Über das Buch

Zwei Babys werden unabhängig voneinander im Winter 1914 in einem Waisenhaus in Montreal ausgesetzt. Als Kinder besitzen beide unvergleichliche Talente: Pierrot ist ein Wunderkind des Klavierspiels, Rose erhellt mit ihrem Tanz und ihrem Charme jeden noch so trostlosen Raum. Sie verlieben sich ineinander. Und während sie zunächst heimlich und dann gezielt durch die Stadt reisen und zusammen auftreten, basteln sie an einem Plan für die außergewöhnlichste, verführerischste Revue, die die Welt je gesehen hat. Als Teenager getrennt, während der Weltwirtschaftskrise als Bedienstete angestellt, begeben sich beide in die Unterwelt der Stadt und machen ihre Erfahrungen mit Sex, Drogen und Diebstahl, um zu überleben. Aber als Rose und Pierrot sich nach Jahren der Suche und der verzweifelten Armut endlich unter den Schneeflocken wiederfinden, sind die Möglichkeiten ihrer Kindheitsträume zurück, und sie tun alles dafür, um sie wahr werden zu lassen. Ein herzergreifender Kampf um Liebe, Kunst und Anerkennung.  

„Dieser Roman wird seine Leser von der ersten Seite an fesseln!“ Publisher’s Weekly

„Heather O’Neill ist eine Meisterin der Metaphern und Bilder.“ Booklist  

„Was für eine außergewöhnliche Autorin!“ Toronto Star  

Über Heather O'Neill

Heather O’Neill ist Schriftstellerin, Dichterin, Drehbuchautorin und Essayistin. Ihr Debütroman („Lullabies for Little Criminals“, 2006) wurde international gefeiert und für den Orange Prize for Fiction nominiert. Heather O’Neill ist in Montreal geboren und aufgewachsen und lebt dort heute mit ihrer Tochter.

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Heather O'Neill

Träume aus Papierschnee

Roman

Aus dem Englischen von Gesine Schröder

Kapitel 1

Die Geburt eines Jungen namens Pierrot

Eines Tages im Jahr 1914 pochte ein Mädchen an die Tür des Hôpital de la Miséricorde auf dem Dorchester Boulevard. Sie war pummelig, mit roten Apfelbäckchen und blonden Ringellocken. Sie war gerade mal zwölf.

Ihr älterer Cousin Thomas war in den Krieg gezogen, nach Frankreich. Sie hatte ihn vergöttert, seit sie denken konnte. Er war ein Draufgänger, konnte auf den Händen laufen und nahm sie sonntags mit in den Park, wenn die Musikkapelle spielte. Mutig war er auch und hatte schon immer Soldat werden wollen. Eines Nachmittags im vergangenen Winter hatte er sie besucht und gesagt, er wolle sie einer Musterung unterziehen, wie die Jungen sie über sich ergehen lassen müssten, um zu schauen, ob sie für den Kriegsdienst tauge. Es hatte sie brennend interessiert, ob sie als Junge auch ein Soldat hätte werden können. Er hatte ihr erklärt, dass er seinen Penis in sie hineinstecken müsse, um ihre Körpertemperatur zu messen. Als er sich überzeugt hatte, dass sie rundherum gesund war, hatte er eine rote Schleife hervorgeholt, wie man sie an Keksschachteln findet. Er hatte sie ihr als Orden für ihren Dienst am Vaterlande ans Revers geheftet. Als der Erzherzog Franz Ferdinand ermordet wurde, betete Thomas inbrünstig, dass Kanada in den Krieg eintreten möge, um von der schwangeren Cousine fortzukommen.

Ihre Eltern schickten sie ins Hôpital de la Miséricorde. Jeden Tag standen vor diesem Spital junge Mädchen Schlange, die ihre prallen Bäuche nicht mehr vor der Familie verbergen konnten. Sie waren alle hinausgeworfen worden. Manche hatten ihre Koffer packen können. Andere hatte man einfach an den Haaren vor die Tür geschleift. Die Mädchen trugen noch die Handabdrücke ihrer Väter auf den Wangen, Blutergüsse, die sie unter ihren hübschen blonden Locken oder dem glatten schwarzen Haar verbargen. Sie sahen aus wie Porzellanpuppen, die bei ihren Besitzerinnen in Ungnade gefallen waren.

Für fünf angenehme Minuten auf einer Hintertreppe hatten diese Mädchen ihr ganzes Leben verspielt. Jetzt mussten sie sich mit den Fremden in ihren Bäuchen vor der Welt verstecken, während die jungen Väter weiter ihrem Alltag nachgingen, ihr Fahrrad spazieren fuhren oder pfeifend im Badezuber saßen. Genau dafür hatte man das Spital gegründet. Aus tiefstem Mitgefühl für diese armen Seelen.

Sobald sich die Türen des Hôpital de la Miséricorde hinter den Mädchen schlossen, gaben die Nonnen ihnen neue Namen. Angeblich dienten sie nur ihrem Schutz, doch es war kaum zu übersehen, dass sie die Mädchen auch erniedrigen und an ihre Sündhaftigkeit erinnern sollten. Man nannte sie Chastity oder Salome oder Dismal.

Dem apfelbäckigen Mädchen wurde der Name Ignorance zugewiesen. Alle nannten sie Iggy. Es scherte sie gar nicht, dass sie in ihrem kleinen Schmerbauch die kostbarste Last der Welt mit sich herumtrug. Einmal prügelte sie sich mit einer Katze. Ein anderes Mal hüpfte sie von einem Bett zum nächsten, als wären es Eisschollen. Sie vollführte Radschläge auf den langen Fluren. Die Nonnen bemühten sich nach Kräften, sie davon abzuhalten. Sie fragten sich, ob die Kleine dermaßen naiv war oder aber versuchte, eine Fehlgeburt herbeizuführen in der irrigen Hoffnung, sie könnte es sich dadurch leichter machen.

Da verwunderte es niemanden, dass ihr Sohn blau angelaufen auf die Welt kam. Es sah alles nach einer Totgeburt aus. Der Arzt horchte auf den Puls. In der Brust des Säuglings war kein Herzschlag zu hören. Er hielt dem Kind eine Hand vor den Mund, um die Atmung zu überprüfen, aber da war nichts.

Man ließ den Säugling auf dem Untersuchungstisch liegen. Seine Ärmchen lagen seitlich am Körper, die O‑Beine fielen schlaff auseinander. Der Priester fragte sich, was mit solchen Kindern im Limbus passierte. Er schwenkte seinen Rosenkranz über dem Säugling und murmelte ein Gebet. Er wandte sich ab. Später würde er den Leichnam in der großen Ledertasche fortschaffen, die er eigens für solche Zwecke bereithielt. Er würde ihn hinter der Kirche in einem Brotkasten bestatten lassen. Für solche Todesfälle brauchte es keine teuren Särge.

Da geschah etwas Seltsames, Surreales – der Penis des kleinen Jungen richtete sich kerzengerade auf. Und dann hustete und schrie das Kind, wechselte die Farbe und begann die Glieder zu regen. Die Erektion hatte es von den Toten auferweckt. Der Priester wusste nicht zu sagen, ob er einem Wunder beiwohnte. War dies ein Werk Gottes, oder war es Teufelswerk?

Als eine Nonne aus dem Hôpital de la Miséricorde Iggys Kind im Waisenhaus abgab, wo es den Rest seiner Kindheit verbringen sollte, sagte sie den dortigen Schwestern, sie sollten ein wachsames Auge auf den Jungen haben. Seine Mutter sei ein Wildfang gewesen. Obwohl das Kind noch sehr klein war, spürten sie sofort, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte. Um die Beine der Nonnen strich eine schwarze Katze und folgte ihnen über die Schwelle. Im Waisenhaus gab man allen männlichen Kindern den Namen Joseph. Daher mussten sie auch Spitznamen bekommen. Diesen Säugling nannten die Nonnen Pierrot, weil er so bleich war und weil er immerzu dümmlich grinste.

Kapitel 2

Die trübselige Vorgeschichte eines Mädchensmit Namen Rose

Rose war die Tochter einer Achtzehnjährigen, die bis zum sechsten Monat der Schwangerschaft nichts von ihrem Zustand ahnte. Roses Mutter hatte den Vater nicht besonders gut leiden können. Er hatte ihr jeden Tag an einer Straßenecke aufgelauert. Wenn sie vorbeikam, bettelte er, sie solle ihm in der Seitengasse ihre Brüste zeigen. Eines Abends hatte sie ihm nachgegeben. Sie hatte gedacht, wenn sie mit ihm schlafe, werde er endlich aus ihrem Leben verschwinden. Was er dann auch tat.

Als ihr klar wurde, was passiert war, verbarg sie ihren Bauch unter weiten Kleidern. In der Badewanne ihres Elternhauses brachte sie ein winziges Mädchen auf die Welt. Es hatte zarte violette Augendeckel und sah aus, als käme ihm gerade eine dichterische Inspiration. Die Schwestern der jungen Mutter schauten das Neugeborene erschrocken an und wussten nicht, was sie mit ihm anstellen sollten. Sie vergaßen, ihm den Mund zuzuhalten, und es stieß einen Schrei aus, der die gesamte Hausgemeinschaft herbeirief.

Tränen liefen dem Mädchen aus den vom Vater blaugeschlagenen Augen, als sie den Säugling in eine Decke einpackte. Sie zog sich Stiefel und einen schwarzen Mantel über. Eigentlich hätte sie geraden Wegs zur Kirche laufen sollen. Auf den Stufen davor wurden alle naselang Kinder abgeladen. Die Fäuste des Säuglings öffneten und schlossen sich wie versonnene Seeanemonen. Ehe das Mädchen aufbrach, lief es heimlich zu seiner Mutter und bat sie auf Knien um fünfzig Dollar. Halb von Mitleid, halb von Abscheu getrieben gab die Mutter ihr das Geld. Das Mädchen bedankte sich flüsternd und eilte davon.

An der Kirche lief sie vorüber und klopfte eine Meile weiter, am Ende einer schmalen Straße, an eine Tür. Dort lebte eine Frau, die Müttern für fünfzig Dollar ihre Kinder abnahm. Gegen diese Gebühr gab sie den Müttern das Versprechen, die Kleinen vor dem Waisenhaus zu bewahren.

Eine Frau im Mantel mit schießpulvergrauem Haar öffnete Roses Mutter die Tür. Sie bat das Mädchen in die Küche und sagte, sie wolle den Säugling bei einer reichen Familie unterbringen, in Westmount. Das Kind werde weiße Kleider mit Spitzenkrägen tragen, in denen es aussehen werde wie eine Blume. Sie werde ein eigenes Kindermädchen und einen Irischen Wolfshund haben. Ständig werde ihm aus dicken, fetten Büchern vorgelesen werden, wenn die Mutter nur zahlte. Wenn sie zahlte, war dem Kind eine glückliche Zukunft sicher.

Was für närrische Vorstellungen Roses Mutter gehabt haben musste, dass sie der Frau abkaufte, was diese anbot. Vorstellungskraft nützte einem Mädchen in Montreal zu Beginn des Jahrhunderts gar nichts. Klugheit, ja, die hätte sie gebrauchen können. Aber auf kluge Ratschläge hatte sie noch nie gehört.

Ein Arbeiter, der seinen Heimweg von der Fabrik abkürzte, fand Rose in eine Decke gewickelt im Mount Royal Park. Sie war steifgefroren und trug zwei runde blaue Male auf den Wangen, wie kleine Rosen. Der Mann hielt sich das Bündel ans Ohr und spürte, dass die Wangen des Kindes eiskalt waren, doch er hörte es auch ganz leise atmen. Also steckte er es sich unter den Mantel und lief zum Krankenhaus. Dort legte man Rose in einen Bottich mit warmem Wasser. Dass sie die Augen aufschlug, grenzte an ein Wunder.

Die Polizei inspizierte die Grünanlage und fand weitere Säuglinge im Schnee, die sämtlich zu steinernen Engeln gefroren waren. Die grausame Händlerin wurde überführt und ergriffen. Als man sie vor den Richter brachte, bewarfen Passanten sie mit Schneebällen, in die Steine eingebettet waren. Man verurteilte die Frau zum Tod durch den Strang. Alle Welt empörte sich über Roses Schicksal, doch adoptieren wollte sie niemand. Mehr als Empörung konnte man sich nicht leisten.

Die Polizisten brachten das Kind ins Waisenhaus und sagten: »Habt ein wachsames Auge auf sie. Mit der hat das Leben es nicht gut gemeint.« Alle Mädchen im Waisenhaus hießen Marie, und so nannte man denn auch diesen Säugling. Ihr Spitzname aber, der ihr immer erhalten bleiben sollte, war Rose, nach den leuchtenden Malen auf ihren Wangen, deren Farbe von blau zu rot gewechselt war und die erst Wochen später allmählich verblassten.

Kapitel 3

Eine Geschichte der Unschuld

Das Waisenhaus lag am nördlichen Stadtrand. Die letzten Häuser im Rücken, musste man noch zweitausend Schritte gehen, und schon stand man davor. Heute gibt es diese Einrichtung nicht mehr. Es war ein riesiges Gebäude. Nicht die Sorte, von der man eine Tuschezeichnung hätte anfertigen mögen, denn all die identischen rechteckigen Fenster wären rasch langweilig geworden. Es wäre keine künstlerische Herausforderung dabei gewesen; man hätte seine Zeit und seine Ambitionen besser, sagen wir, auf ein galoppierendes Pferd verwendet.

Vor der Erbauung des großen Waisenhauses hatten die Kinder im Nonnenstift gelebt, das mitten in der Stadt lag. Doch das hatte sie zu sehr in Versuchung geführt. Die Waisen hatten nicht hinreichend begriffen, dass sie nicht dazugehörten. Sie hatten geglaubt, sie hätten wie alle anderen einen Platz im Leben. Dabei sollten sie Unterwürfigkeit erlernen. Hier draußen, im Abseits, ging das besser.

Im Haus wimmelte es von verwaisten und verstoßenen Kindern. Etliche hatten durchaus Eltern, doch sie wurden angewiesen, sich in allen praktischen Belangen ebenfalls als Waisen zu betrachten. Es gab getrennte Schlafsäle für Jungen und für Mädchen an den entgegengesetzten Enden des Gebäudes. In den Schlafsälen standen unzählige gleiche Betten. Die Kinder lagen darin wie auf dem Tablett angerichtete Piroggen. Am Fuß eines jeden Bettes stand eine hölzerne Kiste, in der die Waisen ihren persönlichen Besitz unterbringen konnten. Meist befanden sich darin ein Schlafanzug oder ein Nachthemd, eine Zahnbürste und ein Kamm. Manchmal war auch ein besonderer Kieselstein in der Kiste verborgen. In einer lag eine Pillendose, die einen zerbrochenen Schmetterling enthielt.

Hinter dem Gebäude erstreckte sich der Gemüsegarten, den die Kinder pflegten. Dort stand auch ein Hühnerhaus, in dem wie von Zauberhand jeden Morgen kleine ovale Eier auftauchten. Zerbrechliche Miniaturmonde, die sie zum Überleben brauchten. Die Kinder langten ganz behutsam in die Nester, um die Kostbarkeiten nicht zu zerdrücken. Dazu stülpten sie sich die Ärmel über die Hände, und ihre Arme sahen aus wie Elefantenrüssel, die nach Erdnüssen griffen.

Außerdem gab es zwei Kühe, die täglich gemolken sein wollten. Dazu taten sich die Waisen immer paarweise zusammen: Während ein Kind molk, musste das andere der Kuh gut zureden.

Die Kinder waren alle ganz blass. Sie bekamen nicht ausreichend zu essen. Manchmal ertappten sie sich dabei, wie sie sich eine große Mahlzeit nur möglichst lebhaft vorstellten. Im Unterricht schauten sie an sich herunter und befahlen ihren Mägen, stillzuschweigen – als säße ein bettelnder Hund unter ihrem Pult.

Auch hatten sie nicht genügend warme Kleidung und froren im Winter monatelang. Wenn sie den Fußweg zum Hühnerhaus vom Schnee befreiten, wurden ihnen die Fingerspitzen taub. Dann hauchten sie sich in die Hände, um eine kleine Prise Wärme zu erzeugen. Sie übten Stepptanz, wenn ihnen die Zehen schmerzten. Auch im Schlafsaal froren sie unter ihren dünnen Decken. Sie zogen sich die Decken über die Köpfe, schlangen die Arme um die Knie und versuchten, sich selbst zu wärmen.

Sie wussten nie, wann ihnen Schläge drohten, denn die Nonnen bestraften sie für alle erdenklichen Vergehen. Wie bei jeder Gewaltherrschaft gehörte es zum System, dass ein Kind nie abschätzen konnte, ob es Prügel einstecken würde – es ließ sich weder sicher vorhersagen noch verhindern. In den Augen der Nonnen war schon die bloße Existenz dieser Kinder sündhaft. Folglich war auch alles, was sie taten, Sünde. Manchmal bestraften sie ein Kind für etwas, das sie dem anderen hatten durchgehen lassen.

Es folgt eine Auflistung einiger Vergehen, welche von Januar bis Juli 1914 Züchtigungen nach sich gezogen haben.

Aus dem Buch der minderen Regelverstöße:

Ein Junge hob die Beine in die Luft und strampelte damit, als würde er Fahrrad fahren.

Ein kleines Mädchen schnalzte mit der Zunge, um ein Streifenhörnchen auf sich aufmerksam zu machen.

Ein Junge balancierte mit seinem Essenstablett in der Hand auf einem Bein.

Ein kleiner Junge betrachtete allzu neugierig sein Spiegelbild in einem Löffel.

Ein kleines Mädchen summte die Marseillaise.

Ein Junge stampfte sich zu heftig den Schnee von den Stiefeln.

Ein Mädchen hatte ein nicht gestopftes Loch im Strumpf.

Ein Mädchen zeichnete bei einer Mathematikaufgabe ein lächelndes Gesicht in die Ziffer Null.

Sieben Kinder wischten sich die Nase am Ärmel ab.

Ein Mädchen erlag den Lockungen des Schnees, klaubte eine Handvoll davon zusammen und schob sie sich in den Mund.

Ein Junge erschien zum Frühstück, und jedes einzelne seiner Kleidungsstücke war falsch herum angezogen worden.

Ein Mädchen behauptete, es hätte mitten in der Nacht einen Mann mit Bocksfüßen um die Betten der Kinder schleichen sehen.

Drei Kinder wussten nicht, wie das Meer zwischen Kanada und Europa heißt.

Ein Mädchen malte mit dem Finger Schriftzeichen in die Luft.

Ein kleines Mädchen schaute die Sonne schief an, um sich zum Niesen zu bringen.

Ein Junge spielte, er könnte sich den Daumen von der Hand abziehen.

Ein Mädchen behandelte eine geschälte Kartoffel wie einen Säugling und versteckte sie in ihrer Kitteltasche, damit sie nicht gekocht werde.

Ohne selbst recht zu wissen, warum, legte ein Junge seine Beichte mit einer Entenstimme ab.

Es war ein Trauerspiel mit den Waisenkindern. Sie sehnten sich so sehr nach Liebe. Die Prügel drückte ihnen aufs Gemüt. Weil sie Schläge bezogen, wenn sie vor sich hinträumten, wagten es ihre Gedanken bald nicht mehr, umherzuschweifen. Ihren jungen Hirnen war es nicht vergönnt, sich zu zerstreuen oder auf jener Insel der Seligen zu verweilen, die Kindheit heißt. Doch sowohl Pierrots als auch Roses Persönlichkeit überdauerte das grausame Regime.

Die Mutter Oberin achtete besonders auf die ganz kleinen Kinder, die Zwei- bis Sechsjährigen, die im ersten Obergeschoss einquartiert waren. Das Erste, was Pierrot und Rose gemeinsam hatten, war die schwarze Katze. Die Mutter Oberin versuchte diese Katze loszuwerden, die wie ein Geist durch das Waisenhaus spukte. Das Tier hatte struppiges Fell; es sah aus, als wäre es soeben einem Teerbottich entstiegen und als wäre es mit diesem Schicksal höchst unzufrieden. Manchmal ließ es sich tagelang nicht blicken. Es war, als hätte das Gemäuer die Kreatur verschluckt. Dann aber entdeckte die Oberin sie bei Pierrot im Bett. Kind und Katze schliefen wie Liebende aneinandergeschmiegt. Die Oberin jagte das Tier zum Fenster hinaus. Sie glaubte, sie werde es nie wiedersehen.

Dann sah sie es doch wieder, diesmal mit Rose. Das kleine Mädchen hatte sich hingehockt und redete mit der Katze, als hätten sie etwas Dringliches zu besprechen. Dabei war Rose noch zu klein, um überhaupt richtig sprechen zu können. Sie gab nur brabbelnde, gurgelnde Laute von sich. Es klang wie ein kleiner übersprudelnder Wassertopf. Die Katze hörte Rose aufmerksam zu, dann eilte sie davon, wie um die Neuigkeiten unter den Aufständischen zu verbreiten.

Als Pierrot und Rose beide vier Jahre alt waren, beobachtete die Mutter Oberin, wie sie mit der Katze Vater-Mutter-Kind spielten. Immer wieder küssten sie das Tier auf den Kopf und reichten es hin und her.

»Du bist sehr unartig gewesen, Mieze. Du böses, dummes Ding. Du dreckiger Streuner. Du kommst direkt in die Hölle«, sagte Rose.

»Jawohl, und weinerlich bist du. Dafür gibt’s keine Milch. Keinen Tropfen. Kein kleines bisschen. Kein gar nichts gibt es«, verkündete Pierrot.

»Und wenn du jammerst, kriegst du einen Nasenstüber.«

»›Au, au, miau!‹ Ich kanns nicht mehr hören!«

»Du stinkst. Schrubb dir die Pfoten. Ab ins Bad, du Stinkebalg.«

»Du schlimmer Sünder. Schlimm, schlimm, schlimm. Mehr Dreck als Pfoten.«

»So eine Schande! Schau mich an, du Schandfleck.«

Freundlichere Worte hatten sie nie gelernt. Sie kannten nur Beschimpfungen und Tadel, doch die Kinder verwandelten sie in Liebesgeflüster. Die Mutter Oberin beschloss auf der Stelle, die beiden voneinander fernzuhalten. Für Jungen und Mädchen gab es getrennte Schlafsäle und getrennte Klassenzimmer, doch sie spielten im Gemeinschaftsraum, aßen im selben Speisesaal und verrichteten die Feldarbeit gemeinsam. Im Waisenhaus wurde jede Liebesbeziehung im Keim erstickt. Wenn eines die Menschen ins Verderben stürzte, war es schließlich die Liebe. Diesem flüchtigsten aller Gefühle verdankten diese Kinder ihr Elend. Solche Affären begannen, oft Jahre bevor die Waisen es selbst bemerkten, und nahmen sie erst sichtbare Gestalt an, dann war es zu spät, sie noch zu unterbinden. Also wurden sämtliche Schwestern angewiesen, Rose und Pierrot zu trennen.

Nicht diese beiden Übeltäter, dachte die Mutter Oberin. Nicht diese unglückseligen Findelkinder. Sie waren doch schon dem Tod entronnen. Und jetzt erwarteten sie noch mehr vom Leben.

Kapitel 4

Die frühen Jahre eines genialen Idioten

Pierrot war ein Spätentwickler. Als Säugling regte er sich so gut wie gar nicht. Er lernte nicht einmal sitzen, sondern blieb still auf dem Rücken liegen und starrte zur Decke. Und als er schließlich doch sitzen konnte, hieß das noch lange nicht, dass er gesprochen hätte. Das Sprechen überließ er lieber den anderen Kindern. Ihnen zuzuhören gefiel ihm viel besser, als selbst etwas zu sagen. Manchmal lachte er plötzlich los, und niemand konnte sich erklären, was ihn so amüsierte.

Die Mutter Oberin rechnete fest damit, ihn noch vor seinem sechsten Lebensjahr auf die Reise schicken zu müssen. Sie würde seinen Besitz in einem Köfferchen verstauen, ihm einen Lageplan mit dem Weg zur Irrenanstalt zeichnen und ihn vor die Tür setzen.

Fast hätten ihn die Schwestern von den anderen Jungen abgesondert, aber er schien bestens mit ihnen zurechtzukommen. Sie grenzten ihn nicht aus, wie sie es normalerweise mit zurückgebliebenen Kindern taten. Das sprach dafür, dass sie ihn für ebenbürtig hielten. Solche Dinge wussten die Kinder am besten. Als er endlich doch noch den Mund auftat, im Alter von drei Jahren, wirkte er durchaus verständig.

Was ihn aber letztendlich vor einem Leben in der Zwangsjacke bewahrte, war eine Reihe ungewöhnlicher Fähigkeiten. Er beherrschte den Handstand und den Radschlag. Er vollführte Salti, als wäre es für ein Kind seines Alters etwas ganz Normales. Und er hatte ein Talent zum Alleinunterhalter. Manchmal tat Pierrot, als säße er auf einem Stuhl, obwohl da gar nichts war – ein absurder kleiner Scherz, über den sich die anderen Kinder jedes Mal wieder amüsierten. Gern spielte er auch vor, dass ihn der Blitz traf, indem er sich schüttelte und dann zu Boden stürzte. Manchmal sah man ihn im Winter draußen imaginäre Blumen pflücken und daran riechen.

Wenn er nicht gerade herumkasperte, wirkte Pierrot mit seinem blonden Haar engelhaft und ernst. Und schlank war er. Mit den Jahren wuchs er nur in die Höhe, nie in die Breite. Es schien kaum vorstellbar, dass er je in die Pubertät kommen würde. Mit elf machte sich Pierrot große, erstaunliche Gedanken. Sie folgten ihm überallhin wie der flatternde Schwanz eines Papierdrachen. Meist formuliert man erst einen Entschluss oder einen Wunsch im Geist und macht dann den Mund auf. Nicht so Pierrot – er trug das Herz derart auf der Zunge, dass er selbst manchmal den Eindruck hatte, er spräche Gedanken erst aus und dächte sie später. Die artistischen Kunststücke der Sprache begeisterten ihn mindestens so sehr wie ihre Bedeutung. So kam es, dass er oft Dinge sagte, die viel klüger waren als er selbst.

Pierrot konfrontierte jeden, der ihn kennenlernte, mit einem Paradox: Einerseits wirkte er brillant, andererseits konnte man nicht anders, als ihn für einen Narren zu halten. Weil er in jedem Fall unterhaltsam war, wurde er immer herbeizitiert, wenn der Erzbischof zu Besuch kam.

Dieser fragte Pierrot – auch wenn es sonst nicht seine Art war, einfältigen Waisen tiefschürfende Fragen zu stellen, aus reiner Neugier, was der Junge sich einfallen lassen würde –, was er glaube, wer seine Eltern seien.

»Ach«, sagte Pierrot, »vermutlich irgendein elend dürres junges Ding, das sich von einem Tunichtgut hat verführen lassen. Das ist der Lauf der Welt, und niemand kann das Geringste daran ändern. Seien wir ehrlich: Ich stamme aus der finstersten Gosse.«

Der Erzbischof war nicht der Einzige, dem auffiel, dass man Pierrot nur ein Jackett hätte überziehen müssen, und schon hätte er sich überall unauffällig eingefügt. Er hätte glatt als der Sohn des Premierministers durchgehen können. Man konnte sich vorstellen, wie er im Radio anlässlich der Beerdigung seines Vaters eine kleine Ansprache hielt – über seine Trauer um den großartigen Herrn Papa.

Pierrots bemerkenswertestes Talent aber lag darin, dass er schon nach wenigen Klavierstunden einfache Melodien nachspielen konnte. Er war ein Naturtalent. Noten zu lesen interessierte ihn gar nicht, sondern er spielte nach Gehör, komponierte eigene Stücke oder improvisierte. Eine Partitur zu entziffern erinnerte Pierrot zu sehr an die Schule. Und in Mathematik, in den Naturwissenschaften, in Geografie und Geschichte und in Rechtschreibung war er schrecklich schlecht. Das Klavier spielte er bald besser als die Mutter Oberin. Und viel schneller. Die Töne trippelten wie flinke Mäuse.

In jeder anderen Umgebung hätte er als musikalisches Wunderkind gegolten. Doch weil Pierrot in einem Waisenhaus aufwuchs, klimperte er nur beim Abendessen auf dem Klavier im Speisesaal. Auf Befehl der Mutter Oberin spielte er Kirchenlieder, doch hin und wieder konnte er nicht anders, als etwas hinzuzudichten. Dann verwandelte er das schlichte Loblied in eine Jazznummer. Alle Kinder lachten und klatschten. Sie wippten mit den Köpfen, bis sie aussahen wie Sparschweinchen, die jemand kräftig schüttelt.

Wenn Pierrot so vom Protokoll abwich, ließ die Mutter Oberin den Tastaturdeckel herunterkrachen oder schlug dem Jungen mit dem Lineal auf die Finger. Letztendlich erlaubte sie ihm aber immer wieder zu spielen. Es ging gar nicht anders. Die Kinder wollten von niemandem anderen etwas hören, wenn Pierrot im Saal war.

Natürlich war es wieder Rose, die eines Abends zu weit ging, indem sie aufsprang und zu Pierrots Darbietung tanzte. Sie schlug ein Rad, die Beine hoch in der Luft, und das Kleid rutschte ihr über das Gesicht. Als Pierrot das sah, klappte ihm die Kinnlade herunter. Dann beugte er sich über die Tasten, als wüsste er genau das richtige Begleitstück zu ihrem wilden Auftritt. Er spielte erneut eine ausgelassene Melodie, um das Mädchen zu ermuntern. Rose tanzte und wedelte mit den Händen, als wollte sie einem ins Feld ziehenden Soldaten zum Abschied winken. Eine der Nonnen sprang auf, lief zu Rose und gab ihr eine Nackenschelle, dass das Mädchen zu Boden ging, während eine andere sich Pierrot vorknöpfte. Der Mutter Oberin gefiel es gar nicht, dass ausgerechnet diese beiden gleichzeitig gezüchtigt wurden, da sie fürchtete, es könnte Solidarität in ihnen wecken. Doch was blieb ihnen anderes übrig?

Selbst die strenge, prinzipientreue Mutter Oberin hatte eine Schwäche für Pierrot. Er ahmte sie manchmal auf sehr possierliche Weise nach und brachte sie zum Lachen. Dennoch gab sie ihm ebenso viele Nackenschellen wie den anderen, zumindest bis Schwester Eloïse kam.

Schwester Eloïse war jung, als sie ihren Posten antrat, gerade mal zweiundzwanzig Jahre. Sie hatte eine hohe Stirn, blonde Augenbrauen, Sommersprossen auf den Wangen, eine hübsche Nase und einen rosigen Mund. Ihre kurvenreiche, robuste Statur musste man nackt sehen, um sie richtig würdigen zu können. Jeder Mann hätte sie attraktiv gefunden. Als Pierrot sie das erste Mal sah, erinnerte sie ihn an ein Glas Milch. Sie erinnerte ihn an frisch gewaschene Laken, in die der Wind fährt, in genau dem Moment, wo das Wasser verdunstet und sie wieder leicht und beweglich werden.

Jedes Mal, wenn eine neue junge Nonne im Waisenhaus die Arbeit aufnahm, hofften die Kinder, sie werde freundlich bleiben, immer sanft sein und ein ganz klein wenig wie eine Mutter. Natürlich wurde diese Zuversicht jedes Mal enttäuscht. Immer wurden die Schwestern nach ein paar Monaten böse, schlugen die Kinder und schrien sie an. Nur die Ältesten machten sich keine Illusionen, denn sie wussten, welche Wandlung sich vollziehen würde.

Pierrot allerdings setzte größte Hoffnungen in Schwester Eloïse, denn zu ihm war sie besonders freundlich. Im Unterricht kam sie an sein Pult und schaute ihm über die Schulter. Er hatte eine furchtbare Handschrift. Seine Hand wollte immer etwas ganz anderes schreiben. Doch sie verpasste ihm keine Nackenschelle, wie es alle anderen Schwestern beim Anblick seiner Handschrift taten. Sie nahm ihm den Griffel aus der Hand und schrieb gekonnt und schwungvoll Liebe und Dankbarkeit auf seine Tafel. Wie ein Vogel, der ohne jede Angst vor dem Absturz drauflosfliegt.

Wenn er an Schwester Eloïse vorüberkam, lächelte sie ihm zu, und er erschauderte und wurde rot.

Trotz ihrer Jugend bekam Schwester Eloïse die Oberaufsicht über die Kinder im zweiten Stockwerk, die Waisen im Alter von sieben bis elf Jahren. Sie bemerkte manche Regungen ihrer Schützlinge, bevor diese sie selbst bemerkten, ein Talent, das die Mutter Oberin nur von wenigen ihrer Nonnen kannte. Deshalb konnte Eloïse die Kinder sogar im Voraus bestrafen. Ihre Mitschwestern mochten das für moralisch fragwürdig halten, mussten aber zugeben, dass es Wirkung zeigte.

Eines Tages, Pierrot war in Gedanken versunken, nahm Schwester Eloïse ihn am Arm und brachte ihn in einen stillen Winkel.

»Schau unter mein Kleid. Ich habe eine Überraschung für dich.«

Er steckte den Kopf unter ihren Habit, wie ein Fotograf unter sein Tuch schlüpft, um die flüchtigen Mysterien der Welt zu erfassen. Als er verwirrt wieder darunter hervorkam, hielt sie ihm einen kleinen, mit Himbeermarmelade garnierten Keks hin. Die Waisen bekamen nie etwas Süßes. Pierrot schämte sich, dass er niemandem davon abgeben konnte, ja nicht einmal davon erzählen durfte. Der Keks war köstlich, aber er schmeckte nach Tod.

Als Pierrot Prügel bezog, weil er sich das Bodenschrubben hatte leichter machen wollen, indem er sich Tücher um die Füße band und damit kreuz und quer über die Dielen rutschte, schritt Schwester Eloïse ein. Von da an wurde er überhaupt nicht mehr geohrfeigt oder verprügelt. Diese Neuerung hätte ihn beglückt, hätte sie auch andere Kinder betroffen, doch Pierrot stellte bald fest, dass niemand sonst von den Körperstrafen ausgenommen wurde. Er war der Einzige, den die Nonnen verschonten. Er fühlte sich ausgesondert und schuldig. Und ihm fiel auf, dass besonders Rose mehr denn je gezüchtigt wurde. Einmal sah er sie mit einem blauen Auge die Hühner füttern. Sofort wünschte er sich, man würde ihn ebenfalls schlagen. Er wollte Roses Schicksal teilen. Er wusste selbst nicht, warum.