traurige Neuigkeit mit einem Kopfschütteln.

»Er hat in Kanada einen Unfall mit dem Lkw gehabt. In den Rocky Mountains.«

Es war Anfang Januar passiert. Julien Rossignols Körper war vor ein paar Wochen nach Hause überführt worden, und Victor hatte darauf bestanden, sein Grab zu besuchen. So lange hatte er schon davon geträumt, seinen Vater zu treffen, dass es ihm ziemlich egal war, ob er tot war oder nicht: Die Hauptsache für dieses Kind zweier Gespenster war, seine Gegenwart zu spüren, egal ob unter der Erde oder im Himmel.

»Soll ich euch die Geschichte erzählen?«

»Na klar, schieß los!«, rief José begeistert.

Sie setzten sich in den Garten der Arènes-de-Montmartre, der hundert Meter hügelaufwärts lag. Victors Handy klingelte, während sie die Treppe zur Rue Chappe hinaufstiegen – es war Annie. Er drückte den Anruf weg und stellte auf Vibration, um nicht gestört zu werden. Als er sich – eingerahmt von seinen beiden Freunden – schließlich auf eine Bank gesetzt hatte, erzählte er die Geschichte zugleich so wahrheitsgetreu und so ausgeschmückt wie möglich. Er bemühte sich, deutlich zu sprechen, schlug einen Ton wie ein Schauspieler an, der eine Fernsehdoku kommentiert.

»Draußen ist es fünfundvierzig Grad unter null, mein Vater hat die Heizung bis zum Anschlag aufgedreht, die elektrischen Schaltkreise sind dabei zu überhitzen. Auf einmal sieht er Rauch unter der Motorhaube hervorquellen, er tritt heftig auf die Bremse und kommt am Rand eines Abgrunds zum Stehen. Dann zieht er Parka und Handschuhe über und springt aus dem Lastwagen.«

Victor sprang ebenfalls auf, um die Bewegung seines Vaters nachzuahmen, und wandte sich dabei seinen beiden Zuschauern zu – ein richtiger dramaturgischer Spannungsaufbau, begleitet von großen Gesten, die der Erzählung Wirklichkeitstreue verliehen.

»Als er die Motorhaube aufmacht, schlagen ihm Flammen entgegen! Er steigt wieder in die Fahrerkabine, schnappt sich den Feuerlöscher, um den Brand zu ersticken. In diesem Moment … taucht ein Bär aus dem Wald auf …«

Entsetzt schlug José sich die Hände vors Gesicht.

»Von hinten pirscht er sich an meinen Vater heran …«

»Hat er ihn denn nicht kommen hören?«, warf David ein.

Genervt schüttelte Victor den Kopf und fuhr fort: »Der Bär brüllt, er ist nur noch drei Meter entfernt …«

»Bei einem Bären sagt man nicht ›brüllen‹, sondern ›brummen‹«, unterbrach ihn David.

»Ich sage aber ›brüllen‹, das klingt echter.«

»Ich hätte ja ’nen Herzinfarkt gekriegt!«, bemerkte José und tat so, als würde er in Ohnmacht fallen.

»Mein Vater dreht sich aber nicht um, als er die Bestie hört. Er weiß, dass man sich einem Bären niemals zuwenden darf. Nie! Sonst fühlt er sich angegriffen!«

David und José schienen der gleichen Meinung zu sein.

»Also steigt er langsam wieder ins Fahrerhäuschen, schnappt sich sein Gewehr und da … beim Aussteigen rutscht er auf einer vereisten, schneebedeckten Stelle aus!«

»Es hat geschneit?«, fragte David nach.

»Ist doch klar«, erwiderte José. »Minus fünfundvierzig Grad im Winter, da ist es nicht wie an der Algarve.«

»Du musst auch immer alles mit Portugal vergleichen«, warf David ein.

»Wenigstens gibt’s bei uns keine Bären!«

Ermüdet durch die ständigen Unterbrechungen, lieferte Victor zusätzliche Details, um alle weiteren Missverständnisse auszuräumen.

»Es hat nicht geschneit, sonst hätte der Schnee ja das Feuer gelöscht! Aber die Straße war vereist … Also ist mein Vater ausgerutscht … und da hat er das Gewehr losgelassen, das wie auf Kufen Richtung Abgrund geschlittert ist. Er wirft sich also hinterher, um es noch zu packen, streckt den Arm aus … und erwischt es gerade noch, bevor es in den Abgrund fällt …«

In diesem Moment lag Victor auf einer anderen Bank auf dem Bauch. Sein Oberkörper ragte halb über die Sitzfläche, den Arm hatte er ausgestreckt. José starrte ihn mit offenem Mund an, bevor Victor sich wieder aufrichtete, um den Fortgang der Ereignisse zu schildern.

»Er steht wieder auf, und da, auf der einen Seite gähnt die Schlucht, auf der anderen …«

»Der Bär!«, riefen José und David wie aus einem Mund.

»Der immer lauter brüllt. Dann bewegt er den Kopf so …« Victor ahmte die Vor-und-zurück-Bewegung des Tieres nach und brummte dabei so, dass er sich beinahe den Kiefer ausgerenkt hätte. »Und dann drückte er den Abzug.«

»Hat er danebengeschossen?«, fragte José ängstlich.

Victor ließ sich schwer wieder zwischen seine Freunde plumpsen, die wie gebannt an seinen Lippen hingen.

»Er hat in die Luft geschossen«, erklärte er resigniert. »Er wollte ihn nicht töten, sondern ihm nur Angst machen. Allerdings hatte er nur zwei Patronen. Und der Bär bekam keine Angst. Im Gegenteil, er regte sich nur noch mehr auf. Also stürzte er sich auf ihn.«

Victor beugte sich abrupt vor.

José und David legten ihm jeweils einen tröstenden Arm um die Schultern.

»Aber das ist doch kein Lkw-Unfall! Sondern ein Bärenunfall!«, rief José.

David warf ihm einen tadelnden Blick zu.

»Was denn, ist doch wahr!«, beharrte José halblaut.

Da vibrierte Victors Handy erneut – schon wieder Annie. Diesmal beeilte er sich, mit seinen Freunden nach Hause aufzubrechen. Sie nahmen mehrere Stufen auf einmal und rannten dann bis zu ihrem Wohnblock.

Der Eingang lag an der Rue Chappe, ein paar Meter unterhalb der Kreuzung zur Rue Gabrielle. Ein ziemlich altmodisches Gebäude, in dem es nur Mietwohnungen gab und dessen Fassade wahrscheinlich einmal weiß gewesen war, bevor es von einem gewissenlosen Vermieter übernommen worden war, der sich nicht darum kümmerte. Klapprige, abgewetzte hölzerne Fensterläden vor den Fenstern, von denen einige mit Blumenkästen voller zinnoberroter Geranien geschmückt waren, verliehen dem heruntergekommenen Gebäude einen malerischen Touch. Im Hausflur trennten sich die Wege der drei Jungen. José ging in die Hausmeisterwohnung seiner Eltern im Erdgeschoss. David wohnte im ersten Stock – er hatte seine Hausausgaben noch nicht gemacht und übersprang bei jedem Schritt mehrere Stufen der gebohnerten schmalen Treppe, um die draußen vertrödelte Zeit wieder aufzuholen. Victor wohnte im fünften Stock direkt unterm Dach. Er nahm den Fahrstuhl, der an diesem Tag ausnahmsweise mal nicht ausgefallen war.

Als er den Schlüssel ins Schloss steckte, öffnete sich die Tür ganz von allein. Annie stand dahinter, die Hand auf dem Türknauf. Die grauen Haare, die sie sich zu einem ordentlichen Knoten aufgebunden hatte, verliehen ihr das Aussehen einer bretonischen Großmutter – wie auf den Bildern auf alten Keksdosen.

Während sie mit ihm schimpfte, nahm sie Victor Mütze und Schal ab und wollte ihm schon aus seiner dicken Daunenjacke helfen. Doch der Junge protestierte und zog sich selbst aus.

»Du hättest ruhig anrufen können, ich hab mir Sorgen gemacht! Wenigstens ans Handy hättest du gehen können! Dafür sind Handys doch da!«, erklärte sie verärgert.

Dann sah sie ihn genauer an. Seine Augen glitzerten.

»Weinst du?«

»Aber nein, Annie, das ist nur die Kälte. Die treibt einem halt die Tränen in die Augen …«

Das nahm sie ihm nur halb ab, und Victor bemerkte es.

»Ehrlich, Annie. Davon muss man weinen!«, wiederholte er lächelnd.

Sie machte sich Sorgen, dass der Besuch auf dem Friedhof schwer für ihn gewesen war. Als er sich nun umständlich zu entschuldigen und herumzustammeln begann, dass alles in Ordnung sei, er sich nur mit David und José verquatscht habe, weil er ihnen erzählen wollte, wie sein Vater gestorben war, unterbrach sie ihn und drückte ihn an ihre Brust. Es war ihre übliche Art, Zuneigung zu zeigen, und jedes Mal war es Victor unangenehm, mit der Nase zwischen ihre enormen Brüste gepresst zu werden. Dabei gab ihm Annies üppiger Körper ein Gefühl der Sicherheit. Das war nicht immer so gewesen. Als er vor acht Jahren neu zu ihr in Pflege gekommen war, war keine Nacht vergangen, ohne dass er davon träumte, dass sie ihm die Brust gab. Dann war er jedes Mal schweißgebadet hochgeschreckt, hatte sich den Mund voller Abscheu abgewischt und am nächsten Morgen sein Müsli lieber ohne Milch gegessen …

»Du erstickst mich, Annie!«

Sie lockerte die Umarmung, umfasste Victors Gesicht mit den Händen und beugte sich zu ihm hinab.

»Bist du sicher, dass es dir gut geht, mein Großer?«

»Ja, alles okay. Wir haben doch schon drüber gesprochen. Ist ja nicht so, als wäre ich bei ihm aufgewachsen.«

Dann drehte er sich um und wollte in sein Zimmer gehen. Doch da er Annies besorgten Blick in seinem Rücken spürte, blieb er abrupt stehen und ging zu ihr zurück.

»Annie, alles ist in Ordnung, das schwöre ich dir! Denk doch mal dran, wie es war, als ich mit der Schule das Grab des Unbekannten Soldaten besucht hab. Unser Geschichtslehrer hat uns erklärt, dass er nur ein Symbol ist … Na, und heute hab ich eben das Grab des unbekannten Vaters besucht.«

Gerührt strich Annie ihm über den Kopf. »Komm mal mit.«

Sanft zog sie ihn an der Hand ins Wohnzimmer und setzte sich aufs Sofa. Seit er kein Kind mehr war, nahm sie ihn nicht mehr auf den Schoß. Es war zum einen eine Frage des Schamgefühls, aber vor allem eine des Gewichts. Sie klopfte neben sich aufs alte blausamtene Polster. Das Sofa war eins von der Sorte, die es nur noch in Trödelläden gibt und die häufig ein zweites Leben in irgendeinem Café führen. Dieses hier hatte sämtliche Kinder kommen und gehen sehen, die Annie Lebien in fünfundzwanzig Jahren in ihre Obhut genommen hatte.

Sie drehte sich ein wenig zur Seite und sah Victor direkt an. »Du kannst jetzt adoptiert werden, weißt du …«

Er nickte freudig und setzte seine unschuldigste Miene auf, als wäre er in einem Schaufenster ausgestellt, damit jemand ihn sich aussuchte.

»Dann gehöre ich jetzt bald richtig zur Familie?«

Wer will einen solchen kleinen Engel denn nicht bei sich haben!, dachte Annie so laut, dass Victor es tatsächlich zu hören glaubte.

Sie zögerte, doch sie musste ihm jetzt die Wahrheit sagen.

Sie ergriff seine Hand. »Leider kannst du nicht bei mir bleiben, mein Kleiner.«

Victors Miene verdüsterte sich schlagartig.

»Ich bin viel zu alt«, fuhr Annie fort und unterdrückte ein Schluchzen. »Schau dir doch nur meine Haare an.«

Victor schüttelte energisch den Kopf. »Das hat doch nichts zu bedeuten. Nicht alle grauhaarigen Frauen sind alt!«

»Aber ich bin eben doch eine alte Frau, mein Kleiner. Ich habe euch alle geliebt, und ihr seid mir ans Herz gewachsen, ich habe euch, so gut es mir möglich war, aufgezogen, aber inzwischen bin ich erschöpft, mein Großer.«

»Mein Kleiner«, »mein Großer« – sie sollte sich mal entscheiden!

»Das sagst du schon, seit ich hier wohne. Aber du hast dich gar nicht verändert! Sogar Josés Mutter sagt, dass du jünger aussiehst.«

Annie lächelte gerührt. »Du brauchst eine richtige Familie. Keine Tante, auch keine Oma und am allerwenigsten eine Mumie.«

»Aber du bist doch meine Familie!«, rief Victor und riss seine Hand heftig aus der von Annie. »Du, Christopher und Fleur!«

Sie hatte ihn zusammen mit ihren eigenen Kindern aufgezogen. Christopher war inzwischen dreißig und nach Brighton in England gezogen. Fleur war achtundzwanzig und selbst Mutter eines zweijährigen Mädchens. Sie lebten mit Fleurs Freund in der Normandie.

Victor hatte sich noch mehr Argumente zurechtgelegt. »Du darfst mich adoptieren, mit dem Gesetz kenne ich mich aus!«

Tatsächlich konnte er es sogar auswendig. Maïa hatte es ihm mehrfach erklärt: Da er von einer anonymen Mutter zur Welt gebracht worden und sein Vater inzwischen gestorben war, stand eine Adoption an. Er konnte auf richtige Eltern hoffen – und Annie konnte sich auf diese Position bewerben.

Wirst du eines Tages meine Mama sein?

Diese Frage stellte er ihr in regelmäßigen Abständen. Er hatte damit angefangen, als Fleur schwanger geworden war. Annie hatte sich damals mit der Erklärung begnügt, dass sein Vater ihn vielleicht eines Tages zu sich holen werde. Doch für Victor war das kein Widerspruch.

»Du bist super! Alle Kinder im Viertel würden gerne bei dir leben!«

»Wirklich?«

»Na klar, sogar die, die gar keine Waisen sind!«

»Mögen die denn alle einbalsamierte Omas?«

Er antwortete mit einem nachdrücklichen Kopfnicken.

Die Kinder anderer Leute aufzunehmen war tatsächlich Annies Berufung. Sie setzte zu dem sonnigen Lächeln an, das ihr Markenzeichen war, doch es verkeilte sich irgendwo auf ihren Lippen. Ihr warmer, lebendiger Blick trübte sich. Daher schwieg Victor und wandte sich kurz von ihr ab, damit es ihr nicht unangenehm war. Er fürchtete sich davor, sie einknicken zu sehen, denn in all den Jahren war sie immer diejenige gewesen, die ihm Kraft gegeben hatte. Indem sie ihn geliebt hatte, hatte sie ihn zu lieben gelehrt.

»Bitte, Annie!«, bettelte er schließlich.

Wieder sah er sie an und wartete auf eine Antwort.

Dann habe ich auch endlich einen richtigen Namen!

Einen richtigen Namen.

VICTOR ADRIEN LAURENT: Diese drei Vornamen waren ihm von dem Standesbeamten gegeben worden, der seine Geburtsurkunde ausgestellt hatte. Der dritte Vorname diente als Familienname. So lautete die Vorschrift für anonym geborene Kinder. »Vertrauliche Geburt« hieß das in der blumigen Verwaltungssprache.

Wenn ich endlich einen richtigen Namen habe, bin ich der König der Welt!

Er hatte immer davon geträumt, eine Familiengeschichte zu haben.

Von heute an heißt du Victor Lebien!

Diesen Satz wollte er unbedingt hören … Er hoffte, dass Annie ihre Meinung noch ändern würde. Doch an diesem Abend blieb sie ihm die Antwort schuldig.

Kapitel 2

Es war halb neun, als Romain, ein Kellner in beigefarbener Livree und schwarzer Hose, sich vor die Durchreiche aus Edelstahl stellte und rief: »Eine Zitronentarte für zwei! Und Madame fragt, ob die Tarte auch hausgemacht ist, Chef!«, fügte er feixend an Lily gewandt hinzu.

Ob die Tarte hausgemacht ist?

Was für eine unangebrachte Frage, wenn man im Restaurant des Royal Eiffel dinierte, einem Fünf-Sterne-Hotel an der Avenue George-V in Paris. Auch wenn Lily sich mittlerweile an diese Art von Äußerung gewöhnt hatte, war es an diesem Abend doch besser, sie nicht allzu sehr zu reizen. Es war ein langer Tag gewesen: eine Hochzeitstorte für die Verlobungsfeier der Enkelin eines Senators, ein Büfett mit zweihundertfünfzig Petits Fours für das Mahl des erfolgreichsten Nachrichtensenders, fünfunddreißig Desserts für den Zimmerservice, noch einmal so viele für das Sternerestaurant sowie zwei Kuchen in Form von Dollarzeichen, um einen chinesischen Milliardär zufriedenzustellen, der seine dritte Milliarde im Familienkreis feiern wollte. Im November, Dezember und Januar ging es immer am hektischsten zu. Die Zeit um den Jahreswechsel bot das perfekte Alibi, um sich ein »kleines Vergnügen« zu erlauben.

Lily begann ihre Arbeit jeden Morgen um acht und legte die Schürze nur selten vor Mitternacht ab. Jérôme Divan, der Chefkonditor des Hotels, hatte sie rasch zu seiner Stellvertreterin befördert, als er ihre Wissbegierde und ihren überragenden Ehrgeiz bemerkt hatte.

Nun lag er seit einigen Tagen mit einer Grippe im Bett, und für Lily war es Ehrensache, dafür zu sorgen, dass die Abläufe in der Küche durch seine Abwesenheit nicht in Unordnung gerieten.

»Einfachheit ist die höchste Stufe der Vollendung.«

Dieses Motto Leonardo da Vincis war an einer Wand der Patisserieküche angebracht, niemand konnte es übersehen, und nur wenige wichen davon ab. Lily überwachte das bei den Lehrlingen höchstpersönlich, die in dieser Höhle des Löwen ankamen, in der die Ahnungslosen und die Amateure nichts zu suchen hatten. Unwillkürlich hatte sie es sich selbst seit dem Tag zu eigen gemacht, als sie mit vier Jahren ihre ersten Tartes gebacken hatte.

Nie bekam sie genug von der Kreation neuer Desserts. Sie wurden stets in letzter Minute angerichtet. So beendete Prudence, Bäckerin und Patissière, gerade hingebungsvoll die Verzierung des Brandteigs eines Paris-Brest, das mit einer Creme auf Basis von hausgemachtem Nugat gefüllt war, um sich dann umgehend der Herstellung eines Millefeuilles zu widmen, dessen luftiger und karamellisierter Blätterteig, sobald er ein wenig abgekühlt war, mit einer schaumigen Bourbon-Vanillecreme gefüllt und mit Puderzucker bestäubt wurde.

Lily nahm den Teller mit dem Paris-Brest und drehte ihn ein paarmal auf Augenhöhe um die eigene Achse, um es von allen Seiten zu begutachten. Das Ergebnis war zum Anbeißen. Beim Anblick der zarten, leicht gerösteten Mandelblättchen, des Schleiers aus Puderzucker mit Vanille, der weichen Wellen aus seidiger Creme, die mit den kleinen braunen Splittern des Haselnusskrokants besprenkelt waren, lief einem das Wasser im Mund zusammen. Beim ersten Bissen würde eine Symphonie aus Aromen an den Geschmacksknospen explodieren. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, wandte sich Lily an den jungen Auszubildenden.

»Welche Eigenschaften muss ein gutes Gebäck besitzen, Damien?«

Dieser stammelte nervös vor sich hin und fragte sich, welche Antwort seine Chefin wohl von ihm erwartete.

Da er sich zu keiner entschließen konnte, beantwortete sie die Frage schließlich selbst.

»Gutes Aussehen, ausgewogene Konsistenz, klar unterscheidbare Aromen und Gefühl.«

»Gefühl?«

»Du musst es lesen lernen! Schau es dir gut an. Dieses Paris-Brest redet mit mir. Es sagt: ›Issss mich‹ … Vergiss das nie, Damien. Zuallererst braucht man Gefühl auf dem Teller.«

Der junge Mann begnügte sich mit einem Nicken und einem höflichen Lächeln, das er mit einem schüchternen »Ja, Chef« garnierte.

Da nahm Lily ihr Messer und schnitt zwei Stücke von dem Schokoladen-Pistazien-Marmorkuchen ab, der auf der Arbeitsfläche aus Edelstahl abkühlte. Sofort bemerkte sie, dass er nicht dicht genug war. Eins der Stücke hielt sie Damien hin.

»Konzentrier dich auf die Aromen, auf die Struktur«, empfahl sie ihm und legte sich dann vorsichtig ein Stück auf die Zunge.

Sie schloss die Augen. Der junge Lehrling tat es ihr gleich. Er kaute und nahm die Feuchtigkeit des Teigs auf, schloss und öffnete abwechselnd die Augen und wirkte dabei ein wenig verloren.

Dann öffnete Lily die Augen wieder.

»Wie lautet dein Urteil?«

Damien zögerte. Schließlich stammelte er, dass der Kuchen zu lange im Ofen gewesen sei, entschuldigte sich dafür, dass er nicht auf die Uhr geachtet habe, doch das war offenbar nicht das, was Lily störte.

Also wandte sie sich direkt an den für den Teig zuständigen Konditor: »Sébastien, der Marmorkuchenteig braucht viel mehr Charakter!«

»Ja, Chef!«

Damien hatte noch nie einen Konditor gehört, der einen Kuchen als »charaktervoll« bezeichnet hatte, und konnte nicht fassen, dass Sébastien sofort in der Lage war, diese Metapher zu übersetzen: Für Lily bedeutete »viel mehr Charakter« mehr Dichte, mehr Widerstand beim Kauen, damit die feinen Sinneseindrücke von der Konsistenz Zeit genug hatten, sich auf dem Gaumen zu entfalten. Diesen Wonneschauer wollte sie erzeugen.

Dann beugte sich die Chefin über die Liste der Gebäcke, die am folgenden Tag zur Tea Time auf dem Wagen liegen sollten, und wandte sich wieder an Sébastien.

»Wir sollten einen Zitronenkuchen und Honig-Madeleines hinzufügen, die haben wir letzte Woche ausgelassen.«

»Ja, Chef.«

»Damien, morgen bist du für die Tea Time zuständig!«

Das war eine Herausforderung. Der Wagen mit den Süßspeisen musste ansprechend genug gestaltet sein, um auf den ersten Blick Appetit zu machen und die Leckermäuler von der Tür in den Speisesaal zu locken.

»Mach uns glücklich!«, fügte sie noch hinzu.

In der Küchenmannschaft waren alle für Lilys Poesie empfänglich. Bis auf Damien.

»Mach dir keine Sorgen, das wird schon mit der Zeit«, flüsterte Prudence ihm zu.

Lily wartete schon ungeduldig darauf, dass die sizilianische Zitronentarte angerichtet wurde. Sie würde sie selbst in den Speisesaal bringen. In dieser Art Restaurant war es nicht üblich, dass die Chefpatissière sich persönlich am Service beteiligte, und da Lily für ihre knallharte Art bekannt war, machte ihr Team sich aufs Schlimmste gefasst.

Kapitel 3

Beim Abendessen hüllte Victor sich in demonstratives Schweigen. Dann zog er sich in sein Zimmer zurück, legte sich aufs Bett und verbrachte eine gute Stunde damit, einen Spielzeug-Lkw über seinen Bauch rollen zu lassen. Den Truck hatte Victors Vater ihm aus Kanada geschickt, eine Miniatur des Wagens, den er selbst jeden Tag gefahren hatte. Nachdem er Frankreich verlassen hatte, hatte er ihm regelmäßig eine Postkarte geschickt. Sie hingen zusammen mit den Konzertplakaten von David Garrett und Hilary Hahn, seinen liebsten Violinisten, an den Wänden des Zimmers: Die Wolkenkratzer von Montreal, die Altstadt von Quebec, der zugefrorene Sankt-Lorenz-Strom und die Wale von Tadoussac hingen neben den Niagarafällen, von geflammtem Ahorn gesäumten Seen, den Rocky Mountains und den legendären Nordlichtern von Yellowknife. Einige von ihnen hatte Victor umgedreht, um ihre kleinen Schätze zu enthüllen: Links neben der abgestempelten kanadischen Briefmarke erzählte sein Vater in kleinen Buchstaben von unglaublichen Abenteuern im hohen Norden oder auf den zugefrorenen Seen, die er mit seinem Lkw überquert hatte. Seine gesamte Kindheit über hatten diese Ereignisse Victors Fantasie angefacht.

Einen Vater, den er nie kennengelernt hatte, hatte er zum Helden stilisiert, der am anderen Ende der Welt sein Glück suchte und jeden seiner Berichte mit zwei kurzen Sätzen beendete, die schnell zu Victors Leitsätzen geworden waren: »Jedem sein eigener Himmel« und »Wir haben alle unseren eigenen Himmel, Kleiner, wir müssen nur hinsehen.«

An diesem Abend sagte sich Victor, dass sein Vater vielleicht ein bisschen länger gelebt hätte, wenn er seinen eigenen Himmel besser hätte lesen können.

Der Mond leuchtete hell. Auf dem Rücken liegend, blickte Victor verträumt durch das Dachfenster. Plötzlich schoss er von seinem Bett hoch, zog sich seine Daunenjacke an, holte seine Geige aus ihrem Koffer, stieg auf einen Hocker und kletterte aufs Dach. Vom Montmartre aus war die Aussicht atemberaubend, Paris lag ihm zu Füßen. Er lehnte sich gegen einen Schornstein, legte den Hals sorgsam gegen den Kinnhalter der Geige, schwang seinen Bogen und strich sanft über die Saiten.

Er spielte für die Sterne.

Er hatte einmal gehört, dass sie uns, kurz bevor sie sterben, noch einmal in ihr Licht tauchen, also stellte er sich vor, dass der schönste von ihnen, der etwas heller als die anderen strahlte, sein Vater war. Victor war davon überzeugt, dass er dort oben weiter an ihn dachte.

Wenn er doch nur da wäre …

Diesen Gedanken hatte er so oft gehabt. Trotzdem hatte Victor ihm seine Abwesenheit verziehen, die Inkonsequenz, die er bei seiner Geburt unter Beweis gestellt hatte, die offenkundige Unreife, die ihn davon abgehalten hatte, seine Vaterschaft anzuerkennen.

Aber wenn er doch nur da gewesen wäre. Wer weiß, vielleicht hätte er ihm dann von seiner Mutter erzählt.

Mit geschlossenen Augen war Victor nun eins mit seiner Geige, beseelt, zu Hause, aufrecht. Die Noten der Nocturne no. 20 von Chopin erhoben sich in die Nacht, frei hallten sie von den Zinkdächern der Stadt wider, bildeten eine ansteckende Melodie. Diese Nocturne, die nur selten auf der Geige gespielt wurde, hatte er selbst ausgewählt und hundert Mal mit Monsieur Leriche wiederholt, seinem Lehrer am Konservatorium Gustave-Charpentier im 18. Arrondissement. Er liebte das Gefühl, das von ihr ausging, und neigte dazu, mit ihr die Nacht zu feiern, die Dunkelheit, die seiner Fantasie Raum gab, indem sie die scharfen Umrisse der Realität verwischte: der Realität eines Lebens ohne Eltern.

»Seinen eigenen Himmel« hatte er zu betrachten und zu lesen gelernt. Er hörte auf die Sterne wie auf sein Herz. Wenn er wollte, dass sie ihm einen Wunsch erfüllten, vertraute er sich ihnen an. Häufig erhörten sie ihn, und er zeigte sich für ihr Wohlwollen zaghaft lächelnd erkenntlich, voller Ehrfurcht vor ihrer Unendlichkeit.

An diesem Abend bat er sie um die Erfüllung seines innigsten Wunsches.

Kapitel 4

Unter den entsetzten Blicken der Kellner tauchte Lily im Speisesaal auf. Sie erkundigte sich stumm mit einem Blick beim Oberkellner, der mit einer diskreten Kopfbewegung auf das junge Paar deutete, das die Bestellung aufgegeben hatte: ein sportlicher Mann in Jeans und Rollkragenpullover, begleitet von einer elegant gekleideten dunkelhaarigen Frau. Sie trug ein spindelförmiges hübsches Markenkleid, das ihrer Figur nicht schmeichelte. Zwei Turteltauben, die demonstrativ aufmerksam miteinander umgingen. Sie streifte die Hand ihres Liebsten, er streichelte seiner Angebeteten über die Wange, sie lehnten sich zueinander hin, um sich zu küssen, und missachteten dabei die Hindernisse, die der mit weißem Damasttuch gedeckte Tisch und die anderen Gäste darstellten, denen gegenüber sie keinerlei Schamgefühl zeigten.

Lily näherte sich lächelnd.

»Guten Abend«, begrüßte sie sie freundlich.

Sie erntete von beiden ein Lächeln mit einem Anflug gezwungener Höflichkeit, doch sobald sie begriffen, dass sie von der Chefpatissière höchstpersönlich bedient wurden, lösten sie sich umgehend voneinander und überboten sich mit ungelenker Affektiertheit.

Lily stellte den Nachtisch mitten auf den Tisch.

»Sizilianische Zitronentarte!«

»Sie ist doch hausgemacht?«, fragte die junge Frau ein weiteres Mal. »Einmal nämlich …«

Lily gab ihr keine Gelegenheit, ihren Satz zu beenden, sondern lehnte sich nach vorn, um ihr ins Ohr zu flüstern.

»Meine Tarte ist mit Sicherheit mehr hausgemacht als Ihre Brüste, Ihre Nase, Ihre Wangenknochen, Ihre Lippen und …«

Sie hielt in ihrer Aufzählung inne und rückte unmerklich von ihr ab, um sie zu mustern. »Nein, ich denke, ich habe nichts vergessen …«, schloss sie in normaler Lautstärke.

Da ihr Kavalier verblüfft wirkte, beeilte Lily sich, ihn zu beruhigen: »Ich habe Madame nur unsere kulinarischen Geheimnisse verraten. Ich wünsche Ihnen guten Appetit.«

Dann machte sie kehrt und ging wieder Richtung Küche, wobei sie unterwegs herzlich einige der Gäste grüßte. Sie war nicht auf den Mund gefallen, nutzte die Schärfe ihrer Zunge aber üblicherweise mit Umsicht. Niemals zuvor hatte sie auf diese Weise mit einem Hotelgast gesprochen. Vielleicht hätte sie sich auch zurückgehalten, wenn sie nicht gespürt hätte, dass es ihrer Gesprächspartnerin ziemlich peinlich gewesen wäre, sich wegen ihrer Worte bei der Direktion zu beschweren. Und sollte sie es am Ende doch tun, würde der Küchenchef seine schützende Hand über Lily halten. Humor und Solidarität gewannen im riesigen Tanker, den das Hotelgewerbe darstellte, stets die Oberhand über sämtliche hausinternen Intrigen.

Bevor sie an diesem Abend nach Hause ging, kontrollierte Lily die gesamte Produktion und die Liste mit den bestellten Zutaten – sie hatte den Ruf, auch die Königin der Zahlen zu sein. Um Mitternacht legte sie schließlich ihre Schürze ab. Draußen regnete es. Sie mummelte sich in ihren Parka, bedeckte mit einem großen Schal ihren Hals und ihr Haar und eilte durch den Dienstboteneingang hinaus. Beinahe alles außer ihren Augen war verhüllt, so stürzte sie sich in den kalten, feuchten Winter. Laut Wettervorhersage sollte es bald schneien. Lily mochte Schnee lieber als Regen. Er war romantischer.

Kurz vor ein Uhr morgens verließ sie die Metrostation Saint-Paul. Sie wohnte in einem Altbau in der Rue Vieille-du-Temple, kurz vor der Kreuzung mit der Rue des Rosiers. Direkt gegenüber schlief im Eingang eines leer stehenden Geschäfts auf einer alten Matratze, die er auf der Straße gefunden hatte, Zoran. Sie kauerte sich neben ihn hin und versuchte, ihn leise zu wecken. Vergeblich. Sie zögerte, den Notdienst zu verständigen, denn meistens weigerte er sich mitzugehen. Er hasste es, wie ein Obdachloser behandelt zu werden; er war zwanzig Jahre alt und besaß noch die Würde der Jugend.

Der junge Mann schlief tief und stieß dann und wann ein leises Schnarchen aus. In seinem Atem roch sie Alkohol. Bestimmt hatte er getrunken, um sich aufzuwärmen – wer hätte das nicht? Zoran war aus Serbien in der Hoffnung hierhergekommen, als Musiker arbeiten zu können. Während er auf Arbeit wartete, lebte er auf der Straße und hütete die Klarinette in seinem Schlafsack wie seinen Augapfel. Lily legte eine Tüte mit Gebäck aus dem Hotel neben ihn. Das machte sie beinahe jeden Abend. Als Dankeschön spielte er manchmal unter ihrem Fenster etwas, wenn sie zu Hause war. Durch ihn hatte sie »Bella Ciao« kennengelernt, das er seinem neugierigen Publikum in Dauerschleife darbot. Sie hatte sich in diese Hymne der antifaschistischen italienischen Partisanen aus dem Zweiten Weltkrieg verliebt. Sie gab ihr Kraft und die Energie weiterzukämpfen, wenn die Vergangenheit drohte, sie einzuholen.

Nachdem Lily mit neunzehn das heimische Nest in der Bourgogne verlassen hatte, um nach Paris zu gehen, hatte sie eine Einzimmerwohnung in Les Lilas gemietet, einer kleinen Gemeinde auf dem Hügel von Belleville im Speckgürtel der Hauptstadt. Oft musste sie an diese Wohnung denken, die sie willkommen geheißen hatte, als sie noch so verletzlich gewesen war. Sie gehörte den Eltern von Damien, dem Lehrling aus dem Hotel. Sie waren gute Freunde ihres Vaters gewesen, arbeiteten in der Gastronomie an der Côte-d’Or und hatten sie freundlicherweise über mehr als fünfzehn Jahre beherbergt. Als Zeichen ihrer Dankbarkeit versuchte Lily, aus Damien einen guten Konditor zu machen. Doch leider fingen seine Augen eben nicht an zu glänzen, wenn sie mit ihm über Kuchen sprach, daher war diese Lehre eher eine Sisyphusarbeit als eine Ausbildung.

Vor zwei Jahren hatte Lily dann den Boulevard périphérique überquert und sich mithilfe eines Kredits ihre Traumwohnung im Marais geleistet. Als sie nun die schiefe alte Treppe zu ihr hinaufstieg, rechnete sie durch, wie viele – oder besser: wie wenig – Stunden Schlaf sie heute abbekommen würde: duschen, abschminken, sich hinlegen und so unbeschwert wie möglich einschlafen – vor zwei Uhr morgens würde das nichts werden. Sie überlegte, sich nicht abzuschminken, um Zeit zu sparen. Ihr Aussehen war ihr nie sonderlich wichtig gewesen. Doch sie respektierte die alte Lebensweisheit ihrer Großmutter, die selbst Patissière gewesen war: »Vergiss nie«, hatte sie ihr ohne Unterlass eingebläut, »dass du ebenso begehrenswert sein musst wie die Kuchen, die du backst!« Lily bemühte sich deshalb jeden Tag darum, diese positive Botschaft weiterzutragen. Jedes Mal, wenn sie Make-up auflegte, dachte sie an ihre Großmutter.

Die Augen fielen ihr zu, sie hatte nicht mal mehr die Energie, das Buch aufzuschlagen, das auf ihrem Nachttisch lag. Von der Arbeit vollständig in Beschlag genommen, war Romain Garys Frühes Versprechen seit einigen Monaten zu einem Lektüreversprechen geworden, das Lily einfach nicht einhalten konnte. Inzwischen hätte sie sogar die ersten Seiten noch einmal lesen müssen, um den Faden der Geschichte wiederaufzunehmen. Gerade wollte sie die Nachttischlampe ausschalten, als ihr Blick an ihrem Tablet hängen blieb. Um sich selbst nicht in Versuchung zu führen, hatte sie es ein bisschen weiter weg auf ihre Kommode gelegt. Sie zögerte, stand dann aber doch noch einmal auf, schnappte es sich und setzte sich mit ihren Kissen im Rücken aufrecht ins Bett. Nur ein paar Minuten.

Mit ihrem Benutzernamen »Lily des Lilas« meldete sie sich auf einem Datingportal an.

Sechs Monate und ein Dutzend Dates nach ihrer Registrierung, war sie noch immer auf der Suche nach ihrem Seelenverwandten. Manchmal fühlte sie sich wie eine Nonne aus Schokolade im Schaufenster einer Patisserie. Den Blicken und den Begierden der Passanten ausgeliefert. Als einziger Schutz diente die Scheibe, die zwischen beiden stand. Auch wenn Online-Dating mittlerweile eher wie ein Spiel wirkte, fühlte sie sich nicht weniger verletzlich. Die Männer waren ungeduldig, sie ins Bett zu kriegen. Sex beim ersten Date oder warten, bis man sich verliebte – das ewige Dilemma. Sollte sie sich selbst ein bisschen pushen? Vielleicht. Sich die Möglichkeit geben, die eigenen Erwartungen zu erfüllen?

Sie hatte bei drei Gelegenheiten schon mit dem Feuer gespielt. Es ging darum, dem Produkt eine Chance zu geben, wie sie es gerne nannte, doch die üblichen Muster hatten sie jedes Mal eingeholt und zu unerreichbaren Liebschaften hingezogen. Trotz alledem blieb Lily am Ball. Es war nicht nur die durch ihre Arbeitszeiten erzwungene Enthaltsamkeit, die ihr gar keine andere Wahl ließ, sie hatte sich außerdem inzwischen an diese Art der Beziehungsanbahnung gewöhnt. Es war praktisch, vom Bett aus zu flirten, im Schlafanzug, ungeschminkt, eine Tasse Milch mit Honig in Reichweite. Sie konnte schamlos gähnen, eine Zeitschrift durchblättern und gleichzeitig mit gespreizten Zehen ihren Nagellack trocknen lassen. Es war praktisch, zu schreiben statt zu reden, ohne Umschweife zur Sache zu kommen und zu sagen, was sie dachte, ohne sich zu sehr um Höflichkeitsfloskeln zu scheren. Es war praktisch, sich entscheiden zu können, ob man antworten wollte oder nicht, und sich haarsträubende Geschichten auszudenken, um eine Nervensäge wieder loszuwerden.

Sie war inzwischen zu einem Profi darin geworden und fragte sich oft, warum gerade diese Art des Datings ihr so gut gefiel. Ging es um Verführung? Um Liebesfantasien? Darum, ihren unveränderten Durst nach neuen Bekanntschaften zu stillen? Der Gefühlsmarkt bot eine unendliche Fülle an Singles, und Lily fragte sich, ob sie eines Tages aufhören könnte, auf neue Profile zu klicken, nur um zu sehen, ob noch etwas Besseres im Angebot war. Wenn sie ehrlich war, war es schon zu einer Sucht geworden. Auf ihren Posteingang zu klicken gab ihr dasselbe Gefühl wie einem Pokerspieler, der entdeckte, welche Karten er auf der Hand hatte. Eine unerträgliche Spannung, die süchtig machte. Die langsam anschwellende Nervosität, die Angst, enttäuscht zu werden, und zugleich eine bebende Hoffnung, das Gefühl, dass sich hinter jedem Klick derjenige verbergen könnte, der sie aus ihrer sentimentalen Schwermut befreite.

»Naturblond und dennoch spritzig«, wie sie niemals müde wurde zu betonen, ein Stufenschnitt, honigfarbene Augen – ihr Profil gehörte zu den meistbesuchten der Dating-App. Sie hatte nichts von einer Femme fatale oder einer Verführerin, aber ihr Profilfoto erregte Aufmerksamkeit. Ihr Blick verriet, dass sie großzügig und leidenschaftlich war. Sie war stolz auf ihre Rundungen und zeigte das auch. Ihre anderen Fotos waren spontan entstanden und aktuell, sie hatte sich entschlossen, es potenziellen Verehrern so leicht wie möglich zu machen und so zu beweisen, dass sie nicht schummelte: Lily vor dem Eiffelturm; Lily, die die Kinder des Robert-Debré-Krankenhauses mit ihren Kuchen verwöhnte; Lily am Strand, aber nicht im Badeanzug; in der Bretagne beim Muschelsammeln; Lily beim Ausblasen ihrer Geburtstagskerzen, eine hübsche »37« gut sichtbar mitten auf dem Kuchen.

Zehn neue Nachrichten hatten sich zu den fünfundvierzig gesellt, die zu lesen sie noch nicht die Zeit gefunden hatte. Seit Langem ging sie nicht mehr chronologisch vor, sondern machte sich einen Spaß daraus, sie in willkürlicher Reihenfolge zu öffnen, als würde sie sie aus einem großen Hut ziehen. Sie klickte eine von ihnen an, deren Betreff keinerlei Deutungsspielraum zuließ: »Sofort bezugsfähig.«

Amüsiert erwartete sie, dass der Verfasser wenigstens ein bisschen Humor zeigte: »Guten Tag, Lily. Ich hinterlasse Ihnen hier meine Handynummer, ich mag Nachrichtenverkehr nicht, der sich unendlich hinzieht. 06 …«

Der sich hinzieht? Wir haben doch noch nicht mal angefangen!

Sie löschte diese Nachricht und ein Dutzend weitere, die genauso langweilig klangen. Dann überflog sie die neuen männlichen Profile, wobei sie wie üblich schnell einschlief …

Ein kurzer Alarmton bohrte sich in ihre Trommelfelle: eine neue Mail. Lily gähnte ausgiebig und öffnete sie.

Endlich!

Die Zulassung zum Finale des »Meilleur Ouvrier de France«-Wettbewerbs. In vier Monaten würde sie um den MOF-Titel kämpfen dürfen: »Beste Handwerksmeisterin Frankreichs« in der Kategorie »Backwaren und Patisserie«. Ihr großes Ziel. Beim Finale hatte sie die Wahl zwischen vier Mottos: »Ostern«, »Geburtstag«, »Hochzeit« oder allgemein »Lust am Essen«.

Die gute Nachricht gab ihr einen riesigen Adrenalinschub. Seit dem Beginn ihrer Karriere hatte sie auf diesen Titel hingearbeitet. Lily wollte die erste Frau sein, die den Titel als beste Patissière Frankreichs trug. Sie lächelte in sich hinein. Zugleich trübte sich ihr Blick beim Gedanken an ihre Großmutter und ihren Vater ein wenig.

Ihre gesamte Zeit würde sie von jetzt an ausschließlich mit der Vorbereitung auf den Wettbewerb und ihrer Arbeit als stellvertretende Chefköchin im Royal Eiffel verbringen. Das bedeutete, dass sie keine einzige Minute mehr für sich selbst haben würde. Sie loggte sich beim Datingportal aus und gab sich selbst das Versprechen, es nicht mehr zu öffnen, bis ihre Prüfungen beendet wären. Dann schaltete sie das Licht aus und versuchte die restliche Nacht lang einzuschlafen. Eigentlich war Lily in dieser Beziehung nicht leicht aus der Ruhe zu bringen, aber beim Gedanken an die schiere Menge an Arbeit, die ihr bevorstand, wurde ihr doch etwas schwindelig.