Es ist die erste Night Out seit Amelias Trennung im letzten Jahr. Mit ihrer besten Freundin trinkt sie Cocktails in einer New Yorker Bar, als sie Nick kennenlernt. Obwohl Nick und Amelia total verknallt sind, haben sie keinen Sex, sondern reden eine Nacht lang offen und ehrlich über ihre Datingerfahrung und darüber, was Männer und Frauen eigentlich so von der Liebe wollen. Das Gespräch ist eine Offenbarung für Amelia: endlich kümmert sie sich um sich selbst und ihr eigenes Glück. Aber der Kontakt zu Nick reißt nie ab …
Warum Liebe f*cking kompliziert ist
Roman
Aus dem Amerikanischen
von
Conny Lösch
Ullstein
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Deutsche Erstausgabe im Ullstein Taschenbuch
1. Auflage Juni 2020
© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2020
© Daniel Chidiac, 2019
Titel der amerikanischen Originalausgabe: The Modern Break-Up (Undercover Publishing House)
Umschlaggestaltung: zero-media.net, München nach einer Vorlage von Daniel Chidiac
https://www.instagram.com/themodernbreakupbook/ und https://www.instagram.com/daniel_chidiac/
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ISBN 978-3-8437-2447-0
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Dieses Buch ist dem Leben gewidmet –
Daniel Chidiac
Ihre Augen öffneten sich langsam, schlossen sich sofort wieder. Sie hatte noch nicht ganz begriffen, dass sie sich an einem ihr unbekannten Ort befand. Als sie doch noch einmal hinschaute, wurde sie plötzlich von Angst ergriffen, wie ein Kind in einem dunklen Raum. Sie erstarrte; ihre Gedanken rasten.
Sie lag alleine auf einem unbefestigten Weg, der nur wenig mehr als einen Meter breit war, sie trug ein weißes Kleid, fror und war alleine. Auf beiden Seiten des Wegs befanden sich hohe Wände, so weit das Auge reichte. Sie bestanden aus dicken, trockenen Ästen. Unmöglich hindurchzuspähen. Es gab keinen Ausweg. Der Himmel war grau, dämpfte alles darunter. Hier gab es kein Leben, keine Geräusche, keine Farbe. Rasch stand sie auf, ging benommen umher.
Wo bin ich?
Fieberhaft suchte sie nach einer Öffnung, versuchte vergeblich, durch die Wände hindurch zu entkommen, und verletzte sich dabei an den spitzen Ästen. Sie rannte und rannte, rannte so schnell sie konnte. Als sie das Ende erreichte, entdeckte sie links und rechts ähnliche Wege. Sie bog links ab, und als sie auch hier wieder das Ende erreichte, dämmerte ihr etwas … sie war schon einmal hier gewesen. Sie befand sich in einem Labyrinth.
Es war nicht genauso, wie sie es in Erinnerung hatte.
Einst war es üppig und grün gewesen, von Leben erfüllt, die Menschen hatten sich an Händen gehalten und gelacht. Jetzt war es verlassen, still. Sie versuchte sich zu erinnern, wie sie das letzte Mal herausgefunden hatte, doch ihr Gedächtnis ließ sie im Stich.
»Hilfe! Hilfe! Kann mir bitte jemand helfen?!«, schrie sie verzweifelt und fiel auf die Knie. Da sie nicht wusste, was die Zukunft bereithielt, schluchzte sie hemmungslos und in Todesangst. Ihre Tränen tropften zu Boden, spendeten ihm das einzige bisschen Feuchtigkeit, das er seit Monaten bekommen hatte. Wenig später wärmten Sonnenstrahlen ihr Gesicht. Nicht viele durchbrachen die dichten Wolken, aber sie genügten, um ihr Hoffnung zu schenken. Sie musste aufstehen …
Sie trocknete ihre Wangen und fasste sich, sah ein Licht am Ende eines weiteren Wegs und rannte darauf zu. Das Licht schien ihr die einzige Möglichkeit zu sein. Im Näherkommen erkannte sie allmählich eine Gestalt. Sie leuchtete. Und als sie das Ende erreichte, sah sie, wer es war.
»Oh, Gott sei Dank. Ich wusste, du würdest kommen und mich retten. Ich hatte Angst um mein Leben. Was zum Teufel machen wir hier? Wo bist du gewesen?«
Er antwortete nicht, lächelte nur, hielt die Hände hinter dem Rücken.
»Was hast du da?«, fragte sie.
Wieder antwortete er nicht. Er schaute ihr unschuldig in die Augen, brachte zum Vorschein, was er vor ihr versteckt hatte, und schenkte ihr einen Strauß knallroter Rosen. Sie waren das einzig Bunte, das sie hier bislang gesehen hatte.
»Danke«, sagte sie und nahm sein Geschenk an. Sie schloss die Augen und sog den Duft der zarten Blüten ein, berührte sie sanft mit der Nasenspitze. Sie dufteten so herrlich, so frisch, dass sie für einen kurzen Augenblick vergaß, wo sie sich befand.
Noch immer mit geschlossenen Augen, hörte sie ein leises Zischen. Eine Schlange glitt zwischen den Rosen hervor.
Gerade als sie die Blumen fallen ließ, schnellte das Tier hervor und biss sie, die Reißzähne schlugen sich fest in ihre Lippen.
Erschrocken schreiend entriss sie sich mit all ihrer Kraft und schleuderte die Schlange zu Boden. Verzweifelt schrie sie Gott an: »Warum? Warum?«, und schlug auf seine Brust. Mit jedem Schlag ertönte ein dumpfes Geräusch, und er hörte auf zu leuchten. Schließlich kippte er leblos und starr um, wie eine hohle Statue.
Sie rannte um ihr Leben. Mit jedem Schritt spürte sie den Schmerz des erdigen Wegs unter ihren nackten Füßen. Sie lief so schnell sie konnte, drehte sich um, wollte sehen, ob ihr die Gefahr folgte. Da sie nicht sah, wohin sie rannte, prallte sie gegen etwas und fiel. Alles wurde schwarz. Ein paar Minuten verstrichen.
Langsam stand sie auf und merkte, dass sie gegen einen riesigen Spiegel gestoßen war, so breit wie der Weg. Sie kam nicht daran vorbei. Sie musste hineinsehen. Sie starrte sich an, und was sie sah, verzehrte sie in ihrem gesamten Dasein. Der Schlangenbiss hatte ihr Gesicht entstellt.
»Du bist viel hässlicher als alle anderen. Sieh dich doch an. Kein Wunder, dass er dich nicht will!«, brüllte sie ihr Spiegelbild an. Und während sie weiterschrie, tauchte ein Zitat auf der Scheibe auf:
Motto Start
Wo reines Licht erscheint, verharrt bisweilen Dunkelheit.
Motto Stopp
Da es ihr nicht gelang, die Stimmen in ihrem Kopf zum Schweigen zu bringen, ergab sie sich ihrem Zorn. Sie zerschlug den Spiegel mit der Faust. Blut strömte ihr über die Fingerknöchel. Sie schaute gen Himmel und stieß einen letzten Schrei aus, dann ließ sie sich in die Düsternis ihrer Gedanken fallen.
Der Typ an der Bar
«Der ist total hot«, sagte Zara und nahm einen Schluck von ihrem Espresso Martini.
»Wer?«, fragte ich.
»Der mit dem weißen Hemd, da an der Bar. Aber nicht sofort hinschauen, das ist sonst zu offensichtlich. Tu gleich einfach so, als würdest du dich umsehen, dann schaust du ihn dir kurz an.«
»Sei nicht albern. Ich gucke jetzt«, sagte ich.
Zara packte blitzschnell meinen Arm. »Nicht!«
Ich wollte sie nicht ärgern, also sah ich mich total bescheuert in der ganzen Bar um, nur um meine Neugier zu verschleiern.
»Ich glaub, ich hab ihn gesehen. Da stehen aber drei Typen mit weißen Hemden. Welchen meinst du?«, fragte ich.
Zara rutschte ein Stück zur Seite, sodass ich einen weiteren diskreten Blick an ihr vorbei riskieren konnte. »Ist das dein Ernst? Der eine ist fett, und der andere sieht aus, als hätte er einen Baseballschläger ins Gesicht bekommen.«
»Ich meine natürlich den gut aussehenden, Amelia«, erwiderte sie entrüstet.
»Okay, beruhig dich.«
»Und?«
»Ja, der sieht gut aus. Irgendwie europäisch«, sagte ich.
Der Mann machte nicht den Eindruck, als würde es ihm etwas ausmachen, wenn er niemals ein Wort mit mir wechselte. Allein wie er am Tresen lehnte, wirkte so selbstbewusst, dass es mich völlig verunsicherte. Aber anstatt mich abschrecken zu lassen, wurde ich nur noch neugieriger. Irgendwie hatte ich Lust, mit ihm in Kontakt zu treten, aber das ging nur, indem ich ihm die Aufmerksamkeit vorenthielt, die er sonst vermutlich immer bekam. Ich musste es cooler angehen.
Wenn ich einem Mann begegne, den ich wirklich attraktiv finde, passieren eigenartige Dinge mit mir. Ich habe das Gefühl beweisen zu müssen, dass ich nicht verzweifelt auf der Suche bin. Ständig achte ich darauf, ihm nur nicht zu häufig Nachrichten zu schicken, und analysiere jeden einzelnen meiner Schritte. Normalerweise liegt es nicht an den Männern, dass ich mein Verhalten ändere; es liegt an mir. Ich werde nervös. Fast immer tue ich irgendetwas, das mich wie ein Psycho wirken lässt. Manchmal breche ich die Kommunikation schon ab, bevor es überhaupt dazu kommt, nur weil ich vorher schon weiß, dass ich‘s vermasseln werde. Wahrscheinlich denken die Typen dann, ich habe kein Interesse und gehe ihnen aus dem Weg, dabei bin ich manchmal einfach nur so eingeschüchtert, dass ich nicht mehr ich selbst bin. In einer idealen Welt würde ich mich gegenüber den Männern, die ich anziehend finde, genauso benehmen, wie gegenüber denjenigen, die mir gleichgültig sind.
Es kann großartig sein, ganz ehrlich kein Interesse zu haben. Dann habe ich nämlich viel mehr Stärke in mir. Ich bin nicht angreifbar. Ich kann bleiben, wie ich bin, und trotzdem klar denken. Wenn ich jemanden zu anziehend finde, geht das alles flöten. Ich verliere die Kontrolle. Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich mir geschworen habe, künftig keinem Mann mehr Aufmerksamkeit zu schenken, die er nicht verdient hat. Aber natürlich kommt doch immer wieder einer, der mich Lügen straft. Am liebsten möchte ich mir dann selbst in den Arsch treten. Manchmal frage ich mich, wenn wir wirklich an jemandem interessiert sind – aber auch nicht zu sehr interessiert –, ob wir dann nicht einfach so tun könnten, als wäre es nicht so? Oder geht es schon zwangsläufig schief, sobald wir auch nur in Gedanken mit der Vorstellung spielen, er könnte einem selbst überlegen sein?
Über den Tresen hinweg sah ich, wie der Mann seinem Freund im Gespräch zulächelte. Fast wäre ich gestorben … ich stehe total auf schönes Lächeln. Seine weißen Sportschuhe, die leicht ausgefranste helle Jeans, das am Kragen aufgeknöpfte Leinenhemd standen ihm einfach ausgezeichnet. Ich bin keine Fashionista, aber wenn ich einen Mann vor mir habe, der sich gut anzuziehen versteht, erkenne ich das auf den ersten Blick. In der Bar waren auch noch andere gut aussehende Männer, aber deren Stil wirkte zu gewollt, zu schön. Ganz zu schweigen davon, dass sie offenbar mehr Zeit auf ihre Frisur verwendeten als ich. Dieser Mann hatte verstrubbelte, dunkelblonde Haare. Eine Out-of-Bed-Frisur, aber heiß. Er schien einfach ganz mühelos so auszusehen. Seine Ärmel waren locker bis über die Handgelenke hochgekrempelt, und sein Hemd saß perfekt. Ich warf ihm möglichst viele verstohlene Blicke zu, tat dabei aber so, als würde ich mich nach dem DJ umdrehen, der nicht weit hinter ihm stand. Meine Gedanken rasten … ob er gesehen hatte, dass ich ihn anschaue? Seine Sonnenbräune ist echt sexy. Ich glaube, er kommt nicht von hier.
»Ich liebe diesen Look, Dreitagebart auf sonnengebräunter Haut«, sagte Zara und unterbrach meinen Tagtraum.
Abrupt kehrte ich in die Realität zurück. »Ja, er sieht megagut aus.«
Zara stellte ihr fast leeres Glas auf den Tresen.
»Hast du das gerade gesehen?«
»Was?«, fragte ich.
»Er hat dich abgecheckt.«
»Hat er nicht.«
»Doch, hat er. Schau hin. Siehst du?«
»Oh Gott, jetzt hat er geguckt. Ich seh total scheiße aus«, erwiderte ich, wandte mich rasch ab und fasste mir nervös ins Gesicht.
»Lächel ihn an«, sagte Zara und schlürfte den letzten Schluck ihres Drinks.
»Das geht gerade nicht. Nicht nach allem, was in den letzten Wochen passiert ist«, sagte ich.
»Ich regele das schon für dich, es wird mal wieder Zeit. Aber von mir aus mach, was du willst. Ich bin im Urlaub und will Spaß haben«, sagte sie und kramte in ihrer viel zu vollgestopften Clutch.
»Es wird Zeit? Wie lange hast du gebraucht, bis du über den Kerl hinweg warst, der fünf Jahre jünger war als du? Du warst völlig verrückt nach ihm, dabei habt ihr euch nur ein einziges Mal getroffen«, sagte ich.
Manchmal erteilt Zara anderen gerne Ratschläge, die sie selbst nicht befolgt. Ich weiß, dass sie es gut meint, trotzdem finde ich es manchmal wahnsinnig nervig.
Sie schaute zu mir auf. »Ich hab dir gesagt, dass ich dir nicht erklären kann, warum ich so verrückt nach ihm war. Manche verfangen sich einfach im Netz und bleiben hängen … man wird sie nicht los.«
»In welchem Netz?«, fragte ich zurück.
»Von allen Männern, die man kennenlernt, geht einem einer – oder genau genommen eher einige – nicht mehr aus dem Kopf. Sie haben sich im ›Netz‹ verfangen. Man denkt immer wieder an sie oder entdeckt, dass sie was auf Instagram gepostet haben, dann meldet man sich bei ihnen. Da ist immer noch ein kleines bisschen Hoffnung, dass sie sich mit dir verabreden wollen. Und irgendwann ergibt das einen Kreislauf«, sagte sie. »Wenn man sie kontaktiert, starrt man wie bescheuert auf sein Handy, wartet darauf, dass sie antworten. Dabei sollte man ihnen besser sagen, dass sie sich verpissen sollen. Oder man sollte sie ignorieren, wenn sie einem dann doch noch eine beiläufige Nachricht schicken, nur weil sie gerade nichts gegen ein bisschen sexy Telefongequatsche hätten, du aber nicht. Und wenn sie sich verabreden wollen, lässt du alles für sie stehen und liegen. Bei ihnen bist du schwächer als beim Rest. Und der Mist ist, die können sich jahrelang im Netz verfangen. Sie bleiben einfach ewig dort hängen, weil die Sache mit ihnen nicht so gelaufen ist, wie du dir das vorgestellt hast. Das bedeutet nicht, dass du sie heiraten wolltest – du wolltest eigentlich nur, dass sie scharf auf dich sind. Du willst diejenige sein, die die Macht hat«, fuhr sie fort und kramte wieder in ihrer Clutch.
»Was suchst du denn?«, fragte ich.
Sie ignorierte mich, hielt den Kopf gesenkt und murmelte leise vor sich hin: »Will nur schauen, wie viel Geld ich noch hab.«
Ich wusste, dass sie log; ich konnte es spüren.
»Hör mal, ich weiß, dass du immer noch geknickt bist, und du weißt, dass ich das verstehe, aber wir sind nicht ohne Grund in New York. Wir sind jetzt beide Single; und wir leben nur einmal. Ganz im Ernst, überleg dir das. In ein paar Tagen steckst du wieder in deinem alten Trott und siehst dieselben Leute. Also mach dich jetzt einfach mal locker, und hab ein bisschen Spaß. Früher warst du doch immer die Taffere von uns beiden. Dir wird schon nichts passieren«, fuhr Zara leidenschaftlich fort.
Ich wusste es! Sie hatte Koks dabei. Der kleine Vortrag war Zaras Art, mich zu überreden einen »schönen« Abend zu haben. Hätte ich nachgefragt, hätte ich ein ganz neues Thema damit losgetreten. Vielleicht lasse ich mich ja verleiten, auch ein bisschen was zu schniefen. Ich spielte mit dem Gedanken, einfach mal loszulassen. Ein Teil von mir wollte Jay einfach nur vergessen und Spaß haben.
»Ich weiß, was du dabeihast.«
Zara hörte auf, in ihrer Clutch zu kramen, und seufzte. »Okay, mach jetzt keinen Stress. Ich hab seit über einem Monat nichts mehr genommen. Wir sind noch ein paar Tage hier, also entspannen wir uns, bevor wir nächste Woche wieder in den ›Arbeitsmodus‹ schalten. Außerdem ist es ja nur Koks. Morgen geht’s dir wunderbar. Außerdem hab ich noch CBD-Öl und Melatonin, damit wir nachher schlafen können. Ach, und Xannys, wenn wir welche brauchen.«
»Über einen Monat? Du hast mich angerufen und gesagt: ›Ich schwöre bei meinem Leben, dass ich das Zeug nie wieder anrühre‹, das war nach deinem großen Abend mit Loren vor drei Wochen. Ganz zu schweigen davon, dass du gerade bei einem spirituellen Yoga-Workshop warst«, sagte ich.
»Ja, ich war auf einem Yoga-Workshop, na und? Manchmal feiere ich eben gerne. Wir haben alle unsere eigenen Methoden, mal abzuschalten. Ich muss ja nicht stocknüchtern sein, um zu meditieren oder mir meiner selbst bewusst zu werden. Ich bin ein Freigeist. Ich lebe impulsiv, und manchmal führt es dazu, dass ich spontan handle und riskant lebe. Ich bin keine Nonne, und ich tue auch nicht so, als wäre ich eine«, erwiderte sie.
»Reg dich ab, ich hab bloß Spaß gemacht. Du weißt, dass ich dich nicht verurteile«, entgegnete ich, hatte aber ein schlechtes Gewissen, weil ich sie so blöd angegangen war.
Keine Ahnung, warum ich gegenüber Zara so empfindlich reagierte. Muss wohl an dem Stress liegen, den ich in den letzten Wochen wegen diesem Arschloch hatte. Und ehrlich gesagt, ich wusste nicht, wo die Nacht enden sollte, wenn ich jetzt mit ihr koksen würde. Bei allem, was derzeit so los war, hatte ich das Gefühl, einen kühlen Kopf bewahren zu müssen. Ich entschied mich dagegen. Das Zeug bringt nur meine Gefühle durcheinander. Für Zara muss es schwer sein, so eine Spielverderberin wie mich mitzuschleppen, aber ich war einfach nicht in der richtigen Verfassung, um es allzu wild zu treiben.
Zara sah mich an und schüttelte den Kopf. »Schau dich an. Du bist wunderschön. Du bist klug. Auf der Welt herrschen Hungersnöte, Menschen sterben, und wir machen uns wegen irgendeinem Blödsinn Sorgen. Wir sind niemandem Rechenschaft schuldig. Wie viele Leute packen einfach ihre Sachen und fahren nach New York, wenn ihnen danach ist? Hm? Weißt du, wie viele verheiratete Frauen ich kenne, die wünschten, sie könnten so was machen?«, fragte sie und setzte alles daran, mich zu überzeugen.
»Nein, Babe, lieber nicht. Ehrlich, ich hab nichts dagegen, wenn du kokst, aber ich bleibe bei Alkohol. Ich hab schon Spaß, keine Angst. Ich bestelle mir einen Wodka. Willst du noch einen Espresso Martini?«, entgegnete ich.
»Ja, bitte. Aber sag dem Barkeeper, dass er ihn dieses Mal stärker macht. Oh, was zum Teufel will der denn jetzt schon wieder?«, sagte Zara mit Blick auf ihr Handy.
»Wer?«, fragte ich.
»Der Typ, von dem ich dir erzählt habe, den ich bei Lorens Geburtstag kennengelernt habe. Mal ganz im Ernst, der ist so nervig. Ich gebe mir große Mühe, nett zu sein und ihn ganz sachte abzusägen, weil wir gemeinsame Freunde haben, aber er versteht keine dezenten Andeutungen. Ich bin kurz davor, irgendwas Gemeines zu sagen«, kündigte sie an.
»Vielleicht mag er dich ja.«
»Der kennt mich nicht mal. Außerdem ist mir das egal. Ich mag ihn nicht. Für meine Gefühle kann ich nichts. Den ganzen letzten Monat hab ich ihn immer mit derselben Ausrede abblitzen lassen. Ich hab ihm gesagt, eine Freundin von mir hätte sich gerade getrennt, und ich müsse für sie da sein. Jetzt hat er über Loren von deiner Trennung erfahren und denkt, ich hätte die Wahrheit gesagt. Scheiße … ich hätte was anderes erfinden sollen …«
»Was? Wieso erzählt die blöde Kuh anderen Leuten was von meiner Trennung?«, fiel ich ihr ins Wort.
»Keine Angst. Wahrscheinlich kam einfach irgendwie das Gespräch darauf. Jedenfalls hat er mir gerade eine Nachricht geschickt: ›Hey Babe, wie geht’s? Ich hab von Amelias Beziehungsstress gehört, also erst mal alles gut. Ich dachte schon, du hättest dir das nur ausgedacht, um mir aus dem Weg zu gehen. Haha. Melde mich bald wieder, um zu hören, wie’s läuft. Smiley‹«, las Zara laut vor und verzog das Gesicht.
»Wenigstens bist du begehrt«, erklärte ich halb im Scherz. »Was ist mit dem Mädchen? Der Sängerin auf Bumble?«, fragte ich.
»Ach ja … mit der wollte ich mich treffen, aber ich glaube, die ist langweilig«, sagte sie.
»Wieso? Du bist ihr doch noch nie begegnet.«
»Die erste Nachricht, die sie mir geschickt hat, lautete: ›Hey, wie geht’s?‹. Kein Gefühl, nichts. Danach kam sie einfach direkt zum Punkt. Manchmal hängt sie Smileys dran, aber die altmodischen. Niemals Emojis oder so.«
»Das ist jetzt ein Witz, oder?«, fragte ich entsetzt.
»Nein. Wieso?«
»Zara! Wie kannst du jemanden so schnell abhaken? Für so oberflächlich hätte ich dich nicht gehalten«, sagte ich.
Zara macht keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern, weder in ihren Vorurteilen, noch was deren Attraktivität betrifft. Sie selbst bewegt sich irgendwo in der Mitte.
»Ich will erst mal jemanden kennenlernen, bevor ich mich mit ihm verabrede«, erwiderte sie.
»Ja, okay, kann sein. Aber was, wenn mir nach fünf Minuten Date schon langweilig wird?«, fragte sie und nahm einen Schluck von ihrem Drink.
»Jake fand ich toll«, erwiderte Zara.
»Okay, Miss Therapeutin, danke für den Tipp«, scherzte Zara.
»Woher willst du wissen, ob die sich für uns interessieren? Die stehen bloß da. Du behauptest ständig, dass alle scharf auf uns sind.«
»Ach ja, und was ist mit denen, die vergeben sind?«, fragte ich ironisch.
Als ich mich leicht umdrehte und noch mal hinsah, trafen sich unsere Blicke. Scheiße! Erwischt. Ich drehte mich lässig weg, als hätte ich ihn gar nicht gesehen. Ich beschloss, ein paar Minuten zu warten und dann noch mal hinzuschauen. Wieder trafen sich unsere Blicke. Dieses Mal starrten wir einander ein bisschen länger an, dann unterbrach er zuerst den Blickkontakt. Ich fand’s total aufregend. Da ich so lange mit demselben Mann zusammen gewesen war, hatte ich diese Spielchen fast ganz vergessen.
»Warum soll ich Spielchen spielen, wenn ich weiß, dass er mich interessiert? Das ist doch albern«, sagte ich, obwohl ich wusste, dass sie recht hatte und ich gerade nichts anderes tat – nur leider sehr schlecht.