Hinterm Weyerberg schaut der Mond hervor

Roman

David Erlay


ISBN: 978-3-96045-101-3
1. Auflage 2020
© 2019 Verlag Atelier im Bauernhaus, 28870 Fischerhude

Umschlaggestaltung: Viola Konrad, Tilman Koppert
Alle Rechte vorbehalten.

Inhalt

 

Kapitel 1

An irgendeiner Stelle lässt meine Kollegin Jean Rhys eine junge Frau auf die „großartige Idee“ kommen, „sich zu Tode zu trinken“. Okay, „Kollegin“ ist zu hoch gegriffen, bin ja nur Übersetzerin und sie klasse Romanautorin, eine aus der Karibik und eine geheimnisvolle dazu. Aber ich mich mit Grappa oder Gin ins Jenseits befördern? Nur weil ich getan habe, was ich getan habe? Das Schlimmste ist vielleicht ohnehin überstanden. Zu sitzen ist nicht schön, klar, doch im Vorfeld war’s heftiger, zumindest zeitweise, in der ersten Phase so gut wie gar nicht. Total unvorbereitet aber. Null Ahnung zum Beispiel, ob ich was einpacken darf. Wenn, sicher nur das Nötigste. Die Toilettentasche vielleicht. Gekauft erst vorgestern, eine sehr blaue, Leder, trotzdem nicht so schön wie die vorige, die aus Luino. Leider abgenutzt. Und ein paar Sachen zum Wechseln. Oder wird einem Häftling alles geliefert? Dem Untersuchungshäftling, wohlgemerkt. Das letzte Wort ist ja noch nicht gesprochen, das Urteil. Werde sie gleich fragen müssen, die Kommissarin, ob und was mir erlaubt mitzunehmen. Jeden Augenblick kann sie in der Tür stehen. Mir schleierhaft, weshalb sie nicht längst schon geläutet hat. Was gibt es noch zu ermitteln? Hätte im Grunde auch gar nichts verbergen müssen, wie ich es anfangs tat. Wozu? Je mehr ich denke, um so dunkler ist alles. Wie lange es wohl bis zum Prozess dauern wird? Jedem wird der Prozess gemacht. Der von Reinhard ist schon abgeschlossen. Schuldig! Vogeler, Rilke, auch die am besten abhaken. Nur an Kater Romeo denke ich gern. Nagt aber doch sehr, die Ratte Schuld. Angeblich gibt es sogar eine glückliche. Felix culpa. Sündengefühl bei der Ausführung des Beschlossenen stand mir nicht im Wege. Wollte ahnden, bloß das. Wie absurd seine Bemühungen, mir die Stationen seines Langlaufs erklären zu wollen, für mich hätte er den Faden nicht durchs Loch ziehen müssen. Weiß so immerhin, dass er in in der Schweiz und Kopenhagen angeklopft hat, sogar im spanischen Afrikazipfel, in Ceuta, auch im Tetuán. Gemachtwurdeesschließlichinder Uni­Klinik Hamburg, vor der Haustür sozusagen. Beziehungen. Alles nicht mein Bier, obgleich es auch meines hätte sein müssen, laut Vorschrift. Zog die Schmach allein durch, mein trüber Held. Giftgans Elke wird ihren Anteil daran gehabt haben. Aber schließ den Deckel, Moni, auch über das Erstaunen der Bestattungsleute angesichts seines spektakulären Körpers. Glatt ein Event, das denen geboten wurde. Sollte doch ein Mann sein, der da vor ihnen lag. Ist es ja auch geblieben, trotz Einschaltung der Behörde. Jeder Mann kann schließlich aussehen wie er will, heute kann er das. Also nichts da mit Rosa Rief, mein lieber Reinhard. So weit war es nun doch noch nicht, trotz aller scheinbaren Eindeutigkeit nicht. Bin heilfroh, dass das alles hinter mir liegt, ich noch vor den „Tagesthemen“ in der Zelle bin und damit erst mal aus der Welt. „Tagesthemen“? Bewege mich ja doch noch im Gewohnten. Aber keine Fragen der Kommissarin mehr. Oder wühlt die in der Zelle weiter? Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wie hell es plötzlich wieder ist. Dabei will es doch Abend werden, und der Tag hat sich schon geneigt. Wer räumt eigentlich die Kränze vom Grab weg? Nicht fragen, Moni. Hätte Conz aber was vom Grappa anbieten sollen, vor allem, weil die Flasche da vor seinen Augen stand. Und Conz nimmt doch so gerne einen. Selbst merke ich den Grappa überhaupt nicht. Musste sonst nur nippen, und er stieg mir ins Hirn. Conz. Was der wohl sagen und vor allem denken wird? Blieb alles ausgespart vorhin. Der Name Reinhard fiel nicht mal. Schon merkwürdig jedoch, dass gerade an jenem Tag in der „Frankfurter“ ein Artikel überschrieben war mit „Mord ist eine Kunst“, eine Aussage wie für mich getroffen. Doch Selbstmord, der von Jean Rhys gefeierte? Müsste von Sinnen sein. Selbstmord ist auch ein Mord, und einer reicht mir, wenngleich vom Mord bei mir eigentlich keine Rede sein kann, nicht wahr?

Gewinnen könnte ich in meiner Zelle das Gefühl fürs reine, pure Leben, fürs Leben als solches, eines, das nicht abhängig ist von Menschen und Umständen – und vor allem nicht von anderen, was die gesagt, gedacht, getan haben. Unsere verdammte, in Worpswede regelrecht aufgeheizte Manie, das Dasein nach den Uhren Außenstehender abzufragen. Was zum Beispiel geht mich eine Jean Rhys an? Sehr wohl aber gehe ich mich selber was an, und da sage ich mir: Die Aussichten sind zugspitzenmäßig, Moni, du parkst an günstiger Stelle, um zum lebenswerten Leben zu gelangen. Im Moment ist es eher beschissen. Der Stand der Ermittlungen, der berühmte, ist am Endpunkt angelangt, die Kommissarin hat genug in der Hand, um mich festnehmen zu können. Mit Handschellen? In der Hand und mit Handschellen, schön gedacht. Bin ohnehin erstaunt, dass die Festnahme noch nicht erfolgt ist. Was war denn auch schon groß herauszufinden? Zunächst, höchst naiv, ging ich sogar davon aus: Sie erscheinen hier und führen dich ab. Als wenn alles von Anfang an klar sein würde. So aber war’s nicht, und ich leistete ja auch keinen Beitrag, um diese Klarheit zu schaffen. So, als wäre es irgendeine stinknormale Kriminalgeschichte. Wartete ab, nicht gerade in aller Ruhe, doch einigermaßen cool, ließ alles an mir herunterrieseln, was sonst in Romanen oder im Fernsehen die Leser und Zuschauer in tausend Einzelheiten so fasziniert. All diese detektivischen Hausaufgaben, sie ließen mich im Grunde gleichgültig, obwohl doch Betroffene. Kein Funke Spannung in mir. Hätte auch ein Fall für Patricia Highsmith sein können. Die Bücher von ihr mag ich. Greife sonst wenig zu Krimis. Aber Frauen und Mord, da soll es ja eine besondere Beziehung geben. Meine Beziehung ist ganz bestimmt eine besondere. Sagt sogar die Kommissarin, wenn sie auch sonst nicht das Wort Mord benutzt, sondern nur von Tat spricht. Wenn sie spricht. Sie ist eine Kommissarin, die mehr schweigt als redet. Sphinx­Theater. Ob gleich jemand mitkriegt, wie ich ins Auto verfrachtet werde, so mit der üblichen Hand auf dem Kopf? Hat mich immer schon gewundert, weshalb dem Festgenommenen beim Einstieg der Kopf runtergedrückt wird. Jetzt ist meiner dran.

Wenn nur dieses Würgegefühl nicht wäre. Und das Herz völlig aus dem Takt. Aufruhr also doch.

Hatte zunächst, sehr naiv, leise frohlockt, als ich mitkriegte, dass die Ermittlungen von sehr provinzieller Seite erfolgen würden, nicht von Bremen her. Als die Namen Osterholz­Scharmbeck und Verden genannt wurden, dachte ich aufatmend, na, kriminalistische Raffinesse kann da wohl kaum zu Hause sein. Die hätte ich vom großen Nachbarn erwartet, doch Bremen, weil eigenes Bundesland, fiel ja aus, Polizeisachen sind nun mal Ländersache. Nun also kam diese Kommissarin, Hauptkommissarin, die aus dem niedersächsischen Hinterland quasi, machte sich daran, die beschlagene Scheibe hier blank zu putzen. Die war für sie natürlich voll blinder Flecken – wie bei einem antiken Spiegel, auf dem ja auch nur vage Umrisse zu erkennen sind. Verdammt schnell, für mein Gefühl, schaffte die Kreisstadt­ Füchsin es jedoch, den Spiegel aus seiner antiken Verfassung zu befreien und das Ganze freizulegen. Habe mich dennoch nicht gleich geschlagen gegeben. Wollte nur was damit erreichen? Es gab doch nichts zu erreichen. Was im Kopf der Kommissarin vorgeht, das würde ich aber schon gern wissen. Vielleicht sitzt sie gerade irgendwo und gönnt sich noch einen Kaffee, bevor sie gleich hier die Falle zuschnappen lässt. Macht ja ohnehin alles allein, der Kollege, obwohl älter, muss schön außen vor bleiben. Wahrscheinlich hockt er wieder im Auto und trinkt aus der Thermosflasche. Habe ihn die ganze Zeit fast nicht wahrgenommen. Ein Maulwurf, der keiner ist. Geschaufelt hat nur sie, die Kommissarin.

Wie ein Mobile, diese Frau.

Ich auch?

 

Kapitel 2

Gut jedenfalls, dass Silke wieder am (verdammt teuren) Bodensee ist. Habe mich ja nicht bei ihr geoutet. Wundere mich über mich selber, dass ich an all den Tagen nicht vom Seil gestürzt bin. Mein Haltestab der Gedanke: Es wird sie noch früh genug belasten. Oder auch nicht. Toughes Geschöpf nämlich, meine Silke. Wird vielleicht schon wissen, wenigstens wittern, was geschehen ist, dass ich, ihre Mutter … Andererseits: Wie könnte sie mir das zuschreiben? Das. Doch irgendwie rumoren muss es in ihr. Kann gar nicht ausbleiben bei diesem Ende. Angenommen, ich und nicht er wäre die ums Leben Gekommene, mit ihrem Vater hätte sie todsicher Tag und Nacht das Geschehen hin und her gewendet. So waren es stumme Stunden. Wenn bei ihr ein Weinen, dann ein lautloses. Doch, sie hat viel geweint, aber sie ließ es bei sich. Weinen im Nebel. Wenn’s nach mir ginge, ein Dauerzustand. Leider ein frommer Wunsch. Denn ihr Vater ist nicht nur tot, ist umgebracht worden, und ewig wird sie bei mir auf der Stirn das Zeichen erkennen. Aber ruhig, Moni, eins nach dem anderen. Wenn ich an Silke denke, denke ich stets ihren Vater mit, nicht mich. Klar, die übliche Vater­Tochter­Symbiose. Und immer war es so, dass der Schuldige ich gewesen wäre. Das stand so im Raum bei uns. Obwohl, das eine Mal – das eine Mal war aber nichts. Meine Güte, warum sollte einem Vater dergleichen nicht gestattet sein? Und Silke hat ja auch kein SOS gefunkt, als ich es damals mitbekommen habe. Es war geschehen, aber es war nichts passiert, fertig. Ein Drama hatte nicht stattgefunden, für keinen.

Allerdings, als später Elke davon anfing, nicht etwa von diesem kleinen Ereignis, davon wusste sie ja nichts, doch als an jenem Nachmittag das Thema von ihr angestoßen wurde, da war mein Gefühl doch ein mulmiges. Konnte ich ausschließen, dass da wirklich ein Trauma zurückgeblieben war, eines, dessen böse Folgen noch ausstanden? Wiederum: Da Traumen ja inzwischen in Mode sind, und Moden hasse ich, konnte ich die Unruhe schnell glätten. Kann natürlich sein, dass es bei Silke irgendwann tatsächlich doch einmal aufsteigt und nachträglich zum Problem wird und sie zur Therapeutin muss. Unmöglich aber wird es sie fürs Leben geschädigt haben. Und weshalb soll es immer die Mutter sein. Hat Reinhard ja nun im großen Stil bewiesen. Zur Rache stehe ich.

Die Gertrud­Kolmar­Gedichte würde ich zu gern mitnehmen. Sind mir fast das Wichtigste – so wichtig wie das tägliche Brot, sagte man früher. Übertrieben? Vielleicht. Immerhin, in meinen besten Zeiten habe ich gedacht: Wenn ich so sein könnte wie diese Frau und Jüdin. Zuletzt wenigstens noch die aufwühlende Liebe mit einem 22­Jährigen (sie 48!), und der taugte nicht mal was. Unkraut. Doch für Gertrud zählte eben nur die Liebe, ihre zu ihm. Er war da, andere nicht. Naja, unter Todesschwingen geschieht vieles. Aber leben wir nicht immer unter Todesschwingen?

Bei Netzel gegenüber machen sie gerade dicht. Den Laden werde ich fast am meisten vermissen. Er gehört zu Worpswede wie der Tannenbaum zu Weihnachten. Oft genug habe ich dort ein Buch gekauft oder bestellt, zuletzt die neue Goethe­Biographie. Bei Leuten wie Goethe hört es ja nie auf mit den Biographien. Und bis die Farbe seines sommerlichen Schlafrocks enthüllt ist … Netzel ist die Nachrichtenbörse von Worpswede. Da bestätigt sich: Worpswede ist wirklich noch ein Dorf, auch wenn es sonst kaum eines mehr ist. Die Kommissarin hat sich dort ja ebenfalls umgehört, mehrfach. Als sie gestern rauskam, dachte ich: Jetzt, jetzt ist es soweit. Gestern hatte sie auch zum ersten Mal einen Rock an, fast wie zu einem Fest.

Nicht nur Netzel muss ich abschreiben, Barnstorff nebenan genauso. Einen besseren Butterkuchen habe ich noch nirgendwo bekommen. Der alte (nicht mehr lebende) Barnstorff: eine Legende. Barocke Figur wie aus einem Roman. Beim alljährlichen Dorfumzug zum Erntefest stand er wie ein König auf dem Wagen, mit vollen Händen austeilend und mit einer Bäckermütze als Krone, so hoch, dass sie fast bis an den Himmel zu reichen schien.

 

Kapitel 3

Kannte Worpswede von der Schule her, im Zusammenhang mit Rilke. Das gleiche bei Reinhard. Der Dichter hatte eine Zeitlang in der schnell berühmt gewordenen Künstlerkolonie unterm Nordhimmel gelebt, hatte sich sogar hier „einschneien“ lassen wollen, so sehr gefiel’s ihm im Land der Birken und Wolken. Reinhard wurde dieser Lobgesang zu einer Herzensangelegenheit, plante zwar nicht konkret, mal in Worpswede Fuß zu fassen, doch eine Sehnsucht war vorhanden. Wer hat noch mal gesagt, dass aus Gedanken Taten werden? Vermutlich mehr als nur einer.

Im Übrigen war er lange unzufrieden, dass seine Eltern (eigentlich ja sein Vater) ihm den Vornamen Reinhard mit auf die Welt gegeben hatten. Von ihm aus hätte es Sören sein sollen. Kindisches Geknurre – wie hätte sein Vater ahnen können, nach welchem Namen sein Sohn dereinst lechzen würde? Irgendwann hörte das natürlich auf, aber so insgeheim … Aktualisiert wurde der alte Wunsch später durch seine Kierkegaard­Phase. Kauz­Denker aus Kopenhagen. Was ihn an dem reizte, waren weniger dessen Gedankentürme, sondern die von ihm zelebrierte Love Story. Erst verrückt nach seinem Mädchen, dann Entlobung seinerseits, womit er nicht nur diese Regine, sondern auch sich selbst in die schlimmstmögliche Verzweiflung stieß. Er hatte seine Gründe, welche für die empörte Außenwelt, die anderen bezog er aus seinem inneren Stollen, dem religiös gefärbten. Reinhard war mittendrin in diesem Verhängnis, was mich in der Anfangszeit regelrecht besorgt machte: Habe er etwa vor, auf den Spuren des kranken Raben aus Kopenhagen zu wandeln, uns eine verpfuschte Liebe zuzumuten? Muss man sich auch mal vorstellen: Erst hebt dieser poetische Obergrübler seine Glockenblume in den Himmel, wenig später katapultiert er sie auf die schnöde Erde zurück, bugsiert sie aus dem vorher so beschworenen Liebesbund hinaus. Seine Gründe: Abgründe, in denen er wühlte. Hat auch mich immer sehr bewegt, die Geschichte, und mehr als einmal habe ich Reinhard gesagt, im Scherz, versteht sich, er möge es dem schlimmen Sören bloß nicht gleichtun. War sogar froh, dass er nicht hieß wie der verkorkste Geistmensch aus dem Norden. Gilt ja als das Urgestein des Existentialismus. Für mich ein Vogel, der sein eigenes Nest vom Baum schmiss. Okay, seine These, dass nichts verloren gehe, was einmal empfangen worden sei, die gefiel mir. Ein in der Kindheit geglaubter Glaube zum Beispiel bleibe als Schatz immer im Inneren aufbewahrt, möge der Betroffene Gott später auch noch so sehr die kalte Schulter zeigen. Auch Rilke war ja Kierkegaard­Fan, hatte ich bereits im Unterricht erfahren. Komisch bloß: Der Däne verkaufte sich doch als Ritter eines leidenschaftlichen Christentums, und mit dem hatte Rilke bekanntermaßen nichts am Hut. Wiederum: Es flattert ja bei ihm nicht an jeder Stelle die christliche Fahne. Egal, wer die Liebe seines Lebens wegschmeißt, steht für mich auf keinem Sockel, selbst wenn dieser Sören sich vielleicht daran geklammert hat, sie bleibe, da ja einmal erlebt, auf immer erhalten. Irrer Mensch, der.

 

Kapitel 4

Dann auf einmal rückte Bremen in den Fokus. Schon lange hatte Reinhard mit der dortigen Uni geliebäugelt, bis sich, man kann sagen: rechtzeitig zu unserer Heirat, der Bereich Naturwissenschaften I als Sechser im Lotto anbot. Ich dagegen war im Zwiespalt. Bremen war schon Norden, mithin, so empfand ich es, von Nebel und Nieseln eingehüllt. Erst recht würde das für Rilkes Einschnei­Paradies Worpswede gelten. Reinhard indes hatte nur diesen einen Ort auf der Zunge und im Herzen: Worpswede halt. Ich, mit leisem Spott: Du willst dich also einreihen. Er wusste sofort, was ich damit meinte. Er male ja nicht, und ein Dichter sei er erst recht nicht, gab er zur Antwort, aber etwas verhalten. Hatte er doch Ambitionen? Möglicherweise Richtung Lebenskunst, der ja so sehr gefeierten. Darin kann er sich versuchen, dachte ich, da schon halb mit Worpswede versöhnt.

Die erste Besichtigung nahm Reinhard freilich alleine vor. Ergebnis: Begeisterung pur. Früher Herbsttag, ein silberner wie goldener. Nahezu traumwandlerisch durchstreifte er das Dorf (das sogenannte), das an diesem Tag, da kein Wochenende, zwar keineswegs frei von Besuchern, aber frei von Rummel war, man konnte es quasi für sich alleine haben. Mein Zukünftiger, er schlenderte, blieb stehen, schaute, roch, ließ sich von vorzeitig herabtaumelnden Blättern begrüßen (ja, so drückte er sich hinterher aus). Das früher in der Tat rein Dörfliche schimmert ja immer noch durch, nach wie vor gibt es sehr schöne Ecken, Hässlichkeiten der Neuzeit allerdings auch, reichlich, sie glotzen einen an, das ist hier nicht anders als etwa in Ascona, zeitweise ja eine Art Ableger von Worpswede. Einer, der nach ersten Erfahrungen am Weyerberg im Fischerort am Lago Maggiore das südliche Pendant erhoffte und auch fand, war zum Beispiel Carl, dann Carlo Weidemeyer. Der gebürtige Bremer fing im Tessin das mediterrane Licht ein, in seinen filigranen Bildern und in seinen aufsehenerregenden Flachdach­Häusern. Maler und Architekt also. Lange so gut wie vergessen, rückt er allmählich wieder ins Bewusstsein. Und wenn es einer verdient hat, dann er.

Den Weyerberg, ihm bis dahin nur von Beschreibungen her bekannt, nahm Reinhard natürlich ebenfalls in Augenschein. Anstrengen musste er sich dabei nicht, denn von Berg konnte nicht die Rede sein, nur von einem niedrigen Höhenzug. Freie und befreiende Ausblicke (inzwischen leider nicht mehr mit der sagenhaften, vom Sturm zu Boden geworfenen Kugeleiche. Gehört aber der Sturm nicht zu Worpswede?) Den langgestreckten Kamm habe ich immer nur im Zusammenhang mit einem bestimmten Lied sehen können: „Hinterm Weyerberg schaut der Mond hervor“, so eine Art „Der Mond ist aufgegangen“. Das tut er zwar hier auch, doch besungen wird das nackte Elend derer von ganz unten. Trotz des poetischen Anfangs also ein proletarisches Kampflied aus Worpswedes roter Zeit, gedichtet von einem Helmut Schinkel. Auch der frühe Kommunismus hatte seinen Matthias Claudius.

Rote Zeit ist hier aber vor allem gleichbedeutend mit Vogeler, Heinrich. Der rief nach dem Ersten Weltkrieg die legendäre „Barkenhoff­Kommune“ ins Leben. Kraut und Rüben, wo vorher kunstvolles Domizil. Fiebernde Köpfe und Herzen, die nun das ehemalige Designer­Areal bevölkerten und bewirtschafteten, es mit irgendeiner revolutionären Idee begossen. Der allgemeine Mantel: Kommunismus, seinerzeit ein ebenso junger wie zerfledderter Begriff. Vogeler, vorher der Herr mit schöner Frau, Kutsche und Erfolg, der musste jetzt nach Geld graben wie in Alaska die Abenteurer nach Gold. Wie sonst das Kommune­Dasein bezahlen? Wunderbare Brotvermehrung, sie blieb in der neuen Glaubensgemeinde leider aus. Obwohl: Jesus, noch mehr Gott waren große Größen auf dem Barkenhoff, religiöse Samenspender des jungen Kommunismus. Da jedoch der brodelnde Aufbruch zu gesellschaftlichem Neuland in behördlichen Späheraugen zunehmend den Charakter eines gefährlichen Aufbruchs nach russischer Gangart annahm, schlugen bei den staatlichen Stellen die Alarmglocken. Bei den meisten Dorfbewohnern, die in der Regel erdige Menschen, ebenfalls. Freilich loderte bei denen nicht nur der heimische Torf, sondern auch scheinheilige Neugier: Was da auf Vogelers gewesenem Edelgelände doch alles an sittlich Verdorbenen sich abspielte! Ein regelrechter Liebeszoo, konnte man sagen, ein Drunter und Drüber zum Weggucken. Letzteres nun taten die Leute vom Moor ganz sicher nicht, mussten sich aber ins Gedächtnis rufen, dass schon zu Vogelers goldenen Zeiten rund um die Teiche so einiges an Bloßgestelltem sich bot. Damals jedoch geschah alles unter dem Baldachin der Kunst, irgendwie. War der Liebhaber von Vogelers Ehefrau nicht auch Dichter? Jetzt aber: eine Brutstätte schändlicher Erotik, der berühmte „Barkenhoff“, sozusagen ein I­Punkt auf all dem revoluzzerhaften Treiben. Gut, es wurde dort auch gearbeitet, Land und Garten bestellt, aus Werkstätten klang das Lied der Sägen und Hämmer. In der Nussschale, die der „Barkenhoff“ jener Jahre bildete, flackerte auf engstem Raum, was in der ganzen damaligen Welt brannte – politisch, gesellschaftlich, privat.

Von alledem hatten wir Kenntnis, im Groben. An besagtem Septembertag war diese Vergangenheit so etwas wie ein Teppich, über den Reinhard in die Gegenwart schritt, eine aber, die nicht allein von der Vergangenheit zehrte, sondern mehr noch von dem Mysterium, welches diesen Ort weit, weit über andere erhob. Ein Mysterium, das auch nicht erlöschen würde, sollte der Torf einmal nur noch auf den alten Bildern existieren. Beinah wie auf Glas wandelte Reinhard umher, staunend, erregt. Das Laub leuchtete und prangte zwar noch nicht wie beinah im Indian Summer, doch Spinnweben umgarnten ihn, als wollten sie ihn nie mehr loslassen in eine banalere Umgebung. Die Menschen, Reinhard nahm sie bloß verschwommen wahr, beinah als schemenhaft gemalte Gestalten, nicht wie Störenfriede. Er ging an Galerien, reetgedeckten Häusern vorbei, hin und wieder kurvten und bretterten Trecker, das Bäuerliche behauptete sich noch, tut es auch heute. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne? Hier war dem so.

Dann ein Bereich, der besonders tief auf ihn einwirkte. Bewohnte Ländlichkeit, die erneut von einem Trecker unterstrichen wurde. Sand unter den Füßen, Wildgänse am Himmel, die allerdings nur herbeigedacht. Ein Schild hatte ihn auf ein „Haus im Schluh“ aufmerksam gemacht. Schon der Name lockte ihn: „Haus im Schluh“? Da erwartete ihn etwas.

 

Mit diesem Gefühl weiter, dem Geheimnis entgegen. Das „Haus im Schluh“, es war dann nicht nur eines, sondern was er erblickte, war eine Anlage aus zwei mit reethgedeckten Gebäuden in niederdeutschem Stil, lang und groß das eine, etwas gedrungener das andere. An dieser Stelle könnte es sein, unser Zuhause, zumindest das erste.