Cover

»Als ich anfing, dieses Buch zu schreiben, wog ich mehr als 170 Kilo, war ein starker Trinker, hasste Boxen und kämpfte mit einer schweren Depression. Alles, was ich zu dieser Zeit wahrnehmen konnte, war Schmerz. Die Gürtel, der Triumph meines Aufstiegs zum Weltmeister im Schwergewicht – ein lebenslanger Traum, der 2015 in Erfüllung ging –, alles hinterließ nur ein kaltes, leeres Gefühl in mir, das ich nicht abschütteln konnte und das mich schließlich in einen Selbstmordversuch treiben sollte.«

Heute gilt Tyson Fury als einer der besten Schwergewichtsboxer der Welt. Sein spektakuläres Comeback gegen Deontay Wilder bewies der Boxwelt, dass er wieder zu seiner Hochform zurückgefunden hatte. Im Februar 2020 besiegte er Wilder durch technischen K.o. und ist damit der amtierende Weltmeister im Schwergewicht der WBC.

»Ich bin heute fitter denn je und auch glücklicher, mit einem wirklich erfüllten Leben, auch wenn ich nicht vergessen kann, dass meine psychischen Probleme nie ganz verschwinden werden.«

Tyson Fury

Ich hinter der Maske

Meine Autobiographie

Übersetzt aus dem Englischen
von Elisabeth Schmalen

Wilhelm Heyne Verlag

München

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel

»Behind the Mask« bei Century, einem Imprint von Cornerstone.
Cornerstone ist Teil der Penguin Random House group of companies.

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Deutsche Erstausgabe 11/2020

© by Tyson Fury, 2019

© der deutschsprachigen Ausgabe 2020 by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Thomas Bertram

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

unter Verwendung eines Motives von:
© SHAUN SMITH/C1 MEDIA;

Motiv Umschlagsseite vorne © Getty Images / Harry How / Staff

Motiv Umschlagsseite hinten © Reuters / Kai Pfaffenbach
Motiv Rückseite © Getty Images / Harry How / Staff

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN: 978-3-641-26838-1
V001

www.heyne.de

Dieses Buch ist dem Anliegen gewidmet, das Thema psychischeGesundheit mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken.
Jeden, der diese Geschichte liest und meint, Ähnliches durchzumachen, bitte ich dringend, sich schnell fachliche Hilfe zu suchen. Es gibt Hoffnung.

Dank

Ich danke meiner Frau Paris
für ihre Güte und Warmherzigkeit
und dafür, dass sie alles ertragen hat,
was ich ihr zugemutet habe.

Inhalt

Prolog

Einleitung

1 König für einen Tag

2 Kind des Schicksals

3 Paris

4 Amateure unter sich

5 Die harte Schule

6 Stein auf Stein

7 Klitschko auf der Spur

8 Finsternis

9 Zum Licht

10 Fette Zeiten

11 Unbändiger Ehrgeiz

12 Unentschieden

13 Familienwerte

14 Ein neuer Anfang

15 Jenseits des Rings

16 Mission erfüllt

Profistatistik

Bildnachweis

Register

Prolog

Juni 2016, Manchester

Der Tachozeiger kletterte auf 260 km/h. Es war so weit – das Ende nahte, die Qualen wären vorbei.

Die Sonne schien, es war ein perfekter Sommertag. Ich hatte mir gerade ein brandneues rotes Ferrari-Cabrio zugelegt; ich war Weltmeister im Schwergewicht; ich hatte eine tolle Frau und eine wunderbare Familie. Mein Leben hätte nicht besser sein können, aber in meiner Seele war alles pechschwarz.

Wenige Monate zuvor hatte ich im Ring gestanden und war zum besten Schwergewichtsboxer der Welt gekürt worden. Damit war ich in die Fußstapfen von Legenden wie Jack Dempsey, Muhammad Ali, Mike Tyson und Lennox Lewis getreten. Doch als ich jetzt in diesem nagelneuen Traumwagen über die Autobahn raste, war ich im Albtraum der klinischen Depression gefangen. Ich hatte alles erreicht, sah aber keinen Sinn in meinem Leben. Ich hatte keinen Grund zu leben.

Als ich von der Autobahn abfuhr und das Tempo drosselte, spürte ich, dass es an der Zeit war, den Qualen zu entfliehen. Los, Tyson, bring es zu Ende! Ich war fest entschlossen, alles war sinnlos. Nichts hatte eine Bedeutung, ich hatte keine Bedeutung. Ich richtete den Blick auf die herannahende Brücke. Sie war mein Ziel, der Endpunkt. Der Motor des Ferraris heulte erneut auf. Das sollte das letzte Geräusch sein, das ich je hören würde. In ein paar Sekunden wäre mein Kopf frei, erlöst von dem Gewirr aus Stimmen, das dort herrschte. Ich drückte das Gaspedal durch. Das Ende war in Sicht.

Doch im letzten Augenblick erklang eine Stimme in meinem Kopf: »Nein! Halt! Denk an deine Kinder!« Und ich raste an der Brücke vorbei und stieg voll auf die Bremse.

So kurz stand ich davor, alles zu beenden. Heute blicke ich erleichtert zurück, fassungslos darüber, wie ein Mensch in einen solchen Zustand geraten kann, von Depressionen erdrückt, wie es mir damals erging, und ich danke Gott. Ohne meinen Glauben hätte ich mich an jenem Tag umgebracht. Meine Kinder hätten keinen Vater, der sie anleitet, und meiner wunderbaren Frau Paris wäre der Mann genommen worden, der sie trotz all seiner Schwächen von ganzem Herzen liebt.

Wer noch nie an Depressionen gelitten hat, der weiß nicht, was für ein Gefühl das ist. In jenem Augenblick – und in anderen, ähnlichen Phasen – hatte ich das Gefühl, dass nichts auf der Welt von Bedeutung ist, absolut nichts. Was hat das Leben dann für einen Sinn? Sobald ich aus dem Auto gestiegen war, ging mir durch den Kopf, welche Folgen meine Tat gehabt hätte, und ich will nie wieder auch nur in die Nähe dieses Punktes kommen. Doch leider ist es sehr leicht, allmählich wieder in diese Denkweise zurückzufallen. Ich bin mir sicher, dass so mancher, der diese Zeilen liest, selbst erlebt hat, was ich hier beschreibe. Ich möchte jedem versichern, dass es einen Ausweg gibt, dass man sich helfen lassen kann. Andernfalls hätte ich kein Comeback erlebt, würde ich nicht wieder in der härtesten Sportart der Welt antreten. Für einiges von dem, was ich getan habe, hätte ich leicht in der Gummizelle landen können, aber ich kämpfe dagegen an.

1. Dezember 2018,
Staples Center, Los Angeles

»Du bist geliefert, du bist fällig. Ich zeig dir, wo der Hammer hängt, du Penner!« So verhöhnte ich den WBC-Schwergewichtsweltmeister Deontay Wilder vor dem ersten Gong und während der ersten Runde. Doch direkt nach der Eröffnung des Kampfes fand ich heraus, warum Wilder sich selbst »Bomb Squad« – »Bombenräumkommando« – nennt. Er landete einen Jab, und ich dachte nur: »Wow!« Ich spürte seine Knöchel in meiner Hand, als ich den Schlag blockierte.

Vor dem Kampf hatte sich mein Trainer Ben Davison Sorgen gemacht, weil Wilder mit seinen Schlägen oft auf den Hinterkopf des Gegners zielt, was üble Schäden im Gehirn anrichten kann. Ben hatte sogar den Ringrichter Jack Reiss darauf hingewiesen, und im Verlauf des Kampfes behielt er genau im Blick, wie Wilder versuchte, mir zuzusetzen. In der neunten Runde bestätigte sich seine Befürchtung. Wilder landete einen Treffer hinter meinem Ohr, und ich ging zu Boden. Vielleicht war ich mir meiner Sache ein bisschen zu sicher gewesen, und der starke Gewichtsverlust in der Zeit vor dem Kampf hatte meine Beine etwas lahm gemacht. Aber diese Art von Schlag sorgt für einen Kurzschluss im Gehirn. Wenn man hinter dem Ohr oder an der Schläfe getroffen wird, kann man nichts machen: Dann verliert der Körper die Kontrolle, und man geht zu Boden. Aber wie auch immer – da lag ich nun, und weil in der Runde noch zwei Minuten ausstanden, glaubte Wilder, er habe genug Zeit, mir den Garaus zu machen.

Falsch gedacht! Ich war nicht am Ende, sondern kam wieder auf die Beine und machte dort weiter, wo ich aufgehört hatte – ich boxte Wilder den Kopf weg. Als er auf mich zu kam und mehrmals mit der Rechten ausholte, umklammerte ich ihn, wartete, bis ich wieder klar denken konnte, und feuerte dann zurück. Kurz darauf ließ mein Jab, den ich schon in Amateurtagen zu meiner Waffe erkoren hatte, seinen Kopf zurückschnellen. Wilder wusste nicht, was er tun sollte. Er ist der WBC-Weltmeister, mit beängstigend viel Kraft in den Fäusten, aber er kann seine Schläge nicht landen. Er bekommt mich nicht so unter Kontrolle wie seine bisherigen 39 Gegner, die er fast alle per Knockout besiegt hat. Ich brachte die Runde stark zu Ende, mit soliden, wuchtigen Schlägen ins Gesicht. Wie frustrierend muss das für ihn gewesen sein! Er war es gewohnt, sich die Gegner zurechtzulegen und sie dann niederzuschlagen.

Während ich einem überraschten Wilder zeigte, dass ich nicht so leicht kleinzukriegen war, bekam ich nicht mit, dass Ben sich eine wütende Auseinandersetzung mit den örtlichen Funktionären lieferte, die ihn davon abhalten wollten, aufzustehen und sich zu vergewissern, dass ich okay war. In Los Angeles besagen die Regeln, dass die Ecke stets sitzen muss, doch wenn es um den Weltmeistertitel im Schwergewicht geht, ist das leichter gesagt als getan. Ben wollte unbedingt wissen, wie es mir ging. Doch als nur noch eine Minute blieb, war ich voll darauf fokussiert, meinen Jab zu setzen, und nun war es Wilder, der erschöpft wirkte und keine Attacken mehr zustande brachte, während ich ihn provozierte, indem ich ihm mit den Händen hinter dem Rücken die Zunge herausstreckte.

Zu Beginn der zehnten Runde war ich hellwach und bearbeitete Wilders Kinn mit einer Links-Rechts-Kombination. Er hatte so viel Energie bei dem Versuch verbraucht, mich in der neunten zu stoppen, dass er nun müde wurde, und ich dominierte den Kampf. Er gab sich damit zufrieden, sich zurückzuhalten und zu versuchen, die eine entscheidende Rechte zu landen. Daher hatte ich leichtes Spiel. Auf gar keinen Fall würde ich in diese Falle tappen. Als noch knapp eine Minute verblieb, donnerte ich ihm meine rechte Faust ins Gesicht und zog mich geschickt aus seiner Reichweite zurück. Aus dem Publikum ertönte ein kollektives »Ooh!«, und nun zeigte ich meine defensiven Fähigkeiten und wich noch vor dem Gong etwa fünf Schlägen aus. Wilder hatte in den gesamten drei Minuten keinen richtigen Treffer gelandet, und als der Gong erklang, waren wir gerade ineinander verkeilt. Ich gab ihm noch ein paar Beleidigungen mit und streckte ihm erneut die Zunge heraus.

Er trottete in seine Ecke, und ich ging mit einer neuen Leichtigkeit in den Beinen in meine. »Come on«, brüllte ich in die Menge. Dann rief ich Ben zu: »Ich bin der Gypsy King, und ich werde gewinnen!« Das stärkte mein Selbstbewusstsein und meinen Glauben daran, dass ich gerade dabei war, Geschichte zu schreiben, nach einem Drehbuch, das kaum jemand für möglich gehalten hätte. Abseits des Rings verkündete der Kommentator für den Sender BT Sport, John Rawling, mein Auftritt lasse ihm »die Haare zu Berge stehen«. Ben sagte mir, ich müsse mir mehr abverlangen als je zuvor in meinem Leben, ich müsse die Ruhe bewahren und hinausgehen und mir die letzten beiden Runden holen. »Geh keine dämlichen Risiken ein.« Das hatte ich auch nicht vor, ich wollte die Chancen nutzen, die sich mir boten. Genau das – und noch ein bisschen mehr – tat ich in der elften Runde, an deren Ende ich meinen Fans und der Welt die geballte Faust entgegenreckte, um zu zeigen, dass ich kurz davorstand, das größte Comeback der Boxgeschichte hinzulegen.

Nur 96 Sekunden später war der Traum vorbei. Ich lag am Boden. Wilder hatte eine donnernde Rechte gelandet und einen linken Haken nachgeschoben, als ich schon fiel. Ich schlug mit einem gewaltigen Krachen auf dem Boden auf. Das musste das Ende sein, dachten Wilder und alle anderen in der Arena, genau wie Millionen Fernsehzuschauer auf der ganzen Welt …

Einleitung

Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt

Mein Name ist Tyson Luke Fury und ich habe, wie jeder andere Mensch auf Erden, meine Schwächen. Ich leide an psychischen Problemen und Zwangsstörungen. Außerdem bin ich zufälligerweise der beste Schwergewichtsboxer der Welt.

Mein Leben ist bis jetzt niemals langweilig gewesen. Schon als ich drei Monate zu früh zur Welt kam, musste ich ums Überleben kämpfen. Und seit ich denken kann, habe ich immer eine natürliche Begabung für Sport und ganz besonders fürs Boxen an den Tag gelegt, die sich zuerst in den Küchenkämpfen mit meinem Bruder Shane zeigte, bei denen wir unsere Fäuste mit Geschirrhandtüchern umwickelten und bis zur Erschöpfung aufeinander einschlugen. Meine Leistungen im Ring sind für aller Augen sichtbar, aber als Jugendlicher spielte ich auch viel Golf, bis ich 21 war und ein Handicap von acht hatte. Noch heute gehe ich ab und zu aufs Grün und schlage den Ball nur so zum Spaß einhändig über 200 Meter. Ich komme einfach mit jeder Sportart zurecht, sei es Tontaubenschießen, Basketball, Rudern oder irgendetwas anderes. Doch die Sportart, die mein Leben bestimmen sollte, war das Boxen. Das war meine Gabe, mein Weg. Es wurde mir in die Wiege gelegt, die Weltspitze im Boxen zu erobern. Es ist Teil meiner DNA. Die Familie Fury hat schon in früheren Generationen erfolgreiche Bare-Knuckle-Kämpfer hervorgebracht. Heute sind wir Profis, etwa mein Vater John, der sowohl als Boxer wie auch als Bare-Knuckle-Kämpfer antrat, und mein Halbbruder Tommy, der nach seiner Zeit in der Reality-Show Love Island ein Hit im Ring zu werden verspricht.

Der Ring sollte die Arena sein, in der ich meine herausragenden sportlichen Fähigkeiten zeigen und dem Familiennamen Ehre machen würde. Doch das Boxgeschäft sollte auch zu meinem Niedergang beitragen – und mir dann einen Weg eröffnen, mich aus den Tiefen der Verzweiflung wieder emporzukämpfen.

Als ich anfing, dieses Buch zu schreiben, wog ich über 175 Kilogramm, trank Unmengen von Alkohol, hasste meinen Sport und kämpfte mit einer schweren Depression. Ich hatte kein Interesse daran, wieder zu boxen. Zu diesem Zeitpunkt bestand mein Leben gefühlt nur aus Schmerz. Die Gürtel, der Ruhm des Weltmeistertitels im Schwergewicht – ein lebenslanger Traum, der 2015 wahr wurde – hatten nur eine kalte Leere in mir hinterlassen, die sich einfach nicht vertreiben ließ. Der Erfolg bedeutete mir absolut nichts.

Zwei Jahre später hat mich das renommierte amerikanische Boxmagazin The Ring zum Spitzenmann im Bereich Schwergewicht erklärt. Ich bin fitter und glücklicher denn je, und mein Leben hat einen echten Sinn, auch wenn ich immer wieder daran erinnert werde, dass meine tieferliegenden psychischen Probleme nie ganz verschwinden werden.

Ich hatte mein Leben lang mit Angstzuständen zu kämpfen, und zwischen November 2015 und Oktober 2017 versank ich in einem tiefen Loch der Verzweiflung, fand aber einen Weg zurück ins Leben. Nach nur zwei Comeback-Kämpfen 2018 trat ich gegen den WBC-Schwergewichtsweltmeister Deontay Wilder an. Meine Leistung überraschte die ganze Welt – fast alle erklärten mich zum Sieger, mit Ausnahme von zwei Punktrichtern, von denen einer den Kampf als Unentschieden wertete und der andere Wilder den Sieg zusprach.

Manche Menschen glauben vermutlich, sie wüssten durch einige meiner früheren Aussagen in den sozialen Medien, was für ein Mensch ich bin, andere richten den Blick nur auf meine Boxkarriere, aber ich hoffe, dass dieses Buch allen zeigen wird, wer ich wirklich bin, wie meine wahre Persönlichkeit aussieht, was ich im Leben durchgemacht und womit ich weiterhin zu kämpfen habe.

In der Bibel gibt es eine Figur namens Hiob, der einer der reichsten Männer auf der Welt war und dann alles verlor, was er besaß. Er litt Höllenqualen, und selbst seine engsten Freunde wandten sich von ihm ab und drängten ihn, Gott zu verleugnen. Doch er blieb standhaft, und schließlich gab Gott ihm mehr, als er zuvor besessen hatte. Das ist in vieler Hinsicht auch meine Geschichte. Mit 27 Jahren stand ich in einem Ring in Deutschland und war der beste Boxer der Welt. Ich hatte gerade Wladimir Klitschko besiegt, den Mann, der die Boxwelt zehn Jahre lang beherrscht hatte und als großer Favorit in den Kampf gegangen war, doch ich hatte mich der Herausforderung gestellt und triumphiert. Auf dieser denkbar größten Bühne pries ich meinen Herrn und Retter Jesus Christus, was in der Öffentlichkeit sehr gemischte Reaktionen auslöste. Als ich nach Hause zurückkehrte, empfingen mich die Medien insgesamt sehr kritisch, zugleich hatte mein Absturz in die Depression bereits begonnen. Der Augenblick des Triumphs zerfiel rasch zu Staub, bis ich irgendwann nur noch sterben wollte. Genau hier setzt dieses Buch ein, denn dieser Moment zeigt meine innere Zerrissenheit, der beste Schwergewichtsboxer der Welt sein zu wollen und gleichzeitig gegen massive psychische Probleme ankämpfen zu müssen.

Mein Weg vom Top-Amateur zum Weltmeister im Schwergewicht war nicht immer von Dunkelheit überschattet, und jeder, der mich kennt, weiß, wie gern ich lache. Jetzt, da ich mich aus der Dunkelheit herausgekämpft habe, bin ich wieder an die Weltspitze des Boxens zurückgekehrt, mit der Chance, mehr Geld zu verdienen als je zuvor. Doch am wichtigsten ist, dass ich das Leben als Vater, Ehemann und Bruder liebe.

Meine Sichtweise auf das Boxgeschäft und das Leben im Allgemeinen hat sich verändert. Nichts macht mir mehr Freude, als mit Freunden und Familie oder mit den Fans zusammen Spaß zu haben oder meine Boxkollegen zu necken, etwa Anthony Joshua, die große Spaghetti-Nudel Deontay Wilder und Wladimir Klitschko, der es hasste, wenn ich ihn nachahmte und er dabei der Filmfigur Borat ähnelte. Joshua erlebte eine Überraschung, als ich ihn anrief und sagte: »Wie läuft’s, AJ? Wie geht es dir, Mann?« Und dann erklärte ich ihm, ich würde ihn ausknocken, und wir plänkelten ein bisschen herum. Ich habe die Nummer vieler Promis in meinem Handy und bin deshalb immer für einen Scherz gut, wenn ich ein paar Bierchen intus habe.

In diesem Buch habe ich mich bemüht, Licht und Dunkel zusammenzuführen. Den Anfang macht ein Tag im Jahr 2010, der – ohne dass ich es damals wusste – mein Leben verändern sollte, im Ring und außerhalb des Rings, zum Guten und zum Schlechten. Von dort ausgehend erzähle ich, wie ich aufgewachsen bin. Ich beschreibe die erstaunliche Stärke derjenigen, die zu mir gestanden haben, in triumphalen wie in meinen schwächsten Zeiten. Ich zeichne meinen Weg als Gypsy King nach – vom Amateurboxer zum Schwergewichtsweltmeister, vom Aufstieg zum Fall und zum erneuten Aufstieg. Dieses Buch soll mein wahres Ich zeigen, mit allen Fehlern und Schwächen. Doch vor allem und in erster Linie soll es jene motivieren, die ebenfalls gerade schwere Zeiten durchleben. Wenn ich – der 2,06 Meter große Weltmeister im Schwergewicht – mir psychologische Hilfe suchen kann, dann schaffen Sie das auch. Wenn ich mehr als 60 Kilo abnehmen kann, schaffen Sie das auch. Glück findet sich nicht in den Dingen, die man besitzt. Wir hören alle ständig, dass es uns besser ginge, wenn wir einen besseren Job, ein größeres Haus, ein schnelleres Auto hätten – dann wäre das Leben toll. Doch das ist eine Lüge. Man kann all das haben und sich trotzdem wertlos fühlen.

Doch es gibt einen Weg aus der Depressionsfalle, und ich glaube, dass dieses Wissen Menschen auf der ganzen Welt, die aufgrund psychischer Probleme still vor sich hin leiden, Hoffnung machen kann. Ich spüre einfach, dass es zu viele Männer und Frauen gibt, denen die Stimme fehlt, denen es schwerfällt, ihre Ängste in Worte zu fassen, oder die nicht in der Lage sind zu beschreiben, was sie tagtäglich durchmachen. Die Chance zu bekommen, offen über die inneren Dämonen zu sprechen, kann so viel bewirken.

Ich war als Junge eher der schüchterne, ruhige Typ und hatte wie so viele Kinder im Sport zu Beginn meiner Amateurlaufbahn mit Nervosität zu kämpfen. Ich hatte Angst zu verlieren, weil ich unbedingt erfolgreich sein wollte. Doch als ich in den Profisport wechselte, meinte ich das Maul weit aufreißen zu müssen, um Aufmerksamkeit zu erregen, denn einfach ich selbst zu sein würde nicht ausreichen. Also fing ich an, eine Rolle zu spielen, sobald die Kameras liefen, ich gab mich arrogant und großspurig. Ich setzte eine Maske auf, und irgendwann verlor ich mich in dieser von mir erschaffenen Kunstfigur, weil sie das verkörperte, was die Leute von mir erwarteten. So etwas kommt vermutlich in allen Bereichen vor. Man kann das Gefühl haben, jemand anderes sein zu müssen, weil die Gesellschaft den entsprechenden Druck ausübt. Das ist ein wichtiger Faktor bei der Entstehung psychischer Probleme. Mir ist heute klar, dass ich einfach ich selbst sein muss, egal was passiert.

Ich musste hinter die Maske gelangen.