Peter Allmend

Einfachheit

Peter Allmend

Einfachheit

Im Wenigen die Fülle finden

Eine Begegnung in der Innenwelt

Mit Illustrationen von

Sascha Wuillemet

Aquamarin Verlag

1. Auflage 2020

© Aquamarin Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Illustrationen: Sascha Wuillemet

Inhalt

Wie es begann

Über das Schweigen

Über Angst und Gewalt

Über die Religionen

Über den Messias

Über die Inspiration

Über Kraftplätze

Über die Freundschaft

Über das Heilen

Über die Würde des Todes

Über das Leiden

Über die Vergebung der Sünden

Über die Rituale

Über die Gier

Über die Herzensreinheit

Über das Bewusstsein

Über das Göttliche

Über Zeit und Raum

Über Flüsse und Meere

Über die Bäume

Über die großen Lehrer

Über die Kunst

Über Wunder

Über den Frieden

Über die Sanftmut

Über das Segnen

Über den freien Willen

Über den Glauben

Über die Hingabe

Über die Liebe

Über die Einfachheit

Wie es endete

»Der Geist weht, wo er will.«

– Joh. 3,8 –

Wie es begann

Nach der Begegnung mit »Elision«1 zog es mich mehr als je zuvor in die Stille. Ich vermied die lauten Innenstädte, die überfüllten Bahnhöfe und die hektischen Flughäfen, so gut ich es nur vermochte. Das trug mir aus meinem Freundeskreis schon den Vorwurf ein, ich begänne wunderlich zu werden. Ich schmunzelte darüber, weil ich aus dem Wort »wunderlich« das Wunder herauszog – und dann durfte das so stehen bleiben.

Dieser Rückzug von der Welt dauerte schon über ein Jahr, als ich gefragt wurde, ob ich an einer Israel-Reise teilnehmen würde. Das war ein verführerisches Angebot, denn das »Heilige Land« ist zweifelsohne ein Teil der Erde, in dem Geist und Macht seit Jahrtausenden ihren schier endlosen Kampf austragen. Ein Wissender schrieb im vorigen Jahrhundert einmal: »Wenn Jerusalem brennt, dann brennt die Welt.«

Da ich schon zweimal zwischen Tel Aviv und der Grenze zum Libanon unterwegs gewesen war, wusste ich um die Herausforderung, die eine erneute Reise in der gegenwärtigen politischen Lage darstellen würde. Es wäre das Ende meiner Zurückgezogenheit – und anscheinend sollte es das auch sein. Ich war in meinem Herzen vom Augenblick der Anfrage eigentlich schon sicher, dass ich mitfahren würde. Und so brachen wir mit unserer kleinen Gruppe von Zürich aus auf.

Wenn man in Tel Aviv am Flughafen Ben Gurion ankommt, meint man, sich auf der Zürcher Bahnhofstraße zu befinden. Ein Gold- und Uhrengeschäft reiht sich an das nächste. Der Tanz um das »Goldene Kalb« zeigt sich heute noch hemmungsloser als zu den Zeiten von Moses und Aaron.

Führte die Strecke von Tel Aviv nach Jerusalem in früherer Zeit zumindest noch teilweise durch eine karge Landschaft, so verließ nunmehr die neue Autobahn kaum noch das Häusermeer. Eine Stadt schien übergangslos mit der nächsten zu verschmelzen.

Israel ist kein großes Land, daher ist man in weniger als einer Stunde in seinem Domizil in der »Stadt Davids«. Da fast alle großen Hotels an den Ein- und Ausfallstraßen liegen, kann man auch tagsüber kaum die Fenster öffnen. Israelis wie Palästinenser lieben ihre Hupen!

Von unserem Hotelzimmer ging der Blick direkt auf den Ölberg und die Altstadt – was den Besucher veranlasst, umgehend in das pulsierenden Leben jener einzigartigen Stadt einzutauchen, die den drei monotheistischen Weltreligionen gleich heilig ist.

Die Pilgerreise durch das »Heilige Land« begann also auf einer lauten Straße, welche zum Jaffa-Tor und ins arabische Viertel führte. Jerusalem hatte seinen Zauberschleier über uns geworfen. Wir waren gespannt, was sich darunter verbergen würde.

An dieser Stelle möchte ich die »offizielle« Reisebeschreibung auch schon beenden, weil sie auf einer ganz anderen Ebene ihren Abschluss finden sollte, als in diesem Moment zu ahnen war. Folgendes geschah:

Von Jerusalem über die Wüste, das Jordan-Tal und die Kabbalisten-Hochburg Safed hatte unser Weg zum See Genezareth geführt, hinauf zu jener Anhöhe, auf der Jesus vor fast zweitausend Jahren seine »Bergpredigt« gehalten hatte.

Und hier war sie plötzlich zurückgekommen – die Stille. An diesem heiligen Ort, einem der außergewöhnlichsten Kraftplätze der Erde, umfängt den offenen Besucher der GEIST mit unwiderstehlicher Anziehung. Alles Laute verstummt. Die Haut verspürt den warmen Wind, der von den Hügeln herabweht – und in diesem sanften Hauch kam ein unerwarteter Bote. Ein namenloser Botschafter aus einer lichten Sphäre, von der wir nur ahnen können, welche Herrlichkeit sie enthält.

Der Bote kam ohne Worte. Er war einfach da. Wie ein lichtdurchflutetes Seidentuch, das mich vollkommen einhüllte. Alles, was dann geschah, vollzog sich in diesem Innenweltenraum, der von jenem wunderbaren Tuch geschaffen wurde.

Es war eine Welt jenseits von Zeit und Raum, obwohl sich doch alles in Zeit und Raum abspielte. Jemand aus unserer Gruppe, der mich zufällig gesehen hätte, wäre in der Lage gewesen, genau zu beschreiben, wie ich neben dem roten Blütenmeer eines großen Hibiskusbusches auf einem Stein gesessen hatte – offensichtlich ganz in Gedanken versunken.

Ich selbst aber führte einen Dialog mit einem Wesen aus einer anderen Wirklichkeit, von dem ich annahm, er habe Stunden oder gar Tage gedauert. In Wahrheit – oder besser gemäß meiner illusionären irdischen Zeitwahrnehmung – spielte sich alles aber in weniger als einer Viertelstunde ab.

Das WESEN, das mich auf die Ebene seines Bewusstseins erhob, übermittelte mir alles in Gedanken und Bildern, die sich mir unvergesslich einprägten, um aus der Gleichzeitigkeit in eine Zeit- und Wortfolge gebracht zu werden. Ich schildere daher nachfolgend einen Dialog, der so zwar stattgefunden hat, aber doch in einer für irdisches Verstehen gänzlich unbeschreibbaren Art und Weise.

Als ich spürte, dass ich unter dem kosmischen Tuch nicht mehr alleine war, formulierte ich natürlich unwillkürlich die Frage: »Wer bist du?«

»Ich bin ein Geist im GEISTE. Ich bin ein Namenloser aus einem Reich, in dem Namen und Formen der Einheit in der Vielheit gewichen sind. Ich bin ein Diener des LICHTES und erfülle seinen Auftrag. Wir sehen deinen Weg schon seit langer Zeit und wissen, dass du ein irdisches Werkzeug für den ALLGEIST geworden bist. Die Zurückgezogenheit des vergangenen Erdenjahres hat dich reifen lassen, um mir zu begegnen. Ich bin in den vergangenen Tagen an deiner Seite gegangen, habe deine Gefühle empfunden, deine Gedanken gedacht und deinen Kummer verspürt. Die Welt, die du gesehen hast, ist fern von deinen Idealen, obwohl du weißt, dass der EINE GEIST auch in ihr waltet. Ich will dir zeigen, wie sich das, was du in den letzten Tagen gesehen hast, aus unserer Sicht darstellt. Wenn du deine Gedanken auf die Orte und Stätten richtest, die du besucht hast, so sehe ich deine Innenwelt und verstehe die menschliche Ebene. Ich muss deine Welt durch dich hindurch erfassen, weil sie andernfalls zu fern für mich wäre. Ich verdichte mein inneres Wesen so sehr, bis es mit dir auf der gleichen Ebene schwingt. Dadurch kann ich nicht nur dich verstehen, sondern auch durch menschliche Worte das ausdrücken, was in meinem Bewusstsein nur als Energie existiert.

Bleibe still. Verharre im Schweigen. Nur jenseits von Gerede und Geschwätz des Alltags erklingt noch das WORT. Und das WORT ist immer einfach.«

So begann unser Dialog. Er führte mich durch die Welt, in der ich umhergereist war, er enthüllte mir den tieferen Sinn der äußeren Geschehnisse und erhob mich in die WIRKLICHKEIT, die hinter dem Schleier der Erscheinungen liegt. Und ich begann zu erkennen, dass nur in der Einfachheit die Lösung aller menschlichen Schwierigkeiten liegt.


Über das Schweigen

Nach vielen Jahren des Meditierens glaubte ich zu wissen, was inneres Stillwerden bedeutet. Die äußere Welt tritt zurück, und ein inneres Geisteslicht leuchtet auf. Doch ich sollte erst erkennen, was die große Stille wirklich bedeutet.

Als der himmlische Bote sein »Seidentuch« über uns ausbreitete und uns darin einhüllte, kam ein vollkommenes Schweigen über mich, das wohl die Grundlage bildete, um überhaupt vernehmen zu können, was der GEIST verkündete.

»Ist nicht jedes inspirierte Werk in eurer Welt in der Stille geboren worden? Nur im Schweigen haben die großen Dichter, Maler oder Komponisten ihre Inspirationen erhalten.

Wenn ich vom Schweigen spreche, dann meine ich nicht den Umstand, dass niemand redet. Ich meine die völlige Abwesenheit von Gedanken! Wahrheit liegt jenseits der Worte und jenseits der Gedanken.

Wobei ich unterscheiden möchte zwischen den Gedanken, die »von unten«, und jenen, die »von oben« kommen.

Sobald du am Morgen die Augen öffnest, beginnt der Kreislauf der Gedanken. Jeder Anruf, den du beantwortest, alle Nachrichten, die du erhältst, bringen Gedankenformen und Gedankenwellen zu dir. Manche sind kraftvoll – sie beeinflussen dich. Manche tauchen aus dem Alltagsleben auf – sie verfliegen schnell wieder. Alle hinterlassen jedoch Spuren in deinem Bewusstsein, in deinem inneren Wesen. Sie finden zu dir, weil Gleiches Gleiches anzieht. Manchmal tauchen jedoch in den Städten auch Gedanken über Diebstahl oder Gewalt in deinem Denken auf – und das verwirrt dich.

Gerade in deinen ersten Stunden in Jerusalem bist du auf dieses Gewaltfeld getroffen. Du weist diese Gedanken stets zurück, weil sie nur deiner Umgebung entstammen, aber nicht dich selbst betreffen. Andere aber mögen sie beeinflussen.

Wenn du meine Botschaft in ihrer Tiefe verstehen willst, dann versuche, wenn du mir gewisse Szenen, Erlebnisse oder Bilder gezeigt hast, diese völlig loszulassen und still zu werden. Wenn alles Denken in dir zum Schweigen gekommen ist, kannst du dich mit mir verbinden und die WIRKLICHKEIT hinter den Erscheinungen erfassen.

Wir wollen unsere innere Reise beginnen und schauen, ob sie uns zu jenem Ziel führt, um dessentwillen ich zu dir gesandt wurde.«

Über Angst und Gewalt

Wir waren noch keine hundert Meter auf der Straße vom Hotel zum Jaffa-Tor gegangen, als wir schon in den ersten Konflikt hineingerieten. Eine israelische Polizeistreife verfolgte einen Rollerfahrer, als plötzlich neben ihr ein Kastenwagen auftauchte, das Polizeifahrzeug von hinten rammte und dann an den rechten Fahrbahnrand drängte. Er hatte zwar die Fahrertür blockiert, aber der Beifahrer sprang sofort aus dem Wagen, riss seine Maschinenpistole hoch, entsicherte sie und zielte auf die beiden Insassen des Kastenwagens – und dies alles direkt neben uns. Wir entfernten uns sicherheitshalber ein paar Schritte und beobachteten, wie die Israelis die anderen beiden Männer, möglicherweise Palästinenser, festnahmen.

Das waren die ersten Bilder, die mir in den Sinn kamen, als ich in Gegenwart des himmlischen Boten oberhalb des Sees Genezareth saß.

»Du wirst Gewalt und Angst meist untrennbar vereint antreffen. Um die im eigenen Inneren wirkende Angst nicht anschauen und überwinden zu müssen, wird sie auf einen äußeren Feind gerichtet. Wenn der »Andere« schuld an meiner Angst ist, muss ich ihn nur bekämpfen, damit ich mich besser fühle.