image

März 2020

Cover und grafische Gestaltung von Hirschkäfer Design/Coriander P.

© Hirschkäfer Verlag, München 2020

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Verarbeitung in elektronischen Systemen.

E-Book-ISBN 978-3-940839-71-8

Besuchen Sie uns im Internet:

www.hirschkaefer-verlag.de

Mit Liebe gemacht.

Inhalt

Teil I

Kapitel 1

Kapitel 2

Teil II

Kapitel 3

Kapitel 4

Teil III

Kapitel 5

Kapitel 6

Teil IV

Kapitel 7

Teil V

Kapitel 8

Kapitel 9

Teil VI

Kapitel 10

Teil VII

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Teil VIII

Kapitel 14

Teil IX

Kapitel 15

Kapitel 16

Teil X

Kapitel 17

Kapitel 18

Teil XI

Kapitel 19

Teil XII

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Teil XIII

Kapitel 25

Teil XIV

Kapitel 26

Teil XV

Kapitel 27

Kapitel 28

Teil XVI

Kapitel 29

Teil XVII

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Teil XVIII

Kapitel 33

Teil XIX

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Teil XX

Kapitel 37

Teil XXI

Kapitel 38

Teil XXII

Kapitel 39

Teil XXIII

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Anmerkung

Danke

I

Einen Moment lang sah sie es in seinen Augen. Flüchtig. Eine kalte Ahnung von Schmerz und Gefahr überkam sie, aber zu langsam, zu ungefähr, zu spät, um ihr nachspüren zu können. Viel zu spät, um es verhindern zu können. Keinerlei Sorge war in ihr gewesen, keine Angst, nicht das geringste Misstrauen. Sie war in den Wagen gestiegen, komm, ich bring dich schnell heim, es wird gleich regnen, nein, es macht mir nichts aus, liegt ja auf dem Weg, lächeln, danken, einsteigen, den Gurt anlegen. Diese Augen! Er sah sie an, aber er sah nicht sie. Was sah er? Wen sah er? Dann sein Griff in ihren Nacken, seine zupackende Hand, der beißende Geruch. Die Kräfte schlichen sich aus ihrem Körper. Seinen Blick nahm sie mit in die Dunkelheit.

1

»Zehnnullsieben!«

»Ja.«

»Was heißt hier ja? Ich hör wohl nicht recht! Sind Sie nicht mehr ganz frisch, Zehnnullsieben? Gehen Sie mal auf Kanal drei!«

Ich fingerte am Funkgerät, um den Kanal einzustellen, ohne die Straße aus den Augen zu lassen.

»Hier Zehnnullsieben«, sagte ich und wusste nicht so recht, wie nah ich mit meinem Mund an das Mikrofon gehen sollte.

»Was ist denn das bei Ihnen für ein Krach im Wagen?«

»Puccini.«

»Machen Sie das aus! Da steigt Ihnen erstens kein Fahrgast ein und zweitens kann ich Sie nicht verstehen.«

Ich würgte die Musik ab.

»Wie lange ist es her, dass Sie den Taxischein und den Funkkurs gemacht haben, Zehnnullsieben?«

»Ein paar Monate.«

»Viel ist anscheinend nicht hängengeblieben. Ok. Ich erklär Ihnen das jetzt ein einziges Mal, und wenn Sie mir dann noch mal auf Kanal eins rumpfuschen, entziehe ich Ihnen die Taxifunklizenz. Also. Wo fahren Sie grad rum?«

»In der Metzstraße.«

»Wo ist der nächste Stand?«

»Am Rosenheimer Platz.«

»Genau. Ich rufe also Rosenheimer Platz. Was machen Sie?«

»Ich melde mich mit Zehnnullsieben.«

»Falsch. Sie halten den Mund, weil Sie nicht am Stand sind. Sie kommen erst ins Spiel, wenn sich am Rosenheimer keiner meldet. Dann gebe ich die Adresse durch und den Auftrag frei. Wie mache ich das?«

»Sie sagen für und dann die Adresse.«

»Genauso ist es, Zehnnullsieben. Und wenn Sie sich schnell melden und nah genug sind, bekommen Sie den Auftrag. Und was machen Sie dann?«

»Ich wiederhole die Adresse und den Namen des Auftraggebers.«

»Richtig. Sie wiederholen die Adresse und den Namen, damit ich weiß, dass Sie mich verstanden haben. Haben Sie mich verstanden, Zehnnullsieben?«

»Ich habe verstanden.«

»Also, gehen wir zurück auf den Einser. Passen Sie auf!«

Ich lenkte mit der Linken um das Rondell am Weißenburger Platz, mit der Rechten stellte ich den Auftragskanal ein. Den Einser.

Wahrscheinlich war ich eines der ältesten Greenhorns im Münchner Taxigewerbe. Die Studenten waren bei der Auftragsannahme schneller mit den Fingern und hatten eine raschere Auffassungsgabe. Und wahrscheinlich glaubten sie daran, diesen Job irgendwann wieder an den Nagel hängen zu können. Spätestens wenn sie ihr Examen in der Tasche hatten. Für manche würde sich das allerdings als Illusion herausstellen. Vor allem für die Germanisten, Romanisten, Finnougristen, Philosophen, Politologen.

Und wie lange blieben angehende Privatdetektive an diesem Job kleben? Wie lange mussten sie sich anschnauzen lassen, wenn der gewählte Weg nicht der unumstritten kürzeste war? Wie lange mussten sie sich von Besoffenen ins Auto kotzen und von arroganten Tussis herumkommandieren lassen, Türen öffnen, Koffer verladen, warten und sich langweilen? Jahre? Für immer? Ich kannte keine Statistiken.

Eine Taxischicht pro Woche, um den Bezug zur Nacht und ihren Kreaturen nicht zu verlieren, aber ansonsten genug Kunden, um davon leben zu können. Das wäre optimal. Noch war das leider eine Vision. Doch Taxifahrer mussten Sitzfleisch haben, und die Detektei »Ludwig Fendt« gab es ja auch erst seit ein paar Wochen. Die Homepage, die mir Jan, mein Schwiegersohn in spe, eingerichtet hatte, war brandneu.

Außerdem fuhr ich nicht ungern. Der Job, so anstrengend und schlecht bezahlt er war, zeigte mir eine andere Welt. Menschen, denen ich sonst nie begegnen würde, von denen ich ohne diesen Job nicht einmal wüsste, dass es sie gab.

»Rosenheimer Platz!«

Keine Antwort. Mein Finger lauerte an der Taste. Es war drei Uhr morgens und ich war müde, aber diesen Auftrag wollte ich noch haben.

»Für Metzstraße!«

»Zehnnullsieben in der Metzstraße.«

»Zehnnullsieben! Metzstraße zwölf Schmidt.«

»Metzstraße zwölf, Schmidt.«

Ich rollte langsam durch die Straße, hielt vor dem Haus Nummer zwölf und wartete. Nach zehn Minuten stieg ich aus und schlenderte Achten auf dem Gehsteig. Es kam kein Schmidt. Wahrscheinlich war er in ein vorbeifahrendes Taxi gestiegen.

Ich hatte genug von der Nacht.

2

Ich hätte mich jetzt gern von Jonas Kaufmann beim Einschlafen »hinübersingen« lassen. Die Puccini-CD war in meiner Taxitasche. Aber Ines war da. Ines kam und ging, wann sie wollte. Sie hatte Schlüssel. Seit sie mit Jan zusammen war, blieb sie am Abend öfter mal in der Stadt. Wenn sie mit ihm unterwegs gewesen war und die letzte S-Bahn raus nach Solln verpasst hatte, schlief sie bei mir.

»Immer bei Jan schlafen? Wir wollen noch nicht, dass es zur Gewohnheit wird«, meinte sie.

Ich war mir nicht sicher, ob Jan das auch meinte. Aber meistens liefen die Dinge so, wie mein Töchterchen es wollte.

Sie hatte die Couch im Wohnzimmer bezogen. Ihre Bettwäsche lag immer bereit.

Nach der Trennung von Karin und ihrem Auszug mit Ines hatte ich mich an das Alleinsein erst wieder gewöhnen müssen. Dass niemand da war, wenn ich morgens aufstand. Dass die Wohnung leer war, wenn ich von meinen Taxischichten nach Hause kam, so wie der Kühlschrank, wenn ich vergessen hatte einzukaufen. Das Bett kalt. Keine Spuren von Leben außer denen, die ich selbst hinterlassen hatte. Das Auskommen mit mir allein war manchmal leidvoll, aber nicht allzu oft. Zu viel Krieg lag hinter mir, als dass ich den Frieden, selbst den einsamen, nicht hätte genießen können.

Bei Karin war bald Herbert auf der Matte gestanden. Herbert, erfolgreicher Immobilienmakler. Ich hasste Makler. Diese Schmarotzer, die sich an den grundlegenden Lebensbedürfnissen der arbeitenden Bevölkerung bereicherten. Ich erkannte den Sinn jedweden lebenden Wesens an. Schmeißfliegen, Tanzmäuse, Quallen, sogar Wespen waren nützlich, wenngleich ich nicht wusste wofür. Aber Makler! Passte jedenfalls zu Karin. Ein ehrgeiziger Ärmelhoch-Mann, der den Markt abfischte, während seine Karin als Studienrätin mit beamteter Sicherheit ausgestattet war. Sogar steuerlich waren die beiden eine Oase geworden. Herbert konnte so gut wie alles absetzen, was Karin käuflich erwarb.

Nein, ich war nie eifersüchtig gewesen, obwohl die Erkenntnis, gegen etwas Besseres ausgetauscht worden zu sein, schon etwas bitter war. Nicht eifersüchtig, aber gekränkt. Mein Ego hatte heftig geschwankt.

Ich setzte mich in die Küche, schenkte mir noch ein Bier ein, hantierte so leise wie möglich, aber Ines hatte den leichten Schlaf von ihrer Mutter geerbt. Gottseidank nicht viel mehr, dachte ich dankbar, als ich sie in der Küchentür stehen sah.

»Wie spät ist es? Wieso bist du schon da? Ist es nicht gut gelaufen?«

»Halb vier. Ich war müde. Nein.«

Die Angewohnheit, Fragen aneinander zu reihen, ohne den Antworten einen Zwischenraum zu lassen, hatte sie auch von ihrer Mutter. Die hatte ich vergessen.

»Heute Abend war eine Kundin hier!«

»Eine Kundin?«

»Eine mögliche Kundin. Sie hat nach dem Inhaber der Detektei Fendt gefragt. Das bist doch du, oder?«

»Ja, das bin ich. Noch bin ich nicht aufgekauft oder feindlich übernommen. Hat sie erzählt, was sie will?«

»Nein.«

»Wie sah sie aus?«

»Jung.«

»Jung? Wenn du das sagst, muss sie sehr jung gewesen sein. Oder nimmst du mich als Maßstab?«

»Nein, ich glaube, sie war sogar jünger als ich. Ich schätze mal, achtzehn, neunzehn. Grad Abi oder so.«

»Aha. Und weiter?«

»Paps! Das ist doch jetzt egal. Schau sie dir selber an! Sie hat eine Karte da gelassen und du sollst zurück rufen.«

»Ok. Aber ich hab gern eine Idee, mit wem ich es zu tun habe, bevor ich anrufe. Was für einen Eindruck hat sie gemacht?«

»Hübsch. Aufgetakelt. So geschminkt, dass sie vor dem Schlafengehen einen Spachtel braucht, um alles wieder abzukriegen. Teuer angezogen.«

»Also jung und vermögend. Das ist schon mal nicht uninteressant zu wissen, wenn’s dann um die Honorarvereinbarung geht.«

»Ich geh wieder schlafen, Paps.«

Ines nahm mich kurz in den Arm, stellte sich auf die Zehenspitzen, küsste mich auf die Stirn, sagte »Du kriegst bald eine Glatze«, und verschwand im Wohnzimmer.

Jan war ein Glückspilz. Er hatte sich das Schönste und Beste und Liebenswerteste geschnappt, das ich in meinem Leben zuwege gebracht hatte.

Und sie hatte Recht. Ich war noch nicht kahl, aber es würde nicht mehr allzu lange dauern, bis sich meine hohe Stirn mit der nackten Fläche auf dem Dach zusammentun würde. Da machte ich mir nichts vor. Da war mal ein dunkler Lockenwald gewesen. Nicht so licht wie heute. Und die weißen hatte ich namentlich gekannt. Heute konnte ich die dunklen zählen.

Mit diesen trüben Gedanken und den schönen an die größte Liebe meines Lebens trank ich mein Bier aus und ging schlafen.

II

Sie schlug die Augen auf.

Ihr erstes Gefühl war Kälte.

Das Kleid hatte ihr am Leib geklebt, sie erinnerte sich. Obwohl schon spät, war es noch warm gewesen, zu warm, keine Frische mehr, keine Abkühlung in den Nächten, aber hier war es kalt. Sie fror.

Plötzlich wieder der beißende Geruch aus dem Tuch. Mit welcher Kraft er es ihr ins Gesicht gepresst hatte! Keine Chance, ihn abzuwehren, nicht durch Schlagen und um sich Treten, nicht durch sich Winden. Es war eng im Wagen, und er war stark. Und sie so überrascht. Ihr leidender Verstand trieb ihr den Geruch von neuem in die Nase.

Erinnerungen sprangen sie an wie aus einem Hinterhalt. Das Fest im Ballsaal des Hotels. Susan war auch da gewesen. Sie war früher gegangen, weil sie müde war. Dann die Männer an der Bar. Hotelgäste. Bleiben Sie doch noch! Einer wollte tanzen. Immer wieder. Aber sie hatte genug von dem Tag und dem Abend und sie hatte genug getrunken. Dann der Vorschlag, sie nach Hause zu fahren. Er mache es doch gern, und es sei kein Umweg. Er war so freundlich gewesen. So freundlich wie immer. So wie sie ihn kannte.

Wo war sie? Warum war sie da, wo sie war? Warum hatte er das getan? Fragen, auf die sie keine Antworten wusste. Keiner da, um sie stellen zu können. Oder war da jemand? Beobachtete er sie? Nichts war klar, außer ihrer Hilflosigkeit. Sie lag auf einem Bett. Ihre Arme und ihre Beine weit gespreizt. Fixiert an massiven Bettpfosten. Sie versuchte, sich zu bewegen. Das Ziehen und Zerren erhitzte die Haut an ihren Gelenken. Ein grobes Seil, das ihre Haut zerreiben würde, wenn sie nicht aufhörte. Unzerreißbar.

Sie schrie. Sie schrie seinen Namen. Sie schrie um Hilfe, in der Hoffnung, dass irgendjemand sie hören konnte. Sie rief wieder seinen Namen, als diese Hoffnung schwand.

Die Angst wie ein Tier. Ihr eigenes Schreien hatte es geweckt. Die letzte der Fragen. Was würde er ihr antun? Es war ihr jetzt egal, dass sie sich verletzte. Ihr Körper bäumte sich auf. Sie riss mit den Armen an den Fesseln. Die Beine. Die Beine waren stärker als die Arme. Sie stemmte ihren Po fest in die Matratze. So fest sie konnte. Versuchte, die Beine anzuwinkeln. Die Stricke gaben nicht nach. Sie warf ihren Körper hin und her. Anfangs zielgerichtet. Bewegungen, die ihre Fesseln lockern sollten. Dann unwillkürlich. Dann geschah das Aufbäumen einfach. Dann Erschöpfung. Der Schmerz an ihren Gelenken. Sie blutete.

Sie hörte auf. Atmete wild, ihr Brustkorb pumpte. Lange lag sie so. Nur langsam gelangen ihr wieder Gedanken.

Irgendwann würde er kommen. Irgendwann würde sie das Warum erfahren. Nichts, absolut nichts konnte sie sich erklären. Sie musste warten. Auf ihn.

Seltsam, dachte sie. Betäubt, entführt, gefesselt, und nun liegt sie da und denkt. Fügt sich ihr Geist schon in die neue Lage, sondiert und erkundet, stellt Fragen, fügt sich in die Erkenntnis, dass sie jetzt nur abwarten kann, ruhig bleiben muss, nicht handeln kann? Ist der Mensch so? Ist Panik nur sinnvoll, wenn Flucht möglich ist und Angst die Beine schneller macht? Wie ein Wild, das vor dem jagenden Raubtier flieht, aber sich gefasst wendet und stellt, wenn es in die Enge getrieben ist.

Sie sah sich um. In ihrem eingeschränkten Blickfeld ein kahler grauer Raum im dämmrigen Licht einer einzigen schwachen Glühbirne an der Decke. Kein Fenster. Kein weiteres Möbel außer dem Bett, auf dem sie lag. Eine geschlossene Eisentür.

Es roch kalt und abgestanden und modrig. Es roch nach unter der Erde.

Sie war kein Wild, das fliehen konnte, und es war auch niemand da, um sich ihm zu stellen. Sie war erjagt und bereit gelegt. Eine Fliege, eingesponnen im Netz einer Spinne. Nun kam sie wieder angekrochen, die Angst. Nicht als Panik, wie nach dem Erwachen, sondern leise. Sie kroch überall hin.

3

Ich schlief durch bis zehn, schälte mich nach kurzem Kampf aus dem Bett, setzte Kaffee auf und stellte mich dem Montagvormittag einer neuen Woche.

Ines hatte das Wohnzimmer aufgeräumt, die Bettwäsche in der Truhe verstaut und gelüftet. Auf dem Tisch lag die Visitenkarte der gestrigen Besucherin: Susan Maiwald. Adresse im Lehel, gar nicht weit von mir, gute Gegend. Telefonnummer, E-Mail-Adresse.

So etwas hatte ich im Abi-Alter noch nicht unter die Leute gebracht. Ich hatte gerade zum ersten Mal im Leben bei der Eröffnung meiner Detektei Visitenkarten drucken lassen.

Das Lehel war eines der teuersten Innenstadtviertel. Nur ein Katzensprung von der Isar und vom Englischen Garten. Ich kannte keine Untersuchung, aber wenn es irgendwo in München gute Luft gab, dann dort.

Während die verkalkte Kaffeemaschine vor sich hin spotzte, ging ich ins Bad und widmete mich der neuen Ultraschall-Zahnbürste, die mein Zahnarzt mir ans Herz gelegt hatte. Der Spiegel über dem Waschbecken zeigte mir den Lauf der Zeit in meinem Gesicht. Die Augenringe waren eindeutig chronisch geworden und keinem Kater nach durchgefeierter Nacht in die Schuhe zu schieben. Auch keiner Taxinacht. Die Lachfalten blieben, selbst wenn es überhaupt nichts zu lachen gab.

Ich setzte mich in die Küche und trank Kaffee. Stark und schwarz. Mein Magen signalisierte, dass er vorerst in Ruhe gelassen werden wollte von Feststofflichem. Dann holte ich das Telefon und die Visitenkarte von Susan Maiwald.

Sie meldete sich nach dem ersten Läuten.

»Maiwald.«

»Guten Morgen, Frau Maiwald. Ludwig Fendt. Sie waren gestern bei mir. Möchten Sie mir erzählen, warum?«

Und Susan Maiwald erzählte. Sie erzählte von einer verschwundenen Mutter, von Angst, von einer Polizei, die sie nicht ernst nahm.

»Ich schlage vor, Sie kommen vorbei und erklären mir das alles nochmal in Ruhe. Und auch was ich für Sie tun kann.«

Ich schenkte mir die zweite Tasse Kaffee ein. Das Wohnzimmer musste noch etwas umgerüstet werden, um als professioneller Arbeitsraum der Detektei Fendt durchgehen zu können. Gut, dass es ohnehin ziemlich nippesfrei war, dachte ich. Ich mochte es nicht, wenn in Wohnungen zu viel Aufbewahrtes herumstand. Zeugen längst überholter Lebenszeiten. Ich mochte es nicht, wenn Menschen sich nicht trennen konnten, aus jeder Zeit Dinge in die nächste trugen, Erinnerungen, als ob man für das Schöne im Erlebten Eselsbrücken bräuchte.

Susan Maiwald sah nicht ganz so aus, wie Ines sie beschrieben hatte. Jedenfalls entsprach sie nicht der Erwartung, die bei mir nach der Schilderung meiner Tochter entstanden war. Sie war langhaarig und blond, gut frisiert, gut angezogen, die Klamotten bestimmt nicht billig. Aber nach Ines’ Beschreibung hatte ich eine eitle aufgetakelte Göre erwartet. Das war sie nicht. Da stand eine junge Frau vor mir, die in die Eleganz noch nicht hineingewachsen war, die sie ausstrahlen wollte. Nylons, Pumps, Kostümchen. Eine kleine große Dame. Es war klar, dass es Ines da schauderte. Mein kleines Punkermädchen mit den kurzen lila Haaren und den großen Stiefeln.

Wir tauschten ein paar Förmlichkeiten. Ich platzierte sie in meinem Wohnzimmersessel, schenkte Mineralwasser ein, sie wollte keinen Kaffee.

»Jetzt erzählen Sie mal in Ruhe!«, sagte ich.

»Sie müssen meine Mutter suchen!«

»Das heißt, Ihre Mutter ist verschwunden?«

»Ja! Seit fünf Tagen. Wir waren verabredet, und sie ist nicht aufgetaucht. Einfach nicht gekommen. Wir wollten uns im Rischart treffen, einen Kaffee trinken und dann shoppen gehen. Ich hab gewartet und gewartet, angerufen. Nichts. Einfach verschwunden.«

»Wie heißt Ihre Mutter?«

»Anja Maiwald«

Sie nippte an ihrem Wasser, lehnte sich zurück und blickte erwartungsvoll in meine Richtung, so als wäre es ihr Part gewesen, das Problem zu schildern und ich wäre nun mit der Lösung dran. Aber bevor ich beginnen wollte, Fragen zu stellen, war es mir wichtig, möglichst viel aus ihrer Perspektive zu erfahren. Das kleine Einmaleins der Detektive. Reden lassen, zuhören, nicht zu früh und zu oft unterbrechen.

»Erzählen Sie weiter! Was haben Sie gemacht? Was haben Sie versucht?«

Sie nippte noch mal, räusperte sich, anscheinend hatte sie einen trockenen Mund.

»Ich bin nach Hause gegangen. Habe mit Mike geredet.«

»Wer ist Mike?«

»Mike ist mein Freund. Er meinte natürlich, dass sie sich schon melden würde. Ich sollte Ruhe bewahren. Aber sie meldete sich nicht. Dann habe ich alle Leute angerufen, bei denen ich mir vorstellen konnte, dass sie dort sein könnte oder mit ihnen unterwegs. Nichts. Niemand wusste was.«

»Kennen Sie denn alle ihre Freunde und Bekannten?«

»Die meisten bestimmt. Ihr Adressbuch habe ich nicht gefunden. Sie muss es bei sich haben.«

»Sind Sie zur Polizei gegangen?«

»Ja, nach drei Tagen.«

»Es läuft also eine polizeiliche Suche nach ihr.«

»Das glaube ich nicht.«

Der Satz kam dermaßen traurig rüber, traurig und resigniert, aber auch trotzig, anklagend. Sie lehnte sich zurück. Wir schwiegen beide und ließen dem Gesagten eine Pause, um sich zu setzen. Dann wiederholte sie: »Ich glaube nicht, dass man sie sucht.«

»Warum glauben Sie das nicht? Wie hat man denn reagiert auf Ihre Vermisstenmeldung?«

»Zuerst interessiert. Ich erzählte, sie hörten zu. Ich sagte ihnen auch, dass Mama kein Heimchen am Herd war. Dann ließ man mich eine Weile sitzen. Anscheinend haben sie irgendetwas Gespeichertes durchgecheckt. Mir war schon klar, was sie gefunden haben. Meine Mutter war schon zwei Mal verschwunden und beide Male unversehrt zurückgekommen. Und dann erklärten sie, dass es wahrscheinlich diesmal wieder so wäre. Das war’s dann.«

»Aha. Wussten Sie davon?«

»Ja, sie hatte es mir mal erzählt. Es ist viele Jahre her.«

»Erzählen Sie mir auch davon!«, forderte ich sie auf. Ich befürchtete, dass der Fall oder der Auftrag gerade dabei war, sich von mir zu verabschieden. Eine Mutter suchen, die einfach mal ein paar Tage ihre Ruhe wollte und keine Lust hatte, ihr Töchterchen davon in Kenntnis zu setzen. Das war nicht mein Job. Allerdings, die geplatzte Verabredung war kein netter Start dafür. Aber vielleicht hatte sie das Treffen einfach vergessen.

Susan Maiwald begann zu erzählen. Ein wenig ängstlich, als befürchtete sie, dass ich ähnlich reagieren würde wie die Polizisten. Ganz Unrecht hatte sie nicht damit.

»Meine Mutter ist als kleines Mädchen mal ausgerissen. Sie war ungefähr zwölf. Sie wohnten in Bogenhausen in einer Villa. Da wohnen ihre Eltern heute noch. Sie war bis dahin immer ein braves Mädchen gewesen. Sie ist zu Fuß bis zum Englischen Garten gekommen. Hat sich zu einigen Späthippies, die Musik machten und kifften, auf die Wiese gesetzt. Ein paar von ihnen, völlig zugedröhnt, haben sie mitgenommen in ihre WG.«

»Und sie dort behalten?«

»Ja. Das süße Mädchen, das raus wollte aus der bürgerlichen Enge und mal ein anderes Leben sehen als das ihrer Eltern. Sie fanden es Klasse, und dem Mädchen ging’s prima. Nach einer Woche war mal einer von ihnen nüchtern genug, einen Bericht über das vermisste Mädchen in der Zeitung zu entdecken. Fernseher hatten sie keinen. Sie haben sie dann zur Polizei gebracht, die sie natürlich überall gesucht hatte.«

»Das hat aber noch nicht gereicht, um heute eine Vermisstenmeldung in den Papierkorb zu werfen, oder? Was war das zweite Mal?«

»Das zweite Mal war kurz nach meiner Geburt. Sie war jünger als ich heute. Geld war genug da im Elternhaus. Aber mit einem Kind kam sie nicht klar. Meine Großeltern hatten reichlich Personal engagiert, um mich zu versorgen, aber sie hielt es trotzdem nicht aus und lief davon. Ich glaube, sie wollte aus ihrem Leben verschwinden.«

»Traurige Geschichte«, sagte ich. »Wie lange blieb sie weg?«

»Lange. Finanziell war das kein Problem. Sie hatte immer Zugang zu Geld, ihr Großvater hatte ihr eine große Summe hinterlassen. Mein Vater, also mein Erzeuger, hatte sich aus dem Staub gemacht. Er war bei meiner Geburt schon nicht mehr da. Und sie verschwand für fast drei Jahre ohne ihr Baby. Ließ mich einfach zurück, reiste herum.«

»Und wie kam die Polizei ins Spiel? Wie wurde das aktenkundig?«, unterbrach ich.

»Es hat über einen Monat gedauert, bis das erste Lebenszeichen kam. Meine Großeltern hatten sie als vermisst gemeldet. Glaubten an ein Verbrechen, eine Entführung. Warteten auf eine Lösegeldforderung. Die kam natürlich nicht. Die Polizei nahm die Vermisstenmeldung entgegen, riss sich aber keinen Arsch auf. Es kam ja auch kein Schreiben und nichts. Es gab keine Unfallmeldung, keine Leiche, sie war in keinem Krankenhaus eingeliefert worden.«

Ihr Gesicht war gerötet. Sie hatte schnell gesprochen. Anscheinend hatte sie sich die Geschichte bereits vor ihrem Kommen zurecht gelegt. Ich schenkte ihr Wasser nach. Sie hatte sie sehr distanziert erzählt. Als würde sie nicht von sich sprechen. Als wäre dieses verlassene Baby nicht sie. Ihre Mutter hatte offensichtlich aus dieser wenig schmeichelhaften Tat kein Geheimnis gemacht.

Sie unterbrach mein Nachdenken.

»Mama und ich haben uns ausgesprochen. Sie war jung und hat das nicht durchgestanden. Der Mann weg, das Baby und diese bescheuerten Eltern, die dachten, es wäre genug Hilfe, den Geldbeutel zu öffnen. Sie hat es nicht ausgehalten, und ich nehme ihr das heute nicht mehr übel. Sie ist jetzt eine andere Frau. Sie arbeitet, obwohl sie das nicht bräuchte. Hat eine Ausbildung zur Stadtführerin gemacht. Gebüffelt für die Prüfung. Arbeitet für ein Hotel.«

»Was macht sie da?«

»Sie macht Führungen durch die Stadt zu ganz verschiedenen Themen. Kunsthistorisch, geschichtlich, architektonisch. Sie nimmt das wirklich ernst und gibt sich Mühe. Außerdem ist sie ein bisschen das Mädchen für alles. Besorgt Theater- oder Opernkarten, berät Gäste bei der Restaurantwahl, reserviert Tische. Übersetzt. Sie spricht ziemlich gut Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Das hat sie alles erst nach der Schule gelernt. Sie hat viel geschuftet dafür.«

»Wie meinten Sie das mit ,Sie ist jetzt eine andere Frau?‹«

»Sie ist nicht einfach mehr reiche Tochter reicher Eltern, die in ihrem Leben nie arbeiten musste, sich Luxus gönnt und meint, es muss so sein. So ist sie nicht.«

»Und heute sind Sie sicher, dass Ihrer Mutter etwas zugestoßen ist?«

»Ja.« Die Antwort kam ohne das geringste Zögern.

Als wir uns verabschiedeten, blieb sie in der offenen Tür stehen. Etwas hielt sie zurück. Ich sah, dass Tränen in ihren Augen standen. Ich hatte eine Tochter, die kaum älter war, und wenn es etwas gab, das ich ganz schlecht aushielt, dann waren es Tränen. Sie riefen mir Gefühle zurück, die ich Ines gegenüber empfunden hatte, als Karin und ich uns getrennt hatten. Das war das Schwerste gewesen. Schwerer und schmerzhafter als die Trennung selbst. Und das Wissen, das es keinen Weg gab, ihr das zu ersparen. Nur Bemühen, hilflose Versuche, ihr zu erklären, dass sie keinen von uns beiden verlieren würde.

Susan Maiwald war so anders als Ines, aber Tränen waren Tränen. Ich konnte nicht anders, als dieses Mädchen spontan in den Arm zu nehmen, und für einen Augenblick war diese Geste die richtige. Dann besannen wir uns beide und fanden zurück zu der angebrachten Distanz.

»Ich weiß, dass Sie mir auch noch nicht glauben können. Aber bitte versuchen Sie es! Versuchen Sie es einfach!«

Ich nickte, sie drehte sich um und verschwand im Treppenhaus.

Ich würde es versuchen. Das war ich der Traurigkeit dieses Mädchens schuldig, und ich würde natürlich bezahlt werden, was immer sich letztendlich als Grund für das Verschwinden ihrer Mutter herausstellen würde. Bevor ich sie zur Tür begleitet hatte, waren wir uns über mein Honorar einig geworden, fünfundvierzig Euro die Stunde plus Spesen. Ich war günstig. Sie hatte einen vorgefertigten Vertrag unterschrieben, und ich hatte ihr aufgetragen, mir eine Liste aller Verwandten, Bekannten und Freunde ihrer Mutter zu erstellen.

»Wie haben Sie mich übrigens gefunden?« hatte ich sie gefragt.

»Ich habe gegoogelt. Sie haben eine ansprechende Homepage.«

Ich sang innerlich ein Loblied auf Jan, meinen Schwiegersohn in spe.

4

Der Nachmittag verging mit Fragen, die ich mir stellte und die immer wieder bei der gleichen endeten: Wieso war das Mädchen so überzeugt davon, dass ihrer Mutter etwas zugestoßen war? War das ernst zu nehmen? War nicht die Haltung der Polizei viel nachvollziehbarer? Susan Maiwald war außer sich vor Sorge. Susan Maiwald wirkte nicht wie eine hysterische Göre, mit der ihre Hirngespinste durchgingen.

Ich kannte mich gut genug, um zu wissen, dass ich durch diese Grübeleien durch musste, um sie beenden und handeln zu können. Andererseits war es zu früh für Schlussfolgerungen. In dieser Phase ohne jede Unterfütterung mit Fakten mäanderten alle Theorien im leeren Raum dahin. Da war nichts zu ergründen. Mir fehlten alle Informationen. Alle! Da war nichts außer den Ängsten eines achtzehnjährigen Mädchens. Kein Anhaltspunkt, kein Startblock.

Karin rief an und wollte wissen, ob ich wüsste, wann denn Ines nach Hause käme. Ich wusste es nicht, was sie seltsam fand.

»Du lässt sie einfach so gehen?«

Ich war froh, dass ich solche in Fragen verpackte Vorwürfe nicht mehr beantworten musste. Dann rief Ines an und sagte, ich solle bitte Karin sagen, wenn sie anriefe, dass sie erst am Abend käme. Ich sagte ihr, sie solle ihr das bitte selbst sagen.

Um sechs Uhr holte ich den Wagen aus der Tiefgarage unter dem Motorama-Einkaufszentrum. Er war noch warm von der Tagschicht und die Sprituhr zeigte, dass ich erst mal an die Tanke musste. Während ich wartete, bis der Diesel eingelaufen war, funkte ich nach Hans, erwischte ihn irgendwo in Schwabing und verabredete mich um Mitternacht zur Pizza und zwei oder drei Blitzschachpartien.

Hans war mein Freund und Lieblingskollege. Hans war notorischer Single und gern mal unglücklich verliebt, hatte den messerscharfen Verstand eines Informatikers und die dazu gehörige fehlende Phantasie. Ich gewann jede Schachpartie, die wir ohne Zeitdruck spielten, und ich verlor jede Partie unter dem Druck der Schachuhr.

Karin hatte mal gesagt: »Du bist nicht dumm, aber langsam«. Und so recht sie hatte, ich war froh, es nicht mehr hören zu müssen.

Noch an der Tankstelle, ich hatte gerade die Rechnung unterschrieben, die mein »Besitzer« zu begleichen hatte, schlüpfte mir ein Pärchen auf die Rückbank.

»Hochleite, in den Biergarten.«

Knappe Ansage. Dann vergaßen sie mich.

Ich hatte die beiden eine halbe Stunde im Wagen. Die Grünwalder Straße war natürlich um diese Zeit verstopft. Die »Hochleite« war ein Biergarten, in den man nach Münchner Tradition sein Essen mitbringen durfte, allerdings nur in einen abgetrennten Teil. Im Rest des Gartens und im Gebäude wurde bedient, und die Harlachinger und Grünwalder Villenbewohner zahlten nicht zu knapp für ihre Mahlzeiten.

Ich war schon wieder weg, bevor ich sehen konnte, welchen Teil die beiden ansteuerten, stellte mich als einziges Taxi an die Bavaria Filmstudios und bekam nach kurzem Warten einen Stich zurück in die Innenstadt. Auch der Rest des Abends verlief ohne erinnerungswürdige Fahrgäste und ohne erwähnenswerte Trinkgelder. Kurz vor zwölf funkte mich Hans an. Er wartete schon im Nonstop und fragte, ob er für mich Pizza Funghi bestellen solle. Er sollte. Hans war meistens vor mir da, weil er grundsätzlich keine Zeit mit Parkplatzsuche verschwendete, sondern bedenkenlos auf dem Gehsteig parkte.

Ich fand einen Platz, einige Minuten zu Fuß vom Nonstop entfernt. Aber die paar Schritte taten gut. Als ich ins Lokal kam, winkte er bereits aus einer Ecke. Hans war immer leicht zu finden. Er war deutlich über eins neunzig und breit und blond wie ein Wikinger. Außer mir wusste niemand, dass er sein Haar färbte und dass er längst schlohweiß wäre. Wir berichteten uns bei unseren nächtlichen Treffen natürlich alles Erzählenswerte über die erste Hälfte der Nachtschicht, ich erfuhr aber auch das Wichtigste und Neueste seiner missglückten oder missglückenden Frauenbekanntschaften.

»Du bist ein Trödler!« begrüßte er mich. »Ich warte seit einer halben Stunde.«

Ich konnte ihn kaum verstehen, so laut war es um uns. Hier war alles, was nachts arbeitete und in der Bahnhofsgegend zu tun hatte. Dazu Gruppen von Jugendlichen, die ein später Hunger überfiel, Reisende, die auf einen Zug warteten oder auf jemanden, der sie abholte, Touristen, die in einem der nahe gelegenen Hotels abgestiegen waren, manchmal Polizisten, die sich Stärkung besorgten für die nächtliche Streife.

Eine große üppige Bedienung, die auch in einem Bierzelt eine gute Figur gemacht hätte, fluchte, weil sie fast über einen Rollkoffer gefallen wäre und fragte laut rufend, für wen denn nun das Weißbier sei, das sie noch in der Hand hatte. Das Nonstop war eines der nicht mehr so zahlreichen Münchner Lokale, die wirklich wichtig waren. Die Pizza kam. Ich erzählte kauend von meinem neuen Fall. Wir beschlossen, heute die Blitzschachpartien ausfallen zu lassen, aßen auf, zahlten.

»Komm, gehen wir raus!«, meinte Hans. »Hier ist es heute einfach zu laut.«

Wir schlenderten zusammen über die Bayerstraße, die allerdings nur wenig leiser war als das Innere des Nonstop. Hans war ganz bei meiner Geschichte.

»Warum ist das Mädchen so sicher?«

»Ich weiß nicht.«

»Glaubst du ihr?«

»Ich glaube schon.«

»Du glaubst, dass du ihr glaubst. Das klingt nach einer seriösen und systematischen Ermittlung!«

Hans’ Sarkasmus war meistens konstruktiv. Aber nicht immer.

»Ich werde bald mehr erfahren. Sie bringt mir eine Liste aller Bekannten und Verwandten und Freunde ihrer Mutter. Da wird sich dann schon ein Anhaltspunkt finden.«

»Hast du keine Ahnung, warum sie so überzeugt davon ist, dass ihrer Mutter etwas zugestoßen ist? Wirklich gar keine?«

»Nein, habe ich nicht. Noch nicht.«

»Ich weiß nicht, ob du den richtigen Job hast, Ludwig. Und ich meine nicht das Taxifahren. Denk doch mal nach!«

»Ich tu kaum etwas anderes.«

»Versetz dich in das Mädchen!«

»Hältst du das für eine leichte Übung?«

»Nein, aber für eine nötige. Ich denke, es gibt für sie keine schlimmere Vorstellung, als dass ihre Mutter wieder verschwunden ist, so wie damals, als sie ein kleines Kind war. Dass ihre Mutter sie noch einmal zurückgelassen hat, sich wieder aus ihrem Leben geschlichen hat. Vielleicht kann sie besser mit einer Mutter leben, die Opfer ist.«

»Westentaschenpsychologe!«

Wir standen vor meinem Taxi. Ich ließ Hans einsteigen, fuhr zurück zum Nonstop. Hans’ Auto stand auf dem Gehsteig neben dem Eingang.

»Ruf mich an!«, sagte er.

III

Er stand neben ihrem Bett. Sie lauschte, tat, als schliefe sie, als wäre sie noch ohne Bewusstsein, aber alles in ihr lauerte auf Wahrnehmbares. Sie hörte seinen Atem. Mit irgendeinem ihrer Sinne, von dem sie nicht gewusst hatte, dass es ihn gab, fühlte sie seine Blicke auf ihr.

Die Augen hielt sie geschlossen. Wollte ihn nicht sehen. Ihn sehen, hieße, etwas tun müssen. Etwas sagen, sich widersetzen, schreien. Aber das konnte sie nicht. Nicht jetzt. Nicht in diesem Moment, in dem sie nicht verstand, was mit ihr geschah. Sein Anblick würde all die Furcht, vor der sie die Augen schloss, in ihr Inneres jagen. Doch sie wusste, dass ihm nichts entging. Nicht das kurze Flattern ihrer Lider. Nicht ihr Bemühen um einen stetigen Atem. Eben noch hatte ein verräterisch tiefer Zug ihre Brust gedehnt. Bestimmt hatte er ihn gesehen, vielleicht sogar gehört. Sie tat alles, um ihn nicht wahrnehmen zu lassen, dass sie wach war, und wusste, dass sie ihn nicht täuschte.

Er band sie los, ergriff ihre Hand, zog sie hoch, sie ließ es zu. Nacheinander nahm er ihre Gelenke in die Hand, versorgte die aufgeschürften Stellen. Das Desinfektionsspray brannte.

»Du kannst das Bad benutzen.«

Er führte sie in eine Ecke des Raumes, die außerhalb ihres Blickfeldes gewesen war, als sie in Fesseln lag. Das Bad war ein kleiner abgetrennter Raum, durch eine Schiebetür zu öffnen. Sie bemerkte erst jetzt, dass es ihn gab.

Es war ein karg ausgestattetes Badezimmer. Ein Duschkopf an der Decke. Das Wasser musste über ein Gefälle im Betonboden in einen Gully abfließen. Ein Waschbecken, neben dem eine Seife und ein Handtuch lagen. Ihre Handtasche hatte er dazu gelegt. In der Ecke eine Toilettenschüssel. Er hatte einen kleinen Klappspiegel aufgestellt, ein paar andere Dinge gebracht, von denen er wohl annahm, dass sie sie brauchte. Zahnbürste, Zahnpasta, einen Becher, Seife, Shampoo, einen kleinen Föhn.

Er schob sie in den Raum, schloss die Schiebetür hinter ihr und ließ sie allein.

»Beeil dich! Ich warte.«

Sie setzte sich auf die Toilette und entleerte sich, betätigte die Spülung. Sich auszuziehen, kostete sie Überwindung. Der Boden war kalt. Das Wasser war nicht wärmer als lau. Es war die freudloseste Dusche, die sie je genommen hatte. Dennoch wusch sie sich ausgiebig, auch die Haare, kämmte ihre langen dunklen Locken, schminkte sich. Die Dinge aus ihrer Handtasche waren alle da. Nein, sie wollte nicht verwahrlosen. Würdelos sollte er sie nicht sehen.

Sie trocknete sich ab, föhnte ihre Haare.

»Komm jetzt endlich raus!«

Sie zog sich an, ihre Haare noch feucht, schob die Tür auf. Er stand wartend im Raum.

»Leg dich wieder hin!«

Sie gehorchte. Er setzte sich auf den Rand des Bettes, verharrte, legte sich neben sie, eng, so entsetzlich eng. Er sprach leise, hauchte fast in ihre Achselbeuge, als wollte er, dass seine Worte dort endeten.

»Weißt du, dass meine Mutter die schönste Frau der Welt war? Und weißt du, dass du Augen hast wie sie? Und dass du lachst wie sie? Ich sehe sie so oft vor mir. Ich höre ihre Stimme, ich kann sie riechen, ihre Haut spüren. Weißt du, wie ich sie jede Nacht sehe? Sie steht vor dem Badezimmerspiegel und kämmt sich die Haare. Sie sind lang und dunkel, so wie deine, und wenn sie sie auskämmt, reichen sie ihr fast bis zum Po.«

Langsam ließ er seine Hand über ihren Bauch wandern. Tastete nach ihrem Atem. Sie hielt ihn an, als könnte sie sich damit wehren gegen seine Berührung.

»Sie stand eine Ewigkeit vor dem Spiegel und kämmte sich. Die Tür zwischen dem Badezimmer und ihrem Schlafzimmer stand offen. Immer wenn Papa nicht da war, lag ich in ihrem Bett und versteckte mich unter der Decke.

Es war unser Spiel.

›Ich bin so froh, dass ich den Kleinen hab‹, sagte sie manchmal zu Papa, wenn sie gestritten hatten, ›und dass er nicht nach dir kommt.‹

Ich erinnere mich an alles. Alles! Ich erlebe es. Wieder und wieder. Ich habe die Decke über den Kopf gezogen und mir mit der Hand ein Guckloch offen gehalten. Sie steht immer noch nackt vor dem Spiegel. Jetzt ist sie fertig mit dem Kämmen und dreht sich um. Ich sehe ihren großen Busen mit den dunkelbraunen Spitzen und ihr schwarzes Dreieck in der Mitte, da wo die Beine aufhören.

Sie macht das Licht aus, kommt ins Schlafzimmer. Auf der Kommode liegt ihr Nachthemd. Sie streift es über. Es ist hellblau und ganz dünn und durchsichtig und so kurz, dass es gerade über den Po reicht.

›Ja, wen haben wir denn da‹, sagt sie und greift ganz schnell unter die Decke, kitzelt mich am Fuß oder wo sie mich halt grad erwischt.

›Solltest du nicht längst in deinem Bett sein?‹

›Gleich‹, sage ich.

›Mein kleiner großer Kuschelbär‹, sagt sie und legt sich neben mich.

Sie streichelt meine Haare und mein Gesicht.

Du bist mein Liebster, sagt sie. Aber jetzt musst du in dein Bett gehen und schlafen.

Gleich, sage ich.

Sie liegt auf dem Rücken. Mein Kopf auf ihrer Schulter. Meinen Arm habe ich über sie gelegt. Meine Hand ist auch da, einfach so, weil sie am Ende meines Armes hängt. Meine Hand liegt jetzt auf ihrer Brust. Sie ist so weich, und ich spüre die Spitzen unter dem dünnen Nachthemd.

Mein Bauch mit dem harten Pimmel liegt an ihrer Seite, an ihrer Hüfte oder an ihrem Schenkel.

Sie bewegt ihr Bein, und ich habe mich an sie gepresst und bewege mich auch.

Ich streichle ihre Brust und drücke sie sanft und spüre, wie ihre Spitzen ganz fest werden, und dann zuckt es unten bei mir.

In meiner Schlafanzughose ist es ganz nass geworden. Nass und klebrig.

Mama lächelt.

›Komm mein Großer‹, sagt sie, küsst mich auf den Mund. ›Marsch ins Bett!‹

Ich schäle mich aus der Decke und gehe zu der Tür, die in mein Kinderzimmer führt. Ich gehe ein bisschen seitwärts, so dass sie nicht sieht, dass meine Schlafanzughose noch immer vorn ausgebeult ist und einen nassen Fleck hat.«

Anja zitterte, als würde sie frieren.

»Verstehst du, verstehst du nun, warum du da bist?«

Ein Krampfen begann, sich von den Fingern und den Zehen her in ihren Körper zu schieben, durchwanderte ihre Glieder, packte sie in ihrer Mitte.

»Gar nichts verstehe ich!«, schrie sie. Und dann hörte es nicht mehr auf, das Schreien. Es bahnte sich seinen Weg heraus aus ihr, bis er zuschlug mit all seiner Kraft, bis seine Hand ihr Gesicht traf und es wieder dunkel wurde.

Er schmiegte seinen Körper an den ihren, presste sich an ihre Hüfte, ihre Schenkel, seinen Kopf in ihre Achselhöhle, wurde ganz klein, streichelte sie mit seiner Wange.

»Du bist so schön!«