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Lauren Gallagher

 

Was ich dir zeigen kann …

 

aus dem Amerikanischen von Marcel Weyers

Impressum:

© tensual, Mettingen 2020

http://www.tensual.de

Tensual ist ein Imprint des dead soft verlags

http://www.deadsoft.de

 

© the author

Titel der Originalausgabe: I’ll show you mine

 

Erste Ausgabe erschienen bei Samhain Publishing, 2014–2017.

 

Deutsche Übersetzung: Marcel Weyers

 

Cover: Irene Repp

http:/www.daylinart.webnode.com

Bildrechte: © photographee.eu – shutterstock.com

 

1. Auflage

ISBN 978-3-946408-17-8

ISBN 978-3-946408-18-5 (epub)

 

Inhalt:

Als Alyssa Warren auf einer Hochzeit Shane McNeill trifft, fliegen die Funken. Er ist heiß, er schaut in ihre Richtung und er weiß nichts von ihrem damaligen Fehler, den ihr niemand sonst vergibt. Sie kann nicht widerstehen, sich ihm in einer unglaublichen Nacht hinzugeben … einer Nacht, die sie hungrig nach mehr macht.

 

Sie ist jedoch nicht bereit, zuzulassen, dass ihre Vergangenheit ihn abschreckt, also schlägt sie ein zwangloses Arrangement vor. Shane ist damit einverstanden. Bedingungsloser, versauter Sex mit einer schönen Frau, die kein Interesse an seiner bedauerlichen Vergangenheit hat – und mit einer Libido, die seiner eigenen entspricht? Verflucht, ja!

 

Aber während sie immer tiefer in die Vorlieben des anderen eintauchen, wird Vertrauen und Intimität unvermeidlich. Bevor sie sehen können, was die Zukunft bringt, müssen beide ihre Vergangenheit klären … und hoffen, dass ihre Geständnisse sie nicht auseinandertreiben.

 

Sieger – 2016 EPIC Award, Erotik

Finalist – 2016 National Leather Association

Pauline Reage Novel Award

 

Kapitel Eins

Niemals in ihrem Leben fühlte sich Alyssa Warren nackter als in dem Augenblick, als sie mit Shane McNeill den Gang hinunterschritt.

Tatsächlich kam es ihr, als er vor der Prozession in den Raum trat, so vor, als könnte ihr Kleid direkt von ihrem Körper schmelzen. Als sich ihre Augen trafen, wünschte sie sich, dass es so wäre. Heilige Scheiße.

Die meisten Männer sahen charmant und sexy im Smoking aus, aber da war noch etwas anderes an Shane. Oh ja, er war charmant und sexy. Adrett, perfekt gepflegt, jedes dunkle Haar an seinem Platz und kein Fleck auf seiner schwarzen Jacke oder den glänzenden Schuhen. Aber … anders.

Er lehnte sich beiläufig gegen die Tür und schwankte kaum, als das Boot unter den Füßen aller schaukelte, und er begegnete ihren Augen ohne einen Hauch von Schüchternheit. Er kam nicht näher; nach der Zeremonie war noch Zeit für Vorstellungsrunden, und die ging in wenigen Minuten los. Der einzige Grund, warum sie überhaupt wusste, wer er war, bestand in der roten Ansteckblume, die ihn von dem anderen Trauzeugen unterschied.

Was bedeutete, dass sie zusammen gehen würden.

Oh Gott.

Seine Anwesenheit ließ ihre Hände so stark zittern, dass sie fast den Strauß ihrer Schwester fallen ließ, und sie verfluchte Hannah schweigend, weil sie die Probe übersprungen hatte. Jeder in der Hochzeitsgesellschaft hatte das hier schon einmal getan, also war es nicht so, als müsste sie den Mist mit dem Vor- und Zurücklaufen üben, aber Alyssa hätte einen Übungslauf mit der Hand am Arm dieses Mannes gebrauchen können.

»Okay, lasst es uns tun.« Hannah richtete ihren Schleier. »Sind alle bereit?«

Dankbar für die Ablenkung wandte sich Alyssa von Shane ab und konzentrierte sich darauf, ihr zu helfen, den Schleier in Position zu bringen. »Die Frage ist, bist du bereit?«

Hannah holte tief Luft und atmete wieder aus. »Ich glaube schon.«

»Es wird alles gut«, sagte Alyssa.

»Und wenn du jetzt nicht bereit bist«, sagte Tina, eine der anderen Brautjungfern, »wirst du es nie sein.«

»Das ist wahr.« Hannah lachte. Noch ein tiefer Atemzug und dann: »Okay, ich glaube, ich bin bereit.« Sie schwankte ein wenig und hielt sich an Alyssas Arm und der Wand fest. »Vorausgesetzt, ich werde nicht ohnmächtig.«

»Du wirst nicht ohnmächtig.« Alyssa stützte sich gegen die Wand und half Hannah, ihr Gleichgewicht wiederzufinden. »Das kommt davon, wenn man High Heels trägt und auf einem Boot heiratet.«

»Verdammt, warum hat mich niemand gewarnt?«, fragte Hannah, lachte aber trotzdem. Dann richtete sie das Oberteil ihres Kleides und streckte ihre Hand aus, um ihren Strauß entgegenzunehmen. Als Alyssa ihn ihr gab, senkte Hannah ihre Stimme zu einem verdächtigen Flüstern: »Tut mir leid, dass du nicht mit ihm gehen kannst.«

Alyssa blickte über ihre Schulter zu Shane, der mit zwei der anderen Trauzeugen plauderte. »Oh, ich glaube, ich werde es schaffen.«

Hannah rümpfte die Nase, sagte aber nichts. Die Tatsache, dass sie von ihm unbeeindruckt war, verfestigte nur Alyssas Verdacht, dass es bei seinem Auftauchen nur darum ging, die Fassade zu wahren. Hannah mochte ihre hübschen, kleinen, reichen Jungs – ihr Verlobter hatte ordentlich Kohle – und Shane machte einen Eindruck, der nicht gerade nach Cadillacs und Country Clubs aussah. Selbst ein Smoking konnte diesen Anblick, diese Aura nicht verbergen, als wäre er kurz davor, etwas sehr Unkultiviertes zu sagen. Etwas fast Gefährliches. Ein Wolf im Schafspelz.

Alyssa zuckte mit den Achseln, um einen Schauer zu verbergen, obwohl ihre Gänsehaut wohl für jeden in einem Umkreis von einem Meter sichtbar gewesen sein musste. Die schrecklichen Seeschaum-grünen Kleider, die Hannah ausgesucht hatte, reichten fast bis zum Boden, aber oben? Ihr Ehering war vermutlich dicker als die Träger, die sich über Alyssas Schultern erstreckten, um den unglaublich tiefen Ausschnitt oben zu halten. Der Rücken war auch nicht sehr hoch geschnitten, und da ihr Haar wie bei allen anderen Brautjungfern hochgesteckt war, gab es nichts, was ihren Nacken und den Großteil ihres Rückens bedeckte. Shane musste sie nur ansehen und er würde sofort erkennen, welche Wirkung er auf sie hatte.

Er würde wahrscheinlich annehmen, dass es an der kühlen Brise lag, die vom Wasser durch die offene Tür hereinblies. Alyssa bezweifelte, dass er vermuten würde, dass jedes einzelne aufstehende Härchen ihm zu verdanken war.

Sie sah ihn noch einmal an, und diesmal blickte er sie auch an.

Und grinste.

Nein, nein, er schob die Gänsehaut niemals auf den Wind.

Eingebildeter Mistkerl.

Es schüttelte sie noch einmal und dann wandte sie sich ab.

Und natürlich sah sie sein Spiegelbild in einem Fenster. Verdammt noch mal. Sie beschäftigte sich damit, sicherzustellen, dass alle Sträuße perfekt arrangiert und für die Feier bereit waren. Wenigstens müsste sie sich keine Sorgen machen, dass sich sein Gesicht in einem Strauß Rosen widerspiegeln würde. Obwohl ein Mann wie er sich wahrscheinlich überall manifestieren konnte, wenn er es wollte. Wie der Teufel selbst.

Während sie und Tina Hannas Schleier richteten, konnte Alyssa nicht widerstehen und warf ihm einen weiteren Blick zu. Er stand jetzt in der Türöffnung, die Hände in den Taschen seiner maßgeschneiderten Hose, und starrte auf etwas, das außerhalb von Alyssas Sichtweite lag.

Zum zweiten Mal überkam sie eine Welle von Gänsehaut an jedem freiliegenden Zentimeter ihrer nackten Arme und ihres Rückens. Sie war voll bekleidet, aber in diesem dünnen Material mit den dünnsten Trägern der Welt fühlte sie sich entblößt und nackt und, verdammt, was sie nicht gegeben hätte, damit er seinen Kopf drehte.

Er hatte einfach etwas an sich. Als er seine Hand zu seinem Gesicht hob, war sie wirklich überrascht, dass er keine Zigarette an seine Lippen führte, sondern sich am Kiefer kratzte. Sie hatte den Eindruck, dass er Raucher sein würde. Die Art böser Junge, der sich an ein Motorrad lehnte, eine halb aufgerauchte Zigarette im Mundwinkel hatte und mit seinen langen Fingern mit einem Zippo-Feuerzeug spielte.

Sie schüttelte den Kopf und drehte ihm wieder den Rücken zu. Was zum Teufel? Sie fand gar nicht, dass Rauchen sexy war – tatsächlich war es in den letzten Jahren zu einem No-Go für sie geworden –, aber verdammt, dieser Typ sah aus, als könnte er es sexy machen.

Jemand von der Crew führte alle zu den Doppeltüren, die sie auf das Deck führten, auf dem die Zeremonie stattfinden sollte. Bei manchen Hochzeiten wäre der Trauzeuge schon mit dem Bräutigam da draußen, aber das Glück war ihr diesmal nicht hold. Als sie allen ihrem Partner zugeteilt waren, stand Alyssa viel zu nah an Shane. Sie hätte gutes Geld gewettet, dass ihr Herz schneller schlug als das der nervösen, errötenden Braut.

»In Ordnung.« Hannah schloss die Augen, straffte ihre Schultern und lächelte dann ihre Brautjungfern an. »Los geht’s.«

Die Musik auf dem Deck begann zu spielen und das erste Brautjungfernpaar ging den Gang hinunter. Dann das zweite. Als das dritte durch die Tür verschwand, bot Shane ihr seinen Ellbogen an. Alyssa sah zu ihm auf. Zwischen dem Blick auf den tiefen Ausschnitt ihres Kleides und dem teuflischen, der sagte: Ich weiß, dass du das gesehen hast und es ist mir scheißegal, war sie sich sicher, dass er sie direkt durchschaute. Sie hätte auch genauso gut Ich weiß nicht, wer zur Hölle du bist, aber triff mich an einem privaten Ort auf ihrer Stirn geschrieben haben können, besonders wo er fast unmerklich seinen Mundwinkel hob, bevor er seinen Fokus auf den Gang verlagerte.

Sie schob ihre Hand über seinen Arm und schluckte, wobei sie sich sehr wohl bewusst war, an welcher Stelle ihre nackte Haut mit dem warmen Stoff seines Smokings in Berührung kam. Sie fingen an, den Gang hinunterzugehen, und das Streichen seiner Jacke an ihrem Arm war fast unerträglich erregend. Wie Bettwäsche auf nackter Haut, und dieser Gedanke half nicht gerade.

Auf halbem Weg stolperte sie, aber Shane legte seinen Arm um ihre Seite, sodass sie ihn benutzen konnte, um sich abzufangen, bevor sie auf ihren Hintern fiel. Für alle anderen sah es wahrscheinlich nur aus wie ein kleiner Fehltritt. Wie das Ergebnis ihres zu langen Rockes oder ihrer zu hohen Absätze. Oder wegen der rauen See. Was für eine Trauzeugin.

»Alles in Ordnung?«, murmelte er leise.

»Ja. Danke.«

»Nicht der Rede wert.«

Sie sahen sich an und irgendwie schaffte sie es, nicht mehr zu stolpern.

Am Ende des Ganges ließ er ihren Ellbogen los und sie nahmen ihre Plätze vor dem Rest der Hochzeitsgesellschaft ein.

Die Musik änderte sich und alle drehten sich um, um Hannah und ihrem Vater zuzusehen, wie sie ihren großen Auftritt machten. Alyssa lächelte – Hannah hatte lange, lange Zeit auf diesen Tag gewartet, und nach einer Reihe von absoluten Idioten hatte sie ihr Glück mit Jake gefunden. Wenn es ein Märchen gab, das ein Happy End brauchte, dann war es dieses, und Alyssa hatte sich nie mehr geehrt gefühlt, als hier bei dieser Hochzeit dabei sein zu dürfen.

Sie blickte zu ihrer Linken. Jake hatte bereits Mühe, sich zusammenzureißen; seine Lippen waren zusammengepresst und seine Augen feucht, als er sah, wie seine Braut näher kam. Sie hatte sich immer vorgestellt, dass sie dem Mann, der Hannah einmal heiratete, drohen würde, ihm die Beine zu brechen, wenn er Hannahs Herz brach  aber mit Jake? Sie war einfach nur glücklich. Ganz und gar begeistert für die beiden.

Als Hannah am Altar ankam und sie und Jake ein tränenreiches Lächeln austauschten, während ihr Vater sie übergab, blickte Alyssa an Jake vorbei.

Und ihr Herz blieb stehen.

Shane sah sie direkt an. Er hatte gelächelt, genau wie alle anderen, aber in der Sekunde, in der sich ihre Augen trafen, schwankte sein Gesichtsausdruck, als wäre er genauso erschrocken von dem Augenkontakt gewesen wie sie. Er war so gesammelt, so unerschütterlich gewesen, doch für den Bruchteil einer Sekunde war er es nicht mehr.

Alyssa schluckte. Und er tat es auch.

Sie brachen schnell den Blickkontakt ab und konzentrierten sich pflichtbewusst auf die Zeremonie zwischen ihnen. Hin und wieder warf sie ihm jedoch Blicke zu und fragte sich, ob er dasselbe tat, wenn sie nicht hinsah.

Die Zeremonie endete und alle im Raum applaudierten, als Hannah und Jake sich auf den Weg in die Kabine machten, wo der Empfang stattfinden sollte. Niemand schenkte dem Rest der Prozession viel Aufmerksamkeit – es ging nur um die Braut und den Bräutigam, so wie es hätte sein sollen. Aber die Leute hätten es bemerkt, wenn es nicht richtig gemacht worden wäre, also gab es kein Entkommen. Alyssa musste neben Shane treten und ihre Hand wieder über seinen Ellbogen schieben.

Bevor sie den ersten Schritt machten, blickte sie zu ihm auf, während er zu ihr hinunter sah. Was dieses Grinsen bedeutete, konnte sie nicht erraten, und sie hatte keine Zeit, es herauszufinden, bevor die Saaldiener gestikulierten, dass sie ihren Weg entlang des langen, schmalen Ganges beginnen sollten.

Das Schiff schaukelte ein wenig, aber Alyssa hielt diesmal ihr Gleichgewicht … was Shane nicht davon abhielt, ihr Handgelenk subtil zwischen seinem Ellbogen und seiner Seite zu drücken. Als sich das Deck vor ihnen erstreckte, ließ er nicht los und sie versuchte nicht, sich loszureißen. Ihr Rock streifte sein Bein. Ihre Hüften berührten sich. Sie waren sich viel zu nah und jede kleine Berührung schickte einen Nervenkitzel durch sie hindurch, als ob alles, was sie teilten – eine Fingerspitze, die eine Naht auf einem Ärmel nachzeichnete, sein Arm, der sie festhielt –, ein subtiles Geheimnis zwischen ihnen und niemand anderem wäre. Ein paar Schritte vom Ende des Ganges entfernt, als sie fast sicher war, dass niemand sie ansah, drehte sie sich ein wenig und drückte so ihre Brust sanft gegen seinen Arm. Er sah sie nicht an, sagte kein Wort, aber dieser kleine Atemzug sagte alles.

Bitte lass dies auf Gegenseitigkeit beruhen und nicht nur meine Fantasie sein. Denn, mein Gott …

Im Nebenraum tauschten sie nicht mal einen Blick, bevor sie sich trennten, um ihren Freunden zu gratulieren.

»Lass mich diesen Schleier loswerden.« Hannah blickte finster, als sie daran zerrte. »Dann treffen wir uns drinnen?«

»Perfekt.« Jake strahlte und küsste seine Braut sanft. Sie grinsten sich an und dann gestikulierte Hannah, dass Alyssa ihr folgen sollte. Alyssa tat es natürlich, aber sie warf noch einen Blick zurück auf Shane und …

Ja. Er schaute auch.

Kapitel Zwei

Sobald er sicher war, dass Alyssa ihn nicht sehen oder hören konnte, blieb Shane stehen und lehnte sich an die Wand. Er atmete schwer aus und ließ seinen Kopf zurückfallen. Diese Zeremonie war Folter gewesen. Oder eine Übung in ernsthafter Selbstbeherrschung. Vielleicht beides – das eine schloss das andere ja nicht aus.

Als er heute Nachmittag angekommen war, hatte er böse Blicke von Leuten erwartet, die ihn kannten. Er hatte erwartet, dass diese verdammten Anzugsschuhe schnell verflucht unbequem sein würden.

Was er nicht erwartet hatte, war die Trauzeugin.

Hannah war hübsch, aber in Bezug auf sexy Gene in dieser Familie hatte Alyssa den Löwenanteil. Shane hatte Hannah immer für etwas zu dünn gehalten, was schon ans Ungesunde grenzte. Alyssa war … Gott, sie war einfach perfekt. Die Kleider der Brautjungfern waren abscheulich und sie hatte es trotzdem geschafft, gut auszusehen. Sie war kurvig an all den richtigen Stellen, obwohl dieses hautenge, grüne Material versucht hatte, so wenig schmeichelhaft wie möglich zu sein.

Alle Frauen hatten ihr Haar hochgesteckt und Shane hatte fast den Verstand verloren, als er auf die einzelnen, dunklen Strähnen gestarrt hatte, die neben Alyssas Hals auf ihre nackten Schultern fielen und im sanften Wind wehten, der vom Wasser kam. Dann hatte er den Ring fast fallenlassen, als er ihn Jake übergeben wollte. Das Schaukeln des Bootes war eine willkommene Ausrede gewesen. Niemand musste wissen, dass er benommen und abgelenkt war. Er musste den größten Teil der Zeremonie damit verbringen, an die unangenehmsten Dinge zu denken, nur damit die Gäste nicht mitbekamen, was die Trauzeugin für eine Reaktion bei ihm hervorrief.

Er hatte Glück, dass er es in einem Stück mit ihr am Arm den Gang hinuntergeschafft hatte. Der einzige Grund, warum sie gestolpert war und er nicht, waren ihre hohen Absätze – seine flachsohligen Anzugsschuhe waren an seinen Füßen vielleicht schmerzhaft gewesen, aber zumindest hatten sie ihn nicht aus dem Gleichgewicht gebracht. Weitere fünf Minuten der Zeremonie oder weitere fünf Fuß der Prozession, besonders mit der Art und Weise, wie sie auf seine subtilen kleinen Berührungen reagierte und sie erwiderte, und selbst flache Schuhe hätten ihn nicht mehr aufrecht gehalten.

Komm schon, Shane. Reiß dich zusammen. Vielleicht war es einfach zu lange her, dass er flachgelegt wurde. Das war es natürlich gewesen, aber das hinderte ihn normalerweise nicht daran, im selben Raum wie eine schöne Frau zu arbeiten. Ehrlich gesagt, konnte er sich an keine Frau erinnern, die jemals diesen Effekt auf ihn gehabt hatte.

Es half nicht, dass Alyssa von allen Frauen auf diesem Boot die letzte war, bei der er auch nur daran denken sollte, sie zu berühren. Wenn er sich ihr näherte, würde Hannah ihn töten. Oder zumindest Alyssa vor ihm warnen. Die Frau tolerierte ihn, aber wenn er eine ihrer Freundinnen oder ihre Schwester – ihre unglaublich heiße Schwester – auch nur ansah, würde sie ausflippen.

Seine gute Laune verblasste dank diesem allzu vertrauten Gefühl. Die Erinnerung daran, dass er für den Rest seines verdammten Lebens, einschließlich heute Abend, von seiner Geschichte bestimmt sein würde. Nach all der Zeit war sich Hannah immer noch absolut sicher, dass das Geschäft, das er und Jake führten, trotz Shanes Beteiligung erfolgreich war – und nicht gerade wegen ihm. Stimmt, ohne Jake wäre er unabhängig von seiner Akte nie weit gekommen, aber sie hatten sich beide den Arsch aufgerissen, um den Laden dorthin zu bringen, wo er jetzt war. Jake war der Erste, der den Leuten sagte, dass er ohne Shane gescheitert wäre.

Überraschung: Hannah war nicht überzeugt. Sie hatte es schwer genug, Shanes Vergangenheit zu ignorieren. Sie würde sie ihm in einer Million Jahren nie verzeihen.

Er war sich verdammt sicher, dass sie regelrecht ausrasten würde, wenn er ihre Schwester auch nur anrührte.

Die Hochzeitsgesellschaft wurde auf das Achterdeck des Bootes gerufen. Die beiden Fotografen waren verdammt effizient; der eine bearbeitete die Gruppenfotos, während der andere ungestellte Fotos und kleinere Gruppenaufnahmen machte. Bei der Art und Weise, wie sie zusammenarbeiteten – und anscheinend mittels Telepathie kommunizierten –, vermutete Shane, dass sie dies schon seit Längerem machten. Tatsächlich hatte er das Gefühl, dass sie mehr als nur Geschäftspartner waren, angesichts der Blicke, die sie ab und zu austauschten, und der Art und Weise, wie der Schwarzhaarige zweimal hinsah, wenn einer der Trauzeugen nicht hinsah.

Und sie zu beobachten, gab Shane etwas anderes zu tun, als auf die Trauzeugin zu starren. Sie befand sich gerade außerhalb seines peripheren Sehvermögens, aber ihre Anwesenheit war unvermeidlich, auch wenn er sich nicht gestattete, hinzusehen.

Natürlich war das leichter gesagt als getan. Als sich die Hochzeitsgesellschaft für Fotos versammelte, gab es kein Entrinnen mehr. Während sie neben ihrer Schwester stand, ihren Platz als Trauzeugin einnahm, war Alyssa einfach nur … da. Unvermeidlich da.

Der blonde Fotograf arrangierte die Hochzeitsgesellschaft für eine Aufnahme neben dem Geländer. Dann trat er zurück und stellte seine Kamera auf. »Alles klar, alle mal einen Schritt näher ran.«

Die Brautjungfern und Trauzeugen wurden enger zusammengetrieben.

»Noch ein wenig. Schön kuscheln. Tut so, als würdet ihr euch alle mögen.«

Ein Lachen ging durch die Hochzeitsgesellschaft. Shane schaffte es sogar, miteinzustimmen, was ihn daran erinnerte, dass er noch atmen musste, um bei Bewusstsein zu bleiben.

Während der Fotograf ein paar Aufnahmen machte, widersetzte sich Shane dem Drang, seinen Blick nach rechts gleiten zu lassen. Sogar mit Hannah und Jake zwischen ihnen konnte er Alyssas Anwesenheit spüren, und Gott sei Dank wollte der Fotograf, dass er nur in die Kamera sah und lächelte. Er war sich nicht so sicher, ob er etwas Komplizierteres hätte tun können.

Der schwarzhaarige Fotograf erschien und legte seine Hand auf den kleinen Rücken seines Partners, als er ihm etwas ins Ohr flüsterte. Der Blonde sah die Hochzeitsgesellschaft an und nickte dann. »Gute Idee. Lass uns die Trauzeugen und Brautjungfern zusammenbringen. In Paaren.«

Shanes Herz setzte aus. Er blickte auf den schwarzhaarigen Fotografen und verdammt, wenn der Typ ihm nicht gerade zugezwinkert hatte.

Oh, du Mistkerl …

Anscheinend war er nicht sehr subtil gewesen, und jetzt versuchte der Fotograf, ihm zu helfen.

Der blonde Fotograf senkte seine Kamera. »Braut und Bräutigam machen jetzt eine wohlverdiente Pause. Holen wir uns die Brautjungfern und Trauzeugen. Meine Damen, schaut in diese Richtung.« Er gestikulierte nach links. »Meine Herren, Sie stehen alle neben einer der Damen.«

Alyssa blickte Shane an, ihre Augenbrauen wölbten sich leicht.

Oh Gott. Oh Gott. Oh Gott.

Alyssa drehte sich in die Richtung, die der Fotograf angegeben hatte.

Shane stand hinter ihr. Während der Fotograf sie anführte, legte Shane seine Hand auf ihre Taille. »Ist das in Ordnung?«

»Ist okay.« Sie drehte ihren Kopf leicht und begegnete seinen Augen, soweit sie konnte. »Bist du …?«

»Alles gut. Und bei dir?«

»Mir …« Oh Gott. »Mir geht es gut.«

Shane war nicht schüchtern. Es war selten, dass eine Frau ihn über seine eigenen Füße stolpern ließ, aber allein die Nähe zu Alyssa brachte ihn ins Schwitzen. Es wäre nicht so schlimm gewesen, wenn er etwas hätte sagen können. Etwas höflich plaudern, sie kennenlernen, schauen, ob das Interesse so groß war, wie ihr gelegentlicher Blick vermuten ließ, aber er wusste es besser. Er wollte sich mit niemandem wie Alyssa einlassen, während ihre Schwester und ein paar andere Leute, die ihn kannten, in der Nähe waren. Eine kokette Bemerkung von ihm, und sie alle würden aus dem Nichts hervorstürzen und jeden Gedanken, den sie über ihn haben könnte, zerstreuen.

Aber dank eines gut gemeinten Fotografen kam er auch nicht von ihr weg.

Wie aufs Stichwort traf eine Welle das Boot. Das Deck unter ihren Füßen neigte sich und alle Brautjungfern wackelten in ihren hohen Absätzen.

Alyssa stolperte rückwärts. Direkt in ihn hinein.

Zufällig war er nur leicht gedreht und sie stieß gegen seine Hüfte. Noch ein oder zwei Zentimeter nach rechts und die Dinge wären … unangenehm geworden.

Herrgott, Shane.

Er fing sie mit einer Hand auf ihrem Arm und der anderen auf ihrer Taille ab. »Alles in Ordnung?«

»Ja.« Sie lachte, Röte glühte auf ihren Wangen, wahrscheinlich verdammt verlegen und unschuldig ahnungslos, wie sehr ihr Lächeln ihn fertig machte. »Dumme Schuhe.«

Shane kicherte.

Und nach ein paar Sekunden erkannte er, dass sie immer noch den Blick des anderen hielten und er sie immer noch festhielt.

Sie räusperten sich und sahen beide wieder nach vorne. Er fragte sich, ob sie genauso versteift war und betete, dass das Boot ruhig blieb, bis dies vorbei war. Und er war mehr als dankbar, dass er eine Jacke trug, die er trotz der anhaltenden Hitze des Nachmittags sicher zugeknöpft hielt.

Nach ein paar Aufnahmen senkte der Fotograf seine Kamera wieder. »Gut.« Er blickte auf seinen Partner und sie tauschten etwas Unausgesprochenes aus, bevor der Blonde der Hochzeitsgesellschaft zunickte. »Lasst uns eins mit der Familie der Braut machen.«

Alle anderen verstreuten sich und Shane musste zugeben, dass er erleichtert war, ein wenig Abstand zwischen sich und Alyssa zu bringen.

Was zum Teufel? Das sah ihm überhaupt nicht ähnlich. Oh, er war schon früher bei Frauen sprachlos und außer Atem gewesen, aber Alyssa hatte ihn auf den ersten Blick so ziemlich an den Eiern gepackt und nicht losgelassen. Wusste sie, welche Wirkung sie auf ihn hatte? Scheiße, wie könnte sie das nicht? Es kam ihm nicht gerade so vor, als würde er eine sehr überzeugende Demonstration von Ruhe und Gelassenheit an den Tag legen.

Gott mochte ihm beistehen, wenn sie versuchte, ein Gespräch anzufangen …

Beim Empfang, nachdem die Fotos und Verpflichtungen vorbei waren, zog sich Shane von der Menge zurück, um sich ein Bier zu holen. Er nahm einen tiefen Schluck und ließ sich davon abkühlen.

Reiß dich zusammen, befahl er sich selbst. Du hast keine Chance bei ihr. Lass es gut sein.

Er drehte sich gerade noch rechtzeitig um, um Alyssas Blick zu begegnen, und für ein paar angespannte, herzzerreißende Sekunden sahen sie sich gegenseitig in die Augen.

Sie brach den Blickkontakt zuerst und Shane war plötzlich außer Atem. Schwindlig. Er suchte nach etwas, an das er sich anlehnen konnte, damit er aufrecht blieb.

So viel zum Thema beruhigendes Bier. Gottverdammt.

Shane schüttelte sich, drehte sich um und suchte nach jemandem mit Alkohol.

Dabei fiel ihm jemand anderes auf.

Hannahs Gesichtsausdruck verhärtete sich. Sie blickte an ihm vorbei, wahrscheinlich zu ihrer Schwester, und starrte ihn dann an. Dann kam sie auf ihn zu. Und hielt direkt vor ihm an.

»Shane.« Sie setzte ein Lächeln auf, das selbst einen Blinden nicht getäuscht hätte. »Es ist schön, dich zu sehen.«

»Gleichfalls.« Shanes Lächeln war wahrscheinlich genauso wenig überzeugend. »Herzlichen Glückwunsch.«

»Danke.« Ihre Lippen wurden noch schmaler, als sie ihm direkt in die Augen starrte. »Amüsierst du dich gut?«

»Natürlich.«

Sie studierte ihn für einen Moment. »Ich habe bemerkt, dass du meine Schwester vorhin kennengelernt hast.«

»Nun, es ist üblich, dass sich der Trauzeuge und die Trauzeugin ein paarmal begegnen.«

Ihre dünnen Augenbrauen zogen sich ein wenig nach unten und warfen Schatten über ihre zusammengekniffenen Augen. Sie sagte es nicht, aber die Warnung in ihrem Gesichtsausdruck war glasklar.

Dann ließ sie ihre Schultern sinken und zwang sich zu einem weiteren, nicht überzeugenden Lächeln. »Ich muss einige der anderen Gäste begrüßen. Genieße die Party, Shane.«

»Du auch.« Miststück. Shane knirschte mit den Zähnen. So viel zu seiner Begeisterung. Seufzend reichte er seine leere Bierflasche einem vorbeikommenden Kellner, dann ging er auf das Außendeck hinaus, um etwas Luft zu schnappen.

Es war ein ziemlich warmer Abend, aber die meisten Leute blieben drinnen, wo es Alkohol gab. Eine kleine Gruppe stand in der Nähe des Geländers, Champagnergläser in der Hand, während sie ein Selfie machten.

Shane folgte der Gangway in die andere Richtung, um die Seite der Kabine herum. Ein paar Fenster blickten zur Party, aber er war mehr oder weniger allein. Kein leichtes Unterfangen auf einem Boot dieser Größe, mit so vielen Menschen an Bord.

Er legte seine Hände auf das Geländer und sah auf das Wasser hinaus.

Irgendwie hatte er während der Zeremonie seine Ruhe bewahrt, sogar während er ihre Hand auf seinem Ellbogen hatte und als ihr Rock gelegentlich sein Bein gestreift hatte, aber jetzt, da er allein war, war er überrascht, dass seine Hände nicht zitterten.

Das sah ihm überhaupt nicht ähnlich. Klar, er glaubte an Lust auf den ersten Blick und war sich nicht zu schade, jemanden abzuchecken, aber es war wirklich, wirklich selten, dass eine Frau ihm so den Atem rauben konnte.

Vielleicht war es nur das Kleid. Die Farbe war abscheulich gewesen, aber es hätte seinetwegen auch leuchtend orange sein können, denn ihm war sofort aufgefallen, wie es sich an ihre Hüften und ihren Arsch schmiegte. Und wann hatte sie sich umgedreht? Großer Gott. Er hatte keine Ahnung, wie sie in diesem Ding atmen konnte. Oder sich bewegen. Wie bewegte sich überhaupt eine Frau, bei der ein unverhofftes Niesen dafür sorgen konnte, dass alles aus ihrem Oberteil fiel?

Er würde es wahrscheinlich nie erfahren. Alles, was er wusste, war, dass er nicht atmen oder sich bewegen oder denken konnte, wenn sie im Raum und in diesem Kleid war.

Und etwas an dem Glanz in ihren Augen hatte etwas in ihm ausgelöst. Einige Kerle standen auf den unschuldigen, koketten Blick, aber Shane nicht. Seine Achillesferse war eine Frau, die aussah, als könnte sie eine Herausforderung annehmen, ohne ein Wort zu sagen. Die Art von Frau, die dieser Herausforderung wahrscheinlich gerecht werden könnte und noch mehr.

Shane atmete aus und lehnte sich schwerfällig auf das Geländer, sodass die Meeresbrise die plötzliche Wärme auf seiner Haut abkühlte. Wenn er sie richtig gelesen hatte, und er war sich dabei ziemlich sicher, war Alyssa eine Frau, die es mit einem Grinsen mit ihm aufnehmen würde. Und wenn ihre Schwester ihn nicht allein beim Gedanken daran lebendig häuten würde, hätte er die Herausforderung gern angenommen.

Shane rieb sich seine kühlen Hände über das Gesicht. Was für eine Nacht. Gott. Wenn er sie nur für eine Nacht haben könnte. Hannah müsste es nie erfahren, und Alyssa müsste sich keine diplomatische Ausrede einfallen lassen, ihm zu sagen, warum sie nicht zusammen sein könnten. Nicht jede Frau sagte das gerade heraus. Sobald sie wussten, wer er war, flohen sie schnell, aber keine einzige Frau hatte jemals die Worte gesagt. Als ob er es nicht wüsste.

Er konnte es ihnen nicht verübeln. Er konnte es nicht einmal Hannah verübeln. Und er würde es Alyssa nicht verübeln.

Aber verdammt, was er nicht für nur eine Nacht täte …

Kapitel Drei

»Alyssa? Bist du das?«

Sie drehte sich um und es dauerte eine Sekunde, bis sie das Gesicht zuordnen konnte, aber dann: »Oh mein Gott! Chris?« Sie umarmte ihren alten Freund fest. »Ich habe dich schon ewig nicht mehr gesehen.«

»Es ist schon eine Weile her, nicht wahr?« Er ließ sie los, hielt aber eine Hand auf ihrem Arm. »Also, was hast du so gemacht?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Gearbeitet und Steuern gezahlt, genau wie alle anderen.«

Er lachte. »Haben wir das nicht alle?«

»Ja, oder?« Sie verdrehte die Augen. »Ich leite mittlerweile ein paar Abteilungen in einem Exportunternehmen. Nichts Aufregendes.«

»Könnte schlimmer sein. Ich habe jetzt fast zehn Jahre in der Buchhaltung hinter mir.« Chris rümpfte die Nase. »Es ist nicht gerade so, als würde ich meine eigene Firma leiten und Millionen verdienen, aber es bezahlt die Rechnungen.«

»Gott, ich kenne das Gefühl.«

Während sie plauderten, sah sie ihre ältere Schwester Wendy auf der anderen Seite des Raumes, und ihr finsterer Blick drehte ihr den Magen um. Einen Moment später, als Chris auf eine andere Gruppe deutete, um ihr seine Tochter zu zeigen – die zehn Jahre alt und absolut bezaubernd war –, machte sie den Fehler, Augenkontakt mit ihrer Tante aufzunehmen. Und ihr Magen drehte sich erneut um.

Ihre Begeisterung verflog sofort. Das war nicht mal ein kokettes Gespräch. Nur ein paar Klassenkameraden, die sich nach fünfzehn Jahren etwas unterhielten.

Aber verdammt, konnte denn niemand in diesem Raum, der in den letzten Jahren den Kontakt zu ihr abgebrochen hatte, ruhig bleiben, während sie mit einem Mann sprach? Gott bewahre, dass sie ihn verführte und ihm das Herz brach.

Sie nahm einen Schluck Champagner, schmeckte ihn aber nicht. Nach fast vier Jahren hätte sie gedacht, dass die Leute es inzwischen vergessen hätten. Oder zumindest vergeben. Irgendetwas. Aber nein, vor sechs Monaten hatten sie sogar auf der Hochzeit eines Freundes böse Blicke verteilt, als Alyssa die Kühnheit hatte, mit einem Mann zu tanzen, den sie gerade erst kennengelernt hatte. Anscheinend war die Hochzeit einer anderen Frau nicht der richtige Ort, um auf der Jagd zu sein. Jedenfalls nicht für eine Hure wie sie.

Und es war auch nicht besser gewesen, als sie letztes Jahr ein Date zu Katies Hochzeit mitgebracht hatte. Dieser arme, leichtgläubige Trottel, hatten all ihre Augen gesagt.

Ich gebe auf.

Außer in eine andere Stadt zu ziehen, gab es nicht viel, was sie tun konnte, um dieses Stigma loszuwerden. Das tat sie aber nicht. Das würde bedeuten, ihren Sohn von seinem Vater wegzuzerren. Sie müsste nur geduldig sein und hoffen, dass die Menschen die Umstände, unter denen ihr Sohn entstanden war, endlich überwinden konnten. Es war nicht seine Schuld. Alyssa konnte es nicht ändern. Verdammt, wenn sie es sie nur vergessen lassen würden.

Und plötzlich war Alyssa nicht mehr in der Stimmung zu feiern.

Chris gestikulierte zur Bar. »Kann ich dir noch einen Drink ausgeben?«

Oh, es war verlockend. Alkohol verschaffte einem die Möglichkeit, die Vergangenheit wenigstens für ein paar Minuten auszulöschen. Aber heute Abend hatte sie das Gefühl, dass es sie einfach deprimieren würde, und sie wollte nicht diese Brautjungfer sein, die am großen Tag ihrer Schwester in den Kuchen schluchzte. Vor allem nicht, wenn ein paar Leute anwesend waren, die sie gerne daran erinnern würden, dass sie sich das selbst zuzuschreiben hatte.

»Eigentlich …« Sie schüttelte den Kopf. »Ich glaube, ich werde ein wenig seekrank. Ich gehe für ein paar Minuten nach draußen.«

Er hob die Augenbrauen an. »Alles in Ordnung?«

»Ja, ja. Nur …« Sie gestikulierte nach draußen. »Ich war schon lange nicht mehr auf einem Boot. Ein wenig Luft, und es geht mir wieder gut.«

»Okay. Nun, es war schön, dich zu sehen.«

Mit einem erzwungenen Lächeln sagte sie: »Es war auch schön, dich zu sehen.«

Sie ließ ihn allein, damit er sich unter die anderen Gäste mischen konnte, und trat hinaus. Das Boot schaukelte noch ein wenig und sie dachte, zur Hölle mit dem Risiko eines gebrochenen Knöchels – die Schuhe werden ausgezogen! Und wenn ihre Nylons Laufmaschen bekamen oder schmutzig wurden … egal.

Als ihre Füße auf das kühle, metallene Deck trafen, seufzte sie und lächelte vor sich hin. Die stumpfen Schmerzen in ihren Knöcheln würden irgendwann verblassen und sie bekam langsam wieder Gefühl in ihren Zehen. Viel besser.

Mit den Schuhen in der Hand ging sie weiter hinaus auf das Deck. Fast jeder war nach drinnen gegangen – jemand musste wohl die Nachricht über den kostenlosen Alkohol verbreitet haben –, also war sie so ziemlich allein. Für einen Moment lehnte sie sich an das Geländer und ließ den Wind mit ihren Haarsträhnen spielen, die nicht oben geblieben waren, wo sie hingehörten. Sie bezweifelte aber, dass sie sehr lange hier bleiben würde. Sie war zu unruhig, um stehen zu bleiben. Zu aufgewühlt. Gereizt.

Alyssa warf einen vorsichtigen Blick über ihre Schulter und suchte das leere Deck nach jedem ab, der ihr gefolgt sein könnte, um ihr einen missbilligenden Blick zuzuwerfen. Zum Teufel, sollten sie doch schauen.

Kein Wunder, dass sie immer ernsthaft darüber nachdachte, soziale Verpflichtungen sausen zu lassen, wenn jemand dabei war, den sie in den letzten Jahren nicht getroffen hatte. Sie hatte schon genug Schlaf über die Fehler verloren, die sie gemacht hatte – das Letzte, was sie brauchte, waren selbstgerechte Arschlöcher, die meinten, dass sie ein gottverdammtes Stigma mit sich trug, wenn sie auch nur die gleiche Luft wie ein Mann atmete.

Sie blickte zurück auf die Party, die drinnen stattfand – auf die Menschen, die tanzten und lachten –, und ein Schauer überkam sie. Es war dreieinhalb Jahre her, dass die Wahrheit herausgekommen war. Dreieinhalb lange, einsame Jahre. Wie viele noch, bevor die Menschen, die es wussten, nicht das Bedürfnis verspürten, Männer von ihr fernzuhalten?

Sie grummelte vor sich hin und schob sich vom Geländer weg.

Ihre Unruhe gewann die Oberhand, also fing sie an, weiter zu spazieren. Es musste irgendwo auf diesem verdammten Boot einen Ort geben, wo sie sich bewegen, etwas Luft schnappen und einfach für eine Weile entkommen konnte.

Sie folgte der Gangway vom Deck zur Seite der Kabine, wo es schmaler wurde und zum anderen Ende des Bootes führte.

Und dann hielt sie mit einem Mal inne.

Da war er.