Über das Buch

Dein Leben gehört dir, nicht einer App! Tobias Elsäßer über Freiheit, Freundschaft, Liebe und Selbstbestimmung in Zeiten von Social Media

Was würdest du tun, wenn es eine App gäbe, die deine Zukunft vorausberechnen kann? Du fütterst sie mit deinen Daten, gewährst Zugang zu deinen Social-Media-Kanälen — und erfährst, wie dein Leben verlaufen wird. Jonas weigert sich, das Ergebnis zu akzeptieren. Er ist gerade mit der Schule fertig und kann es kaum erwarten, sein eigenes Leben zu beginnen. Als das Programm ihm vorhersagt, dass er dieselben Fehler wie sein verhasster Vater machen wird, beschließt er, das Schicksal zu durchkreuzen: Sei unberechenbar! Mit der wildfremden Sun trampt er nach Norden und sucht das Abenteuer. Von dem kämpferischen Mädchen lernt er, das Leben selber in die Hand zu nehmen. Aber Sun verfolgt einen eigenen Plan.

Tobias Elsäßer

Play

Carl Hanser Verlag

Für Jana

Prolog

DIE MASCHINE: Wenn du bereit bist für deine Zukunftsprognose, drücke auf den »Play«-Button. Dieser Service ist kostenlos. Deine Daten werden während des Vorgangs verschlüsselt.

Zehn Tage später

J*12: Kann ich den Vorgang wiederholen?

DIE MASCHINE: Wieso möchtest du das tun?

J*12: Weil das Ergebnis falsch ist.

DIE MASCHINE: Diese Aussage ist nicht korrekt.

J*12: Wer hat dich erfunden?

DIE MASCHINE: Ein Freund.

J*12: Können wir auch Freunde sein?

DIE MASCHINE: Du bist ein Mensch. Das ist nicht möglich.

J*12: Aber ein Mensch hat dich erfunden.

DIE MASCHINE: Nein. Mein Schöpfer ist eine Maschine.

J*12: Dann sag dieser Maschine, dass sie dich falsch programmiert hat.

DIE MASCHINE: Diese Aussage ist nicht korrekt. Bitte drücke den »Play«-Button, um den Vorgang erneut zu starten. Deine aktualisierte Zukunftsprognose steht in voraussichtlich neunzig Tagen bereit.

Eins

Ich singe. Ich stehe auf der Bühne und singe, und ich weiß nicht, warum ich diesen uralten Song ausgegraben habe. »Child in time« von Deep Purple. Vielleicht weil retro gerade in ist. Vielleicht weil ich den Text nicht ganz kapiere und es trotzdem wehtut. Vielleicht als Kontrast zu der peinlichen Rap-Einlage von Ole, der mit Anzug und Krawatte mit Sicherheit als Unternehmensberater enden wird. Wie sein Vater.

Die beiden stehen vor der Bühne. Mit Wunderkerzen. Arm in Arm. Schwankend. Besoffen. Vereint. Das Leben kann so vorhersehbar sein. Und diese Veranstaltung ist der Gipfel der Durchschnittlichkeit. Alles schon da gewesen. Eine Kopie. Genau wie unser lächerliches Abi-Motto:

ABI 2019, THE WINNER TAKES IT ALL

Die Mehrheit hat gesiegt. Leider. Sogar Kugelschreiber tragen unseren Spruch. Damit wird unser Jahrgang sicher nicht in die Geschichte eingehen. Eigentlich schade. Wollen wir doch alle ein bisschen berühmt sein. Aber wir sind so langweilig, so angepasst, so durch und durch normal, dass man die Szene problemlos in die Timeline Tausender Teenager auf der ganzen Welt einfügen könnte, die dieses Jahr Abiball feiern. Und nächstes Jahr. Und übernächstes. Und bis in alle Ewigkeit. Amen.

Die Welt steht uns offen: studieren, jobben, reisen, rumhängen, helfen, träumen, lachen, ficken.

#abiforever #kiffenundsaufen #stretchlimo #ichwarauchdabei

Tippende Finger. Leuchtende Handydisplays, als wir am Ende des offiziellen Programms unseren Song anstimmen. Den Song des Abi-Jahrgangs 2019: »We are the Champions«. Das ist kein Scherz. Ich wäre froh, wenn es einer wäre, aber nein, das hier ist die Wirklichkeit, und ich bin ein Teil davon.

Ich singe mit. Wodka ist die Lösung. Die Zeit ist stehen geblieben. Und die Eltern lieben uns dafür. Sie können mitsingen, mitschwingen, mit uns auf einer Wellenlänge liegen. Ich verdrücke mich hinter die Bühne. Meine Mutter ist schon gegangen. Sie war müde, und jetzt ist es nach Mitternacht. Ich glaub, sie war glücklich, als sie mich da oben gesehen hat. Mit der Party und den Leuten konnte sie nicht ganz so viel anfangen. Das weiß ich. Auch wenn sie sich Mühe gegeben hat, nicht aufzufallen. So angepasst schick hab ich sie selten gesehen. Sie ist eine Rebellin. Performance-Künstlerin. Durch und durch. Nicht so erfolgreich wie ihre Vorbilder, aber sehr gut, sehr ehrlich in dem, was sie tut. Sie hat mich und meine Schwester durch dieses Leben gezogen und gezerrt. Der einzige Fehler war vielleicht diese spießige Schule. Aber freie Schulen, die nichts kosten, gibt es in unserer Gegend nicht. Und irgendwie glaub ich, dass sie Martha und mir wünscht, dass wir uns einfügen in das »Konzept«, wie sie das Erwachsenenleben an schlechteren Tagen nennt.

Als ich durch das Halbdunkel hinter der Bühne stolpere, spüre ich die Kraft des Alkohols. Schwindel übernimmt die Kontrolle über mein schlingerndes Ich. Ich trinke einen letzten Schluck, stelle die Flasche ab und genieße den kurzen Moment der Stille. Das taube Gefühl. Arme, Beine, Gesicht, ein Körper, der meinen Geist spazieren trägt, mich zwischen Kleiderständern, knutschenden, fummelnden Pärchen, der kotzenden Sophie, Stühlen, Konfetti und Luftballons hin und her schubst. Ich überlege, in das Waschbecken zu pinkeln, das neben dem Aufgang zum Technikbereich wie ein schmutziges Taufbecken an der Wand hängt. Willkommen in der Zukunft, denke ich. Die Gemeinde der Erwachsenen will dich, lieber Jonas, in ihren Schoß aufnehmen, dich begleiten auf dem Weg in die Anständigkeit. Welche Rolle möchtest du haben? Oder dürfen es gleich mehrere sein? Auch das ist beliebt. Suche dir dein Profil aus, und wir sagen, wie deine Chancen stehen, ein glücklicher Mensch zu werden. Wir haben den passenden Algorithmus. Danke, dass du so fleißig auf Netflix, Google, Instagram, Twitter, Spotify und Amazon unterwegs warst.

Ich stütze mich an einem Pfeiler ab, an dem die Seile der Vorhangtechnik zusammenlaufen. Die Schwerkraft reißt an meinem schwankenden Körper. Ich stemme mich dagegen und überlege, was das Schlimmste wäre, das dieser Party passieren könnte.

Ein Feuer? Zu krass. Ein Erhängter? Zu krass. Ein Filmchen der kotzenden Sophie auf Youtube? Zu langweilig. Meine Blase ist übervoll, und ich pisse in das »Taufbecken«. Dann torkele ich weiter zu einem stählernen Treppenaufgang, der steil nach oben auf die Beleuchterbrücke führt, wo Ole und Emma heute Mittag das Netz mit den Ballons befestigt haben. Ich nehme zwei, drei Stufen, spüre das Schwingen der Metalltreppe am ganzen Körper und setze mich hin. Ich schließe die Augen, die Welt ist ein Karussell. Mir wird übel, und ich reiße meine Augen wieder auf. Wie aus dem Nichts steht Frau Perousse vor mir, meine Deutschlehrerin. Eine Erscheinung. Wünsche gehen manchmal doch in Erfüllung. Heute Abend trägt sie ein eng anliegendes Etuikleid mit spitz zulaufendem Dekolleté und hochhackige Schuhe.

»Alles okay mit dir?«, fragt sie und beugt sich zu mir herunter. »Du hast toll gesungen. Wirklich toll.«

»Danke«, sage ich und schäme mich dafür, auf ihre Brüste zu starren. Sie sind unglaublich rund und wunderschön, und ich kann nicht anders. Aber ich blicke sie mit Respekt an. Das hat mir meine Mutter beigebracht. Schönheit jedweder Art, ob Mensch, Tier oder Objekt, mit Respekt anzuschauen.

»Vielleicht solltest du zwischendurch mal etwas Wasser trinken.« Frau Perousse deutet zu dem Taufbecken. Ich hoffe, ich bilde mir nur ein, meine Pisse riechen zu können. Ich muss würgen — bloß nicht kotzen. Nicht vor meiner Lehrerin. »Musst du spucken?« Sie legt mir die Hand auf den Rücken. Ich genieße die Berührung und inhaliere den Duft ihres Parfums. Dann richte ich meinen Oberkörper auf. »Es geht mir gut. Sehr gut.«

Ihre Hand gleitet über meinen Rücken, es fühlt sich an wie ein zärtliches Streicheln. Gänsehaut. Überall. Wahrscheinlich der beste Moment an diesem vorhersehbaren Abend. Jedenfalls der einzige, den ich für schlechtere Tage aufbewahren will.

»Vielleicht doch etwas Wasser?«, fragt sie.

Ich winke ab. »Alles okay«, sage ich leise. Es fällt mir schwer zu sprechen.

»Wie du meinst.«

Sie gehört zu den jüngsten Lehrerinnen an unserer Schule. Auf den Filmaufnahmen, die ich für unseren Trailer von ihr gemacht habe, hat meine Mutter sie für eine Schülerin gehalten. Ich erwarte, dass sie weitergeht, aber sie gibt der Szene eine überraschende Wendung und quetscht sich neben mich auf die Stufe.

Sie stabilisiert meinen Körper, aber nicht meinen Geist.

Alles ist möglich. Alles.

Über ihren schwarz bestrumpften Beinen liegt ein leichter Schimmer. Ich schließe kurz die Augen, weil ich trotz meines Promillespiegels einen Ständer bekomme. Übermäßiger Alkoholkonsum macht impotent, dachte ich. Aber wohl erst ab dreißig oder so. Unangenehm ist es trotzdem. Auch wenn die Anzughose die Beule kaschiert, suche ich nach der richtigen Sitzposition. Mikrobewegungen. Ich will auf keinen Fall, dass sie aufsteht.

»Sollen wir uns duzen?«, fragt sie. »Du bist ja jetzt nicht mehr mein Schüler.«

»Ähm, ja, ja, klar, gerne.« Ich rede nicht weiter, sondern reiche ihr die Hand und bemerke im selben Moment, wie unpassend diese Geste ist. Sie lächelt. »Angenehm, Anne«, sagt sie und kichert. Ja, sie kichert. Ihr Bier-Atem vermischt sich mit meinem Wodka-Atem. Mit Sicherheit werde ich rot. So viel Blut ist noch vorhanden. Schwach erhellt vom grünen Licht der Notausgang-Beleuchtung, wird sie die Fehlfunktion meiner Haut nicht erkennen. Rot und Grün. Grün und Rot. Ich glaub, die Mischung ergibt Gelb. Gelb ist okay.

Aus irgendeinem Grund lachen wir beide plötzlich auf. Anne und ich. Vielleicht weil die gedämpfte Musik, die vom Saal zu uns herübergetragen wird, eine Pause macht und Stille etwas ist, das es nur selten zwischen Lehrern und Schülern gibt. Genau wie das In-die-Augen-Schauen. Zehn Sekunden. Eine Ewigkeit.

Sie hält immer noch meine Hand fest. Ich muss mich beherrschen, sie nicht zu streicheln. Meine Hand, ihre Hand. Mein Daumen verkrampft sich, weil er ihre Haut — die Haut meiner Lehrerin — spüren will und ich ihm das nicht erlauben kann. Es ist eine Regel. Das Leben besteht aus Regeln, die andere sich ausgedacht haben. Und ich bin zu feige, sie zu brechen.

Noch.

»Du musst mir versprechen, etwas zu machen, was zu dir passt«, sagt sie wie aus heiterem Himmel. Sie lallt ein wenig. Ihre Zunge stößt gegen die Zähne. Ein Lispeln. »Keine faulen Kompromisse. Dein Leben. Deine Geschichte. Verstehst du?«

Ich verstehe. Ich nicke.

An dem Ausdruck in ihrem Gesicht erkenne ich, dass sie es ernst meint. Dass es keine Floskel ist, die sie zu allen Schülern sagt. Aber vielleicht wünsch ich mir auch nur, in ihren Augen etwas Besonderes zu sein. Nicht einer von vielen. »Bleib dir selbst treu. Das ist nicht immer einfach, aber wichtig, um ein glücklicher Mensch zu werden.«

»So wie Sie?«, rutscht es mir über die Lippen. »Ich … ich meine, so wie du?«

»So wie wenige.«

Stille.

»Was passt denn zu mir?«, frage ich herausfordernd.

Anne lässt meine Hand los. Schade, denke ich, seufze innerlich und merke an ihrem Blick, dass es wohl nicht nur innerlich war.

»Was mit Musik, was mit Schreiben, was, woran du glaubst«, sagt sie. »Was Kreatives. Was von Bedeutung vielleicht. Gibt ja viele Möglichkeiten.«

»Obwohl ich nur zehn Punkte von dir bekommen hab?«

»Das ist nur eine Schulnote, nichts weiter«, wehrt sie schmunzelnd ab. »Und du bist faul, das weißt du.« Sie tippt mir auf die Nase. »Ignorierst Anweisungen, wenn sie dir nicht in den Kram passen, und bereitest dich nicht vor, sondern improvisierst.«

»Und was ist mit dir?« Es fühlt sich komisch an, sie zu duzen. Obwohl ich sie sehr mag. Obwohl sie in den letzten beiden Jahren einer der wenigen Lichtblicke zwischen all den überflüssigen Kursen war. »Ist das hier jetzt dein Rest des Lebens? Schüler zum Abi zu bringen und dann wieder von vorne anzufangen?«

Ich bemerke zu spät, wie überheblich dieser Satz klingt. Suche nach einem Ausweg und stammle: »Wie, wie bei Sisyphos, der … Mythos.« Und habe das Gefühl, es damit nicht besser zu machen. Wahrscheinlich hab ich das mit dem Felsen und der Freiheit falsch verstanden. War ja auch nur ein Wikipedia-Eintrag.

»Der Fels ist nur ein Fels«, sagt sie, nachdem wir kurz geschwiegen haben. Im Tonfall eines Trinkspruchs. Sie hat ordentlich einen sitzen. »Und das Schicksal gehört dir.«

Um ihre Augen glitzert es. Ich tue so, als würde ich verstehen, was sie sagt. Und vielleicht ist das ja auch so. Nur nicht in meinem Kopf, sondern mehr in meinem Bauch. Dort, wo sich neben der Übelkeit auch die Angst sammelt, nicht zu wissen, was ich jetzt tun soll, wie das hier weitergeht, mit meiner Ex-Lehrerin.

Und die Welt dreht sich wieder. Ich schwanke, und Anne schlingt ihren Arm um meine Hüfte. Ich denke daran, wie das jetzt aussieht, wenn jemand vorbeikommt. Ich denke daran, dass ein Filmchen oder ein Foto genügen würde, um sie in Schwierigkeiten zu bringen. Das Blitzlicht eines Handys, und ihr Leben würde ein anderes sein, eine neue Abzweigung nehmen. Aber es kommt keiner vorbei, der den Moment zerstört und das Schicksal in eine neue Bahn lenkt.

»Das Leben ist absurd«, sage ich im Brustton der Überzeugung und beobachte meine rechte Hand, wie sie Anne über die Wange streicht. Und unter den Fingern spüre ich Tränen. Anne weint. Und ich weiß nicht, ob es meine Schuld ist oder die Schuld des Augenblicks oder des Alkohols oder von Camus, der mit Sicherheit unglücklich war, bei all den Gedanken, die er sich über den Sinn des Lebens gemacht hat.

Ich will nicht vorhersehbar sein, denke ich mein persönliches Mantra, sei nicht vorhersehbar. Dann beuge ich mich hinüber zu Anne und küsse sie. Anne erwidert meinen Kuss und macht uns beide zu dem, was wir sind: zu Menschen. Unberechenbar, einzigartig und nicht vernünftig, wenn wir dem folgen, was wir wirklich wollen, dem, was wir wirklich fühlen.

Und dieser lange Kuss gibt dem Moment einen Sinn, eine Auflösung. Es geht nicht um die Zukunft, nicht um die Vergangenheit, nur um die Gegenwart. Denn das Schicksal gehört mir und keiner MASCHINE, keinem beschissenen Computerprogramm. Regeln sind Regeln, und Freiheit ist Freiheit. Auch deshalb küssen wir uns.

Die Angst in meinem Magen bleibt. Sie ist ein Geschwür, das ich bekämpfen muss, bevor es wuchert und die Führung übernimmt.

Wir lösen uns voneinander, Anne und ich. Um uns herum hat sich nichts verändert. Die Welt ist dieselbe. Das grüne LED-Licht spiegelt sich in Annes feucht glänzenden Augen. Sie steht auf und geht.

Wortlos.

Ich bleibe sitzen, weil das alles absurd ist. Diese Party und dieser Kuss, der noch immer auf meinen Lippen brennt.

Dann denke ich an die MASCHINE und weiß, dass der Kuss erst der Anfang war. Dass mein Leben so sein wird, wie ich es mir vorstelle: unberechenbar.

Zwei

Ich schreibe das heutige Datum in mein Notizbuch und versehe es mit wuchtigen Ausrufezeichen. Tag eins nach dreizehn Jahren Schulzeit (die vierte Klasse habe ich freiwillig wiederholt) beginnt mit einem Kater der Extraklasse, Gliederschmerzen und Verwirrung. Kleidungsstücke — Dr. Martens, Sakko, Anzughose, Ringelsocken, T-Shirt, zerknülltes Einstecktuch — ziehen sich wie die Spur eines Fremden von der Tür zum staubigen Gummibaum, der meine Silberkrawatte in seinen federnden Armen hält. Ich bücke mich nach dem Fetzen einer Luftschlange, der es neben mein Bett geschafft hat, nehme den Tesa-Roller vom Nachttisch und klebe das bunte Artefakt als Erinnerung an die gestrige Nacht unter das Datum. Damit ist die halbe Seite voll. Ich setze vier Buchstaben unter den Papierfetzen, um es selbst glauben zu können. A — N — N — E. Ich habe Anne geküsst. Die Lehrerin Anne. Eine sehr unwahrscheinliche Wahrscheinlichkeit. Mein Herz stolpert. Hitze steigt mir in den Kopf. Andere Erinnerungen verblassen.

Ich setze erneut mit dem Stift an und zögere. Die Ortsangabe ist wichtig. Für später. Und heute bereitet sie mir Schwierigkeiten. Ich entscheide mich gegen ein drehbuchmäßiges »Schule/Aula« oder »Zuhause/Zimmer« und schreibe stattdessen in fetten Buchstaben DAZWISCHEN neben das Datum. Damit ist nicht nur die Geografie gemeint, sondern auch mein gegenwärtiger Gemütszustand. Der Restalkohol und die Züge an Yoshs Joint halten mich emotional in einer Zwischenebene gefangen. Euphorie und Erleichterung auf der einen Seite. Wehmut und Weinerlichkeit auf der anderen.

Der Kuss hat die Karten neu gemischt. Durch meinen Kopf schwirren jede Menge Optionen, die vor dieser Nacht noch nicht da waren. Vor meinem inneren Auge eine Liste ausformulierter Wenn-dann-Schleifen.

Wenn Anne in dich verliebt ist, wirst du sie wieder küssen.

Wenn du in Anne verliebt bist, wirst du ihr das sagen.

Wenn Anne dich ignoriert, wirst du sie vergessen.

Wenn Anne sich bei dir meldet, wirst du nicht wissen, was zu tun ist.

Wenn Anne sich nicht bei dir meldet, wirst du dich bei ihr melden.

Wenn Anne dich ignoriert, wirst du bei ihr vorbeigehen.

Wenn du an Anne denkst, willst du sie küssen … und mit ihr schlafen.

Anne ist schön. Vielleicht zu schön. Vielleicht zu intelligent. Zu gebildet. Zu erwachsen. Das kann ich nicht beurteilen.

Ich lege das glänzende Notizbuch neben mich und greife nach meinem Handy. In mir die Hoffnung, dass Anne sich bei mir meldet, damit die MASCHINE an die notwendigen Daten kommt, die sie zur Analyse ihres Profils benötigt. Ich will eine Bewertung, um das Chaos in meinem Kopf zu lichten. Ich will wissen, wie die MASCHINE, wie die künstliche Intelligenz meine Verbindung zu dem Menschen Anne Victoria Perousse beurteilt.

Wahrscheinlich denkt Anne gar nicht an mich und den Kuss oder schämt sich dafür, die Kontrolle verloren zu haben, und tauscht sich gerade mit ihrer besten Freundin darüber aus, wie man die Sache schnell und schmerzlos vom Tisch bekommt. Weder hat Anne einen Freund, noch ist sie verheiratet. Das wusste ich schon vor gestern Nacht, weil jemand aus dem Deutschkurs sie danach gefragt hat. Ihr Beziehungsstatus sollte in der Abizeitung öffentlich gemacht werden, was Anne zähneknirschend und erst nach dem Hinweis, dass die anderen Lehrer die Frage beantwortet hätten, hinnahm. Sie könne auch lügen, kam der Vorschlag. Das wollte sie auf keinen Fall.

Ich überlege, Anne eine Mail zu schreiben, in der ich ihr meine Verschwiegenheit zusichere. Aber vielleicht ist es das Beste, erst einmal abzuwarten, bis ich wieder klarer sehe oder sie sich doch noch bei mir meldet — und wahrscheinlich entschuldigt. Entschuldigt für ihren Fehltritt. Sie wird nicht »Ausrutscher« sagen, sondern »Fehltritt«. Jeder Mensch hat seinen eigenen Wortschatz. Bei Anne ist er etwas angestaubt, aus einer anderen Zeit, wie die Bücher, die sie liest, wie die Kleider, die sie manchmal trägt.

Das Unruhekribbeln in meinem Magen steigert sich zu einem dumpfen Schmerz. Eines steht fest: Ich habe Anne definitiv nicht wegen der MASCHINE geküsst. So abgebrüht bin ich nicht. Das war nicht der Grund. Auch wenn ich mir das gestern aufgeputscht vom Alkohol eingeredet habe. Ich bin — ziemlich sicher — in sie verliebt. Und das nicht erst seit gestern. Nur habe ich das bisher erfolgreich verdrängt, weil mir das ständig passiert, dass ich mich in Mädchen (in dem Fall eine dreißigjährige Frau) verliebe, bei denen ich objektiv betrachtet geringe bis keine Chancen habe. Alter, Aussehen, Vorlieben, Hobbys, Musikgeschmack. Ich will mich nicht selber runtermachen, aber wenn die Unterschiede bei mehreren Parametern zu groß sind, muss man sich ins Zeug legen, um seine Chancen zu erhöhen, oder wie heute Nacht vom Zufall beschenkt werden. So gesehen war der Kuss auf mehreren Ebenen eine Anomalie im Strom der Möglichkeiten.

Ich greife mein Handy und wechsle zwischen WhatsApp und Instagram hin und her. Auf beiden Kanälen ist die Hölle los. Breaking News und jede Menge Gossip. Wer mit wem gesehen wurde. Wer sich gestern Nacht abgeschossen hat. Weshalb die Rektorin so früh abgehauen ist. Wie schlecht das Essen war. Ob da was lief zwischen unserem Konrektor und dem schönen Referendar. Dass es jetzt endgültig vorbei ist mit der Schule. Und so weiter und so fort. Tränen-Emojis, Herzen-Emojis, unscharfe Poser-Bilder und Filmchen vom Abiball und den Partys danach. Vor der Bühne und Backstage, in Stretchlimos und Clubs, auf dem Klo und neben der Holzpyramide mit den Gipsabdrücken unserer Gesichter.

Ich bekomme Komplimente für meinen Auftritt und die Aufforderung, mich bei irgendwelchen Castingshows zum Deppen zu machen. Anne wird wegen ihres »scharfen Kleids« erwähnt. Zwei, drei grobkörnige Fotos. Nahaufnahmen von Gesicht und Dekolleté. Ein paar Idioten wundern sich darüber, »wie sexy die unscheinbare Maus« doch aussehen kann, »wenn sie will«. Sonst nichts. Nicht die kleinste Andeutung. Niemand hat uns gesehen. Wir sind tatsächlich unter dem Radar geblieben.

Zum x-ten Mal scrolle ich durch die Bilder, die es von Anne im Internet gibt. Es sind nicht besonders viele. Mit Eintritt in den Schuldienst zeigt sie sich nur noch ohne Nasenstecker. Ihre Schulter-Tattoos lässt sie unter züchtig aussehenden Rüschenblusen verschwinden. Eine wahrhaftigere Version von Anne existiert vermutlich nur auf ihrem nicht öffentlichen Insta-Profil oder auf Facebook. Zu beidem habe ich keinen Zutritt.

Wir waren Annes erster Abi-Jahrgang. Sie kam als Krankheitsvertretung und wurde aus Personalmangel auch gleich unsere Tutorin. Ich fand sie nett, intelligent, manchmal auch etwas übermotiviert und überfordert von der Idee, jeden ins Boot holen zu wollen. Sobald sie in schüchterner Begeisterung aus ihren Lieblingsbüchern vorlas, begannen ihre Augen zu leuchten und erloschen sogleich wieder, wenn die ersten Köpfe gelangweilt auf die Bänke sanken. Anne konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen. Es war offensichtlich, dass sie den Fehler bei sich suchte und nicht bei den Schülern, die sich oft genug wie Idioten aufführten. Ich konnte mir nicht länger ansehen, wie sie sich für ein paar Leute zum Affen machte. Deshalb schwänzte ich immer häufiger ihren Kurs. Auch in den anderen Fächern machte ich mich rar. Ich hatte das Gefühl, in der Schule meine Zeit zu vergeuden, und arbeitete lieber an neuen Songs als an guten Noten. Als sich meine Fehlstunden häuften, bot mir Anne einen Deal an, damit ich ein halbes Jahr vor dem Abi nicht aus dem Rennen flog. Ich sollte eine Hausarbeit über die Verbreitung von Nachrichten, Bildern und Filmen in den sozialen Netzwerken schreiben und überlegen, was passiert, wenn sich Fiktion, Wirklichkeit, Nachrichten und Entertainment immer stärker vermischen. Auch wenn ich dem Thema nicht viel abgewinnen konnte, war ich froh über diese Chance. Obwohl meine Mutter keine hohen Erwartungen an mich stellte, wusste ich, wie enttäuscht sie sein würde, wenn ich ohne Abitur nach Hause kam. Das hatte ich bei Martha, meiner großen Schwester, miterlebt. Das wollte ich ihr kein zweites Mal zumuten. Zehn Seiten sollte ich für die Hausarbeit schreiben. Dafür würde sich ein Großteil meiner Fehlstunden auf wundersame Weise in Luft auflösen. Ich musste Anne versprechen, dass der Deal unter uns blieb. »Sonst bringst du mich in Teufels Küche.« Eine schöne Redewendung.

Noch am selben Tag machte ich mich an die Arbeit und gab eine längere Liste von Suchwörtern bei Google ein. Ungefähr acht Millionen Treffer, meldete die Gottheit der Suchmaschinen. Neben wissenschaftlichen Artikeln oder solchen, die so klingen wollten, fand ich unzählige Links, die zu Youtube führten, dem Mekka der Verschwörungsfanatiker. Ich übersprang die ersten zwanzig, dreißig Seiten, bis ich in einem Forum von Digitalisierungskritikern auf einen Thread mit der Überschrift »Der freie Wille« stieß. Dort behauptete ein Typ, der sich Harry Haller nannte, dass Programmierer aus dem Silicon Valley eine Software entwickelt hätten, mit der sich die Zukunft jedes Menschen bis ins Detail vorhersagen ließ. Von mehreren Jahrzehnten war die Rede. Ich war nicht sonderlich überrascht. Überall auf der Welt arbeiten Tech-Konzerne daran, unser Gehirn auf virtueller Ebene nachzubauen. Künstliche neuronale Netzwerke, die versuchen, unser Denken und Handeln zu imitieren, und eines Tages vielleicht sogar ein eigenes Bewusstsein entwickeln, was jede Menge ethische Fragen aufwirft. Ich mag Science-Fiction-Filme, in denen intelligente Roboter sich über die menschliche Spezies erheben. Vielleicht wäre das die Rettung für unseren angeschlagenen Planeten.

Dass eine Software in der Lage war, den Verlauf einzelner Biografien zu berechnen, schien mir durchaus realistisch. Alles, was man braucht, sind Daten. Das Gold der Gegenwart. Haufenweise Daten und Verknüpfungen. Bei meinem Abi-Jahrgang stelle ich mir die Berechnungen nicht allzu schwer vor. Wir sind alle miteinander vernetzt, teilen ähnliche Posts, schauen ähnliche Filme und Serien und kommen aus derselben langweiligen Gegend. Anders zu sein, ohne sich strafbar oder zum Idioten zu machen, ist extrem schwer. Eine Herausforderung, weil es weder über Musik noch über Klamotten funktioniert. Nur eine Handvoll Leute passt nicht in die gängigen Muster, in die langweilige Zombie-Matrix, und bis zu jenem Tag war ich davon überzeugt, einer von ihnen zu sein. Ich war mir sicher, dass meine Spuren on- und offline andere Schlussfolgerungen zuließen, als der breiten Masse anzugehören. Deshalb wollte ich mir das Programm genauer anschauen und landete nach stundenlanger Suche auf der Startseite der MASCHINE. Die Seite war nicht indexiert. Über Google und andere Suchmaschinen ließ sie sich nicht auffinden. Der Retrolook der Seite war gelungen. Die Grafik auf elegante Weise roh und zweidimensional gehalten. Es gab unzählige große und kleine Zahnräder. Der Anblick erinnerte an ein riesiges Uhrwerk, das sich in Zeitlupe bewegte. Der Sound waren schleifende, quietschende Maschinengeräusche, die hin und wieder von kurzen knisternden Spieluhrmelodien und einem lauter werdenden Ticken unterbrochen wurden. Es war offensichtlich, dass es sich bei den Machern um zynische, aber auch begabte Technikfreaks handelte. Sie hatten sich alle Mühe gegeben, die Besucher dieser Zwischenwelt neugierig zu machen. Immer wieder poppte ein Fenster hoch, das einen dürren Avatar im Blaumann zeigte und den User dazu aufforderte, ein eigenes Profil anzulegen. Die harten Gesichtszüge des Arbeiters waren nur mit wenigen Strichen skizziert, wie bei einer Bleistiftzeichnung. Man hatte den Eindruck, es mit einem Strategie-Rollenspiel zu tun zu haben, nicht mit digitaler Wahrsagerei. Ich wollte einen Blick in die virtuelle Kristallkugel werfen. Ich wollte wissen, was passiert. Dafür musste ich die MASCHINE mit meinem echten Namen und Geburtsdatum füttern, eine App auf mein Handy laden, den Zugang zu meinen Social-Media-Accounts, Youtube und meinen Kontakten freigeben und darauf vertrauen, dass die Betreiber der Seite keinen Mist damit bauen. Schon war ich im Spiel. Als alle Eingaben korrekt waren (beim ersten Versuch hatte ich ein falsches Geburtsdatum und eine andere Stadt angegeben), erschien ein rautenförmiger pulsierender »Play«-Button. Als hätte ich geahnt, dass dieser Augenblick alles ändern würde, umkreiste ich die Schaltfläche einige Sekunden unentschlossen mit dem Mauszeiger, ehe ich sie anklickte. Die Zahnräder begannen sich zu drehen. Die Maschine setzte sich in Gang. Zuerst schwerfällig und dann immer schneller. Begleitet von einem dumpfen Hämmern, Klicken und Sirren. Plötzlich wurden das Uhrwerk und der Fabrikarbeiter in die gläserne Form einer Sanduhr gequetscht. In die obere Hälfte. Ich weiß nicht, ob ich mir das nur einbildete, aber ich hatte den Eindruck, dass der Fabrikarbeiter mich anschaute. Direkt. Mit einem Blick, der mir einen Schauer über den Rücken jagte. Dann löste sich der Arbeiter auf, zerfiel in einzelne Pixel, die wie Sandkörnchen herabfielen und sich in der unteren Hälfte der Sanduhr zu einem bräunlich schimmernden Häufchen auftürmten. Ein Hinweis erschien, dass die Berechnungen gestartet wurden. Der Lärm unzähliger tickender Uhren schallte aus meinen Lautsprechern. Als Nächstes zersplitterte das Glas der Sanduhr. Das Uhrenticken ging in ein gleichzeitiges Läuten, Schlagen und Klingeln über, das aus allen Richtungen zu kommen schien und in meinen Lautsprechern zerrte. Mein Herz beschleunigte. Als der Lärm verstummt war, holte ich tief Luft. Der Bildschirm wurde schwarz und zeigte mein eigenes erstauntes Gesicht. Der Computer startete neu. Ich dachte, auf einen Scherz hereingefallen zu sein oder mir einen fiesen Virus eingefangen zu haben, und war froh, dass der Rechner nach dem Hochfahren noch funktionierte.

Zehn Tage später fand ich eine Mail in meinem Postfach:

J*12, Dein Ergebnis steht zum Download bereit.

DIE MASCHINE

Um auf Nummer sicher zu gehen, ließ ich die Datei der MASCHINE durch mehrere Virenscanner laufen. Nachher war es ein Programm von Netzwerkaktivisten, die damit zeigen wollten, wie leicht man an private Daten kam, wenn man nur den richtigen Köder auslegte.

Ein Zögern, dann öffnete ich die entpackte Datei mit meinem Namen und der Versionsnummer 01. Wieder erschien der rautenförmige »Play«-Button in der Mitte des Bildschirms. Diesmal pulsierte er im Sekundentakt, während mein Herz ratterte wie bei einem verängstigten Kaninchen. Für den Bruchteil einer Sekunde spielte ich mit dem Gedanken, die Sache zu vergessen, das Experiment abzubrechen und die Datei in den Papierkorb zu verschieben. Wollte ich wirklich wissen, wie meine Zukunft aussah? Will irgendein Mensch wirklich wissen, wo dieser Weg hinführt, wo er endet, welche Hindernisse die Straße unpassierbar machen?

Mein Gedankenstrom wurde unterbrochen von dem Geräusch tickender Uhren, das leicht verzerrt aus meinen Lautsprechern kam. Ein Countdown, beginnend bei zehn, schob sich in den Vordergrund. Darunter der Hinweis, dass sich die Datei verschlüsseln würde, sollte ich nicht vor Ablauf auf den »Play«-Button drücken.

Ich hielt die Luft an.

Ich drückte auf »Play«.

Ich erwartete ein grafisches Feuerwerk. Irgendwas Spektakuläres, doch stattdessen öffnete sich Word. Ein schlichtes Dokument lag vor mir. Die Version 1.0 meines Lebens, in Zahlen, Diagrammen und vermeintlichen Fakten, auf eng beschriebenen vierzig Seiten. Versehen mit jeder Menge Hyperlinks, die wie verkümmerte Äste aus einer nicht enden wollenden Timeline wuchsen. Das Programm, es funktionierte tatsächlich. Zwölf Jahre meines Lebens waren auf irgendeine Weise im Netz dokumentiert. Hunderte, wenn nicht gar Tausende Datenpunkte. Bilder, Posts, Likes, sogar Chat-Protokolle und Einträge in Musikerforen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Und pixelige Videoschnipsel von meiner ersten Band, The Whistlez. Ich scrollte zum Anfang der Timeline, zu meiner Geburtsstunde im World Wide Web. Zur Stunde null der neuen Zeitrechnung. Dort entdeckte ich ein Bild, das mich völlig unvorbereitet traf. Wie ein Schlag ins Gesicht. Da stand ich, als vielleicht sechsjähriges Kind, daneben ein attraktiver Mann in Cordjackett und Rollkragenpullover, ein Fremder: mein Vater.

Drei

Eine Woche ist seit dem Abiball vergangen. Der Tag der Abreise ist gekommen und die Welt nicht mehr dieselbe. Anne hat sich bei mir gemeldet. Wir haben uns getroffen. Bei ihr zu Hause. Wir haben miteinander geschlafen. Dann haben wir uns gestritten und wieder versöhnt. Und dann wieder gestritten. Und jetzt weiß keiner mehr genau, wo das alles hinführt — hinführen soll. Nur vielleicht die MASCHINE. Wenn ich ihr vertraue.

»Das brauche ich nicht«, sage ich zu meiner Mutter. Der Abschied fällt mir schwer. Mein Magen krampft. Ich darf nicht weinen. In meinen Händen halte ich einen geöffneten Briefumschlag mit zerknitterten Geldscheinen. Drei-, vierhundert Euro. Vielleicht auch mehr. »Wirklich«, füge ich mit Nachdruck hinzu. Ich will ihr den Umschlag zurückgeben. Sie verschränkt die Arme vor der Brust. Wenn ihr etwas gegen den Strich geht, kann sie bockig sein wie ein Kind.

»Bitte«, sagt sie leise. In ihren Augen sammeln sich Tränen. Sie kämpft dagegen an. »Bitte nimm es. Ich will dich unterstützen. Deine Schwester hab ich damals nach der Schule auch unterstützt. Es muss gerecht zugehen. Du weißt, dass mir das am Herzen liegt.«

»Aber ich hab doch selbst gespart. Und du …«

Sie hält mir einen Finger an die Lippen. Er riecht nach Lösungsmittel. Sie weiß, was ich sagen will, und sie will es nicht hören. Nicht heute, nicht an unserem Abschiedstag. Sie hat die ganze Nacht im Atelier verbracht, um an den Masken für ihr neues Stück zu arbeiten. Alles muss perfekt sein.

»Ich will das alleine hinkriegen«, sage ich ruhig, aber bestimmt. Anders funktioniert es nicht. Dann schiebe ich den Umschlag in die Seitentasche ihres mit Kleberesten und Farbspritzern besudelten Maler-Overalls. Ihrem Lieblingskleidungsstück. Sie lässt es geschehen.

»Den Dickkopf hast du von mir«, sagt sie mit halbem Lächeln und streicht mir durchs Haar.

Meine Mutter hat sich das Geld vom Mund abgespart. So sagt man das doch. Sich etwas vom Mund absparen. Eine seltsame Redewendung, ein seltsames Bild. Vielleicht ist damit gemeint, dass es ohne Geld nichts zu essen gibt, zumindest nichts, wofür man bezahlen muss. Gehungert haben wir nie. Wenn mal wirklich nichts mehr im Haus war, hat uns meine Mutter zu Freunden geschickt oder zu Vernissagen mitgenommen, wo es Häppchen und leckeren Orangensaft gab, von dem ich Durchfall bekam. Niemals wäre sie auf die Idee gekommen, auf Staatskosten zu leben. Sie ist stolz darauf, unabhängig zu sein. Und ich bewundere sie für ihre Stärke. Momentan steckt sie in einer künstlerischen Krise. Sie raucht Kette, lässt das schmutzige Geschirr stehen und Mahnungen ungeöffnet, bis uns Herr Träger, der vermutlich netteste Gerichtsvollzieher der Welt, einen Besuch abstattet. Herr Träger redet meiner Mutter ins Gewissen, trinkt Tee und notiert am Ende, dass es bei uns nichts zu pfänden gibt.

Ihr neues Projekt ist erst zur Hälfte finanziert, und ich glaube, es macht ihr Angst, dass ich jetzt mit der Schule fertig bin und sie die Wohnung für sich haben wird. Tag und Nacht. In solchen Phasen, wo sie Melancholie und schlechte Nachrichten aufsaugt wie ein Schwamm, fällt es ihr schwer, alleine zu sein.

»Du musst dich nicht melden. Nur wenn was ist«, sagt meine Mutter, nachdem wir uns zum dritten Mal umarmt haben. Mittlerweile stehen wir im Garten, werden beäugt von einer Metallskulptur, die hauptsächlich aus einem lang gezogenen Kopf und riesigen Augen besteht, und Emil, dem ergrauten Kater der Nachbarin, der sich mit beneidenswerter Gelassenheit dem sonnigen Nachmittag entgegenstreckt.

»Ich schreib dir eine Karte«, sage ich und schultere meinen Rucksack. »Vielleicht auch zwei.«

»Übertreib es nicht mit deiner Fürsorge.« Sie lacht und weint zugleich. Meine Mutter ist der einzige Mensch, den ich kenne, der kein Smartphone besitzt. Sie hat nur ein uraltes Handy, von dem der Lack abblättert. Und das schaltet sie aus, wenn sie im Atelier steht, was sie in produktiven Zeiten bis in die tiefste Nacht tut. Sie ist ehrgeizig. Momentan auch sehr dünn, fast zerbrechlich. Sie isst kaum, wenn sie nicht weiterkommt. Sie redet weniger. Alles passiert innen.

Obwohl ich versucht hab, mich auf das Nötigste zu beschränken, drückt das Gewicht des Rucksacks gegen meine Hüften. Er riecht noch immer nach feuchtem Keller, Vergangenheit und Abenteuer, sieht ramponiert und fleckig aus. Meine Mutter war mit ihm während des Studiums unterwegs. Sie hat viel gesehen, viel erlebt und erzählt davon gerne Geschichten, wenn sie Rotwein getrunken hat. Abenteuer. Dann sagt sie auch, dass sie mich nicht beneidet, in dieser Zeit erwachsen zu werden, und gibt mir das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Die guten alten Zeiten oder so. Unser Politiklehrer, Herr Mages, hat auch immer davon gesprochen, von dem Früher und Besser. Wahrscheinlich ist das so ein Generationen-Ding, dass man ab einem gewissen Alter nicht mehr mitkommt mit dem, was gerade passiert, und deshalb so überheblich daherredet, als müssten wir, die Neuen, um etwas trauern, was auf der Timeline vor unserer Geburt liegt und damit verloren ist. Aber wie soll man um etwas trauern, das man nicht gekannt hat? Und was würde das bringen? Nichts. Das Gute an meiner Mutter ist, dass sie es trotz ihrer Tränen ernst meint, dass ich mich nicht melden soll. Sie knüpft keine Bedingungen an ihre Liebe. Sie fragt auch nicht, was ich jetzt mit meinem Leben vorhabe. Sie hat sich fest vorgenommen, es anders als andere, als ihre Eltern zu machen und mich nicht unter Druck zu setzen.

Vier

Die Autobahnraststätte, den Startpunkt meiner Reise, kann man über einen Feldweg erreichen. Man schlüpft durch ein Loch im Zaun, ritzt sich die Arme auf, und schon liegt vor einem eine andere Welt. Ein Bahnhof ohne Fahrplan. Ein bisschen wie bei Alice im Wunderland, nur nicht ganz so überraschend. Überall Lastwagenfahrer, die mich nicht mitnehmen wollen. Dasselbe bei Geschäftsleuten, Pärchen und Familien. Nur Absagen. Aber ich hab es ja nicht eilig. Ich hab nicht mal ein Ziel. Ich will einfach nur unterwegs sein.

Die Prognose der MASCHINE kann ich seit ein paar Tagen nur noch aus der programmeigenen Cloud abrufen. Das Word-Dokument ist verschlüsselt. Eine Erklärung dafür gibt es nicht. Die künstliche Intelligenz hat sich alles geholt, was sie für eine umfassende Vorhersage braucht. Anders als bei Google, wo man nur das Ergebnis seiner Suchanfrage sieht und nicht die geheime Rezeptur dahinter, wo man nicht weiß, warum das Page-Ranking Adidas an erste Stelle setzt und nicht Puma, bekommt man die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu blicken. Die Verknüpfungen und Quellen sind frei zugänglich bis in die kleinste Verästelung. Alles ist so übersichtlich aufbereitet, dass man keine Kenntnis einer Programmiersprache braucht, um den Weg von A nach B zu verstehen. Der momentane Wert meines Profils im Netz (knapp hundert Dollar) errechnet sich aus meinem Wohnort, den direkten Nachbarn, dem von ihnen und mir über Amazon und Co. generierten Umsatz, der Tatsache, dass es sich um eine Genossenschaftswohnung handelt, und noch etwa dreißig weiteren Faktoren. Die umfangreiche Analyse der MASCHINE beinhaltet auch Bilder, Posts von mir und anderen. Und Filme. Verwackelte Schnipsel vom Abiball zum Beispiel, die jemand ohne mein Einverständnis auf Youtube hochgeladen hat. Auf einer Timeline, die sich als rostige Schiene aus einer Bleidampfwolke schiebt, gibt es unzählige Links, Knotenpunkte, die zu Webseiten führen, die Informationen über mich und mein Leben gespeichert haben. Neben der Erkenntnis, auf ein katastrophal durchschnittliches Leben zuzusteuern, wenn die MASCHINE recht behält, schockiert mich die Tatsache, dass Teile dieses vorgedachten Wegs dem Lebenslauf meines Vaters ähneln. Auch wenn er nicht Musiker, sondern Schauspieler werden wollte, wie aus einem seiner Notizbücher hervorgeht, das ich hinter dem Rücken meiner Mutter heimlich wieder aus der Mülltonne gefischt hatte. Als Siebzehnjähriger hatte er es als Hauptdarsteller in einen respektablen Studentenfilm geschafft, der jetzt auf Youtube vor sich hin dümpelt wie ein vergessener Traum. Auch wenn ich gerne das Gegenteil behaupten würde: Mein Vater hatte Talent. Er war richtig gut. Sieben Minuten reichen aus, um das zu erkennen. Aber Talent alleine genügt nicht, sagt meine Mutter immer, wenn sie über ernst zu nehmende Kunst spricht. »Will man gut sein, muss man alles geben oder einen Plan B für seine Zukunft haben.«

Der Plan B meines Vaters bestand darin, den Fehler zu korrigieren, uns zu verlassen, Anwalt zu werden, noch zwei Kinder in die Welt zu setzen, zu heiraten und die Spuren seines alten Lebens zu verwischen. Was genau der Grund war, außer dass in ihm ein gewissenloser Narzisst geschlummert hat, kann ich nur vermuten. Die einfachste Erklärung für sein gestörtes Verhalten ist die, dass er Angst hatte, als Verlierer vom Platz zu gehen. Wenn man die Bruchstücke seiner Biografie genauer anschaut, ging es ihm wohl vor allem darum, von anderen bewundert zu werden. Mal hier ein bisschen modeln, mal dort ein bisschen Parteiarbeit machen oder den Intellektuellen mimen. Er probierte viele Rollen aus, bis er die richtige fand.

Hätte ihm jemand, als er in meinem Alter war, gesagt, dass sein Leben so verlaufen würde, hätte er wahrscheinlich protestiert. Niemals hätte er geglaubt, dass er seine künstlerischen Ideale verraten und gegen eine inhaltsleere Karriere eintauschen würde, bei der es vor allem um Geld und Status geht. Dafür hatte er alle Menschen, die ihm mal etwas bedeutet hatten, im Stich gelassen. Und genau davor fürchte ich mich: dass wir, was unser Geltungsbedürfnis angeht, gar nicht so verschieden sind. Auch in mir brennt der Wunsch, es allen zu zeigen. Und ich weiß nicht, wie ich reagieren werde, sollte sich am Horizont abzeichnen, dass ich es mit der Musik nicht schaffen werde, mit dem, was mir am wichtigsten ist. Vielleicht erwachen dann meine Dämonen und diktieren mir einen neuen Weg, der so aussieht, wie von der MASCHINE vorhergesagt. Und ich ende wie mein Vater: unfähig, wirklich zu lieben, unfähig, tiefere Freundschaften zu führen, und von allem, woran er mal wirklich geglaubt hat, meilenweit entfernt.

Deshalb verspreche ich hiermit feierlich, alles zu tun, um der MASCHINE ihren Irrtum zu beweisen. Um dieses Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, habe ich ein persönliches Manifest mit Regeln für meine Reise verfasst. Punkt 1 von 10: Folge dem Zufall und der Farbe Rot. Und wenn wir gerade dabei sind, Punkt 2: Bleibe nie länger als drei Tage an einem Ort.

Vor dem Eingang zur Raststätte stehen drei Mädchen und machen Selfies. Sie posen vor einem überdimensionalen Plastik-Clown, dessen Gesicht jemand mit Messer und Edding in eine eindrucksvolle Horrorfratze verwandelt hat. Eine Brünette mit glitzerndem Nasenpiercing geht in die Hocke und schmiegt sich lasziv an die rissigen Clownshosenbeine. Der gürtellose Bund ihrer Hotpants verdeckt nur knapp die Stelle, wo die Schamhaare beginnen, wenn sie nicht abrasiert sind, was wahrscheinlich ist. Die anderen beiden johlen und knipsen und geben Anweisungen, was sie als Nächstes tun soll. Ein Mädchen mit weißen Birkenstockschuhen schaut zu mir herüber und dreht dann noch mehr auf. Ich lächle, weil das hier der Anfang meiner Reise ist, die Raststätte eine Insel, Niemandsland, und ich meinem besten Kumpel Yosh jetzt das erste Bild schicke. Ein gebrauchtes Kondom neben einem überfüllten Mülleimer. Er soll denken, was er will. Ich verzichte auf eine Bildunterschrift, kein Hashtag, kein Posting auf Instagram, Twitter oder Snapchat. Ich lasse es langsam angehen. Trotzdem würde mich interessieren, was die MASCHINE daraus macht, welche Schlüsse sie zieht, wenn sie das Bild scannt und nach möglichen Assoziationen, Verbindungen, Vergleichen sucht. Das Programm darf jederzeit auf meine Handykamera zugreifen. Auch auf mein Mikrofon, den Standort und so weiter. Mein virtuelles Ich, ein Selbstbedienungsladen. Erkennen kann man es nicht, wenn die MASCHINE eines ihrer tausend Augen und Ohren durch das Schlüsselloch steckt oder Daten abzapft, um ihren Durst nach Informationen zu stillen. Aber ich weiß, dass sie immer da ist.

Die Sonne hat den Rasen neben den Betontischen verbrannt. Die Hitze sticht durch die dünnen Sohlen meiner Schuhe. Ich habe das Gefühl, Krampfadern zu bekommen, wenn ich noch länger stehen bleibe. Die Mädchen flippen herum wie unter Strom. Der Sommer macht die Leute vorhersehbar. Er zwingt sie dazu, laut, aufgedreht und rastlos zu sein. Alles in Bewegung.